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Léo Taxil - Die amüsante Bibel Mit den wörtlichen Zitaten der Heiligen Schrift und der Wiedergabe aller Widerlegungen, die Voltaire, Fréret, Lord Bolingbroke, Toland & andere Kritiker ihr entgegengesetzt haben. Vollständige Ausgabe von 1903-1904
Inhaltsverzeichnis Über Léo TaxilLéo Taxil ist das Pseudonym von Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès (Marseille, 21. März 1854 – Sceaux, 31. März 1907), einem französischen Journalisten und Schriftsteller, der für seine antiklerikale Satire und für eine der kühnsten Mystifikationen des 19. Jahrhunderts berühmt geblieben ist. Sein Pseudonym hatte er aus Leonidas, einem Vorfahren mütterlicherseits, und Taxiles, dem indischen König und Verbündeten Alexanders des Großen, gebildet. Sein Vater, ein katholischer und royalistischer Eisenwarenhändler, gedachte aus ihm einen Betbruder zu machen und ließ ihn bei den Maristenbrüdern und bei den Jesuiten unterrichten. Mit vierzehn Jahren brach der Junge unter dem Einfluss von La Lanterne, der heimlich verbreiteten Zeitung Henri Rocheforts, mit der Religion und versuchte zu fliehen, um sich Rochefort im Brüsseler Exil anzuschließen. Sein Vater ließ ihn für zwei Monate in die Strafkolonie Mettray einweisen, eine Besserungsanstalt für junge Straftäter, wo er, nach seinen eigenen Worten, der Religion ewigen Hass schwor. Der Mystifikator zeigte sich früh. 1873, als in Marseille der Belagerungszustand herrschte, leerten Briefe von Fischern, die knapp Haien entkommen waren, die Strände, und der General, der die Stadt befehligte, schickte hundert Bewaffnete auf einem Schlepper zur Haijagd aus. Sie fanden keinen. Die Fischer gab es nicht, und alle Briefe stammten von derselben Hand, doch den Urheber fand man nie. Erst 1897 enthüllte Taxil, dass er sie selbst geschrieben hatte, mit neunzehn Jahren, um sich am General dafür zu rächen, dass dieser seine Zeitung La Marotte verboten hatte. Einige Jahre später kündigte er in Genf, wohin er vor Verurteilungen wegen Pressevergehen geflohen war, nach eigener Darstellung eine im Genfer See versunkene Römerstadt an: Touristen kamen aus ganz Europa, und ein polnischer Archäologe versicherte, einen Platz und die Reste einer Reiterstatue erkannt zu haben. 1878 ließ er sich in Paris nieder, wo er den Verlag Librairie anti-cléricale sowie die Zeitungen L’Anti-Clérical und La République anti-cléricale gründete. 1879 stand er wegen seiner Broschüre À bas la calotte ! vor dem Schwurgericht der Seine, angeklagt der Beleidigung einer vom Staat anerkannten Religion und der Verletzung der guten Sitten, und wurde freigesprochen. 1881 trat er einer Freimaurerloge bei, die ihn noch im selben Jahr ausschloss, ohne dass er über den ersten Grad, den des Lehrlings, hinausgekommen wäre. In La Bible amusante (1882), rund 400 von Frid’Rick illustrierten Seiten, und in ihrem dem Neuen Testament gewidmeten Pendant, La Vie de Jésus, erzählte er die Bibel mit dick aufgetragener Ironie nach und hob hervor, was er für ihre Widersprüche, Irrtümer und Absurditäten hielt. Andere Werke malten die Häupter der Kirche als Libertins nach Art des Marquis de Sade. Das Unternehmen dauerte nicht lange: 1884 ging die Librairie in Konkurs, und die Polizeiberichte jenes Jahres schildern ihn als völlig mittellos. Am 20. April 1884 veröffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika Humanum Genus, die das Menschengeschlecht in das Reich Gottes und das Reich Satans teilte, dessen Parteigänger von der Freimaurerei „geführt oder unterstützt“ wurden. Der Papst machte es den Bischöfen zur ersten Regel, „der Freimaurerei die Maske abzureißen und sie zu zeigen, wie sie ist“. Taxil folgte dem Ruf. Im Juli 1885 veröffentlichte er in seiner eigenen République anti-cléricale einen Brief, in dem er alle seine Schriften gegen die Religion widerrief, und die Antiklerikale Liga, die er mitbegründet hatte, schloss ihn als Verräter aus. Nach Exerzitien bei den Jesuiten und einer Generalbeichte wurde er wieder in die Kirche aufgenommen, und 1887 empfing ihn Leo XIII. in Privataudienz. Der Konvertit richtete seine Feder gegen die Freimaurerei, mit derselben Vehemenz und denselben Methoden. Seine ersten antifreimaurerischen Bücher vermischten echte Rituale mit Erfindungen, die aus dem Großen Baumeister aller Welten den leibhaftigen Teufel machten. Sie verkauften sich gut: 1889 kaufte er ein Schloss in Sévignacq im Béarn. Von 1892 bis 1895 erschien in 240 Lieferungen Le Diable au XIXe siècle (Der Teufel im 19. Jahrhundert), gezeichnet „Dr. Bataille“ und zusammen mit dem Schiffsarzt Charles Hacks verfasst. Das Werk gab vor, den „Palladismus“ zu enthüllen, eine von Taxil erfundene luziferische Freimaurerei, und ihre Hohepriesterin Diana Vaughan, die ebenso erfunden war. Auf seinen Seiten verwandelte sich bei einer spiritistischen Sitzung in London ein Tisch in ein geflügeltes Krokodil und spielte Klavier; Dianas Rivalin Sophie Walder ging durch Wände, und ihre Schlange schrieb ihr mit der Schwanzspitze Weissagungen auf den Rücken; Diana selbst reiste von Planet zu Planet und war mit dem Dämon Asmodeus verlobt. 1895 gründete Taxil unter ihrem Namen eine Zeitschrift. Nach drei Nummern meldete das Blatt Dianas Bekehrung: Ihr sei ein Wort der Bewunderung für Jeanne d’Arc entschlüpft, deren Name die Dämonen in die Flucht geschlagen habe. Ihre Mémoires d’une ex-palladiste folgten in Lieferungen. Rom zeigte sich wohlwollend: Kardinal Parocchi übermittelte ihr einen ganz besonderen Segen des Papstes, und 1896 segnete die Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica „die edle Diana Vaughan“. Doch der Zweifel wuchs. Der Bischof von Charleston in South Carolina, wo Taxil den Sitz des Palladismus angesiedelt hatte, reiste nach Rom, um dem Papst zu versichern, die Freimaurer seiner Stadt seien ehrbare Leute und ihr Tempel berge keine Satansstatue. Leo XIII. sandte seinen Segen an den ersten internationalen antifreimaurerischen Kongress, der im September 1896 in Trient vor sechsunddreißig Bischöfen zusammentrat und auf dem Taxil gefeiert wurde. Gerade in Trient aber kamen die Zweifel ans Licht: Skeptiker verlangten Dianas Geburtsurkunde und die Bescheinigung des Priesters, der ihre Abschwörung entgegengenommen hatte, und der Kongress ernannte eine Kommission, die feststellen sollte, ob sie existierte. Im Januar 1897 fand die Kommission weder für noch gegen ihre Existenz einen Beweis, und Pierre Lautier, ein angesehener katholischer Anwalt, der versichert hatte, mit ihr zu Mittag gegessen zu haben, räumte ein, er sei womöglich getäuscht worden. Taxil versprach schließlich, sie bei einem Vortrag vorzustellen, am Ostermontag, dem 19. April 1897, in der Geographischen Gesellschaft in Paris. Der Abend begann mit der Verlosung einer Schreibmaschine, die „Miss Diana Vaughan“ gestiftet hatte. Dann sprach Taxil vor Journalisten, Priestern, Freidenkern, Freimaurern und zwei Abgesandten der Nuntiatur zwei Stunden lang. Er dankte den Bischöfen und der katholischen Presse für ihre Mithilfe bei seiner höchsten Mystifikation, seiner eigenen Bekehrung, verlas die lobenden Briefe aus Rom und verkündete, auch Diana Vaughan und der Palladismus seien Mystifikationen gewesen, Teil einer zwölfjährigen Posse, die die Leichtgläubigkeit der römisch-katholischen Kirche bloßlegen sollte. Den Namen, behauptete er, habe ihm eine Maschinenschreiberin geliehen, Europavertreterin einer amerikanischen Schreibmaschinenfirma, die mit großem Vergnügen mit Bischöfen und Kardinälen korrespondiert habe. Die Haie und die versunkene Stadt, sagte er, seien die Anfänge einer langen Laufbahn gewesen. Er erinnerte daran, dass er sich in seiner Generalbeichte eines erfundenen Mordes bezichtigt habe; nun gestehe er einen Kindesmord: Der Palladismus sei tot, und sein Vater habe ihn soeben umgebracht. Im Saal lachten die einen, die anderen pfiffen; ein Priester, der auf einen Stuhl gestiegen war, um zu erwidern, wurde niedergeschrien. Taxil hatte vorsorglich Stöcke und Schirme am Eingang einbehalten lassen; dennoch ging der Tumult in eine Prügelei über, und die Polizei musste ihn in ein nahes Café geleiten. Die Zeitung Le Frondeur druckte seinen Vortrag vollständig unter dem Titel Douze ans sous la bannière de l’Église (Zwölf Jahre unter dem Banner der Kirche). Rom antwortete nichts; kein Urteil war nötig, da der öffentliche Apostat von Rechts wegen exkommuniziert war. Die Wut kam von der katholischen Presse, die ihn zwölf Jahre lang gefeiert hatte und ihn jetzt als Gauner anprangerte. Nichts von alledem focht Taxil an. Ab 1897 war La Bible amusante, die er 1885 widerrufen hatte, wieder im Handel, vermehrt auf rund 814 Seiten mit 400 nummerierten Illustrationen von Frid’Rick; die vollständige Ausgabe von 1903-1904 begann mit seinem offenen Brief an Papst Leo XIII. und brachte, wie ihr Umschlag ankündigte, die wörtlichen Zitate der Heiligen Schrift mit den Widerlegungen von Voltaire, Fréret, Lord Bolingbroke, Toland und anderen Kritikern. Er ließ sich scheiden und heiratete wieder, und 1899 zog er von Paris nach Sceaux, wo er laut einem Polizeibericht von 1902 behaglich lebte. Er schrieb weiter unter anderen Namen: laszive Romane als Prosper Manin und, ab 1904, Haushaltsbücher als Jeanne Savarin, darunter einen Leitfaden gegen Lebensmittelverfälschungen. In seinen letzten Jahren arbeitete er als Korrektor in einer Druckerei. 1906 zitierte ein amerikanisches Magazin sein Geständnis: Er habe seine Erzählungen über die Freimaurer so grotesk gemacht, dass er glaubte, jeder werde den Scherz erkennen; doch je mehr er gelogen habe, um zu zeigen, dass er lüge, desto mehr habe man ihm geglaubt. Er starb am 31. März 1907 in Sceaux. Die Affäre Taxil ist zum Symbol der Leichtgläubigkeit geworden, die sie bloßgelegt hatte, und doch werden die palladistischen Erfindungen in der Literatur über Verschwörungen und die Freimaurerei bis heute manchmal als Tatsachen angeführt. La Bible amusante fand ihr größtes Publikum in der Sowjetunion, wo sie schon 1925 übersetzt wurde; allein die Moskauer Ausgabe von 1962 erreichte eine Auflage von 450.000 Exemplaren, und das Buch wurde 1965 und 1976 neu aufgelegt, 1988 dann in Minsk. Umberto Eco hat Taxil und Diana Vaughan zu Gestalten seines Romans Der Friedhof in Prag (2010) gemacht. Auch die vorliegende Ausgabe mit ihren 400 Illustrationen zeigt, dass das Buch seinen Verfasser überlebt hat. Aus seinen antiklerikalen Schriften: À bas la calotte ! (Nieder mit dem Klerus!) (1879) Les Soutanes grotesques (Die grotesken Soutanen) (1879) La Chasse aux corbeaux (Die Rabenjagd, gemeint sind die Priester) (1879) Le Fils du jésuite (Der Sohn des Jesuiten) (1879) Les Bêtises sacrées (Die heiligen Dummheiten) (1880) Les Friponneries religieuses (Die religiösen Halunkenstreiche) (1880) Plus de cafards ! (Keine Scheinheiligen mehr!) (1880) Calotte et calotins (Klerus und Pfaffen) (1880-1882) Les Borgia (Die Borgias) (1881) Les Amours secrètes de Pie IX (Die heimlichen Liebschaften Pius’ IX.) (1881) Les Pornographes sacrés (Die heiligen Pornographen) (1882) La Bible amusante (Die amüsante Bibel) (1882) — erste Ausgabe, etwa 400 Seiten Un Pape femelle (Ein weiblicher Papst) (1882) L’Empoisonneur Léon XIII (Der Giftmischer Leo XIII.) (1883) Pie IX devant l’Histoire (Pius IX. vor der Geschichte) (1883) La Vie de Jésus (Das Leben Jesu) (1884) La Prostitution contemporaine (Die zeitgenössische Prostitution) (1884) Les Maîtresses du Pape (Die Mätressen des Papstes) (1884) La Vie de Veuillot immaculé (Das Leben des unbefleckten Veuillot) (1884) La Bible amusante (Die amüsante Bibel) (1904) — vollständige Ausgabe, etwa 814 Seiten Die 400 Zeichnungen von Frid’Rick stammen aus der ersten Ausgabe von 1882 (Paris, Librairie anti-cléricale), wo sie größer gedruckt sind (140 × 110 mm) und jede nur einen Titel und einige Zeilen Text hat. Der Text ist aus der vollständigen Ausgabe von 1903-1904 (Paris, Librairie P. Fort) übersetzt, die dieselben Zeichnungen kleiner druckt (102 × 80 mm). Taxil zitierte meist die Bibel von Jean-Frédéric Ostervald (1744) und änderte hin und wieder ihren Wortlaut um der komischen Wirkung willen; anderswo folgte er der Übersetzung, die Voltaire in La Bible enfin expliquée (1776) gibt. Das Kapitel Über diese Ausgabe am Ende des Buches erklärt, wie diese Ausgabe Taxils Text, die Bibelzitate, die Anmerkungen des Herausgebers und die Seitenzahlen von 1904 darbietet, und nennt die Quellen dieses Kapitels.
Das Kapitel Über diese Ausgabe am Ende des Buches erklärt, wie diese Ausgabe Taxils Text, die Bibelzitate, die Anmerkungen des Herausgebers und die Seitenzahlen von 1904 darbietet, und nennt die Quellen dieses Kapitels. Widmung an den unfehlbaren Heiligen Vater
Heiligster Vater, Man sagt, dass Sie seit dem 19. April dieses Jahres, des zwanzigsten Ihres glorreichen Pontifikats, nicht zufrieden sind. Der unerwartete Ausgang meiner fröhlichen Mystifikation hat Sie, wie man beteuert, in großen Zorn versetzt, wie einen einfachen Père Duchesne (nach „Le Père Duchesne“, einer Zeitung der Revolution, deren Titelfigur für ihre unflätigen Zornausbrüche berühmt war; „der große Zorn des Père Duchesne“ war ihre stehende Schlagzeile); denn zu wissen, dass man zwölf Jahre lang von einem skeptischen Freidenker mystifiziert worden ist, ist eine eminent unangenehme Sache, wenn man der Vertreter des Heiligen Geistes ist, wenn man direkt und permanent vom göttlichen Tauber (fr. „le divin pigeon“: Taxils Name für den Heiligen Geist, den die christliche Kunst als Taube darstellt; „pigeon“ ist die gewöhnliche Taube des Hofes und der Straße, nicht die „colombe“ der Kirchenbilder) inspiriert wird; aber zu wissen, dass diese lächerliche Lage der ganzen Welt bekannt ist, das ist der Gipfel der Unannehmlichkeit, das ist es, was einen im höchsten Grade verdrießt. O mein Papst, welch ein Dachziegel (fr. „quelle tuile“, eine umgangssprachliche Redewendung: welch ein plötzliches Unglück; wie ein Ziegel, der unversehens vom Dach fällt) für das Dogma Ihrer Unfehlbarkeit!... Ein Fopper (fr. „fumiste“, eigentlich der Ofensetzer, von „fumée“, Rauch, und umgangssprachlich auch der Spaßvogel, der die Leute täuscht, ohne seinen Ernst zu verlieren; im Vaudeville „La Famille du fumiste“ von 1840 mystifiziert ein reich gewordener Ofensetzer alle Welt und wiederholt dabei „c’est une farce de fumiste“, „das ist eine Ofensetzerposse“, woher das Wort seinen zweiten Sinn hat; Taxil gibt diesen Namen sich selbst und den Verfassern der Bibel) aus Marseille hat sich Ihren ehrwürdigen Kopf geleistet (fr. „se payer la tête de quelqu’un“, eine umgangssprachliche Redewendung: sich auf jemandes Kosten belustigen); Graus! — Und er hatte seine Maßregeln getroffen, damit seine Fopperei (fr. „fumisterie“: eine mit dem größten Ernst der Welt durchgehaltene Mystifikation; ursprünglich das Handwerk des Ofensetzers) am Ende wie eine Bombe platzte, mit einem widerhallenden Getöse in der Presse beider Hemisphären; Fluch! (fr. „malédiction !“, ein Ausruf: auf der französischen Bühne der stehende Schrei des Bösewichts im Melodram, wie auf der deutschen „Verflucht!“; Taxil spielt den Zorn des Papstes, nicht seinen eigenen) Joachim, mein alter Joachim (Leo XIII. hieß Gioacchino Pecci, auf Französisch wie auf Deutsch Joachim: Taxil nennt den Papst beim Vornamen wie einen alten Kumpan; weiter unten nennt ihn Rochefort beim Familiennamen, mit dem „le nommé“, „der Genannte“, der Polizeiprotokolle), ich verstehe Ihren heiligen Grimm. Mir ist, als sähe ich Ihre Grimasse bei der Lektüre dieses amüsanten Artikels, in dem Henri Rochefort die Lage so gut zusammenfasste: « Dieser heiligste Vater, der den Fopper in Privataudienz empfangen hat, kann nicht bestreiten, mit ihm im heimlichen Einverständnis gewesen zu sein; andernfalls wäre seine Unfehlbarkeit, aus der er ein Dogma gemacht hat, unverzüglich zu Staub zermalmt. Wenn er den Streich nicht bemerkt hat, den sein Besucher ihm zu spielen sich anschickte, was wird dann aus diesem Licht von oben, auf dem, in den Augen der Vertrottelten des Katholizismus, die ganze Gewalt der Nachfolger des heiligen Petrus ruht? Léo Taxil hat sich über ihn lustig gemacht, aber dieser machte sich über uns lustig; und wenn der erste zwölf Jahre lang die Bischöfe seine Flunkereien (fr. „blagues“: eine „blague“ ist eine erfundene Geschichte, die mit dem größten Ernst der Welt erzählt wird) hat schlucken lassen, so flößt der zweite uns die seinen seit zwölf Jahrhunderten ein. Entweder ist ein gewisser Pecci nicht unfehlbarer als Sie oder ich, und es bleibt ihm nur, ohne Verzug seinen Rücktritt als Vertreter eines Gottes zu erklären, den er in keiner Weise vertritt; Oder, da er unfehlbar ist, hat er sich zum Teilhaber eines Flunkerers gemacht, dessen er sich bediente, um den Gegnern der Freimaurerei das Geld abzuzapfen; in diesem Falle bliebe nichts mehr übrig, als die Gendarmen zu beauftragen, hinzugehen und ihn in seinem Palast zu verhaften, wegen Vertrauensmissbrauchs und betrügerischer Entwendung. » Dreimal ach! mein alter Joachim, das ist das Dilemma, das Ihnen ein illustrer Pamphletist unter den Bravos der Galerie gestellt hat. Und von Paris bis New York, von London bis Montevideo hat die Weltpresse das Dilemma wiederholt; und überall ist der Beifall erschollen, überall hat man über Ihre Verwirrung laut aufgelacht, von überall her sind spöttische fußlange Nasen (fr. „les pieds de nez“, eine Redewendung: die spöttische Geste des Daumens an der Nase mit gespreizten Fingern) in Richtung Ihrer dreifachen Krone angedeutet worden. Und Sie fragten sich, o Sie Dreizehnter der heiligen (fr. „sacrés“, vor einem Substantiv, wie hier, ein umgangssprachlicher Fluch: verdammt; Taxil nennt die dreizehn Päpste Leo mit einem einzigen Wort heilig und verdammt zugleich) Leos, ob das nicht ein Albtraum sei!... Von Albtraum keine Spur. Sie waren hellwach, und das gewaltige Gelächter, das den Erdball erschütterte, war die verdrießliche Wirklichkeit. Heiligster Vater, ich schulde Ihnen einen Trost. Die Woge der Gottlosigkeit schwillt alle Tage an; es ist eine wahre Flut, die steigt, unaufhörlich steigt. Im teuren Frankreich, das die älteste Tochter der Kirche ist, ist der Unterricht seit vielen Jahren schon verweltlicht; so dass die neuen Generationen, die in den Schulen des Staates heranwachsen, nicht das erste Wort der Heiligen Geschichte kennen. Bei mehreren Gelegenheiten habe ich mit unsäglichem Schmerz festgestellt, dass junge Leute nichts wissen von den erbaulichen Abenteuern von Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Mose, Josua, Gideon, Simson, Samuel, Boas, Saul, David, Salomo, Elia, Elisa, Jona, Hesekiel, Esther, Tobias, Judith, Daniel usw., usw. Von diesen berühmten und verehrten Namen haben sie allenfalls eine vage Vorstellung. Auf die Frage, die ein würdiger Priester unlängst stellte: « Kennen Sie die Makkabäer? » wurde geantwortet: « Sehr wenig; ich habe mir die Morgue nur zweimal angesehen. » („die Makkabäer“ — fr. „les Macchabées“; im Argot ist ein „macchabée“ auch eine Leiche: der junge Mann meinte, der Priester frage nach den Toten, die in der Pariser Morgue öffentlich ausgestellt wurden) Ein solcher Zustand der Dinge ist betrüblich. Wohin soll es mit uns kommen, gerechter Himmel, wenn die Kenntnis der frommen Episoden der Bibel verloren geht, wenn die einst vom göttlichen Tauber eingegebenen Schriften in Vergessenheit geraten?... Es ist Zeit zu reagieren, Heiligster Vater. Darum unternehme ich eine neue Ausgabe der Heiligen Schriften. Ich werde nichts auslassen, und ich werde mich bemühen, diese Lektüre so anziehend wie möglich zu machen. Sie werden schon sehen. Bei meiner nächsten Reise nach Rom werde ich von Ihrer erlauchten Hand noch einen besonderen Segen erbitten, um ihn meiner kostbaren Sammlung hinzuzufügen. Wenn Sie indessen, im Vertrauen auf mich, geruhen, mir diesen Segen erster Wahl zu schicken, ohne meinen Besuch abzuwarten — Heiligster Vater, genieren Sie sich nicht (fr. „ne vous gênez pas“, eine Redewendung: tun Sie sich keinen Zwang an; spöttisch zu dem gesagt, der sich Freiheiten herausnimmt). Die Freude, Sie mystifiziert zu haben, mindert nicht im Geringsten meinen Eifer für die Verbreitung der großen ewigen Wahrheiten, die die Grundlage der erhabenen Religion sind, deren oberster Pontifex Sie sind. Ich sage nicht, dass meine Amüsante Bibel viel dazu beitragen wird, den Glauben zu festigen; aber sie wird dennoch einen unbestreitbaren Vorteil haben: indem sie unter die Opfer des verweltlichenden Staates dringt, indem sie sich von denen lesen lässt, die jetzt alle diese schönen Dinge nicht oder nur vage kennen, wird sie ihnen offenbaren, was man glauben muss, um sich einen Sohn der katholischen, apostolischen und römischen Kirche nennen zu dürfen. Wenn danach einige zugeben wollen, dass es einem Menschen möglich ist, drei Tage im Bauch eines Walfischs zu leben, von den anderen biblischen Wundern ganz zu schweigen, so werden Sie mir, mein alter Joachim, warmen Dank dafür schulden, dass ich Ihnen unverhoffte Rekruten eingebracht habe. Also, keinen Groll wegen meiner Mystifikation, nicht wahr?... Dieses Buch wird Sie getröstet haben, und wir werden wieder gute Freunde sein, wie vor dem 19. April. Na, na, lass dich nicht bitten, Leo (fr. „ne te fais pas prier, Léon“: in dieser letzten Zeile gibt Taxil das „vous“ auf, mit dem er den Papst die ganze Widmung hindurch angeredet hat, und duzt ihn wie einen alten Freund). Schick mir eine kleine Anzahlung an Segen, mit umgehender Post. Paris, den 20. Juni 1897 - Léo Taxil. [1] 1. KAPITEL
Nun, erfahren Sie also, was der Geist Gottes Mose diktierte, dem angeblichen heiligen Verfasser, dem die Genesis, das erste Buch der Heiligen Schrift, zugeschrieben wird; und Sie werden immer wieder feststellen, dass der Geist Gottes, sofern er nicht in krasser Unwissenheit befangen ist, ein Fopper ist, wesenhaft ein Fopper, mehr Fopper als der Erfinder der palladistischen Großmeisterin Diana Vaughan (das heißt Taxil selbst: der Palladismus, eine luziferische Freimaurerei, und seine Großmeisterin waren seine Mystifikation, die er am 19. April 1897 enthüllte; der Geist Gottes ist also ein noch größerer Fopper als er). Gott ist von aller Ewigkeit her; aber am Anfang der Zeiten war er allein im Nichts. Nichts existierte außer ihm, der sich damals Elohim nannte, ein hebräischer Name, mit dem ihn der erste Vers der Bibel bezeichnet; und dieser Name ist ein Plural, was recht singulär ist für einen Herrn ganz allein. Also, Elohim — der auch Jehova, Zebaoth, Adonai ist, wie wir weiter unten sehen werden — Elohim langweilte sich (oder langweilten sich) zu sechs Franken pro Kopf (fr. „s’embêter à six francs par tête“, eine Redewendung: sich gewaltig langweilen; scherzhaft gesagt, als hätte die Langeweile teuer gekostet) inmitten seines Chaos; « tohu-bohu » (im Deutschen „Tohuwabohu“: ein formloses Durcheinander, aus dem hebräischen „tohu wa-bohu“ von Genesis 1:2, bei Luther „wüst und leer“) ist der biblische Ausdruck, tohu-bohu, welches das Unterste zuoberst bedeutet.
1. Das Chaos. Da die Ewigkeit maßlos lang ist, langweilte sich Meister Elohim Milliarden und Milliarden von Jahrhunderten lang. Endlich hatte er eine Idee: da er Gott war, das heißt allmächtig, befand er, es wäre der Gipfel der Dummheit (fr. „le comble de la bêtise“: ein Wortspiel, denn „s’embêter“, sich langweilen, ist von „bête“, Tier, dumm, gebildet, wie „bêtise“, Dummheit), sich immer zu langweilen, ohne etwas zu tun, und er beschloss zu schaffen. Er hätte alles mit einem einzigen Schlag schaffen können. Nun, nein; es schien ihm besser, sich Zeit zu lassen. Und er machte den Himmel und die Erde, oder, besser gesagt, die Materie erschien durch die bloße Anstrengung seines Willens; eine Materie, unförmig, leer, [2] wirr, noch tohu-bohu, und voll von Feuchtem. « Und der Wind Gottes lief über den Wassern » (wörtlich); der Leser ist nicht gezwungen zu verstehen. Um keine Fauxpas zu begehen, war es vor allem nötig, klar zu sehen; woraus man zu schließen berechtigt ist, dass während der tausend Milliarden vorhergehender Jahrhunderte dieser arme Papa Lieber Gott (fr. „papa Bon Dieu“, der Name, den Taxil Jehova gibt: ein gutmütiger Vater, mit dem man vertraulich redet, nicht der Gott der Theologen) in tiefster Dunkelheit war. [3] Glücklicherweise stieß er sich nie und nirgends die Nase, da es überhaupt nichts gab. « — Es werde Licht! » befahl der Ewige. « Und das Licht ward. » Was war dieses Licht? Die Bibel sagt es nicht; sie beschränkt sich darauf, uns über Folgendes zu belehren: « Gott sah, dass das Licht gut war ». Er war folglich davon befriedigt. Seine erste Sorge war dann, « das Licht von der Finsternis zu scheiden »; [4] wiederum unnütz, verstehen zu wollen. « Und Gott nannte das Licht, Tag; und die Finsternis, Nacht ». — « Also ward der Abend, also ward der Morgen. » So war der erste Tag der Schöpfung.
2. Erschaffung des Lichts. Worauf sich Papa Lieber Gott daran machte, zu schaffen... raten Sie was... die Ausdehnung, oder, wenn Ihnen das lieber ist, den Raum. Sobald man nur ein wenig darüber nachdenken will, ist klar, dass der Raum von jeher existierte, selbst wenn man eine Zeit annimmt, in der er mit keinem Stern, keinem Planeten möbliert war. Dennoch wurde die Ausdehnung nach dem Licht geschaffen, obwohl « geschaffen » hier ein unpassender Ausdruck ist. Die Bibel, in ihrem ersten Kapitel sehr verworren, hat uns, wie wir soeben gesehen haben, gelehrt, dass Elohim zu Beginn der Schöpfung den Himmel und die Erde im tohu-bohu machte, mit unförmiger Materie und wirren Wassermassen, über denen der Wind Gottes lief; und so erklärt das heilige Buch diese zweite Operation, die Bildung der Ausdehnung: « Gott schuf die Ausdehnung und schied die Wasser, die oberhalb der Ausdehnung sind, von denen, die unterhalb der Ausdehnung sind; und also ward es. » (Genesis 1:7) Einige Kommentatoren sagen, es handle sich um die Atmosphäre. Jedenfalls liest man in Vers 8: « Und Gott nannte die Ausdehnung, Himmel. Also ward der Abend, also ward der Morgen; das war der zweite Tag. » („die Ausdehnung“ — fr. „l’étendue“, das Wort der Bibel Ostervalds, wo Luther „die Feste“ hat. Das hebräische „rāqîaʿ“ ist eine dünn ausgeschlagene Platte, wie Metall unter dem Hammer: ein Himmel, der zugleich ausgedehnt und fest ist. Luther behielt das Feste, Ostervald nur die Ausdehnung, und auf diese Ausdehnung bezieht sich Taxils Scherz.) Wie dem auch sei, aus alledem geht hervor, dass der Heilige Geist dem Verfasser eine prächtige Flunkerei erzählte und seine Naivität missbrauchte. Diese Geschichte von Wassern oberhalb und Wassern unterhalb ist die Wiedergabe eines groben Irrtums der primitiven Völker. Alle Alten glaubten nämlich, die Himmel seien etwas Solides, Festes — daher der Name « Firmament » —, und man stellte sie sich sogar aus Kristall vor, da das Licht hindurchging; und die Meinung war, dass es oberhalb dieser festen Platte, dieses Firmaments, ein ungeheures Wasserreservoir gebe. Heute wissen wir, dass der Regen das Wasser ist, das von der Sonne angezogen und hochgepumpt wird, zu Dämpfen, zu Wolken wird und dann auf die Erde zurückfällt; aber früher glaubte man, der Regen komme aus dem großen oberen Reservoir; man nahm eine Art Fenster an, die sich in der Platte des Firmaments öffneten und wieder schlossen und so die Regenfälle hervorbrachten. Und diese Meinung, über die wir jetzt lachen, war sehr lange in Umlauf; es ist die Ansicht des Origenes, des heiligen Augustinus, des heiligen [5] Cyrillus, des heiligen Ambrosius und einer erheblichen Zahl von Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte des Katholizismus. Der Heilige Geist, dieser Fopper, hielt sie zum Narren.
3. Erschaffung der Atmosphäre. Kurzum, lassen wir das. Den dritten Tag verwendete Papa Lieber Gott auf eine Arbeit, deren Ergebnisse merklicher sind als die der vorhergehenden Tage. Er senkte seine Blicke auf die unteren Wasser, und er sagte sich, es wäre nützlich, sie zu sammeln, so dass trockene Teile zum Vorschein kämen, das heißt Kontinente. Da sammelten sich die Wasser, seinem Willen sehr gehorsam, gesondert, wobei sich Tiefen für ihre Sammlung ausgehöhlt hatten; dagegen bildeten sich Höhen, die die Oberfläche der festen Materie von Bergen starren ließen, während das Flüssige in langsamen oder jähen Wogen den neuen Schlünden zurollte. « Und Gott nannte das Trockene, Erde; er nannte auch die Sammlung der Wasser, Meere. Und Gott sah, dass es gut war. »
4. Erschaffung der Kontinente und der Meere. Es ist zu bemerken, dass Papa Lieber Gott meistens mit seinem Tagewerk zufrieden war. — Name einer Pfeife! (fr. „Nom d’une pipe !“, ein Fluch: „Nom de Dieu !“, „Name Gottes!“, mit einer Pfeife an der Stelle Gottes, damit keine Gotteslästerung ausgesprochen wird) muss er sich gesagt haben, was für eine Muschel (fr. „moule“, ein umgangssprachliches Wort: ein Dummkopf ohne Charakter, weich wie das Schaltier) ich gewesen bin, das nicht früher geschaffen zu haben! An jenem Tag war er so befriedigt von seinen Kontinenten und seinen Meeren, dass er vor Einbruch der Nacht noch etwas machen wollte. « Die Erde treibe ihren Spross hervor, sprach er, nämlich Gras, das Samen trägt, und fruchtbare Bäume, die Frucht tragen, ein jeder nach seiner Art, die ihren Samen in sich selbst haben auf der Erde. Und also ward es. » (Genesis 1:11)
5. Erschaffung der Bäume und der Pflanzen. Man kann diese zarte Aufmerksamkeit des Schöpfers nicht genug bewundern. Unmöglich, umsichtiger zu sein als er. Denn man fragt sich, was die Erde wäre, wenn Gott sie mit fruchtbaren Bäumen bepflanzt hätte, die jeder andere Früchte trügen als die seiner Art. Danken wir dem väterlichen Elohim, dass er uns keine Aprikosenbäume gegeben hat, die Orangen hervorbringen, keine Orangenbäume, die Äpfel hervorbringen, keine Apfelbäume, die Johannisbeeren hervorbringen, usw.; man würde sich nicht mehr zurechtfinden. Ah! ja, danken wir Gott; welch guter, vorsorglicher Papa!... Die Erde hatte ihm gehorcht, und die Aprikosenbäume waren gewachsen und trugen Aprikosen; Gott, noch einmal, « sah, dass es gut war. Also ward der Abend, also ward der Morgen; das war der dritte Tag ». Aber hier kommt eine ganz andere Geschichte! Drei Tage schon [6] waren mit Abend und Morgen verflossen, dank dem gleich zu Anfang geschaffenen Licht: nur, absonderlich genug, dieses Licht, das am Ende des Tages verschwand, um der Finsternis der Nacht Platz zu machen, dieses Licht erleuchtete die werdende Welt, ohne irgendeine Quelle zu haben; nicht mehr Sonne als auf dem Grund einer Steinkohlengrube. Diese Kuriosität verdient ein wörtliches Zitat aus der Bibel: « 14. Dann sprach Gott: Es seien Lichter in [7] der Ausdehnung der Himmel, um die Nacht vom Tag zu scheiden, und die zu Zeichen dienen, und für die Jahreszeiten, und für die Tage, und für die Jahre; 15. Und die zu Lichtern seien in der Ausdehnung der Himmel, um über der Erde zu leuchten; und also ward es. 16. Gott machte also zwei große Lichter: das größere Licht, um über den Tag zu herrschen, und das kleinere, um über die Nacht zu herrschen; er machte auch die Sterne. 17. [8] Und Gott setzte sie in die Ausdehnung der Himmel, um über der Erde zu leuchten: 18. Und um über den Tag und über die Nacht zu herrschen, und um das Licht von der Finsternis zu scheiden; und Gott sah, dass es gut war. 19. Also ward der Abend, also ward der Morgen; das war der vierte Tag. »
6. Erschaffung der Gestirne. Kein Quiproquo, nicht wahr? es handelt sich wirklich um die Sonne und den Mond. Also hat dem Heiligen Geist zufolge die Erschaffung der Sonne vier Tage nach der Erschaffung des Lichts stattgefunden! Nun weiß der Heilige Geist offensichtlich alles; sonst wäre er nicht der Heilige Geist, sondern ein einfacher Schwachkopf. Jedes Mal, wenn die Wissenschaft eine Entdeckung macht, muss der Heilige Geist in seinen Tauberschnabel hineinlachen (fr. „rire dans son bec de pigeon“, nach der Redewendung „rire dans sa barbe“, „in seinen Bart lachen“: heimlich lachen, wie man sich im Deutschen ins Fäustchen lacht; Taxil setzt den Schnabel des Taubers an die Stelle des Barts) und in sich hineinmurmeln: Ich jedenfalls weiß das von aller Ewigkeit her; diese armen Pygmäen von Menschen geben sich große Mühe, herauszufinden, was ist! Aber warum hat der Heilige Geist Mose dann auch noch diese kolossale Dummheit über das Licht und die Sonne diktiert?... Was für ein Fopper, wahrhaftig!... Bis zu Ole Rømer, einem Astronomen in Kopenhagen, der im 17. Jahrhundert lebte (1644-1710), hat man nämlich geglaubt, die Sonne bringe das Licht nicht hervor, sondern das Licht existiere im Raum, und die Sonne diene nur dazu, es zu « stoßen »; diese falsche physikalische Auffassung war ein Irrtum Descartes’ selbst. Rømer ist es, dem die Wissenschaft den Beweis dieser wichtigen Wahrheit verdankt, die der Aussage der Bibel geradewegs zuwiderläuft, nämlich: das Licht, das unsere Welt erhellt, geht von der Sonne aus, und seine Ausbreitung erfolgt nicht augenblicklich. Der große dänische Astronom brachte es sogar dahin, die Geschwindigkeit des Sonnenlichts genau zu bestimmen; er stellte fest, und das ist heute tausendfach bewiesen, dass dieses Licht acht Minuten achtzehn Sekunden braucht, um von dem Gestirn, das seine Quelle ist, zu uns zu gelangen, was einer Geschwindigkeit von 308.000 Kilometern in der Sekunde entspricht. Man weiß, dass die Beobachtung der Verfinsterungen der Satelliten des Jupiter, eines Planeten, der Teil unseres Sonnensystems ist, Rømer zu dieser großen Entdeckung führte. Rømer war damals in Frankreich, und er beeilte sich, seine Entdeckung der Akademie mitzuteilen (Siehe die Geschichte der Akademie, Sitzung vom 22. November 1675.) [9] Man kann ferner mit Voltaire sagen: « Wenn Gott das Licht zuerst in den Lüften verbreitet hätte, damit es dann von der Sonne gestoßen werde und die Welt erhelle, so könnte es weder gestoßen werden, noch erhellen, noch von der Finsternis geschieden werden, noch einen Tag vom Abend bis zum Morgen machen, bevor die Sonne existierte; diese Theorie widerspricht aller Physik und aller Vernunft. » Mose, in der Astronomie sehr unwissend, hat sich also vom Heiligen Geist narren lassen; denn der göttliche Tauber wusste zu der Zeit, als die Genesis geschrieben wurde, was Rømer 1675 entdecken sollte. Man beachte auch, wie wenig Bedeutung die Sterne in der Schöpfung nach der Bibel haben. Die « zwei großen Lichter » sind die Sonne und der Mond; der Mond! der nur ein Satellit unseres irdischen Planeten ist! Die unwissende Genesis ist weit davon entfernt, zu ahnen, dass Mond, Erde und sogar Sonne im Universum sehr wenig bedeuten; dass unsere glänzende Sonne, das Zentralgestirn der Welt, die wir bewohnen, ein bescheidener Stern ist, einer der unzähligen Sterne, die die Milchstraße bilden. Der heilige Verfasser sieht nur die Erde und bezieht alles auf die Erde, einen winzigen Planeten, der in Wirklichkeit um einen Stern siebenter Größe kreist; und diese Stern-Sonne lässt der armselige Schriftsteller, astronomisch, von seinem Planeten abhängen! Ah! der bedauernswerte Mose wäre bass erstaunt, wenn er in unseren Tagen auferstünde. Ich stelle mir vor, was für einen Kopf er machen würde (fr. „quelle tête il ferait“, eine Redewendung: was für ein erstauntes Gesicht er machen würde), wenn er, um sich zu unterrichten, in irgendein Observatorium Europas oder Amerikas käme und dort zum Beispiel erführe, was Sirius ist, ein Stern erster Größe: Sirius, der schönste und glänzendste der Sterne des Himmels, auf den ihn der Heilige Geist aufmerksam zu machen versäumte; Sirius, dessen Licht nahezu zweiundzwanzig Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, da seine Entfernung von der Erde 52.174.000 Millionen Meilen beträgt, das heißt 1.373.000-mal die Entfernung von der Sonne zur Erde. Was würde der arme Mose sagen, an dem Tag, an dem man ihm die staunenswerte Bedeutung der anderen Sonnenwelten im Universum offenbarte, die er nicht einmal ahnte? Nehmen Sie an, der Professor lehre Mose, nach Humboldt, einfach dies: — Obwohl in so großer Entfernung voneinander, gehören Sirius und unsere Sonne derselben Sternschicht an, die in den Himmelsräumen isoliert ist, einer Sterneninsel im Universum; und diese Insel von Welten und Sonnen, von abgeplatteter, [10] linsenförmiger Gestalt, hat in ihrer großen Achse achthundertmal die Entfernung von Sirius zur Erde; und indessen ist sie nur eine kleine, äußerst dünne Schicht, wenn man sie mit den großen, dicken und tiefen Schichten vergleicht, die sie umgeben und die unvergleichlich reicher an Sternen und Sonnen sind. — Mose, der gutwillig geglaubt hat, die Erde sei der Mittelpunkt des von Gott geschaffenen Universums, würde darüber verrückt. Kehren wir zur Schöpfung nach der Bibel zurück: « 20. [11] Dann sprach Gott: Die Wasser sollen in aller Fülle Tiere hervorbringen, die sich regen und die Leben haben; und die Vögel sollen über der Erde fliegen, gegen die Ausdehnung der Himmel. 21. Gott schuf also die großen Fische, und alle lebendigen Tiere, die sich regen, welche die Wasser in aller Fülle hervorbrachten, nach ihrer Art, und jeden Vogel, der Flügel hat, nach seiner Art; und Gott sah, dass es gut war. 22. [12] Und Gott segnete sie und sprach: Wachset und mehret euch, und füllet die Wasser in den Meeren; und die Vögel sollen sich auf der Erde mehren. 23. Also ward der Abend, also ward der Morgen; das war der fünfte Tag. 24. Dann sprach Gott: Die Erde bringe lebendige Tiere hervor nach ihrer Art; die Haustiere, die Kriechtiere und die Tiere der Erde, nach ihrer Art; und also ward es. 25. Gott machte also Tiere der Erde nach ihrer Art, die Haustiere nach ihrer Art, und die Kriechtiere der Erde nach ihrer Art; und Gott sah, dass es gut war. »
7. Erschaffung der Tiere. Ei ja, all das war gut, und Meister Elohim, der Hände hat, rieb sie sich mit Befriedigung. Aber es gab noch Besseres zu schaffen. — Nicht eines dieser Tiere gleicht mir, und das ist schade! dachte er. Ich habe indessen einen schönen Kopf, ein feines Ohr, ein lebhaftes Auge, eine geistreiche Nase, und Zähne! Ich könnte zwar einen Spiegel schaffen, um mich darin zu betrachten; aber es ist besser, glaube ich, mich zu betrachten, indem ich meinesgleichen ansehe... Wohlan, es ist beschlossen; es muss unbedingt auf Erden ein Tier geben, das meinen Kopf hat. Während Papa Lieber Gott diese Überlegung bei sich anstellte, kamen vermutlich verschiedene frisch erschaffene Affen herbei und schlugen um ihn herum Kapriolen. — Sie haben etwas von mir, muss er sich gesagt haben; aber das ist es doch nicht. Fast alle diese Arten sind mit einem Schwanz geschmückt, und ich habe keinen Schwanz. Was die betrifft, die dieses kaudalen Anhängsels entbehren... nein, das ist es auch noch nicht!... Und die Affen schnitten Grimassen und schlugen weiter ihre wundersamen Kapriolen. Da nahm Papa Lieber Gott einen Klumpen feuchter Erde, und er « knetete » ihn. — Kommen Sie mir nach alledem noch und behaupten Sie, Gott sei ein reiner Geist und habe keine Hände! — Die Bibel sagt auch, dass Gott, nachdem er den Menschen gebildet hatte, « ihm in die Nasenlöcher einen Atem des Lebens blies ». Da haben wir also den ersten Menschen, geknetet, dann mit einem großen Aufgebot an Speicheltröpfchen beseelt. Auf diese Weise « ward der Mensch zu einer lebendigen Seele gemacht ». (Genesis 2:7)
8. Erschaffung des Menschen. Es gibt eine wenig klare Stelle im ersten Kapitel der [13] Genesis, den Vers 27, die einige okkultistische Kommentatoren hat glauben lassen, dass der Mensch anfänglich als Hermaphrodit geschaffen worden sei, dass Gott sich aber danach eines anderen besonnen habe. Denn erst am Ende des zweiten Kapitels ist von der Erschaffung der Frau die Rede; nun sagt aber die Bibel, 25 Verse weiter oben, ausgeschrieben: « Gott schuf also den Menschen zu seinem Bilde; er schuf ihn männlich und weiblich zum Bilde Gottes (fr. „il le créa mâle et femelle“: die Bibel Ostervalds hat „il le créa à l’image de Dieu ; il les créa mâle et femelle“, wie das Hebräische, das von „ihn“ zu „sie“ übergeht: die Übersetzer haben nichts verfälscht; die Einzahl stammt von Voltaire, „il le fit mâle et femelle“). » Dieser Vers, buchstäblich aus dem hebräischen Text übersetzt, hat die Legende vom Androgynen Gott entstehen lassen, die in den verschiedenen okkultistischen Schulen großen Glauben findet; und andererseits haben die christlichen Übersetzer, da dieser Vers überaus peinlich ist, stets Sorge getragen, ihn zu verfälschen. Dennoch hätte man unrecht, dieser biblischen Phantasie zu viel Bedeutung beizumessen; viele andere Stellen sind noch weniger verständlich! Sehen wir lieber, was allgemein angenommen wird. Schon bei der Bildung des Menschen setzte Papa Lieber Gott ihn zum König der Schöpfung ein. Er ließ unverzüglich alle Tiere vor ihm Revue passieren. « Denn der Ewige Gott hatte alle Tiere der Erde und alle Vögel der Himmel gebildet; dann hatte er sie zu Adam kommen lassen, damit er sähe, wie er sie nennen würde, und damit der Name, den Adam jedem lebendigen Tier geben würde, sein Name wäre. »
9. Der Mensch lässt die Tiere Revue passieren. Man vergegenwärtigt sich dieses Defilee; Buffon wäre zweifellos gern an Adams Stelle gewesen! « Du sollst die Erde füllen und sie dir untertan machen, war zu Adam gesagt worden; du sollst herrschen über die Fische des Meeres, und über die Vögel der Himmel, und über jedes Tier, das sich auf der Erde regt. » Als König der Schöpfung hat der Mensch nicht immer die Oberhand, wenn er es mit einem Löwen, einem Tiger, einem Bären, einem Krokodil zu tun hat; das kann man darauf antworten. Und nicht nur verspeisen uns die wilden Tiere; sondern die Menschheit ist auch noch das Opfer von tausend unangenehmen Insekten, Flöhen, Wanzen, Skorpionen, ganz zu schweigen von den Jesuiten und anderen Schaben (fr. „cafards“: das Wort bedeutet auch die Scheinheiligen, und auf diese zielt Taxil).
10. Der Mensch, König der Schöpfung. Außerdem befahl Gott, der die wilden Tiere geschaffen hatte, die das menschliche Beefsteak auskosten, dem Menschen, Vegetarier zu sein. « Siehe: ich habe dir alles Gras gegeben, das Samen trägt und das auf der ganzen Erde ist, und jeden Baum, der in sich Baumfrucht hat, die Samen trägt; was dir zur Speise sein soll. » Als schließlich am Abend [14] des sechsten Tages alles beendet war — oder beinahe —, erfand Papa Lieber Gott, glücklich und mehr und mehr befriedigt von seinem Werk, und vielleicht ein wenig müde, die Siesta und gab dem Menschen das Beispiel der Ruhe, indem er am siebenten Tag selbst ruhte, wie ein guter dicker Rentier (wer von seinen Renten lebt, dem Ertrag angelegten Geldes, ohne zu arbeiten; der komische Bürger jener Zeit), der das Bedürfnis verspürt, nichts mehr zu tun. (Genesis 2:2)
11. Der Herr ruht. « Nun hatte der Ewige Gott einen Garten in Eden gepflanzt, gegen Morgen, und er hatte den Menschen darein gesetzt, den er gebildet hatte... Und ein Strom ging aus von Eden, den Garten zu wässern, und er [15] teilte sich in vier Ströme. Der Name des ersten ist Pison; das ist der, der da fließt um das ganze Land Hevila, wo man Gold findet; und das Gold dieses Landes ist gut; daselbst findet sich auch das Bdellium und der Onyxstein. Der Name des zweiten Stromes ist Gihon; das ist der, der da fließt um das ganze Land Chus. Der Name des dritten Stromes ist Tigris; das ist der, der da fließt im Lande der Assyrer. Und der vierte Strom ist der Euphrat. » (Genesis 2:8, 10-14) [16] Indem er auf diese Einzelheiten einging, wollte der Verfasser der Genesis eine ungefähre Vorstellung von der Lage des wunderbaren Eden geben. Aber er hätte viel besser daran getan, nichts zu sagen; denn es ist unmöglich, sich törichter bei einer Gaskonade (Prahlerei, nach dem Ruf von Aufschneidern, den man den Gascognern anhängte) auf frischer Tat ertappen zu lassen. Alle Kommentatoren stimmen nämlich darin überein, dass der Pison der Phasis ist, später Araxes genannt, ein Strom Mingreliens, der seine Quelle in einem der unzugänglichsten Zweige des Kaukasus hat, und, wenn es in dieser Gegend Gold und Onyx gibt, so hat dagegen niemand je entdecken können, was unter Bdellium zu verstehen war. Zudem kann es über den dritten und vierten Strom, den Tigris und den Euphrat, keinerlei Irrtum geben; woraus klar hervorgeht, dass sich nach der Genesis die Stätte des irdischen Paradieses in Asien befunden hätte, in der Gegend des Ararat-Massivs, in Armenien, obwohl (erster Schnitzer des heiligen Verfassers) Araxes, Tigris und Euphrat ihre Quellen zwar relativ benachbart, aber vollkommen getrennt haben. Der Araxes zweigt nicht etwa von einem anderen Strom ab, sondern entspringt dem Vulkan Bingol-Dagh, von wo er zum Kaspischen Meer fließt. Was den Tigris und den Euphrat betrifft, so kommen sie nicht nur nicht aus ein und demselben Strom, sondern sie vereinigen sich im Gegenteil bei Korna, um den Schatt-el-Arab zu bilden und sich in den Persischen Golf zu ergießen. Beim zweiten Strom, den die Genesis Gihon nennt, ist der Schnitzer des heiligen Verfassers phantastisch. « Das ist, sagt er, der Strom des Landes Chus. » Nun ist nach der Fassung der Septuaginta und sogar der Vulgata das Land Chus (Sohn Hams und Vater Nimrods) nichts anderes als Äthiopien; folglich ist dieser Gihon der Nil, der nicht in Asien, sondern in Afrika fließt, und zwar genau in entgegengesetzter Richtung zum Araxes, zum Tigris und zum Euphrat, da der große afrikanische Strom im Ganzen von Süden nach Norden fließt. Wenn man die Quelle des Nils an den Victoria-Nyanza verlegt, wie man es annimmt, um nicht weiter hinaufzugehen, so liegen also mindestens achtzehnhundert (der Text von 1904 hat „dix-huits cents“) Meilen zwischen den Quellen des ersten und des zweiten Stromes, die nach der Genesis denselben Garten Eden wässern! Freilich haben die beiden anderen ihre Quellen nur sechzig Meilen voneinander entfernt; was für einen Garten schon [17] nett ist. Außerdem: Ist das ein Garten, dieses ungeheure Gebiet, starrend von den steilsten Gipfeln, gebildet aus einer der unwegsamsten Gegenden des Erdballs?... Schließlich der dritte Schnitzer, und man könnte diesen nennen: den Schnitzer der Ohrenspitze (fr. „la bévue du bout de l’oreille“: der Fehler, der seinen Urheber verrät; nach „montrer le bout de l’oreille“, die Ohrenspitze zeigen, wie der Esel in der Löwenhaut, den bei La Fontaine sein Ohr verriet). Die Priester behaupten bekanntlich, das Werk des Mose sei der Pentateuch, das heißt die fünf ersten Bücher der Bibel: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Aber die Gelehrten haben die Gottlosigkeit gehabt, Forschungen anzustellen, und sie sind allgemein der Meinung, dass Esra diese Bücher bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, im Laufe des fünften Jahrhunderts vor Christus, fabriziert hat, während Mose, vorausgesetzt, dass er existiert hat, und wenn man die Daten, die ihn betreffen, einen Augenblick als echt annimmt, tausend Jahre früher lebte: Geburt im Lande Gosen, in Ägypten, 1571 vor unserer Zeitrechnung, und Tod in Arabien, auf dem Berg Nebo, 1451. Bossuet hat sich über die Arbeiten von Hobbes, von Spinoza und von Richard Simon gegen die Echtheit der Werke des Mose entrüstet; zu sagen, dass der wahre Verfasser des Pentateuchs Esra ist, heißt Gott lästern, dem ungestümen Bischof zufolge: « Was kann man, ruft er aus (Abhandlung über die Weltgeschichte), gegen eine Überlieferung von dreitausend Jahren einwenden, gestützt durch ihre eigenen Kräfte und durch die Folge der Dinge? Nichts Zusammenhängendes, nichts Positives, nichts Wichtiges! » Möge es Bossuet nicht missfallen (fr. „N’en déplaise à Bossuet“, eine Redewendung: die höfliche Formel, die man unmittelbar vor einem Widerspruch setzt), der Vers 14 des Kapitels 2 der Genesis liefert, unter anderen Beispielen, einen eklatanten Beweis für die literarische und religiöse Täuschung und zeigt, deutlich wie zwei und zwei vier machen, dass die vorerwähnte Genesis nicht von Mose geschrieben worden sein kann. In eben diesem Vers heißt es: « Der Name des dritten Stromes ist Tigris; das ist der, der da fließt im Lande der Assyrer (fr. „au pays des Assyriens“: die vier Wörter, die Taxil zählt; die Bibel Ostervalds hat „vers l’Orient de l’Assyrie“, gegen Morgen von Assyrien; bei Luther steht „vor Assyrien“). » (Genesis 2:14) Das steht da ausgeschrieben. Einige Übersetzer haben die vier letzten Wörter ersetzt durch: « gegen Morgen von Assyrien »; aber das ändert nichts. Die Frage ist diese: Mose, gestorben 1451 vor Christus, konnte die Ausdrücke Assyrien, Assyrer nicht gebrauchen, aus dem einfachen Grund, dass das assyrische Reich, das sich zugleich über Ninive und Babylon erstreckte und das bis zum achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung dauerte, um 1300 zu existieren begann, [18] allerhöchstens. Die Zeugnisse Herodots und des Chaldäers Berossos stimmen in diesem Punkt überein und sind durch die Denkmäler bestätigt worden. Die wichtigen Entdeckungen, die seit dem Beginn unseres Jahrhunderts mit Hilfe der Inschriften in Hieroglyphen und Keilschrift in der Geschichte der Völker des alten Orients gemacht worden sind, erlauben es heute nicht mehr, selbst in den elementarsten Büchern die [19] biblischen Eseleien über diesen ersten Teil der Annalen des Menschengeschlechts neu aufzulegen. Die Ergebnisse, erzielt von den Champollion, den de Rougé, den de Saulcy, den Mariette, den Oppert, den Rawlinson, den Lepsius, den Brugsch usw., erhellen die alte Geschichte mit einem ungleich sichereren Licht als die Überlieferungen, die der Fopper Esra zusammengetragen hat. Es steht fest, dass der Gründer des assyrischen Reiches ein Fürst war, auf den Denkmälern Ninippaloukin genannt, welcher [20] hundertfünfzig Jahre nach Mose lebte. Zudem wurde die Gegend, die man Assyrien nannte, zur Zeit des Mose mit dem Namen Reich der Rotennou bezeichnet, wie sich das aus den ägyptischen Denkmälern ergibt, die von Oppert und anderen Gelehrten erwähnt werden; wir sehen nämlich in verschiedenen ägyptischen Inschriften, dass die Könige der achtzehnten Dynastie Ägyptens, Zeitgenossen des Mose, ihre Waffen nach Babylonien trugen und sich von den Rotennou, die in Mesopotamien herrschten, eben im Lande des Tigris und des Euphrat, Tribute zahlen ließen. Wenn Mose der wahre Verfasser der Genesis wäre, so hätte er also geschrieben: « der Tigris, ein Strom, der da fließt im Lande der Rotennou. » Freilich können uns die Tonsurierten immer antworten: — Der wahre Verfasser der Genesis ist ebenso wenig Esra wie Mose; es ist der Heilige Geist! Erwähnte die Bibel folglich sogar Sankt Petersburg und New York, so sollte uns das nicht unlogisch erscheinen und könnte uns durchaus nicht überraschen. Verneigen wir uns also, und fahren wir mit einem fröhlichen Lachen in der heiligen Erzählung fort; denn dieser erbaulichen Genesis fehlt es wirklich nicht an Heiterkeit. Wenn der Leser einverstanden ist, wollen wir uns in Gedanken in diesen wunderbaren Garten Eden versetzen, wo vier große Ströme, die einem einzigen Brunnen entspringen, ihre Wasser wälzen. Es ist uns, als sähen wir Adam, wie er in seinem Besitztum spazieren geht und sich den Wonnen des Farniente hingibt. So könnte sein Monolog lauten: « — Ich bin der Mensch, und mein Name ist Adam; was, wie es scheint, « rote Erde » bedeutet, da ich aus Ton fabriziert worden bin, wie eine gewöhnliche Töpferware... Wie alt bin ich?... Ich bin vor fünf Tagen geboren; aber nach einem alten Sprichwort ist man so alt, wie man aussieht. Und darum kann ich sagen, dass ich in Wirklichkeit im Alter von achtundzwanzig Jahren geboren bin, mit allen meinen Zähnen... Nein; nicht mit allen meinen Zähnen... Mir fehlen noch die Weisheitszähne... Sehr gut gebaut, he?... Freilich! (fr. „Dame !“, ein Ausruf: der Rest eines alten Fluchs, „Notre-Dame !“, Unsere Liebe Frau, oder, nach Littré, „dame Dieu“, Herr Gott; zu Taxils Zeit war es kein Fluch mehr) wie könnte ich kein schönes Individuum sein, da ich, bis auf das Alter und den Bart, die getreue Kopie des Herrn Jehova bin, des am verblüffendsten (fr. „épatamment“, ein umgangssprachliches Wort, von „épater“, sprachlos machen) schicken Wesens, das im Universum existiert?... Sehen Sie mir [21] diese Gesundheit an, diese robusten Arme, diese Kniekehlen aus Stahl, Nerven zum Weiterverkaufen, und dazu den frischen Teint... Nicht der geringste Rheumatismus... Ich sage verflixt (fr. „zut“, ein Ausruf des Ärgers oder der Weigerung; wer ihn zu den Krankheiten sagt, pfeift auf sie) zu den Krankheiten... Ich brauche nicht einmal die Blattern zu fürchten; Papa Lieber Gott hat mich fertig geimpft fabriziert... Und so, wie ich mich selbst hinunterschlinge (fr. „ce que je me gobe“, eine Argot-Redewendung: wie sehr ich mir gefalle; „gober“, hinunterschlingen, hieß auch, jemanden über die Maßen schätzen)!... und ich habe nicht unrecht... Ich lasse mir das Leben sanft dahinfließen (fr. „je me la coule douce“, eine umgangssprachliche Redewendung: ich lebe bequem und ohne Sorgen), in dieser charmanten Wohnstatt... kein Concierge... nicht einmal ein Domestik... Das nenne ich ein glückliches Leben!... Ich gehe, ich komme, ich pflücke Früchte, alle saftig, und ich stopfe mich damit voll nach meiner verwünschten Laune und trotze dabei ohne Gefahr dem Durchfall... Ich verspüre keinerlei Müdigkeit, so lang meine Spaziergänge auch sein mögen; wenn ich mich ins Gras lege, dann zu meinem Vergnügen... Neulich hat mir der liebenswerte Herr Jehova eine Zerstreuung geboten, an die ich mein ganzes Leben lang die fröhliche Erinnerung bewahren werde... Alle Tiere der Schöpfung sind vor mir vorübergezogen: « Der Name, den du jedem lebendigen Tier geben wirst, soll sein Name sein », hat mir der alte Ewige Vater gesagt... Als Aufmerksamkeit war das wirklich nett!... Es ist unerhört, was da an Tieren vorbeidefiliert ist!... Ich hätte nie geglaubt, dass es so viele lebendige Wesen gäbe... Ich bin nicht in Verlegenheit gewesen, als ich ihnen meine Namen austeilte; denn die Sprache, die ich ohne Schwierigkeit spreche, und ohne je zur Schule gegangen zu sein, ist eine Sprache von außerordentlichem Reichtum, von einer Fülle an Ausdrücken, von der man sich unmöglich eine Vorstellung machen kann... So kannte ich, ohne suchen zu müssen, augenblicklich alles, was jedem Tier eigen ist, nur indem ich es ansah, und durch ein einziges Wort drückte ich alle Eigenschaften jeder Art aus, so dass jeder von mir gegebene Name zugleich eine vollständige und vollkommene Definition ist... Nehmen wir zum Beispiel das Tier, das man später equus auf Lateinisch, cheval auf Französisch, horse auf Englisch usw. nennen wird. Nun, ich habe ihm einen Namen angehängt, der diesen Vierfüßer ausdrückt mit seiner Mähne, seinem Schweif, seinem Hals, seiner Schnelligkeit, seiner Kraft... Und der Vogel, den man in den künftigen Jahrhunderten bulbo auf Lateinisch (das lateinische Wort lautet „bubo“), hibou auf Französisch, owl auf Englisch usw. nennen wird, alle diese kommenden Namen werden nicht so viel wert sein wie der, den ich ersonnen habe und der den nächtlichen Raubvogel kennzeichnet, mit seinen zwei beweglichen Federbüscheln auf der Stirn, seinem kurzen und gekrümmten Schnabel, seinem dicken Kopf mit den großen runden Augen, umgeben von einem vollständigen Kreis [22] steifer Federn, seinen bis zu den Krallen ganz mit Federn besetzten Beinen, sowie seiner scheuen und ungezähmten Lebensart, seinem eintönigen und schaurigen Schrei, seinem Abscheu vor dem Licht... Und so weiter, für alle lebendigen Tiere... Ah! sie ist ohnegleichen, die Sprache, die ich spreche, und wie traurig ist es, zu denken, dass sie eines Tages gänzlich und für immer verloren sein wird!... Dieser Gedanke ist mein einziger Kummer... Drängen wir ihn recht schnell zurück, und machen wir uns keinerlei Sorgen. [23] Oh! diese allgemeine Revue aller lebendigen Tiere, die war großartig... Dabei sagt großartig noch nicht alles; denn wir hatten einen schnurrigen Teil im Programm des Festes: das war die Ankunft der Fische... Denken Sie doch! dieser Garten liegt mitten im Kontinent, keine Meeresufer, nichts als Ströme, das heißt Süßwasser... Da können Sie sich die Grimasse vorstellen, die die Meeresfische machten, als sie den Tigris und den Euphrat hinaufschwammen, um zu mir zu kommen; sie [24] waren nicht mehr in ihrem gewohnten Salzwasser, und das ärgerte sie!... Wahrhaftig, es war zum Krümmen vor Lachen... Und die dicken Waltiere, die waren erst beengt!... Glücklicherweise hat Papa Lieber Gott ausnahmsweise für diesen Tag die Ströme meines Gartens verbreitert; ohne das hätten die verschiedenen Arten von Walfischen nie durchkommen können... Sobald ich ihnen ihren Namen gegeben hatte, hätte man sie sehen müssen, wie sie zurückschnellten und mit großen Flossenschlägen davonstürzten, um so rasch wie möglich ihren Ozean wieder zu erreichen... Ich lache noch darüber!... Vielleicht wird es Leute geben, die diese Geschichte nicht glauben werden... Die Gottlosen werden leugnen, dass Robben vom Nordpol bis nach Armenien hätten kommen können, in die oberen Gewässer des Tigris und des Euphrat, und das an einem einzigen Reisetag, indem sie den ganzen Atlantik hinabschwammen und ganz um Afrika herumzogen; sie werden sagen, dass diese interessanten Meeressäugetiere, Bewohner des Eismeers, ihr Element nicht hätten wechseln können, ohne daran zu sterben... Eh! was liegt an der Kritik!... Mein Ehrenwort, ich habe hier, in diesem Garten Eden, bei dieser Gelegenheit, Robben und Walfische gesehen, und ich füge hinzu, dass die Robben, ganz zufrieden, von mir einen Namen erhalten zu haben, sich bei mir bedankt haben, indem sie Papa! Mama! sagten... Die spitzfindigen Geister werden einwenden: « Und die Fische der Seen, auf welchem Weg sind sie gekommen?... » Will man anspielen auf den Lavaret (der Lavaret und die Féra sind zwei Felchenarten der Alpenseen, des Lac du Bourget und des Léman, des Genfer Sees), diesen köstlichen Fisch des Lac du Bourget, von dem die Einwohner von Aix-les-Bains wie von einem Ruhmestitel sprechen?... Und die Féra, die ausschließlich im Lac Léman lebt, die sofort stirbt, sobald sie in ein anderes Wasser gesetzt wird, selbst in süßes, die nicht einmal in der Rhone leben kann, diesseits oder jenseits des Léman?... Man wisse es also: der Lavaret und die Féra haben eine besondere Erlaubnis von Gott erhalten; diese beiden Fische der Seen sind auf dem Luftweg gekommen, um mir in Eden einen Besuch abzustatten... Und da haben wir’s! Anathema den Irrgläubigen, die sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben werden!... Und dann, beim Blut des Blauen (fr. „palsambleu“, ein Fluch: „par le sang de Dieu“, beim Blut Gottes, zusammengezogen, und „bleu“, blau, nur des Anklangs wegen an die Stelle von „Dieu“ gesetzt; so flucht man, ohne Gott zu nennen)! ich bin recht gütig, diese Dinge zu diskutieren... Umso schlimmer für den, der mir nicht glauben wird, wenn ich versichere, dass ich alle lebendigen Tiere gesehen habe, Wirbeltiere, Ringeltiere, Weichtiere, und Pflanzentiere!... Es gibt nicht ein einziges Insekt, dem ich nicht einen Namen gegeben habe... Aber der, der mich am meisten in Staunen versetzt hat, das ist ein großer weißer Wurm, lang, platt, der ganz [25] sachte aus mir selbst herausgekommen ist, ein garstiger Wurm, den die künftigen Naturforscher Bandwurm oder einsamen Wurm des Menschen nennen werden, und der weder dem Bandwurm der Schweine noch dem Bandwurm der Schafe gleicht; dieser große Teufel von einem menschlichen Wurm hat mir gleich bei seinem Austritt eine tiefe Reverenz gemacht; ich habe ihm einen Namen gegeben; worauf er sich durch meinen After wieder bei mir hineingeschlängelt und in meinem Individuum wieder Domizil genommen hat... Wenn ich davon spreche, dann, um nichts auszulassen; denn ich wusste mich nicht bewohnt. Abgesehen davon inkommodiert mich mein Mieter in keiner Weise... Nichts stört dieses Cocagne-Leben (fr. „vie de cocagne“, eine Redewendung: ein Leben in Überfluss und Müßiggang, nach dem „pays de cocagne“, wo alles ohne Arbeit kommt, dem französischen Schlaraffenland), das ich seit fünf Tagen führe... » Adam spiegelt sich in der lauteren Flut des Brunnens, der Quelle der vier großen Ströme; dann erblickt er einen Rasen und streckt sich lässig darauf aus. — Ah! wie gut lebt es sich so! murmelt er. Aber da gähnt er... er reckt sich... eine unbekannte Mattigkeit bemächtigt sich seiner nach und nach... Das ist ja etwas Neues!... Er empfindet doch keinerlei Müdigkeit... Was bedeutet das?... Er versteht nichts davon. Er unterliegt dem geheimnisvollen Einfluss, dem unwiderstehlichen. Seine Lider schließen sich. Adam schläft. Es ist der erste Schlaf des Menschen.
12. Erster Schlaf des Menschen. Während nun Adam schnarcht wie ein deutscher Kreisel (fr. „ronfle comme une toupie d’Allemagne“: „ronfler“ heißt schnarchen und auch brummen; der deutsche Kreisel ist der hohle Brummkreisel), steigt Papa Lieber Gott auf die Erde herab. Zunächst lässt er seine Blicke recht lange auf dem Schläfer ruhen. — Immerhin, ich arbeite gut, wenn ich mich daranmache! sagt er mit Befriedigung. Der Bursche ist mächtig gebaut; man würde schwören, dass ich es bin... als ich einige Milliarden Jahrhunderte weniger hatte. Er bückt sich und kneift ihn ins Fleischige der Wade. Auf diesen göttlichen Schabernack antwortet Adam mit einem noch sonoreren Schnarcher als die vorhergehenden. — Vortrefflich! fährt Meister Elohim fort; ich werde kein Betäubungsmittel brauchen, um den Erfolg meiner Talente als Chirurg zu sichern... Ich sehe, dass der Schlaf, den ich meinem teuren jungen Adam geschickt habe, von der allerbesten Beschaffenheit war; man könnte neben ihm die Kanone abfeuern, und er würde nicht aufwachen... Jetzt gilt es, mich ans Werk zu machen; denn ich bin für eine Operation ersten Ranges hierhergekommen... Während mich niemand [26] hört, kann ich wohl ein Geständnis ablegen: ich habe heute Morgen bemerkt, dass es Augenblicke gibt, in denen ich ein wenig tolpatschig bin. Wo hatte ich zum Beispiel den Kopf, als ich den Menschen ohne Gefährtin schuf?... Ich habe jedem Tier ein Weibchen gegeben; wenigstens gibt es nur wenige Ausnahmen von dieser Regel. Den einsamen Wurm (fr. „ver solitaire“, der gewöhnliche französische Name des Bandwurms) habe ich als Hermaphroditen geschaffen, und das versteht sich, denn wenn er paarweise in den Gedärmen ginge, in denen er wohnt, wäre er kein einsamer Wurm mehr... Aber der Mensch ist kein Bandwurm, Name einer Pfeife!... [27] Ich muss ihm also eine Gefährtin fabrizieren, und ich habe beschlossen, sie ihm aus seinem Fleisch zu machen... Papa Lieber Gott ging einen Augenblick lang um Adam herum; er betastete ihn und äußerte dabei laut seine Überlegungen. — Ich habe den Tauber in dieser Sache konsultiert, fuhr er fort, und ich habe gut daran getan, denn er ist gerissener als ich... Mein erster Gedanke war gewesen, dem lieben Adam ein Hühnerauge abzuschneiden und daraus eine kleine Frau zu kneten... Der Tauber hat mir nicht zugestimmt; er hat gemeint, [28] dass ein Hühnerauge zu gewöhnlich wäre und dass die Gottlosen darin einen Vorwand finden könnten, zu sagen, die Frau sei von niedriger Extraktion... Die Schlussfolgerung ist, dass ich mit einer Rippe das zweite menschliche Geschöpf fabrizieren werde... Wohlan! jetzt ist der Moment, jetzt ist der Augenblick; seien wir prompt und geschickt wie ein Zahnarzt, der bei seiner zwanzigtausendsten Operation angelangt ist. Und Papa Lieber Gott, dies sagend, « riss Adam eine seiner Rippen heraus, und er zog das Fleisch an der Stelle wieder zusammen. » (Genesis 2:21) « Und der Ewige Gott baute die Rippe, die er von Adam genommen hatte, zu einem Weibe. » (Genesis 2:22)
13. Erschaffung der Frau. Ich höre den Schrei des Menschen, der aus dem Schlaf auffährt: — Au! au!... Oh! là là!... Man hat mir soeben eines meiner Beefsteaks weggenommen! Und seine Überraschung beim Anblick der hübschen lebenden Puppe: — Was is’n das? (fr. „Qué qu’c’est qu’ça ?“: „Qu’est-ce que c’est que ça ?“ in der nachlässigen Pariser Aussprache) — Das? das ist deine Frau, und ich stelle sie dir vor, antwortet Jehova... Wage es zu sagen, dass ich dir da kein angenehmes Präsent mache!... — Tatsache ist, dass sie nett ist... — Man könnte sie aufessen... Glückspilz, du! (fr. „Veinard, va !“, ein umgangssprachlicher Ausruf: „veinard“ kommt von „veine“, der Ader im Gestein, dann dem Glück; „va !“, wörtlich „geh!“, verstärkt nur)... Und keine Schwiegermutter!... Du kannst dich rühmen, alles Glück zu haben, mein Junge. Die Bibel erzählt, dass Adam ausrief: « Diese ist diesmal Bein von meinen Beinen und Fleisch von meinem Fleisch. Man wird sie Männin (fr. „hommesse“, das Wort der Bibel Ostervalds: eine weibliche Form von „homme“, Mann, wie Luthers eigenes „Männin“ an dieser Stelle von „Mann“; der hebräische Text tut dasselbe, „ischscha“ von „isch“) nennen, denn sie ist vom Manne genommen. Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und er wird sich seinem Weibe zugesellen, und sie werden so ein Fleisch sein. » (Genesis 2:23-24) Unnötig, diesen Ausruf Adams, des Neuvermählten, zu kommentieren. Ah! in welch galante Worte diese Dinge da gefasst sind (fr. „qu’en termes galants ces choses-là sont mises“, eine Redensart; ein Vers aus Molières „Le Misanthrope“, mit dem Philinte ein schlechtes Sonett lobt)?... Was die weggenommene Rippe angeht, so ist es gut, daran zu erinnern, dass Gott sie nach der Ansicht des heiligen Augustinus Adam nicht zurückgab. Folglich lebte Adam so mit einer Rippe weniger. « Es war anscheinend eine seiner falschen Rippen, hat Voltaire bemerkt; denn das Fehlen einer der Hauptrippen wäre zu gefährlich gewesen. » Die Genesis sagt uns noch (Genesis 2:25): « Nun waren Adam und sein Weib alle beide nackt, und sie schämten sich dessen nicht. » Die frommen Kommentatoren versichern, dass diese Nacktheit [29] ohne jede Scham ein Beweis der Unschuld unserer ersten Eltern ist; hätten sie immer bei dem Gedanken verharrt, dass es keine Unkeuschheit ist, ganz nackt umherzugehen, so wäre das das Kennzeichen einer beharrlichen Vollkommenheit gewesen. Nach dieser biblischen Beweisführung könnte man also die wilden Völkerschaften, die kein Kleidungsstück tragen, als im Zustand der Vollkommenheit lebend ansehen, und es gibt deren noch: dennoch haben bei der Entdeckung Amerikas die fanatischen spanischen Katholiken eingeborene Völkerschaften, die in schöner Unschuld lebten, in Massen niedergemetzelt, und die Priester segneten die Niedermetzler. Zudem hat man bemerkt, dass es die Kälte war, die die Kleider erfinden ließ; denn die nackten Völker sind die, welche in den heißesten Gegenden leben. Außerdem schämt sich niemand, nackt zu sein, wenn alle Welt es ist: man errötet nur aus Eitelkeit; man fürchtet, eine Missbildung zu zeigen, die die anderen nicht haben. Kommen wir zur großen Affäre, zu dem erstaunlichen Abenteuer, das, ach! dem Glück Adams und seiner Gattin ein Ende machte. « Der Ewige Gott hatte aus der Erde jeglichen Baum sprießen lassen, der begehrenswert anzusehen ist und Frucht trägt, gut zu essen; und er hatte den Baum des Lebens mitten in den Garten Eden gesetzt, und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. » (Genesis 2:9) « Der Ewige Gott hatte zu dem Menschen mit Gebot geredet und zu ihm gesprochen: Du sollst frei essen von jeglichem Baum des Gartens. Jedoch was den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen angeht, so sollst du nicht davon essen; denn an demselben Tage, da du davon gegessen hast, wirst du ganz gewiss des Todes sterben. » (Genesis 2:16-17)
14. Die verbotene Frucht. Es ist gut, zunächst zu bemerken, dass die Priester unter dem Vorwand, die Bibel zusammenzufassen, zum Gebrauch der Gläubigen gewisse kleine Handbücher mit dem Titel Heilige Geschichte verfasst haben, in denen sie Sorge tragen, die Stellen der göttlichen Schrift, die sie zu sehr genieren, mit Stillschweigen zu übergehen. So spricht man im Allgemeinen zu den Gläubigen nur von dem berühmten Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen; wir werden gleich sehen, warum die Priester kein Wort vom Baum des Lebens verlauten lassen, der von dem anderen Baum vollkommen verschieden ist; wir werden den Vers 22 des Kapitels 3 wiedergeben, der in den Büchern, die man den naiven Andächtigen gibt, immer ausgelassen wird. Für den Augenblick beschäftigen wir uns nur mit dem Baum, dessen [30] Frucht den Fall des Menschen verursachte. Erinnern wir daran, dass der Kaiser Julian der Philosoph, dessen Andenken von den Kirchenleuten so verabscheut wird, über diesen wunderbaren Baum einige Bemerkungen voll gesunden Menschenverstandes anstellte. Es scheint uns, schrieb er, dass der Herr Gott im Gegenteil dem Menschen, seinem Geschöpf, hätte befehlen sollen, viel von diesem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen; dass Gott ihm nicht nur einen denkenden Kopf gegeben hatte, den man notwendig [31] unterrichten musste, sondern dass es noch unerlässlicher war, ihn das Gute und das Böse kennen zu lehren, damit er seine Pflichten erfülle; dass das Verbot tyrannisch und absurd war; dass es hundertmal schlimmer war, als wenn man ihm einen Magen gemacht hätte, um ihn am Essen zu hindern. Eine andere Überlegung, deren man sich nicht erwehren kann, ist, dass der Ausgangspunkt des Geschichtchens beweist, dass der Herr Jehova einen Hintergedanken hatte und dass es ihm [32] sehr lieb war, dass der Mensch sündigte. Alles in allem wäre Adam berechtigt gewesen, ihm zu sagen: — Mein Väterchen Elohim, wenn ich mich nicht irre, ist das Gute das, was moralisch gut ist, was Ihnen gefällt, und das Böse dagegen ist das, was schlecht ist, was Ihnen missfällt... Ist das richtig so? — Vollkommen richtig, mein Söhnchen, hätte der Schöpfer geantwortet. — Folglich, hätte Adam fortgefahren, lassen Sie mich lernen, worin das Böse besteht, damit ich es vermeide; oder aber warum haben Sie diesen Baum hierher gesetzt, wenn ich ihn nicht anrühren darf?... Es sind die Pfarrer (fr. „curés“: der Priester einer Pfarrei, der, dem man begegnet), die die Erwiderung übernehmen, an Stelle ihres drolligen Lieben Gottes. — Gott, sagen sie, legte der werdenden Menschheit eine Prüfung auf; er wollte sehen, ob Adam ihm gehorchen würde, wo er doch von ihm nur eine einzige und sehr kleine Entbehrung verlangte. Aber es ist leicht, auf die Erwiderung zu erwidern. Nach den Pfarrern selbst kennt Gott die Zukunft: er hatte also vorhergesehen, was geschehen würde; und da nichts ohne seinen Willen geschieht, wusste er ganz genau, dass der Mensch von der Frucht des fraglichen Baumes essen würde. Er wollte also den Fall unserer ersten Eltern, das unterliegt keinem Zweifel. Übrigens wendet sich der ganze weitere Verlauf der Geschichte gegen den Herrn Jehova. Sehen wir, wie sich die Dinge nach Kapitel 3 der Genesis zutrugen: « 1. Nun war die Schlange das listigste von allen Tieren der Erde, die der Ewige Gott gemacht hatte; und sie sprach zu dem Weibe: Was! Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von jeglichem Baum des Gartens? 2. Und das Weib antwortete der Schlange: Wir essen von der Frucht der Bäume des Gartens; 3. Aber was die Frucht des Baumes betrifft, der mitten im Garten ist, so hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht anrühren, auf dass ihr nicht sterbet.
15. Eva, von der Schlange versucht. 4. Da sprach die Schlange zu dem Weibe: Ihr werdet keineswegs sterben; 5. Sondern Gott weiß, dass an dem Tage, da ihr davon esset, eure Augen aufgetan werden, und ihr werdet sein wie die Götter und das Gute und das Böse erkennen. 6. [33] Das Weib sah also, dass die Frucht dieses Baumes gut zu essen und von angenehmem Ansehen war, und dass dieser Baum begehrenswert war, um Erkenntnis zu geben; und sie nahm von der Frucht und aß davon; und sie gab auch ihrem Manne davon, ihn mit sich ziehend; und er aß davon. »
16. Ungehorsam Adams und Evas. Was in dieser Erzählung zuallererst auffällt, ist, dass die Rede der Schlange, ihre Unterhaltung mit der Frau, die bloße Tatsache des Sprechens, des Sich-Ausdrückens in derselben Sprache wie unsere ersten Eltern, vom heiligen Verfasser weder als eine übernatürliche, mirakulöse Sache noch als eine Allegorie hingestellt wird. Was die Genesis vorführt, ist sehr wohl die Schlange selbst; es ist dieses Reptil, das die Rolle eines Tieres voll Tücke und Verschlagenheit spielt und sich zum Versucher der Frau macht, mit einer Zungenfertigkeit, um die ein Papagei es beneiden würde. Die Schlange ist so persönlich in Szene gesetzt worden, dass seither die Pfarrer, die die so erzählte Episode unwahrscheinlich fanden, es für nötig gehalten haben, daran eine Korrektur vorzunehmen, die alles ändert, die aber im Widerspruch zum ganzen Text dieses Kapitels der Bibel steht. Nach den Korrektoren, die ebenso schlau wie fromm sind, wäre es der Teufel, der die Gestalt der Schlange angenommen und durch diesen Winkelzug Madame Adam versucht hätte; das ist die Art, wie die Priester die Sache arrangiert haben, das ist ihre heutige Lehre. Dieses Arrangement ist eine wahre Fälschung der Genesis. Erstens gibt kein Wort des heiligen Textes zu einer solchen Auslegung Anlass. Zweitens gibt es unter den verschiedenen Verfassern der Bücher, aus denen die Bibel besteht, im Ganzen zwei, die den Teufel erwähnt haben: der Verfasser des Buches Hiob, nach dem der Teufel eines schönen Tages mit Gott im Himmel diskutiert: und der Verfasser des Buches Tobias, der einen gewissen Dämon Asmodi anführt, der in eine Frau namens Sara verliebt ist und ihr nacheinander sieben Ehemänner erwürgt. Nun kommen diese beiden Bücher ganz am Ende der Bibel, und weder in diesen noch in den anderen ist von dem Luzifer-Satan die Rede, den die Katholiken bei jeder Gelegenheit auftreten lassen, um das Interesse ihrer Legenden zu würzen. Nirgends findet man jenes doch so bekannte Abenteuer Luzifers, der sich gegen Gott empört und vom Erzengel Michael besiegt wird. Das ist, wie alles, was sich auf den Teufel bezieht, nachträglich erfunden worden, nicht [34] nur lange nach Mose, sondern sogar nach Esra. Zudem haben sich gewisse fröhliche Kommentatoren, in Wirklichkeit skeptische Philosophen, damit amüsiert, den berühmten Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen in einen Apfelbaum von etwas schlüpfriger Symbolik zu verwandeln; und sie haben angenommen, dass diese Episode mit verhüllten Worten bedeutet, dass Madame Adam, die die Liebe nicht kannte, die erste Lektion darin von einem verführerischen [35] Teufel empfing, der für den Anlass in eine Schlange metamorphosiert war... Aber während man über diesen Scherz lacht, der als Auslegung so viel wert ist wie jede andere, muss man ihn in denselben Korb legen wie die von den Pfarrern ersonnene Textfälschung. Wir müssen die Bibel nehmen, wie sie ist, wenn wir sie ernsthaft prüfen wollen: so ist es in dem Geschichtchen, mit dem wir uns in diesem Augenblick beschäftigen, sehr wohl das Schlange genannte Tier, um das es sich handelt, und nicht irgendein [36] Teufel, da die Juden vor der Zeit, in der die Bücher Hiob und Tobias geschrieben wurden, keine Teufel in ihrer Mythologie hatten; und was die amourösen Andeutungen betrifft, die man der versuchenden Schlange grundlos unterstellt, so ist es offensichtlich, dass es unmöglich ist, sie im Text der Genesis zu entdecken, wenn man ihn vor Augen hat. Es ist wirklich die Schlange allein, persönlich, um die es sich handelt; denn der heilige Verfasser sieht dieses Tier mit den Augen aller seiner Zeitgenossen der verschiedenen Religionen. Die Schlange galt im Altertum nämlich als ein sehr listiges, sehr intelligentes und mit Tücke erfülltes Tier. Mehrere afrikanische Völker beteten sie an. Auf der anderen Seite ist der Fall dieser sprechenden Schlange, ein Fall, aus dem die Genesis kein Wunder macht, in der orientalischen Literatur etwas Gewöhnliches; alle in Asien ausgeschlüpften Mythologien sind voll von sprechenden Tieren; bei den Chaldäern streckte der Fisch Oannes jeden Tag seinen Kopf aus den Wassern des Euphrat, und ganze Stunden lang predigte er dem an die Ufer herbeigeeilten Volk, gab gute Ratschläge, lehrte zugleich Poesie und Ackerbau. Diese Zeiten, in denen die Tiere die Sprache hatten, liegen weit zurück; aber keine Religion des Orients hatte darauf das Monopol. Die biblische Schlange sprach also, ohne dass ein Teufelchen in ihr zu wohnen brauchte. Übrigens war die Schlange bei diesem Anlass weniger listig, als es scheint. Die Flunkereien der Heiligen Schrift sind von einer außerordentlichen Naivität und platzen vor Widersprüchen. So hat man gefragt, was die Schlange sagen wollte mit: « Ihr werdet sein wie die Götter. » Dieser Ausdruck, der die Vielheit der Götter bejaht, findet sich nicht allein an dieser Stelle der Genesis; wir werden weiter unten sehen, dass der Herr Jehova, wenn er selbst spricht, sich nicht als den einzigen Gott betrachtet. Die katholischen Kommentatoren, durch diesen Satz der Schlange in Verlegenheit gebracht, haben behauptet, dass das Reptil mit den Göttern die Engel gemeint haben müsse. Man hat ihnen geantwortet, dass eine Schlange die Engel nicht kennen konnte; aber aus demselben Grund konnte sie die Götter nicht kennen. Naivität, Widerspruch, Galimathias; das ist so recht die Bibel. Nein, nicht gar so listig, diese Schlange!... Ihre Ratschläge waren überaus (der Text von 1904 hat „forts incomplets“) unvollständig. Eine wirklich gerissene Schlange hätte zu der Frau gesagt: — Iss zunächst von der verbotenen Frucht, und dann [37] alsbald danach versäume nicht, von der Frucht des Baumes des Lebens zu essen, die dir übrigens erlaubt ist. Und war nicht Jehova die erste Ursache der Versuchung? Warum hatte er der Schlange die Sprache gegeben? Ohne diese Gabe hätte sie sich der Frau niemals verständlich machen können. Die Bibel teilt uns die Unterhaltung nicht mit, in deren Verlauf Madame Adam ihren Mann dazu bestimmte, mit ihr von der verbotenen Frucht zu essen. Glücklicherweise ist es leicht, diese Lücke des heiligen Verfassers auszufüllen. Wir sehen die erste Frau, deren Neugier von der Schlange angestachelt worden ist, sich dem Baum der Erkenntnis nähern, der mitten im Garten steht, neben dem Baum des Lebens. Sie betrachtet ihn lange, nicht ohne einiges Zögern. — Sie ist nicht gerade hübsch, sagt sie, diese Schlange (im Französischen ist „serpent“ männlich: Eva spricht von einem Galan, dem verführerischen Teufel der Kommentatoren, dem der Stich 15 einen Männerkopf gibt, im Gegensatz zum alten Jehova), die eben vorhin mit mir gesprochen hat; aber sie ist, meiner Treu, sehr distinguiert in den Manieren, und sie hat eine charmante Sprache... Der Rat, den sie mir gegeben hat, scheint mir befolgenswert; denn wirklich, es ist überaus verdrießlich, nichts zu wissen... Wir sind, Adam und ich, wie Puten (fr. „comme des dindes“, eine Redewendung: wie Einfältige; die Pute, aus Amerika gebracht, das man damals zu Indien rechnete, hieß „poule d’Inde“, Huhn aus Indien, und ihr dummes Aussehen machte „dinde“ zum Wort für die leichtgläubige Frau), und wir könnten wie Götter sein!... Und dann, sie ist verlockend, diese Frucht... Es gibt keine schönere im ganzen Baumgarten... Indessen, wenn die Schlange mir einen Schwindel (fr. „craque“, ein umgangssprachliches Wort: eine prahlerische Lüge; von „craquer“, krachen, das auch aufschneiden, lügen hieß) erzählt hätte, das wäre nicht lustig!... Das Leben ist so angenehm!... In diese Frucht zu beißen, dazu habe ich große Lust; aber wenn das Ergebnis meiner Naschhaftigkeit sein soll, dass ich sterbe?... Gar nicht amüsant, das... Sie geht um den Baum herum; die Schlange, hinter einem Busch versteckt, verfolgt von weitem alle ihre Bewegungen. — Nein, es ist nicht möglich, dass wir für so wenig sterben... Es ist der Vater Jehova, der uns ein Boot montiert (fr. „monter un bateau à quelqu’un“, eine Redewendung: jemanden mit einer erfundenen Geschichte täuschen) hat!... Zunächst, wenn ich darüber nachdenke, finde ich, dass er eine Bindfaden-Miene (fr. „l’air ficelle“, eine Argot-Redewendung: die Miene eines Gerissenen, der alle Schliche kennt; „ficelle“, der Bindfaden, hieß auch der durchtriebene Mensch) hat, dieser alte Graubart... während die Schlange... recht so (fr. „à la bonne heure“, ein Ausruf, wörtlich „zur guten Stunde“: das ist gut so; Beifall, oft ironisch)... ihr niedliches kleines Köpfchen hat ich weiß nicht was für einen gutmütigen Ausdruck, mit Augen, die vor Geist sprühen... Sodann ist es von einer frappanten Logik, was sie mir gesagt hat... Der Vater Jehova hat alles Interesse daran, dass wir in Unkenntnis der schönen Dinge verharren, die das Vorrecht der Götter sind... Seine Drohung, die soll uns wohl Bange machen (fr. „ficher le trac“: „trac“ ist die plötzliche Angst, besonders die des Schauspielers vor seinem Auftritt; die ursprüngliche Wendung war „foutre le trac“, aber „foutre“ hatte auch die derbe Bedeutung des Geschlechtsakts, und um sie zu vermeiden schrieb Taxil „ficher“), das ist es... Er will nicht, dass wir all dies und all das wissen... Oh! die [38] Alten! sie sind alle gleich... Schlauberger... Erzähler von Dummheiten... Nicht zu trauen... Sie zieht eine der Gartenbänke an den Baum heran, steigt hinauf und pflückt eine der Früchte. — Nehmen wir an, es ist ein Apfel, da die Bibel in diesem Punkt nicht explizit ist und es übrigens wenig darauf ankommt, diese Frucht so oder anders zu nennen. — Sie beschaut den Apfel und fährt sich dabei mit der Zunge über die Lippen. Die Schlange, die alles gesehen hat, richtet sich hinter dem Busch auf ihrem [39] Schwanz auf und tanzt eine fröhliche Quadrille. Madame Adam führt den Apfel zum Mund. — Nebenbei, wie isst man das, diese Frucht?... Soll ich sie schälen oder gleich hineinbeißen?... Basta (fr. „Baste !“, ein veralteter Ausruf aus dem italienischen „basta“: genug! was liegt daran!)! auf die eine oder andere Art muss es gut sein... Sie zögert noch ein wenig. — Alles wissen oder nichts wissen, welche Alternative!... Wenn wir Verstecken spielen, Adam und ich, ist das gut [40] oder ist das böse?... Grausames Rätsel!... Muss man unsere Schafe scheren, um Gutes zu tun? oder begeht man das Böse, indem man ihnen die Wolle nicht auf dem Rücken lässt?... Es ist zum Kopfverlieren... Und Adam, der sich alle Augenblicke die Finger in die Nase steckt, is’ das gut oder is’ das böse?... Wahr und wahrhaftig, das ist kein Leben, diese Dinge nicht zu wissen!... Kurz entschlossen, tut sie einen energischen Biss in den Apfel. — Sapristi (ein Fluch, den das Deutsche aus dem Französischen übernommen hat, heute veraltet: ein entstelltes „sacristi“, das seinerseits „sacré“, heilig, entstellt; so fluchte man, ohne zu lästern)! wie gut das ist!... Neuer Biss, noch energischer. — Name von dem da! (fr. „Nom d’ed’là !“, ein Fluch: „Nom de Dieu !“, Name Gottes!, in volkstümlicher Aussprache und mit „là“, da, an der Stelle von „Dieu“, um Gott nicht zu nennen) wie gut das ist!... Welch köstlicher Geschmack!... Ah! der alte Spitzbube, der mir dieses Leckerchen verboten hatte!... Sie legt sich auf die Bank, streckt sich darauf aus und scheint die Frucht nur umso besser auszukosten. Adam, herankommend, mit sich selbst plaudernd: — Um die Zeit zu vertreiben, habe ich soeben ein paar Bratfischchen im Tigris gefangen... aber da ich Vegetarier bin, habe ich meine Bratfischchen, kaum gefangen, in den Euphrat geschmissen... Er erblickt seine Gattin. — He! Männin, was knabberst du da? Madame Adam, sich mit einem Satz aufsetzend: Oh! schilt mich nicht!... Es ist eine Frucht... von dem Baum... du weißt schon... von einem der beiden Bäume in der Mitte des Gartens... — Ich sehe es, fichtre (ein französischer Fluch: „foutre“, das derbe Wort für den Geschlechtsakt, abgeschwächt nach dem Muster von „ficher“, seinem milderen Ersatz)!... Das ist ausgerechnet die Frucht des Baumes, den anzurühren uns untersagt ist... Ah was! bist du verrückt, meine kleine Frau?... Nun, und die Warnung des anderen?... — Der Vater Jehova?... der Verhinderer des Reigentanzes (fr. „l’empêcheur de danser en rond“, eine Redewendung: der Spielverderber)?... Reden wir davon, ah! ja!... Er hat sich unseren Kopf geleistet in den großen Preisen (fr. „dans les grands prix“, eine Argot-Redewendung: gründlich, im höchsten Grad), der alte Affe!... — Was singst du mir da vor (fr. „Qu’est-ce que tu me chantes là ?“, eine umgangssprachliche Redewendung: was für Unsinn erzählst du mir da?)?... — Seine Todesdrohung... du erinnerst dich, nicht wahr?.. — Ganz sicher!... Mir wird davon kalt im Rücken. — Oh! la la! mein Auge! (fr. „mon œil !“, ein umgangssprachlicher Ausruf: ich glaube kein Wort davon; gesagt, während man mit dem Finger das untere Augenlid herabzieht)... Seine Drohung, mein Lieber, das war ein Kniff (fr. „truc“, ein umgangssprachliches Wort: eine List oder das verborgene Verfahren hinter einem Bühneneffekt)... — Na, na, du schlägst Jeannot (fr. „battre Jeannot“, eine Wendung, die kein Wörterbuch kennt: wohl irrereden, wie „battre la campagne“; Jeannot, Koseform von Jean, ist der Tölpel der Possen), du verlierst die Kugel (fr. „perdre la boule“, eine Redewendung: den Verstand verlieren; die „boule“, die Kugel, ist der Kopf)?... — Ein Kniff, sage ich dir... Zum Beweis: ich weiß schon haufenweise Dinge, seit ich in den Apfel gebissen habe... — Du weißt, was gut ist und was böse?... Du weißt, was [41] man tun muss und was man nicht tun darf?... Du weißt das Wie und das Warum von allem und allem?... — Ja, es fängt an, mein kleiner Grünhund (fr. „mon petit chien-vert“, ein Kosename aus dem Argot der Zeit, den man ausgehaltenen Frauen gab; Eva umschmeichelt damit Adam)... Sieh mal, ich weiß schon, wie viele Körnchen Salz man in ein Ei tun muss. — Nicht möglich! — Ich weiß, warum die Hähne beim Krähen die Augen schließen... — Du verblüffst mich!... Und warum die Frösche keinen Schwanz haben, weißt du das? — Ich habe es eben erst, in diesem Augenblick, erfahren... — Sag es, um mich zu belehren... — Das kommt daher, dass es sie beim Hinsetzen stören würde. — Ah! bah!... Du wirfst mich um... — Noch stärker als das... Nun, ich weiß, ich bin sicher, hörst du wohl, ich bin sicher, dass du ein kleiner Mann bist, brav wie ein Bild, und dass du mir nicht eine einzige Untreue angetan hast... Adam ist verdutzt. — Tausend Petarden! die hat mit einem Mal Wissenschaft, meine Frau!... Es ist doch wahr, dass ich ihr niemals eine Untreue angetan habe... Sapperlot von Sapperlot! (fr. „Saprelotte de saprelotte !“, ein Fluch: „sapre“ ist „sacré“, heilig, und die Endung verhüllt „Dieu“, Gott, wie „bleu“ in „sacrebleu“; das deutsche „Sapperlot“ ist aus eben diesem französischen Fluch entlehnt; verdoppelt zur Verstärkung) das ist staunenswert!... Und wenn ich dir eine Untreue antäte, wäre das böse oder wäre das gut?... — Das wäre böse, Monsieur!... sehr böse!... Sie zieht ihn zu sich heran, auf das Bi vom Ende der Bank. (fr. „sur le bi du bout du banc“, nach dem Titel eines Pariser Couplets von 1886: ganz am äußersten Ende der Bank, also dicht nebeneinander sitzend; „bi“ bedeutet nichts und wiederholt nur den Klang von „bout“, Ende) — Überdies, Adam meines Herzens, liegt es nur an dir, so gebildet zu werden wie ich, ebenso schnell und mit so wenig Kosten... Beiß in den Apfel... Sie reicht ihm den Apfel. — Es reizt mich auch, meine kleine vielgeliebte Frau; aber was wird es uns nützen, gelehrt wie Akademiker zu sein, wenn wir noch heute daran sterben... Denn schließlich muss man die Sache überlegen: in tausend Jahren sterben, zur Not, das wäre mir gleich; aber gerade heute meine Pfeife zerbrechen (fr. „casser sa pipe“, eine umgangssprachliche Redewendung: sterben), nein, das wäre schrecklich dumm... Madame Adam zuckt die Achseln. — Du scheinst nicht daran zu glauben, meine Niedliche... Aber ich weiß sehr wohl, was er mir gesagt hat, der alte Papa Lieber Gott; zu mir selbst hat er gesprochen, und ich beteuere dir, er ist kategorisch gewesen... [42] Erlaube, dass ich dir seine Worte wörtlich wiederhole: « Was den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen angeht, so sollst du nicht davon essen; denn an demselben Tage, da du davon gegessen hast, wirst du ganz gewiss des Todes sterben »... Da gibt es nichts zu feilschen (fr. „barguigner“, ein veraltetes Wort: feilschen, zögern), siehst du; mir liegt an meiner Haut, wenn dir nicht an deiner liegt... — Adam, Adam, du bringst mich zum Lachen... Bin ich denn tot, sag? — [43] Nein, bist ganz lebendig... Nur, der Tag ist noch nicht zu Ende; Vorsicht, die Bombe!.. — Oh! wie starrköpfig die Männer sind!... Du kannst dich rühmen, Hartnäckigkeit zu haben, und nicht zu knapp, mein Lieber!... Es ist unsinnig, wie viel Zeit du brauchst, um zu begreifen, dass das alte Rasiermesser (fr. „rasoir“, ein Argot-Wort: einer, der einen zu Tode langweilt) sich über uns lustig gemacht hat... Sieh da, du hast eben die Akademiker genannt... — Ja; und dann? — [44] Die Akademiker... sind das Brunnen der Wissenschaft, die da? — Natürlich. — Nun, gerade weil sie Brunnen der Wissenschaft sind, sind die Akademiker Unsterbliche (die Mitglieder der Académie française tragen traditionell diesen Namen)... Adam ist von dem Argument verwirrt. Seine Gattin wird zärtlich. — Nun, und sei es nur, um mir eine Freude zu machen, beiß in den Apfel, mein kleiner geliebter Mann... Wenn du nach mir davon gekostet hast, werden wir beide wie die Götter sein... — Wie die Götter?... — Versuch nicht, es zu verstehen... Die Schlange hat es gesagt... Adam, entschlossen: — Wenn es die Schlange gesagt hat!... Gib, gib den Apfel... Er beißt mit Gier in den Apfel. Zwei Minuten vergehen in Schweigen; man würde einen Panamisten fliegen hören. (einer der im Panama-Skandal von 1892 kompromittierten Politiker und Finanzleute; Taxil spielt mit „on entendrait voler une mouche“, man würde eine Fliege fliegen hören, gesagt von völliger Stille, wobei „voler“ auch stehlen heißt) Mit einem Mal stößt Adam einen Schrei aus; es ist die Wissenschaft, die bei ihm ankommt. — Bauch des heiligen Grau! (fr. „Ventre-saint-gris !“, der Lieblingsfluch Heinrichs IV.: in „ventre-Dieu“, Gottes Bauch, tritt ein erfundener Heiliger, „saint-gris“, an die Stelle Gottes, um dem Fluch die Blasphemie zu nehmen) ruft er aus, wir sind nackt wie die Würmer!... Das ist sauber (fr. „c’est du propre !“, ein Ausruf: welche Schande! ironisch gesagt)!... — Nabel des Papstes! macht die Frau ihrerseits, ich habe nicht einmal Strumpfbänder!... Das ist unanständig!... — Und wir, die wir heute Abend zum Ball der Orang-Utans gehen sollen!... Unmöglich, uns in Gesellschaft zu zeigen, in so nachlässiger Kleidung!... — Schnell, schnell, wir müssen uns bekleiden!... « Und die Augen der beiden taten sich auf; und da sie erkannten, dass sie nackt waren, nähten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Gürtel daraus. » (Genesis 3:7)
17. Adam und Eva sind sich ihrer Nacktheit bewusst. Merken Sie wohl, dass das erste menschliche Kostüm nicht aus Weinblättern (im Französischen ist das Blatt, das bei nackten Statuen die Scham bedeckt, ein Weinblatt, wo das Deutsche Feigenblatt sagt: Taxil berichtigt den französischen Gemeinplatz mit dem Vers, den er eben zitiert hat) war; der Ruhm der Erfindung des Weinstocks war dem Patriarchen Noah vorbehalten. Nachdem sie sich so bekleidet haben, sehen die beiden Gatten einander an. — Wir sind nicht allzu übel in diesem Aufzug, sagt der Ehemann. — Mir steht das Feigenblatt wunderbar, sagt die Frau... Diese Kleider sind vielleicht ein wenig staubig; sie sind seit der letzten Saison nicht ausgeklopft worden... Bürste mich ein wenig ab, Adam... [45] Ihre Zufriedenheit sollte nicht von langer Dauer sein. « Da hörten sie, beim Wind des Tages, der nach Mittag bläst, die Stimme des Ewigen Gottes, der im Garten spazieren ging (sic). Und Adam und sein Weib versteckten sich vor dem Angesicht des Ewigen Gottes unter den Bäumen des Gartens. » (Genesis 3:8)
18. Adam und Eva verstecken sich beim Ruf Gottes. Dieser Jehova ist, wie man auch hier wieder feststellt, wirklich und wahrhaftig ein körperlicher Gott: er geht spazieren, er spricht; wir haben ihn kneten und blasen sehen. Die Genesis stellt ihren Gott also nach der Art aller anderen Mythologien dar. Die verschiedenen Völker des Altertums hatten nämlich keine andere Vorstellung von der Gottheit; Platon gilt als der erste, der Gott aus einer mehr oder weniger ätherischen Substanz gemacht hat, die nicht ganz und gar Körper war. Die Kritiker fragen, in welcher Gestalt Gott sich Adam zeigte, und später Kain, den Patriarchen, den Propheten, allen denen, zu denen er mit eigenem Munde sprach. Die Tonsurierten antworten, er habe eine menschliche Gestalt gehabt und habe sich nicht anders zu erkennen geben können, da er den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe. Man erwidert, dass die israelitische Religion dann in diesem wesentlichen Punkt allen Religionen auffallend ähnelt, die die katholischen Priester mit dem Namen Heidentum brandmarken; die alten Römer, die die Glaubensvorstellungen der alten Griechen übernommen hatten, stellten sich die Gottheit ebenfalls nur mit menschlichem Aussehen vor. Diese Bemerkung legt die weitere Frage nahe: statt dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild gemacht hätte, sollte nicht vielmehr der Mensch sich Gott nach seinem eigenen Bilde ausgedacht haben? Aber halten wir uns nicht dabei auf; denn eine solche Meinung in seinem Hirn zu beherbergen, heißt sich den Flammen der Hölle weihen. Erinnern wir nur an diese schalkhafte Betrachtung eines Philosophen: wenn die Katzen sich Götter fabriziert hätten, hätten sie sie hinter den Mäusen herlaufen lassen. Einzelheiten wie die vom Spaziergang Gottes im Garten Eden zeigen unwiderleglich, dass es sich in keiner Weise um eine mystische Allegorie handelt; die ganze Erzählung des heiligen Verfassers ist im Stil einer wahren Geschichte. « 9. Und der Ewige Gott rief Adam und sprach zu ihm: Adam, wo bist du? » Er war kläglich und beschämt, Messire Adam (ein alter französischer Titel, den man einem Ritter oder einem Herrn gab; er klingt hier wie eine spöttische Höflichkeit), und auch seiner Frau war nicht wohl zumute. Sie versuchen sich davonzustehlen, sie verstecken sich; aber, ich geb dir davon (fr. „je t’en fiche“, ein umgangssprachlicher Ausruf: keineswegs, keine Rede davon; gesagt wie ein spöttisches Angebot)! wie dem göttlichen Blick entgehen, [46] der über allem schwebt?... Vergebens bemühen sich die Bedauernswerten, ihre Person den Blicken des Höchsten zu verbergen; hinter ihnen, überall, ertönt der schreckliche Ruf des Herrn, der als mächtiger, strenger Gebieter spricht und sich anschickt, seinen Diener, seinen Sklaven zu bestrafen, der ihm ungehorsam gewesen ist. Keine Möglichkeit, aus dieser schlimmen Lage herauszukommen; sie sind erwischt; sie werden die begangene Verfehlung eingestehen müssen. Betreten werden sie schlechte Entschuldigungen stammeln. « 10. [47] Adam antwortete: Herr, ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich, weil ich nackt war, und ich versteckte mich. » Da stehen sie nun also vor dem Chef, vor diesem Gott, der die Zukunft kennt, der den Unfall mit der Schlange und dem Apfel vorausgesehen hatte, und der sich erbost, als hätte er nichts geahnt, als hätte sich das, was eben geschehen ist, nicht vermöge seines allmächtigen Willens zugetragen. Adam und seine Frau denken in ihrer Aufregung nicht [48] daran; sie werden reden wie Schüler, die bei einer Verfehlung ertappt worden sind: — M’sieu (fr. „monsieur“ in der nachlässigen Aussprache), ich hab’ nicht angefangen; sie war’s! — M’sieu, ich werde es nicht mehr tun, so betrübt bin ich... Ah! nein, ganz sicher, ich tu’s nicht wieder, Sie könn’n mir glauben!... « 11. Und Gott sprach zu Adam: Wer hat dir kundgetan, dass du nackt warst? Du musst von dem gegessen haben, wovon ich dir zu essen verboten hatte. 12. Und Adam antwortete: Das Weib, das du mir gegeben hast, dass es bei mir sei, hat mir von der Frucht des Baumes gegeben, und ich habe davon gegessen. 13. Und Gott sprach zu dem Weibe: Warum hast du das getan? Und das Weib antwortete: Die Schlange hat mich getäuscht, und ich habe von der Frucht gegessen. » Jetzt wird Meister Elohim die Bestrafungen verteilen. Er geht der Reihe nach vor, und derjenige, der der erste Schuldige war, wird als erster büßen (fr. „écoper“, ein Argot-Wort: das Wasser aus einem Boot schöpfen, die nasseste Arbeit an Bord, und daher wohl derjenige sein, der die Strafe abbekommt). Achtung! « 14. Da sprach der Ewige Gott zu der Schlange: Weil du das getan hast, sollst du verflucht sein unter allem Getier und allen Tieren der Erde; du sollst fortan auf deinem Bauche gehen und dich von Erde nähren alle Tage deines Lebens. 15. Und ich will Feindschaften setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinen Kindern und den Kindern des Weibes; sie werden suchen, dir den Kopf zu zertreten, und du wirst suchen, sie in die Ferse zu beißen. »
19. Gott wirft Adam und Eva ihre Sünde vor. Diese der Schlange auferlegte Züchtigung beweist ohne mögliche Widerrede, dass die Pfarrer Flunkerer sind, wenn sie mit ihrer Manie, den Teufel überall hineinzustopfen, die Versuchung der Frau dem Dämon zuschreiben, der an jenem Tag die Gestalt des Reptils angenommen habe, jenem Luzifer-Satan, dessen angebliche Empörung und Niederlage in keinem der Bücher der Bibel verzeichnet stehen. Wäre Satan der Schuldige gewesen, so hätte Gott ihm selbstverständlich befohlen, auf der Stelle sein höllisches Domizil wieder zu beziehen, und hätte ihm eine Zugabe an Marter in der Wohnstatt der Finsternis gewährt. Nun trifft die Bestrafung der Versuchung einzig und ausschließlich die Schlange als Getier und Tier der Erde. Nach Vers 14 des Kapitels 3 ist anzunehmen, dass dieser Geber perfider Ratschläge vorher ein mit Beinen versehenes Tier war; und ihr schnitt Gott an jenem [49] Tag wirklich die Beine ab, da er sie dazu verurteilte, fortan zu kriechen — eine Züchtigung, die höchst ungerecht wäre, wenn dieses Tier mit der Affäre nichts zu tun gehabt hätte. — Nehmen Sie an, dass der Abbé Garnier (Théodore Garnier, Priester, Journalist und katholischer Agitator in Paris, Gründer der Union nationale und ein Gegner Taxils, dessen Mystifikation er anprangerte) sich eines schönen Morgens als rechtschaffener Mann verkleidet, dass er das Kostüm anlegt und sich das Gesicht des Papa Ruel (Xavier Ruel, Gründer des Pariser Warenhauses Bazar de l’Hôtel de Ville und Pariser Stadtrat, bekannt für seine Wohltätigkeit; fr. „papa“ ist die vertrauliche Anrede für einen alten Mann, den jeder kennt) zurechtmacht, der ein Philanthrop ist, und dass er dann unter diesem Namen Gaunereien begeht; was geschähe, wenn er endlich eingesperrt, entlarvt und vor das Zuchtpolizeigericht (fr. „la correctionnelle“: Abkürzung für „tribunal correctionnel“, das französische Gericht für Vergehen; Zuchtpolizeigericht hieß es in den deutschen Ländern, die das französische Recht übernommen hatten) gebracht würde? würde das Tribunal den wackeren Papa Ruel zu Geldbuße und Gefängnis verurteilen? Nein, gewiss nicht! es würde sein Urteil gegen den wahren Gauner sprechen, es würde seinen Richterspruch auf den Garnier anwenden, das ist klar. Die Tonsurierten werden also gut daran tun, auf ihr blaues Märchen (fr. „conte bleu“, eine Redewendung: eine Lügengeschichte; nach den blau eingebundenen Heftchen der „Bibliothèque bleue“, der billigen Volksbücher) von Luzifer als Versucher der ersten Frau zu verzichten; diese Flunkerei da hält nicht stand. Oder aber, wenn sie sie trotzdem aufrechterhalten wollen, muss man angesichts des heiligen Textes sagen, dass der Teufel gerissener gewesen ist als der Herr Jehova, und dass dieser, vollständig erweicht (fr. „ramolli“, ein umgangssprachliches Wort: gesagt von einem Mann, dessen Verstand dahin ist; gemeint ist die Gehirnerweichung), in dieser ganzen Affäre nur die Schlange gesehen, nicht das kleinste Stückchen Horn von Luzifer bemerkt und die unschuldige Schlange der Beine beraubt hat. Mein alter Leo XIII., zieh dich da heraus! Offen gesagt, von welchem Gesichtspunkt aus man diese überspannte Episode auch betrachtet, man muss anerkennen, dass der Heilige Geist, dieser Fopper, den frommen Verfasser, der nach seinem Diktat schrieb, wieder einmal zum Narren gehalten hat. Wenn es wahr ist, dass die Kinder der Frau, die Menschen, eine allgemeine Abneigung gegen die Schlangen haben, wenn es wahr ist, dass im Falle einer Begegnung die einen recht gern suchen, diesen den Kopf zu zertreten, die sich ihrerseits verteidigen oder angreifen, indem sie jene in den Fuß oder ins Bein zu beißen suchen, so gibt es dagegen eine von Gott gegen die Schlangen verhängte Strafe, die sie niemals erlitten haben: die Schlangen nähren sich nicht von Erde, niemals, nie und nimmer. Dieses Urteil ist also umgangen worden, es sei denn, Jehova hätte in diesem Punkt das Gesetz Bérenger (das Gesetz von 1891, das den Strafaufschub auf Bewährung in das französische Strafrecht einführte) für anwendbar erklärt; in diesem Falle hat die Bibel vergessen, diesen unbegrenzten Aufschub zu erwähnen. Aber um die Mystifikation des Heiligen Geistes in ihrem ganzen fröhlichen Spott gegenüber den leichtgläubigen Andächtigen auszukosten, muss man das ungeheure Ausmaß der Züchtigung betrachten, die der Schlange auferlegt wurde. Welcher war genau der versuchende Ophidier? Die [50] Bibel sagt es nicht genau; aber das macht wenig aus: es ist offensichtlich, dass es nicht zugleich eine Viper und eine Natter sein konnte, oder eine Boa und eine Klapperschlange; die Arten von Ophidiern, die auf unserem Erdball leben, sind überaus zahlreich. Nehmen wir an, dass es die Natter war, die Madame Adam zur Sünde verleitet hat; nehmen wir sogar an, wenn man will, dass es vernünftig ist, wenn sich die Züchtigung der Natter auf die Nachkommenschaft dieser Art erstreckt, und dass alle Nattern der Zukunft logischerweise [51] der Beine beraubt sind, um die Verfehlung derjenigen von Eden zu sühnen... Nun denn, wenn die Frau es nicht fertiggebracht hätte, den Mann in ihren Ungehorsam hineinzuziehen, wäre sie allein bestraft worden, nicht wahr?... Nun, arme Schlangen! die Natter allein war schuldig; aber siehe da, zugleich haben die Aspisviper, die Naja, die Schellenschlange, die Hornviper, die Blindschleiche, die Viper, der Python, die Cobra-capello, die Rollschlange, der Elaps, der Erpeton, der Bothrops, die Lanzenschlange, der Atropos, die Hypnale, das Rhodostoma, der Humbroni, der [52] Bungar, der Psammophis, der rattenfressende Eunectes, der Oxyrhopus, die Boa constrictor, der Molurus und ihre Nachkommenschaft ihre Beine verloren und kriechen auf immer, trotz ihrer unbestreitbaren Unschuld!... « 16. Gott sprach darauf zu dem Weibe: Ich will deine Nöte und deine Schwangerschaften mehren; und du sollst mit Schmerzen gebären; und du sollst unter der Herrschaft deines Mannes sein. » Einstimmig sind die Kommentatoren der Ansicht, dass die Strafen dieses Urteils nicht nur auf Madame Adam zielen, sondern auf alle Frauen bis zum Ende der Welt. Ohne uns bei dem aufzuhalten, was dieses System an Ungerechtem hat oder wie es einen ziemlich übergeschnappten (fr. „loufoc“, meist „loufoque“ geschrieben, ein Argot-Wort: „fou“, verrückt, verkleidet im Largonji, dem Pariser Argot, der den ersten Buchstaben eines Wortes ans Ende wirft und ein l an seine Stelle setzt — „fou“ gibt „louf“ — und dann die Endung anhängt, die am besten klingt, daher „loufoc“; der Argot heißt „largonji“ nach dem, was er mit „jargon“ macht) Gott verrät, bemerken wir zunächst, dass die erste Frau nicht mit Schmerzen geboren hätte, wenn sie den Verführungen der Schlange hätte widerstehen können. Vor jenem Tag war sie also auf eine ganz andere Weise beschaffen als bei ihrer ersten Niederkunft. Folglich hat Gott in einer Sekunde, das heißt im selben Augenblick, da er seinen Urteilsspruch fällte, den Organismus der Frau von Grund auf umgewälzt. Man sieht es: wenn der Finger Gottes sich daranmacht, bewirkt er erstaunliche Dinge. Zweitens ist es gut zu bemerken, dass es Jehova trotz dieser Allmacht nicht gelungen ist, die Strafen, die er gegen das weibliche Geschlecht erlassen hat, zur allgemeinen Regel zu machen: einerseits gibt es viele Frauen, die ohne Schmerzen niederkommen; andererseits sind diejenigen, die in ihrem Haushalt die Hosen tragen, diejenigen, die ihren Mann an der Nasenspitze führen, statt unter seiner Herrschaft zu stehen, Legion in allen Klassen der Gesellschaft. « 17. Dann sprach Gott zu Adam: Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört und von der Frucht des Baumes gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte, soll die Erde verflucht sein um deinetwillen, und du sollst von ihr essen mit Arbeit alle Tage deines Lebens. 18. Und die Erde soll dir Dornen und Disteln tragen; und du sollst das Gras der Felder essen. 19. Und du sollst dein Brot essen im Schweiße deiner Stirn, bis dass du zurückkehrst zu dieser Erde, davon du genommen bist; denn du bist Staub, und zu Staub sollst du zurückkehren. » Dieselbe Bemerkung wie oben: die Züchtigung Adams muss ebenso alle Männer treffen; vollkommene [53] Einstimmigkeit der Theologen über die Auslegung dieser drei Verse der Genesis. Das Schrecklichste an dem Urteil ist die Verurteilung zum Tode. Freilich vergisst der unaussprechliche Jehova, was er zuvor dekretiert hatte, nämlich dass der Mensch, im Falle des Futterns (fr. „boulottage“, von „boulotter“, einem umgangssprachlichen Wort für essen) der verbotenen Frucht, des Todes sterben würde, und zwar am Tage des Vergehens selbst (Genesis 2:17). Dieser Gedächtnismangel des Papa Lieber Gott trug dem Verurteilten einen recht beträchtlichen Aufschub der Hinrichtung ein; denn wenn man der Bibel glauben darf, lebte Adam noch... neunhundertdreißig Jahre (Genesis 5:5). Aber wenn Adam den Apfel nicht gegessen hätte, wäre er niemals gestorben, und wir selbst, wir alle, wären unsterblich. Neugierige Leute fragen: Was hätten dann also die Menschen an dem Tage getan, an dem die Erde nicht mehr ausgereicht hätte, sie zu fassen? denn da Adam und seine Frau gleich bei ihrer Erschaffung die Fähigkeit erhalten hatten, sich zu vermehren, wäre zwangsläufig ein Augenblick gekommen, wo ihre Kinder und die Kinder ihrer Kinder unseren Planeten auf üppige Weise bevölkert hätten. Es ist offensichtlich, dass dieses Problem unlösbar ist. Also hatte Gott es gewissermaßen nötig, dass Adam die Sünde beging: Der Tod erscheint so als eine Notwendigkeit; aber Gott lag daran, dass der Mensch sich einbildete, ganz und gar im Unrecht zu sein, und deshalb stellte er unseren ersten Eltern die Falle des Apfels und gab der Schlange, die er der Versuchung fähig wusste, die Sprache. Wenn Gott so existiert, wie die Bibel ihn darstellt, so trifft das dermaßen zu, dass die Schlange seit jener Zeit verstummt ist, obwohl der Verlust der Sprache nicht zu den Strafen zählt, die ihr auferlegt wurden. Eine andere Beobachtung drängt sich dem Geist von selbst auf; sie betrifft das Brot, das Adam und seine Nachkommenschaft mit einem großen Aufgebot an Schweiß zu essen verurteilt worden sind. Es ist wahrscheinlich, dass es in den Urzeiten kein Brot gab und dass die Menschen sich damals ernährten wie die wilden Völkerschaften, die noch heutzutage existieren. Aber kritteln wir nicht wegen so wenig, und geben wir zu, dass der Herr Jehova vorgreifend gesprochen habe. Die Juden, für die die Bibel geschrieben wurde, aßen in der Tat Brot. Nun sagen uns die Tonsurierten, dass dieses Buch nicht ausschließlich für die Juden geschrieben worden sei und dass es im Namen des Heiligen Geistes das religiöse Gesetz der ganzen Welt sei. In diesem Fall [54] ist man gezwungen anzuerkennen, dass man nur in den Ländern Brot isst, wo das Korn wächst: Die Lappen, Rentierhirten und Robbenfänger, und im Allgemeinen alle Völker der polaren Breiten wissen absolut nichts von der Existenz des Mehls; in zahlreichen Gegenden Indiens, Amerikas, Zentral- und Südafrikas lebt man von Früchten und vom Ertrag der Jagd. Will man etwa sagen, dass Gott das Wort Brot im übertragenen Sinne gebraucht hat und dass es jede Art von Nahrung bezeichnet? Man kann [55] antworten, dass die Züchtigung ebenso wenig allgemein ist: Wenn die Arbeiter schuften, um sich zu ernähren, wenn jeder, der von seiner Arbeit lebt, sich so infolge der Verfehlung Adams getroffen sieht, so gilt das nicht für die Genussmenschen des Lebens, die reich geboren werden, Millionäre durch Erbschaft. Und erst die dicken Domherren! wenn die schwitzen, dann im Sommer, wegen ihres Fetts; es ist nicht ihre Arbeit, die sie ihr tägliches Brot mit Schweiß begießen lässt! [56] Der Vers 18 insbesondere ist sehr böswillig gegenüber der Menschengattung. Außer dem Brot ist der Mensch verurteilt, nur das Gras der Felder zu essen, wie das Vieh; was wird ihm die Erde hervorbringen? Dornen und Disteln. Der Tauber macht uns da etwas Schönes weis! Gott zum Trotz essen die Menschen etwas anderes als Brot und Gras. Fragen Sie Lucullus. Oder aber, warum zerstört Jehova nicht mit Blitzschlägen die Restaurants, die sich erlauben, Fleischgerichte auf ihrer Karte zu führen? Unnötig, weiter darauf einzugehen. Hier ist es am Platz zu sagen, dass Adam gut beraten gewesen wäre, den Vater Lieber Gott spazieren zu schicken (fr. „envoyer promener“, eine Redewendung: jemanden zum Teufel schicken; Taxil nimmt sie wörtlich, da Jehova gern in seinem Baumgarten spazieren geht), da das Spazierengehen Jehova gefällt. Folgendes aber geschah nach der Verkündung des Richterspruchs: « 20. Da nannte Adam sein Weib Eva, weil sie die Mutter aller Lebendigen ist. » Der liebe Mann hatte noch nicht daran gedacht, seiner Gefährtin einen Namen zu geben; bis dahin hatte er sich darauf beschränkt, sie als Männin zu bezeichnen, wie man es in Vers 23 des 2. Kapitels gesehen hat. Das Merkwürdige ist, dass der Name, den Adam seiner Gattin gab, gerade ein hebräischer Name ist; Hévah (die Form, die Taxil dem hebräischen Namen gibt; die heutigen Bibeln sagen „Eva“, vom hebräischen „Chawwa“, „die Lebendige“) bedeutet « das Leben ». Daher darf man den Verfasser der Genesis vor dieses Dilemma stellen: Entweder ist die Sprache unserer ersten Eltern das Hebräische, und dann muss man, da diese Sprache nicht verloren gegangen ist, die Geschichte vom Turm zu Babel durchstreichen; oder Adam hat seiner Frau einen Namen gegeben, der aus der famosen Ursprache genommen ist, die heute verloren ist, und dann hat der heilige Verfasser einen Missgriff begangen. In dem einen wie in dem anderen Fall hat der inspirierende Tauber auch dieses Mal wieder den Schriftsteller zum Narren gehalten. Nun wird man sehen, dass Jehova Adam und Eva entgegen der verbreiteten Meinung nicht unverzüglich aus dem irdischen Paradies vertrieb. Zunächst machte sich Papa Lieber Gott, der ihr Kostüm aus Feigenblättern zu dürftig fand, aus dem Stegreif zum Schneider. « 21. Und der Ewige Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und kleidete sie damit. » Da haben wir also für die Anfertigung dieser Kleider ein Gemetzel an unschuldigen Tieren; das Schlachthaus war von Elohim in Person eingeweiht. Wie können Sie danach erwarten, dass unsere ersten [57] Eltern nicht alsbald daran gedacht hätten, das Fleisch der so hurtig hingeopferten und abgehäuteten Tiere für ihre Nahrung zu verwenden? Verflixt sei die Kost von Brot und Gras! müssen sie bei sich gesagt haben. Und der Herr Jehova hätte Adam und Eva sehr wohl in Eden leben und sterben lassen, wenn er nicht, einige Zeit nachdem er sie gekleidet hatte, an diesen wundersamen Baum des Lebens gedacht hätte, in dessen Früchte zu beißen dem Mann und der Frau nicht eingefallen war. « 22. Der Ewige Gott aber sprach bei sich: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns (sic); er kennt das Gute und das Böse. Nun aber muss man sich hüten, dass er nicht auch seine Hand ausstrecke nach dem Baum des Lebens und dessen Frucht pflücke und esse und also ewiglich lebe. » So lautet der Vers 22, den die Tonsurierten aus gutem Grund in ihren Zusammenfassungen der Bibel auslassen. Also, das ist doch klar: Unsere beiden Tölpel Adam und Eva, denen die Frucht des Baumes des Lebens nicht verboten worden war, vernachlässigten sie törichterweise; und wenn der Mann und die Frau, während Jehova damit beschäftigt war, ihre Kostüme aus Fellen zuzuschneiden, die gute Eingebung gehabt hätten, sich auf eine dieser wunderbaren Früchte zu stürzen und sie rasch hinunterzuschlucken, dann wäre es der alte jähzornige Richter gewesen, der eine Nase gemacht hätte (fr. „faire un nez“, eine Redewendung: ein enttäuschtes Gesicht machen)!... Zack! sein Urteil wäre mit einem Male unvollstreckbar geworden. Nicht wahr, sie ist entschieden ulkig, die Heilige Bibel, sobald man sie genau liest?... Nicht nur hat er das Augenflimmern (fr. „avoir la berlue“, eine Redewendung: sehen, was nicht da ist; „berlue“ ist eine vorübergehende Blendung der Augen), dieser einzige Gott, der eine Feststellung der Existenz mehrerer Götter fallen lässt; sondern er, der angeblich Allmächtige, gesteht auch noch wie ein Schwachkopf seine Ohnmacht ein, seinen Urteilsspruch, der auf Verurteilung zum Tode lautet, zu vollstrecken. Woran das hing, sehen Sie nur! Mit Geistesgegenwart hätten sich Adam und Eva unsterblich gemacht, Gott selbst zum Trotz!!! Und wie sehr sich der alte Jehova beglückwünscht haben muss, sich endlich wieder an diesen Schelm von einem Baum des Lebens erinnert zu haben!... nein, es zu sagen, ist gar nichts (fr. „ce n’est rien de le dire“, eine Redewendung: das ist noch viel zu wenig gesagt)... Sicherlich hatte er einen Knoten in sein Taschentuch gemacht. Ohne das!... « 23. Und der Ewige Gott schickte Adam aus dem Garten Eden hinaus, auf dass er die Erde pflügte, aus der er geknetet worden war. 24. Also trieb er den Menschen aus; und da stellte er einen Cherub [58] vor den Eingang des Gartens, mit einer Schwertklinge von Feuer, die sich hierhin und dorthin wandte, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewahren. »
20. Adam und Eva aus dem irdischen Paradies vertrieben. (das Schild am Tor lautet „Campagne à louer“, Landhaus zu vermieten: das Paradies steht zur Miete) Irrtum ausgeschlossen, nicht wahr?... Es war wirklich dieser unglückselige Baum des Lebens, der Meister Elohim am meisten beschäftigte. Um keinen Preis durften Adam und Eva dorthin zurückkehren können. Aber was für eine verwünschte Idee hatte Papa Lieber Gott auch gehabt, diesen Baum zu schaffen!... Sehen wir einmal: Mit seiner Kenntnis der Zukunft wusste er [59] mit Gewissheit, dass unsere ersten Eltern sündigen würden und dass er sie zum Tode verurteilen würde, sie und die ganze menschliche Rasse; also konnte ihm dieser Baum des Lebens nur im Wege sein; es war so einfach, ihn nicht zu pflanzen!... Da haben wir einen heiligen Jehova, der nicht schlecht daran täte, sich der Duschkur (fr. „au régime des douches“: kalte Duschen waren die übliche Behandlung in den Irrenanstalten der Zeit) zu unterziehen; allerdings glänzen die hydrotherapeutischen Anstalten im Himmel vielleicht durch ihre Abwesenheit (fr. „briller par son absence“, eine Redewendung: dieselbe wie das deutsche „durch Abwesenheit glänzen“), obwohl der Anfang der Genesis uns über die Existenz oberer Wasser belehrt hat, die [60] oberhalb der Ausdehnung liegen, in der sich die Gestirne bewegen... Und dann diese Idee, einen Cherub mit flammendem Schwert an der Pforte Edens unbeweglich hinzustellen, das ist doch so dumm, oh! ja!... Durch ein Wort, durch eine einzige Willensanstrengung hätte Gott den leidigen Baum des Lebens vernichten können, der fortan ohne Daseinsgrund war; und der Allmächtige hat nicht daran gedacht!... Nun, meinetwegen der Cherub, Schildwache ohne Schilderhaus!... Dieser Cherub ist eine kostbare Ordonnanz, falls die Entdeckung Edens irgendeinen neuen Christoph Kolumbus in Versuchung führt. Wohlan, gesucht wird ein Forschungsreisender guten Willens. Will sich unter meinen Lesern jemand einschreiben?... Da Papa Lieber Gott sich die Mühe gemacht hat, die Pforte Edens bewachen zu lassen, da er so weit gegangen ist, Verteidigungsmaßnahmen zu ergreifen, um die Menschheit auf immer daran zu hindern, den Weg zu betreten, der zum Baum des Lebens führt, so heißt das, dass das irdische Paradies und der wunderbare Baum noch irgendwo existieren. Wenn wir beim Erforschen der Gegend, wo die Quellen des Tigris und des Euphrat sind, auf einer Straße vor einem Portal einen Cherub erblicken, der eine Schwertklinge von Feuer schwingt, werden wir keinen Zweifel haben, wir werden sagen können: Wir sind da! hier ist es! Hunderttausend Franken Belohnung dem, der den Cherub findet! Und zunächst, was genau ist dieses Pfarrkind da (fr. „paroissien“, ein umgangssprachliches Wort: ein Individuum, ein Kerl)?... « Cherub » ist das Wort, das im hebräischen Text der Genesis steht. Dieses Wort bedeutet « ein Ochse »; es kommt von charab, « pflügen ». Die Hebräer hatten nämlich zahlreiche Erinnerungen an ihre Knechtschaft in Ägypten bewahrt, und sie kopierten die Ägypter recht weitgehend in manchen Gebräuchen, selbst in dem, was die kleinen Einzelheiten des Kultes betraf; so meißelten sie grob Ochsen, aus denen sie eine Art Sphinxe machten, zusammengesetzte Tiere, wie sie deren in ihre Heiligtümer stellten. Diese Figuren hatten zwei Gesichter, ein Menschen- und ein Ochsengesicht, und Flügel sowie Menschenbeine und Ochsenfüße. Heute haben die Tonsurierten das alles geändert (Anspielung auf Molières „Le Médecin malgré lui“, wo der falsche Arzt Sganarelle, der das Herz nach rechts und die Leber nach links verlegt hat, antwortet: „nous avons changé tout cela“, „das haben wir alles geändert“): Aus Cherub haben sie Cherubin gemacht, und die Cherubinen des neuen Kultes sind junge pausbäckige Engel, aber ohne Leib, die nur einen Kinderkopf mit zwei kleinen Flügeln haben; man sieht solche kuriosen Engel in einer Menge von Kirchenbildern... Es ist wahrscheinlich, dass der engelhafte Pförtner des irdischen Paradieses diesem letzten Signalement nicht entspricht und dass es im Gegenteil ein [61] Cherub nach hebräischer Mode ist, mit einem Kopf mit zwei Gesichtern, deren eines ein Ochsengesicht ist; daran wird unser Forschungsreisender ihn von weitem erkennen können. Oder, wenn es ein Cherubin nach katholischer Mode ist, ohne Leib und Hände, dann muss er sein flammendes Schwert mit den Zähnen halten, und auch auf diese Weise wird er nicht unbemerkt bleiben können. Aber ich neige zu dem Portier (fr. „pipelet“, ein umgangssprachliches Wort: nach Pipelet, dem Portier in Eugène Sues Roman „Les Mystères de Paris“, deutsch „Die Geheimnisse von Paris“; sein Name ging auf alle seines Standes über) mit dem halb Menschen-, halb Rinderkopf. Mutig also auf die Suche nach Eden! Hinweis für Liebhaber!... Selbst wenn es uns nicht gelingen sollte einzudringen, wird der Ausflug interessant sein; man wird zumindest um den Garten herumgehen und die Lage auf den geographischen Karten festlegen, die ohne das immer unvollständig wären. Einstweilen wollen wir jetzt sehen, was Adam und Eva taten, als sie einmal außerhalb des irdischen Paradieses waren, im Besitz der vollständigen Erkenntnis des Guten und des Bösen... einschließlich der Seekrankheit (fr. „le mal de mer“: „mal“ ist zugleich das Böse und die Krankheit, und so schiebt Taxil die Seekrankheit in den Baum des Guten und des Bösen). 2. KAPITEL
Die Heilige Schrift ist nicht reich an biographischen Einzelheiten über die ersten Menschen. Das vierte Kapitel der Genesis macht den Vermutungen der jovialen Kommentatoren kurzerhand ein Ende, die in der Geschichte des Apfels, den Eva auf den Rat der Schlange pflückte und gemeinsam mit Adam aß, das Werk der Liebe haben sehen wollen. Erst nach der Vertreibung aus Eden machten sich unsere ersten Eltern daran, sich eine Nachkommenschaft zu schaffen. Der Text der Bibel ist hinreichend explizit. « 1. Adam aber erkannte Eva, sein Weib, die da empfing und Kain gebar; und sie sprach: Ich habe einen Mann erworben durch den Ewigen. 2. Sie gebar ferner Abel, seinen Bruder. Und Abel ward ein Schäfer, und Kain ward ein Ackermann. » Wer das Studium der Theologie und der Theologen nicht vertieft hat, ist tausend Meilen davon entfernt, die überspannten Diskussionen zu ahnen, die diese gewichtige Affäre der Empfängnis des ersten menschlichen Babys unter den [62] jüdischen und christlichen Kommentatoren hervorgerufen hat. Trotz des obigen Textes haben die einen, die ihn noch nicht klar genug fanden und trotzdem Anhänger des in Eden vollbrachten Werkes der Liebe waren, die Meinung geäußert, dass Eva, kaum erschaffen, ihre Jungfräulichkeit verlor und dass die Schlange, um sie zu versuchen, den Augenblick nutzte, in dem Adam eingeschlafen war, um sich von seinen ehelichen Strapazen auszuruhen. Die anderen, an ihrer Spitze der heilige Hieronymus, der die Vulgata verfasste, indem er unmittelbar aus dem Hebräischen übersetzte, sind der Ansicht, dass [63] der Vers 1 des 4. Kapitels der Genesis beweist, dass Adam nicht eher daran gedacht hat, Eva zu erkennen, als bis sie aus dem Paradies vertrieben wurden. Und die Beurteilungen sind dabei nicht stehen geblieben!... Die Theologen, die die Sichtweise des heiligen Hieronymus angenommen haben, haben sich auf Grund der folgenden schönen Überlegung untereinander gespalten: Zugegeben, dass der Vollzug der Ehe nach dem Weggang aus Eden stattgefunden hat, gibt es keinen Grund, weshalb [64] das alsbald, da, auf der Stelle geschehen sein müsste; also, wann? in welchem genauen Augenblick?... Wenn man Theologe ist, will man alles durchwühlen; diese Männer da sind von einer unvorstellbaren Neugier, vor allem in dieser Art von Fragen. Es hat also Leute gegeben, die verzapft haben, dass Adam die entscheidende Operation fünfzehn Jahre und sogar dreißig Jahre aufschob. Andere treiben die Sache noch weiter und vertreten gravitätisch die Ansicht, dass Adam und Eva, aus gemeinsamem Entschluss und um ihre Sünde zu beweinen, ihre Enthaltsamkeit erst nach... hundert Jahren brachen! Sie glauben, das sei zu Ende?... Ah! wie wenig Sie die Theologen kennen! Einige haben eine Überlieferung aufgestöbert, der zufolge Adam hundertfünfzig Jahre lang exkommuniziert geblieben wäre, weil er von der verbotenen Frucht gegessen hatte, und er hätte während dieser Zeit mit einer Frau gelebt, die wie er aus der Erde gebildet worden wäre und die sie Lilia nennen; sie fügen hinzu, dass er durch seinen Verkehr mit dieser Frau Teufel zeugte, und dass er endlich Eva ehelichte, als seine Exkommunikation aufgehoben wurde, und dass er dann Menschen zeugte. Gerechterweise muss man sagen, dass sich diese Meinung nicht durchgesetzt hat. Schließlich haben andere Kommentatoren, ebenfalls als Ketzer bezeichnet und vom heiligen Epiphanius zitiert, die Ansicht vertreten, dass der Teufel mit Eva zu tun gehabt habe wie ein Ehemann mit seiner Frau, und das sogar nach dem Auszug aus Eden, und dass er von ihr Kain und Abel gehabt habe. Da haben wir also Kompensationen: Adam verlässt Eva, um mit einer anderen Frau Teufel zu machen, und der Teufel sucht Eva auf, um mit ihr Menschen zu machen. Und die Frage der Niederkünfte Evas?... Die lieben Theologen haben auch darin eine unerschöpfliche Fundgrube für Kontroversen gefunden. Aber das würde uns zu weit führen. Zum Schluss erinnern wir an eine berühmte und gelehrte Dissertation des Deutschen Reinhardt, in der die Frage erörtert wird, ob Adam und Eva einen Nabel hatten oder nicht!... Das alles sind Dummheiten, wie jener sagt. Kommen wir zu dem, was ernst ist, da das, was in der Bibel ernst ist, nichtsdestoweniger zum Totlachen ist. Also war Abel Schäfer und Kain Ackermann (Genesis 4:2); und wir werden bald diesen alten Verdrehten von einem Jehova Abel dem Kain vorziehen sehen. Nun, ich bitte Sie, nur eine Sekunde darüber nachzudenken: Welcher der beiden Söhne Adams, bitte sehr, hatte Gott bei der [65] Wahl seines Berufes gehorcht? Kain war es, beim Blauen (fr. „parbleu !“, ein Fluch: hier so viel wie „natürlich!“; „par Dieu“, bei Gott, mit „bleu“, blau, an der Stelle von „Dieu“, Gott; bei Gott zu schwören war Blasphemie, man änderte das Wort und behielt den Fluch; ebenso „morbleu“, „sacrebleu“)! da ja der Ewige der Menschheit befohlen hatte, die Erde zu bebauen und sich ausschließlich von dem zu ernähren, was die Felder hervorbrächten, abgesehen davon, das Korn in Brot zu verwandeln. Abel dagegen wird Schäfer; wenn er Schafherden hütete und züchtete, so war es offensichtlich nicht zum Vergnügen, ihnen beim Weiden zuzusehen und dabei Perlen aufzufädeln (fr. „enfiler des perles“, eine Redewendung: seine Zeit mit Nichtigkeiten vertun); in Wirklichkeit tat er es, weil er den Hammel vor allem unter dem Gesichtspunkt der Keule und der Koteletts schätzte, an denen er sich delektierte, das versteht sich von selbst. Abel verstieß also glatt gegen die ausdrücklichen und jüngsten göttlichen Vorschriften; und er war es, der zum kleinen Liebling des Herrn Jehova wurde!... Wahrhaftig, o unbezahlbare Pfarrer, nicht in eure Tabernakel muss man euren Papa Lieber Gott einsperren; sondern in eine Zelle von Charenton. (die Irrenanstalt von Charenton bei Paris; ihr Name ist im Französischen zum Wort für „Irrenhaus“ geworden) « 3. Es begab sich aber nach einiger Zeit, dass Kain dem Ewigen Früchte der Erde als Opfergabe darbrachte; 4. Und dass auch Abel von den Erstgeborenen seiner Herde darbrachte und von ihrem Fett. Und der Ewige war zufrieden mit Abel und mit seinen Gaben; 5. Aber er war nicht zufrieden mit Kain noch mit seinen Gaben. Und Kain ward erzürnt, und sein Antlitz ward niedergeschlagen. »
21. Gaben Abels an Gott. Da war in der Tat Grund genug, es schlecht zu finden (fr. „la trouver mauvaise“, eine Redewendung: es ganz und gar nicht komisch finden). « 6. Und der Ewige sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum ist dein Antlitz niedergeschlagen? 7. Wenn du wohl tust, wird es nicht angenommen werden? Aber wenn du nicht wohl tust, so ist die Strafe der Sünde vor der Tür. Ihre Begierden aber richten sich auf dich; und sie wird unter deiner Macht sein. »
22. Gaben Kains. Die Bibel erwähnt keine Antwort Kains an Gott. Ich gestehe: Hätte ich mich an seiner Stelle befunden, so hätte mich der unverständliche Galimathias des Verses 7 vollständig betäubt. Kain war kein Prophet. Sonst hätte er, ohne sich um den obengenannten Galimathias zu kümmern, seinem Gegenüber antworten können: — Es sind also die Gaben aus Fleisch, die Sie vorziehen, mein alter Jehova?... Nun, Sie geben ein Beispiel, dem die heidnischen Opferpriester folgen werden... Sie haben gerade denselben Geschmack, den die Götzen haben werden, und dieser Geschmack wird später für grob und der Gottheit unwürdig erklärt werden... wissen Sie, von wem?... von den Priestern des Katholizismus selbst. Aber Kain antwortete nicht. Dieser Mann, der sich [66] so viel Mühe gegeben hatte, den Anbau seiner Melonen zu gutem Ende zu führen, der dem Herrn seine saftigsten Kantalupen darbrachte und sie verachtet sah, dieser Mann begriff, dass Gott sich obendrein (fr. „par-dessus le marché“, eine Redewendung, wörtlich „über den Handel hinaus“) über ihn lustig machte, und er war darüber so gekränkt, dass er einen Augenblick lang den Kopf verlor. Anstatt dem kapriziösen und unhöflichen Jehova zu grollen, beging er den Fehler, es an seinem Bruder auszulassen. « 8. Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: Lass uns hinausgehen. Und [67] als sie auf den Feldern waren, erhob sich Kain wider Abel, seinen Bruder, und tötete ihn. »
23. Ermordung Abels durch Kain. Das hat sich nicht lange hingezogen, man sieht es; Kain war ein rascher Bursche. Er lädt seinen Bruder ein, einen kleinen Spaziergang ins Freie zu machen; er zieht ihn mit sich auf die Felder, unter irgendeinem Vorwand, um zusammen Käfer zu suchen, zum Beispiel. Dort angekommen, schnell ein deutscher Streit, wegen Stiefeln (fr. „une querelle d’allemand, à propos de bottes“, zwei Redewendungen: ein „deutscher Streit“ ist ein ohne jeden Anlass gesuchter Streit, und „wegen Stiefeln“ heißt so viel wie wegen nichts); dann ein guter Hieb mit der Hacke auf den Kopf. Zack! das wär’s. Und es ist der [68] Liebling des Papa Lieber Gott, der in der Menschheit den Tod einweiht. Was geht danach in Kains Schädel (fr. „la caboche“, ein umgangssprachliches Wort: der Kopf) vor? Ist er vernichtet beim Anblick seines Verbrechens?... Überhaupt nicht. Er verwandelt sich plötzlich in einen verstockten Schurken, in Bagnowild (fr. „gibier de bagne“, eine Redewendung: ein Mensch, der dem Bagno, der französischen Strafanstalt für Zwangsarbeit, schon gehört wie das Wild dem Jäger). Er hat nicht die geringsten Gewissensbisse, und er, vorhin noch so niedergeschlagen, wird sich gegenüber dem Herrn Jehova insolent zeigen, der ihm keinerlei Furcht einflößen wird. « 9. Und der Ewige sprach zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Und Kain antwortete ihm: Ich weiß nichts davon; bin ich denn der Hüter meines Bruders, ich? »
24. « Kain, was hast du mit deinem Bruder getan? » Man glaubt das Tableau zu sehen: Papa Lieber Gott, wie er an der Ecke einer Wolke erscheint und den Mörder anredet, und Kain, der ihm so etwas zuwirft wie Und deine Schwester (fr. „Et ta sœur ?“, eine spöttische Redensart aus Paris: kümmere dich um das, was dich angeht)? mit der vollkommenen Seelenruhe eines Berufsverbrechers, der alle Spuren des Meuchelmords verwischt zu haben glaubt und den Gendarmen eine fußlange Nase macht. Nun hatte Jehova keine Einzelheit des Dramas verpasst; diesmal versagte sein göttliches Auge nicht. « 10. Und Gott sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit von der Erde bis zu mir. »
25. Das Blut des Opfers erhebt sich gegen den Meuchelmörder. Es ist klar, dass eine schreckliche Züchtigung so viel Schurkerei und Unverfrorenheit bestrafen wird. Sehen wir uns also die Fortsetzung der Rede Jehovas an: « 11. Darum sollst du nun verflucht sein, selbst von der Erde, die ihren Mund aufgetan hat, um von deiner Hand das Blut deines Bruders zu empfangen! 12. Wenn du die Erde pflügen wirst, soll sie dir hinfort ihre Frucht nicht geben; und du sollst auch ein Vagabund und ein Flüchtling sein auf der ganzen Erde. » Da ist Kain zur Vagabondage verurteilt, dazu, weder Feuer noch Ort zu haben (fr. „ni feu ni lieu“, eine Redewendung: weder Herd noch Wohnsitz), immer zu gehen, ohne irgendwo haltmachen zu können, ein Vorläufer des legendären umherirrenden Juden. Aber wenn er ein Flüchtling ohne Ruhe noch Rast sein soll, so wird er nicht zugleich Pflüger sein, was seinem Wesen nach ein sesshafter Beruf ist; wie sollte er es anstellen zu pflügen, selbst ganz vergeblich? — Wenn ein der Vagabondage Beschuldigter dem Gericht beweist, dass er Pflüger ist, wenn er nachweist, dass er ein Feld besitzt und dass er es bebaut, so ist sein Freispruch gewiss; die Anklage ist zusammengebrochen, er ist kein Vagabund. [69] Daraufhin bekommt Kain den Bammel (fr. „frousse“, ein Argot-Wort: eine übergroße, oft kopflose Angst), einen solchen Bammel, dass er vergisst, dass die Menschheit im Ganzen aus drei Personen besteht, seinem Vater, seiner Mutter und ihm selbst, und dass er sich einbildet, seinerseits von den anderen Menschen getötet werden zu können, die nicht existieren. Das ist mir eine hübsche Gehirnzerrüttung! Nun, das steht ausgeschrieben in der Bibel. « 13. Und Kain sprach zu dem Ewigen: Meine Strafe ist größer, denn ich tragen kann. 14. Siehe: du hast mich heute von dieser Erde vertrieben, und ich werde mich vor deinem Angesicht verbergen, und ich werde ein Vagabund und ein Flüchtling sein auf der ganzen Erde; dann wird es geschehen, dass mich töten wird, wer mir begegnet. » Damit legt sich der Grimm des alten Jehova. Er erlässt Kain seine Verurteilung zu lebenslänglicher Vagabondage nicht; aber da auch er den Sinn für die Lage verliert, will er nicht, dass die Strafe verschärft werde. Daher nimmt er Kain unter seinen Schutz gegen diese unmöglichen Meuchelmörder. Wenn das kein Delirium ist, so frage ich, was dann eines ist! « 15. Und der Ewige sprach zu Kain: Wer Kain tötet, der soll siebenmal doppelt bestraft werden. Und Gott machte ein Mal an Kain, auf dass die, welche ihm begegneten, ihn nicht töteten. »
26. Kain wird mit einem Zeichen der Verwerfung gezeichnet. Man erwartet, jetzt irgendeine Erzählung von der Vagabondage Kains zu lesen. Ah! aber nein doch! Niemand war sesshafter als dieser Flüchtling. « 16. Da ging Kain hinaus von dem Angesicht des Ewigen, und er kam und wohnte im Lande Nod, gegen Morgen von Eden. 17. Daselbst erkannte Kain sein Weib, die empfing und gebar Henoch; und er baute eine Stadt, die er Henoch nannte, nach dem Namen seines Sohnes. » Wir erfahren daraus, dass Kain heiratete: Der Verfasser sagt nicht, mit wem; aber es fließt aus der Quelle (fr. „couler de source“, eine Redewendung: sich von selbst ergeben), dass Adam und Eva Töchter hatten, von denen die Bibel zu sprechen versäumt hat, und dass Kain eine seiner Schwestern ehelichte. Wir wollen es ihm nicht als Verbrechen anrechnen; die Blutschande war in den ersten Zeiten der Menschheit obligatorisch. Was uns eher aufspringen lässt, so groß ist unsere Überraschung, das ist diese von Kain gegründete Stadt. Das ist schon stark, ein Vagabund, der eine Stadt baut; aber welche Arbeiter hatte er in seinem Dienst? welche Werkzeuge verwendete man, um die Häuser zu errichten? und wo rekrutierte Kain schließlich Stadtbürger, [70] um seine Stadt Henoch zu bevölkern?... Und der Heilige Geist, dieser Fopper, hat den frommen Verfasser, den er inspirierte, diese schöne Geschichte schlucken lassen!... Die folgenden Verse geben uns die Nachkommen Kains. Henoch zeugt Irad; Irad zeugt Mahujael; Mahujael zeugt Methusael. Man weiß von diesen Gestalten nur ihren Namen. Methusael zeugt einen gewissen Lamech, der im Heiraten naschhafter war als seine edlen Ahnen. Der ehrwürdige Lamech ist nämlich [71] der Erfinder der Polygamie; er leistet sich zwei Frauen für sich ganz allein, was beweist, dass der Artikel allmählich aufhörte, selten zu sein. Von seiner Frau Ada hatte er zwei Söhne, genannt Jabal und Jubal, und von seiner Frau Zilla hatte er einen Sohn, Thubalkain, und eine Tochter, Naema. Es scheint, dass die Söhne Jabals der von ihrem Vorfahren Kain gebauten Stadt das Land vorzogen; denn sie waren die Ersten auf Erden, die unter Zelten wohnten (Genesis 4:20). Was die [72] Söhne Jubals betrifft, so gefiel ihnen die Stadt dagegen, und sie waren die lustigsten der Familie; sie liebten die Musik. « Jubal war der Vater aller, die auf der Geige und der Orgel spielen. » (4:21) Thubalkain seinerseits war der biblische Vulkan: « er schmiedete allerlei Werkzeuge aus Erz und Eisen. » (Genesis 4:22) Der Polygamist Lamech scheint in seiner Zimmerdecke eine Spinne (fr. „avoir une araignée au plafond“, eine Redewendung: ein wenig verrückt sein; die Zimmerdecke steht für den Kopf) von ziemlich schöner Größe einquartiert zu haben; denn die Genesis berichtet uns von ihm einen Speech, der den Vorzug hat, kurz zu sein, den aber kein Kommentator jemals hat verstehen können. « 23. Lamech aber sprach eines Tages zu Ada und zu Zilla, seinen Weibern: Ihr Weiber Lamechs, höret wohl auf meine Worte. Ich werde einen Mann töten, wenn ich verwundet werde; ich werde sogar einen Jüngling töten, wenn ich zerschlagen werde. 24. Denn wenn Kain siebenmal doppelt gerächt werden sollte, so werde ich, Lamech, siebzigmal siebenmal gerächt werden. » Diese Rede verblüffte Mesdames Ada und Zilla im höchsten Grade; sie waren davon wohl wie versteinert und baten nicht um die geringste Erklärung. Die Heilige Schrift geht unmittelbar dazu über, die Geburt Seths, des dritten Sohnes Adams, zu erwähnen. « 25. Und Adam erkannte abermals sein Weib, die gebar einen Sohn und nannte ihn Seth; denn Gott, sprach sie, hat mir einen anderen Sohn gegeben, als Ersatz für Abel, den Kain getötet hat. « 26. Und dem Seth ward ein Sohn geboren, und er nannte ihn Enos. Zu der Zeit fing man an, den Namen Jehovas anzurufen. » Das fünfte Kapitel der Genesis ist einzig der Genealogie Noahs, eines Nachfahren Adams durch Seth, gewidmet. Der heilige Verfasser befasst sich nicht mehr mit den Nachkommen Kains. Wir finden also die folgende Reihenfolge, in der nur die ältesten Söhne genannt sind: Seth, Enos, Kenan, Mahalaleel, Jared, Henoch, Methusalah, Lamech, Noah. Aber das Merkwürdigste an diesem Kapitel ist die Behauptung der außerordentlichen Langlebigkeit all dieser Patriarchen. Adam war hundertdreißig Jahre alt, als er Seth bekam, und er lebte noch achthundert Jahre. Seth starb mit neunhundertzwölf Jahren; Enos mit neunhundertfünf Jahren; Kenan mit neunhundertzehn Jahren usw. Am jüngsten starb Lamech, der Vater Noahs; dieser Lamech, den man nicht mit dem verdrehten Polygamisten von vorhin verwechseln darf, verstarb im siebenhundertsiebenundsiebzigsten Frühling seines Alters. [73] Henoch, der Sohn Jareds, war gerissener als alle anderen; er starb schlichtweg nicht. « 21. Henoch lebte fünfundsechzig Jahre, und alsdann zeugte er Methusalah. 22. Und Henoch, nachdem er Methusalah gezeugt hatte, ging dreihundert Jahre lang mit Gott spazieren (fr. „se promena avec Dieu“: die Bibel Ostervalds hat „marcha avec Dieu“, „wandelte mit Gott“; der Spaziergang stammt aus Voltaires Vers 24, „Il se promena avec Dieu“, und Taxil überträgt ihn auch auf diesen Vers); und er zeugte Söhne und Töchter. 23. Die ganze Zeit also, die Henoch lebte, war dreihundertfünfundsechzig Jahre. 24. Henoch aber, nachdem er also mit Gott spazieren gegangen war, erschien nicht mehr, weil Gott ihn hinwegnahm. » (Genesis, ch. 5)
27. Henoch, ein alter Patriarch, wird in den Himmel entrückt. Diese Episode ist zu schön; jeder beliebige Kommentar würde sie deflorieren. Bewundern wir! Was Methusalah betrifft, so ist er es, der den Becher der Langlebigkeit herunterholte (fr. „décrocher la timbale“, eine Redewendung: den Preis davontragen; auf dem Jahrmarkt hing der Becher, die „timbale“, oben am eingefetteten Kletterbaum, und wer hinaufkam, gewann ihn). Er war rüstig, der Biedermann; urteilen Sie selbst. Er lebte in Enthaltsamkeit bis zum Alter von hundertsiebenundachtzig Jahren, einem glücklichen Zeitpunkt, zu dem er sich den Luxus gönnte, ein Balg zu haben (fr. „un moutard“, ein umgangssprachliches Wort: ein kleines Kind), und nach der Geburt des jungen Lamech II. brachte er es fertig, noch siebenhundertzweiundachtzig Jahre zu leben, wobei er bis zuletzt Beweise seiner Manneskraft gab.
28. Methusalah ist Vater mit hundertsiebenundachtzig Jahren. « 26. Methusalah, nachdem er Lamech gezeugt hatte, lebte siebenhundertzweiundachtzig Jahre und zeugte noch Söhne und Töchter. » (Wörtlich!) Insgesamt: neunhundertneunundsechzig Jahre. Entschuldigen Sie das Wenige!... (fr. „Excusez du peu !“, ein spöttischer Ausruf: angesichts von etwas Übermäßigem gesagt, als entschuldigte man sich, dass es so wenig sei) In jener Zeit hatte man ein zähes Leben (fr. „avoir la vie dure“, eine Redewendung, wörtlich „das harte Leben haben“). Und der Vater Noah?... « 30. Lamech nannte seinen Sohn Noah und sprach: Dieser wird uns entlasten von unserem Werk und von der Arbeit unserer Hände, auf dieser Erde, die der Ewige verflucht hat... 33. Und Noah hatte fünfhundert Jahre überschritten, als er Sem, Ham und Japheth zeugte. » Fünfhundert Jahre alt sein und erst dann anfangen, seine kleine Frau zu beschnäbeln (fr. „becqueter“: picken wie ein Vogel; umgangssprachlich auch mit kleinen Küssen bedecken)?... Besser spät als nie!... Man hat viel Tinte fließen lassen über die außerordentliche Langlebigkeit der Patriarchen der Genesis. Katholische Doktoren, die spürten, wie gar zu schwer verdaulich diese Flunkereien waren, haben versucht, die Erzählungen des Heiligen Geistes vor der Lächerlichkeit zu retten; sie haben vorgebracht, man müsse unter Jahren vielleicht Mondmonate verstehen, indem sie andeuteten, dass man zu jener Zeit [74] vermutlich ausschließlich nach Monden zählte. Nach dieser Rechnung wäre Methusalah als Achtzigjähriger gestorben, das ist alles. Aber die Eiferer, die an diesen Wundern der Langlebigkeit der ersten Menschen festhalten, haben diese gefälligen Kommentatoren gehörig abgekanzelt. Unter anderen erklärt der Domherr Rohrbacher in seiner Allgemeinen Geschichte der Kirche, dass es sich sehr wohl um Jahre von zwölf Monaten handelt, und er führt namentlich das Beispiel Abrahams an, der [75] nach der Genesis « in einem glücklichen Alter starb, da er sehr betagt und der Tage satt war, nachdem er hundertfünfundsiebzig Jahre gelebt hatte » (Genesis 25:7-8). Wenn man nach Mondmonaten zählen müsste, Abraham hätte also im Ganzen nur vierzehn Jahre und sieben Monate gelebt, sagt Rohrbacher, und das würde nicht mit den Ausdrücken übereinstimmen, die der heilige Verfasser gebraucht. Um zu beweisen, dass die in der Genesis angegebenen Jahre wirklich zwölf Monate haben, führt derselbe Theologe noch mehrere [76] Gestalten an, deren Alter im Augenblick der Geburt ihres Erstgeborenen der göttliche Text bekannt gibt: Enos, Kenan, Mahalaleel zeugten im Alter von neunzig, von siebenzig, von fünfundsechzig Jahren; wenn man nach Mondmonaten zählt, sagt Rohrbacher, müsste man also annehmen, dass sie im Alter von siebeneinhalb Jahren, von fünf Jahren zehn Monaten, von fünf Jahren fünf Monaten Kinder gehabt hätten! Und Nahor, der nach dem biblischen Text mit neunundzwanzig Jahren zeugte, kann man vernünftigerweise glauben, ruft der hochgelehrte Domherr aus, dass das heißen soll, er sei in Wirklichkeit zwei Jahre und fünf Monate alt gewesen, als er sein erstes Kind bekam?... Nein, guter Rohrbacher, und Sie sind es, der recht hat: Die Jahre, von denen die Genesis spricht, haben unbestreitbar zwölf Monate. Daher ist nichts amüsanter als der Fall des Biedermanns Noah, der wartete, bis er volle fünfhundert Jahre alt war, um zizi-panpan zu machen (ein scherzhaftes französisches Wort für den Beischlaf; gebildet aus zwei Kinderwörtern, „zizi“, dem Geschlechtsteil, und „panpan“, dem Klatschen der Klapse auf den Hintern). 3. KAPITEL
Hier sind wir bei einer der merkwürdigsten Stellen der Bibel angelangt, einer von denen, deren Unterdrückung in den Handbüchern der heiligen Geschichte am besten das Sans-Gêne (wörtlich „ohne Genieren“: ein Handeln ohne die Scheu, die einen anderen zurückhielte; das Deutsche hat das Wort aus dem Französischen übernommen) der Priester in ihrer Kunst zeigt, die Dogmen zu fabrizieren und umzumodeln. Da sind Schlingel, die ihren Schäflein in allen Tonarten vorleiern (fr. „seriner“, von der „serinette“, der Vogelorgel, die dem „serin“, dem Kanarienvogel, dieselbe Weise so lange vorspielte, bis der Vogel sie konnte), dass die Bibel ein seinem Wesen nach göttliches Werk ist, dass sie unter der direkten Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben worden ist, dass alles, was darin geschrieben steht, die Wahrheit selbst ist, die vollkommenste und reinste Wahrheit, dass es das ehrwürdige Buch schlechthin ist. Wenn also unsere Tonsurierten meinten, was sie sagen, so müssten sie voller Achtung vor der Bibel diese den Andächtigen vollständig bekannt machen, nicht einen einzigen Vers davon verbergen. Denn in Sachen des religiösen Glaubens muss man ein heiliges Buch annehmen, wie es ist; oder, wenn man diese oder jene Stelle daraus entfernt, weil sie im Widerspruch zu gewissen Punkten der theologischen Wissenschaft steht, die man zu Glaubensartikeln erklärt hat, so ist das ganze Buch zu verwerfen, es ist nicht mehr heilig, sondern verächtlich; die [77] Lüge einer Tatsache im Verlauf eines Kapitels genügt, um den Ruf göttlicher Inspiration des ganzen Werkes zu zerstören. Nun kommen die Pfarrer, sobald sie Noah genannt haben, ohne Übergang auf die Geschichte der Sintflut zu sprechen und sagen knapp, dass die Verderbnis der Menschen Gott in Grimm versetzte und ihn zu dieser allgemeinen Ersäufung bewog, mit der einzigen Ausnahme einer Familie, deren Haupt ein Gerechter geblieben war. Das ist doch nicht die Bibel!... Sie spricht von etwas anderem; sie sagt in vier Versen, welches die erste Ursache dieser Verderbnis der Menschen war. Meine Herren Pfarrer, Sie haben nicht das Recht, diese wichtige Episode Ihrer Heiligen Schrift mit Stillschweigen zu übergehen. Wenn sie Ihnen heute peinlich ist, umso schlimmer! der Heilige Geist brauchte sie nur nicht dem Schriftsteller des Pentateuchs zu diktieren!... Gewiss, die Pille ist bitter; aber da der heilige Hieronymus und die Kirchenväter sie einst geschluckt haben, schlucken Sie sie nun auch, liebe Tonsurierte. Die Pille, welche die modernen katholischen Theologen geräuschlos wieder auszuspucken bestrebt sind und von der sie gern hätten, dass keine Spur zurückbliebe, besteht aus den vier ersten Versen des sechsten Kapitels der Genesis: « 1. Es begab sich aber, als die Menschen angefangen hatten, sich zu mehren auf Erden, und Töchter gezeugt hatten; 2. Die Engel Gottes (buchstäblich: die Söhne Gottes), da sie sahen, dass die Töchter der Menschen schön waren, kamen und lagen bei allen denen, die ihnen am besten gefallen hatten (fr. „vinrent coucher avec“: die Bibel Ostervalds hat „en prirent pour leurs femmes“, „nahmen sich von ihnen zu Weibern“, und Voltaire „prirent pour eux“, „nahmen sich“; das Beiliegen stammt von Taxil, wie in Vers 4 „accouplés“, gepaart, wo Ostervald „se furent joints“ hat, sich verbunden hatten). 3. Da sprach der Ewige: Mein Geist soll nicht mehr bei den Menschen bleiben; denn nun sind sie zu fleischlich geworden (fr. „trop charnels“: die Bibel Ostervalds hat „car aussi ne sont-ils que chair“, „denn sie sind auch nur Fleisch“, das heißt sterblich, und Voltaire ebenso; Taxil macht daraus Menschen, die zu sehr dem Fleisch ergeben sind, und kommt weiter unten darauf zurück). Ihr Leben also soll sechsmal zwanzig Jahre nicht mehr übersteigen. 4. In jener Zeit gab es Riesen auf Erden, und das, nachdem die Engel Gottes sich mit den Töchtern der Menschen gepaart hatten und als diese ihnen Kinder gegeben hatten; diese Kinder, also geboren, sind jene mächtigen Männer, die von jeher einen großen Ruf gehabt haben. » Obwohl die Genesis uns die Geschichte der Erschaffung der Engel nicht erzählt hat, ist dies das zweite Mal, dass sie uns von diesen übernatürlichen Wesen spricht; die erste Erwähnung ist die des Cherubs, der an die Pforte Edens gestellt wurde. Es ist also nützlich, [78] einige Worte über den Glauben an die Engel bei den Juden zu sagen. Die Christen haben, indem sie ihren Kult auf die israelitische Religion pfropften, Glaubensartikel ersonnen, von denen man in der Bibel keine Spur findet: So ist lange nach der Zeit, die man dem Leben Jesu Christi zuweist, die Geschichte von der Empörung Satans und von seiner Niederlage durch den heiligen Erzengel Michael in allen Stücken (fr. „de toutes pièces“, eine Redewendung, wörtlich „aus allen Stücken“) fabriziert worden. Nun, da wir die Bibel hauptsächlich unter dem [79] Gesichtspunkt des katholischen Glaubens prüfen, scheint es uns gerade hier nützlich, uns mit diesem Zusatz zu befassen. Zu irgendeiner Zeit also sagte sich Messire Jehova, dass es für einen Allmächtigen wie ihn nicht genüge, den Himmel und die Erde erschaffen zu haben. Da er die Erde bevölkerte, warum sollte er nicht auch den Himmel bevölkern? Er hatte sich im Chaos gelangweilt; er langweilte sich erst recht, ganz allein, in seinem Paradies. Weil er aus nichts Massen von Gegenständen und [80] von belebten Wesen fabrizieren konnte, hatte er Engel erschaffen, deren Rolle es war, ihm angenehme Gesellschaft zu leisten. Worauf er sich einen schönen Sessel mit seinem Monogramm geleistet hatte, um der himmlischen Versammlung gebührend vorzusitzen. Und um ihn zu zerstreuen, sangen die Engel die ganze Zeit; in ihrer Eigenschaft als übernatürliche Wesen werden sie nicht müde.
29. Jehova erschafft Engel, um sich zu zerstreuen. Aber siehe, der schönste von allen Engeln, ein Bursche, dem die Tonsurierten den Namen Luzifer gegeben haben, schielte aus dem Augenwinkel nach dem Sitz des Höchsten und hegte den kühnen Traum, sich als Präsident des Paradieses an die Stelle seines Schöpfers zu setzen. Sein verbrecherischer Versuch erschien einigen Engeln, denen die Übung des Gesangs eintönig vorkam, als eine köstliche Posse, und sie schlossen sich dem Empörer an, während die große Mehrheit sich im höchsten Grade entrüstet zeigte.
30. Luzifer, ein hochmütiger Engel, will den Platz Jehovas einnehmen. Da übernahm es Michael, ein treuer Engel, ein wahrer Pudel an Ergebenheit, die Sache Gottes triumphieren zu lassen, indem er Luzifer eine gewaltige Abreibung erteilte. Der rebellische Engel wurde in die Hölle hinabgestürzt, die subito ihm zu Ehren erschaffen wurde; seine Mitschuldigen purzelten zur selben Zeit hinab; und der Vater Jehova konnte sein göttliches Hinterteil wieder in den Präsidentensessel setzen.
31. Der Engel Michael vertreibt Luzifer aus dem Paradies. So lautet in aller Kürze die Legende, aus der die katholischen Hirten ein Dogma für ihre zitternden Schäflein gemacht haben; denn im Grunde dient diese Episode vor allem dazu, den andächtigen Männern und Frauen einen Schauder einzujagen. Hütet euch, fromme Schafe! wenn ihr den Herren Priestern nicht gehorcht, werdet ihr euch im tiefsten Grund der Hölle zu den bösen Engeln gesellen. Wenn in der hebräischen Bibel von den Teufeln die Rede ist, das heißt in Büchern, die unbestreitbar nach der Babylonischen Gefangenschaft geschrieben wurden (tausend Jahre nach dem Tode des Mose, vergessen wir es nicht), wird der bedeutendste dieser Dämonen Satan genannt; aber diese Teufel sind böse Genien, ohne irgendeine andere Erklärung; sie werden keineswegs als Empörer dargestellt, die aus dem himmlischen Paradies vertrieben und in einer Hölle von Flammen angekettet sind. So geht in der Legende von Hiob der böse Genius Satan im Himmel spazieren, kommt und geht dort, als wäre er bei sich zu Hause, disputiert dort mit Jehova. Als die Kritiker sahen, wie diese Teufel der letzten Bücher der Bibel es sich so bequem machten und keinerlei Marter erduldeten, haben sie darauf hingewiesen, dass [81] dies genau der Glaube der Chaldäer, der Perser war, deren heilige Bücher in ein höheres Altertum zurückreichen als die der Juden. Man hat daraus geschlossen, dass die Israeliten während der langen Babylonischen Gefangenschaft ihren Glaubensvorstellungen einen Teil derjenigen der Völker hinzugefügt hatten, mit denen sie in Berührung gekommen waren. Übrigens verrät der Name, den die Juden damals zur Bezeichnung des Hauptteufels annahmen, die Anleihe bei der Religion Chaldäas oder Babyloniens; denn Satan ist kein hebräisches Wort, sondern vielmehr ein chaldäisches Wort, das « der Hass » bedeutet. Der Heilige Geist hatte also dem Volke Gottes nicht nur die Geschichte der Empörung einer gewissen Anzahl von Engeln verborgen, sondern sogar den wahren Namen des Hauptteufels, da dieser in der Bibel niemals Luzifer genannt wird. Es sind die Christen, die all das entdeckt haben. Jedoch haben die Kirchenväter mit aller Gewalt eine Erwähnung Luzifers im Alten Testament finden wollen; und dazu haben sie zu einem Winkelzug gegriffen, der die Schäflein recht geschickt täuscht, die ihnen aufs Wort glauben und von der Bibel nur das lesen, was man sie davon lesen lässt. Dieser schlaue Winkelzug verdient es, durchschaut zu werden, und ich bitte den Leser, mir eine kleine notwendige Abschweifung zu verzeihen. In den Weissagungen Jesajas, im Kapitel 14, Vers 12, sagen die Tonsurierten, ist von Luzifer unter eben diesem Namen die Rede, und sie zitieren den Anfang des Verses, verfälschen ihn aber dabei mit Hilfe der lateinischen Übersetzung des heiligen Hieronymus, der sogenannten Vulgata. Hier ist die fragliche Stelle. In diesem Kapitel 14 macht Jesaja seinem patriotischen Zorn Luft, als guter Jude, der wütend darüber ist, dass die Babylonier seine Nation lange in Gefangenschaft gehalten haben, und kündigt dem König von Babylon an, dass sein Königreich seinerseits den Niedergang erleiden und von Grund auf ruiniert werden wird. « Der Ewige, ruft Jesaja aus, wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch erwählen; und er wird die Israeliten wieder in ihr Land einsetzen... Israel, du wirst alsdann den König von Babylon verspotten, und du wirst sagen: Wie ruht der Tyrann? Wie ruht diese Stadt, die ganz von Gold war? Der Ewige hat den Stab der Frevler zerbrochen und die Rute der Herrscher... [82] Er wird alle Vornehmsten der Erde, alle Könige der Nationen von ihren Sitzen aufstehen lassen. — Sie werden alle anheben und zum König von Babylon sagen: Auch du bist geschwächt worden gleichwie wir! du bist uns gleich gemacht worden! — Man hat deine Pracht ins Grab hinabfahren lassen, samt dem Getön deiner Instrumente; du bist gebettet auf ein Bett von Würmern, und das Ungeziefer bedeckt dich » (Verse 9-10-11). « 12. Wie bist du vom Himmel gefallen, o Hélel, Gestirn, das du [83] am Morgen aufgingst? Du, der du die Nationen niedertratest, du bist bis zur Erde gefällt. 13. Du sprachst in deinem Herzen: Ich will bis in die Himmel hinaufsteigen, ich will meinen Thron über die Sterne des starken Gottes erhöhen; ich werde auf dem Berge der Versammlung sitzen, neben Aquilo... » « Und doch hat man dich ins Grab hinabfahren lassen, auf den Grund der Grube. — Die dich sehen werden, werden dich anschauen und sagen: Ist das hier nicht jener Mann, der die Erde zittern machte und der [84] die Königreiche erschütterte, der die Welt zur Wüste gemacht hat, der die Städte zerstört und seinen Gefangenen die Freiheit nicht wiedergegeben hat? — Alle Könige der Nationen, sie alle, so viele ihrer sind, sind mit Ruhm gestorben, ein jeglicher in seinem Palast. — Du aber, du bist fern von deinem Grab hingeworfen worden wie ein fauler Stamm, wie ein Kleid getöteter, mit dem Schwert durchbohrter Leute, die unter die Steine in eine Grube hinabgefahren sind, und wie ein toter Leib, mit Füßen getreten. » Man braucht wirklich die Frechheit (fr. „un toupet“, ein umgangssprachliches Wort, wörtlich „ein Haarschopf“, das Büschel über der Stirn) eines Rättlings (fr. „ratichon“, ein Argot-Wort: ein Priester, verächtlich gesagt; „rat“, Ratte, mit einer abschätzigen Endung; „Rättling“ ist ebenso gebildet), um zu behaupten, dass Jesaja in diesem Kapitel 14 von Luzifer-Satan sprach. Es geht sehr wohl um den König von Babylon; dieses Überströmen von Zorn, diese Flut von Drohungen, all das ist an die Adresse des Königs von Babylon gerichtet, einzig, ausschließlich. Wie hat nun der heilige Hieronymus die Fälschung des Textes bewerkstelligt?... Von der griechischen Fassung der Septuaginta geniert, hat Hieronymus die Bibel ins Lateinische übersetzt, und indem er sich zunutze machte, dass Jesaja den König von Babylon beiläufig mit dem Morgenstern vergleicht, der bei den Juden Hélel (Morgenröte) und bei den Römern Lucifer (Lichtträger) heißt, hat er den ersten Teil des Verses 12 so geschrieben: « Quomodo cecidisti de cœlo, LUCIFER, qui mane oriebaris? Wie bist du vom Himmel gefallen, Luzifer, der du am Morgen aufgingst. » Und unsere Tonsurierten, die diese ungenaue Übersetzung übernehmen, die sich wohl hüten, ihren Schäflein zu sagen, dass im hebräischen Urtext Hélel (Umschrift des hebräischen Wortes הֵילֵל, „der Glänzende“: der Morgenstern) steht und dass es sich um den König von Babylon handelt, der mit dem Gestirn Venus, dem Morgenstern, verglichen wird, unsere Tonsurierten, die Sorge tragen, den Rest des Kapitels nicht vor die Augen der Gimpel (fr. „les gogos“, ein umgangssprachliches Wort, nach Gogo, der leichtgläubigen Figur aus „Robert Macaire“, einem Theaterstück von 1834) zu bringen, deren heiligen Plunder sie einstecken (fr. „saint-frusquin“, ein umgangssprachliches Wort: alles, was man besitzt; „frusquin“ war ein Argot-Wort für die Kleider, dann für die Habe, und der Volksmund setzte „saint“, heilig, davor, wie bei „saint-crépin“, dem Werkzeug des Schusters, nach dem heiligen Crispinus), rufen mit triumphierenden Mienen aus: — Der Sturz Luzifers wird in der Bibel erwähnt! Jesaja hat davon gesprochen! Was den Aplomb angeht, so ist das arg... Nun sagt Jesaja in eben diesem Kapitel, im Vers 28, dass er seine Weissagung im Jahr, da der König Ahas starb, ausgesprochen habe, also im Jahre 723 vor Christus. Selbst wenn man annimmt, dass Jesaja seine Weissagung nicht nachträglich geschrieben hat, muss man doch zugeben, dass der Verfasser von der ersten Zeile bis zur letzten im Futur spricht. Wenn sich also dieser Sturz vom Himmel auf Luzifer-Satan bezöge, so hätte er nach dem Tode des Königs Ahas stattgefunden! Und die katholischen Priester sagen anderswo, dass es eben dieser zum Teufel gewordene Luzifer war, der [85] Eva in der Gestalt der Schlange versuchte! Welch ein Salat von Widersprüchen!... Wohlan, da ist wieder eine katholische Flunkerei, die ein für alle Mal durchzustreichen ist. Aus dieser Abschweifung, die zu machen wichtig war, wird der Leser den endgültigen Beweis behalten, dass die Legende von Luzifer, dem Empörer und Besiegten, in den heiligen Büchern der Juden gänzlich fehlt. Wir kehren also zu den Engeln von Kapitel 6 der Genesis zurück, und wir werden auf Quellen zurückgreifen, und zwar auf ebenfalls sehr heilige, aus denen wir mehr Einzelheiten über das Konkubinat dieser guten Engel mit den schönen Töchtern der Menschen schöpfen werden. Die Handbücher der heiligen Geschichte zum Gebrauch der einfachen Gläubigen machen, wie sich versteht, keinerlei Anspielung auf das Abenteuer, das die vier Verse enthüllen, die ich vorhin wiedergegeben habe; aber diese vier Verse sind aus den Bibelausgaben, die den Pfarrern vorbehalten sind, nicht herausgeschnitten. Das ist nicht alles: Die Tonsurierten haben ein anderes Buch für sich allein, ein Buch, das sie mit großer Verehrung umgeben, ohne es preiszugeben, und das Buch Henoch heißt. Henoch, Sie haben es nicht vergessen, ist jener Patriarch von dreihundertfünfundsechzig Jahren, in den Jehova sich vernarrte und den er in den Himmel entführte, nicht als Seele, sondern in Fleisch und Bein, wie Jupiter den Ganymed entführte, in den auch er sich vernarrt hatte. Nun schrieb Henoch, einer Überlieferung zufolge, ein Buch, das er glücklicherweise nicht mit ins Paradies nahm; er vermachte es seinem Sohn Methusalah, und Noah, sagt man, legte das kostbare Manuskript in die Arche. Jedoch war das Buch Henoch lange verloren. Man sagt, es habe existiert — man weiß nicht, wo, wohlgemerkt! — zur Zeit der Apostel. Der Beweis, den man dafür anführt, steht im Neuen Testament. Dort drückt sich die Epistel des heiligen Judas in den Versen 14-15 so aus: « Auch von ihnen (den Gottlosen) hat Henoch, der siebente seit Adam, mit diesen Worten geweissagt: Siehe, der Herr kommt mit seinen Tausenden von Heiligen, um das Gericht gegen alle zu vollziehen, und um alle Gottlosen all ihrer Werke der Gottlosigkeit zu überführen. » Da der heilige Judas eine Stelle aus diesem Buch zitiert hat, so kannte er es eben, beim Blauen! Und mehrere Jahrhunderte lang fragten sich die Theologen: Was ist aus dem Buch Henoch geworden? [86] Endlich entdeckte ein recht berühmter Reisender, der Schotte James Bruce, in Abessinien das famose Buch; eigentlich war es eine äthiopische Fassung, die er in die Hände bekam, denn es ist wenig wahrscheinlich, dass Henoch seine schönen Geschichten in der Sprache Meneliks (Menelik II., Kaiser von Äthiopien von 1889 bis 1913, in Europa berühmt seit seinem Sieg über die Italiener bei Adua 1896) geschrieben hat... Sehen Sie doch einmal, wie nützlich es ist, eine Vorsehung zu haben, wenn man Theologe ist! Von Henoch in der Sprache aus der Zeit vor dem Turm zu Babel geschrieben, hatte dieses wunderbare Buch, obwohl die [87] Ursprache jäh verloren gegangen war, das Glück gehabt, einen hebräischen Übersetzer zu finden; dann war diese hebräische Übersetzung, die den Aposteln und den ersten Kirchenvätern bekannt war, wie eine Muskatnuss verschwunden (fr. „disparu comme une muscade“, eine Redewendung: spurlos verschwunden; die „muscade“ ist hier das Kügelchen, das der Taschenspieler unter seinen Bechern verschwinden lässt). Crac! ein Schotte entdeckt gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine vollständige äthiopische Fassung davon bei den Vorfahren Meneliks. Danke, göttliche Vorsehung! Unser Bruce brachte seinen Fund in die Bodleianische Bibliothek zu Oxford; ungeheure Freude der Theologen; neue [88] Übersetzungen, deren erste (1838) auf Englisch gedruckt wurde und von Monseigneur Richard Laurence, Erzbischof von Cashel in Irland, stammte. Das Buch Henoch ist in elf Abschnitte eingeteilt. Im Abschnitt 2 wird die Geschichte der Liebschaften der Engel mit den Töchtern der Menschen erzählt. « Da sich die Zahl der Menschen staunenswert gemehrt hatte, bekamen sie sehr schöne Töchter. Nun verliebten sich die glänzendsten der Engel in sie, und sie wurden durch diesen Umstand in viele Irrtümer fortgerissen. Sie ermunterten einander, und sie sprachen zueinander: Lasst uns auf die Erde gehen und uns Weiber erwählen unter den schönsten Töchtern der Menschen. Da sprach Semiazas, den Gott zum Fürsten der glänzendsten Engel geschaffen hatte, zu ihnen: Ein solches Vorhaben ist ausgezeichnet; aber ich fürchte, dass ihr es nicht zur Ausführung zu bringen wagt und dass ich als der Einzige von uns allen übrig bleibe, der den schönen Töchtern der Menschen Kinder macht (Taxil folgt dem Henoch-Bruchstück, das Voltaire im Artikel „Engel“ seines Philosophischen Wörterbuchs anführt, wo Semiaxas fürchtet, „que je ne demeure seul chargé du crime“, „dass ich allein mit dem Verbrechen belastet bleibe“; die Kinder und das Lob des Plans fügt Taxil hinzu). Alle antworteten: Lasst uns einen Eid schwören, unser Vorhaben auszuführen, und uns dem Anathema weihen, wenn wir es versäumen. Also verbanden sie sich durch einen Eid und stießen Verwünschungen aus. Ihrer waren anfangs zweihundert an der Zahl. Es war die Zeit, da Jared lebte (Vater Henochs). Sie brachen miteinander auf, stiegen vom Himmel herab und kamen auf den Berg Hermonim, oder Berg der Eide. Und dies sind die Namen der zwanzig Vornehmsten unter ihnen: Semiazas, Atarcuph, Araciel, Chobabiel, Horammame, Ramiel, Sampsich, Zaciel, Balciel, Azalcel, Pharmarus, Amariel, Anagemas, Thausaël, Samiel, Sarinas, Eumiel, Tyriel, Jumiel, Sariel. Sie und die anderen, und noch andere dazu, nahmen sich Weiber im Jahre elfhundertsiebzig nach der Schöpfung der Welt. Aus diesem Verkehr wurden die Riesen geboren, usw., usw. »
32. Die Engel steigen auf die Erde herab. Man sieht, dass es sich durchaus nicht um eine Empörung gegen Gott handelt: Die glänzendsten der Engel, mit dem Fürsten Semiazas an ihrer Spitze, der weder Luzifer noch Satan ist, gehen auf eine Lustpartie zur Erde, das ist alles. Allerdings begann Jehova zu brummen, als eine große Zahl ihrem Beispiel folgte und er sich verlassen sah; [89] indessen brauchte er lange, bis er sich ganz und gar erboste, und über die Ursache des großen endgültigen Zorns sind das Buch Henoch und die Genesis nicht ganz einig. Hier ist es am Platz zu sagen: Da ist Magie darunter (fr. „Il y a de la magie là-dessous“: die Redensart „il y a quelque chose là-dessous“, wörtlich „da ist etwas darunter“, heißt so viel wie „da steckt etwas dahinter“; Taxil setzt die Magie für das Etwas und nimmt sie beim Wort). Sie werden sehen. Nach der Genesis: Infolge der Beziehungen der Engel zu den schönen Menschenfrauen wurden die Menschen zu fleischlich. Ein Theologe könnte die Frage behandeln. In der Tat, würde er sagen, wenn die schönen Töchter an dem Abenteuer Geschmack fanden und sich unersättlich zeigten, so waren die Engel imstande, sie zu befriedigen, und das musste den Wetteifer der einfachen Männer, ihrer Nebenbuhler, anstacheln. Aber was konnte das dem Papa Lieber Gott schon ausmachen? werden wir antworten; hatte er der Menschheit nicht empfohlen, zu wachsen und sich zu mehren?... Das Buch Henoch stellt die Tatsachen nicht unter demselben Gesichtspunkt dar. Die Engel, die nun Papas waren, interessierten sich für ihre Kinder und waren für die Riesen Lehrer ersten Ranges. Nicht nur brachten sie ihnen bei, die Juwelen und die Edelsteine (sic) zu bearbeiten; sondern sie lehrten sie auch die Magie, die Kunst, die Zukunft in den Gestirnen zu lesen. Außerdem weihten sie ihre Konkubinen in die großen Mysterien ein. Man begreift, was daraus folgte: Die Mesdemoiselles Mätressen der Engel und ihre Riesenbastarde waren bald den anderen Menschen überlegen; was für Foppereien kann man seinen Zeitgenossen spielen, wenn man Magier ist!... « Die Erde klagte und hallte wider von Schmerzensgeschrei. » Bewegt von den Schmerzen der Erde, baten die vier Engel der Harmonie Gott, diesen Übeln ein Ende zu setzen. Unterdessen hatte Herr Azazel (fr. „le sieur“, ein Titel: das amtliche „Herr“ der Urkunden und der Gerichte, das Taxil den Männern der Bibel gibt, wie er ihren Frauen „Mme“ gibt), einer der Engel, die bei den Töchtern der Menschen lagen, mit Semiazas Händel gesucht, ihm eine Tracht Keile verabreicht und seinen Platz als Anführer der Bummler auf Erden eingenommen. Gott sandte den Engel Raphael aus, den Engel Azazel zu bekämpfen, und unseren besiegten Azazel sperrte Raphael in eine Höhle in der Wüste Dodoël ein. Zudem fand Gott die Sintflut notwendig: Um die Riesen daran zu hindern, ihre Übungen in der Magie fortzusetzen, wollte er alle Welt ersäufen, einschließlich der einfachen Menschen, die unter den Zauberern litten. Was die Engel betrifft, die auf die Erde gegangen waren, um ein Leben von Stuhlstäben (fr. „une vie de bâtons de chaise“, eine Redewendung: ein liederliches Leben; man leitet sie von den Tragstangen der „chaise à porteurs“, der Sänfte, her, die unablässig gehoben, abgesetzt und wieder herausgezogen wurden) zu führen, so würden sie [90] wieder in den Himmel einziehen und müssten fortan hübsch brav bleiben.
33. Jehova wird verlassen. Seit jener Zeit sind die Engel vermutlich ungeschlechtliche Wesen: Der Vater Jehova musste sie, um sich gegen neue Eskapaden zu sichern, wohl verpflichten, ihre Kaution zu hinterlegen, wie es die Paschas gegenüber jedem Herrn tun, der sich um eine Stelle in ihrem Serail bewirbt. Die Pfarrer haben also sehr unrecht, diese Episode in ihren [91] Handbüchern der heiligen Geschichte zu unterdrücken; man wüsste wenigstens, warum die Engel Eunuchen sind! Ist es nötig hinzuzufügen, dass der arme Kerl von Engel Azazel, vergessen in der Höhle, in die Raphael ihn eingelocht hatte, natürlich bei der universellen Überschwemmung ersäuft wurde?... Vergießen wir eine Träne über sein trauriges Los. Sagen Sie nach alledem noch, es sei nicht providentiell, dass das Buch Henoch wiedergefunden worden ist!... Alles in allem hatte es [92] die ersten Christen nicht geniert, da der heilige Judas es ausdrücklich zitiert: Auch mehrere Kirchenväter haben es nicht versäumt, davon wie von einem sehr bekannten Buch zu sprechen: Origenes, den der heilige Hieronymus den Meister der Kirchen nannte, berief sich auf seine Autorität; Tertullian zollt diesem Werk in seiner Abhandlung über das Heidentum große Verehrung. Das Buch Henoch stand also im Katholizismus bis zum vierten Jahrhundert in Ehren. Als die Priester später bedachten, dass es die vier verdrießlichen ersten Verse von Kapitel 6 der Genesis stützte, ließen sie es verschwinden; aber Bruchstücke konnten erhalten werden, und Scaliger, Semler und Fabricius haben sie zitiert. Schließlich muss man dem Erzbischof Laurence danken, der die von James Bruce mitgebrachte äthiopische Fassung übersetzte. Wenn wir sehen, welche Vorstellung sich die Juden von den Engeln machten, stellen wir fest, dass die Katholiken heute all das geändert haben, und doch erklären sie, dass die israelitische Nation das Volk Gottes war, und sie haben deren religiöse Bücher als göttlich inspiriert angenommen. So teilten die Juden die Engel in eine Hierarchie von zehn Stufen ein: 1. die Kadoschim, oder Hochheiligen; Aber Papst Gregor I. war der Ansicht, man müsse die Engel ganz anders verteilen, und seither gilt die folgende Einteilung, drei Hierarchien von je drei Chören: erste Hierarchie, bestehend aus den Seraphinen, den Cherubinen und den Thronen; zweite Hierarchie, bestehend aus den Herrschaften, den Tugenden und den Mächten; dritte Hierarchie, bestehend aus den Fürstentümern, den Erzengeln und den einfachen Engeln. Man sieht daran, wie groß die Gewalt eines Papstes ist; das Recht zu haben, die Ränge des Himmels zu regeln, das ist keine Bagatelle!... Die katholischen Priester haben also ihren gebenedeiten Schäflein versichert, dass die Juden nichts von ihren heiligen Büchern verstünden, ihre Religion nicht begriffen. Denken Sie nur! diese schwachköpfigen Juden hatten nie erraten, dass ihr Jesaja, indem er [93] den König von Babylon, ihren Feind, apostrophierte und ihm vorhersagte, dass ein Tag kommen würde, an dem seine Macht zerstört würde, nicht vom künftigen Sturz dieses Königs hatte sprechen wollen, sondern in Wirklichkeit von der uralten Empörung Luzifers gegen Gott und von seinem Hinunterpurzeln und seiner Verwandlung in Satan. Mussten die Rabbiner denn einen verstopften Geist (fr. „l’esprit bouché“, eine Redewendung: ein stumpfer Geist, der nichts aufnimmt) haben, dass sie nicht zwischen den Zeilen zu lesen wussten!... Und, sagen die Tonsurierten, es gibt noch viele andere Dinge, die die Israeliten in ihrer Bibel nicht geahnt haben. Zum Beispiel die Dreifaltigkeit. Versuchen Sie, einem Juden begreiflich zu machen, dass er einen Gott in drei Personen anbetet; Sie werden Ihre Zeit verlieren, er wird Ihnen vor der Nase lachen (fr. „rire au nez de quelqu’un“, eine Redewendung: jemandem offen ins Gesicht lachen). Er wird Ihnen antworten, wenn Papa Lieber Gott dreifach wäre, hätte er es Mose, den Patriarchen, den Propheten gesagt. Die Bibel in der Hand, wird er Ihnen gegenüber darauf beharren, dass kein einziges Wort darin auf diese Dreifaltigkeit anspielt, die übrigens unbegreiflich ist, und dass im Gegenteil die Heilige Schrift von einem Ende zum anderen die Persönlichkeit Jehovas als wesenhaft eine und unteilbar bezeugt. Angesichts dieses Mangels an Scharfsinn lächelt der katholische Theologe mitleidig, zuckt die Achseln. Die beiden ersten Verse der Genesis genügen ihm, um zu beweisen, dass die göttliche Dreifaltigkeit von jeher bestanden hat, so klar ist das! Triumphierend zitiert er diese beiden ersten Verse: « 1. Im Anfang machte Elohim den Himmel und die Erde; 2. Nun war die Erde tohu-bohu, die Finsternis war auf dem Angesicht des Abgrunds, und der Wind Gottes lief über den Wassern. » So lautet die buchstäbliche Übersetzung des hebräischen Textes, unter Beibehaltung der Wörter Elohim und tohu-bohu, die in andere Sprachen übernommen worden sind. Sie sehen Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist nicht darin?... In der Tat bemerkt man sie auf den ersten Blick kaum; aber nehmen Sie ein Opernglas, und Sie werden die Dreifaltigkeit sehr gut erkennen. Unser Opernglas wird, wenn Sie erlauben, die Überlegung sein, die der heilige Augustinus in seinem schönen Buch De cantico novo, Kapitel 7, anstellt. Nichts ist überzeugender als diese Überlegung des Bischofs von Hippo; die Kirche und alle ihre Theologen verkünden, sie sei von der Klarheit des Bergkristalls. « Im Anfang », was der Anfang [94] der Zeiten oder der Dinge ist, ist gleichbedeutend mit « im Prinzip (fr. „dans le principe“: „principe“ ist zugleich der Anfang und das Prinzip, wie das lateinische „principium“; auf diesem Doppelsinn ruht die Überlegung des heiligen Augustinus) ». Nun, was ist das Prinzip, wenn nicht das Wort, das heißt Gott der Sohn?... Wünschen Sie Beweise? Hier sind welche. Schlagen Sie die Apokalypse des heiligen Johannes bei Kapitel 3 auf; Christus selbst nennt sich « das Prinzip der Kreatur Gottes » (Vers 14). Jetzt schlagen Sie das Evangelium desselben Johannes bei Kapitel 8 auf. « Von den Juden befragt, die ihn fragten: Wer bist du? Ich bin das Prinzip, antwortete Jesus » (Vers 25). [95] Folglich muss der erste Vers der Genesis so gelesen werden: « In Gott dem Sohn, der das Prinzip ist, machte Gott der Vater den Himmel und die Erde. » Sie sind nicht ganz und gar befriedigt?... Sie haben soeben die beiden ersten Personen der Dreifaltigkeit gesehen; aber Sie erkennen die dritte noch nicht. Ein wenig Geduld; nehmen Sie das Opernglas des heiligen Augustinus wieder zur Hand. Die dritte Person, Gott der Heilige Geist, ist in Vers 2, dort hinten, am Ende. [96] « Der Wind Gottes lief über den Wassern... » Sagt Ihnen dieser kleine Wind nichts?... Im Lateinischen heißt der Wind, der Atem, spiritus, und der Geist heißt auch spiritus; also ist der Wind Gottes nichts anderes als der Geist Gottes, das heißt Gott der Heilige Geist. Deshalb ist die wahre Übersetzung des hebräischen Textes diese: « In Gott dem Sohn, dem Prinzip aller Dinge, machte Gott der Vater den Himmel und die Erde; nun war die Erde tohu-bohu, die Finsternis war auf dem Angesicht des Abgrunds, und Gott der Heilige Geist lief über den Wassern. » Diesmal haben wir es... Und wenn man bedenkt, dass die Juden das niemals in den beiden ersten Versen der Genesis haben sehen können!... Eine solche Verblendung ist wirklich außerordentlich. Was mich betrifft, liebe Leser, so werden Sie anerkennen, dass ich mir die zwölf Jahre, die ich um Ihretwillen unter dem Banner der Kirche verbracht habe, zunutze gemacht habe. Ich habe die schönen Dinge der Theologie gelernt, und nun gebe ich sie Ihnen zu kosten. Bewundern Sie also mit mir diesen Gott den Heiligen Geist, der in der Epoche des tohu-bohu seine ganze Zeit darauf verwandte, über den Wassern zu laufen. Wo is’n meine Flinte? (fr. „Oùs qu’est mon fusil ?“: „Où est mon fusil ?“ in nachlässiger Aussprache; der Ruf des Jägers, der Wild erblickt)... Und die abschließende Überlegung, die sich aufdrängt: Der Heilige Geist ist also kein Tauber?... Es ist eine Ente (fr. „canard“: der Vogel, da er über den Wassern läuft, und, wie im Deutschen, auch die Falschmeldung)!!! 4. KAPITEL
Karg an Einzelheiten über die Verfehlungen, welche die Nachfahren Adams seit dem Konkubinat der Engel begangen hatten, sagt uns die Genesis schlicht: « Der Ewige Gott sah, dass die Bosheit der Menschen sehr groß geworden war auf der Erde und dass alles Dichten der Gedanken ihres Herzens nur böse war zu aller Zeit. » (Genesis 6:5) Sprechen wir es aus: Die Nachfahren Adams vernachlässigten wohl ihre Morgen- und Abendgebete; denn es gibt nichts Besseres, um Monsieur Gott zu verdrießen. Überdies wird Sie jeder beliebige Pfarrer darüber belehren, falls Sie es nicht wissen: Wenn man seine Gebete vergisst, ist man auf dem abschüssigen Weg zu allen Verbrechen. « 6. [97] Gott reute es, dass er den Menschen gemacht hatte auf der Erde, und er hatte darüber ein großes Missfallen in seinem Herzen. 7. Und er sprach: Ich will vom Angesicht der Erde den Menschen ausrotten, den ich gebildet habe, vom Menschen bis zum Vieh, und alle Tiere, bis zu denen, die kriechen, ja bis zu den Vögeln der Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. » Die Reue eines Gottes, das ist nichts Gewöhnliches. Der Schmerz Meister Jehovas war überaus heftig, da er ihm das Hirn so sehr verwirrte, dass er ihn die Ausrottung der Tiere dekretieren ließ, die ihrerseits nicht gesündigt hatten. Die Kritik wird auch sagen können, dass es für Gott, da er ja allmächtig ist, das Einfachste gewesen wäre, das Herz der Menschen zu ändern; aber er zog es vor, sie zu ersäufen, wie man sehen wird — was nicht sehr väterlich ist. « 8. Aber Noah fand Gnade vor dem Ewigen. » Das war « ein gerechter Mann und voll Lauterkeit zu seiner Zeit » (Genesis 6:9); Papa Lieber Gott stattete ihm einen Besuch ab, um ihn vor der Katastrophe zu warnen, die er plante, und ihm das Mittel zu geben, ihr zu entgehen. « Und Gott sprach zu Noah: Das Ende alles Fleisches ist vor mich gekommen; denn die Erde ist erfüllt von den Missetaten ihres Angesichts, und ich will sie vernichten mit der Erde. — Mache dir eine Arche von Gopherholz; diese Arche sollst du in Kammern machen, und du sollst sie mit Erdpech bestreichen inwendig und auswendig. — Und du sollst sie also machen: Sie soll dreihundert Ellen lang sein, fünfzig breit und dreißig hoch. — Du sollst der Arche Licht geben; ihr Dach sollst du eine Elle hoch machen; eine Tür sollst du an die Seite setzen; und du sollst sie machen mit einem unteren Stockwerk, einem zweiten und einem dritten.
34. Projekt einer Sintflut und einer Arche. — Und siehe: Ich will eine Sintflut von Wassern auf die Erde fallen lassen, zu vernichten alles Fleisch, das Odem des Lebens in sich hat unter den Himmeln; und alles, was auf der Erde ist, wird verscheiden. — Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten; und du sollst in die Arche gehen, du, deine Söhne, dein Weib und die Weiber deiner Söhne mit dir. — Und von allem, was Leben hat unter allem Fleisch, sollst du zwei von jeder Art in die Arche bringen, um sie mit dir am Leben zu erhalten; nämlich das Männchen und das Weibchen; — von den Vögeln nach ihrer Art; von den Tieren nach ihrer Art; und von allen Kriechtieren nach ihrer Art. — Nimm auch mit dir von aller Speise, die man isst, und lege davon deinen Vorrat an, [98] damit sie dir zur Speise diene und den Tieren. — Und Noah tat alle Dinge, die ihm Gott geboten hatte; also tat er sie. » (Genesis 6:13-22) Der Bau der Arche dauerte hundert Jahre. Jehova hatte Noah nicht gesagt, die anderen Menschen vor dem zu warnen, was geschehen würde; man ist also berechtigt anzunehmen, dass der Patriarch und seine Familie das Geheimnis wahrten. Die Leute waren verblüfft, Noah mitten auf freiem Feld dieses [99] ungeheure Fahrzeug bauen zu sehen, dreihundert Ellen lang, was ungefähr hundertfünfzig Meter ausmacht, das heißt die Länge eines unserer großen Dampfer der China-Post (die großen Postdampfer der französischen Gesellschaft Messageries Maritimes, die die Linie von Marseille nach dem Fernen Osten befuhren); aber diese gewaltigen Dampfer sind fünfzehn Meter breit, während die Arche fünfundzwanzig breit war. Die anderen Menschen hielten den alten Noah für verrückt und verspotteten ihn um die Wette; aber der Patriarch ließ sich necken, ohne mit der Braue zu zucken, und war nur umso tätiger bei seinem Tagewerk.
35. Noah baut seine Arche. — [100] Gut wird lachen, wer als Letzter lachen wird, murmelte er in seinen Bart. Die hundert Jahre, die auf den Bau der Arche verwandt wurden, werden nicht als eine übertriebene Zahl erscheinen, wenn man an alles denkt, was die Bibel mit Stillschweigen übergeht, was aber dennoch von unbedingter Notwendigkeit war, um sich nach den Befehlen Gottes zu richten. So hatten die drei Söhne Noahs offensichtlich lange Reisen in die entferntesten Landstriche der Welt zu machen, um von dort die Tiere mitzubringen, die nicht in ihrer Gegend lebten. Da es auch galt, in der Arche dann nicht von den Löwen, den Tigern, den Alligatoren und anderen schrecklichen Tieren verspeist zu werden, mussten sie sich (wohl von den Riesen) das Handwerk des Dompteurs lehren lassen. Man musste Fleischkonserven für die unzähligen Fleischfresser fabrizieren. Es sei auch bemerkt, dass dieses Gopherholz, aus dem die Arche gemacht wurde, das beste aller Hölzer gewesen sein muss. Wenn man heute auf den Einfall käme, hundert Jahre auf den Bau eines Fahrzeugs zu verwenden, so gäbe es kein Holz, so hart man es sich auch erträumen mag, das nicht vor der Vollendung des Schiffes verfault wäre; das Heck würde vor Altersschwäche zerbröckeln, wenn man dazu käme, am Bug zu arbeiten, und es wäre immer wieder von vorn anzufangen, wie bei Jeannots Messer (fr. „le couteau de Jeannot“, eine Redensart: ein Ding, das seinen Namen behält, obwohl alle seine Teile neu sind), das ewig ist, weil man daran abwechselnd die Klinge und den Griff ersetzt. Niemand hat genau sagen können, was dieses famose Gopherholz war; man hat seit der Sintflut nirgends wieder welches finden können, und das ist recht bedauerlich. Als das rettende Fahrzeug vollendet war, sagte der Ewige zu Noah: « Gehe, du und dein ganzes Haus, in die Arche; denn ich habe dich gerecht gesehen vor mir zu dieser Zeit. » (Genesis 7:1) Die Fortsetzung der göttlichen Rede beweist, dass Meister Jehova seine ersten Vorschriften vergessen hatte; er hatte dem Patriarchen empfohlen, nur ein Paar von jeder Tierart mit sich zu nehmen. Im letzten Augenblick änderte Papa Lieber Gott das Programm ein wenig. « Du sollst nehmen, sprach er zu Noah, von allen sauberen Tieren sieben von jeder Art; aber von den Tieren, die nicht sauber sind, nur ein Paar, das Männchen und das Weibchen. » (Genesis 7:2)
36. Noah lässt ein Paar Tiere von jeder Art in die Arche gehen. Die Bibel fügt nicht hinzu, dass Gott Noah seine Unterscheidungen erklärt habe; aber das ist wahrscheinlich. Übrigens gibt der Levitikus, [101] ein anderes Mose zugeschriebenes Buch, an (Levitikus 11), was die Hebräer unter reinen Tieren oder sauberen Tieren und unreinen Tieren oder Tieren, die nicht sauber sind, verstanden. Unter den Vierfüßern sind die reinen diejenigen, die die geteilte Klaue und den gespaltenen Fuß haben und wiederkäuen: Das Kamel, das Kaninchen, der Hase, die wiederkäuen, aber nicht die geteilte Klaue haben, sind unreine Tiere; das Schwein, das die geteilte Klaue und den gespaltenen Fuß hat, aber nicht wiederkäut, ist gleichfalls ein unreines Tier. Unter den Vögeln hat Jehova den Adler, den Seeadler, den Falken, den Geier, den Milan, den Raben, den Waldkauz, den Kuckuck, den Sperber, die Eule, den Taucher, die Ohreule, den Schwan, den Kormoran, den Pelikan, den Storch, den Reiher, den Wiedehopf und die Fledermaus für unrein erklärt. Schließlich sind das Wiesel, die Maus, die Schildkröte, der Igel, das Krokodil, die Eidechse, die Nacktschnecke und der Maulwurf für unreine Tiere erklärt worden. Alle anderen Tiere sind reine Tiere. Zudem kündigte Papa Lieber Gott Noah an, dass das kleine Sintflutfest in sieben Tagen beginnen werde. Der Patriarch hatte also flink seine Naturgeschichte zu lernen, um zu wissen, ob er zwei oder sieben Giraffen, zwei oder sieben Elefanten, zwei oder sieben Nashörner, zwei oder sieben Flusspferde usw. mit an Bord nehmen sollte. « Und es begab sich, dass am siebenten Tage die Wasser der Sintflut auf die Erde fielen. — Im Jahr sechshundert des Lebens Noahs, im zweiten Monat, am siebzehnten Tage des Monats, an diesem Tage wurden alle Brunnen des großen Abgrunds aufgebrochen, und die Spundlöcher der Himmel wurden geöffnet. » (Genesis 7:10-11) Daraus ersieht man, dass der Heilige Geist darauf beharrte, an die Existenz eines ungeheuren Reservoirs oberer Wasser glauben zu machen, das sich gewissermaßen durch Schleusen entleerte.
37. Die Schleusen des Himmels sind geöffnet. « Und der Regen fiel auf die Erde vierzig Tage und vierzig Nächte lang. — An eben diesem Tage gingen Noah, Sem, Ham und Japheth, die Söhne Noahs, in die Arche, mit dem Weibe Noahs und den drei Weibern seiner Söhne mit ihnen; — sie und alle Tiere nach ihrer Art und alle Haustiere nach ihrer Art und alle Kriechtiere, die auf Erden kriechen, nach ihrer Art und jedes Vöglein, das Flügel hat, von welcher Sorte es auch sei. » (Genesis 7:12-14) Welch eine Arche! welch eine Arche!... Wenn man die verschiedenen [102] Zeiträume zusammenzählt, die in der Fortsetzung dieses Kapitels und im folgenden Kapitel angegeben sind, findet man, dass Noah, seine Familie und die geretteten Tiere insgesamt 393 Tage in der Arche blieben. Die Theologen sagen uns nicht, wie acht Personen ein ganzes Jahr lang ausreichen konnten, all diesen Tieren zu essen und zu trinken zu geben und ihre Exkremente auszuleeren. Man muss auch an die Fortpflanzung all dieser Tiere denken, an die sehr fruchtbaren Rassen!... Was für ein Raum da nötig war! [103] welch ungeheure Vorräte aller Art! welch ein Tagewerk für Noah, seine Frau, seine Söhne und seine Schwiegertöchter!
38. Die Taube. Unruhe der Bewohner der Arche. Gott selbst hatte es übernommen, die Tür der Arche zu schließen (Genesis 7:16). Als das Schiff zu schwimmen begann, « erstarkten die Wasser und wuchsen sehr auf der Erde; und alle höchsten Berge, die unter allen Himmeln waren, wurden bedeckt; die Wasser stiegen fünfzehn Ellen höher » (Genesis 7:17-20). Es ist unmöglich, sich eine genaue Vorstellung von [104] dieser Wassermasse zu machen, selbst wenn man weiß, dass die größte bekannte Meerestiefe der 8.606 Meter tiefe Tuscarora-Graben im Stillen Ozean (Kurilen-Inseln) ist und dass der höchste Berg des Erdballs, der Gaurisankar im Himalaja, seinen Gipfel 8.840 Meter über dem Meeresspiegel hat!... Und den Gaurisankar überstieg der Spiegel der universellen Überschwemmung um fünfzehn Ellen!... Ich werde im Vorbeigehen die Aufmerksamkeit des Lesers auf die unangenehme Überraschung lenken, welche die Sintflut die Fische erleben ließ: Anfangs mussten sie gewiss infolge der Vermischung der süßen und der salzigen Wasser eine üble Viertelstunde verbringen; aber sie gewöhnten sich wohl daran, und Gott gewährte ihnen einen besonderen Schutz, um sie am Umkommen zu hindern. Aber « alles Fleisch, das sich auf der Erde regte, verschied, sowohl an Vögeln als an Vieh, an Tieren und an allen Kriechtieren, die sich auf der Erde hinschleppen, und alle Menschen. — Alle Dinge, die auf dem Trockenen waren und Atem in ihren Nasenlöchern hatten, starben. — Alles also, was auf der Erde bestand, ward ausgerottet, von den Menschen bis zu den Tieren, bis zu den Kriechtieren und bis zu den Vögeln der Himmel. Noah blieb allein am Leben, und alles, was mit ihm in der Arche war. — Und die Wasser hielten sich auf der Erde hundertfünfzig Tage lang. » (Genesis 7:21-24) Indessen hat alles ein Ende. « Nun gedachte der Ewige an Noah und an alle Tiere, die mit ihm in der Arche waren. Und da ließ Gott seinen Wind über die Erde blasen (fr. „Dieu fit souffler son vent“: die Bibel Ostervalds hat „Dieu fit passer un vent“, „Gott ließ einen Wind wehen“, und die katholische Bibel Sacys „fit souffler un vent“, „ließ einen Wind blasen“; „seinen“ Wind hat erst Taxil, der weiter unten den Heiligen Geist daraus macht), und die Wasser blieben stehen. — Denn die Quellen des Abgrunds und die Spundlöcher der Himmel waren geschlossen worden, und der Regen der Himmel war zurückgehalten worden. — Und die Wasser zogen sich mehr und mehr von der Erde zurück; und nach Verlauf der hundertfünfzig Tage nahmen sie ab. — Und am siebzehnten Tage des siebenten Monats blieb die Arche auf dem Gipfel des Berges Ararat (fr. „au sommet du mont Ararat“: die Bibel Ostervalds hat „sur les montagnes d’Ararat“, „auf den Bergen Ararat“, dann „les sommets des montagnes“, „die Spitzen der Berge“; der Gipfel und die „anderen“ Berge sind von Taxil und liefern ihm das Wunder, das er gleich darauf vorführt) stehen. — Und die Wasser nahmen mehr und mehr ab bis zum zehnten Monat; und am ersten Tage des zehnten Monats zeigten sich die Gipfel der anderen Berge. » (Genesis 8:1-5)
39. Die Arche bleibt auf dem Gipfel des Berges Ararat stehen. Es ist unerhört, was an Wundern in diesen wenigen Zeilen erwähnt ist! Zunächst haben wir großes Vergnügen daran, [105] die Bekanntschaft mit diesem liebenswerten Wind Gottes zu erneuern, der seit dem Aufhören des Chaos keinerlei Beschäftigung gehabt hatte. Am Anfang lief er lange über den Wassern im tohu-bohu, und der heilige Augustinus und die katholischen Theologen haben uns belehrt, dass dieser laufende Wind ganz einfach (fr. „tout bêtement“, eine Redewendung, wörtlich „ganz dumm“) Gott der Heilige Geist war. Nun aber, siehe da, lässt Jehova, das heißt Gott der Vater, um die Wasser der Sintflut zu trocknen, den vorerwähnten Heiligen Geist fahren, der zum Bläser wird (fr. „souffleur“: ein Bläser und auch, wie im Deutschen, der Souffleur im Theater, der den Schauspielern ihren Text einsagt; ein paar Zeilen weiter „betritt“ der Heilige Geist „die Bühne“); denn hier findet sich der Ausdruck des hebräischen Textes, « der Wind Gottes », genauso wieder wie in Vers 2 des Kapitels 1; es ist also unzweifelhaft der göttliche Tauber (oder die göttliche Ente, wie Sie wollen), der die Bühne betritt und die Aufgabe übernimmt, die universelle Überschwemmung auszutrocknen. Es musste sich übrigens eine der Gestalten der Dreifaltigkeit einmischen: Niemals hätte irgendein Wind eine solche Unermesslichkeit von Wassern bewältigen können. Da der Spiegel der Sintflut die höchsten Berge der Erde um fünfzehn Ellen überstieg, hat man berechnet, dass diese Anhäufung von Wassern mehr als zwölf übereinandergeschichteten Ozeanen entsprach und dass die zwölfte Sintflutzone folglich für sich allein vierundzwanzigmal größer war als die vereinigten Wasser aller Meere, die heute die beiden Kontinente umgeben. Daher kann man das Wunder der Sintflut als das außerordentlichste der Wunder betrachten, die Gott vollbracht hat, da er, nachdem er alle diese neuen Ozeane geschaffen hatte, was schon ein unvorstellbares Kraftstück war, sie danach vernichtet hat, nur indem er seinen Wind blasen ließ. Das ist ein Tauber, der Atem hat (fr. „a du souffle“, eine Redewendung: hat Ausdauer; ein Wortspiel, denn dieser Tauber ist der Wind Gottes, den Jehova eben hat fahren lassen, und „lâcher un vent“, wie im Deutschen „einen Wind fahren lassen“, heißt auch: eine Blähung abgehen lassen)!... Ein anderes Wunder, das nicht unbemerkt bleiben kann: Am siebzehnten Tag des siebten Monats ist die Arche Noahs auf dem Gipfel des Ararat stehen geblieben, dessen Höhe 5.156 Meter beträgt; und die Berge, die höher sind als der Ararat, wie der bereits genannte Gaurisankar (8.840 Meter), der Dapsang (8.615 Meter), der Nanda Devi (7.813 Meter), der Aconcagua (6.970 Meter), der Chimborazo (6.254 Meter), der Kilimandscharo (6.000 Meter), der Cotopaxi (5.970 Meter) usw., usw., haben ihre Gipfel erst zehn Wochen danach gezeigt, also am ersten Tag des zehnten Monats. Auch das ist als Wunder verblüffend! Die Jungfrau von Lourdes selbst wirkt keine von diesem Kaliber. Die biblische Erzählung vom Ende der Sintflut enthält außerdem [106] eine Geschichte von Rabe und Taube, die nicht sonderlich packend ist. Noah entließ zunächst « einen Raben, der hinausflog, hin- und herfliegend, bis die Wasser trockneten ». Dann sandte er « eine Taube, die, da sie nicht fand, worauf sie die Sohle ihres Fußes setzen konnte, zu ihm in die Arche zurückkehrte »; aber er entließ sie abermals nach Verlauf von sieben Tagen, und diesmal, als sie zurückkam, « hielt sie in ihrem Schnabel einen Ölzweig; Noah erkannte so, dass die Wasser [107] sich von der Erde zurückgezogen hatten. » Der Patriarch war damals sechshundertundein Jahr alt. Gott redete zu ihm, um ihn wissen zu lassen, dass der Augenblick gekommen war, hinauszugehen. Der Auszug aller Tiere vollzog sich in guter Ordnung. Zudem ist, obwohl die Bibel es nicht sagt, anzunehmen, dass sich das salzige Wasser vom süßen Wasser schied (neues Wunder!), damit die Ströme, die Seen, die Meere und die Flüsse sich wieder gesondert wie zuvor bilden könnten; und alle [108] Fische kehrten dann in die verschiedenen Fluten zurück, die ihrer Natur zusagten. « Und Noah baute dem Ewigen einen Altar und nahm von jedem sauberen Tier und von jedem sauberen Vogel und brachte Brandopfer auf dem Altar dar. — Und der Ewige roch einen Geruch, der ihn besänftigte, und sprach in seinem Herzen: Ich will die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des Herzens der Menschen ist böse von ihrer Jugend an; und ich will nicht mehr alles vernichten, was lebt, wie ich getan habe. » (Genesis 8:20-21) Daraufhin erteilte Papa Lieber Gott Noah und seinen Kindern einen Segen erster Klasse und gab ihnen die Erlaubnis, sich fortan von anderen Nahrungsmitteln als Brot und Grünfutter zu ernähren. « Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Wachset und mehret euch, und füllet die Erde. — Und alle Tiere der Erde, alle Vögel der Himmel samt allem, was sich auf der Erde regt, und alle Fische des Meeres werden euch fürchten und euch scheuen; sie sind in eure Hände übergeben. — Alles, was sich regt und Leben hat, soll eure Speise sein, ebenso wie das grüne Gras. — Jedoch sollt ihr kein Fleisch essen mit seiner Seele, welche das Blut ist. — Denn ich will das Blut eurer Seelen zurückfordern von der Hand der Tiere, die euch verzehrt haben werden; und sogar will ich die Seele des Menschen zurückfordern von der Hand des Menschen, seines Bruders. — Wer immer das menschliche Blut vergießt, dessen Blut wird vergossen werden; denn der Mensch ist nach dem Bilde Gottes gemacht. » (Genesis 9:1-6) Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, dass die Tiere nach der Aussage des Heiligen Geistes eine Seele haben und dass die Seele im Blut wohnt. Man sieht auch, dass der Herr Jehova einen Abscheu vor dem Totschlag hat; aber da der Gott der Bibel oft das Augenflimmern hat, werden wir weiter unten sehen, wie er die Israeliten zu Gemetzeln treibt und findet, dass sein teures Volk niemals genug menschliches Blut vergießt. Da Papa Lieber Gott die Verpflichtung einging, die Menschheit nicht mehr zu ersäufen, war für diesen Pakt eine Unterschrift nötig; die göttliche Unterschrift war der Regenbogen, der an jenem Tag eingeweiht wurde. « Ich will meinen Bogen in die Wolken setzen, sprach der Ewige, und er soll das Zeichen meines Bundes sein zwischen mir und der Erde. — Und wenn es sich begeben wird, dass ich die Erde mit Wolken bedeckt habe, da [109] wird der Bogen in den Wolken erscheinen. — So werde ich, wenn ich ihn sehe, meines Paktes gedenken zwischen mir, Gott, und euch, zwischen mir und jedem lebendigen Tier im Fleisch auf der Erde. » (Genesis 9:13-15)
40. Einweihung des Regenbogens. Die Vorsichtsmaßregel war gut, da Papa Lieber Gott seinen häufigen Gedächtnismängeln misstraute. Man beachte außerdem, dass der heilige Text nicht sagt: Mein Bogen, der in den Wolken ist, soll fortan das Zeichen meines Bundes sein; sondern: Ich will meinen Bogen in die Wolken setzen; was sehr deutlich zu verstehen gibt, dass es vorher gar keinen Regenbogen gegeben hatte. Da nun aber der Regenbogen nur durch die Refraktionen und die Reflexionen der Sonnenstrahlen in den Regentropfen gebildet wird, so folgt daraus, dass während der Jahrhunderte, die zwischen der Erschaffung Adams und der Sintflut verflossen, die Bewässerung durch Regen niemals stattfand; die Bäume und die Pflanzen wuchsen also ganz von allein, oder aber der Schweiß von der Stirn der Menschen genügte ihnen, oder auch der Vagabund Kain, der Städte baute, richtete auf dem ganzen Erdball Gesellschaften für künstliche Bewässerung ein. Die Geschichte der Sintflut wird durch zwei interessante Episoden vervollständigt: die Trunkenheit Noahs und der Turm zu Babel. « Noah, der ein Pflüger war, war der Erste, der den Weinstock pflanzte. — Da er nun von dem Wein getrunken hatte, ward er trunken und streckte sich ganz nackt aus, mitten in seinem Zelte. — Und Ham, der Vater Kanaans, da er die Blöße seines Vaters gesehen hatte, ging hinaus und berichtete es seinen beiden Brüdern. — Da nahmen Sem und Japheth einen Mantel, und rücklings gehend bedeckten sie das Geschlecht ihres Vaters, und ihre Antlitze waren rückwärts gewandt, also dass sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. » (Genesis 9:20-23)
41. Noah pflanzt den Weinstock und erfindet den Wein. So benahmen sich Sem und Japheth ehrerbietig, als gute Söhne, die mit der Trunkenheit von Monsieur ihrem Papa Mitleid hatten; Ham dagegen hatte wie ein Flegel gehandelt. Ein Fluch konnte nicht lange ausbleiben; aber Sie werden sehen, wer ihn empfing.
42. Trunkenheit des Patriarchen Noah. (das Plakat lautet „Loi contre l’ivresse“, Gesetz gegen die Trunkenheit: das französische Gesetz von 1873, das in jedem Café aushängen musste, und der erste Trinker liegt darunter) « Noah, als er nach seinem Wein erwacht war, erfuhr den Spott seines Sohnes Ham. — Darum sprach er: Verflucht sei Kanaan; er soll der Sklave der Sklaven seiner Brüder sein! — Er sprach weiter: Gesegnet sei der Ewige, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Sklave! — Gott ziehe Japheth sanft zu sich, und Kanaan sei sein Sklave! » (Genesis 9:24-27)
43. Ham und Kanaan werden verflucht. Und so wurde der junge Kanaan verflucht, der seinen Großvater durchaus nicht verspottet hatte. Es ist kaum [110] möglich zu glauben, dass Noah damit fertig war, seinen Wein auszuschlafen (fr. „cuver son vin“, eine Redewendung, wörtlich „seinen Wein im Bottich gären lassen“), als er sein Urteil sprach; aber es wurde dennoch vom Herrn Jehova bestätigt. Die Theologen erkennen nämlich übereinstimmend an, dass Noah Asien dem Sem zuteilte, Europa dem Japheth und Afrika dem Ham; Kanaan und Ham wurden Neger, und sie und ihre Rasse wurden so verachtet. Wie konnten die drei Söhne Noahs, obgleich sie von ein und demselben Vater und ein und derselben Mutter stammten, [111] die Häupter dreier verschiedener Rassen sein? Es hieße seine Zeit verlieren, wollte man es zu verstehen suchen. Man muss sich also beugen und annehmen, dass von Sem die asiatische Rasse mit der gelben Haut abstammt; von Japheth die europäische Rasse mit der weißen Haut; und von Ham und Kanaan die afrikanische Rasse mit der schwarzen Haut. Aber die Rothäute Amerikas, von wem stammen sie ab? Der Heilige Geist vergaß, es dem Schriftsteller der Genesis zu sagen; oder aber die kupferfarbene Rasse hat keinen Vater gehabt. Wunder und Geheimnis.
44. Die Wirkungen eines Fluches. (auf dem Topf steht „Cirage Marcerou“, Schuhwichse Marcerou, eine Pariser Marke: Noahs Fluch färbt Ham und Kanaan mit Schuhcreme schwarz) [112] Kapitel 10 gibt die Genealogie von Japheth, von Sem und von Ham und nennt die ersten Städte, die erbaut wurden. Von allen angeführten Namen ist der bekannteste der des Nimrod, der « ein mächtiger Jäger vor dem Ewigen » war.
45. Nimrod. « Damals hatte die ganze Erde einerlei Sprache und einerlei Rede. — Es begab sich aber, als die Menschen vom Morgenlande aufbrachen, dass sie ein Gefilde fanden im Lande Sinear, wo sie wohnten. — Und sie sprachen untereinander: Wohlan, lasst uns Ziegel machen und sie im Feuer brennen; und sie hatten Ziegel statt der Steine, und Erdpech statt des Mörtels. — Und sie sprachen weiter zueinander: Kommt, lasst uns eine Stadt bauen, sowie einen Turm, dessen Spitze bis an die Himmel reiche, und lasst uns einen großen Ruf erwerben, ehe wir uns über die ganze Erde zerstreuen.
46. Bau des Turms zu Babel. — Da fuhr der Ewige hernieder, um die Stadt und den Turm zu sehen, die die Söhne der Menschen bauten. — Und er sprach: Siehe, sie sind nur ein Volk, und alle haben einerlei Sprache, und sie fangen an zu arbeiten; und nun wird nichts sie hindern, auszuführen, was sie sich vorgenommen haben. — Kommt denn, lasst uns hinabfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, damit keiner von ihnen mehr verstehe, was sein Nachbar zu ihm sagen wird. — Also zerstreute sie der Ewige von dannen über die ganze Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. — Darum ward ihr Name Babel genannt. » (Genesis 11:1-9)
47. Die Verwirrung der Sprachen. Der heilige Hieronymus sagt in seinem Kommentar zu Jesaja, dass der Turm zu Babel schon viertausend Schritt hoch war, als Jehova die Unterbrechung der Arbeiten dekretierte, und Voltaire bemerkt, dass das zwanzigtausend Fuß ergäbe, also die zehnfache Höhe der großen Pyramide von Ägypten, die 142 Meter hoch ist. Nun haben die Pyramiden fortbestanden, und es bleibt keine Spur von diesem staunenswerten Unternehmen des Turms zu Babel, das die Genesis um das hundertsiebzehnte Jahr nach der Sintflut ansetzt. Für eine Höhe von vierzehnhundert Metern, die noch nicht der Gipfel war, war eine Basis von gewaltigem Umfang nötig; wie hat diese ungeheure Masse Mauerwerk, so kompakt und so fest, verschwinden können? Man kann nur ein göttliches Taschenspielerkunststück annehmen, das zu erwähnen der heilige Verfasser versäumt hat. Von einem anderen Gesichtspunkt aus: Wenn die Bevölkerung des Menschengeschlechts in derselben Progression angewachsen wäre, in der sie [113] heute anwächst, so hätte es weder genug Menschen noch genug Zeit gegeben, um alle notwendigen Künste zu erfinden, deren Gebrauch ein so kolossales Werk erforderte. Man muss also dieses Abenteuer als ein Wunderwerk betrachten. Ein nicht geringeres Wunderwerk ist die plötzliche Entstehung so vieler Sprachen. Die Kommentatoren, sagt Voltaire, haben erforscht, welche Stammsprachen aus dieser Zerstreuung der Völker mit einem Mal geboren wurden; aber sie haben niemals auf irgendeine der alten Sprachen geachtet, die man vom Indus bis nach Japan spricht. Es wäre interessant, die verschiedenen Sprachen zu zählen, die heute auf der Oberfläche des Erdballs gesprochen werden. Es gibt deren mehr als dreihundert in dem, was wir von Amerika kennen, und mehr als dreitausend in dem, was wir von unserem Kontinent kennen. Jede chinesische Provinz hat ihr Idiom; das Volk von Peking versteht das Volk von Kanton nur sehr schwer, und der Inder von der Malabarküste versteht den Inder von Benares überhaupt nicht. Im Übrigen wusste die ganze Erde nichts von dem Wunderwerk des Turms zu Babel; es war nur den hebräischen Schriftstellern bekannt. Was übrigens alles überragt, was im höchsten Grade Fassungslosigkeit hervorruft, ist die Feststellung, dass die großen historischen Tatsachen, die die Bibel über die Ursprünge der Menschheit berichtet, allen Völkern gänzlich unbekannt sind. Man versteht, dass die Griechen, die Römer, die Ägypter, die Chaldäer, die Perser, die Hindus, die Chinesen keine Kenntnis von den Taten und Handlungen eines Gideon, eines Simson oder irgendeines anderen bloß israelitischen Helden gehabt haben; aber dass die Namen Adams und Noahs bei diesen Nationen unbekannt sind, das ist eine andere Sache. Da die Sintflut der Genesis alles zerstörte und Noah der Wiederhersteller des Menschengeschlechts war, müsste die Genealogie dieses Patriarchen die einzige sein, die bei den Geschichtsschreibern aller Nationen in Ehren steht. Wieso sind die Namen von Adam und Eva, von Kain und Abel, von Henoch und Methusalah, von Lamech, Noah, Sem, Ham und Japheth nicht auf allen Pergamenten verzeichnet worden, sobald man schreiben konnte, statt einzig in den Büchern der Juden, einer winzigen Nation, zu stehen? Als die Überlebenden der Arche sich über die verschiedenen Gegenden verbreiteten und allen Völkern das Leben gaben, vergaßen sie also sogar die [114] Namen unserer ersten Eltern! Der Anbau des Weinstocks vermochte Noah nicht einmal vor dem allgemeinen Vergessen zu bewahren, da bei einer großen Zahl von Nationen Bacchus als Erfinder des Weins gefeiert wurde. Was die Sintflut betrifft, so sehen die Kritiker darin einen der natürlichen Kataklysmen der ersten Zeitalter der Welt, und sie behaupten, dass es mehrere regionale Kataklysmen dieser Art gegeben habe; denn die Griechen haben die Sintflut des Deukalion, die [115] der Noahs nicht gleicht; die Ägypter haben das Versinken der Insel Atlantis, das ebenfalls von der jüdischen Sintflut verschieden ist; bei den Chaldäern ist die große Katastrophe die Überschwemmung des Pontus Euxinus, mit einer Rettung, die der König Xisuthros bewerkstelligte. Wäre die Sintflut universell gewesen, wagen die Kritiker zu sagen, so wäre auch der Name Noahs universell gewesen, und es wären die Namen des Deukalion und des Königs Xisuthros, die sich nirgends fänden. Und nichts ist außerordentlicher, als dass Hesiod und Homer, die von allem sprechen, [116] kein Wort von Adam und von Noah gesagt haben, dem einen, dem Vater des Menschengeschlechts, dem anderen, dem Stammvater aller Rassen. Man muss gestehen, dass ein solches Verschweigen ohne Beispiel ist; denn man kann den göttlichen Tauber anständigerweise nicht beschuldigen, die Fopperei so weit getrieben zu haben, dass er dem ersten Menschen und dem Retter der ersäuften Menschengattung reine Phantasienamen gab, bar jeder Echtheit. 5. KAPITEL
Man erinnert sich wohl, dass Jehova bestimmt hatte, das Leben der Menschen solle nicht mehr über sechsmal zwanzig Jahre hinausgehen (Genesis 6:3). Trotz dieses Dekrets versteifte sich Sem darauf, sechshundert Jahre zu leben (11:11); Arphachsad, vierhundertachtunddreißig Jahre (11:13); Salah, vierhundertdreiunddreißig Jahre (11:15); Eber, vierhundertvierundsechzig Jahre (11:17); Peleg und Regu, jeder zweihundertneununddreißig Jahre (11:19-21); Serug, zweihundertdreißig Jahre (11:23); Nahor, hundertachtundvierzig Jahre (11:25); Tharah, zweihundertfünf Jahre (Genesis 11:32). Diese acht Nachfahren Sems führen uns zu Abraham, der in der Legende des jüdischen Volkes eine erhebliche Rolle spielen sollte. Die Genesis sagt nicht, warum Papa Lieber Gott sich in diesen Abraham, zuerst Abram genannt, den Sohn des Tharah, vergaffte. Er lebte in einem Lande namens Haran, als Jehova eines schönen Morgens vor ihm erschien und ihm brüsk, aber freundschaftlich befahl, seine Koffer zu packen. « Der Ewige sprach zu Abram: Geh aus deinem Lande und von deiner Verwandtschaft und aus dem Hause deines Vaters, und komm in das Land, das ich dir zeigen werde. — Ich will dich zu einer großen Nation werden lassen; ich will dich segnen, ich will deinen Namen herrlich machen, und du sollst Segen sein. — Ich will segnen, die dich segnen, ich will verfluchen, die dich verfluchen, und alle Familien der Erde sollen in dir gesegnet werden. » (Genesis 12:1-3)
48. Abraham sucht das Land Kanaan. Abram, damals fünfundsiebzig Jahre alt, verlangte keine Erklärung, machte die Güter, die er erworben hatte, zu Geld und [117] begab sich auf die Reise, ohne genau zu wissen, wohin er ging, und führte seine Frau Sarai mit sich, seinen Neffen Lot und dessen Frau Edith (der Name, den die rabbinische Überlieferung der Frau Lots gibt; die Genesis nennt sie nicht), und einige Domestiken. Die Karawane hatte zunächst zweihundert Meilen zurückzulegen, um das Land Kanaan zu suchen, das Gott Abram unbedingt zeigen wollte, um ihn mit einer Weissagung zu bewirten; er verhieß ihm nämlich, dass dieses Gebiet eines Tages seiner Nachkommenschaft gehören würde. Unsere Reisenden marschierten, marschierten immerzu, durch sandige Ebenen, wo keinerlei Vegetation existierte. Um seinen Glauben und seinen Mut wiederzubeleben, errichtete der nomadische Patriarch einen Altar in der Wüste und bat den Höchsten, ihn so bald wie möglich an sein Ziel gelangen zu lassen; denn dieser lange Ausflug nutzte ihm die Fußsohlen gar zu sehr ab, und ebenso seiner ganzen Familie.
49. Opfer Abrahams in der Wüste. Nachdem die Karawane das Land Kanaan, die Länder von Bethel und von Ai durchquert hatte, rückte sie nach Süden vor; endlich kam man in Ägypten an. « Und als Abram nahe daran war, nach Ägypten hineinzuziehen, sprach er zu Sarai, seinem Weibe: Siehe, ich weiß, dass du ein schönes Weib bist; — und wenn die Ägypter dich gesehen haben, so werden sie mich töten, und sie werden dich behalten. — So sage doch, ich bitte dich, dass du meine Schwester seist, auf dass ich um deinetwillen wohl behandelt werde und meine Seele lebe um deiner Gnade willen. — Es begab sich also, sobald Abram nach Ägypten gekommen war, dass die Ägypter sahen, dass dieses Weib überaus schön war. — Die Vornehmsten vom Hofe des Pharao sahen sie auch, und vor dem König rühmten sie ihre Schönheit; und sie ward in den Palast des Pharao entführt; — welcher Abram Gutes tat um ihretwillen; also dass er Schafe, Ochsen, Esel, Knechte, Mägde, Eselinnen und Kamele erhielt. » (Genesis 12:11-16)
50. Abraham stellt seine Frau dem König von Ägypten vor. Dieses Abenteuer ist erbaulich. Die Heilige Schrift hat kein Wort des Tadels für den patriarchalischen Alphonse (ein Vorname als umgangssprachliches französisches Wort: der von einer Frau ausgehaltene Mann, der Zuhälter; schon 1866 bei Delvau verzeichnet und populär geworden durch „Monsieur Alphonse“, die Komödie von Dumas dem Jüngeren aus dem Jahr 1873, deren Held vom Geld seiner Geliebten lebt). Kommentatoren haben das Betragen Abrahams streng gerügt; aber der heilige Augustinus hat es in seinem Buch gegen die Lüge verteidigt. Bemerken wir im Vorbeigehen, dass Sarai damals fünfundsechzig Jahre alt war; weder das Alter noch die Strapazen der langen Reise durch die Wüste vermochten ihre Schönheit zu mindern; das ist wunderbar! Später, wenn sie neunzig Jahre alt ist, werden wir sie [118] wieder von einem anderen König entführt sehen, und immer noch wegen ihrer Schönheit. Der Pharao leistete sich also die prächtige Alte und glaubte durchaus nicht, einen Ehemann zu hörnen. Patatrac! das Auge Gottes erblickte, was im ägyptischen Serail vorging. « Da schlug der Ewige den Pharao und die Leute seines Hauses mit großen Plagen, um Sarais willen. — Der Pharao rief also Abram und sprach zu ihm: Warum hast du so gehandelt? warum [119] hast du mir nicht gesagt, dass sie dein Weib wäre? — Du hast mir im Gegenteil gesagt: Sie ist meine Schwester; und ich hatte sie zu meinem Weibe gemacht. Nun aber, siehe, da ist dein Weib, nimm sie wieder und zieh hin. — Und der Pharao gab seinen Leuten Befehle; und Abram, sein Weib, und alles, was ihm gehörte, wurden hinausgeleitet. » (Genesis 12:17-20) Da ist unser Abram abermals unterwegs. « Er war sehr reich an Vieh, an Silber und an Gold » (Genesis 13:2); er hatte [120] dem Pharao nichts zurückgegeben, beim Blauen! « Und er kehrte auf demselben Wege zurück, den er gekommen war, vom Süden bis gen Bethel » (Genesis 13:3).
51. Der König von Ägypten überhäuft Abraham mit Geschenken. Im Verlauf dieser neuen Irrfahrt entstand ein Streit zwischen den Schäfern Abrams und denen Lots. Der Onkel und der Neffe trennten sich, wobei sie die besten Freunde der Welt blieben. Abram beschloss, im Lande Kanaan zu bleiben, während Lot sich in die Ebene des Jordan begab und sich in Sodom niederließ, wo er seine Zelte aufschlug.
52. Trennung Abrahams und Lots. (die Tafel lautet „Sodome et Gomorrhe — train de plaisir“, Sodom und Gomorra, Vergnügungszug: der billige Ausflugszug der Zeit, unterwegs zu den Städten des Vergnügens) Einige Zeit danach brach ein Krieg zwischen verschiedenen Königen aus, darunter dem von Sodom, und in der Rauferei wurde Lot gefangen genommen. Onkel Abram, der wieder einmal umgezogen war und seine Zelte nach Hebron verlegt hatte, erfuhr die traurige Nachricht; eine heilige Entrüstung erfüllte sein Herz; er entschloss sich also, Lot zu befreien. Da sah man, was die Tapferkeit eines Patriarchen vermag. Dieser Nomade, der im Lande nicht einen Zoll Boden besaß, hatte eine große Zahl von Domestiken unter seinem Befehl, wie es scheint; denn « er wählte deren dreihundertachtzehn aus, die er bewaffnete », und mit dieser Handvoll Bedienter hieb er die Heere der vier mächtigsten Könige der Gegend in Stücke: « Amraphel, König von Sinear, Arioch, König von Pontus, Kedor-Laomor, König der Elamiter, und Thideal, König der Nationen »; entschuldigen Sie das Wenige!... Der Sieg war derart, dass er « die vier Monarchen bis gen Dan verfolgte », das noch nicht gebaut war; « und nachdem er seine Knechte geteilt hatte, fiel er während der Nacht wieder über die Könige her, schlug sie und verfolgte sie bis gen Hoba, zur Linken von Damaskus; und er brachte eine ganze reiche Beute zurück, er brachte sogar Lot zurück, und die Weiber, und das ganze Volk. » (Genesis 14:1-16)
53. Abraham befreit den gefangenen Lot. Nun verstrichen die Jahre, und Abram war tief betrübt; er fragte sich, wie er eine Nachkommenschaft haben würde, wie sich die göttlichen Verheißungen erfüllen würden, nach denen er der Vater einer großen Nation sein sollte. « Der Ewige sprach zu ihm: Abram, fürchte dich nicht; ich bin dein Schild und dein herrlicher Lohn. — Und Abram antwortete: Herr, was wirst du mir geben? Ich bringe mein Leben zu, ohne Kinder zu haben: — und siehe, der Knecht, der in meinem Hause geboren ist, wird mein Erbe sein. — Aber der Ewige richtete dieses Wort an ihn: Nein, dieser soll nicht dein Erbe sein; sondern der aus deinem Leibe hervorgehen wird, der soll dein Erbe sein. — Und nachdem [121] er ihn hinausgeführt hatte, sprach Gott zu ihm: Hebe nun deine Augen auf gen Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst; also wird deine Nachkommenschaft sein. » (Genesis 15:1-5) Abram geduldete sich weiter. « Nun hatte Sarai, sein Weib, ihm noch kein Kind geboren; sie hatte aber eine ägyptische Magd, mit Namen Hagar. — Und sie sprach zu Abram: Wahrlich, Gott hat mich verschlossen, auf dass ich nicht gebären könne. Geselle dich doch zu meiner Magd; vielleicht werde ich so durch sie Kinder haben. Und Abram gehorchte dem Worte Sarais. » (Genesis 16:1-2) Das sollte heißen, dass Sarai das Kind ihrer Magd adoptieren würde, nach morgenländischer Sitte: Ein Vater oder eine Mutter setzte das Kind eines anderen auf seine Knie, und das genügte, um es zu legitimieren. « Da nahm Sarai Hagar, ihre ägyptische Magd, und gab sie Abram, ihrem Manne, zum Kebsweib, nachdem er zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte. — Er erkannte also Hagar, und sie empfing; aber Hagar, da sie sah, dass sie empfangen hatte, verachtete ihre Herrin. — Da sprach Sarai zu Abram: Die Schmach, die man mir antut, fällt auf dich zurück. Ich habe meine Magd in deinen Schoß gelegt, und seit sie sich schwanger gesehen hat, sieht sie mich mit Verachtung an. Gott richte zwischen mir und dir! — Abram antwortete: Wohlan, die Magd ist in deinen Händen; behandle sie, wie es dir gefällt. Sarai also schlug sie, und Hagar entfloh. » (Genesis 16:3-6)
54. Rivalität Saras und Hagars. Charmant, nicht wahr, diese kleine Patriarchenhäuslichkeit?... Glücklicherweise begegnete ein Engel Hagar in der Wüste, und nachdem er sie ermahnt hatte, ermutigte er sie. « Kehre zurück zu deiner Herrin, sprach der Engel des Herrn, und demütige dich unter sie. — Ich will deine Nachkommenschaft so sehr mehren, dass sie sich nicht wird zählen lassen. — Und den Sohn, den du zur Welt bringen wirst, sollst du Ismael nennen; denn der Ewige hat deine Stimme gehört in deiner Trübsal. » (Genesis 16:9-11)
55. Hagar und der junge Ismael von Sara vertrieben. Hier ist eine merkwürdige Einzelheit, welche die Tonsurierten in ihren Handbüchern der Heiligen Geschichte auslassen und die doch in der Bibel steht: Der Engel, der Hagar erschien und den sie für einen Gott hielt, ließ sich von ihr nicht von vorn sehen; er zeigte ihr nur seinen Hintern. Wörtlich! « Dein Sohn, sprach der Engel zu ihr, wird einem wilden Esel gleich sein; er wird die Hand erheben wider alle, und alle werden ihre Hände erheben [122] wider ihn. — Da nannte Hagar den Engel, der mit ihr redete: « der Gott, der mich gesehen hat »; denn gewiss, sprach sie, ich habe den Hintern dessen gesehen, der mich gesehen hat (fr. „le derrière“: die Bibel Ostervalds hat „vu ici“, „hier gesehen“, und die katholische Bibel Sacys „vu ici par derrière“, „hier von hinten gesehen“; erst Voltaire macht in La Bible enfin expliquée den Hintern daraus, und Taxil übernimmt seine Worte und danach seine Anmerkung über Mose). » (v. 12-13) Diese Absonderlichkeit ist auf einen Glauben der Alten gegründet: Gott war so blendend, dass man sein Antlitz nicht sehen konnte, ohne zu sterben, es sei denn mit einem ganz und gar außergewöhnlichen Schutz. So sah Mose in der Folge Jehova nur von hinten, durch die Spalte eines Felsens; aber zu anderen Malen gewährte ihm Gott [123] die Gunst, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es wäre bedauerlich, solche biblischen Perlen im Dunkel zu lassen. « Danach, als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der Ewige und sprach zu ihm: Ich bin der Gott Schaddai; wandle vor meinem Angesicht und sei ohne Flecken. — Und ich will einen Bund mit dir machen und will dich über die Maßen mehren. — Da fiel Abram auf sein Angesicht, und Gott redete mit ihm und sprach: — Siehe, mein Bund ist mit dir; — und du sollst nicht mehr heißen [124] Abram, sondern dein Name soll hinfort Abraham sein; — und ich will dich sehr reichlich wachsen lassen, sogar Könige sollen von dir kommen. — Ich will dir geben, und deiner Nachkommenschaft nach dir, das Land, darin du als Fremdling wohnst, und das ganze Land Kanaan, zu immerwährendem Besitz; — und ich bin es, der ihr Gott sein wird. — Dies soll der Pakt sein zwischen mir und deinen Nachfahren: Alles Männliche unter euch soll beschnitten werden. — Du sollst das Fleisch deiner Vorhaut abschneiden, und das soll das Zeichen meines Bundes sein mit dir und den Deinen. — Jedes männliche Kind, sobald es acht Tage alt ist, soll beschnitten werden unter euch in euren Generationen, sowohl der im Hause Geborene als der Sklave, mit Geld erkauft von jedem Fremdling, der nicht von deinem Geschlecht ist. — Also soll mein Bund in eurem Fleisch sein, auf dass er ein immerwährender Bund sei. — Und der unbeschnittene Männliche, dem das Fleisch der Vorhaut nicht abgeschnitten worden ist, soll ausgerottet werden, weil er meinen Bund verletzt hat.
56. Gott setzt die Beschneidung ein. — Was Sarai, dein Weib, betrifft, so sollst du sie nicht mehr Sarai nennen, sondern ihr Name soll hinfort Sara sein. — Ich will sie segnen; sie wird dir einen Sohn geben, den ich segnen will. Er soll über den Nationen sein, und die Könige der Völker sollen von ihm kommen. — Da warf sich Abraham nieder, das Antlitz zur Erde; aber er fing an zu lachen und sprach bei sich selbst: Denkt er, dass ein Mann von hundert Jahren einen Sohn machen wird? und dass ein Weib von neunzig Jahren niederkommen wird? — Und er sprach zu Gott: Worum ich dich bitte, das ist, dass Ismael lebe! — Und Gott antwortete Abraham: Sei dessen gewiss, Sara, dein Weib, wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihn Isaak nennen; ich will einen Pakt auch mit ihm machen und mit seinem Geschlecht auf ewig. — Was Ismael betrifft, so habe ich dich schon erhört; ich habe ihn gesegnet und will ihn sehr reichlich mehren; er wird Vater von zwölf Fürsten sein, und ich will ihn eine große Nation werden lassen. — Aber mit Isaak will ich meinen Bund aufrichten, mit Isaak, den dir Sara in einem Jahr gebären wird, in dieser selben Jahreszeit. — Und nachdem Gott ausgeredet hatte, fuhr er wieder auf von Abraham. » (Genesis 17:1-22) Man kann die offizielle Erzählung dieser Erscheinung Jehovas vor Abraham nicht respektvoll genug lesen. Wenn die Augen auf diese Stelle der Bibel fallen, kann man unmöglich noch in Zweifel ziehen, dass der heilige Verfasser, wer er auch sei, Mose oder Esra, wirklich vom Heiligen Geist inspiriert worden ist. Die Tonsurierten brauchen nicht darauf zu bestehen; denn die Rede des Herrn [125] erreicht eine solche Höhe der Erhabenheit, dass kein menschlicher Schriftsteller sie sich hätte ausdenken können. Niemals wäre es Alexander dem Großen in den Sinn gekommen, als er mit den indischen Königen Taxiles und Porus einen Bund schloss, ihnen vorzuschlagen, sich zu beschneiden und die Vorhäute aller ihrer Untertanen abzuschneiden, zum Zeichen einer unauflöslichen Freundschaft. Und als Napoleon in Tilsit, auf dem historischen Floß auf der Memel, den Zaren Alexander in seinen Armen empfing, dachte er nur an den gemeinsamen Hass gegen England, um auf unzerstörbare Weise den Bund zu festigen, den er aufrichtig zwischen Frankreich und Russland wollte; wenn Murat, der den Sieger von Friedland begleitete, damals zu ihm gesagt hätte: « Sire, anstatt den Zaren zu bitten, seine Unterschrift unter den Vertrag über den Angriffs- und Verteidigungsbund zu setzen, fordern Sie von ihm, dass er Ihnen morgen seine abgeschnittene Vorhaut und die Vorhäute seines ganzen Stabes bringe, denn das wäre das schönste Pfand des Paktes zwischen den beiden Kaiserreichen », so ist es wahrscheinlich, dass Napoleon an einen plötzlichen Irrsinn Murats geglaubt und ihn unverzüglich seinen besten Ärzten anvertraut hätte. Aber Alexander und Napoleon waren nur Menschen! Einzig das Hirn eines Gottes konnte die göttliche Idee eines ewigen Bundes fassen, der auf ein Brandopfer von Vorhäuten gegründet ist und sich von Generation zu Generation fortpflanzt. Andererseits bleibt man gerade deshalb, weil die Beschneidung von göttlicher Einsetzung ist, fassungslos, wenn man feststellt, dass die Christen sich beeilt haben, sie abzuschaffen. Der vielgeliebte Patriarch hatte doch nicht gezögert, dem Höchsten zu gehorchen. « Da nahm Abraham seinen Sohn und alle seine Sklaven, die er erkauft hatte, und überhaupt alle Männlichen seines Hauses, und er schnitt ihnen das Fleisch der Vorhaut ab, wie der Gott Schaddai es befohlen hatte. — Abraham schnitt sich das Fleisch seiner Vorhaut selbst ab, im Alter von neunundneunzig Jahren. — Und Ismael, sein Sohn, war volle dreizehn Jahre alt, da er beschnitten ward. — Abraham und Ismael wurden also am selben Tage beschnitten. — Und alle Männlichen seines Hauses, sowohl die, welche darin geboren waren, als die, welche von Fremdlingen erkauft worden waren, alle wurden beschnitten. » (Genesis 17:23-27) So war es bei den Juden immer. [126] Nun ist es völlig offensichtlich, dass die Christen ihre Religion nicht auf die des hebräischen Volkes pfropfen können, ohne diejenigen ihrer Vorschriften, die göttlichen Ursprungs sind, getreu auszuführen. Jesus Christus ist beschnitten worden; seine Vorhaut wird als eine der kostbarsten Reliquien in Sankt Johann im Lateran, in Rom, verehrt, und sie hat sich sogar durch ein sehr bezeichnendes Wunder vermehrt, da sich dieselbe Reliquie auch in Charroux (bei Poitiers), in Le Puy-en-Velay, in Coulombs [127] (bei Chartres), in Châlons-sur-Marne, in Antwerpen und in Hildesheim befindet; außerdem feiert die Kirche den Tag, an dem Jesus Christus beschnitten wurde, als das Fest, welches das gregorianische Jahr eröffnet. Der Kaiser Julian der Philosoph versäumte in seiner Kritik des Christentums nicht, hervorzuheben, in welchem Maße die Anhänger des neuen Kultes die Vorschriften dieser jüdischen Religion verletzen, deren Fortsetzer sie sich nennen, in reinerer Treue als die Juden selbst: Er zeigte den [128] Unterschied des Ritus, die Abschaffung der Opfer, die Verletzung des Gesetzes im Gebrauch der Fleischspeisen, die Ersetzung des Sabbattages (Samstag) durch den darauffolgenden Tag usw. Über die Beschneidung schrieb er: « Ich muss euch fragen, Galiläer, warum beschneidet ihr euch nicht?... Hat Jesus nicht selbst befohlen, das Gesetz genau zu halten? « Ich bin nicht gekommen, sagt er, um das Gesetz und die Propheten zu zerstören, sondern um sie zu erfüllen ». (Matthäus 5:17) Und kurz darauf sagt er noch: « Wer die kleinste der Satzungen des Gesetzes übertreten und die Menschen lehren wird, sie nicht zu halten, der wird sehr klein heißen im Reich der Himmel. » (v. 19) Da nun Jesus ausdrücklich befohlen hat, das Gesetz gewissenhaft zu halten, und da er Strafen festgesetzt hat, um den zu bestrafen, der gegen das geringste Gebot dieses Gesetzes sündigte, ihr, Galiläer, die ihr sie alle übertretet, welche Entschuldigung könnt ihr rechtfertigen? Entweder sagt Jesus nicht die Wahrheit, oder aber ihr seid Deserteure des Gesetzes. » (Rede des Kaisers Julian gegen die Christen, übersetzt vom Marquis d’Argens.) Nachdem der Übersetzer diese Kritik des Philosophenkaisers wiedergegeben hat, legt er dar, wie der heilige Cyrillus ihn zu widerlegen behauptete (Cyrillus von Alexandria, um 376-444, Patriarch der Stadt seit 412; gemeint ist seine Widerlegung „Gegen Julian“); und man wird mit dem Marquis d’Argens zugeben, dass die Argumente des heiligen Cyrillus kläglich und schwach sind. « Sehen wir, sagt der heilige Cyrillus, wozu die fleischliche Beschneidung gut ist, wenn wir ihren mystischen Sinn verwerfen? Wenn es notwendig ist, dass die Menschen das Glied beschneiden, das der Zeugung der Kinder dient, und wenn Gott die Vorhaut missbilligt und verdammt, warum hat er sie nicht gleich von Anfang an abgeschafft, und warum hat er dieses Glied nicht so gebildet, wie er glaubte, dass es sein müsse? Zu diesem ersten Grund der Nutzlosigkeit der Beschneidung fügen wir einen anderen hinzu. In allen menschlichen Leibern, die nicht durch irgendwelche Krankheiten verdorben oder entstellt sind, sieht man nichts, was überflüssig wäre oder was ihnen fehlte: Alles ist darin von der Natur auf eine nützliche, notwendige und vollkommene Weise arrangiert; und ich denke, dass die Leiber mangelhaft wären, wenn sie einiger der Dinge entbehrten, die ihnen sozusagen angeboren sind. Hat denn der Urheber des Weltalls nicht gewusst, was nützlich und [129] schicklich war? hat er es nicht im menschlichen Leib angewandt, da er doch überall sonst die Geschöpfe in ihrem Zustand der Vollkommenheit gebildet hat? Welches ist also der Nutzen der Beschneidung? Vielleicht wird jemand, um ihren Gebrauch zu autorisieren, den lächerlichen Vorwand vorbringen, dessen sich die Juden und mehrere Götzendiener bedienen, um ihn zu stützen: Das geschieht, sagen sie, damit der Leib frei von Unsauberkeit und Befleckung sei; es ist also notwendig, das männliche Glied der Hüllen zu entblößen, die es bedecken. Ich bin nicht dieser Ansicht. Ich denke, dass dies heißt, die Natur zu schmähen, die nichts Überflüssiges und Unnützes hat. Im Gegenteil, was an ihr fehlerhaft und unehrbar erscheint, ist notwendig und geziemend, zumal wenn man die fleischlichen Unreinheiten flieht; man erdulde deren Unbequemlichkeiten, wie man diejenigen des Fleisches erträgt, diejenigen der Dinge, die die Folge dieses Fleisches sind, und man lasse den Brunnen, aus dem die Kinder fließen, von der Vorhaut bedeckt: denn es ziemt sich eher, sich dem Ausfluss dieses unreinen Brunnens fest zu widersetzen und seinen Lauf aufzuhalten, als seine Kanäle durch Durchschneidungen und Schnitte zu versehren. Die Natur des Leibes, selbst wenn sie aus den üblichen Gesetzen heraustritt, befleckt den Geist nicht. » So fragt der heilige Cyrillus, wozu die Beschneidung gut ist, wenn man ihr den mystischen Sinn nimmt. Der Kaiser Julian hätte dem Bischof von Alexandria antworten können: « Zu nichts, wenn Sie wollen, aber darum handelt es sich nicht; es handelt sich darum, ob der Gott Abrahams diesem Patriarchen die Beschneidung als ein ewiges und sicheres Kennzeichen seines Bundes zwischen ihm und den Gläubigen seiner Religion befohlen hat. » Nach dem Text der sogenannten Heiligen Schrift ist es offensichtlich, dass dies die Absicht Gottes gewesen ist und dass er sich darüber auf die klarste und ausdrücklichste Weise erklärt hat. Mose erneuerte in der Folge das Gesetz der Beschneidung in demjenigen, das er auf Befehl Gottes aufstellte (Exodus 12:48, Levitikus 12:3). Jesus Christus, der uns belehrt hat, dass er gekommen sei, um das Gesetz zu erfüllen, und nicht, um es zu zerstören, hat niemals etwas gesagt, was auf die Abschaffung der Beschneidung abzielte. Die Evangelisten haben nirgends erwähnt, dass er den Gebrauch dieser rituellen Praxis hätte einstellen wollen. Aus welchem Grunde also hielten sich die Christen, einige Zeit nach dem Tode ihres göttlichen Gesetzgebers, davon für entbunden? Man wendet ein, der heilige Paulus habe gesagt, dass « die Beschneidung des Herzens allein notwendig ist » (Römer 2:29); [130] aber der heilige Paulus selbst schnitt seinem Jünger Timotheus die Vorhaut ab! (Apostelgeschichte, 16:3) Er hielt also die leibliche Beschneidung für notwendig. Warum änderte der heilige Paulus in der Folge seine Meinung? bemerkt der Marquis d’Argens. Geschah es durch eine Offenbarung? er sagt nicht, dass er darüber irgendeine gehabt habe; geschah es, weil er besser unterrichtet wurde? Er war also in Unwissenheit gewesen, während er schon eine recht lange Zeit Apostel war. [131] Zu den Bemerkungen des Marquis d’Argens hat Voltaire die seinigen hinzugefügt; sie verdienen, wiedergegeben zu werden: « Naturforscher, sagt Voltaire, haben keine plausiblen Gründe für die Beschneidung angegeben. Sie haben behauptet, dass sie dem Unrat vorbeuge, der sich zwischen die Eichel und die Vorhaut einschleichen könnte. Anscheinend hatten sie niemals beschneiden sehen. Man schneidet nur ein sehr kleines Stück der Vorhaut ab, was sie überhaupt nicht hindert, die Eichel [132] im Zustand der Ruhe wieder zu bedecken. Um dem Schmutz vorzubeugen, genügt es, sich die Zeugungsteile zu waschen, wie man sich die Hände und die Füße wäscht. Das ist viel leichter, als sich das Ende der Rute (fr. „la verge“: das männliche Glied, im Französischen das gewöhnliche Wort der Anatomie; eigentlich bezeichnet es, wie „Rute“, einen Stab) abzuschneiden, und viel weniger gefährlich, da bisweilen Kinder an dieser Operation gestorben sind. Die Hebräer, sagt man ferner, bewohnten ein zu heißes Klima; ihr Gesetz wollte ihnen die Folgen einer übermäßigen Hitze ersparen, die Geschwüre an der Rute verursachen konnte. Das ist nicht wahr. Das bergige Land Palästinas ist nicht heißer als das der Provence. Die Hitze ist viel größer in Persien, gegen Hormus hin, in Indien, in Kanton, in Kalabrien, in Afrika. Niemals sind die Bewohner dieser Länder auf den Gedanken gekommen, sich aus Gesundheitsrücksichten die Vorhaut abzuschneiden. Der wahre Grund ist, dass die Priester aller Länder sich ausgedacht haben, ihren Gottheiten einige Teile des Leibes zu weihen, die einen, indem sie sich Einschnitte machten wie die Priester der Bellona oder des Mars, die anderen, indem sie sich zu Eunuchen machten wie die Priester der Kybele. Die Talapoinen (so nannte man damals die buddhistischen Mönche in Siam und Birma) haben sich Nägel in den Arsch gesteckt; die Fakire einen Ring an die Rute. Andere haben ihre Andächtigen gepeitscht, wie der Jesuit Girard (Jean-Baptiste Girard und sein Beichtkind Catherine Cadière, die ihn beschuldigte, sie verführt und gepeitscht zu haben: ein 1731 in Aix verhandelter Skandal) die Cadière peitschte. Die hottentottischen Priester schneiden sich zu Ehren ihrer Gottheit einen Hoden ab und setzen an seine Stelle ein Kügelchen aus aromatischen Kräutern. Die abergläubischen Ägypter begnügten sich damit, dem Osiris ein Endchen Vorhaut darzubringen; die Hebräer, die fast alle ihre Zeremonien von ihnen übernahmen, schnitten sich die Vorhaut ab und schneiden sie sich noch immer ab. Die Araber und die Äthiopier hatten diese Sitte seit unvordenklicher Zeit zu Ehren der untergeordneten Gottheit, die dem Stern des Kleinen Hundes vorstand. Die Türken, Sieger über die Araber, haben diese Sitte von ihnen übernommen, während man bei den Christen Salzwasser auf ein kleines Kind schüttet und ihm in den Mund bläst. Das alles ist gleichermaßen vernünftig und muss dem Höchsten Wesen sehr gefallen! » Halten wir uns nicht dabei auf. Kehren wir zu unserem Patriarchen zurück: Er wird wohl bisweilen an die absonderliche Idee gedacht haben, die Jehova gehabt hatte, ihm seinen Namen zu ändern, ebenso wie seiner Gattin; eine Absonderlichkeit, umso seltsamer, als die Änderung sich auf wenig beschränkte. Abraham, anstatt Abram! Sara, anstatt [133] Sarai! Der Gott der Juden und der Christen ist entschieden ein höchst ulkiger Gott. Mit dem vorerwähnten Abraham wird die Bibel immer amüsanter. « Nun erschien der Ewige wieder dem Abraham, und es war in der Ebene Mamre, eines Tages, da er an der Tür seines Zeltes saß, zur Zeit der großen Hitze. — Als Abraham die Augen aufhob, erblickte er mit einem Mal drei Männer, die in geringer Entfernung waren; alsbald lief er auf sie zu, und er grüßte sie bis zur Erde. » (Genesis 18:1-2) Die folgende Rede ist recht kurios; es ist eine Mischung aus Singular und Plural, die glauben ließe, dass der Patriarch nicht ganz klar im Kopf war: War es die Wirkung der großen Hitze?... « Und Abraham sprach zu ihnen: Meine Herren, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht über die Wohnung deines Knechtes hinaus. — Aber ich will ein wenig Wasser bringen, auf dass ihr eure Füße waschet; einstweilen ruhet euch unter einem Baum aus. — Und ich will auch ein Stück Brot bringen, auf dass ihr euch erquicket. Worauf ihr weiterziehen sollt; denn darum seid ihr zu eurem Knecht gekommen. Und sie antworteten ihm: Tu, wie du gesagt hast. » (Genesis 18:3-5) Zahlreiche katholische Kommentatoren haben geurteilt: Wenn Jehova an jenem Tag in Begleitung zweier Engel gekommen war, so geschah dies, um die drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit darzustellen. Abrahams Geist war nicht subtil genug, um das zu erraten; weder er noch Mose noch irgendein jüdischer Prophet haben es jemals geahnt. « Abraham kam also in aller Hast ins Zelt zu Sara und sprach zu ihr: Eile dich, nimm drei Ephata Mehl, knete sie und mache Brote, unter der Asche gebacken. » (Genesis 18:6) Die modernen Übersetzungen der Bibel haben: Nimm drei Maß Mehl. Mit Absicht setzen unsere Tonsurierten diesen unbestimmten Ausdruck; denn was der Heilige Geist dem Verfasser der Genesis diktierte, ist superlativisch grotesk. Der hebräische Text hat éphatà. Nun fasst ein Epha neunundzwanzig Pinten (die Pariser Pinte, ein altes Maß, entsprach etwa 0,93 Liter), und folglich machen drei Ephata siebenundachtzig Pinten oder einundachtzig Liter Mehl aus (sic: das Hebräische hat „drei Sea“, und drei Sea machen ein einziges Epha, also 29 Pinten, etwa 27 Liter; Voltaire, dem Taxil folgt, sagt das selbst, bevor er die Summe verdreifacht; es bleibt viel Brot für drei Gäste). Welch staunenswerte Menge Brot! Bei den Orientalen war es zwar [134] Brauch, ein einziges Gericht in Fülle vorzusetzen; aber der Patriarch hielt seine Besucher trotzdem für Gargantuas. Bewundern Sie noch, was folgt: « Danach lief Abraham zu seiner Herde, wo er ein zartes und gutes Kalb nahm, und er gab es einem Knecht, der sich beeilte, es zuzurichten. — Hierauf nahm er Kaimak (eine Art Rahmkäse) und Milch und das Kalb, das man eben zugerichtet hatte, und er setzte das Ganze vor sie. Er stand bei ihnen unter [135] dem Baum, und sie aßen. — Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, dein Weib? Er antwortete: Da ist sie, im Zelt. — Einer von ihnen sprach zu ihm: Ich werde nicht versäumen, in einem Jahr um diese selbe Zeit wiederzukommen, wenn ich noch am Leben bin, und dein Weib Sara soll einen Sohn haben. » (v. 7-10) Wenn ich noch am Leben bin ist offensichtlich eine Redensart. Jehova, der sich so ausdrückte, konnte nicht daran zweifeln, dass er in einem Jahr am Leben sein würde. Man wird sagen, dass Papa Lieber Gott und [136] seine zwei engelhaften Gefährten, da sie sich nicht als übernatürliche Wesen gaben, sich die Sprache der Menschen borgen konnten; aber da sie die Zukunft vorhersagten, gaben sie sich zumindest als Propheten. Also?... « Sara, die das hinter der Tür des Zeltes gehört hatte, fing an zu lachen; denn sie waren beide sehr alt, und Sara hatte ihre Regel nicht mehr. — Sie lachte also im Verborgenen und sprach bei sich selbst: Nachdem ich alt geworden bin und da mein Herr so alt ist, werde ich denn noch Lust haben? — Aber Gott sprach zu Abraham: Warum hat Sara angefangen zu lachen und gesagt: Kann es sein, dass ich ein Kind habe, da ich so alt bin? — Gibt es denn etwas, das Gott schwer ist? Nun also, ich werde in einem Jahr wieder zu dir kommen, wie ich dir gesagt habe, wenn ich noch am Leben bin, und Sara soll einen Sohn haben. — Da bekam Sara Angst, und sie leugnete und sprach: Ich habe nicht gelacht. Aber Gott sprach zu ihr: Doch, du hast gelacht. » (v. 11-15)
57. Die Engel verkünden Sara, dass sie einen Sohn haben wird. Man hat darauf hingewiesen, dass dieses Abenteuer eine gewisse Ähnlichkeit hat mit dem des Biedermanns Hyrieus (fr. „Irius“: in der griechischen Mythologie der Vater des Orion), dem Jupiter, Neptun und Merkur einen Besuch abstatteten, während er wehklagte, kein Kind zu haben; die drei Götter gewährten ihm eines, indem sie ihren Samen auf ein Stück Leder warfen, aus dem das Kind geboren wurde. Aber die katholischen Theologen antworten, dass es das Heidentum ist, das die Bibel abgeschrieben hat; nach dem Benediktiner Dom Calmet ist es ganz klar, dass der Name Hyrieus derselbe ist wie der Abrahams. In Wahrheit würde man das kaum ahnen; dennoch wollen wir dem gelehrten Benediktiner nicht wegen einer solchen Kleinigkeit widersprechen! Es ist interessanter, dieses Gespräch Gottes und Abrahams auszukosten, dessen Einzelheiten von einer ergötzlichen Naivität sind. Der Schriftsteller der Genesis berichtet über alles, was geschah, und über alles, was gesagt wurde, genau so, als ob er dabei zugegen gewesen wäre. Er ist also vom Heiligen Geist selbst inspiriert worden, das ist klar; sonst wäre er nur ein Erzähler von Fabeln. Einige katholische Kommentatoren, denen das Lächerliche dieser Einzelheiten peinlich war, haben angedeutet, dass eine solche Geschichte vor allem allegorisch ist; ihnen zufolge simulierten Gott und die Engel, die zu Abraham kamen, ihren Appetit, aßen nicht, sondern taten so, als äßen sie. Ach geh!... Man muss die Bibel nehmen, wie sie ist, antworten wir ihnen; denn wenn man die Auslegung dieser Theologen annähme, denen [137] das Groteske gewisser Episoden der Genesis zu schwer zu tragen scheint, so müsste man in der ganzen Heiligen Schrift nur Allegorien sehen. Dann wäre also nichts von alledem geschehen, was der Tauber erzählt? alles wäre nur zum Schein gewesen? die göttliche Bibel wäre ein immerwährender Traum?... Sehen Sie, meine Herren Tonsurierten, wohin uns ein solcher Gedankengang führen würde! Es ist viel einfacher anzunehmen, dass Gott, den wir haben kneten, blasen und spazieren gehen sehen, auch isst, verdaut usw. und bei Gelegenheit einen Sonnenstich erwischt, wie sein Freund Abraham, der zu ihm zugleich im Plural und im Singular spricht. Nach dem Diner ging man ein wenig spazieren. « Die drei Reisenden standen auf und richteten ihre Augen gen Sodom, und Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. — Da sprach der Ewige bei sich: Soll ich vor Abraham verbergen, was ich tun werde — da er doch Vater einer großen und mächtigen Nation sein wird, und da alle Nationen der Erde in ihm gesegnet werden? » (Genesis 18:16-18) Alle Nationen der Erde in Abraham gesegnet!... Die jüdischen und christlichen Kommentatoren sind sich darin einig, in diesem Text die Behauptung zu sehen, dass Jehova eines Tages der auf dem ganzen Erdball angebetete Gott sein wird, da Jehova der Gott Abrahams ist und die Christen sich, was diesen Patriarchen anbelangt, nicht von den Juden trennen; da nun aber Juden und Christen vom Sohn der Maria an nicht mehr einig sind, welche von den beiden Religionen wird also über die Welt die Oberhand gewinnen? wird die Erde zuletzt jüdisch oder christlich werden?... Gewichtige Frage. Wir haben übrigens Zeit zu warten. Die Bevölkerung des Erdballs beläuft sich nämlich auf mehr als eine Milliarde vierhundert Millionen Einwohner, unter denen die Katholiken, das heißt die Personen, die in der Religion getauft sind, die sich als einzige wahre christliche Religion betitelt, nur zweihundertneununddreißig Millionen ausmachen. Um das Wort Jehovas wahr zu machen, wird es also nötig sein: zuerst, dass alle getauften Katholiken gläubig und praktizierend werden; sodann, dass diese wahren Christen die Protestanten und anderen Ketzer und Schismatiker zu ihren Dogmen zurückführen, die sie verworfen haben; und schließlich werden die Katholiken, nachdem sie den Juden eingeredet haben, dass Jehova dreifach ist, die Mohammedaner, die Konfuzianer, die Brahmanisten, die Buddhisten, die [138] Fetischisten usw., usw. zu bekehren haben — es sei denn, dass es die Juden sind, denen es gelingt, Katholiken und Ketzer zu überzeugen, dass sie sich seit neunzehnhundert Jahren ihren Messias ins Auge gesteckt haben (fr. „se sont fourré… leur Messie dans l’œil“, ein Spiel mit der umgangssprachlichen Redewendung „se mettre le doigt dans l’œil“, wörtlich „sich den Finger ins Auge stecken“: sich gründlich täuschen; Taxil setzt den Messias an die Stelle des Fingers). Auf die eine oder andere Weise scheint die Weissagung von der gänzlichen Bekehrung des Erdballs zum Gott Abrahams kaum als erfüllt gefeiert werden zu können, bei der nächsten Ausstellung (Anspielung auf die Pariser Weltausstellungen von 1855, 1867, 1878, 1889 und 1900). Nun denn, welches war das Vorhaben, das Papa Lieber Gott gefasst hatte und bei dem er sich fragte, ob er, ja oder nein, seinem vielgeliebten Patriarchen eine [139] vertrauliche Mitteilung machen würde?... Alles wohl erwogen, entschloss er sich, vor Abraham keine Geheimniskrämerei zu treiben, und eben da begriff dieser endlich, dass diese drei Reisenden, die ihm ein Kalb und einundachtzig Liter Mehl verschlungen hatten, den Rahmkäse nicht mitgerechnet, übernatürliche Wesen waren, darunter sein alter Freund Schaddai in Person. « Der Ewige sprach also: Weil das Geschrei von Sodom und [140] Gomorra sich gemehrt hat und weil ihre Sünde sehr schwer ist — werde ich nun hinabfahren, und ich werde sehen, ob sie gänzlich all die Dinge getan haben, deren Geschrei bis zu mir gekommen ist; und wenn es nicht so ist, werde ich es wissen. » (Genesis 18:20-21) Jehova traute den Berichten seiner Polizei nicht blindlings. Man wird vielleicht finden, dass ihm in seiner Eigenschaft als allwissender Gott nichts unbekannt sein konnte und dass er folglich genau wusste, woran er war, ohne irgendeiner Untersuchung zu bedürfen; aber vergessen wir nicht, dass sich dies bei sehr starker Hitze abspielt und dass die Verdauung des reichlichen Diners von vorhin seine göttlichen Ideen sehr wohl etwas getrübt haben könnte. « Die drei Reisenden brachen also von dort auf und gingen gen Sodom; aber Abraham machte Halt und stand vor dem Ewigen. — Und er trat zu Gott und sprach zu ihm: Willst du sogar den Gerechten mit dem Frevler umbringen? — Vielleicht sind fünfzig Gerechte in der Stadt; willst du sie auch umbringen? Willst du der Stadt nicht vergeben, um fünfzig Gerechter willen, wenn sie darin wären? — Es wird nicht von dir gesagt werden, dass du den Gerechten mit dem Frevler zu Tode bringst, und dass der Gerechte behandelt wird wie der Frevler. Nein, das wird nicht gesagt werden. Wird der, der die ganze Erde richtet, nicht Gerechtigkeit üben? — Und der Ewige sprach: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte finde, so werde ich dem ganzen Ort vergeben, um ihretwillen. — Und Abraham hob wieder an: Siehe, nun habe ich mich erkühnt, zu dem Herrn zu reden, wiewohl ich nur Staub und Asche bin. — Vielleicht werden an den fünfzig Gerechten fünf fehlen; willst du die Stadt zerstören, um fünf willen, die fehlen würden? Und Gott antwortete ihm: ich werde sie nicht zerstören, wenn ich darin fünfundvierzig Gerechte finde. » (Genesis 18:22-28) Die Unterredung geht in diesem Ton weiter (v. 29-32), wobei Abraham sich bemüht, neue Zugeständnisse zu erlangen: Von den fünfundvierzig geforderten Gerechten geht man zu vierzig über, dann zu dreißig, zu zwanzig; aber schließlich will Papa Lieber Gott nicht unter zehn Gerechte heruntergehen, wenn er Gnade üben soll. Das ist sein letztes Wort! « Und der Ewige ging hin, als er mit Abraham ausgeredet hatte; und Abraham kehrte wieder heim. » (Genesis 18:33). Nach der Bibel setzte Papa Lieber Gott, der selbst sehen wollte, den Weg mit seinen zwei Gefährten nicht fort; das Kapitel 19 lässt durchblicken, dass er wieder in den Himmel hinaufstieg. « Nun kamen gegen Abend die zwei Engel gen Sodom. [141] Lot, der bei dem Tor der Stadt saß, ging ihnen entgegen; sobald er sie sah, grüßte er sie, indem er sich mit dem Antlitz zur Erde niederwarf. — Und er sprach zu ihnen: Ich bitte euch, meine Herren, geruht, im Hause eures Knechtes einzukehren; herbergt darin diese Nacht; wascht darin auch eure Füße; morgen in der Frühe werdet ihr aufstehen, und ihr werdet euren Weg fortsetzen. Aber sie antworteten: Nein, wir werden diese Nacht auf der Gasse zubringen. — Aber Lot drängte sie so inständig, dass sie einwilligten, sich in sein Haus zurückzuziehen. Und als sie in sein Haus hineingegangen waren, bereitete er ihnen ein Festmahl, mit ungesäuerten Broten, die er buk, und sie aßen. — Aber ehe sie sich schlafen legten, umringten die Männer der Stadt, das heißt die Männer von Sodom, das Haus, vom Jüngsten bis zu den Greisen, das ganze Volk, von einem Ende bis zum anderen. — Und sie riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind diese Männer, die heute Abend zu dir hineingegangen sind? Führe sie heraus, auf dass wir sie gebrauchen. — Da ging Lot zu ihnen hinaus, um an der Tür mit ihnen zu reden, und nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprach er zu ihnen: Ich bitte euch, meine Brüder; begeht nicht dieses Übel. — Höret, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben; ich werde sie euch zuführen, und ihr werdet sie gebrauchen, ganz wie es euch gefällt, wenn ihr nur diesen zwei Männern keine Gewalt antut, weil sie in den Schatten meines Daches gekommen sind. — Sie aber antworteten ihm: Weiche von dannen. Und sie sprachen weiter: Dieser Mann ist ein Fremdling, der hier Domizil genommen hat, und er wollte sich anmaßen, ein Urteil über uns zu fällen? Geh, wir werden dir mehr antun als ihnen. Und da taten sie Lot Gewalt an; dann schickten sie sich an, die Türen seines Hauses einzuschlagen. — Aber die zwei Reisenden streckten ihre Hände aus und holten Lot wieder in sein Haus hinein, und sie schlossen die Tür. — Danach schlugen sie alle Männer, die das Haus belagerten, mit Blendung, sodass sie es müde wurden, die Tür zu suchen. » (Genesis 19:1-11)
58. Lot beschützt die Engel vor den Einwohnern von Sodom. Es war notwendig, diese Stelle der Genesis wörtlich wiederzugeben; man kann nicht oft genug daran erinnern, dass diese Zeilen unter dem Diktat des Heiligen Geistes geschrieben wurden. Zudem ist es nicht weniger nützlich, den Kommentar Voltaires wiederzugeben: « Wir gestehen, dass der biblische Text hier mehr [142] als anderswo den menschlichen Geist verwirrt. Wenn diese zwei Engel, oder diese zwei Götter, körperlos waren, so hatten sie also einen Leib von großer Schönheit angenommen, um in einem ganzen Volk abscheuliche Begierden zu erwecken. Was! die Greise und die Kinder, alle männlichen Einwohner, ohne Ausnahme, kommen in Scharen, um mit diesen zwei Engeln die schändliche Sünde zu begehen! Es liegt nicht in der menschlichen Natur, alle zusammen öffentlich einen solchen Gräuel zu begehen, für den man [143] immer die Zurückgezogenheit und die Stille sucht. Die Sodomiter verlangen diese zwei Engel, wie man in einer Zeit der Hungersnot mit Tumult Brot verlangt. Es gibt in der heidnischen Mythologie nichts, was dieser unfassbaren Scheußlichkeit nahekommt. Die Theologen, die gesagt haben, dass die drei himmlischen Reisenden, von denen zwei nach Sodom kamen, Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist waren, machen das Verbrechen der Sodomiter noch verabscheuungswürdiger, und diese Geschichte unbegreiflicher. [144] Der Vorschlag Lots an die Sodomiter, alle bei seinen zwei jungfräulichen Töchtern zu liegen, anstatt bei diesen zwei Engeln, oder diesen zwei Göttern, zu liegen, ist nicht weniger empörend. All das birgt die hassenswerteste Unreinheit, die in irgendeinem Buch erwähnt wird. Die Ausleger finden einige Beziehungen zwischen diesem Abenteuer und dem von Philemon und Baucis; aber letzteres hat nichts Unanständiges, und es ist viel lehrreicher. Es ist ein Flecken, den Jupiter und Merkur dafür bestrafen, dass er ungastlich gewesen ist; es ist eine Mahnung, mildtätig zu sein; es gibt darin keinerlei Unreinheit. Einige sagen, dass der heilige Verfasser die Geschichte von Philemon und Baucis habe überbieten wollen, um mehr Abscheu vor einem in den heißen Ländern sehr verbreiteten Verbrechen zu erwecken. Indessen bedingen sich die diebischen Araber, die sich noch in dieser wilden Wüste von Sodom aufhalten, stets aus, dass die Karawanen, die durch diese Wüste ziehen, ihnen mannbare Mädchen geben werden, und verlangen niemals Jungen. Diese Geschichte von diesen zwei Engeln wird hier nicht als Allegorie, als Apolog behandelt; alles ist buchstäblich zu nehmen (fr. „au pied de la lettre“, eine Redewendung, wörtlich „am Fuß des Buchstabens“); und übrigens ist nicht zu ersehen, welche Allegorie man daraus für die Erklärung des Neuen Testaments ziehen könnte, von dem das Alte nach Ansicht der Kirchenväter ein Vorbild ist. » Zitieren wir weiter den heiligen Text, das göttliche Buch, die inspirierte Schrift, die wir bei Strafe der Todsünde für wahrheitsgetreu zu halten verpflichtet sind. Wir werden noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen! « Da sprachen die zwei Reisenden zu Lot: Wen hast du noch hier, der zu den Deinen gehöre, entweder einen Schwiegersohn, oder Söhne, oder Töchter, oder sonst einen deiner Angehörigen in der Stadt? » (Genesis 19:12) — Warum diese Frage stellen? wussten die Engel nicht, aus wem sich die Familie Lots zusammensetzte? — « Alle, die deine Verwandten sind, sprachen sie, führe sie hinaus aus diesem Ort; denn wir werden diese Stadt zerstören, deren Geschrei der Missetat bis zum Himmel aufgestiegen ist, und der Ewige ist es, der uns gesandt hat, sie zu zerstören. — Lot ging also hinaus und redete mit seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter ehelichen sollten; er sprach zu ihnen: Steht eilends auf und verlasst mit mir diese Stadt; denn der Ewige wird sie zerstören. Aber seine Schwiegersöhne glaubten, dass er sie zum Narren halte. — Gleich bei Tagesanbruch drängten die Engel Lot wieder und sprachen zu ihm: Eile, nimm dein Weib und deine zwei Töchter mit, die [145] hier sind; sonst würdest du wegen des Verbrechens dieser Stadt umkommen. — Und da Lot zögerte, nahmen die Engel ihn bei der Hand, und sie nahmen auch sein Weib und seine zwei Töchter bei der Hand, weil der Ewige sie verschonte; und sie nahmen sie mit und setzten sie vor die Stadt hinaus. — Dort sprach einer von ihnen: Rette dein Leben, sieh nicht hinter dich, und bleib an keiner Stätte der Ebene stehen; rette dich auf den Berg, auf dass du nicht umkommest. — Aber Lot antwortete ihnen: Nein, Herr, ich bitte dich; — siehe, dein Knecht hat Gnade gefunden vor dir, und du hast deine Barmherzigkeit an mir geübt; indessen werde ich mich nicht auf den Berg retten können, ohne dass das Übel mich ereilt und ich sterbe. — Darum, ich bitte dich, ist hier ganz nahe eine Stadt, wohin ich fliehen kann, und es ist eine kleine Stadt; erlaube, dass ich dort Zuflucht suche; und verschone sie. Ist sie nicht klein, und meine Seele wird leben? — Der Engel sprach zu ihm: Es sei, ich gewähre dir noch diese Gnade, die Stadt nicht zu zerstören, von der du eben zu mir gesprochen hast. — Aber geh schnell, und rette dich dorthin; denn ich werde nichts tun können, bevor du hineingegangen bist. Aus diesem Grund wurde diese Stadt seitdem Zoar genannt. — Während die Sonne aufging, ging Lot also nach Zoar hinein. — Da ließ der Ewige regnen, auf Sodom und auf Gomorra, Schwefel und Feuer, die vom Himmel fielen. — Und er zerstörte jene Städte, und die ganze Ebene, und alle Einwohner der Städte, und er vernichtete den Keim der Erde. — Aber Lots Weib sah hinter sich und ward in eine Salzstatue verwandelt. — Nun war Abraham an jenem Tage in der Frühe aufgestanden, und er kam an eben die Stätte, wo er während seines Spaziergangs mit dem Ewigen (fr. „sa promenade“: die Bibel Ostervalds hat „au lieu où il s’était tenu devant l’Éternel“, „an den Ort, wo er vor dem Ewigen gestanden hatte“, und auch Voltaire kennt keinen Spaziergang: er ist von Taxil, derselbe, den er sie nach dem Diner machen ließ) stehen geblieben war. — Und als er seine Blicke gen Sodom und Gomorra richtete, und als seine Augen auf das ganze Land ringsum geheftet waren, sah er von der Erde einen Rauch voller Funken aufsteigen, wie den Rauch eines Feuerofens. » (Genesis 19:12-28)
59. Brand von Sodom. Über die Anzahl der verbrannten Städte enthalten die vorstehenden Zeilen keine genaue Auskunft. Sodom und Gomorra allein werden genannt; dennoch sind die Theologen der Meinung, dass alle Städte dieser Ebene durch das Feuer des Himmels zerstört wurden, und sie haben sogar einen Namen ersonnen: Sie nennen die verwüstete Gegend « die Pentapolis », was « das Land der fünf Städte » bedeutet. Es hätte also fünf verbrecherische Städte gegeben. Zur Stützung ihrer These gehen die Theologen [146] auf das Kapitel 14 zurück, wo der Krieg erzählt wird, in dessen Verlauf Lot gefangen genommen und dann dank dem siegreichen Eingreifen Abrahams und seiner dreihundertachtzehn auserlesenen Domestiken befreit wurde; der Vers 2 dieses Kapitels nennt nämlich fünf Königreiche, die in dieser Gegend bestanden haben sollen, und man hat daraus geschlossen, dass die schuldigen Städte, deren Ausrottung Jehova dekretiert hatte, eben die Hauptstädte dieser fünf Königreiche sind. [147] Hier ist überdies diese Stelle: « Die vier Könige (Amraphel, Arioch, Kedor-Laomor und Thideal) führten Krieg gegen Bera, den König von Sodom, gegen Birsa, den König von Gomorra, gegen Sineab, den König von Adama, gegen Semeber, den König von Zeboim, und gegen den König von Bela, das später Zoar genannt worden ist. — Diese alle hatten sich im Tal Siddim versammelt, das heute das Salzmeer ist. » (Genesis 14:2-3) Aber dieser sinnreichen Auslegung der Theologen [148] gelingt es nur, die Widersprüche der Bibel besser hervortreten zu lassen. Denn dies sind wirklich die schuldigen Städte: Sodom, Gomorra, Adama, Zeboim und Bela. So hat also der Herr Jehova, als er mit Abraham plauderte, sein Ausrottungsdekret gegen die ganze Pentapolis aufrechterhalten, weil es in Sodom insgesamt nicht zehn Gerechte gibt, nicht wahr? und dagegen verschonen die brandstiftenden Engel Bela, das aus diesem Grund Zoar genannt wurde, bloß weil Lot gewünscht hat, sich in diese Stadt zu begeben!... Indessen waren die Einwohner von Bela-Zoar — da kommt man nicht heraus (fr. „il n’y a pas à sortir de là“, eine Redewendung: dem ist nicht zu entrinnen) — demselben Laster ergeben wie die Sodomiter, da Gott sie zuerst dem Feuerregen geweiht hatte. Will man etwa sagen, dass die Belaiter, da sie den Besuch der Engel nicht erhalten hatten, diesen gegenüber ihre schändlichen Begierden nicht bekundet haben, und dass dieser Umstand als mildernd hat gelten können? Zugegeben; aber die Gomorräer, die Adamaiter und die Zeboimiter waren in derselben Lage und sind nichtsdestoweniger ausgerottet worden.
60. Die Frau Lots wird in eine Salzstatue verwandelt. Was Gomorra anbelangt, so hat sich die Wissenschaft der Theologen auf merkwürdige Weise betätigt, und, ohne dass man weiß warum, hat die Kirche auf Grund einer Überlieferung, von der sich nirgends eine Spur findet, angenommen, dass die Sünde dieser Stadt genau das Gegenteil der Sünde Sodoms war. Daraus ergibt sich, dass das, was die Griechen « Päderastie » nannten, in der Sprache der Geistlichen « Sodomie » heißt; andererseits wird das sapphische Laster, das den Damen der Insel Lesbos einen Weltruf erworben hat, bei unseren Tonsurierten zum Laster der « Gomorräerinnen ». Folglich begreift man jetzt recht gut, was das für ein Geschrei war, das sich von Sodom und von Gomorra erhob und das bis zum Himmel aufstieg, nach der Erklärung des alten Schaddai, der zu Abraham sprach. In Sodom waren es die Frauen, die sich beklagten, vernachlässigt zu werden; in Gomorra dagegen waren es die Ehemänner ohne Arbeit, die dem Ewigen ihre Wehklagen vorheulten. Aber dann ist man berechtigt, sich zu fragen, warum in Sodom die himmlische Vergeltung die Frauen ausgerottet hat, da doch die Männer in Wirklichkeit die einzigen Schuldigen in dieser Stadt waren, und warum Papa Lieber Gott in Gomorra diese bedauernswerten Ehemänner nicht verschont hat, die schon sehr betrübt (fr. „infortunés maris, déjà fort marris“: ein Wortspiel, denn „marris“, ein veraltetes Wort für bekümmert, klingt wie „maris“, Ehemänner) darüber waren, dass Mesdames ihre Gattinnen ohne sie auskamen. Und wenn man sich auf die Prüfung eines [149] besonderen Falles beschränken will, so ist es offensichtlich, dass die zwei Herren aus Sodom, die sich mit den Töchtern Lots verlobt hatten, keine Päderasten waren; ihre Heirat war so fest beschlossen, so bereit, gefeiert zu werden, dass der heilige Mann sie schon seine Schwiegersöhne nannte. Nach dem heiligen Verfasser ist durchaus nicht ersichtlich, dass diese zwei Schwiegersöhne Lots desselben Übermaßes an abscheulicher Unreinheit schuldig gewesen wären, für die die Sodomiter mit ihrer Stadt verbrannt wurden; der Text zeigt sie keineswegs in dem Haufen, der die zwei Engel vergewaltigen wollte; vielmehr lässt die Genesis durchblicken, dass sie sich sehr anständig nach Hause zurückgezogen hatten, da Lot hinging, sie zu wecken, um sie einzuladen, mit ihm zu verduften; dennoch wurden sie in die allgemeine Zerstörung mit hineingezogen. Was die Frau Lots betrifft, so muss man gestehen, dass sie die Regung des Mitleids teuer bezahlte, die sie den Kopf nach dieser Stadt zurückwenden ließ, wo sich wohl ihre Verwandten befanden. Ihre plötzliche Verwandlung in eine Salzstatue ist gewissermaßen von jüdischen oder christlichen Schriftstellern der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung bestätigt worden. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus beteuert in seinem Buch der Altertümer, dass er diese Statue gesehen habe und dass man sie zu seiner Zeit noch zeigte. Die Skeptiker glauben, dass Israeliten des Ortes sich sehr wohl damit amüsiert haben könnten, ein Stück Asphalt zu einer groben Figur zu behauen und zu sagen: Das ist die Frau Lots. Man hat Werke aus Erdpech gesehen, die kunstvoll gearbeitet waren und lange bestehen konnten. Andererseits ist der heilige Irenäus sehr weit gegangen, indem er Folgendes versicherte: « Die Frau Lots ist nicht mehr verwesliches Fleisch; aber, während sie immerfort im Zustand einer Salzstatue verbleibt, hat sie weiterhin jeden Monat ihre Regel. » (Buch 4, Kap. 2) Tertullian versichert im Gedicht von Sodom dasselbe mit noch größerem Nachdruck: « Dicitur, et vivens salso sub corpore, sexus mirifice solito dispungere sanguine menses. (lateinisch: „Man sagt, ihr Geschlecht, lebendig unter ihrem Leib aus Salz, kennzeichne noch auf wundersame Weise mit dem gewohnten Blut die Monate“) » Jedoch ist dieses Wunderding den Römern unbekannt geblieben, die nach Palästina kamen: Als sie Jerusalem einnahmen, hatten sie nicht die Neugier, hinzugehen und sich die mirakulöse Salzstatue anzusehen, aus dem einfachen Grund, dass niemand ihnen davon sprach; ja, weder Pompejus noch Titus noch Hadrian hatten jemals von Lot, von seiner Frau Edith und von seinen zwei Töchtern, noch von Abraham, noch von irgendeiner Gestalt dieser Familie reden hören. Heute finden die [150] reisenden Damen, die sich aufmachen, die Umgebung des Toten Meeres zu erforschen, dort keinerlei Salz- oder Asphaltstatue vor; die Muselmanen des Landes haben nicht daran gedacht, eine zu fabrizieren, die den Neugierigen großes Vergnügen bereiten würde; hingegen zeigen sie den Pilgern die Eiche von Mamre, in deren Schatten Jehova und die zwei Engel ein ganzes Kalb und eine gewaltige Menge Brote und Rahmkäse verschlangen. Strabon, der berühmte griechische Geograph, der zu der Zeit [151] starb, in welche die christliche Legende die Geburt Jesu setzt, besuchte eingehend Kleinasien und ganz besonders Palästina, über das er minutiöse Berichte geschrieben hat; namentlich begab er sich in die Gegend von Sodom und des Toten Meeres, und er sagt kein Wort von der Salzstatue, die Josephus einige Jahre später gesehen zu haben versichert. Was Strabon als unparteiischer Reisender berichtet, ist sehr interessant zu lesen, weil die Ansicht der Juden, die damals das Land bewohnten, [152] nicht genau mit der Bibel übereinstimmt; weit davon entfernt, an einen durch Verbrechen verursachten Feuerregen zu glauben, schrieben die Israeliten die Verwüstung des Landstrichs sehr natürlichen Ursachen zu, vulkanischen Ausbrüchen. Zitieren wir also Strabon: « Dass diese Gegend vom Feuer bearbeitet worden ist, dafür bringt man mehr als einen Beweis bei: verbrannte Felsen, zahlreiche Spalten, eine Erde aus Asche, Ströme, die weithin einen verpesteten Geruch verbreiten, und hier und da Wohnstätten in Trümmern. All das macht glaubhaft, was die Einwohner des Landes erzählen, das heißt, dass es dort einst dreizehn Städte gab, deren Metropole Sodom war: dass aber durch Erdbeben, Ausbrüche unterirdischer Feuer und die brennenden Wogen erdpechhaltiger und schwefelhaltiger Gewässer der See den Landstrich überflutete, und dass die Felsen die Merkmale des Kataklysmus bewahrten. Unter diesen Städten wurden die einen verschluckt, die anderen von den Einwohnern verlassen, die sich retten konnten. » (Geographie Strabons, Buch 16, Kap. 2) Dies ähnelt kaum dem Vers 24 des Kapitels 19 der Genesis: « Da ließ der Ewige regnen, auf Sodom und auf Gomorra, Schwefel und Feuer, die vom Himmel fielen. » Aber wichtig zu vermerken ist, dass die jüdische Überlieferung, die Strabon an Ort und Stelle gesammelt hat, wenn sie auch im Widerspruch zu der biblischen Erzählung des Kapitels 19 steht, durchaus nicht überrascht, wenn man auf das Kapitel 14 derselben Genesis, Vers 10, zurückgeht: « Es waren im Tal viele Erdpechgruben, und die Könige von Sodom und von Gomorra fielen auf der Flucht hinein. » Die Bibel selbst hat also festgestellt, dass das ganze Terrain vor der schrecklichen Feuersbrunst Asphalt war! Die Gelehrten haben, wie man sieht, leichtes Spiel, wenn sie sagen, dass der göttliche Tauber auch hier wieder den heiligen Schriftsteller in den großen Preisen mystifiziert hat. Die ganze Natur bezeugt in dieser ungeheuren Wüste einen Kataklysmus, der sich unvermeidlich ereignen musste, wenn es wahr ist, dass Menschen die Unvorsichtigkeit gehabt haben, sich dort niederzulassen. So ist das Tote Meer, das den Jordan und die Flüsse empfängt, die von den umliegenden Bergen herabkommen, nicht beträchtlicher als der Genfer See; es ist, genau wie der Léman, 76 Kilometer lang, und seine größte Breite beträgt 15 Kilometer. Nun, während die Rhone den [153] Genfer See durchquert, werden der Jordan und die verschiedenen Flüsse vom Toten Meer aufgesogen. Man hat berechnet, dass der Jordan allein dem Toten Meer sechs Millionen Tonnen pro Tag zuführt: Diese enorme Wassermasse muss also täglich verdunsten; denn wegen des Spiegels des Sees, der 394 Meter unter dem des Mittelmeers liegt, kann man keinen Abfluss annehmen, und zudem beträgt die größte Tiefe 399 Meter. Die heiße und trockene Luft dieser Senke, die einzig in ihrer Art ist (793 Meter), kann nämlich enorme Mengen von Wasserdämpfen aufsaugen. Die Mergelschichten der Umgebung, die Asphaltmassen, die überall sind, die Häufigkeit der Erdbeben, der im Wesentlichen vulkanische Boden, alles beweist, dass das Land zu allen Zeiten unbewohnbar gewesen ist. Wenn man durchaus darauf besteht, den Tauber für unfähig zu halten, den Schriftsteller der Genesis zum Narren gehalten zu haben, wenn man trotzdem die Geschichte vom Feuerregen, der vom Himmel fiel, um menschliche Wesen zu vernichten, die hier der Päderastie und dort des Sapphismus schuldig waren, als wahrheitsgetreu gelten lassen will, dann muss man sagen, dass Jehova-Schaddai, obwohl ewig, nichtsdestoweniger ein klein wenig normannisch (fr. „un tantinet normand“, eine Redewendung: ausweichend, sein Wort nur halb haltend; in Frankreich gelten die Normannen als listig und als Leute, die weder ja noch nein sagen) ist. Er hatte nämlich, als er Noah erklärte, seine Milde werde sich künftig enthalten, die Menschen auszurotten, feierlich geschworen, die Hand auf dem Regenbogen, die Sintflut nicht mehr zu wiederholen. Einen Eid zu leisten, auf die Ersäufungen zu verzichten, und danach die Sintflut von Wasser durch Platzregen von Feuer zu ersetzen, das heißt für einen Gott ziemlich Bindfaden sein!... Außerdem erzählt uns die Bibel, dass eine Stadt auf die Bitte Lots verschont wurde, und dass diese Stadt diejenige ist, die seitdem Zoar genannt worden ist. — Nun, wer kennt denn Zoar? wo ist sie, diese Stadt? Da alle Geschichtsschreiber von der Existenz Zoars nichts gewusst haben, hätte diese Glückspilz-Stadt etwa nicht bis zuletzt das Glück gehabt zu gefallen, und hätte Papa Lieber Gott sie im folgenden Jahrhundert zerstört?... Tatsache ist, dass von Zoar nicht mehr Spuren geblieben sind als von Sodom und Gomorra. Wenn Menschen sich daran gewagt haben, an die Ufer des Toten Meeres zu kommen, um dort zu wohnen, so geschah es immer nur zu einem kurzen Aufenthalt, in Behausungen, die provisorisch gebaut waren, einzig um Salz, Asphalt, Chlormagnesium und ein gewisses Mineralöl zu sammeln, das an gewissen Stellen des Sees obenauf schwimmt und von dem man [154] einst in der Medizin Gebrauch machte; worauf man sich beeilte, sich aus dieser ungesunden Gegend davonzumachen, wo die Vegetation fast gleich null ist und wo man nicht einmal Trinkwasser findet. Kurzum, glauben wir an Zoar für die Viertelstunde (fr. „pour le quart d’heure“, eine Redewendung: für den Augenblick), und sehen wir uns die Fortsetzung der außerordentlichen Genesis an. Der heilige Verfasser hat uns soeben gezeigt, dass Lot, da er kein Päderast war, vor der Katastrophe gerettet wurde, ebenso wie seine Töchter, tugendhafte Jungfern; derselbe Verfasser wird uns gleich darauf die schönen [155] Beispiele von Tugend zeigen, die diese heilige Familie gegeben hat. Die neue biblische Episode enthält nicht ein Wort der Missbilligung an die Adresse der drei Entronnenen von Sodom. Der göttliche Tauber hat eine Spezialität: Er berichtet die widerwärtigsten Obszönitäten, als ob nichts auf der Welt einfacher wäre; die Blutschande scheint unter der Feder des heiligen Verfassers eine ganz alltägliche Gepflogenheit zu sein. Der Leser möge auch dieses Zitat noch entschuldigen; es ist notwendig; es muss wörtlich sein, um recht deutlich zu zeigen, was [156] die Heilige Schrift ist, das religiöse Buch schlechthin, die erhabene Grundlage des Dogmas und des Glaubens. « Nun zog Lot hinauf von Zoar und kam und wohnte auf dem Berge mit seinen zwei Töchtern; denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben. Und er zog sich in eine Höhle zurück mit seinen zwei Töchtern. — Und die ältere sprach zu der jüngeren: Unser Vater ist alt, und es ist kein Mann auf der Erde übrig geblieben, der in uns eingehen könne, nach der Sitte aller Länder. — So komm denn; lass uns unsern Vater mit Wein trunken machen und bei ihm liegen, auf dass wir Samen von unserm Vater erwecken können. — Da gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken in jener Nacht. Danach trat die ältere hinzu und lag bei ihrem Vater; aber er fühlte nichts, weder da er sich legte, noch da er wieder aufstand. — Und des andern Tages sprach die ältere zu der jüngeren: Siehe, ich habe die vergangene Nacht bei unserm Vater gelegen: lass uns ihm auch diesen Abend Wein zu trinken geben, und du sollst deinerseits bei ihm liegen, auf dass wir Samen von unserm Vater bewahren. — In jener Nacht also machten sie ihren Vater wieder trunken, und die jüngere lag bei ihm, der nichts davon fühlte, weder da sie mit ihm zusammenwirkte, noch da sie aufstand. — So wurden die beiden Töchter Lots schwanger von ihrem Vater. — Die ältere gebar einen Sohn, den nannte sie Moab; der ist der Vater der Moabiter, und seine Nachkommen gibt es noch heutigentags. — Und die jüngere gebar auch einen Sohn, den nannte sie Ammon; der ist der Vater der Ammoniter, und seine Nachkommen gibt es noch heutigentags. » (Genesis 19:30-38) Dieser Text mag noch so sehr das Erzeugnis der unmittelbaren Eingebung des Heiligen Geistes sein; er ist nichtsdestoweniger verpestet. Dieses Abenteuer Lots und seiner Töchter konnte der gerechten Kritik Voltaires nicht entgehen; daher werden wir, um es zu kommentieren, völlig hinter den großen Philosophen zurücktreten. Die Betrachtungen dieses Mannes von Genie, der der geistige Vater der Revolution war, sind heute ebenso nützlich wie im vergangenen Jahrhundert, da der Aberglaube mit seinen Dogmen und seinen Priestern noch aufrecht steht. « Der biblische Text, schreibt Voltaire, sagt nicht, was Lot tat, als er seine Frau in eine Salzstatue verwandelt sah; er sagt auch nicht den Namen seiner Töchter. Der Gedanke, ihren Vater trunken zu machen, um in der Höhle bei ihm zu liegen, ist sonderbar. Der Text [157] sagt nicht, wo sie Wein fanden; aber er sagt, dass Lot seine Töchter genoss, ohne irgendetwas zu bemerken, sei es, als sie bei ihm lagen, sei es, als sie fortgingen. Es ist sehr schwer, eine Frau zu genießen, ohne es zu fühlen, zumal wenn sie Jungfer ist. Das ist eine Tatsache, die zu erklären wir uns nicht erkühnen. Im Übrigen sieht man nicht ein, warum die Töchter Lots fürchteten, die Welt möchte ein Ende nehmen, da Abraham schon Ismael von seiner Magd gezeugt hatte, da alle Nationen zerstreut waren und da die Stadt Zoar, aus der diese Mädchen kamen, ganz nahe dabei lag. » Und an wen wandten sie sich denn, um Wein zu kaufen, wenn nicht an Weinhändler, die an dem Ort wohnten?... Voltaire weist ferner darauf hin, dass diese Geschichte eine gewisse Beziehung zu derjenigen der Myrrha hat, die Adonis von ihrem Vater Kinyras hatte. « Das ist, sagt er, der alten arabischen Fabel von Kinyras und Myrrha nachgeahmt; aber in dieser weit anständigeren Fabel wird Myrrha für ihr Verbrechen bestraft, während die Töchter Lots mit der größten und teuersten der Segnungen nach dem jüdischen Geist belohnt werden: Sie sind Mütter einer zahlreichen Nachkommenschaft. » Verbrennen wir Zucker (fr. „brûlons du sucre“: Zucker zu verbrennen war eine alte Art, einen üblen Geruch aus einem Zimmer zu vertreiben, und die Geschichte Lots stinkt). Die Genesis kommt jetzt auf Abraham zurück, den patriarchalischen Alphonse, der immer bereit ist, den kleinen Kniff zu wiederholen, der ihm in Ägypten so gut gelungen war. « Zu jener Zeit zog Abraham fort in die Länder gegen Mittag und wohnte zwischen Kades und Sur, und er durchquerte als ein Reisender das Land Gerar. — Und Abraham sprach zu allen von Sara, seinem Weibe: Es ist meine Schwester. Darum ließ Abimelech, der König von Gerar, Sara entführen, um sie zu besitzen. — Aber Gott erschien Abimelech eines Nachts im Traum und sprach zu ihm: Siehe, du bist ein toter Mann um des Weibes willen, das du genommen hast; denn sie hat einen Ehemann. — Nun hatte Abimelech sie noch nicht berührt. Er antwortete also: Herr, würdest du unschuldige und unwissende Leute zu Tode bringen? — Hat dieser Mann nicht selbst zu mir gesagt: Es ist meine Schwester? Hat nicht auch sie selbst zu mir gesagt: Es ist mein Bruder? Ich habe dies getan in der Einfalt meines Herzens und mit reinen Händen. — Der Ewige erwiderte: Ja, ich weiß, dass du in der Unwissenheit eines einfältigen Herzens gehandelt hast; daher habe ich verhindert, dass du wider mich sündigtest, und [158] darum habe ich darüber gewacht, dass du dieses Weib bis jetzt nicht berührtest. — Jetzt also gib sie ihrem Ehemanne zurück; dieser Mann ist ein Prophet, und er wird für dich beten, und du wirst leben. Wo du aber dieses Weib nicht zurückgibst, so wirst du gewisslich sterben, samt allen den Deinen, das wisse. — Und Abimelech stand des Morgens sehr früh auf; er rief alle seine Leute, erklärte ihnen diese Dinge, und sie wurden von Furcht ergriffen. — Danach ließ Abimelech Abraham rufen und sprach zu ihm: Warum hast du [159] derart gehandelt? Worin habe ich dich beleidigt, dass du über mich und über mein Königreich eine Züchtigung gebracht hast, gleich denen, die den großen Verbrechen vorbehalten sind? Du hast mir Dinge getan, die man nicht tun soll. — So sage es mir denn, was hast du bei uns gesehen, das dich getrieben hätte, dies zu tun? — Abraham antwortete: Ich habe so gehandelt, weil ich bei mir selbst sagte, es sei vielleicht keine Gottesfurcht in diesem Lande, und ich dachte, man würde mich töten um der Schönheit meines Weibes willen. — [160] Übrigens kann ich mit Wahrheit sagen, dass sie meine Schwester ist; denn wenn sie nicht die Tochter meiner Mutter ist, so ist sie wenigstens die Tochter meines Vaters; aber es ist auch wahr, dass sie mir zum Weibe gegeben worden ist. — Nun begab es sich, als die Götter mich führten hierhin und dorthin, fern vom väterlichen Hause, dass ich zu meinem Weibe sprach: Überall, wohin wir gehen werden, mach mir das Vergnügen, zu sagen, dass ich dein Bruder bin. — Da nahm Abimelech Schafe, Ochsen, Bediente und Mägde und gab sie Abraham und gab ihm Sara, sein Weib, zurück. — Und er sprach zu ihm: Siehe, mein Land steht dir zur Verfügung; aber zieh fort von hier (fr. „mais va-t’en d’ici“: die Bibel Ostervalds hat „Voici, mon pays est à ta disposition ; habite où il te plaira“, „Siehe, mein Land steht dir zur Verfügung; wohne, wo es dir gefällt“; Taxil fügt das „Va-t’en“, „Zieh fort“, aus Voltaires La Bible enfin expliquée ein, und so widerspricht sich das Angebot des Königs) und wohne, wo es dir gefällt. — Und er sprach zu Sara: Ich hatte deinem Bruder tausend Silberstücke gegeben. Nun folge meinem Rat; habe einen Schleier über den Augen vor allen, die bei dir sind, und vor allen anderen. So ward sie zurechtgewiesen. — Nun hatte Gott alle Vulven verschlossen um Saras willen, des Weibes Abrahams. — Und auf das Gebet Abrahams heilte Gott Abimelech und gab seinem Weibe und seinen Mägden die Fruchtbarkeit wieder; und sie bekamen da Kinder. » (Genesis 20:1-18) („als die Götter mich führten“ — fr. „quand les dieux m’ont conduit“, in der Mehrzahl, wie in La Bible enfin expliquée von Voltaire, dem Taxil hier folgt. Taxil kommt auf solche Mehrzahlformen zurück, als Beweis dafür, dass der hebräische Text die Spur mehrerer Götter bewahrt; die Lutherbibel hat hier „Gott“ in der Einzahl.) Vergessen wir nicht, dass die schöne Sara zu dieser Zeit volle neunzig Jahre alt war. (Genesis 17:17) Einige Bemerkungen drängen sich außerdem auf: Hat Abraham die Wahrheit gesagt, als er Abimelech versicherte, dass Sara zugleich seine Frau und seine Schwester ist? Wenn ja, so haben wir es mit einer weiteren Blutschande zu tun. Wohlan, das ist sauber, die Bibel!... Das ist nicht alles: Wenn in dieser Affäre Abimelech den Eindruck eines wackeren Mannes macht, so ist Abraham, welchen Standpunkt man auch einnehmen mag, ein überaus garstiger Herr. Mag er auch Saras Bruder sein, er ist nichtsdestoweniger ein Lügner, in seinem Kupplerinteresse; vor allem ist seine Schwester-Frau bloß ein Kochtopf (fr. „marmite“, ein Argot-Wort: die Frau, von der ein Zuhälter lebt; von „faire bouillir la marmite“, den Kochtopf sieden lassen, das heißt den Haushalt ernähren). Er log wirklich und wahrhaftig, als er seine Eigenschaft als Ehemann verbarg; die Erklärung, die er gibt, wenn der Rosentopf (fr. „découvrir le pot aux roses“, eine Redewendung: das Geheimnis wird entdeckt; die Herkunft ist umstritten: der „pot aux roses“ war vielleicht der Topf, in dem man das Rosenparfüm verwahrte) aufgedeckt ist, bietet uns einen Abraham als Kasuisten nach jesuitischer Mode; seine Mentalreservation vermag ihn in den Augen anständiger Leute nicht zu rechtfertigen. Ist es zudem ganz sicher, dass dieser vielgeliebte Patriarch, dieser teure Grünrücken (fr. „dos-vert“, ein Argot-Wort: Zuhälter; der Zuhälter hieß „maquereau“, Makrele, und die Makrele hat einen grünen Rücken), den Jehova beschützt und dem er den Titel eines Propheten gibt, der Bruder Saras ist, wie er mit einem Mal erklärt? Die anderen Stellen der Genesis scheinen das Gegenteil anzuzeigen. In der Episode mit dem König von Ägypten [161] (Genesis 12) haben wir Abraham sich zum ersten Mal dieser Kriegslist bedienen sehen, die ihn bereicherte; aber als der Pharao ihm sein Betragen vorwarf, dachte er nicht an die subtile Erklärung, die er jetzt gibt: Abimelech ist es, der sie als Erster zu kosten bekommt, und man ist berechtigt zu argwöhnen, dass dies ein neuer Schwindel ist, den er unter dem Eindruck der heftigen Vorwürfe des Königs von Gerar jäh ersonnen hat. Warum hätte er sich nicht ebenso entschuldigt, als er dem Pharao zu antworten hatte? Es gibt noch mehr. Der Heilige Geist, der alles diktiert hat, widerspricht sich ausdrücklich. Im 11. Kapitel hat er die Familie Tharahs, des Vaters Abrahams, vorgestellt. « Tharah hatte drei Söhne: Abram, Nahor und Haran. Nun zeugte Haran Lot; danach starb Haran in Gegenwart Tharahs, seines Vaters. Abram und Nahor nahmen Weiber; das Weib Abrams hieß Sarai, und das Weib Nahors hieß Milka; diese war die Tochter Harans, und sie hatte zur Schwester Jiska. » (v. 27-29) Folglich ehelichte Nahor seine Nichte. Wäre Sarai die Tochter Tharahs und die Schwester Abrams, Nahors und Harans, so würde der Verfasser nicht versäumen, es in dem Augenblick zu sagen, wo er die Verwandtschaftsgrade in der Familie Tharahs genau angibt. Noch besser! er nennt Sarai « die Schwiegertochter Tharahs »; das steht im Vers 31 ausgeschrieben. « Nun war Sarai unfruchtbar und hatte kein Kind. — Und Tharah nahm mit sich seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn seines Sohnes Haran, und seine Schwiegertochter Sarai, das Weib seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus von Ur, der Stadt in Chaldäa, um sich in das Land Kanaan zu begeben. Und sie kamen bis gen Haran und wohnten daselbst. — Dort starb Tharah, zweihundertundfünf Jahre alt. » (v. 30-32) Also: Abraham, dem wenig daran lag, in den Augen Abimelechs als blutschänderischer Ehemann zu erscheinen, hat abermals gelogen, unter dem Vorwand, Entschuldigungen für eine erste Lüge zu liefern; oder aber, wenn er sich entschlossen hat, dem König von Gerar die Wahrheit zu sagen, die er dem Pharao mitzuteilen versäumt hatte, so ist es der Heilige Geist, der beim Diktieren der Genesis im Galimathias und in den Widersprüchen herumpatscht. Ein anderer Eindruck, der sich ergibt, sobald man genauer hinsieht, ist, dass dies alles frei erfunden ist und dass der heilige Verfasser ein ungeschickter Schwachkopf ist. Der Heilige Geist, der zur Mystifikation aufgelegt ist und sich in unsittlichen und unflätigen Fabeln gefällt, diktiert alles, was ihm durch den Kopf geht, und [162] der tölpelhafte Schriftsteller verzeichnet unerschütterlich alles und jedes, Schändlichkeiten und groteske Märchen, ohne auf die Widersprüche und die Unmöglichkeiten zu achten, die doch offensichtlich sind. Wieso hat er nicht bemerkt, dass der Tauber ihn zum Narren hielt, als er ihn das Land Gerar als ein Königreich eintragen ließ? Nach dem Bericht der Geographen des Altertums ist Gerar eine kleine sandige Ebene, ohne die geringste Vegetation, eine grässliche Wüste, wo niemals ein Mensch sein Domizil wählen konnte. [163] Abimelech war also König einer Wüste!... Und wie lange behielt er Sara, ohne dass Mme Abimelech (Abkürzung von „Madame“; Taxil gibt den Frauen der Bibel den bürgerlichen Titel seiner Zeit, wie er den Männern „le sieur“ gibt, im deutschen Text „Herr“) in Versuchung kam, dieser die Augen auszureißen? Da ist wieder ein Punkt, an dem die ganze Unverschämtheit der Flunkerei des Heiligen Geistes hervortritt. Diese Episode fällt nach dem Brand von Sodom und vor die Zeit, da Jehova seine Verheißung von Mamre erfüllte. Das 21. Kapitel beginnt nämlich so: « Und der Ewige suchte Sara heim und tat ihr so, wie er verheißen hatte. — Sara also [164] empfing, und sie gebar Abraham einen Sohn in seinem Alter, zu der Zeit, die ihm Gott gesagt hatte. » (v. 1-2)
61. Geburt Isaaks. Da diese Niederkunft somit ein Jahr nach der Reise Schaddais und der zwei Engel nach Mamre eintrat, fällt der Aufenthalt Abrahams im Lande Gerar notwendig in die drei Monate, die auf die Sintflut von Feuer folgten. Nun, selbst angenommen, dass dieser Aufenthalt in Gerar genau diese drei Monate gedauert hätte, wie konnten die Gattin, die Mägde und die Untertaninnen S. M. Abimelechs im Zeitraum eines Vierteljahres bemerken, dass sie unfruchtbar waren, das heißt, dass sie eine verschlossene Vulva hatten, um den zarten Ausdruck des heiligen Verfassers zu gebrauchen? Es bedarf im Allgemeinen einer ganzen Reihe von Jahren, bis eine Frau feststellen kann, dass sie untauglich geworden ist, Kinder zu bekommen. Aber wenn man die Möglichkeit einer Feststellung der Unfruchtbarkeit in der natürlichen Ordnung der Dinge ausschließt, so muss man, mit der Wissenschaft der Theologen, die sich von keinem Wunder, und sei es burlesk, jemals verblüffen lassen, zu dem Schluss kommen, dass Jehova es bei diesem Anlass mit der Fopperei grausig neckisch getrieben hatte, und dass der heilige Verfasser, wenn er von der Trostlosigkeit der Ehemänner von Gerar spricht, die ihre Frauen verschlossen fanden, ganz einfach sagen will, dass die Unglücklichen zugenäht waren. In diesem Fall stellt man sich leicht das Gesicht des Königs der Wüste vor und das seiner Untertanen. Freilich! diesmal müssen sie es schlecht gefunden haben, und man begreift, dass Abimelech, um das Ende dieser Geißel zu sehen, Abraham den ganzen heiligen Plunder gab, den er sich wünschen konnte, wobei er zu dem Propheten und zu seiner Frau-Schwester sagte: Verduftet schnell von hier! Nach dem Wunder der zugenähten Frauen setzt uns die unerschöpfliche Genesis also das Wunder der Niederkunft Saras vor, einer Frau von neunzig Jahren, die seit langem ihre Menstruation nicht mehr hatte. Das ist wie bei Nicolet, immer stärker (fr. „comme chez Nicolet, de plus en plus fort“, eine Redensart: immer erstaunlicher; so kündigte das Pariser Jahrmarktstheater Nicolets im 18. Jahrhundert seine Nummern an); mit dem spaßhaften Tauber langweilt man sich nicht! Jetzt kommt eine andere Sache: Abraham, der einen ehelichen Sohn hat, wird Ismael, das Kind, das er von seiner Konkubine hatte, zur Tür hinausschmeißen. « Und Abraham gab dem Sohne, den ihm Sara geboren hatte, den Namen Isaak. — Und er beschnitt Isaak, als er acht Tage alt war, so wie es ihm Gott geboten hatte. — Nun war Abraham [165] hundert Jahre alt, da ihm Isaak geboren ward. — Und Sara sprach: Gott hat mir einen Anlass zum Lachen gegeben; alle, die es erfahren werden, werden mit mir lachen. — Sie sprach auch: Wer hätte zu Abraham gesagt, dass Sara Kinder säugen würde? denn ich habe ihm einen Sohn geboren in seinem Alter. — Und das Kind wuchs und ward entwöhnt. Und Abraham machte ein großes Festmahl an dem Tage, da Isaak entwöhnt ward. — Nun bemerkte Sara, dass der Sohn der Ägypterin Hagar spottete, dieser Sohn, den Hagar Abraham geboren hatte. — Und sie sprach zu Abraham: Verjage diese Magd und ihren Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht mit meinem Sohne, mit Isaak, von dir erben. — Aber Abraham ward darüber verärgert, um seines Sohnes willen. — Da erschien ihm Gott und sprach zu ihm: Habe keinen Kummer um dieses Kindes willen noch in Betreff deiner Magd. Im Gegenteil, gehorche Sara in allem, was sie dir sagen wird; denn in Isaak soll deine Nachkommenschaft nach deinem Namen genannt werden. — Jedoch, weil der Sohn deiner Magd von deinem Samen ist, will ich auch ihn zu einer großen Nation werden lassen. — Da stand Abraham am Morgen auf, sehr früh, und nachdem er Brot und eine Flasche Wasser genommen hatte, legte er sie Hagar auf die Schulter und gab ihr ihr Kind; so schickte er sie fort. Und Hagar zog fort, umherirrend in der Wüste Beer-Seba. — Nun war das Wasser der Flasche nach einiger Zeit aufgebraucht. Da legte Hagar ihren Sohn in den Schatten eines Strauches. — Und als sie sich einen Bogenschuss weit von ihm entfernt hatte, sprach sie: Dass ich dieses Kind nicht sterben sehe! Und da sie gegenüber saß, erhob sie weinend ihre Stimme. — Und Gott hörte die Stimme des Knaben; danach rief ein Engel Gottes Hagar vom Himmel herab und sprach zu ihr: Was hast du, Hagar? Fürchte nichts, denn Gott hat die Stimme des Knaben gehört. — Steh auf, geh zu deinem Kinde, lass es aufstehen und nimm es bei der Hand; denn ich will es zu einer großen Nation werden lassen. — Da öffnete Gott Hagar die Augen, und sie erblickte einen Brunnen; sie ging hin, füllte dort ihre Flasche mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. — Und Gott war mit Ismael; er wuchs in der Wüste heran; er lebte dort und ward ein geschickter Bogenschütze. — Er ließ sich in der Wüste Pharan nieder; und seine Mutter gab ihm ein Weib aus dem Lande Ägypten. » (Genesis 21:3-21) Dieser brüske Abschied, den Abraham seinem Erstgeborenen und der armen Hagar mit einem Stück Brot und einer Flasche Wasser gab, ist recht unmenschlich von einem so [166] mächtigen und so reichen Mann, der mit dreihundertachtzehn Mann aus der Elite seiner Domestiken Sieger über fünf Könige gewesen war und dem seine Frau dank ihrem Umgang mit dem König von Ägypten und dem König von Gerar so viel Geld eingebracht hatte. Nach alledem ist es schwer zu sagen, dass die Heilige Schrift die Nächstenliebe lehrt! Es folgt eine Episode, die nicht von großem Interesse ist. Abimelech, begleitet von Pichol, dem Obergeneral seines Heeres, kommt, um Abraham einen Besuch abzustatten, und bittet ihn, ihm bei Gott zu schwören, [167] dass er ihm niemals mehr irgendeine Lüge sagen werde; der König von Gerar ersucht den Patriarchen noch, einen Bund mit ihm einzugehen, und dieser Bund wird wegen eines Brunnens geschlossen, den die Diener Abimelechs den Domestiken Abrahams streitig machten. Um zu beweisen, dass wirklich er den strittigen Brunnen gegraben hat, sondert der Patriarch bei einem Präsent von Hammeln und Ochsen an Abimelech sieben Schafe aus seinem Schafstall ab. Dieser nimmt die Herde an, wird aber stutzig, als er [168] diese sieben Schafe sorgfältig abseits von dem übrigen Vieh gestellt sieht. Danach gefragt, antwortet Abraham: « Ich habe diese sieben jungen Schafe abgesondert, und du sollst sie von meiner Hand nehmen; sie sollen dir ein Zeugnis sein, dass ich diesen Brunnen wirklich gegraben habe. » (v. 30) Abimelech und der General Pichol erklären sich für überzeugt und kehren heim. Abraham pflanzt einen Eichenhain um den Brunnen; worauf uns die Genesis belehrt, dass der Patriarch mit der Deckmütze (fr. „casquette-à-pont“: die hohe schwarze Seidenmütze der Pariser Zuhälter der Zeit, nach den Decks, „ponts“, eines Schiffs benannt, mit denen man ihre Höhe verglich; Taxil nennt Abraham wieder einen Zuhälter) lange im Lande der Philister wohnte. Indessen erwartete Abraham, der so glücklich war, von seiner lieben und alten Sara einen Sohn zu haben, kaum die üble Posse, die Papa Lieber Gott ihm vorbehielt. « Du bist vernarrt in ihn (fr. „tu le gobes“, eine Argot-Redewendung, wörtlich „du schluckst ihn ganz hinunter“), deinen Balg, o Prophet meines Herzens? Nun denn, jetzt wirst du ihn töten, du selbst, nicht mehr und nicht weniger, um mir gefällig zu sein! » Dies ist die Überraschung, die Jehova seinem vielgeliebten Patriarchen zu bereiten dekretiert hatte. Allerdings war es nur zum Schein. Der Ewige, der gern lachte, wollte sich einfach die Verdutztheit des Alphonse Abraham als Schauspiel leisten. Auch hier muss man wörtlich zitieren; es ist zu schön! « Es begab sich nach diesen Dingen, dass Gott Abraham versuchte. Er sprach zu ihm: Abraham! Abraham! Und dieser antwortete: Hier bin ich. — Gott sprach weiter zu ihm: Nimm nun deinen einzigen Sohn Isaak, den du liebhast, und gehe hin in das Land Morija, um mir diesen Sohn zum Brandopfer darzubringen, auf einem Berge, den ich dir zeigen werde. — Abraham also stand des Morgens früh auf, gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei seiner Knechte sowie seinen Sohn Isaak. Dann, nachdem er das zum Opfer nötige Holz gehauen hatte, machte er sich auf den Weg, in der Richtung der Stätte, die ihm Gott gesagt hatte.
62. Gott befiehlt Abraham, ihm seinen Sohn hinzuopfern. — Am dritten Tage erblickte er den Berg von ferne. — Da sprach er zu den zwei Knechten: Wartet hier mit dem Esel; wir werden bis dorthin gehen, das Kind und ich, und wir werden den Ewigen anbeten; worauf wir wiederkommen werden. — Und Abraham nahm das Holz für den Scheiterhaufen des Opfers; er legte es auf den Rücken Isaaks, seines Sohnes; er selbst aber versah sich mit dem Feuer, um den Scheiterhaufen anzuzünden, und er trug auch in der Hand ein großes Messer. Also gingen sie beide miteinander hin. — Da sprach Isaak, sich an Abraham wendend, zu ihm: Mein Vater! Und Abraham antwortete: Was willst du, mein Sohn? Und Isaak sprach: Siehe, da ist wohl das Feuer und das Holz; wo aber ist das Tier [169] zum Brandopfer? — Und Abraham antwortete ihm: Mein Sohn, Gott wird selbst für das Tier zum Brandopfer sorgen. Und sie gingen weiter, beide miteinander. — Als sie an die Stätte gekommen waren, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar, schichtete das Holz darauf; dann band er Isaak, seinen Sohn, und legte ihn auf das Holz, das er auf dem Altar zurechtgelegt hatte. — Hierauf streckte Abraham die Hand vor und nahm das Messer, um seinen Sohn abzuschlachten. — Aber da rief ihm ein Engel des Ewigen vom Himmel zu: Abraham! Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. — Der Engel sprach zu ihm: Strecke deine Hand nicht aus über das Kind, und tu ihm kein Leid; denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deines einzigen Sohnes nicht verschont hast, um meinetwillen.
63. Opfer Isaaks. — Und Abraham hob die Augen auf und erblickte einen Widder, der sich mit den Hörnern in einem dichten Busch verfangen hatte. Da ging er hin und nahm diesen Widder, und er opferte ihn zum Brandopfer hin, an seines Sohnes Statt. — Und Abraham nannte diese Stätte Der-Ewige-wird-dafür-sorgen. — Und der Engel des Ewigen rief Abraham zum zweiten Male von den Himmeln zu. — Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr, weil du solches getan und deines einzigen Sohnes nicht verschont hast. — Darum will ich dich abermals segnen; und ich will deinen Samen überaus reichlich mehren, wie die Sterne der Himmel und wie den Sand der Strände, die am Ufer des Meeres sind; und deine Nachkommenschaft soll die Tore deiner Feinde besitzen; — und alle Nationen der Erde sollen in deinem Samen gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. — Also kehrte Abraham zu den zwei Knechten zurück; und sie kehrten alle miteinander zurück und zogen alsdann gen Beer-Seba. » (Genesis 22:1-19) Die Kritiker weisen darauf hin, dass Abraham, der Gott angefleht hatte, die Bewohner von Sodom und Gomorra zu verschonen, die für ihn Fremde waren, nicht das geringste Gebet zugunsten seines eigenen Sohnes vorbrachte. Sie beschuldigen den Patriarchen auch einer neuen Lüge, als er zu den zwei Bedienten sagte: Wir werden nur hingehen, mein Sohn und ich, und wir werden wiederkommen. Da er ganz eigens auf den Berg ging, um Isaak abzuschlachten und zu verbrennen, konnte er nicht die Absicht haben, mit ihm wiederzukommen. Diese Lüge war die Tat eines Barbaren, während die anderen die Lügen eines habgierigen Kupplers gewesen waren, der seine Frau für Geld prostituierte. [170] Zudem sieht man nicht ohne Überraschung, wie Abraham, ein Greis von hundert Jahren, selbst das Holz eines Scheiterhaufens haut, bevor er sich auf den Weg macht: man braucht, um einen Leib zu verbrennen, mindestens einen großen Karren voll trockenen Holzes; ein wenig grünes Holz könnte nicht genügen. Vermutlich wurde all dieses Holz zuerst von dem Esel und den zwei Dienern getragen. Wenn es insgesamt nur die Last eines Esels war, so wundert man sich jedenfalls, dass Isaak, der noch nicht dreizehn Jahre alt war, sie seinerseits tragen konnte. [171] Man sagt auch, dass das Kohlenbecken, mit dem sich Abraham versah, um das Feuer anzuzünden, kaum mehr als einige Kohlen fassen konnte und dass sie erloschen sein mussten, bevor man an den Ort des Opfers gelangte, da in dem Augenblick, als der Patriarch und sein Sohn sich von den zwei Bedienten trennten, der Berg Morija erst von ferne zu erblicken war. Schließlich hat man beobachtet, dass dieser berühmte Berg Morija, der Berg, auf dem später der Tempel von Jerusalem erbaut wurde, [172] nur ein kahler Fels von legendärer Dürre ist; niemals ist dort der geringste Strauch gewachsen, und die ganze Landschaft in der Umgebung Jerusalems ist immer voller Steine gewesen, so dass man zu allen Zeiten das Holz von sehr weit her dorthin kommen lassen musste. Dennoch ändern diese verschiedenen Einwände nichts daran, dass Gott den Glauben Abrahams geprüft und dieser Patriarch durch seinen Gehorsam den Segen Gottes verdient hat. Wir werden in der Folge sehen, wie Jephthah seine Tochter hinopfert, ohne dass irgendein Engel kommt, um das Opfer zu unterbrechen; allerdings lebte Jephthah nicht von der Kuppelei und war kein Heiliger. Das 23. Kapitel belehrt uns, dass Sara im Alter von hundertsiebenundzwanzig Jahren zu Hebron im Lande Kanaan starb. Abraham, der sie folglich zu begraben hatte, kaufte eine gewisse Höhle, Machpela genannt, die einem Herrn Ephron gehörte; dieser ließ sie sich sehr teuer bezahlen. « Ephron sprach zu Abraham: Das Land, das du verlangst, ist vierhundert Sekel Silber wert; das ist der Preis zwischen dir und mir; bestatte also deine Tote. — Und als Abraham das gehört hatte, wog er das Silber dar, das Ephron von ihm verlangte, und zahlte ihm vierhundert Sekel gängiger öffentlicher Münze. » (Genesis 23:15-16) Man hat geschätzt, dass der Sekel Silber zehn Franken unserer heutigen Münze entspricht. Abraham hätte also 4.000 Franken für das Grundstück einer Höhle in einem absolut unfruchtbaren Lande bezahlt, das zu der Wüste gehört, die das Tote Meer umgibt; das ist teurer als eine Grabstelle auf ewige Zeiten auf dem Friedhof Montparnasse, mitten in Paris! Ein anderer Anlass zur Verwunderung: Daraus geht hervor, dass Abraham, obgleich ein großer Herr, nicht einen Zoll eigenen Bodens besaß; wie kam es, dass er mit all seinen Reichtümern niemals irgendwo das geringste Grundstück erworben hatte?... Schließlich haben die Kritiker darauf hingewiesen, dass es seltsam ist, die Genesis für die Zeit Abrahams von öffentlicher gängiger Münze sprechen zu sehen: nicht nur gab es damals in Kanaan keine Münze, sondern niemals haben die Juden Münze mit ihrem eigenen Stempel geprägt! Muss man also darunter verstehen, dass die fraglichen vierhundert Sekel einfach den Wert dieser Summe nach der Schätzung des Verfassers der Genesis bedeuten? Diese Hypothese würde die Schwierigkeit ebenso wenig lösen, da man [173] auch zu der Zeit, als Mose, der angebliche Verfasser des Pentateuchs, geschrieben haben soll, keine Münze kannte. Wir sehen im 25. Kapitel, dass Abraham sich über den Tod Saras tröstete, indem er eine andere Frau namens Ketura nahm; der Patriarch war also mindestens hundertvierzig Jahre alt. Nun haben wir gesehen, dass Sara selbst ihn, als er in seinem hundertsten Jahre stand, für viel zu alt erklärt hatte, um zu zeugen, und dass es eines Wunders des Himmels bedurfte, um ihn zum Vater eines ehelichen Sohnes zu machen. Nun, mit Ketura bekam Abraham, ohne jedes göttliche Eingreifen, noch sechs Söhne: Simran, Joksan, Medan, Midian, Jesbak und Suah. Schließlich zerbrach der dem Jehova-Schaddai teure Patriarch seine Pfeife, an einem schönen Abend seines hundertfünfundsiebzigsten Jahres (Genesis 25:7), wobei er alles, was er besaß, Isaak vermachte, bis auf einige Geschenke an seine anderen Kinder. Und er wurde neben Sara begraben, in der Höhle Machpela. 6. KAPITEL
Jetzt werden wir sehen, wie sich die Verheißungen von Papa Lieber Gott erfüllen, die sich auf die große Vermehrung der Nachkommen Abrahams beziehen. Zwischen dem Tod Saras und seiner Heirat mit Ketura hatte sich der Patriarch damit beschäftigt, seinen Lieblingssohn zu versorgen; von dieser Episode handelt das 24. Kapitel der Genesis. Man erinnert sich, dass Nahor, der Bruder Abrahams, die Nichte Milka geehelicht hatte. Nun hatte sich dieser Sire Nahor, der seinerseits nicht gern sein Leben damit verbrachte, die Wüsten zu durchstreifen, in einem fruchtbaren Lande, in Mesopotamien, niedergelassen. Dort bekam er von Milka acht Söhne, namens Uz, Bus, Kemuel, Chesed, Haso, Pildas, Jidlaph und Bethuel; und da ihm diese acht Kleinen nicht genügten, nahm er außerdem eine Konkubine, namens Rehuma, von der er noch vier Söhne bekam, denen er die Namen Tebah, Gaham, Thahas und Maacha gab. (Genesis 22:20-24) Diese Kinder wiederum vermehrten sich, namentlich Bethuel, der unter anderen einen Jungen, Laban, und ein Mädchen, Rebekka, bekam. Eben sie war es, die durch die Gnade Jehovas Mme Isaak werden sollte. [174] Also ließ der alte Abraham eines schönen Morgens den ältesten seiner Diener zu sich rufen, der zugleich als Haushalter seine Reichtümer verwaltete. In der Genesis wird dieser Haushalter nur im 15. Kapitel genannt; er hieß Dammesek Elieser. « Abraham sprach zu ihm: Ich bitte dich, halte einen Augenblick mein Glied in deiner Hand, und so schwöre mir, dass du keine von den Töchtern der Kanaaniter nehmen wirst, um sie meinem Sohne zum Weibe zu geben, sondern dass du in das Land gehen wirst, wo [175] meine Verwandten wohnen, und dass du dort die Gattin Isaaks auswählen wirst. » (Genesis 24:2-4) Die skeptischen Kommentatoren haben sich über diese Art, einen Eid schwören zu lassen, amüsiert. Der heilige Hieronymus und die Übersetzer der Vulgata, die sie zu arg fanden, haben den Wortlaut dieser Stelle der Genesis abgeändert; nach ihnen soll Abraham zu Elieser gesagt haben: « Lege deine Hand unter meinen Schenkel (die Bibel Ostervalds hat dieselbe Lesart, „Mets, je te prie, ta main sous ma cuisse“, und Luther 1912 eine ähnliche: „Lege deine Hand unter meine Hüfte“; auch der hebräische Text sagt „Schenkel“, und die rabbinische Überlieferung versteht darunter das beschnittene Glied), und so schwöre mir usw. » Der hebräische Urtext jedoch lautet: [176] « Nimm in deine Hand meine Geschlechtsteile. » Die Gelehrten erklären dies damit, dass die männlichen Teile in großer Verehrung standen, nicht nur wegen der Beschneidung, die sie Gott geheiligt hatte, sondern auch, weil sie die Quelle der Fortpflanzung des Menschengeschlechts und das Unterpfand des Segens des Herrn sind. So absonderlich diese Weise, sich durch einen Eid zu verpflichten, auch scheinen mag, man muss sich mit Respekt verneigen; denn man muss sich stets vor Augen halten, dass all dies vom Heiligen Geist diktiert ist. Die Gelehrten sagen also, dass man jedes Mal, wenn man das Wort Schenkel in der vom heiligen Hieronymus arrangierten Bibel findet, etwas anderes lesen muss; wenn man also weiter unten liest, dass ein Oberhaupt einer Nation aus dem Schenkel Judas hervorging, so liegt da offensichtlich eine Entstellung des heiligen Textes vor, da die Kinder nicht durch den Schenkel gemacht werden und da sich der göttliche Tauber übrigens, wie man gesehen hat, nicht geniert, unverblümt zu reden. « Elieser schwor also, indem er die Geschlechtsteile Abrahams, seines Gebieters, in der Hand hielt » (v. 9); worauf er sich mit zehn Kamelen auf den Weg machte und sich nach Mesopotamien begab. Ah! das war ein Weg! Als Elieser in einiger Entfernung von der Stadt ankam, wo er Verwandte seines Gebieters zu finden gedachte, war er erschöpft und verging vor Durst. Glücklicherweise begegnete er einer hübschen Brünetten, die in dieser Gegend umherbummelte, um an einem Brunnen, der außerhalb der Tore lag, Wasser zu holen. Diese liebenswerte und sehr barmherzige Person kam Elieser zu Hilfe und tränkte ihn, ebenso wie seine Kamele. Aber bewundern Sie die Vorsehung: die Brünette war keine andere als Rebekka, die Tochter Bethuels, die Enkelin Abrahams (in Wahrheit die Enkelin Nahors, des Bruders Abrahams: Genesis 24:15).
64. Elieser und Rebekka. Nachdem Elieser ihr einen Ring und zwei Armbänder zum Präsent gemacht hat, erkundigt er sich nach ihrem Namen. Tableau (ein Ausruf: stellen Sie sich die Szene vor; er stammt aus dem Theater, wo ein „Tableau“ ein Bild ist, in dem die Schauspieler erstarren)! Schnell bittet er, zu der Familie geführt zu werden. Rebekka nimmt ihn mit, stellt ihn ihrem Vater und ihrem Bruder vor. Der Haushalter erklärt diesen, dass er diese Reise in der Absicht unternommen hat, in Mesopotamien eine Gattin für Isaak ausfindig zu machen. Bethuel und Laban rufen aus: Die Hand Gottes ist in alledem sichtbar; so reise denn Rebekka aufs Schnellste mit dir ab, und sie sei die Frau des Sohnes deines Gebieters. Elieser, ganz froh über den so raschen Erfolg seiner Mission, überhäuft Rebekka mit Ringen aus Silber und aus Gold und mit prächtigen Kleidern; « er gab auch ihrem Bruder und ihrer Mutter köstliche Geschenke ».
65. Elieser bei Bethuel und Laban. Die Mutter des jungen Mädchens hätte es gern gesehen, dass die Abreise [177] um zehn Tage verschoben würde. Aber als man Rebekka fragte, erklärte sie, dass sie es eilig habe, bei diesem unbekannten Verlobten zu sein. Doch ist es schwer zu glauben, dass Elieser ihr die Fotografie Isaaks gezeigt hatte; aber sie hatte nichtsdestoweniger den Blitzschlag erhalten (fr. „le coup de foudre“, eine Redewendung: die Liebe auf den ersten Blick). Seinerseits war der junge Isaak, obwohl er nicht wusste, welche Frau Elieser ihm heimbringen würde, ja nicht einmal, ob er ihm eine heimbringen würde, verliebt, verrückt verliebt; er verbrachte seine Tage und seine Nächte auf der Landstraße. Man stellt sich also leicht die Freude vor, die er verspürte, als er eines schönen Morgens feststellte, dass Elieser nicht mit leeren Händen heimkehrte. Der Haushalter erzählte getreulich von seiner Reise; die beiden jungen Leute warfen sich einander in die Arme.
66. Elieser bringt Rebekka dem jungen Isaak heim. « Da ließ Isaak Rebekka alsbald in das Zelt eintreten, das Saras, seiner Mutter, gewesen war; und er nahm Rebekka zum Weibe; und er liebte sie so sehr, dass er also über den Tod seiner Mutter getröstet ward. » (Genesis 24:67) In der ersten Zeit mochte Isaak noch so viele Wunderwerke des guten Willens verrichten, es gelang ihm nicht, so schnell Papa zu werden, wie er es gewollt hätte. Mehr braucht die Genesis nicht, um Rebekka der Unfruchtbarkeit zu beschuldigen; es ist immer die Schuld der Frauen, beim Blauen! « Und als Isaak sein Weib unfruchtbar sah, bat er den Ewigen inständig für sie; und der Ewige ward durch seine Gebete umgestimmt, und Rebekka empfing. » (Genesis 25:21) Unter uns gesagt, Jehova zierte sich; denn, ja oder nein, hatte er Abraham verheißen, dass er Nachkommen ohne Ende haben würde? Ja, nicht wahr? Nun war es seine Vorsehung selbst, die Rebekka zur Gattin des Sohnes Abrahams ausgewählt hatte; Papa Lieber Gott konnte also nicht, ohne sein Wort zu brechen, Isaak eine unproduktive Frau gegeben haben. Das ist klar. Wenn er diese Vulva abermals verschlossen hatte, so geschah es also schlicht und einfach, um sich das Vergnügen zu leisten, sie wieder zu öffnen, nachdem er den Erben seines vielgeliebten Alphonse Abraham ein wenig hatte warten lassen (fr. „fait un peu poser“, eine umgangssprachliche Redewendung, wörtlich „ein wenig posieren lassen“). Aber hier verwickelt sich die Geschichte. « Als nun Rebekka empfangen hatte, waren zwei Kinder in ihrem Bauche, und sie schlugen sich darin. Und Rebekka sprach: Wenn es so ist, warum habe ich empfangen? Und sie ging hin, den Ewigen zu konsultieren. » (Genesis 25:22) Man sieht nicht recht ein, wie zwei Föten sich in einer Gebärmutter schlagen können, besonders zu Anfang einer Schwangerschaft. Eine Frau kann Schmerzen spüren; aber von da bis zu dem Gefühl, [178] dass in ihr Partien im Boxen und in der Savate (fr. „chausson“, wörtlich „Hausschuh“: ein alter Name der Savate, des französischen Boxens, bei dem man auch mit den Füßen kämpft) zwischen zwei Zwillingen stattfinden, ist es weit! umso mehr, als man bis zur Entbindung nie weiß, ob ein einziges Kind kommen wird oder ob es zwei Zwillinge geben wird; selbst der Geburtshelfer könnte darüber nichts weissagen; sogar bei der Niederkunft, in dem Augenblick, wo das Kind sich zeigt, kann kein Praktiker mit Sicherheit sagen, ob die Geburt einfach oder doppelt sein wird. Der heilige Verfasser versäumt zu sagen, an welche Stätte Rebekka sich [179] begab, um Papa Lieber Gott zu konsultieren. Die Stiftshütte war noch nicht erfunden worden. Es war Jehova, der erschien, wann er wollte; er hatte auf Erden kein Domizil erwählt. Dennoch wurde er konsultiert, und er antwortete: « Zwei Nationen sind in deinem Bauche, sprach der Ewige zu Rebekka, und zwei Völker werden aus deiner Vulva hervorgehen (fr. „de ta vulve“: die Bibel Ostervalds hat „de tes entrailles“, „aus deinem Leibe“, und Voltaire „de ta matrice“, „aus deinem Mutterleib“; die Vulva ist von Taxil und spinnt die verschlossenen „vulves“ aus Genesis 20:18 weiter, Voltaires Wort nach der Vulgata); sie werden sich teilen; das eine von beiden wird stärker sein als das andere, und das größere wird dem kleineren unterworfen sein. » (Genesis 25:23) [180] Endlich kam die Zeit der Niederkunft; Rebekka hatte die Schmerzen, zur Strafe für die Naschhaftigkeit Evas, « und siehe, da fand man zwei Zwillinge in ihrer Gebärmutter. Der erste, der hervorging, war rothaarig und von Haaren starrend, wie ein Mantel; sein Name ist Esau. Und alsbald danach ging sein Bruder hervor, der mit seiner Hand die Ferse Esaus hielt; und man nannte ihn Jakob. Nun war Isaak sechzig Jahre alt, als sie geboren wurden. » (Genesis 25:24-26) Es ist selten, dass ein Kind ganz behaart geboren wird, so selten, dass Esau das einzige Beispiel dafür ist. Es ist nicht weniger selten, dass ein Kind bei seiner Geburt ein anderes am Fuße hält. Aber daraus, dass diese Dinge heute nicht mehr geschehen, sollte man nicht schließen, dass sie damals nicht geschehen sein können. Diese Launen Jehovas sind nichts neben anderen Wundern, die wir zu berichten haben werden. Esau war es, den man zum Erstgeborenen erklärte. Man weiß, dass die Frage der Primogenitur in verschiedenen Rechtsprechungen zugunsten desjenigen der beiden Zwillinge entschieden wird, der als zweiter zur Welt gekommen ist, und man stützt diese Entscheidung darauf, dass er, der als erster empfangen und gebildet wurde, den Grund der Gebärmutterhöhle eingenommen haben muss. Aus diesem Grunde wird man vielleicht denken, dass Jakob natürlicherweise eher der Erstgeborene war als Esau. Aber diese Kinder hatten sich im Mutterleibe so sehr geschlagen, dass sie wohl sehr oft den Platz gewechselt hatten! Man dachte also nicht daran, mit dem kurzen Strohhalm zu losen, wem der Titel des Erstgeborenen zukam, und man hielt es für einfacher, ihn demjenigen zu geben, der das Licht als erster gesehen hatte. Übrigens sollte sich Jakob bald an die Stelle Esaus setzen.
67. Kindheit Esaus und Jakobs. « Als sie erwachsen waren, ward Esau ein geschickter Jäger und ein Mann des Feldes; Jakob aber war ein einfacher Mann, der sich beständig in den Zelten aufhielt. — Und Isaak liebte Esau, weil das Wildbret sein liebstes Fleisch war; Rebekka hingegen liebte Jakob. — Eines Tages nun, als Jakob eine Linsensuppe kochte, kam Esau von den Feldern hinzu und war sehr müde. — Und er sprach zu Jakob: Gib mir, ich bitte dich, von dieser roten Suppe zu essen, denn ich bin ermattet. Darum nannte man ihn Edom. — Aber Jakob antwortete ihm: Verkaufe mir heute dein Erstgeburtsrecht. — Ich sterbe vor Hunger, erwiderte Esau; wozu würde mir mein Erstgeburtsrecht dienen? — Und Jakob bestand darauf und sprach: So schwöre mir denn, dass du darauf [181] verzichtest. Und Esau schwor es ihm, und also verkaufte er sein Erstgeburtsrecht an Jakob. — Da gab Jakob seinem Bruder Brot und die Linsensuppe. Und Esau aß und trank, dann stand er auf und ging davon, nachdem er also sein Erstgeburtsrecht verschmäht hatte. » (Genesis 25:27-34)
68. Esau tritt Jakob sein Erstgeburtsrecht ab. Wir werden uns nicht damit aufhalten, die Absonderlichkeit dieser Rabulisterei zu erörtern, zu einer Zeit, als es noch kein Erstgeburtsrecht gab, weil kein positives Gesetz existierte; erst sehr lange danach, im Deuteronomium, sieht man dieses Recht eingeführt, wobei der Gesetzgeber erklärt, dass der Erstgeborene einen doppelten Anteil haben werde. Aber es ist vor allem interessant, mit den Philosophen darauf hinzuweisen, wie unwürdig das Betragen Jakobs war: Nach dem heiligen Text selbst verging Esau vor Hunger, und Jakob, der die Lage ausnutzte, in der sich sein Bruder befand, ist durch nichts zu entschuldigen; die Bibel hat nicht ein Wort, um ihn zu rechtfertigen. Übrigens bedeutet der Name Jakob « derjenige, der verdrängt ». Er scheint diesen Namen in der Tat vollauf zu verdienen, da er Esau immer verdrängte. Er begnügt sich nicht damit, ihm seine Linsen so teuer zu verkaufen; wie ein Räuber, der sein Opfer eine Lösegeldforderung unterschreiben lässt, entreißt er seinem Bruder den Schwur, auf seine Rechte zu verzichten; er ruiniert ihn für einen Napf Brei ohne jeden Wert; und das ist nicht das einzige Unrecht, das er ihm antun wird. Nun, diesen Handel, bei dem der Ausgehungerte zynisch ausgebeutet und übertölpelt wird, diese an sich selbst hinfällige Transaktion, diesen erpressten Verzicht, den jedes beliebige Tribunal für nichtig erklärt hätte — all das hat der Herr Jehova, angeblicher Gott der Gerechtigkeit, Beschützer der Schwachen, Rächer der Unterdrückten, ratifiziert, hat Jakob als rechtmäßigen Eigentümer dieser famosen Primogeniturrechte angenommen, und die Enteignung Esaus ist von Gott als ordnungsgemäß und auf ewig gültig anerkannt worden. Einige Zeit danach zeigte sich Isaak als der würdige Sohn Abrahams. Da eine große Hungersnot eingetreten war, begab sich Isaak nach Gerar, wo noch immer Abimelech regierte, den die Genesis mit einem Mal König der Philister nennt. Gott hätte Isaak Brot geben können, für ihn und seine Familie; aber nein, er zog es vor, ihn mit einer Vision zu beglücken, in der er ihm eine Rede hielt, die genau denen glich, mit denen er Abraham bewirtete: Ich will deinen Samen mehren wie die Sterne des Himmels, ich will deiner Nachkommenschaft alle Länder geben, und alle Nationen der [182] Erde sollen in deinem Samen gesegnet werden (bekannte Melodie). Isaak wohnte also in Gerar, und wenn die Leute des Landes ihn über Rebekka befragten, antwortete er: Sie ist meine Schwester (Genesis 26:1-7). « Nun schaute eines Tages Abimelech, der König der Philister, durch sein Fenster, und zu seiner großen Überraschung sah er, dass Isaak Rebekka liebkoste. — Da ließ er Isaak zu sich kommen und sprach zu ihm: Es ist gewiss, ich habe es gesehen, dass dieses Weib deine Gattin ist; warum hast du dann allen gesagt, dass sie deine Schwester ist? Und Isaak [183] antwortete: Ich hatte Angst, man möchte mich töten um ihrer Schönheit willen. — Und Abimelech rief aus: Was hast du uns da getan? Es hat wenig gefehlt, dass einer aus meinem Volk bei deinem Weibe gelegen hätte, und du hättest so eine große Sünde über uns gebracht! — Abimelech erließ also für das ganze Volk eine Verordnung folgenden Inhalts: Wer Isaak oder sein Weib anrührt, wird mit dem Tode bestraft werden. » (Genesis 26:8-11) Abimelech erinnerte sich, wie man sieht, an das Wunder der zugenähten Frauen, obwohl [184] schon mehr als achtzig Jahre seit dem Abenteuer Saras verflossen waren. Zudem ist es recht sonderbar, dass die Bibel uns die Philister immer als Anbeter eines anderen Gottes als desjenigen Abrahams und Isaaks darstellt, und doch erkennt da ihr König, ein Götzendiener, beständig die Göttlichkeit Jehovas an. Welch ein Imbroglio! « Nun säte Isaak im Lande Gerar in die Erde, und er erntete in jenem Jahr das Hundertfache dessen, was er gesät hatte. » (Genesis 26:12) Es ist schon stark, dass Isaak in einem Land säen konnte, wo er nicht einen Zoll Boden besaß; aber wenn man sich vor Augen hält, dass das Land Gerar eine Wüste ist, wo es nur Sand gibt, staunt man noch mehr; und aus diesem Sand kommt eine Ernte von hundert für eins heraus! Die fruchtbarsten Böden der Welt haben selten fünfundzwanzig für eins hervorgebracht. Isaak hatte Glück!... Die Genesis belehrt uns, dass er sehr schnell reich wurde: Bei solchen Ernten ist das begreiflich. Die Philister beneideten ihn und verstopften mit Steinen alle Brunnen, die Abraham einst gegraben hatte. Daher Zwistigkeiten; Abimelech bat ihn, weiterzuziehen. Isaak zog fort, ließ sich in einem Tal nieder und machte die Brunnen seines Vaters wieder auf. Neue Streitigkeiten; neue Erscheinung Jehovas, um Isaak zu ermutigen; neuer Bundesvertrag mit Abimelech; großes Festmahl. Der Leser wird verstehen, dass wir ihm all diese ermüdenden Einzelheiten erlassen (Genesis 26:13-33). Was Esau betrifft, « als er vierzig Jahre alt war, ehelichte er Judith, die Tochter Beeris, des Hethiters, und Basmath, die Tochter Elons, eines anderen Hethiters, welche beide Isaak und Rebekka beleidigten » (Genesis 26:34-35). Der heilige Verfasser sagt uns nicht, worin diese Beleidigung bestand. Dennoch blieb Esau der Lieblingssohn seines Vaters. « Als Isaak alt geworden war, wurden seine Augen so dunkel, dass er nicht mehr sehen konnte. Er rief Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn. Esau antwortete: Hier bin ich. — Und Isaak sprach zu ihm: Du siehst es, ich bin nun überaus betagt, und ich weiß nicht, an welchem Tage ich sterben werde. — So nimm nun deinen Köcher und deinen Bogen; geh aufs Feld und bringe mir Wildbret. — Mache mir davon ein Ragout, so wie ich es, wie du weißt, gern habe; bringe es mir, auf dass ich davon esse und meine Seele dich segne, ehe [185] ich sterbe. — Nun hörte Rebekka zu, während Isaak mit Esau, seinem Sohn, redete. Dieser ging also aufs Feld, um zu jagen und Wildbret heimzubringen. — Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem Sohn: Ich habe deinen Vater gehört, der mit Esau, deinem Bruder, redete und zu ihm sagte: Bringe mir von deiner Jagd und mache mir davon ein Ragout, auf dass ich davon esse, und ich will dich segnen vor dem Ewigen, ehe ich sterbe. — Nun also, mein Sohn, gehorche meinem Wort und tue, was ich dir gebieten will. — Geh zu unserer Herde und nimm zwei der besten Böcklein; von ihrem Fleisch will ich deinem Vater ein Ragout zurichten, so wie er es, wie ich weiß, gern hat. — Du sollst diese Speisen deinem Vater bringen, auf dass er sie esse, und so bist du es, den er vor seinem Tode segnen wird. — Jakob antwortete Rebekka, seiner Mutter: Du weißt, dass Esau, mein Bruder, überaus behaart ist, ich aber habe kein Haar. — Wenn mein Vater mich etwa betastet, wird er verstehen, dass ich ihn habe täuschen wollen, und ich werde seinen Fluch über mich bringen, statt seines Segens. — Und seine Mutter sprach zu ihm: Dieser Fluch, den du fürchtest, sei auf mir! Gehorche nur meinem Wort und geh und hole, was ich dir gesagt habe. — Er ging also hin und brachte die zwei Böcklein seiner Mutter, und Rebekka bereitete eines jener Ragouts, auf die Isaak so versessen war. — Dann nahm sie die kostbarsten Kleider Esaus, ihres älteren Sohnes, die im Hause waren, und bekleidete damit Jakob, ihren Jüngeren. — Und mit den Fellen der Böcklein bedeckte sie ihm die Hände und seinen Hals, die ohne Haar waren. — Danach übergab sie Jakob das Ragout samt dem Brot, das sie gebacken hatte. — Jakob kam also zu Isaak und sprach zu ihm: Mein Vater. Isaak antwortete: Ich bin da; wer bist du, mein Sohn? — Und Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein älterer Sohn; ich habe getan, was du mir geboten hast. Steh auf, ich bitte dich; setze dich und iss von meiner Jagd, auf dass deine Seele mich segne. — Isaak aber sprach: Was ist dies? Wie hast du so bald Wildbret finden können? Jakob antwortete: Der Ewige, dein Gott, hat gewollt, dass ich sofort welches fände. — Isaak sprach weiter: Mein Sohn, tritt doch herzu, auf dass ich dich betaste, und so werde ich wissen, ob du mein Sohn Esau selbst bist, oder ob du es nicht bist. — Jakob trat also zu seinem Vater, der ihn betastete; und Isaak sprach: Diese Stimme ist die Stimme Jakobs, aber diese Hände sind die Hände Esaus. — Also erkannte er ihn nicht, weil seine Hände, da sie behaart waren, ihm [186] denen seines älteren Sohnes gleich schienen; und er segnete ihn. — Und er sprach abermals zu ihm: Bist du wirklich mein Sohn Esau? Jakob antwortete: Ich bin es. — So gib mir denn zu essen von deiner Jagd, fuhr Isaak fort, auf dass meine Seele dich segne. Jakob setzte ihm die Speisen vor, und er aß davon; er brachte ihm auch Wein, und er trank davon. — Dann sprach Isaak zu ihm: Tritt herzu, ich bitte dich, und küsse mich, mein Sohn. — Jakob trat herzu und küsste ihn; und als Isaak den Geruch seiner Kleider roch, segnete er ihn und sprach: Das ist [187] so recht der Geruch meines Sohnes, wie der Geruch eines Feldes, das der Ewige gesegnet hat. — Gott gebe dir den Tau des Himmels und die Fettigkeit der Erde, und einen großen Überfluss an Korn, und den besten Wein! — Die Völker sollen dir dienen, und die Nationen sollen sich vor dir niederwerfen! Sei der Gebieter deiner Brüder, und die Kinder deiner Mutter sollen vor dir gebeugt sein! Wer dich verflucht, sei verflucht, und wer dich segnet, sei gesegnet! » (Genesis 27:1-29)
69. Jakob lässt sich von Isaak segnen. [188] All dies verdient einige Bemerkungen; aber sehen wir uns zuerst das Ende dieser erbaulichen Geschichte an. « Kaum war Jakob hinausgegangen, nachdem er den Segen Isaaks empfangen hatte, da kam Esau von der Jagd zurück. — Er richtete auch sein Wildbret zu und brachte das Ragout seinem Vater und sprach zu ihm: Steh auf, mein Vater, auf dass du von der Jagd deines Sohnes essest und deine Seele mich segne. — Und Isaak sprach: Wer bist du denn? Esau antwortete ihm: Ich bin Esau, dein älterer Sohn. — Da verspürte Isaak eine außerordentliche Gemütsbewegung und sprach: Aber wer ist der, der mir Wildbret gebracht hat, und wo ist er? Ich habe, ehe du kamst, von allem gegessen, was er mir dargereicht hat; ich habe ihn gesegnet, und siehe, er wird gesegnet sein! — Sobald Esau diese Worte gehört hatte, stieß er einen überaus großen und sehr bitteren Schrei aus und sprach zu seinem Vater: Ah! gib mir auch deinen Segen, mein Vater! — Isaak aber antwortete: Dein Bruder ist es, der betrügerisch hierhergekommen ist; es ist ihm gelungen, mich zu überrumpeln, und er hat deinen Segen davongetragen. — Esau versetzte: Man hat ihn mit Recht Jakob genannt; denn er hat mich schon zweimal verdrängt: Er hat mir mein Erstgeburtsrecht weggenommen, und siehe, jetzt hat er mir deinen Segen entwendet. Wohlan, mein Vater, hast du keinen Segen für mich vorbehalten? — Und Isaak antwortete Esau: Siehe, das habe ich getan; ich habe ihn zu deinem Gebieter gesetzt, und ich habe ihm alle seine Brüder unterworfen; er wird Korn im Überfluss haben, er wird den besten Wein haben; was kann ich danach für dich tun, mein Sohn? — Und Esau sprach weiter: Hast du denn nur einen einzigen Segen, mein Vater? O mein Vater, segne auch mich. Und Esau weinte und erhob dabei großes Geschrei.
70. Esaus Wut. — Isaak antwortete ihm: Nun wohl, siehe, dies für dich: Deine Wohnung wird in einem fetten Erdreich sein, benetzt vom Tau der Himmel droben. — Und du wirst durch dein Schwert leben; aber du wirst deinem Bruder dienen; dennoch wird die Zeit kommen, da du das Joch von deinem Halse abschütteln wirst. » (Genesis 27:30-40) Und das ist alles; Esau bekam keinen Segen. Ich appelliere an Leo XIII. selbst, der, wie man sagt, eine Grimasse machte und mit der Faust auf den Tisch schlug, als er erfuhr, dass ich ihn auf die schönste Art mystifiziert und ihm als guter Fopper Segnungen abgezapft hatte, über die ich mich in meinem Innersten belustigte. Ja, ich appelliere an den Heiligen Vater in Person, und ich stelle ihn vor dieses Dilemma: Entweder ist diese Geschichte von Isaak, Rebekka, Esau und Jakob ein lächerlicher Schwindel, und in diesem Fall hätte Leo XIII. [189] unrecht, mir zu grollen, da der Heilige Geist, Inspirator der Genesis, indem er die leichtgläubigen Andächtigen mystifiziert, das Beispiel starker Flunkereien gibt und zeigt, dass man in Sachen der Religion den Schwachköpfen alles erzählen kann; oder aber diese Geschichte ist in allen Stücken wahr, und in diesem Fall ist der Gott der Katholiken selbst bloß ein Cornichon (ein spöttisches französisches Wort: hier ein Dummkopf, sonst die kleine Essiggurke), da seine Segnungen an die des gaga Isaak (ein umgangssprachliches französisches Wort für den Greis, der in die Kindheit zurückgefallen ist; es ahmt sein Lallen nach) gebunden blieben, den Jakob in den großen Preisen mystifizierte. Im einen Fall wie im anderen brauchen sich die Fopper-Freidenker nicht zu genieren; sie können sich, wenn es sie amüsiert, den Kopf der Gläubigen und der Pfarrer, der Bischöfe und des Papstes, der Patriarchen, Heiligen und Propheten leisten, und sogar den des Papa Lieber Gott, der zum Erweichtesten der Sammlung geworden ist. Wie aus dem heiligen Text hervorgeht, war der Segen Isaaks nämlich kein üblicher väterlicher Segen, das heißt der Wunsch, den ein Vater für das Glück seines Sohnes hegt; es war im Gegenteil ein feierlicher, förmlicher Akt, der genaue und sichere Folgen nach sich zog, so etwas wie ein zugleich religiöser und juristischer Akt, der die volle Geltung einer heutigen notariellen Urkunde hatte: Obwohl mündlich, war dieser Segen wie ein geschriebenes Dokument, und der Begünstigte war eben derjenige, auf dessen Kopf er ausgesprochen worden war, wer er auch sein mochte, da er nicht der Zurücknahme oder Aufhebung unterlag. Die Heilige Schrift zeigt uns Isaak zutiefst bewegt, als er merkt, dass er getäuscht worden ist; er ist überaus verärgert darüber, dass er sich von Jakob hat anführen lassen; aber es ist ihm unmöglich, rückgängig zu machen, was getan ist; n, i, ni, fini (eine Redensart, meist „n, i, ni, c’est fini“: und damit ist es aus; Kinder, die „ni“ buchstabieren, schließen mit dem Reimwort „fini“, fertig). Jakob hat den für Esau bestimmten Segen entwendet und davongetragen; umso schlimmer für Esau! Man steht also vor einem wirklich und wahrhaftig verbrecherischen Betrug; mit gutem Gewissen würde jedes beliebige Geschworenengericht Jakob für schuldig erklären, das Verbrechen der Fälschung begangen zu haben; er würde verurteilt werden, ebenso wie seine Mutter, da Rebekka nicht nur Mitschuldige, sondern Anstifterin der strafbaren Tat gewesen war, sie verübt, den ganzen Betrug vorbereitet und alles ins Werk gesetzt hatte, um dessen Gelingen zu sichern. So verbrecherisch die Täuschung nun auch gewesen sein mag, da sie darauf abzielte und dazu führte, Esau um ein so erhebliches Gut zu bringen wie diesen Segen, der so fruchtbar an [190] materiellen Ergebnissen war, fragt man sich andererseits, wie Isaak ins Fangnetz fallen konnte; das Wort « gaga », dessen ich mich vorhin bedient habe, ist nicht zu stark. Wie! Die Genesis sagt uns, dass der alte Biedermann die Stimme Jakobs erkannt hatte; er ist voller Bedenken, er ist misstrauisch, und trotzdem lässt er sich wie der letzte Idiot von einem der gröbsten Kunstgriffe fangen?... Er erwartet Wildbret, er hat Wildbret gern, er ist darauf versessen, und seine Naschhaftigkeit ist eine der Ursachen [191] seiner Vorliebe für Esau; nun aber setzt man ihm Böcklein vor, und sein Gaumen, so an Wildbret gewöhnt, verwechselt das Zicklein mit dem Fasan oder dem Hasen. Alle Achtung! (fr. „Mazette !“, ein Ausruf der Bewunderung oder des Staunens; eine „mazette“ war zuerst ein schlechtes Pferd, dann ein ungeschickter Spieler) was für ein Cordon bleu (fr. „cordon-bleu“, wörtlich „blaues Band“: eine vortreffliche Köchin; das blaue Band trugen die Ritter des Ordens vom Heiligen Geist, des höchsten der alten Monarchie, und scherzhaft ging der Name auf die Köchin über), Madame Rebekka! das ist eine Köchin ersten Ranges, die eine Bouillabaisse aus Algen und Kieseln zubereitet hätte!... Aber der Geschmackssinn ist nicht der einzige, der beim alten Isaak mit einem Mal zerrüttet ist; er ist gaga bis in den Geruchssinn und den Tastsinn. Rebekka hatte mit dem Fell eines Zickleins die [192] Hände und den Hals Jakobs bedeckt; nun aber, wie haarig Esau auch sein mochte, seine Haut konnte der eines Böckleins nicht gleichen. Isaak denkt nicht daran, den Rest des Leibes zu betasten; er merkt nicht, dass die Hände seines Sohnes keine Nägel haben. Er riecht den Geruch der Kleider Esaus, und nichts anderes; indessen musste sich der Geruch des Fells eines frisch getöteten Tieres bemerkbar machen. So viel zur Vertrottelung Isaaks. Außerdem fragt man sich, wie Gott seine Segnungen an die Isaaks knüpfen konnte, die durch einen so strafbaren Betrug erpresst waren und die nur ein Sabberer im äußersten Grad der Hinfälligkeit nicht entdecken konnte. Da ist also Gott der Sklave einer leeren Zeremonie, die aus sich selbst keinerlei Kraft hat, oder aber Jehova ist erweicht genug, um das Pendant (fr. „faire pendant à“, eine Redewendung: jemandem gleichkommen, wie zwei einander gegenüber aufgehängte Bilder) zum gaga Isaak zu bilden. Diese Bemerkungen gelten für die Hypothese, dass die Episode wahr ist. Aber es ist ganz offensichtlich, dass, wenn diese Geschichte eine reine Flunkerei ist — womit das Gehirn des Papa Lieber Gott über jeden Verdacht der Verblödung erhaben bliebe —, die Kirche uns ihren göttlichen Tauber nicht mehr als einen ernsten und ernsthaften Inspirator zur Verehrung hinstellen kann: Entweder faselt dieses ewige Federvieh wie ein in die Kindheit zurückgefallener Papagei; oder aber es ist eine mystifizierende Ente (fr. „canard“: der Vogel und, wie im Deutschen die Ente, auch die Falschmeldung; daher „pigeon-canard“, die Tauber-Ente, wie Taxil den Heiligen Geist von hier an nennt). Wir neigen zu dieser letzteren Meinung. Wohlauf, sehen wir uns die Fortsetzung der hohen Phantasien der Tauber-Ente an. Esau, gekränkt — und das mit Recht! — darüber, geprellt worden zu sein und auf dem Kopf des Spitzbuben diesen schönen, ganz neuen Segen zu sehen, der ihm als Präsent versprochen worden war, schwor sich, Jakob zu töten. Voller Grauen riet die Mutter Rebekka Jakob, rasch ein paar Körner Ausreißpulver (fr. „prendre la poudre d’escampette“, eine Redewendung: sich schleunigst davonmachen; „escampette“ kommt von dem alten „escamper“, ausreißen) zu nehmen; dieser, der im Übrigen leicht Bange bekam (fr. „traqueur“, ein umgangssprachliches Wort, gebildet aus „trac“, Angst: einer, der leicht Angst bekommt; mit „traquer“, hetzen, hat es nichts zu tun), ließ es sich nicht zweimal sagen. Rebekka sagte ihm also, er solle bei ihrem Bruder Laban Zuflucht suchen, und der alte Isaak ermunterte ihn, die Gelegenheit zu nutzen, um eine seiner Cousinen zu ehelichen. (Genesis 27:41-46; 28:1-5) Während Jakob sich nach Mesopotamien begab, machte Esau eine Tour ins Land Ismaels; dort verheiratete er sich mit Mahalath, der Tochter Ismaels; seine zwei ersten Frauen genügten ihm nicht (Genesis 28:6-9). Da ist also Jakob unterwegs nach Haran (Genesis 28:10). « Als er nun an eine gewisse Stätte gekommen war und dort ruhen wollte, nachdem die Sonne untergegangen war, nahm Jakob einen Stein, legte ihn unter seinen Kopf und [193] schlief an diesem Ort ein. — Da hatte er einen Traum, in dem er eine Leiter sah, die auf die Erde gestützt war und deren Spitze bis an die Himmel rührte; und die Engel Gottes stiegen an dieser Leiter hinauf und hinab. — Er sah auch den Ewigen, der am Ende der Leiter stand und der zu ihm sprach: Ich bin der Ewige, der Gott Abrahams und Isaaks; ich will dir das Land geben, wo du schläfst, dir und deiner Nachkommenschaft; — und dein Same soll sein wie der Staub der Erde; ich will dir das Abendland und das Morgenland, den Norden und den Mittag geben; in dir und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Nationen der Erde; — und ich bin mit dir, dein Hüter und dein Führer überall, wohin du gehen wirst, und ich will dich in dieses Land zurückbringen.
71. Die Jakobsleiter. — Als Jakob erwachte, sprach er: Wahrlich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste nichts davon! — Und er hatte Angst und rief aus: Wie schrecklich ist dieser Ort! das ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. — Und als er früh am Morgen aufstand, nahm er den Stein, den er zu seinem Kopfkissen gemacht hatte, richtete ihn auf und goss oben darauf Öl. — Dann gab er der Stadt, die vorher Lus hieß, den Namen Bethel. — Und er tat dem Herrn ein Gelübde und sprach: Wenn Gott mit mir bleibt, wenn er mich auf der Reise, die ich mache, vor Unfällen bewahrt, wenn er mir Brot zu essen gibt und Kleider, mich zu kleiden; — und wenn ich heil und gesund zu meinem Vater zurückkehre, dann wird gewiss der Herr mein Gott sein; — und dieser Stein, den ich als ein Denkmal aufgerichtet habe, wird das Haus Gottes heißen; dann, ja, Herr, will ich dir den Zehnten geben von allem, was du mir gegeben haben wirst. » (Genesis 28:11-22) Unterlassen wir es, die Existenz einer Stadt namens Lus oder Bethel in der Gegend, um die es sich handelt, zu bestreiten; die Geographen haben nie von Bethel reden hören, ebenso wenig wie von Lus. Was man bewundern muss, das ist der praktische Geist des erstaunlichen Jakob. Er hat Esau, seinen älteren Bruder, Isaak, seinen Vater, und mittelbar Jehova selbst angeschmiert; daher ist er auch fest entschlossen, sich von Papa Lieber Gott nicht beschummeln zu lassen, und er stellt dem Herrn, dem Höchsten, seine Bedingungen. Der Gott seiner Vorfahren hat ihm soeben ein abrakadabrahaftes Schauspiel geboten; er hat ihm seine Engel gezeigt, wie sie sich auf einer Leiter sehr mannigfaltigen gymnastischen Übungen hingaben; er hat ihm Berge und Wunder (fr. „promettre monts et merveilles“, eine Redewendung: herrliche Dinge versprechen, die man nie geben wird) in einer schönen Rede versprochen. Das erste Gefühl Jakobs ist die mit Respekt gemischte Furcht; aber er hat sich bald beruhigt und bedacht, [194] dass all das nur ein Traum war. Darum sagt er zu dem Gott seiner Vorfahren: « Wenn du mir Brot und Kleider gibst, wirst du mein Gott sein; ich werde dich anbeten. » Was so viel heißt wie: « Wenn du mir nichts gibst, verflixt seist du, mein Alter! » Er verspricht dem Herrn den Zehnten, ein Ei, aber unter der Bedingung, dass der Herr ihn beschenkt hat mit einem Ochsen (fr. „un œuf… un bœuf“, nach dem Sprichwort „donner un œuf pour avoir un bœuf“: wenig geben, um viel zu bekommen, wie man im Deutschen mit der Wurst nach der Speckseite wirft). Recht so!... Die Kritiker haben diese Rede Jakobs mit den Bräuchen gewisser Völker verglichen, die ihre Götzen in den Fluss warfen, [195] wenn sie den erbetenen Regen nicht erhalten hatten. Ich habe eine alte Andächtige gekannt, die den heiligen Joseph Buße tun ließ, wenn sie nicht in der Lotterie gewonnen hatte; das heißt, sie drehte die Statue des heiligen Joseph um, mit dem Kopf gegen die Wand in seiner Nische; diese gute Christin, fromm, aber schlau in ihrem Aberglauben, muss von Jakob abgestammt haben. Nach diesem Reisezwischenfall machte sich Jakob wieder auf den Weg. Auf einem Feld bot ein Brunnen, an dem sich Herden tränkten, ihm [196] die Gelegenheit, mit einem Schäfermädchen Bekanntschaft zu machen; es war ausgerechnet seine Cousine Rahel. Wie man sieht, wiederholt sich die Genesis: Auch Elieser hatte durch einen providentiellen Zufall bei einem Brunnen Rebekka getroffen, die er nicht kannte und die er zu holen kam. Rahel, Labans jüngere Tochter, führte also den liebenswerten Cousin Jakob zu ihrem Vater; Vorstellung bei der Familie. Lea, die ältere Tochter, hatte « triefende Augen », sagt uns die Bibel, und sie ließ Jakob absolut kalt. Dagegen hatte Rahel die Gabe, ihm ins Auge zu schlagen (fr. „taper dans l’œil“, eine Redewendung: auf den ersten Blick gefallen, so wie im Deutschen jemandem etwas in die Augen sticht); « sie hatte eine feine Taille, und sie war schön anzusehen ». Jakob teilte seine Vorlieben dem Onkel Laban mit, der seinen Neffen einige Worte der Hoffnung hören ließ. Nun war Laban ein praktischer Mann. Er sagte zu Jakob: — Mein Kleiner, du willst Rahel ehelichen; ich widersetze mich dem nicht, aber man muss sie sich verdienen.
72. Jakob bittet Laban um die Hand seiner Tochter Rahel. — Wie das, mein Onkel? — Indem du mir sieben Jahre lang als Domestik dienst, damit ich die Muße habe, zu sehen, ob du ein arbeitsamer und ordentlicher Junge bist. Der Handel war abgeschlossen. Um Jakob zu prüfen, ließ ihn der Onkel sieben Jahre lang das härteste Tagewerk des Hauses verrichten.
73. Jakob tritt bei Laban in Dienst. Nach beendeter Prüfung kam der Hochzeitstag. Die Braut war dem Brauch gemäß mit einem großen Schleier bedeckt; Jakob zappelte wie ein Fisch im Wasser. Laban, ernst und feierlich, versah bei dieser Sache selbst die Ämter des Bürgermeisters und des Hohenpriesters. Er erklärte die Heirat für vollzogen, zur großen Befriedigung Jakobs.
74. Erste Heirat Jakobs. Diese Zeremonie war sehr feierlich. Hier ist es gut, den vom Heiligen Geist diktierten Text zu zitieren: « Laban versammelte also alle Leute des Landes und gab ein großes Gastmahl. — Aber da der Abend gekommen war, nahm er Lea, seine Ältere, und übergab sie Jakob, der bei ihr lag. — Aber am Morgen, bei seinem Erwachen, erkannte Jakob, dass es Lea war; und er sprach zu Laban: Warum hast du so gehandelt? habe ich dir nicht sieben Jahre gedient, um Rahel zu haben? warum hast du mich getäuscht?
75. Jakob bemerkt, dass es Lea ist, die ihm zur Ehe gegeben worden ist. — In diesem Lande, antwortete Laban, ist es nicht Sitte, eine Jüngere vor ihrer älteren Schwester zu verheiraten. — Liege noch eine Woche bei Lea, und unter der Bedingung, dass du abermals mein Knecht seiest für eine Arbeit von sieben Jahren, alsdann will ich dir auch Rahel geben.
76. Jakob tritt ein zweites Mal wieder bei Laban in Dienst. — Jakob tat also so; er erfüllte eine Woche lang seine Gattenpflichten [197] mit Lea, und Laban gab ihm auch Rahel zum Weibe. — Jakob lag endlich bei Rahel, die er mehr liebte als Lea, nachdem er bei Laban noch sieben andere Jahre gedient hatte. » Anlässlich dieser doppelten Heirat hatte Laban Lea eine Magd namens Silpa gegeben und Rahel eine Magd namens Bilha. (Genesis 29:22-30)
77. Jakob ehelicht endlich Rahel. So wurde Jakob, der seinen Vater und seinen Bruder angeschmiert hatte, von seinem Onkel angeschmiert. Nur versteht man nicht recht, wie er, nachdem er zuerst sieben Jahre lang in der Familie gelebt hatte und seine beiden Cousinen gut kannte, eine ganze Nacht mit Lea verbrachte in dem Glauben, es mit Rahel zu tun zu haben. « Nun aber, da der Ewige sah, dass Jakob Lea verschmähte, öffnete er die Vulva derselben, und dagegen verschloss er die Vulva Rahels (fr. „il ferma la vulve de Rachel“: die Bibel Ostervalds hat „mais Rachel était stérile“, „Rahel aber war unfruchtbar“, und Voltaire ebenso; die geöffnete Vulva Leas ist die der Vulgata, „aperuit vulvam eius“, die verschlossene Rahels aber ist von Taxil). » (Genesis 29:31). Das ist schon nicht allzu übel; aber das Schönste ist, was die Genesis in den vier folgenden Versen hinzufügt: Jakob wird so dargestellt, als habe er seine ehelichen Pflichten im Ganzen nur eine Woche lang erfüllt, der Woche, die auf seine erste Heirat folgte; nun wohl, trotzdem legte ihm Lea Schlag auf Schlag vier Söhne, nämlich Ruben, Simeon, Levi und Juda. « Da nun Rahel sah, dass sie Jakob kein Kind gab, sprach sie zu ihm: Mache mir Kinder, oder sonst werde ich sterben. — Und Jakob geriet in großen Zorn wider Rahel und rief aus: Hältst du mich denn für einen Gott? Ich tue alles, was nötig ist (fr. „Je fais tout ce qui est nécessaire“: weder die Bibel Ostervalds noch Voltaire hat diese Worte; ebenfalls von Taxil sind weiter unten das Bett Jakobs, wo Ostervald „la donna à Jacob pour femme“ hat, und die Truppe zur Verstärkung, aus seinem „Une troupe est arrivée“), aber bin ich es, der dir die Frucht deines Bauches wegnimmt? — Rahel antwortete: Wenn es so ist, siehe, da ist Bilha, meine Magd; gehe in sie ein; und wenn sie niederkommen soll, wird sie auf meinen Knien gebären; so werde ich durch sie Kinder haben. — Und Jakob lag bei Bilha. — Bilha empfing, und es war ein Sohn, den sie Jakob gebar. — Rahel sprach: Gott hat mich also erhört; und sie gab diesem Sohn den Namen Dan. — Bilha empfing wieder und gebar einen zweiten Sohn. — Und da sprach Rahel: In alledem habe ich stark wider meine Schwester gerungen, und siehe, ich habe den Sieg. Darum gab sie diesem Kinde den Namen Naphthali. — Da aber Lea sah, dass sie aufgehört hatte, Kinder zu haben, nahm sie ihre Magd Silpa und legte sie in das Bett Jakobs. — Und auch Silpa gebar Jakob einen Sohn. — Da sprach Lea: Dieses Kind, das da kommt, ist wie eine Truppe zur Verstärkung. Darum hieß sie ihn Gad. — Danach gebar Silpa [198] Jakob einen anderen Sohn. — Und Lea sprach: Das ist noch glücklicher: Jetzt werden mich alle Töchter glückselig nennen. Und sie hieß das Kind Asser. » (Genesis 30:1-13) Mit welchem Kommentar diesen erbaulichen Text begleiten?... Halten wir uns nicht dabei auf. Die Fortsetzung ist noch erbaulicher. Um zu verstehen, was man lesen wird, ist es gut zu wissen, dass nach einem uralten Glauben, der noch in einigen ländlichen Gegenden verbreitet ist, die [199] Alraunwurzeln sehr wirksam gegen die Impotenz sein sollen. Da diese Wurzeln eine absonderliche Form haben, die sich leicht zu obszönen Umgestaltungen hergibt, machten die Scharlatane zu allen Zeiten Priapen daraus, die sie bei sich zu tragen empfahlen; oder aber man ließ sie mazerieren, und die Flüssigkeit, die man so daraus gewann, galt als ein wunderbarer Liebestrank. Der Heilige Geist hat sich also damit amüsiert, dem Schriftsteller der Genesis eine Episode zu diktieren, die diese [200] absonderliche Pflanze mit den angeblichen aphrodisischen Kräften zur Geltung bringt. Es ist Ruben, der welche für seine Mutter pflücken geht; ist das nicht charmant?... « Da nun Ruben zur Zeit der Ernte aufs Feld gegangen war, grub er daselbst Alraunen aus, die er Lea, seiner Mutter, brachte. Und Rahel sprach zu Lea: Gib mir, ich bitte dich, von diesen Alraunen. — Aber Lea antwortete ihr: Ist es nicht schon genug, dass du mir meinen Ehemann genommen hast, und musst du auch noch die Alraunen essen wollen, die mein Sohn mir gebracht hat? Rahel sprach zu ihr: Nun wohl, gegen diese Alraunen, um die ich dich bitte, will ich dir Jakob wiedergeben, dass er eine Nacht bei dir liege. — Als nun Jakob am Abend vom Felde zurückkam, ging ihm Lea entgegen und sprach zu ihm: Du sollst diese Nacht in mich eingehen, denn ich habe dich erkauft um den Preis der Alraunen, die mein Sohn gepflückt hatte; und er lag bei ihr in jener Nacht. — Und Gott hörte auf das Gebet Leas; und sie ward schwanger, und so gebar sie ihren fünften Sohn. — Und Lea sprach: Der Ewige hat mich belohnt, nachdem ich meine Magd meinem Ehemanne gegeben habe. Darum nannte sie diesen Sohn Isaschar ». (Genesis 30:14-18) Lea bekam noch einen sechsten Sohn, der den Namen Sebulon erhielt, und eine Tochter namens Dina, ohne dass die Genesis uns sagt, bei welcher Gelegenheit Jakob abermals den Widerwillen überwand, den er gegen sie hatte. Was Rahel betrifft, so muss man glauben, dass die Alraunen ihre Wirkung taten oder dass Jehova sich entschloss, ihre Vulva zu öffnen; zuletzt wurde auch sie dick; und der Sohn Jakobs und Rahels wurde Joseph genannt. Jedoch sollte man sich nicht einbilden, dass Jakob seine vierzehn Jahre Scheuern und Geschirrspülen klaglos geschluckt hätte; die Bibel zeigt uns, dass er Laban einen Hund von seiner Hündin aufsparte (fr. „garder à quelqu’un un chien de sa chienne“, eine Redewendung: jemandem grollen und auf die Gelegenheit warten, es ihm heimzuzahlen). Zuerst spielte Jakob seinem Onkel-Schwiegervater einen Streich eigener Erfindung: Er bat ihn, ihm alle Lämmer und alle Zicklein seiner Herden zu geben, die mit grünen Flecken geboren würden; Laban willigte ein, völlig überzeugt, dass Jakob lange warten würde. Er hatte nicht mit dem listigen Geist seines Schwiegersohns gerechnet. Nach der Heiligen Schrift nahm dieser Zweige von Pappeln, Haselsträuchern und Kastanienbäumen, denen er die Rinde abnahm, und er legte diese so geschälten Zweige in die Tröge und die Tränken, wo die Schafe und die Ziegen Labans zu trinken kamen; das Ergebnis war, dass von da an fast alle [201] Lämmer und Zicklein, die in den Herden des Schwiegervaters geboren wurden, seltsam buntscheckig waren, grüne Flecken hatten. Laban konnte es nicht fassen, und das mit Recht! aber er war durch sein Versprechen verpflichtet, Jakob all dieses außerordentliche Vieh zum Präsent zu machen. Wir empfehlen dieses Rezept den Liebhabern, die einige Mühe haben, sich weiße Amseln (fr. „merles blancs“, eine Redewendung: Dinge, so selten, dass man sie nie findet; im Französischen die weiße Amsel, was im Deutschen der weiße Rabe ist; der Scherz stammt von Fréret, den Voltaire in La Bible enfin expliquée gegen den Kommentator Calmet anführt: „Nous lui donnerons un merle blanc, quand il nous fera voir des moutons verds“, „Wir werden ihm eine weiße Amsel geben, wenn er uns grüne Hammel zeigt“; in der Bibel Ostervalds sind die Tiere nur „picotées et tachetées“, gesprenkelt und gefleckt, und grün sind allein die Stäbe) zu verschaffen, und sich darum den Luxus gönnen möchten, grüne Hammel zu haben. Dieses wundersame Rezept und die Einzelheiten seines Erfolgs, verbürgt vom göttlichen Tauber, wenn ich bitten darf, stehen ausführlich in der erhabenen Genesis, Kapitel 30, Verse 25 bis 43. Sodann verduftete der schlaue Jakob, nicht zufrieden damit, Laban durch diesen Kniff um neun Zehntel seiner Herden gebracht zu haben, eines schönen Morgens, ohne ihm Bescheid zu sagen, und nahm seine kleine Familie mit, die schon zahlreich war. Lea und Rahel, die für ihn gegen ihren Vater Partei ergriffen, hatten ihm beigepflichtet, sobald er ihnen seine Pläne zum Ausreißen anvertraute; Rahel stibitzte (fr. „chiper“, ein umgangssprachliches Wort: kleine Dinge entwenden) sogar beim Fortgehen ihrem Vater alle seine Götzen, die sie mitnahm, ohne etwas davon zu sagen.
78. Abreise Jakobs; Bedauern Labans. Da ist nun unser Laban untröstlich; er macht sich auf, seinem Schwiegersohn und seinen Töchtern nachzujagen; es gelingt ihm, die Karawane einzuholen. Trotz all seiner Beredsamkeit konnte er Jakob nicht dazu bewegen, umzukehren. « Wenigstens gib mir meine Götter zurück! sprach er zu ihm; warum hast du mir meine Götter entwendet? » Jakob weiß nicht, was das bedeuten soll. Er fordert Laban auf, das Gepäck der Familie zu visitieren. Während ihr Vater die Sachen Leas inspiziert, stopft Rahel die Götzen in den Packsattel eines Kamels und setzt sich darauf; dann bittet sie Laban, sie zu entschuldigen, wenn sie nicht aufstehen kann: « Mein Vater, sprach sie, ich habe in diesem Augenblick meine Regel (fr. „j’ai en ce moment mes règles“: die Bibel Ostervalds hat „j’ai ce que les femmes ont accoutumé d’avoir“, „ich habe, was die Frauen zu haben pflegen“, und Voltaire, mit einer anderen Umschreibung, „j’ai mes ordinaires“; Taxils „wörtlich“ gilt für den Sinn, nicht für die Worte) » (wörtlich). Laban mochte noch so sehr herumwühlen, er fand seine Götzen nicht. Endlich, nach einer ziemlich lebhaften Szene auf beiden Seiten, trennten sich der Schwiegersohn und der Schwiegervater endgültig, nicht ohne Steine auf einen Haufen gelegt zu haben, damit diese Kiesel Zeugen ihres Versprechens seien, künftig nicht danach zu trachten, einander zu schaden. Die Abreise Jakobs, seine Verfolgung durch Laban und der abschließende Vertrag füllen das ganze Kapitel 31. Die beiden folgenden Kapitel sind der Fortsetzung der Reise Jakobs gewidmet, der in das Land Kanaan zurückkehrt. Er begegnet Esau, und eine rührende Versöhnung findet zwischen ihnen statt. Eine Stelle aber, die es wert ist, wiedergegeben zu werden, ist die, wo der Verfasser uns eine neue Posse Jehovas erzählt: Papa [202] Lieber Gott, der den Wiedergänger spielt, Jakob schlagen will und es nur dazu bringt, Haue zu beziehen, trotz seiner Allmacht. Der Ehemann von Lea, Rahel, Silpa und Bilha hatte soeben seine Karawane über die Furt Jabbok ziehen lassen; es war Nacht. « Da ward Jakob, der allein auf dem Wege geblieben war, von einem Phantom von menschlicher Gestalt angefallen, das mit ihm rang bis zum Anbruch der Morgendämmerung. — Und dieses Phantom, da es ihn nicht niederwerfen konnte, [203] rührte ihm die Stelle der Pfanne seiner Hüfte an, die alsbald verrenkt ward; aber der Ringkampf mit dem Gespenst ging fort. — Nun sprach das Gespenst zu Jakob: Ich habe genug davon, lass mich; denn die Morgenröte steigt auf. Aber Jakob antwortete ihm: Ich lasse dich nicht los, du habest mich denn gesegnet. — Wie ist dein Name? fragte das Phantom. Er antwortete: Jakob. — Da sprach das Gespenst: Dein Name soll nicht mehr Jakob sein, sondern Israel; denn da du wider Gott hast kämpfen können, wie viel stärker wirst du sein wider die [204] Menschen! — Und Jakob befragte es und sprach: Ich bitte dich, tue mir deinen Namen kund. Und das Phantom antwortete ihm: Warum fragst du mich nach meinem Namen? Und da segnete es ihn daselbst. — Und Jakob nannte diese Stätte Pniel; denn, sprach er, hier habe ich Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und hier ist meine Seele befreit worden. — Und die Sonne ging auf, sobald er Pniel verlassen hatte; und Jakob war lahm an einer Hüfte. » (Genesis 32:24-31) Die Kritiker haben darauf hingewiesen, dass der Name Israel, den das göttliche Phantom Jakob gab, der Name eines Engels in der Mythologie der Chaldäer war. Die jüdische Überlieferung behauptet, dass dieser Name stark gegen Gott bedeute; jedoch vertritt Philo, ein sehr gelehrter Jude, die Ansicht, dass der Name wirklich chaldäisch sei, und nicht hebräisch, und dass er Gott sehend bedeute. Wie dem auch sei, nicht ohne ein sanftes Lächeln liest man die Erzählung dieses Abenteuers. Ich glaube nicht, dass irgendeine Mythologie einen gewöhnlichen Menschen darstellt, der robust genug wäre, um einem Gott eine Dresche zu verabreichen (fr. „flanquer une pile“, eine Argot-Redewendung: „flanquer“ heißt schmeißen, „pile“ ist im Argot die Tracht Prügel); und noch dazu hielt Jakob stand und behielt die Oberhand, sogar nachdem ihm das Ringergespenst die Hüfte verrenkt hatte!... Gehen wir zu einem anderen Abenteuer über. Der Leser hat gesehen, dass Lea siebenmal niederkam und dass ihr siebentes Kind eine Tochter war, Dina. Zudem haben wir die genaue Rechnung der Zeit, die Jakob bei Laban verbrachte; bei seinem Streit im Augenblick der Flucht sagte er zum Onkel-Schwiegervater: « Ich habe dir diese vergangenen zwanzig Jahre in deinem Hause gedient, vierzehn Jahre um deine beiden Töchter und sechs Jahre um deine Herden. » (Genesis 31:41) Die Geburt Rubens, des Ältesten, kann also erst im achten Jahr stattgefunden haben; und wenn man nicht vergisst, dass Lea mindestens zwei Jahre lang keine Kinder bekam, eine Zeit, während deren sie ihre Magd Silpa Jakob lieh, so setzt die Chronologie die Geburt Dinas in das sechzehnte Jahr des Aufenthalts bei Laban. Dina war also höchstens vier Jahre alt, als Jakob seinen Onkel-Schwiegervater verließ. Diese Bemerkung war notwendig, da die Genesis uns Dina zeigt, wie sie im Sohn eines Königs eine heftige Leidenschaft erweckt, schon in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft mit ihrer Familie im Lande Kanaan, das heißt alsbald nach dem Ringkampf gegen das Phantom und der Versöhnung Esaus und Jakobs. « Jakob kam bei guter Gesundheit zu der Stadt Salem im Lande Kanaan, nachdem er aus Paddan-Aram (Land Labans) gekommen war, und er schlug seine Zelte vor der Stadt auf. — Hernach kaufte er von den [205] Kindern Hemors um hundert Silberstücke einen Teil des Ackers, wo er lagerte; Hemor war der Vater des jungen Prinzen Sichem. » (Genesis 33:18-19) Eben dieser Prinz Sichem verliebte sich plötzlich in die kleine Dina, die vier Jahre alt war! « Nun war Dina, die Tochter Leas, neugierig, die Weiber des Landes zu sehen, und sie ging aus dem Lager hinaus. — Und der Prinz Sichem, der Sohn Hemors, des Königs des Landes, sah sie, zog sie mit sich fort und ließ sie bei sich liegen. — Da sein Herz stark an Dina hing, liebte er das kleine Mädchen (fr. „la petite fille“: die Bibel Ostervalds hat „la jeune fille“, das junge Mädchen, und weder sie noch Voltaire hat in der ganzen Erzählung „petite“: Taxil macht Dina fünfmal kleiner, damit sie zu seiner Rechnung von vier Jahren passt), überhäufte sie mit großen Liebkosungen und redete zu ihr nach ihrem Herzen. — Sichem redete auch mit Hemor und sprach zu ihm: Mein Vater, ich beschwöre dich, erwirke mir, dass ich dieses kleine Mädchen zum Weibe habe. » (Genesis 34:1-4) Der König Hemor begab sich also zu Jakob und tat den von seinem Sohn gewünschten Schritt. Freilich hatte der Prinz Sichem sich dafür zu entschuldigen, dass er ein wenig zu schnell vorgegangen war; aber er war entschlossen, auf alle Forderungen Jakobs einzugehen, um dessen Verzeihung zu erlangen. Die Bibel gibt zu verstehen, dass Jakob ziemlich wohlgesinnt war; dagegen wollten die Brüder Dinas nichts von einer Heirat hören, welche die Verfehlung des Prinzen Sichem wiedergutmachen sollte. « Die Söhne Jakobs, da sie vom Felde zurückgekommen waren und erfahren hatten, was geschehen war, wurden über die Maßen erbost und überaus erzürnt und sagten, Sichem habe eine schändliche Tat wider Israel begangen, indem er bei der Tochter Jakobs gelegen habe, was nicht getan werden durfte. — Hemor redete also mit ihnen und sprach zu ihnen: Sichem, mein Sohn, hat viel Liebe zu Dina; gewährt, ich bitte euch, dass sie sein Weib sei. — Und ihr selbst, verschwägert euch mit uns; gebt uns eure Töchter und nehmt unsere Töchter für euch. — Und wohnt unter uns; das ganze Land soll euch zur Verfügung stehen; bebaut es, treibt darin Handel, und besitzt es sogar. — Was Sichem betrifft, so sprach er seinerseits zu dem Vater und zu den Brüdern des kleinen Mädchens: Möge ich Gnade finden vor euch! und ich will alles geben, was euch gefallen wird. — Legt mir auf, eine reiche Mitgift zu liefern, verlangt von mir zahlreiche Gaben; alles, was ihr wollt, will ich euch geben; aber gebt mir die kleine Dina zum Weibe! — Da antworteten die Söhne Jakobs, indem sie Hemor und Sichem mit Absicht täuschten: — Wir können unsere Schwester nicht einem Unbeschnittenen geben; denn das [206] wäre für uns eine Schmach. — Aber wir wollen in das einwilligen, was ihr wollt, wenn alle Männlichen, die unter euch sind, sich bereit finden, sich die Vorhaut abzuschneiden. — Dann, ja, wollen wir euch unsere Töchter geben, und wir wollen uns mit den euren verheiraten; und wir wollen unter euch wohnen, und wir werden nur noch ein einziges Volk sein; — wenn ihr euch aber nicht alle beschneiden wollt, so wollen wir Dina, unsere kleine Schwester, zurücknehmen und von dannen ziehen. — Und diese Rede gefiel Hemor und Sichem. — Und [207] der junge Prinz säumte nicht, zu tun, was ihm vorgeschlagen war; denn seine Liebe zu der Tochter Jakobs erfüllte sein Herz. » (Genesis 34:7-19) Daraufhin versammelten der König Hemor und sein Sohn das Volk und wiederholten ihm die Vorschläge, die ihnen soeben gemacht worden waren. Das Bündnis mit der Familie Jakobs wurde einstimmig angenommen. Es gab eine allgemeine Beschneidung aller Männlichen der Stadt (Genesis 34:24).
79. Versöhnung Esaus und Jakobs. Aber, « drei Tage danach gingen zwei der Söhne [208] Jakobs, Simeon und Levi, nachdem sie ihr Schwert genommen hatten, kühn in die Stadt und töteten alle Männer. — Sie schlachteten auch Hemor und Sichem ab, nahmen Dina zurück und führten sie fort. — Danach stürzten sich alle Kinder Jakobs auf die Toten, beraubten sie und gaben die Stadt der Plünderung preis, wobei sie schrien, dass sie so ihre Schwester dafür rächten, dass sie genommen worden war. — Und sie bemächtigten sich der Herden, der Ochsen, der Esel und alles dessen, was die Einwohner in der Stadt und auf dem Felde besaßen. — Und sie führten die Kinder und die Weiber gefangen fort, nachdem sie alles verwüstet und alles genommen hatten, was in den Häusern war. » (Genesis 34:25-29) Das alles ist recht grässlich. Die Söhne und die Leute der Karawane Jakobs benehmen sich wie die letzten Lumpen gegenüber dieser Bevölkerung, die sie so brüderlich aufgenommen hatte, die die Freundschaft so weit getrieben hatte, ihre absurdeste rituelle Praxis anzunehmen, die Beschneidung. Nie waren Meuchelmörder perfider, nie diebischer, nie blutdürstiger. Aber die Grässlichkeit des Verbrechens verblasst vor der Unwahrscheinlichkeit solcher Ungeheuerlichkeiten, und auch da wieder weiß der Skeptiker als Dilettant die Mystifikation des Taubers Heiliger Geist zu schätzen. Dieser Simeon und dieser Levi, Urheber dieses entsetzlichen Blutbads, sind zwei Gassenjungen, denen kaum noch der Rotz an der Nase hängt; Simeon wurde im neunten Jahr des Aufenthalts Jakobs bei Laban geboren, und Levi im zehnten; sie waren also nach der Bibel nur elf und zehn Jahre alt, als sie zu zweit den König Hemor, den Prinzen Sichem und alle ihre männlichen Untertanen niedermetzelten. Allerdings müssen Simeon und Levi, die in den Adern das Blut eines Zivilisten (fr. „un pékin“, ein soldatisches Argot-Wort: jeder, der keine Uniform trägt, mit der Verachtung des Soldaten gesagt) hatten, der Gott in Person verprügelt hatte, recht schreckliche Kleine gewesen sein!... Man macht keine mehr, von diesem Schlag!... Das Kapitel 35 der Genesis belehrt uns, dass Jakob, der mit einem Mal tief betrübt darüber war, dass seine Frauen Götzendienerinnen waren, und sich sagte, dass ihm dies Unglück bringen könnte, « zu seiner Familie und zu allen, die bei ihm waren, sprach: Werft weit von euch alle fremden Götter, die ihr habt; reinigt euch und wechselt die Kleider » (v. 2). So schnell gesagt wie getan; Rahel, Lea, Silpa, Bilha, etc., etc., lieferten ihre Götzen Jakob aus, der sie am Fuß einer Eiche in der Umgebung der Stadt vergrub, die man soeben verheert hatte. Jehova, entzückt von dieser schönen [209] Tat, verwirrte allen Einwohnern des Landstrichs den Kopf, und diese « dachten nicht daran, Jakob und seinen Kindern nachzujagen » (v. 5). Wir haben in diesem Kapitel auch eine neue Erscheinung des Papa Lieber Gott, mit Rede an Jakob; aber es ist immer dieselbe Leier. Dann gelangt Jakob gegen den Frühling auf eine Straße, die nach Ephrath führt. Dort hatte Rahel eine so schmerzhafte Niederkunft, dass diese sie ums Leben brachte. « Da ihre Seele nahe daran war zu entweichen, gab sie ihrem Sohn den Namen Ben-Oni, der Sohn meines Schmerzes; aber Jakob nannte ihn Benjamin, der Sohn meines rechten Schenkels » (v. 18). Jakob bestattete dort seine teure Rahel und setzte auf ihr Grab einen Stein, den die Muselmanen noch heute zeigen. Während nun Jakob Rahel beweinte, nutzte der junge Ruben, der älteste Sohn, den er von Lea gehabt hatte, die schmerzliche Zerstreutheit seines Vaters, um sich zu einer der Frauen des Patriarchen zu schleichen; er verführte also seine Stiefmutter Bilha und lag bei ihr; aber als Jakob erfuhr, dass er von seinem Sohn zum Hahnrei gemacht worden war (fr. „cocufié“, ein umgangssprachliches Wort, gebildet aus „cocu“, dem betrogenen Ehemann; Bilha war die Konkubine Jakobs, Genesis 35:22), schloss er die Augen und erboste sich nicht, wenigstens für den Augenblick. Schließlich kehrte Jakob in die Ebene Mamre zurück und fand dort seinen Vater Isaak wieder: Dieser starb einige Zeit danach; er war damals hundertachtzig Jahre alt. Isaak wurde von Esau und Jakob begraben. („der Sohn meines rechten Schenkels“ — fr. „le fils de ma cuisse droite“, Taxils Abwandlung der Übersetzung Voltaires, die „der Sohn meiner Rechten“ hat, den überlieferten Sinn des Namens Benjamin; bei Luther steht nur der Name. Es ist derselbe Gebrauch von „Schenkel“ für die Zeugungsorgane, den Taxil beim Schwur Eliesers verspottet hat.) Jakob stand also an der Spitze einer zahlreichen Familie, aber Esau auch. Kapitel 36 gibt uns einen ausführlichen Überblick über die Nachkommenschaft des Letzteren; es ist eine wahre Litanei von « Herzögen », mit Namen, einer verblüffender als der andere.
80. Jakob, von Gott gesegnet, hat eine zahlreiche Familie. In diesem Kapitel und im vorhergehenden weisen die Kritiker auf zwei Verse hin, die es erlauben zu sagen, dass die ersten fünf Bücher der Bibel Mose lügenhaft zugeschrieben werden. So heißt es im Vers 19 des Kapitels 35: « Rahel ward begraben an dem Wege, der gen Ephrath führt, heute Bethlehem. » Nun konnte die Stadt, um die es sich handelt, zu der Zeit, in der Mose vermeintlich schreibt, nicht Ephrath heißen, da es weiter hinten heißt, diese Benennung sei von einem gewissen Kaleb festgesetzt worden, der eine gewisse Ephrath zur Frau hatte; dieser Kaleb gab dem damals entstehenden Flecken den Namen seiner Frau; und Kaleb war ein Zeitgenosse Josuas, des Nachfolgers von Mose. Umso weniger konnte Mose den Namen Bethlehem anführen, der mehrere Jahrhunderte später den Namen Ephrath ersetzte. Im Vers 31 des Kapitels 36 verrät sich der [210] eigentliche Schriftsteller der Genesis noch ungeschickter; dieser Vers, der auf ein Verzeichnis von Nachfahren Esaus folgt, ist so abgefasst: « Dies sind die Könige, die im Lande Edom regiert haben, ehe denn die Kinder Israel einen König hatten. » Es ist offensichtlich, dass diese Zeilen erst nach dem ersten jüdischen Königtum geschrieben worden sein können, das heißt nach Saul. Wenn man zum Beispiel in einer Geschichte einer europäischen Nation Folgendes fände: « Diese Fürsten regierten verschiedene [211] Fürstentümer Deutschlands, lange bevor Frankreich Republik war, unter dem Regime einer parlamentarischen Versammlung namens Konvent (der Nationalkonvent, der Frankreich von 1792 bis 1795 regierte und die erste Republik ausrief) », so würde man einstimmig erklären, dass das Buch zwangsläufig während oder nach dem Konvent geschrieben worden ist, nicht aber vor der ersten Französischen Republik. Kommen wir zur Geschichte Josephs, von deren Anfängen das Kapitel 37 der Genesis handelt. Von allen seinen Kindern liebte Jakob am meisten [212] Joseph, dem er einen sehr schönen Rock mit Streifen in lebhaften Farben verliehen hatte. Joseph, der den Ruf eines Traumdeuters hinterlassen hat und der den allerhellsichtigsten Somnambulen (fr. „somnambules extra-lucides“: die Hellseher der Pariser Jahrmärkte und Boulevards, die im magnetischen Schlaf die Zukunft lasen und ihre Sitzungen verkauften) Punkte vorgegeben hätte (fr. „rendre des points“, eine Redewendung: jemanden weit übertreffen; sie kommt von den Geschicklichkeitsspielen, wo der Stärkere dem Schwächeren einen Vorsprung gibt), trat frühzeitig in diese Laufbahn ein; mit siebzehn Jahren verwunderte er schon seine Familie. Zu seinem Unglück erzählte er naiv seine eigenen Träume, und seine Träume waren im Allgemeinen dazu angetan, ihn selbst zu erhöhen und seine elf Brüder zu demütigen. Eines Tages hatte er geträumt, dass, während man auf einem Feld Garben band, seine Garbe sich erhoben hatte und aufrecht stehen geblieben war und dass sich dann die Garben seiner Brüder vor der seinen niedergeworfen hatten. An einem anderen Tag waren es die Sonne, der Mond und elf Sterne, die gekommen waren, um ihm während seines Schlafes tiefe Reverenzen zu machen.
81. Joseph hat schon von Jugend an die Gabe der Wahrsagung. Da diese Manie zuletzt neun seiner Brüder geärgert hatte, fassten diese eine Abneigung gegen Joseph (fr. „prendre quelqu’un à tic“, eine umgangssprachliche Redewendung, wörtlich „jemanden zum Tick nehmen“). Als Jakob ihn nun eines Morgens zu seinen Brüdern geschickt hatte, die ihre Herden in der Gegend von Dothan weideten, sahen ihn neun seiner Brüder kommen und verschworen sich, ihn zu töten. Ruben widersetzte sich dem Mord; aber Joseph wurde seines schönen Rockes beraubt und in einen alten, ausgetrockneten Brunnen hinabgelassen.
82. Joseph von seinen Brüdern in einen Brunnen gesteckt. Unterdessen kamen Kaufleute vorbei; der heilige Verfasser bezeichnet sie bald als Ismaeliter und bald als Midianiter, was nicht dasselbe ist; aber lassen wir das. Da ergriffen Juda Gewissensbisse bei dem Gedanken, dass der junge Mann große Gefahr lief, auf dem Grund des Brunnens zu verhungern, und er schlug seinen Brüdern eine kleine Handelsoperation vor, bei der Joseph die Ware sein würde; das hieß zugleich ein Geschäft machen und Philanthropie treiben.
83. Ismaelitische Kaufleute bieten an, Joseph zu kaufen. Topp! Die Ismaeliter oder Midianiter kauften den Jüngling für zwanzig Silberstücke, was wirklich nicht teuer war. Man zog Joseph aus seinem Brunnen, und die Kaufleute nahmen die Lieferung in Empfang, um ihn mit sich in ferne Länder zu führen.
84. Joseph, aus dem Brunnen gezogen, wird verkauft. Nun waren Ruben und Benjamin die Einzigen, die an diesem Schacher nicht teilgenommen hatten; Benjamin, der noch sehr jung war, blieb zu Hause. Was Ruben betrifft, so hatte er sich, nachdem man Joseph in den Brunnen hinabgelassen hatte, von seinen Brüdern entfernt — der heilige Verfasser sagt nicht, warum —, und er war bei der Verhandlung mit den nomadischen Kaufleuten abwesend gewesen; nach der Bibel hatte Ruben sogar die heimliche Absicht gehabt, zu kommen und [213] Joseph aus dem Brunnen zu ziehen und ihn zu ihrem Vater zurückzubringen. Er war also überaus bekümmert, den Brunnen leer zu finden; er lief zu seinen Brüdern und sagte zu ihnen: « Das Kind ist nicht mehr im Brunnen, und ich, ich, wo soll ich hin?... » Die anderen, gerissen und heuchlerisch wie alte Sakristane, färbten mit dem Blut eines Ziegenbocks den schönen bunten Rock des Bedauernswerten, und sie schickten ihn Jakob mit dieser Botschaft: « Siehe, was wir gefunden haben; es scheint uns der Rock Josephs zu sein; erkenne, ob er’s auch wirklich ist. » Jakob rief aus: « Ach! es ist wirklich der Rock meines teuren Sohnes! ein wildes Tier wird ihm begegnet sein! er ist verschlungen worden! das ist alles, was von ihm übrig bleibt! »
85. Man macht Jakob glauben, dass Joseph tot ist. Und er war in großer Verzweiflung. Zunächst zerriss er alle seine Kleider; dann bekleidete er sich mit einem härenen Gewand und beweinte Joseph mehrere Tage lang. Und er sagte unter Tränen: « Ich werde mit meinem Sohn in die Grube hinunterfahren! » (Genesis 37:33-35)
86. Der verzweifelte Jakob zerreißt seine Kleider. Die Kaufleute ihrerseits hatten Joseph nach Ägypten geführt, und dort verkauften sie ihn weiter an eine hohe Persönlichkeit des Hofes; der heilige Verfasser nennt sie und zählt ihre Titel und Würden auf: Es war der Sire « Potiphar, Eunuch des Königs Pharao, Hausvogt ». In einem der folgenden Kapitel wird uns die unbezahlbare Genesis belehren, dass Potiphar, obwohl Eunuch, verheiratet war.
87. Joseph von Potiphar als Sklave gekauft. Aber greifen wir nicht vor. Während Joseph bei Potiphar Sklave ist, spielt sich in der Familie des Juda, des vierten Sohnes Jakobs, eine neue Reihe erbaulicher Episoden ab. « Zu der Zeit begab sich Juda zu einem Adullamiter namens Hira. — Daselbst knüpfte er Bekanntschaft mit der Tochter eines Mannes namens Sua, eines Kanaaniters; er nahm sie und lag bei ihr. » (Genesis 38:1-2) Man beachte, dass die Patriarchen, so sehr Papa Lieber Gott ihnen auch verbietet, Götzendienerinnen zu Frauen zu nehmen, und insbesondere Kanaaniterinnen, eine verfluchte Rasse, diesen Verboten kaum Rechnung tragen und Jehova nichtsdestoweniger teuer sind. Später werden die Christen, indem sie die Dummheiten und die Schändlichkeiten der jüdischen Bibel übernehmen, für die Genealogie ihres Jesus die erstaunlichste Auswahl treffen; sie werden ihm gerade die Götzendienerinnen, die Ehebrecherinnen und die Prostituierten zu Ahnfrauen geben. « Nun empfing das Weib des Juda, und sie gebar ihm einen Sohn, der ward Ger genannt. — Sie empfing wieder, und ihr zweiter Sohn [214] ward Onan genannt. — Und sie gebar einen dritten Sohn, der erhielt den Namen Sela. — Später ließ Juda Ger, seinen Erstgeborenen, ein Mädchen namens Thamar ehelichen. — Aber Ger war böse vor dem Ewigen, und Gott tötete ihn. » (Genesis 38:3-7) Der Scharfsinn der Theologen hat sich am Verbrechen des Ger geübt, da die Bibel nicht mehr darüber sagt; angesichts der Fortsetzung des Geschichtchens und in der Erwägung, dass Gott beschlossen hatte, seinen Messias von Juda abstammen zu lassen, haben die katholischen Kommentatoren geschlossen, [215] dass dieses Verbrechen darin bestand, seine Frau nur nach Art der Sodomiter zu gebrauchen. Gott brachte Ger zu Tode, sagen sie, weil er so handelte, um keine Kinder zu haben; und der Beweis ist, dass der heilige Text hier den Ausdruck « böse vor dem Ewigen » verwendet, genau denselben, dessen sich Jehova weiter oben bediente, als er sich über die Sitten der Herren Ehemänner von Sodom beklagte. Wie dem auch sei, man wird sehen, dass Thamar mit ihren Gatten kein Glück hatte. [216] « Da sprach Juda zu Onan: Gehe ein in die Witwe deines Bruders, und sie sei dein Weib; so wirst du den Samen deines Bruders erwecken. » (Genesis 38:8) Das ist wörtlich (aber nach Voltaire: „prends pour femme la veuve de ton frère ; entre dans elle“, „nimm die Witwe deines Bruders zum Weibe; geh ein in sie“, nach dem „ingredere ad“ der Vulgata; die Bibel Ostervalds hat „Viens vers la femme de ton frère“, „Komm zu dem Weibe deines Bruders“), wissen Sie! Und das will sagen, dass nach der jüdischen Sitte die unter diesen Umständen geborenen Kinder die Erben des Verstorbenen wären und nicht ihres eigentlichen Vaters. « Aber Onan, da er wusste, dass die Kinder, die er machen würde, nicht als die seinen angesehen würden, vergoss seinen Samen auf die Erde, sooft er sich seinem Weibe nahte, auf dass er seinem Bruder nicht Kinder gäbe. » (38:9) Auch das absolut wörtlich! Der Name Onanismus kommt von dieser erbaulichen biblischen Episode. « Und dieses Betragen missfiel dem Ewigen, und Gott tötete auch Onan. » (Genesis 38:10) « Darum sprach Juda zu Thamar, seiner Schwiegertochter: Gehe fort; bleibe Witwe in deines Vaters Hause, bis Sela, mein letzter Sohn, alt genug ist, dein Gatte zu werden. Sie ging also fort und wohnte bei ihrem Vater. — Mehrere Tage danach starb die Tochter des Sua, die Juda geehelicht hatte. Dann tröstete sich Juda darüber, und er zog hinauf gen Thimnath, um seine Schafe scheren zu sehen, in Gesellschaft des Hira, seines vertrauten Freundes. — Nun meldete jemand der Thamar, was vorging, nämlich dass Juda in das Land kam. — Da legte Thamar, die wusste, dass Sela groß geworden war, und mit Betrübnis sah, dass er ihr nicht zum Manne gegeben worden war, ihre Witwensachen ab, bekleidete sich mit einem Schleier, in den sie sich hüllte, und kam und setzte sich an einen Kreuzweg, an die Ecke des Weges, der gen Thimnath führte. — Und da Juda sie erblickte, hielt er sie für eine Prostituierte, wegen ihrer Positur und ihres Schleiers. — Er kam zu ihr auf dem Wege und sprach zu ihr: Willst du wohl, dass ich bei dir liege? denn er ahnte nicht, dass es seine Schwiegertochter war. Und sie antwortete ihm: Was wirst du mir geben, dass du bei mir liegst? — Juda sprach: Ich will dir morgen ein Böcklein von meiner Herde senden. Sie erwiderte: So will ich denn tun, was du willst; aber zunächst brauche ich ein Pfand, um mich zu vergewissern, dass du mir das Böcklein senden wirst, das du mir versprichst. — Was für ein Pfand forderst du? fragte Juda. Und Thamar antwortete: Deinen Ring, dein Taschentuch und diesen Stab, den du in der Hand hast. Juda gab sie ihr, und da ging er in sie ein, am Rande des Weges, und so ward sie schwanger von seinen Werken (fr. „enceinte de ses œuvres“, eine Redewendung: sie erwartete ein Kind von ihm). — Worauf sie aufstand und fortging; dann legte sie ihren Schleier ab und zog ihre Witwenkleider wieder an. — [217] Indessen sandte Juda das versprochene Böcklein, nachdem er es seinem Freunde Hira übergeben hatte, damit er sich die diesem Weibe gegebenen Pfänder zurückgeben ließe; aber Hira fand sie nicht mehr. — Und er befragte die Leute der Ortschaft, wo sie sich aufgehalten hatte, um Juda anzulocken, und er sprach zu allen: Wo ist denn diese Prostituierte, die sich am Kreuzweg und auf dem Wege aufhält? Sie antworteten: Es ist hier kein Weib von üblem Lebenswandel gewesen. — Hira kehrte zu Juda zurück, sagte ihm, dass er dieses Weib nicht gefunden habe, und berichtete ihm die Worte der Leute der Ortschaft. — Und Juda sprach: Es sei, sie behalte meine Pfänder; sie wird mich wenigstens nicht beschuldigen können, dass ich sie nicht habe bezahlen wollen! Habe ich ihr nicht das versprochene Böcklein gesandt? aber du hast sie nicht gefunden. — Nun begab es sich ungefähr drei Monate danach, dass man Juda Bericht erstattete: Thamar, deine Schwiegertochter, sagte man ihm, ist in Unzucht gefallen, und siehe, ihr Bauch fängt sogar an zu schwellen. Juda antwortete: Man gehe und hole sie aufs schnellste, und sie werde verbrannt! — Als man sie zur Marter führte, sandte sie Juda seinen Ring, sein Taschentuch und seinen Stab und sprach: Wenn ich schwanger bin, so ist es durch das Zutun des Mannes, dem diese Dinge gehören; so lasse man denn diese Gegenstände erkennen. — Da erkannte Juda sie wieder und rief aus: Sie ist gerechter als ich; sie hat sich von mir schwängern lassen (fr. „elle s’est fait engrosser par moi“: weder die Bibel Ostervalds noch Voltaire hat diese Worte nach „Elle est plus juste que moi“; das Geständnis ist Taxils Zusatz, wie wenig später der „enorme“ Riss, wo Ostervald „Quelle brèche as-tu faite ?“ hat), weil ich vergessen habe, sie Sela, meinem dritten Sohn, zu geben. Und Juda lag nicht mehr bei ihr. — Als nun Thamar im Begriff war niederzukommen, bemerkte man, dass sie zwei Zwillinge im Bauche hatte. — Und im Augenblick der Entbindung streckte einer der Zwillinge die Hand heraus, und die Wehmutter nahm sie und band sie mit einem scharlachroten Band, da sie glaubte, er werde zuerst herauskommen. — Aber alsbald zog dieses Kind seine Hand zurück und stieß seinen Bruder, und dieser kam heraus. Und Thamar sprach zu ihm: Welch einen enormen Riss hast du mir gemacht, mein Sohn! Der Riss sei auf dir! Darum nannte man ihn Perez. — Danach kam das Kind heraus, das an der Hand ein scharlachrotes Band hatte, und man nannte es Serah. » (Genesis 38:11-30) Man wird mich nicht beschuldigen, zu denen zu gehören, die vorgeben, ein Werk zusammenzufassen, und die es unter diesem Vorwand entstellen. Im Gegenteil, es werden sich vielleicht Leser finden, die meinen, es wäre besser, jede Episode auf die knappste Weise zu berichten und die Kritik auszubauen. Aber in Anbetracht [218] der Natur des Werkes, das der Gegenstand dieser Analyse ist, bin ich der Ansicht, dass die Zusammenfassung einzig dann ihre Daseinsberechtigung hat, wenn es sich um Episoden handelt, auf deren Einzelheiten wenig ankommt; wenn andererseits die Heilige Schrift Stellen von der Art dieses Abenteuers der Thamar enthält, muss man sie in voller Länge zitieren. Es ist der göttliche Geist, der das diktiert hat! man kann also die Perlen dieses heiligen Textes nicht genug ins Licht rücken. Das ist so recht der Fall, in dem der Kritiker seine [219] Leser nicht der Gefahr aussetzen darf, sich von einem Pfarrer sagen lassen zu müssen, dass sie getäuscht worden seien und dass man die Bibel verleumdet habe. Der ganze Schmutz der Geschichte Thamars gehört also tatsächlich zum Buch des Glaubens; er steht unverblümt darin, und die Kirche erklärt ihn für authentisch, trotz seiner Unwahrscheinlichkeit. Denn es ist eine recht sonderbare Sache, dass Thamar, die mit ihren zwei ersten Ehemännern so wenig Glück gehabt hat, sich deren Vater hingeben will, weil er vergessen hat, ihr seinen [220] dritten Sohn zu geben, den er versprochen hatte! « Sie nimmt einen Schleier, um sich als Freudenmädchen zu verkleiden, hat Voltaire angemerkt; aber im Gegenteil, der Schleier war und blieb stets das Kleid der anständigen Frauen. Zwar warten in den großen Städten, wo die Ausschweifung überaus bekannt ist, die Freudenmädchen in kleinen Gassen auf die Vorübergehenden, wie in London, in Paris, in Venedig, in Rom; aber es ist nicht wahrscheinlich, dass der Treffpunkt der Freudenmädchen im elenden Lande Kanaan auf freiem Felde war, am Kreuzweg der Straßen. Es ist außerdem recht seltsam, dass ein Patriarch am helllichten Tage mit einem Freudenmädchen auf der Landstraße der Liebe pflegt und Gefahr läuft, von allen Vorübergehenden bei der Tat ertappt zu werden. Der Gipfel der Unmöglichkeit ist, dass Juda, ein Fremder in Kanaan und ohne den geringsten Besitz, befiehlt, man solle seine Schwiegertochter verbrennen, sobald er weiß, dass sie schwanger ist, und dass man sogleich einen Scheiterhaufen bereitet, als ob er der Richter und der Gebieter des Landes wäre. Diese Geschichte steht in einer gewissen Beziehung zu der des Thyestes, der, als er seiner Tochter Pelopia begegnete, bei ihr lag, ohne sie zu erkennen. Die Kritiker sagen, dass die Juden überaus spät schrieben und dass sie viele griechische Geschichten abschrieben, die in ganz Kleinasien im Umlauf waren. Josephus und Philo, jüdische Geschichtsschreiber, gestehen, dass die jüdischen Bücher niemandem bekannt waren und dass die griechischen Bücher jedermann bekannt waren. » Nach der Geschichte Thamars kehrt die Genesis zu Joseph zurück, und wir haben hier eine Episode, deren Ähnlichkeit mit der Geschichte von Theseus, Phädra und Hippolytos höchst frappant ist. Der heilige Verfasser belehrt uns, dass Potiphar, dieser Geldsack von einem Eunuchen, der Joseph gekauft hatte, verheiratet war und dass er, obwohl er den Gott Josephs nicht anbetete, bald erkannte, dass dieser Gott alle Geschäfte seines Sklaven gedeihen ließ. « Potiphar sah, dass der Ewige mit Joseph war und dass der Ewige alle Dinge in seinen Händen gedeihen ließ. » (Genesis 39:3) Diese Feststellung bewog unseren Eunuchen keineswegs, sich zur jüdischen Religion zu bekehren; « sondern er übergab alles, was sein war, in die Hände Josephs, so dass er sich nach nichts mehr erkundigte außer nach den Ragouts, die bei Tisch vorgesetzt wurden. Nun hatte Joseph einen wohlgebauten Wuchs und war ganz und gar schön anzusehen. — [221] Es begab sich also, dass das Weib Potiphars die Reize Josephs bemerkte, und sie sprach eines Tages zu ihm: Liege bei mir. — Er aber weigerte sich und antwortete dem Weibe seines Gebieters: Siehe, mein Gebieter hat mir alles anvertraut, was ihm gehört, und er kümmert sich nicht mehr um das, was in seinem Hause vorgeht. — Niemand ist über mir in seinem Hause, und er hat mir nichts untersagt als dich, weil du sein Weib bist. Wie sollte ich denn dieses Übel tun und wider Gott sündigen? — Und obgleich sie alle Tage zu Joseph davon redete, wollte dieser doch nicht auf sie hören; er weigerte sich, bei ihr zu liegen, und mied es sogar, sich in ihrer Gesellschaft zu befinden. — Es begab sich aber eines Tages, dass er ins Haus kam, in einem Augenblick, da alle Domestiken abwesend waren. — Da fasste sie ihn bei seinem Mantel und sprach wieder zu ihm: Wohlan, liege bei mir. Er aber machte sich los, ließ ihr seinen Mantel in den Händen und floh aus der Behausung. » (Verse 6 bis 12)
88. Schöne Tugend Josephs. Bei der Rückkehr Potiphars erzählte ihm seine Frau die Dinge ganz verkehrt herum. « Dieser hebräische Sklave, den du hierher gebracht hast, hat versucht, mich zu entehren; aber ich habe geschrien, und er ist geflohen; hier hast du seinen Mantel, den er in der Kammer gelassen hat. » (Genesis 39:17-18)
89. Joseph des Attentats auf die Schamhaftigkeit der Madame Potiphar beschuldigt. Potiphar war, als er von dem angeblichen Attentat erfuhr, so wütend, dass er keine Erklärung Josephs hören wollte und ihn alsbald in ein enges Verlies des großen Gefängnisses werfen ließ, wo der König seine Gefangenen einsperren ließ. Nun gewann der Oberaufseher den schönen hebräischen Sklaven lieb; bald linderte er dessen Unglück, indem er ihn mit der Leitung aller anderen Gefangenen betraute, so dass im Gefängnis nichts ohne die Befehle Josephs geschah.
90. Joseph im Gefängnis. Später, zu einer Zeit, die der heilige Verfasser nicht genauer angibt, fielen der Hofbäcker und der Mundschenk des Königs in Ungnade und wurden die Mitgefangenen des Sohnes Jakobs; laut der Bibel waren diese Persönlichkeiten wiederum zwei Eunuchen. Eines Morgens fand Joseph ihre Gesichter traurig und fragte sie nach dem Grund. Sie antworteten: « Wir haben diese Nacht jeder einen Traum gehabt, und wir sind recht verdrossen darüber, dass wir niemanden haben, der sie uns erkläre. Joseph erwiderte ihnen, dass er dank seinem Gott imstande sei, auszulegen, was sie geträumt hätten. — In meinem Traum, sprach da der Mundschenk, habe ich einen Weinstock gesehen, der drei Zweige hatte, welche [222] Knospen, Blüten und reife Trauben hervorgebracht haben; ich hielt in meiner Hand den Becher des Königs; ich habe die Trauben in den Becher ausgepresst und habe dem König zu trinken gegeben. — Das will sagen, versetzte Joseph, dass du in drei Tagen frei sein wirst und dass du dein Amt bei Pharao wieder antreten wirst; ich bitte dich also, dann meiner zu gedenken und dem König mein Unglück kundzutun, damit ich endlich aus diesem Gefängnis herauskomme. Der Hofbäcker schilderte seinerseits seinen Traum: Er hatte sich mit [223] drei Körben voll Mehl auf dem Kopf gesehen, und Vögel waren gekommen und hatten all dieses Mehl verzehrt. — Das bedeutet, sprach Joseph, dass auch du in drei Tagen aus dem Gefängnis herauskommen wirst; aber statt der Freiheit wird dir der König einen Galgen geben; du wirst aufgehängt werden, und die Vögel werden dich verzehren. Da der dritte Tag der Jahrestag der Geburt Pharaos war, gab es also ein großes Festmahl am Hofe. » (Genesis 40:8-19).
91. Joseph erklärt die Träume der Gefangenen. Die Vorhersagen Josephs erfüllten sich buchstäblich; aber zu seinem [224] Unglück vergaß ihn der Glückspilz von einem Mundschenk vollständig. Zwei Jahre vergingen. Der König von Ägypten hatte auch einen Traum, der ihm heftiges Kopfzerbrechen bereitete. Er glaubte, am Ufer eines Stromes zu sein, aus dem sieben fette und schöne Kühe herauskamen, dann sieben magere und hässliche Kühe; und die mageren Kühe verschlangen die fetten Kühe. Nachdem er erwacht war, schlief er wieder ein und sah sieben sehr schöne Ähren an einem und demselben Halm und sieben andere, vertrocknete Ähren, welche die anderen aßen.
92. Traum des Pharao. Pharao fragte sich, was der geheimnisvolle Sinn dieses doppelten Traumes sei; er konsultierte alle Wahrsager und Weisen seines Königreichs; die allgemeine Antwort war, der königliche Traum sei ebenso unbegreiflich wie außerordentlich. Der Mundschenk erinnerte sich da an seinen ehemaligen Gefängnisgefährten; er sprach günstig von ihm zu dem Monarchen, welcher ihn vor sich erscheinen ließ. Der Sohn Jakobs war während seiner langen Gefangenschaft gealtert; die Bibel sagt uns, dass er dem König vorgestellt wurde, nachdem man ihn rasiert und eingekleidet hatte. Auf die Frage antwortete Joseph: — Der doppelte Traum Pharaos hat nur ein und denselben Sinn. Die sieben fetten Kühe und die sieben schönen Ähren bedeuten sieben Jahre des Überflusses; die sieben mageren Kühe und die sieben vertrockneten Ähren bedeuten sieben Jahre der Unfruchtbarkeit. Der König muss also einen weisen und geschickten Mann erwählen, der das ganze Königreich Ägypten regiert und der Aufseher einsetzt, die beauftragt sind, jedes Jahr den fünften Teil der Früchte aufzubewahren. Der Rat gefiel Pharao und seinen Ministern.
93. Joseph sagt dem Pharao die Zukunft voraus. Und der König sagte zu diesen: — Wo könnten wir einen Mann finden, der so vom Geist Gottes erfüllt ist wie dieser Jude? Worauf er sich zu Joseph wandte und zu ihm sagte: — Da Gott dir all das gezeigt hat, was du mir gesagt hast, wo könnte ich jemanden finden, der weiser ist als du? Daraufhin gab er ihm seinen Ring, bekleidete ihn mit einem Rock aus feinem Leinen, legte ihm eine prächtige goldene Kette um den Hals und ließ ihn auf einen Wagen steigen; und ein Herold, der vor Joseph herging, rief dem Volk zu: — Jedermann beuge das Knie vor dem Statthalter Ägyptens! Das ist nicht alles. Auf Anraten des Königs änderte Joseph seinen Namen, und er hieß fortan Zaphenath-Paneah. Dann verheiratete ihn Pharao, und Sie würden niemals erraten, liebe [225] Leser, wen Seine Majestät ihm zur Frau gab. — Die Genesis hatte uns schon in Erstaunen versetzt, als wir darin mit einem Mal lasen, dass der Eunuch Potiphar verheiratet war; nun wohl, der göttliche Tauber hielt uns eine neue Überraschung in Reserve. Während der langen Gefangenschaft Josephs hatte dieser mit einer sehr entflammbaren Frau versehene Eunuch sein Amt gewechselt: in den Kapiteln 37 und 39 haben wir ihn als Hausvogt des Königs gesehen; im Kapitel 41 finden wir ihn als Priester von Heliopolis wieder. Nun wurde Madame Potiphar während dieser Zeit Mutter, was glauben lässt, dass auch die Götter der Ägypter Wunder taten. Bei den heiligen Büchern einer jeden beliebigen Mythologie muss man alles hinnehmen: nun stellt man fest, dass die überverblüffende Genesis Potiphar im Kapitel 41 nicht mehr als Eunuchen bezeichnet; ein Gebet zum heiligen Antonius jener Zeit (Antonius von Padua, der Heilige, den man anruft, um verlorene Gegenstände wiederzufinden) hatte ihn also wiederfinden lassen, was er verloren hatte. Und so wurde, ohne jeden Zweifel, Potiphar, nunmehr Priester von Heliopolis, der heiligen Stadt Ägyptens, Papa eines entzückenden kleinen Mädchens namens Asnath, das an Alter und an Schönheit zunahm und gerade recht zur Stelle war, um Madame Zaphenath-Paneah zu sein, als Joseph zum Premierminister ernannt wurde. Und man kann Pharaos Gerechtigkeitssinn nicht genug bewundern: der tugendhafte Joseph hatte infolge der Dummheit Potiphars und der Schelmerei seiner feurigen Gattin hart gelitten; keine andere Wiedergutmachung wäre so gerecht gewesen. Moral: Potiphar, der von Joseph nicht zum Hahnrei gemacht worden war, war es ihm doch schuldig, ihn zum Schwiegersohn zu nehmen; das ist klar! Dieser Teil der Geschichte Josephs erlaubt es, eine Überlegung zu äußern, die eine zu Beginn dieses Werkes gemachte Beobachtung stützt. Die Juden, so haben wir bemerkt, sagen « die Götter » in Bezug auf die Schöpfung und bei zahlreichen Gelegenheiten, und gleichwohl beten sie nur einen einzigen Gott an, Jehova, die höchste Gottheit, den sie nicht wie die Christen in drei Personen teilen; sie erkannten also einst die Existenz anderer Götter als des ihren an. Ihnen zufolge hatten nämlich auch die anderen Völker ihre eigenen Götter, und sie glaubten an die übernatürliche Gewalt jener Götter, ohne in ihnen im Geringsten Teufel zu sehen; nur ließ ihre nationale Eigenliebe sie annehmen, dass Jehova, [226] die Gottheit der Juden, mächtiger sei als alle anderen Götter. Darum sehen wir hier die Genesis die größere Gewalt des Gottes Josephs hervorheben. Potiphar, der Mundschenk, Pharao und seine Minister, mit einem Wort, alle Ägypter, die hier auftreten, haben eine andere Religion als die des Sohnes Jakobs; aber sie geben ihre Götter nicht darum auf, weil Joseph, von Jehova inspiriert, hellsichtiger ist als die Priester ihres Kultes. Jeder behält seinen Glauben, [227] da im Geist eines jeden der Glaube der einen nicht im Widerspruch zum Glauben der anderen steht. Joseph bleibt Jehova treu, auch als er die Tochter eines Priesters des Apis, des Ochsengottes, ehelicht, und er wird mit Asnath gut auskommen, ohne dass diese die jüdische Religion annehmen muss. Von diesem Gesichtspunkt aus ist diese Episode der Bibel also sehr bezeichnend. Joseph macht sich die fast souveräne Autorität, die er erwirbt, nicht zunutze, um Proselytenmacherei zugunsten seiner persönlichen [228] Religion zu treiben; es genügt ihm zu wissen, dass sein Jehova eine übernatürliche Macht besitzt, die stärker und ausgedehnter ist als die der Gottheiten der von ihm Verwalteten. Hält man nun den muselmanischen Koran neben die hebräische Bibel, so stellt man fest, dass die Araber und die Juden einen gemeinsamen Bestand an Legenden hatten, aus dem die heiligen Verfasser der beiden Religionen geschöpft haben. Bevor die Genesis geschrieben wurde, erzählte man sich in jenen Landstrichen die wunderbare Geschichte Josephs; aber im Lauf der Generationen und bei ihrer Wiederholung unter den verschiedenen Völkern, die aus Arabien hervorgegangen sind, hat sie sich in ihren Einzelheiten verändert. So war nach dem Koran Potiphar kein Eunuch, und Asnath lebte schon, war ein Kind in der Wiege, als ihre Mutter Joseph beschuldigte, er habe sie vergewaltigen wollen. Dieses kleine Mädchen zeigte sich von seinen ersten Jahren an überaus verständig. Eines Tages sprach ihr Vater von dem Zwischenfall, der ihn lange beschäftigte; er hatte sogar den berühmten Mantel aufbewahrt, den seine Frau Joseph entrissen hatte und der bei dem Ringen ein wenig zerrissen war. Einer der Diener riet Potiphar, die kleine Asnath zu fragen, was sie von alledem halte; das Mädelchen, das kaum zu sprechen begann, sagte: « Hören Sie, mein Vater; wenn meine Mutter den Mantel Josephs vorn zerrissen hat, so ist das ein Beweis, dass Joseph sie mit Gewalt nehmen wollte; wenn aber der Mantel hinten zerrissen ist, so ist das ein Beweis, dass meine Mutter Joseph nachlief. » (Taxil übernimmt das von Voltaire, der es in „La Bible enfin expliquée“, 1776, dem Koran zuschreibt; Sure 12 kennt aber nur einen namenlosen Zeugen „aus ihrer Familie“, den die muslimischen Ausleger zu einem Kind in der Wiege machten, und erst eine jüdische Legende, der Midrasch Abkir, lässt Asnath dem Potiphar die Wahrheit sagen) Auf alle Fälle war Asnath, wie man sieht, dazu prädestiniert, Madame Joseph zu werden. Die Bibel und der Koran belehren uns übereinstimmend, dass Asnath eine Mustergattin war. Im Lauf der sieben Jahre des Überflusses bekam sie von Joseph zwei Söhne: der erste erhielt den Namen Manasse und der zweite den Namen Ephraim. Dann brachen die sieben Jahre der Teuerung herein; aber die Ägypter hatten nicht darunter zu leiden, dank der Hellsichtigkeit Josephs, der nationale Speicher hatte anlegen und mit Korn füllen lassen, das sich sehr gut hielt. Man hatte sogar davon zum Weiterverkaufen, und aus jedem Land kam man nach Ägypten, um Vorräte zu kaufen; denn die Hungersnot verheerte damals die ganze Erde (ch. 41). Nun begaben sich die Söhne Jakobs mit Ausnahme Benjamins auf den Rat ihres Vaters nach Ägypten, um Korn zu kaufen. Es scheint, dass Joseph in eigener Person diesen [229] Verteilungen von Lebensmitteln an die Karawanen vorstand, die aus allen Teilen der Erde ankamen; wie konnte der Premierminister selbst einem solchen Tagewerk gewachsen sein? die Bibel sagt es nicht. Tatsache ist, dass Joseph von seinen Brüdern nicht erkannt wurde, dass er sie aber seinerseits sehr wohl erkannte. Er behandelte sie mit großer Härte, ohne ihnen seinen Namen zu nennen, und ohne dass irgendein Ägypter während ihres Aufenthalts im Lande daran gedacht hätte, ihnen zu sagen, dass der Statthalter und Wohltäter Ägyptens, der so unermesslich populäre Staatsmann, gerade einer ihrer Landsleute war.
94. Joseph als Premierminister verhindert die Hungersnot. Joseph wahrte sein Inkognito und beschuldigte seine zehn Brüder, Spione zu sein. Diese protestierten, wie man sich denken kann. — Wir waren zwölf Brüder, sagten sie; einer von uns ist tot, und der elfte, der ganz jung ist, ist bei unserem Vater geblieben. — Ach geh! erwiderte Joseph, ihr seid als Spione hierhergekommen, um die schwachen Stellen auszukundschaften, durch die euer Volk sich des Landes bemächtigen könnte. Man sieht nicht recht ein, wie das hebräische Volk, das damals insgesamt aus der Familie Jakobs bestand — da ja Esau, vom besonderen Segen ausgeschlossen, das Haupt der Idumäer geworden war —, sich Ägyptens hätte bemächtigen können, dieses weiten, mächtigen und volkreichen Königreichs, das mit seinen Kornreserven für die Ernährung der Nationen der ganzen Welt sorgte. Aber sehen wir uns die Fortsetzung der Rede Josephs an. — Um zu erfahren, ob ihr die Wahrheit sagt, fuhr er fort, werde ich euch ins Gefängnis setzen lassen, und ihr werdet dort bleiben, mit Ausnahme eines einzigen von euch, der den kleinen Bruder holen wird, von dem ihr sprecht. Er steckte sie in den Block (fr. „au bloc“, ein soldatisches Argot-Wort: die Arrestzelle der Wachstube, das Gefängnis des Soldaten), aber alle zehn. Nach Ablauf von drei Tagen ließ er sie sich abermals vorführen. — Ich habe nachgedacht und mich anders besonnen, sagte er zu ihnen. Nur ein einziger von euch wird hier als Geisel verbleiben. Geht also fort, ihr anderen, in euer Land und nehmt das Korn mit, das ihr gekauft habt; aber versäumt nicht, so bald wie möglich wiederzukommen und euren kleinen Bruder herzubringen; sonst würde derjenige, den ich behalte, im Gefängnis sterben. Als Geisel erwählte er Simeon. Er ließ ihn vor den neun anderen in Ketten legen, und er entließ sie. Zudem hatte er [230] seinen Leuten befohlen, das Geld für die Bezahlung des Korns wieder in die Säcke zu legen, die sie mitnahmen. Unterwegs öffnete einer der Brüder Josephs einen Sack, um seinem Esel zu fressen zu geben, und war ganz überrascht, darin sein Geld wiederzufinden; die anderen konnten es ebenfalls nicht fassen, und vom Erstaunen gingen sie zum Erschrecken über. Sie kehrten eilends nach Kanaan zurück und erzählten Jakob alles, was ihnen widerfahren war. Jakob weigerte sich zuerst, sich von dem jungen Benjamin zu trennen. [231] Aber als das Korn Ägyptens aufgebraucht war, entschloss er sich auf die inständigen Bitten Judas hin. — Wenn es nötig ist, sagte er, dass ich dieses Kind schicke, so tut, was ihr wollt. Nehmt die besten Früchte dieses Landes hier, ein wenig Harz, Honig, Storax, Terebinthe und Minze. Nehmt auch das Doppelte des Geldes mit, das ihr bei eurer ersten Reise übergeben habt; denn die Summen, die ihr in euren Säcken wiedergefunden habt, müssen infolge irgendeines Irrtums dort gewesen sein. [232] Da sind sie also abermals in Ägypten. Als Joseph sah, dass Benjamin bei ihnen war, nahm er sie mit ausgesprochener Gunst auf, befreite Simeon und gab ihnen ein glänzendes Festmahl. Sie wollten das Geld der ersten Kornkäufe zurückgeben; Joseph lehnte ab und sagte, er habe das Seine bekommen; Gott, deutete er an, habe ihnen diesen Schatz in ihre Säcke gelegt.
95. Joseph nimmt seine Brüder gut auf, Benjamins wegen. Dennoch besaß Joseph, obgleich er eine gute und großherzige Seele hatte, einen zur Fopperei neigenden Charakter. Während seine Brüder dinierten und Toaste auf den großmütigen Minister Pharaos ausbrachten, ging er einen Augenblick aus dem Bankettsaal hinaus, und er befahl seinem Haushofmeister, seinen schönen silbernen Becher im Gepäck Benjamins zu verstecken. Worauf er sie abreisen ließ.
96. Der in Benjamins Koffer versteckte Becher. Aber als sich die Karawane genügend entfernt hatte, schickte er ihr die Gendarmerie in Begleitung seines Haushofmeisters nach. Dieser, der seine Lektion gut konnte, redet die elf jüdischen Reisenden an und wirft ihnen vor, Gutes mit Bösem vergolten zu haben. — Ihr habt, sagt er zu ihnen, den kostbarsten Becher des Statthalters gestohlen, « den, darin er unfehlbar die Zukunft liest ». (Genesis 44:5) Dies belehrt uns im Vorbeigehen, dass Joseph der Erfinder der Wahrsagerei aus dem Kaffeesatz ist. Die Söhne Jakobs protestieren und machen geltend, dass sie unmöglich einen silbernen Becher gestohlen haben könnten, da sie doch aus Kanaan Summen zurückgebracht haben, die sie in ihren Säcken gefunden hatten. Sie bitten darum, als Sklaven in Ägypten zu bleiben, wenn der zurückgeforderte Becher im Gepäck eines von ihnen entdeckt wird, und sogar darum, dass man den ums Leben bringe, der den Becher hätte. Die allgemeine Durchsuchung wird vorgenommen, und man kann sich die Bestürzung unserer Hebräer denken, als man den Sack des kleinen Benjamin öffnet und die Gendarmerie darin den gesuchten Gegenstand erblickt. Da gab es kein Sträuben; das Delikt war flagrant.
97. Benjamin und seine Brüder wegen Diebstahls verhaftet. In den Palast zurückgeführt, waren die Brüder Josephs verzweifelt. Zu ihrem Glück befand dieser, dass die Mystifikation lange genug gedauert habe. Er gab sich zu erkennen. Man weinte vor Freude. Joseph erklärte, dass er alles verzeihe. Da gab es ein unerhörtes Frohlocken, und man braucht sich nicht das Hirn zu foltern, um sich das Fest zu vergegenwärtigen, das zu Ehren dieses glücklichen Abschlusses gegeben wurde.
98. Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen. [233] Ein Detail ist recht amüsant an alledem: dass nämlich in der Genesis Benjamin immer als kleiner Junge behandelt wird; er scheint nicht älter geworden, ein Kind geblieben zu sein. Wenn man indessen auf die Geschichte seiner Geburt zurückgeht, die Rahel das Leben kostete, ist es leicht auszurechnen, dass Benjamin höchstens vier oder fünf Jahre jünger war als Joseph. Nun war dieser siebzehn Jahre alt, als er von seinen Brüdern verkauft wurde; die Episode der Thamar, die nacheinander zwei Söhne Judas ehelichte, lässt einen Zeitraum von mindestens fünfundzwanzig Jahren vermuten; Joseph ging also auf die Fünfzig zu, als seine Brüder zu ihm nach Ägypten kamen. Der kleine Benjamin war dann kein junges Kind mehr! Aber die Chronologie scheint nicht die starke Seite der Bibel zu sein, und vor allem nicht die der Genesis. Wir nähern uns übrigens dem Ende dieses ersten Buches der Heiligen Schrift, und wir kürzen ab. Alles Vorhergehende ist die Zusammenfassung der Kapitel 42 bis 45. Wir sehen darin noch, dass Pharao sehr glücklich war zu erfahren, dass sein Premierminister seine Brüder bei sich hatte. Joseph hatte sie gebeten, aufs Schnellste Jakob und die ganze Familie zu holen, in der Absicht, sie im Lande Gosen anzusiedeln, wenigstens für die fünf Jahre der Hungersnot, die noch zu erdulden waren. Der König billigte dieses Vorhaben. « Pharao sprach zu Joseph: Deine Brüder sollen ihre Tiere beladen und nach Kanaan zurückkehren. — Sage ihnen, sie sollen euren Vater und ihre Familien herbringen; und sie sollen hierher wiederkommen. Und ich will ihnen alle Güter Ägyptens geben, und sie sollen essen das beste Mark der Erde. — Und du hast die Macht zu gebieten. Sie sollen Fuhrwerke aus meinem Königreich nehmen, um ihre Weiber und ihre Kinder herzuholen. — Sie sollen ihrem Hausrat nicht nachtrauern; denn alle Reichtümer Ägyptens sollen ihnen gehören. » (Genesis 45:17-20) Dass der alte Vater Jakob bei der Nachricht von der Existenz und dem Ruhm Josephs in Jubel geriet, braucht man nicht zu sagen! Er fiel darüber in Ohnmacht; und als er wieder zu sich kam, rief er aus: « Es ist genug; mein Sohn Joseph lebt noch; ich will hinziehen, und ich will ihn sehen, ehe ich sterbe! » Man kann nicht umhin, diesen Pharao recht außerordentlich zu finden, der Fremden alle Güter Ägyptens zu geben verspricht; wenigstens wird man ihn nicht der Undankbarkeit gegen Joseph beschuldigen! [234] Der alte Vater Jakob kam also in das Königreich, wo sein vielgeliebter Sohn Statthalter war. Joseph bestieg seinen schönsten Wagen und zog Israel entgegen, und sie umarmten sich weinend. Diese Geschichte ist so rührend, dass man selbst seine Tränen nicht zurückhalten kann, wenn man sie liest, nicht wahr?
99. Ankunft Jakobs in Ägypten. Und diese Berechnung: « Alle, die mit Jakob nach Ägypten kamen, aus seinem Schenkel hervorgegangen (der hebräische Text sagt „Schenkel“ für die Geschlechtsteile: von ihm gezeugt), waren an der Zahl sechsundsechzig, ohne die Weiber seiner Kinder mitzurechnen! » (Genesis 46:26) [235] Zu merken ist auch dies: « Joseph sprach zu seinen Brüdern und zu der Familie seines Vaters: Wenn euch Pharao vor sich rufen lässt und euch fragt, welches euer Handwerk sei, so sollt ihr ihm antworten: — Wir sind Hirten, und wie unsere Väter sind wir von unserer Kindheit an in diesem Beruf aufgezogen: und ihr sollt das sagen, auf dass ihr im Lande Gosen wohnen könnt; denn die Ägypter verabscheuen alle Viehzüchter. » (Genesis 46:33-34) [236] Was den König betrifft, so sagte er zu Joseph: « Dein Vater und deine Brüder sind zu dir gekommen; — ganz Ägypten steht dir zur Verfügung; lass sie an der besten Stätte des Landes wohnen, im Lande Gosen; und so unter ihnen Kundige und Kräftige sind, so gib ihnen die Aufsicht über meine Herden. » (Genesis 47:5-6) Pharao hat also Herden, und wir werden gleich sehen, dass sein ganzes Volk ebenfalls welche hat; wie konnten dann die Ägypter die Viehzüchter hassen? Jakob wurde Pharao vorgestellt und segnete den König; der alte Biedermann war damals hundertdreißig Jahre alt (Genesis 47:7-9). Joseph gab also seinem Vater und seinen Brüdern den Besitz der besten Stätte, Raemses genannt, und er versorgte sie alle mit Lebensmitteln; denn das Brot fehlte in der ganzen Welt, und die Hungersnot verheerte vor allem Ägypten und Kanaan (Genesis 47:11-13). Wollen Sie die Art kennenlernen, wie Joseph das Königreich verwaltete? Kosten Sie es aus. « Joseph nahm alles Geld des Landes ein, indem er das in Reserve gelegte Korn verkaufte, und häufte dieses Geld im Schatz des Königs an. — Also gebrach es dem Volk an Geld. Da kamen die Ägypter zu Joseph: Gib uns Brot, sprachen sie zu ihm; müssen wir Hungers sterben, weil wir kein Geld mehr haben? — Joseph antwortete: Bringt mir all euer Vieh, und ich will euch Korn dagegen geben. — Also brachten die Ägypter all ihr Vieh, und Joseph gab ihnen Brot als Preis für ihre Pferde, für ihre Schafherden, für ihre Ochsen und für ihre Esel. » (Genesis 47:14-17) Wir sind im dritten Jahr der Unfruchtbarkeit, man wolle es gütigst bemerken; die Dürre ist derart, dass das Korn seit drei Jahren nicht mehr wächst. Wenn die Erde sich weigert, Korn hervorzubringen, so wird sie gewiss ebenso wenig Gras hervorgebracht haben; wovon hat sich dann all dieses Vieh ernährt? Wenn es indessen doch irgendein Mittel gab, die Herden der Ägypter ohne Weiden am Leben zu erhalten, was für eine drollige Idee haben diese, sich ihrer zu entledigen, um das Mehl Josephs zu bekommen! Sie hätten viel besser daran getan, ihr Vieh zu essen. Außerdem hatten sie, indem sie ihre Herden verkauften, nichts mehr, womit sie jemals die Erde hätten pflügen können. Zudem haben wir da einen Minister, der auf alle Fälle die Untertanen seines [237] Königs außerstande setzt, Korn zu säen. Noch überraschender ist, dass der heilige Verfasser kein Wort von der periodischen Überschwemmung des Nils sagt, und die Kritiker Herbert, Bolingbroke, Fréret, Boulanger (Nicolas-Antoine Boulanger, 1722-1759, Ingenieur und Philosoph, Mitarbeiter der Encyclopédie, Verfasser von „L’Antiquité dévoilée par ses usages“), und allen voran Voltaire, haben geurteilt, dass diese unerklärliche Auslassung genüge, um den erdichteten Charakter der Geschichte Josephs und der sieben Jahre der Dürre zu beweisen; all das wird als reiner Roman bezeichnet: « Es ist nicht möglich, sagen diese Kritiker, dass der Nil sieben Jahre hintereinander nicht über die Ufer getreten sei. Dieses ganze Land hätte für immer ein anderes Gesicht bekommen. Die Katarakte des Nils hätten verstopft sein müssen, und dann wäre ganz Äthiopien nur ein weiter Sumpf gewesen. Oder wenn die Regenfälle, die jedes Jahr regelmäßig in der heißen Zone fallen, sieben Jahre lang aufgehört hätten, so wäre das Innere Afrikas unbewohnbar geworden. » Es ist offensichtlich, dass ein solches öffentliches Unglück die Ausmaße jener Kataklysmen angenommen hätte, die unseren Planeten in den ersten Zeiten der Menschheit umgewälzt haben, und dass davon einige Spuren in der Geschichte der Ägypter geblieben wären, eines Volkes, das älter ist als die jüdische Nation. « Da dieses Jahr um war, kamen die Ägypter im folgenden Jahr wieder zu Joseph und sprachen zu ihm: Wir werden meinem Herrn nicht verbergen, dass uns, da wir weder Geld noch Vieh mehr haben, nichts bleibt als unsere Leiber und das Land. — Werden wir denn unter deinen Augen Hungers sterben müssen? Nimm unsere Personen und unsere Ländereien, kaufe uns für Brot; wir werden Sklaven Pharaos sein, und unsere Ländereien werden ihm gehören. Gib uns aber auch Saat, auf dass wir leben; denn wenn der Landmann stirbt, wird das Land zu einer verödeten Einöde werden. — Also kaufte Joseph für Pharao alle Ländereien Ägyptens; denn die Einwohner verkauften ein jeglicher seinen Acker, wegen der Hungersnot, die zugenommen hatte. — Und er ließ das Volk in die Städte ziehen, von einem Ende des Königreichs bis zum andern. — Nur die Ländereien der Priester wurden nicht gekauft; denn die Priester hatten ihre Äcker von der königlichen Freigebigkeit, und sie nährten sich dank einem Anteil des in Reserve gelegten Korns, den Pharao ihnen geben ließ; darum wurden die Priester nicht genötigt, ihre Ländereien zu verkaufen. — Da sprach Joseph zum Volk: Ich habe euch heute gekauft, euch und eure Ländereien, und ihr gehört fortan Pharao. [238] Nun, siehe, hier ist Saat, auf dass ihr die künftigen Ernten bereitet. — Aber der fünfte Teil jeder Ernte wird dem König gehören, und die vier andern gewähre ich euch, damit ihr zu essen habt, ihr und eure Kinder, und abermals säen könnt. — Und sie antworteten: Du hast uns das Leben gerettet; geruhe, mein Herr, uns allezeit mit Güte anzusehen, und wir werden ohne Bedauern die Sklaven Pharaos sein. » (Genesis 47:18-25) [239] Weit davon entfernt, Joseph den Titel eines Wohltäters einzubringen, den die Bibel ihm gibt, macht diese Art, ein Königreich zu verwalten, ganz im Gegenteil einen lächerlichen und überspannten Tyrannen aus ihm. Wenn diese Geschichte wahr wäre, wenn die Völker an die Wohltätigkeit des Statthalters von Ägypten in den ersten Zeiten der Teuerung geglaubt hätten, so hätte ihre Schwachköpfigkeit keine Entschuldigung mehr, als die Ausbeutung, deren Opfer sie wurden, so weit ging. Was! sagen die vorhin zitierten Kritiker, dieser gute Minister [240] Joseph versklavt eine ganze Nation! er verkauft dem König alle Personen und alle Ländereien des Königreichs! Das ist eine ebenso schändliche und ebenso strafbare Handlung wie die seiner Brüder, die alle Sichemiten abschlachteten. Es gibt in der Geschichte der Welt kein Beispiel für ein solches Betragen eines Staatsministers. Ein Minister, der so handelte, würde in jedem Land bald einen allgemeinen Aufstand hervorrufen und dem gerechten Zorn der Bevölkerung nicht entgehen. Glücklicherweise ist eine so grausige Geschichte nur ein stupides Märchen. Es ist allzu absurd, sich allen Viehs zu bemächtigen, wo doch die Erde seit langem kein Gras hervorbrachte, um es zu ernähren. Und wenn sie Gras hervorgebracht hätte, hätte sie auch Korn hervorbringen können, da kommt man nicht heraus; denn eins von beiden: da das Terrain Ägyptens im Wesentlichen sandig ist, können allein die regelmäßigen Überschwemmungen des Nils die Vegetation wachsen lassen; oder aber, wenn man das unannehmbare Aufhören dieser Überschwemmungen sieben aufeinanderfolgende Jahre lang annimmt, muss alles Vieh umgekommen sein. Zudem war man damals erst im vierten Jahr der angeblichen Unfruchtbarkeit: wozu hätte es gedient, dem Volk Saat zu geben, um drei weitere Jahre lang nichts hervorzubringen? Diese sieben Jahre der Unfruchtbarkeit sind also eine der unglaublichsten Fabeln, welche die Einbildungskraft des göttlichen Taubers in der Genesis erfunden hat. Man wird auch bemerkt haben, welche Rücksichten der heilige Verfasser der Juden auf die ägyptischen Priester nimmt: sie sind die einzigen, die Joseph schont; ihre Ländereien sind frei, während die Nation in die Sklaverei gefallen ist, und sie werden noch dazu auf Kosten dieser unglücklichen Nation ernährt. Nun enthält die Bibel die religiöse Lehre, und die sogenannten Vertreter Gottes haben es sich zur Mission gemacht, sie in die Gehirne des Volkes eindringen zu lassen. Durch diese Episode prägen die Geistlichen Jehovas also die Idee des Respekts vor der Person aller beliebigen Priester ein, selbst anderer Religionen. Die Priester essen einander nicht auf (fr. „Les prêtres ne se mangent pas entre eux“, nach dem Sprichwort „les loups ne se mangent pas entre eux“, „die Wölfe fressen einander nicht“: die Bösen schaden einander nicht, wie im Deutschen keine Krähe der anderen ein Auge aushackt). Die Tauber-Ente belehrt uns dann, dass Jakob siebzehn Jahre in Ägypten wohnte, wo er starb, und dass er folglich im Ganzen hundertsiebenundvierzig Jahre lebte (Genesis 47:28). Zwei ganze Kapitel, 48 und 49, sind den [241] Segnungen gewidmet, die der Patriarch auf seinem Sterbebett austeilte. Er segnet seine zwölf Söhne, um sein Lager versammelt; und da er im Zimmer zwei Männer erblickt, die er nicht kennt, fragt er: « Wer sind denn diese? » Und Joseph antwortet ihm: « Das sind meine zwei Söhne Ephraim und Manasse, geboren in diesem Lande Ägypten, ehe du hierher kamst, mein Vater. » Da sagt Jakob: « Nun wohl, lass sie herantreten, ich bitte dich, auf dass ich sie segne. » In den siebzehn Jahren, seit der Patriarch im Königreich wohnte, hatte Joseph noch nicht daran gedacht, ihm seine Familie vorzustellen! Die Segnungen, die Jakob seinen Kindern gab, gingen nicht ohne einige Vorwürfe ab. So verlor Ruben, der seinen Vater zum Hahnrei gemacht hatte, an jenem Tag sein Erstgeburtsrecht. « Ruben, sprach der Patriarch, du bist mein Erstgeborener, meine Kraft und der Anfang meiner Stärke; du bist groß an Würde und groß an Muskelkraft. Aber du bist übergeflossen wie das Wasser, und du wirst den Vorrang nicht haben; denn du bist auf eines der Weiber deines Vaters gestiegen und du hast deinen Samen in meinem Bett vergossen (fr. „répandu ta semence“: die Bibel Ostervalds hat „tu es monté sur la couche de ton père, et tu as souillé mon lit“, du bist auf deines Vaters Lager gestiegen und hast mein Bett befleckt; der Samen, das „eines der Weiber“ und weiter oben die „Muskelkraft“ stammen von Taxil). » (Genesis 49:3-4) Auch an jenem Tag gab der alte Vater Jakob deutlich zu verstehen, dass er ein Befürworter der Heirat seiner kleinen Dina mit dem Prinzen Sichem gewesen war und dass er im Stillen das große Gemetzel missbilligt hatte, das Simeon und Levi angerichtet hatten; denn er übertrug das Ruben weggenommene Erstgeburtsrecht nicht auf sie und er brandmarkte sogar ihre Gewalttaten mit Strenge. « Simeon und Levi, sprach er, sind Brüder, und Brüder in ihren Gewalttaten; meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat! mein Ruhm sei nicht mit ihrer Zusammenkunft verbunden! denn sie haben Leute aus Zorn getötet, und sie haben Herden von Ochsen zu ihrem Vergnügen weggenommen. Verflucht sei ihr Zorn, denn er ist heftig gewesen; und ihre Wut, denn sie ist hart gewesen! Ich will sie zerteilen in Jakob, und ich will sie zerstreuen in Israel. » (Genesis 49:5-7) Die Theologen bezeichnen alle Worte, die Jakob auf seinem Sterbebett sprach, als prophetisch: indessen wird uns die Fortsetzung der Geschichte zeigen, dass die sogenannten Nachfahren Levis nicht die am schlechtesten Bedachten waren; denn ihnen wurde in Israel das Priestertum gegeben, mit allen seinen Pfründen und Privilegien. Nach aller Logik hätte der Bevorzugte Joseph sein müssen, den Jakob als Erstgeborenen von seiner geliebten Rahel gehabt hatte, Joseph, welcher der Ruhm seines Alters gewesen war, der ihm [242] so viel Freude bereitet hatte und der die ganze Familie bereichert hatte. Überhaupt nicht, der Bevorzugte war Juda; Juda, welcher der Anstifter des Verkaufs Josephs an die midianitischen Kaufleute gewesen war, Juda der Blutschänderische hatte den Vortritt vor dem tugendhaften Joseph. Ihm verlieh der alte Vater Jakob das Patriarchat, das der göttliche Anteil seines Erbes war. « Juda, was dich betrifft, sprach Jakob, deine Brüder werden dich erhöhen; deine Hand wird schwer auf dem Hals deiner Feinde lasten, und alle Söhne deines Vaters werden sich vor [243] dir niederwerfen. Juda, du bist ein junger Löwe. O mein Sohn, du bist zurückgekehrt, nachdem du deine Beute zerrissen hast; du hast dich gelagert, wie ein Löwe, der allezeit voller Kraft ist, selbst wenn er alt ist. Das Zepter wird von Juda nicht genommen werden, noch die Legislatur, bis dass der Schilo (fr. „Sçilo“, ein Name: so im Text von 1904, für das „Scilo“ der Bibel Ostervalds, wo Luther „der Held“ hat; die jüdische wie die christliche Überlieferung liest das Wort als Bezeichnung des Messias) komme; und ihm gebührt es, die Versammlung der Völker zu regieren. Er bindet an den Weinstock sein Eselsfüllen, und das Junge seiner Eselin an einen überaus guten Rebstock. Er wird seinen Leibrock im Wein waschen, und seinen Mantel im Blut der Trauben. Er hat die [244] Augen hochrot von Wein und die Zähne weiß von Milch. » (Genesis 49:8-12) Die anderen bekamen recht banale Segnungen. Was Joseph betrifft, so bekam er, wenn er auch nicht der Nachfolger Jakobs im Titel des Patriarchen war, wenigstens gute Worte: « Der starke Gott deines Vaters wird dir helfen, und der Allmächtige wird dich von oben mit den Segnungen des Himmels überhäufen und von unten mit den Segnungen des Abgrunds, und du wirst auch die Segnungen der Brüste und der Gebärmutter des Weibes haben. » (Genesis 49:25) Jakob ließ zuletzt seine Söhne versprechen, seinen Sarg aus Ägypten zu überführen und ihn in der Höhle Machpela zu begraben, im Lande Kanaan, bei Abraham, Sara, Isaak, Rebekka und Lea. « Und da Jakob vollendet hatte, seinen Söhnen seine Befehle zu geben, zog er seine Füße ins Bett zurück, und er verschied. » (Genesis 49:33) Man richtete dem polygamen Patriarchen ein Begräbnis erster Klasse aus, Einbalsamierung und Überführung nach Kanaan inbegriffen. Wenn man dem 50. und letzten Kapitel glauben soll, trugen die Ägypter siebzig Tage lang Trauer.
100. Prächtiges Leichenbegängnis Jakobs. Joseph lebte bis an sein Ende in hohen Würden, wobei er seine Brüder und ihre Familien unterhielt; er sah seine Enkel und seine Urenkel um sich. Er starb im Alter von hundertzehn Jahren. Und da ist die Genesis zu Ende. Wir gehen jetzt zum Exodus über. 7. KAPITEL
Der Exodus ist das Buch, das vom Auszug aus Ägypten und vom langen Spaziergang der Hebräer auf der Halbinsel Sinai berichtet; er wird durch Levitikus, Numeri und Deuteronomium ergänzt. Man weiß, dass diese große Reise des jüdischen Volkes vierzig Jahre dauerte. Wirft man einen Blick auf eine geographische Karte, die das Peträische Arabien und Palästina wiedergibt, so erkennt man leicht, was diese für immer berühmte Irrfahrt war. Kurz, die Hebräer verließen Ägypten bei Baal-Zephon, das heute Suez ist — und das ist vorgeblich die Stelle, [245] wo sie das Rote Meer überquerten —; sie zogen an der östlichen Küste des Heroopolitischen Meeres (Golf von Suez) entlang und zogen quer durch das Massiv des Sinai bis Raphidim hinab; in dieser südlichen Gegend der Halbinsel stießen sie nach Osten bis Hazeroth (heute Aïn-el-Hadhrah) vor; von dort zogen sie wieder nach Norden bis zum Djebel-Halal hinauf, wanderten dann noch weiter nach Osten, um sich in die Richtung des Toten Meeres zu wenden, das sie rechts umgingen, und kamen endlich in Jericho an. Mit Hilfe einer modernen Karte bestimmt man mit der größten Leichtigkeit die genaue Lage der drei äußersten Punkte dieses Reisewegs: Baal-Zephon, der Ausgangspunkt, liegt auf 30° nördlicher Breite und auf 30° 12' östlicher Länge (Längengrade, wie auf den französischen Karten jener Zeit, vom Meridian von Paris aus gezählt, der 2° 20' östlich von Greenwich liegt; eine heutige Karte gibt daher für Suez 32° 33' und für Jericho 35° 27' östlicher Länge an); Hazeroth, der äußerste südöstliche Punkt der Reise, liegt auf 28° 45' nördlicher Breite und 32° 10' östlicher Länge; Jericho, der Ankunftspunkt, liegt auf 31° 50' nördlicher Breite und 33° 7' östlicher Länge. Folglich ist der Abstand zwischen diesen drei äußersten Punkten nicht gewaltig; übrigens kann es jedermann nachprüfen. Nun wohl! was stellt sie denn dar, diese legendäre Reise? welchen modernen Reiseweg könnte man mit ihr vergleichen, um die vollendete Lächerlichkeit des biblischen Berichts besser hervortreten zu lassen?... Der denkwürdige Marsch der Hebräer im Gefolge von Mose und Josua entspricht GENAU einer Reise zu Fuß, die man machen würde, wenn man von Paris aufbräche, um nach Südosten bis Dijon hinabzuziehen und dann nach Nordosten bis Lüttich, in Belgien, wieder hinaufzuziehen. Paris, Dijon und Lüttich ergeben auf dem Globus den gleichen geometrischen Abstand wie Baal-Zephon, Hazeroth und Jericho. Ein Beinloser würde keine drei Monate brauchen, um diese Strecke zurückzulegen, und er würde sich unterwegs häufig ausruhen! Die Israeliten haben vierzig Jahre dazu gebraucht. Verneigen wir uns, und lächeln wir vor dieser kolossalen Flunkerei, welche die Tauber-Ente die mystifizierten Andächtigen wieder einmal hat schlucken lassen. Aber die Glaubenden prüfen nichts und schlucken alles. Wenn sie sich nur die Mühe nähmen, ein wenig nachzudenken, nachdem sie den Exodus gelesen haben, so würden sie es wenigstens erstaunlich finden, dass der Verfasser dieses Buches, der sagt, in Ägypten erzogen worden zu sein und dort lange gelebt zu haben, ehe er seine Landsleute dazu mitriss, von dort auszuziehen, kein Wort über die Denkmäler, die Sitten, die Gesetze, die Religion, die Politik, die Geschichte dieses so renommierten Landes verliert, das damals auf der Höhe seiner Zivilisation stand; denn so [246] viel später das Königreich Ägypten auch sein mag als das weite Reich Indien und das von China, Tatsache ist, dass die Ägypter zur Zeit des angeblichen Mose den ersten Rang unter den zivilisierten Nationen unseres Abendlandes einnehmen; zu jener Zeit blühten Theben und Memphis, von deren Existenz der Verfasser des Exodus nichts zu wissen scheint, da er nicht einmal von diesen wunderbaren und opulenten Städten spricht, da ihm ihre Namen unbekannt zu sein scheinen. Was die mächtigen Monarchen betrifft, [247] die damals regierten, so nennt der heilige Verfasser sie alle unterschiedslos Pharao, was ein Titel ist, und nicht etwa ein Name; der « Pharao », das ist der ägyptische König, wie ein König von Preußen ein « könig » ist, wie eine Königin von England eine « queen » ist. Der angebliche Mose, der von verschiedenen Königen Ägyptens spricht, ihnen Abenteuer in Zeiten zuschreibt, die mehrere Jahrhunderte auseinanderliegen, und, um die einen wie die anderen zu bezeichnen, nur den Namen Pharao findet, gleicht [248] einem Pseudo-Historiker, der in Phantasie-Erzählungen über das russische Reich zu verschiedenen Epochen ständig « Seine Majestät Zar » anführen würde, um die Kaiser Iwan den Schrecklichen, Peter den Großen und Nikolaus I. zu bezeichnen, deren Namen er nicht wüsste; dieser groteske Historiker wäre ein Stümper, über den man lachen würde. Nun, wie könnte man den Verfasser der Genesis und des Exodus ernster nehmen? Er kennt und nennt die Eigennamen winziger Königlein, wenn es sich um Königreiche ohne Geschichte handelt, das heißt absolut imaginäre, wie die von Sodom, von Gomorra und von Gerar; aber wenn er den Souverän eines wirklichen, historischen, bedeutenden Königreichs wie Ägypten in Szene setzt, dann wird sein Wissen dermaßen bescheiden, dass er nicht zu sagen wagt, ob der Pharao, von dem er spricht, Thutmosis, Amenophis oder Horus ist. Kurz, er macht genaue Angaben, wenn er glaubt, dass keine Kontrolle seiner Behauptungen möglich ist; er bleibt im Vagen, wenn es für ihn vor allem darauf ankommt, seine Unwissenheit nicht durch irgendein leidiges Quiproquo zu verraten, das Gefahr liefe, eines Tages allzu leicht bewiesen zu werden. Die Theologen, die verkündet haben, dass der Pentateuch der reinste Ausdruck der Wahrheit ist, sahen die Entdeckungen eines Champollion, eines Wilkinson, eines Lepsius und anderer gelehrter Ägyptologen nicht voraus, als sie die Daten der Chronologie der Welt festsetzten, indem sie sich auf die Bibel stützten. So fiele nach der Vulgata, das heißt nach dem heiligen Hieronymus, die Schöpfung der Welt in das Jahr 4004 v. Chr., und die universelle Sintflut fiele in das Jahr 3296; und alle Kirchenväter haben mit der Mütze votiert (fr. „opiner du bonnet“, eine Redewendung: ohne Nachdenken zustimmen; in den alten Versammlungen nahm, wer nichts zu sagen hatte, nur seine Mütze ab, um sich dem Vorredner anzuschließen). Nun vollbrachte Menes, ein ägyptischer Heerführer, der die erste bekannte Dynastie gründete, indem er sein Land der Oberherrschaft der Priesterkaste entzog, diese Revolution 5.400 Jahre vor der christlichen Ära, also 1.400 Jahre vor der Schöpfung und 2.100 Jahre vor der Sintflut. Die Theologen geben uns auch das Datum an, an dem Joseph, als Premierminister eines Pharaos, Jakob und seine Familie im Land Gosen ansiedelte; es ist das Jahr 1962 v. Chr.: und die Hebräer wohnten vierhundertdreißig Jahre in Ägypten; ihr Auszug wird in das Jahr 1533 gesetzt, wiederum nach den Theologen und der Bibel. Aber heute besitzt man die historischen Denkmäler Ägyptens, man hat sie zutage gefördert und entziffert; man hat [249] diese Geschichte gelesen, die auf den Stein der Tempel und der Obelisken geschrieben ist, und die Geschichte dieser Periode findet sich dort und belegt die Regierungen und die großen Taten der Pharaonen, namentlich auf dem in Theben entdeckten Pylon des Tempels von Karnak, der die 115 Städte aufzählt, die der Pharao Thutmosis III. nach seinem Sieg bei Megiddo unterwarf; man kennt, und zwar im Einzelnen, die fünfzehn aufeinanderfolgenden und stets glücklichen Feldzüge, die dieser Fürst in Asien unternahm. Nun glänzt diese ruhmreiche Regierung, welche die Wissenschaft der Hieroglyphen mit einem so hellen Licht beleuchtet hat, mitten in den Jahrhunderten, da die Söhne Jakobs vorgeblich in Ägypten waren; und nichts, in diesen Denkmälern, nichts, absolut nichts berichtet von dem famosen Regiment Josephs; keiner dieser Pharaonen ist auf den Gedanken gekommen, auf den steinernen Annalen des Königreichs die Berühmtheit seines Richelieu zu verzeichnen!... Noch besser, der Pharao, der zu der Zeit regierte, als die Hebräer nach dem heiligen Verfasser Ägypten verließen, und folglich derjenige, den wir gleich von den Fluten des Roten Meeres verschluckt und mit seinem ganzen Heer elend umkommen sehen werden, dieser Pharao kann, wenn man die biblischen Daten zugrunde legt, welche die Theologen angenommen haben, nur Amenophis III. sein. Nun ist seine Geschichte vollständig auf den antiken Denkmälern geschrieben, und sie stimmt durchaus nicht mit der Schilderung des Exodus überein. Dieser Fürst gehörte jenem tapferen Geschlecht der Pharaonen der achtzehnten Dynastie an, mächtiger Souveräne und illustrer Eroberer, die dem ägyptischen Reich einen Glanz und eine Ausdehnung gaben, die nur von der folgenden Dynastie aufrechterhalten wurden; sie eroberten Äthiopien, das ganze Land der Araber, Mesopotamien, das Land Kanaan, nahmen Ninive und die Insel Zypern ein, machten sich die Babylonier, die Phönizier, die Armenier tributpflichtig; mit einem Wort, der Erfolg ihrer Waffen erstreckte sich sehr weit in das westliche Asien. Thutmosis IV., Vater des Amenophis III., verlor die Frucht der Eroberungen des großen Thutmosis nicht; Denkmäler stellen ihn dar, wie er im Jahr 1550 v. Chr. ruhmreich regiert, siebzehn Jahre vor der Zeit, in welche die Bibel den Auszug der Hebräer aus Ägypten setzt. Was Amenophis III. betrifft, so sind die historischen Zeugnisse seiner Triumphe reichlich vorhanden: er gründete den Tempel von Luxor; zu seinen Ehren wurde in Theben die Statue errichtet, die unter dem Namen Koloss des Memnon so bekannt ist, [250] eine Statue, die ihn darstellte und die harmonische Töne von sich gab, wenn die Strahlen der aufgehenden Sonne sie trafen; man hat die lange Liste der Könige und der Völker, die diesem Pharao unterworfen waren, der im vollen Ruhm auf seinem Thron starb, und keineswegs im Roten Meer ersäuft, sondern prunkvoll in einer der Pyramiden beigesetzt wurde. In dem Jahr, in dem der Exodus ihn in den Fluten umkommen lässt, die dem Stäbchen Moses gehorchen, vollendete er die Eroberung Abessiniens, und später unternahm er noch große [251] Expeditionen nach Asien; er starb so wenig zu jener Zeit, dass er, während der Exodus die Juden auf der Halbinsel Sinai spazieren führt, den prächtigen Palast von Sholeb in Obernubien und den südlichen Teil des großen Tempels von Karnak in Theben bauen ließ. Er hinterließ sein ungeheures Reich seinem Sohn Horus, der eine Empörung der Abessinier züchtigte und die Arbeiten seines Vaters fortsetzte. Das ist die Geschichte; sie widerspricht der Bibel ausdrücklich. Diese einleitenden Betrachtungen waren nützlich. Wir werden [252] jetzt die Legende Moses rasch Revue passieren lassen. Also, im vierten Jahrhundert nach der Niederlassung von Jakob und Co. in Gosen hatten sich die sechsundsechzig Hebräer staunenswert vermehrt, und der damalige König hatte die Dienste, die Joseph einst Ägypten erwiesen hatte, völlig vergessen. Sehr grausam sogar war Pharao (wir werden ihn weiterhin bei dem Namen nennen, den ihm der heilige Verfasser gibt und der keiner ist); er ließ die beiden jüdischen Hebammen rufen, Mme Siphra und Mme Pua, welche die ganze Klientel ihrer Landsleute hatten, und er befahl ihnen, wenn sie eine israelitische Entbindung vornahmen, die kleinen Jungen zu erwürgen. Die beiden Geburtshelferinnen beeilten sich, Pharao nicht zu gehorchen, und als dieser sie fragte, warum sie die männlichen Kinder leben ließen, antworteten sie: « Die jüdischen Weiber sind nicht wie eure Ägypterinnen; sie kennen die Kunst zu gebären und sie entbinden sich selbst, ehe wir gekommen sind. » (Exodus 1:19) Da erließ Pharao ein Edikt, das dekretierte, dass jedes männliche Kind, das einem Israeliten geboren würde, sogleich nach seiner Geburt in den Strom geworfen werden sollte.
102. Edikt, das den Tod der männlichen Kinder befiehlt. Es herrschte, wie man sich denken kann, großer Jammer in den jüdischen Familien. Die Vorschriften des Edikts konnten umso leichter durchgesetzt werden, als die unglücklichen Nachfahren Jakobs in eine Art Sklaverei herabgedrückt waren; sie wurden von den ägyptischen Beamten sehr hart gehalten, sie gehörten sich sozusagen nicht mehr selbst, und man zwang sie, die mühseligsten Arbeiten auszuführen. (Exodus 1:11-14)
101. Mühselige Arbeiten der Israeliten. Und siehe, eine Mutter, die aus der Familie Levis war, verbarg drei Monate lang ihren Sohn; sie hatte ihn « schön » gefunden. Da sie ihn aber nicht länger verbergen konnte und eine Denunziation fürchtete, nahm sie einen Korb aus Binsen, den sie mit Erdpech und Pech bestrich, legte das Baby hinein und ging hin und stellte die Wiege am Ufer des Stromes zwischen das Schilfrohr. Dann sagte sie der älteren Schwester des Kindes, sie solle sich in einiger Entfernung auf Beobachtungsposten halten. Unterdessen kam die Tochter Pharaos, von ihren Zofen begleitet, um sich im Nil zu baden.
103. Mose auf dem Nil ausgesetzt. Der heilige Verfasser versäumt es, den Mut der Prinzessin zu loben, und das ist ein bedauerliches Versehen; da es im Nil von Krokodilen wimmelt, verdient dieses Bad die Bewunderung des Lesers. Außerdem residierte der Hof in Memphis, und von Memphis bis zum Land [253] Gosen, der Wohnstatt der jüdischen Familien, sind es mehr als fünfzig Meilen. Wie dem auch sei, die Prinzessin kam überaus gelegen. Da nichts anders geschieht als durch den Willen Jehovas, waren also mit seiner Erlaubnis alle anderen kleinen Juden im Nil ersäuft und von den Krokodilen verschlungen worden, und auch nach den großen göttlichen Plänen sollte dieses Baby allein gerettet werden. Offensichtlich war es Papa Lieber Gott, der die Tochter Pharaos so weit weg zum Baden geschickt und ihr die Verachtung für die schrecklichen Amphibien eingegeben hatte. Es geschah also, was die Vorsehung geregelt hatte: Die Prinzessin traf die schwimmende Wiege an, wurde vom Wimmern des Kindes gerührt und begriff auf Anhieb, dass es ein kleiner Jude war; hierauf stellt sich die ältere Schwester ein und schlägt vor, eine Amme zu holen; die Prinzessin spendet dieser ausgezeichneten Idee Beifall; es ist die Mutter, die antrabt; die Tochter Pharaos vertraut ihr das Kind zum Säugen an, erklärt, dass sie den Ammenlohn bezahlen werde, und geht davon, ganz glücklich über ihre gute Tat.
104. Die Wiege Moses, von der Tochter des Königs gefunden. Später, als der kleine Junge entwöhnt war, brachte die Mutter ihn der Prinzessin zurück. Diese, die ihn liebgewonnen hatte, gab ihm den Namen Mose, welcher « aus den Wassern gerettet » bedeutet, und vertrat seine Sache beim König so gut, dass dieser Monarch, der doch so grausam war, einwilligte, das Kindlein an seinem Hof erziehen zu lassen; die Bibel sagt sogar, dass Pharao ihn an Sohnes statt annahm.
105. Kindheit Moses am Hofe Pharaos. Mose wuchs heran und erwies sich schon von seiner Kindheit an als ein kleines Wunderkind; er erfüllte den König, seine Tochter, die Höflinge mit Staunen; eine glänzende Zukunft war ihm vorbehalten. Als junger Mann ging er seine hebräischen Landsleute besuchen: Eines schönen Tages, nachdem er gesehen hatte, wie ein Ägypter einen Juden schlug, tötete er den Ägypter und vergrub ihn im Sand; worauf er die Folgen dieses Mordes bedachte, floh und sich im Lande Midian verbarg. Dieser Landstrich lag südöstlich der Halbinsel Sinai, und man darf ihn nicht mit zwei anderen Ländern desselben Namens verwechseln, von denen weiter unten die Rede sein wird und von denen das eine nördlich des Meeres von Elath (heute Golf von Akaba), das andere östlich des Toten Meeres lag; denn wenn man alle diese Länder Midian verwechselte, könnte man glauben, dass der Heilige Geist die Karte verloren hat (fr. „perdre la carte“, eine umgangssprachliche Redewendung: sich verirren, konfus werden) und ein vollkommener Faseler in Geographie ist. Im Midian Nr. 1 machte Mose die Bekanntschaft eines götzendienerischen Priesters namens Jethro, Papa von sieben Töchtern, von denen die eine, die [254] schöne Zippora, das Herz des Flüchtlings gefangen nahm. Heirat, langer Honigmond, und da ist Mose Vater von einem Balg, das Gersom genannt wurde. Währenddessen ging Pharao in den Zustand einer Mumie über und hatte einen Nachfolger, der fortfuhr, die armen Juden in einer immer härteren Knechtschaft zu drangsalieren. Da erinnerte sich Jehova, der, ebenso wie Mose, nicht mehr an das Unglück der Hebräer dachte, an den Bund, den er mit Isaak und Abraham, Jakob, geschlossen hatte. (Exodus 2) [255] Der Priester Jethro war Eigentümer einer Herde, und er beauftragte bisweilen seinen Schwiegersohn, sie auf die Weide zu treiben. Auf einem dieser Ausflüge ging Mose bis zum Berg Horeb, der zum Sinaimassiv gehört, ohne der Sinai selbst zu sein. Mit einem Mal entzündete sich ein Busch, und Papa Lieber Gott erschien mitten in diesem Feuer; das Merkwürdigste dabei war, wie es scheint, dass der Busch ganz in Flammen stand, ohne verzehrt zu werden. Der Ewige befahl dem verblüfften Mose, sich die Schuhe auszuziehen; der andere [256] gehorchte. Gott kündigte ihm dann an, dass er ihm eine Mission gebe, dass er zu Pharao gehen müsse, um ihn einzuladen, die Hebräer aus Ägypten ziehen zu lassen, dass dieser sich aber dazu erst entschließen werde, nachdem er eine gewisse Anzahl von Wundern gesehen habe, die er, Mose, wirken werde. Er müsse noch seine Landsleute aufrichten. Mose bat die Erscheinung, ihm ihren Namen zu sagen. Und Gott sprach zu Mose: « Ich heiße Eheïeh. Du sollst den Kindern Israel sagen: Eheïeh sendet mich zu euch. » (Exodus 3:14) Unter anderen Empfehlungen zum bevorstehenden Aufbruch aus Ägypten gab Papa Lieber Gott diese: « Jedes israelitische Weib soll von ihrer ägyptischen Nachbarin oder von ihrer Wirtin silberne und goldene Gefäße borgen, sowie schöne Kleider; eure Söhne und eure Töchter sollen sie davontragen, und also sollt ihr die Ägypter ausplündern. » (Exodus 3:22) („Eheïeh“ — das hebräische Wort, das Luther mit „Ich werde sein“ übersetzt, wie in „Ich werde sein, der ich sein werde“. Taxil übernimmt hier Wort für Wort die Übersetzung Voltaires, die den Namen unübersetzt lässt: Der Gott nennt einen Namen, den niemand verstehen kann.)
106. Der brennende Busch. Als Mose dann seine Furcht bekundete, die Juden würden ihm ebenso wenig aufs Wort glauben wie Pharao, verlieh ihm Jehova-Eheïeh auf der Stelle die Gabe der Wunder. Ein Stab, den der Schwiegersohn Jethros in der Hand hielt, verwandelte sich in eine Schlange und wurde danach wieder zum Stab.
107. Der Stab Moses wird in eine Schlange verwandelt. « Gott sprach weiter zu ihm: Stecke nun deine Hand in deinen Busen. Und er gehorchte, und er zog aus seinem Busen seine Hand hervor, ganz bedeckt mit einem Aussatz, weiß wie der Schnee. Dann, auf den Befehl Gottes, steckte er seine Hand wieder in seinen Busen, und sie ward wieder ein gesundes Fleisch wie zuvor. » Jehova teilte Mose auch mit, dass er ihm die Macht gebe, das Wasser in Blut und das Blut in Wasser zu verwandeln. Mose hatte noch einige Bedenken: Er erklärte Gott, dass er als Stotterer einen schlechten Redner abgäbe, wenn er dem Volk predigen sollte; Gott geriet in Zorn, heilte ihn nicht von seinem Stottern; aber er antwortete ihm, dass er, da es sich so verhalte, Aaron, seinen älteren Bruder, an seiner Mission beteilige. Bemerken wir im Vorbeigehen, dass Aaron sich in Ägypten nicht verborgen hielt; seine Mutter hatte ihn also gerettet, ohne dass man weiß, wie. Nach dieser Erscheinung verabschiedete sich Mose von seinem Schwiegervater und nahm seine Frau und seine Kinder mit. « Und es begab sich unterwegs, dass Gott ihn in einer Schenke antraf und ihn töten wollte; aber Zippora nahm alsbald ein scharfes Messer, schnitt die Vorhaut ihres Sohnes ab, warf sie zur Erde, und Gott ward entwaffnet. » (Exodus 4:24-25) Aaron, von Jehova benachrichtigt, ging Mose entgegen, [257] erfuhr von ihm alle Einzelheiten der Mission, mit der sie betraut waren, und fortan gingen sie beide zu Pharao. Der König trug den Mahnungen, die ihm die beiden Brüder erteilten, keinerlei Rechnung; im Gegenteil, die Schikanen gegen die Israeliten verdoppelten sich (Exodus 5). Mose beteuerte seinen Landsleuten, dass sie durch den Willen Gottes die Freiheit wiedererlangen würden (Exodus 6). Mose war achtzig Jahre alt und Aaron dreiundachtzig, als sie mit Pharao redeten, um ihn in aller Form aufzufordern, den Israeliten zu gestatten, Ägypten zu verlassen; und da der König sich weigerte, auf die Vernunft zu hören, warf Aaron seine Rute vor ihn hin. Im selben Augenblick wandelte sich die Rute in einen Drachen. Die Zauberer des Hofes, in aller Hast herbeigerufen, warfen ebenfalls ihre Ruten hin, die zu ebenso vielen Drachen wurden; aber der Drache Aarons verschlang die Drachen der Zauberer. Nach diesem Wunder war Pharao ebenso wenig wie zuvor geneigt, den Hebräern die Freiheit wiederzugeben. Da versetzte Mose dem Nil einen Stäbchenschlag, und die Wasser des Stromes verwandelten sich in Blut; die Bibel fügt hinzu, dass die Zauberer des Königs es ganz ebenso machten. Die Fische starben; die Ägypter gruben rings um den Nil nach Trinkwasser, aber ohne Erfolg; der heilige Verfasser versäumt zu sagen, wie die Juden sich welches verschafften (Exodus 7). Aaron und Mose beschenkten Ägypten noch mit anderen Plagen. Es gab eine Invasion von Fröschen; und die Zauberer des Hofes, von Eigenliebe angestachelt, vollbrachten dasselbe Wunderwerk; dergestalt, dass man überall nur noch Frösche sah; es war wie ein Regen, eine Sintflut von Fröschen. Auf die Frösche folgten die Läuse; Ägypten wurde völlig davon bedeckt; dann wimmelte es von anderen Insekten, die die Bibel nicht deutlicher bezeichnet. Dagegen belehrt uns der heilige Verfasser, dass die Zauberer das Wunder der Läuse nicht ausführen konnten. Frösche, Läuse und namenlose Insekten verschwanden; aber das Herz Pharaos war verstockter denn je, und er ließ das jüdische Volk nicht ziehen (Exodus 8).
108. Plagen Ägyptens: der Froschregen. Die fünfte Plage bestand in dem jähen Tod aller Pferde, Esel, Kamele, Ochsen und Schafe der Ägypter. Es war noch nicht vorbei. Sechste Plage: Mose und Aaron nahmen Asche und kamen und streuten sie vor dem König aus; alsbald waren alle Ägypter voller Geschwüre. Siebente Plage: Orkane von Hagel und Feuer, die alle Gräser und [258] alle Bäume der Felder zerstörten; allein das Land Gosen, wo die Israeliten waren, wurde verschont. Diesmal willigte Pharao in den Aufbruch der Juden ein. Mose streckte die Hand aus; die Orkane hörten auf, und... Pharao nahm sein Wort zurück (Exodus 9). Achte Plage: großer Wind, der Milliarden von Heuschrecken herbeitrug, die das wenige Grün abnagten, das dem Hagel entgangen war. Reue Pharaos; Wind, der alle Heuschrecken ins Rote Meer davonträgt; Pharao widerruft [259] wieder, was er gesagt hat, und hält die Israeliten zurück. Neunte Plage: Ägypten ist mit einer so dichten Finsternis bedeckt, dass man sie mit der Hand berühren kann (sic). Pharao entschließt sich, Mose und seine Landsleute ziehen zu lassen; aber er will ihre Schafe und ihre Ochsen behalten, die Gott vor dieser vielfachen Lawine von Geißeln bewahrt hatte (Exodus 10). Um damit ein Ende zu machen, sandte Jehova Würgengel mit dem Befehl, die Erstgeborenen der Ägypter niederzumetzeln. Nun [260] sah das Programm vor, dass die Ausrottung bei Nacht stattfinden werde; um jeden Irrtum zu vermeiden, aß man daher in jeder jüdischen Familie ein Lamm, und an der Tür ihrer Häuser machten die Israeliten ein kleines Zeichen mit dem Blut des Lammes; das war die Einsetzung des Passahs (Exodus 12:12-13). Hieraus ergibt sich, dass die Engel, die um Mitternacht durch alle Städte Ägyptens zogen, ein Schwert für das Gemetzel und eine Laterne hatten, um zu prüfen, ob die Türen der Wohnungen mit dem Blut des Lammes gezeichnet waren oder nicht; nicht wir sind es, die Bibel ist es, die die Engel so materialisiert. Ah! wie muss der göttliche Tauber gelacht haben, als er solche Eseleien diktierte!...
109. Die Würgengel. Alle ägyptischen Erstgeborenen wurden also abgeschlachtet, « von dem Prinzen, dem ältesten Sohne Pharaos, der ihm auf dem Throne nachfolgen sollte, bis zu den Erstgeborenen der Sklaven und der Gefangenen, die in den Kerkern waren. Und der König stand in dieser Nacht auf; denn es ward ein Geschrei des Jammers in ganz Ägypten. » Pharao ließ sogleich Mose und Aaron holen und sagte zu ihnen: Zieht aufs Schnellste fort, ihr und die Kinder Israel. « Da taten die Hebräer, was Gott sie durch die Stimme Moses gelehrt hatte: Sie borgten alle kostbaren Gefäße, die sie bekommen konnten, sowie die schönsten Kleider; und der Ewige machte die Ägypter willig, ihnen alle Dinge von Wert zu leihen; also dass sie die Ägypter ausplünderten. » (Exodus 12:35-36)
110. Die Israeliten erhalten das Recht, Ägypten zu verlassen. Der Exodus belehrt uns hier, dass die jüdischen Familien, die sich seit der Ankunft Jakobs ununterbrochen im Landstrich Gosen aufgehalten hatten, sich für den Aufbruch in Raemses zusammenzogen. Von dort zog man bis Sukkoth; man zählte sechshunderttausend rüstige Männer, ohne die Frauen und die Kinder zu rechnen; eine erhebliche Menge Leute aller Stände schloss sich ihnen an, und sie hatten staunenswert viele Ochsen und unzählige Herden (Exodus 12:37-38). Mose hatte die Gebeine Josephs mit sich genommen (Exodus 13:19). Daraus lässt sich annähernd berechnen, auf wie viele Opfer sich das Gemetzel belief, das der Tauber den Engeln Jehovas zuschreibt. Da die von Raemses Aufbrechenden sechshunderttausend « in Waffen » waren (Exodus 13:18), setzt das sechshunderttausend Familien voraus. Das Land Gosen ist der vierzigste Teil Ägyptens, von Meroe bis Pelusium; der Rest des [261] Königreichs enthielt also vierundzwanzig Millionen Familien; so tötete Gott, durch die Hand seiner Engel, diese grauenhafte Zahl von Erstgeborenen! Von Sukkoth zogen die Hebräer nach Etham, wo sie lagerten. Dann kamen sie nach Baal-Zephon (Suez), und dort lagerten sie wieder, nahe am Meer (Exodus 14:2). Man beachte, dass die von der Bibel bezeichnete Stätte nicht genau das Rote Meer ist, sondern das hinterste Ende des Golfs von Suez; wenn es Wasser zu durchqueren gab, so war es das des Pharaonenkanals, der damals bestand und vom Nil zu den Bitterseen verlief. Während Mose und seine Landsleute unterwegs waren, bedauerte Pharao, dessen Geist entschieden von einer überspannten Beweglichkeit war, sich dieser ausgezeichneten Untertanen beraubt zu haben, die ihm so viele Geißeln eingebracht hatten. « Er ließ seinen Wagen anspannen, die sechshundert Wagen seiner Generäle und alle Wagen Ägyptens, auf welche sich die besten Hauptleute stellten » (Exodus 14:6-7); er stellte sich an die Spitze seines ganzen Heeres, und sogar sein Volk kam mit ihm; « die ägyptische Reiterei, die Wagen der Anführer und das Heer ereilten die Hebräer bei Pi-Hahiroth, nahe bei Baal-Zephon » (v. 9). Man fragt sich, woher diese Gespanne und diese ganze Reiterei kamen, da die fünfte Plage, ohne eine einzige Ausnahme, die Pferde, Esel, Kamele und Ochsen der Ägypter getötet hatte. Im ersten Moment waren die Israeliten beunruhigt; aber Mose ließ sie rasch trockenen Fußes durch das Meer ziehen: Mit einem einfachen Stäbchenschlag hatte er die Fluten getrennt.
111. Die Israeliten ziehen zu Fuß durch das Rote Meer. Als Pharao das Wunderwerk sah, dachte er, dass dieser durch die Wellen geöffnete Weg gleichfalls gut für ihn sei. Er betrat ihn mit seinem Heer; aber, ich geb dir davon! Mose führte einen neuen Stäbchenschlag, während die Ägypter gerade mitten im Meer waren. « Da vereinigten sich die Wasser mit Ungestüm und überdeckten die Wagen, die Reiterei und das ganze Heer Pharaos; und es blieb nicht ein einziger von ihnen übrig. » (Exodus 14:28)
112. Das ägyptische Heer wird verschluckt. Vermerken wir, dass Pharao sich nicht aufgemacht hatte, den Hebräern nachzujagen, um sie auszurotten, sondern um sie zu umzingeln und als Knechte in sein Königreich zurückzuführen. Da diese unter sich sechshunderttausend rüstige und bewaffnete Männer zählten, kann man, angesichts der alten Papas, der Mamas, der Gattinnen, der Schwestern und der jungen Brüder, die Gesamtheit der Auswanderer auf ungefähr [262] drei Millionen Personen schätzen. Um eine solche Bevölkerung gefangen zu nehmen, waren weit zahlreichere Streitkräfte nötig. Zudem beziffert sich, nach der so logischen Berechnung von vorhin, die Gesamtzahl der ägyptischen Familien annähernd auf vierundzwanzig Millionen; rechnet man einen Soldaten pro Familie, so muss das Heer Pharaos vierundzwanzig Millionen Kämpfer gezählt haben. Zwar hatte Gott bereits den Ältesten jeder Familie getötet; aber die Jüngeren konnten alt genug sein, die [263] Waffen zu tragen; und übrigens erregte dieser Plan, ihnen nachzujagen, eine große Begeisterung, da der heilige Verfasser uns sagt, dass das Volk in Massen herbeieilte, um seinen König zu begleiten. Vergessen wir nicht die Ägypter, denen unsere Flüchtigen soeben kostbare Gefäße und schöne Kleider abgeluchst hatten; die dürften nicht gezögert haben, ihren Dieben nachzustürzen. Aber verringern wir die Zahlen um die Hälfte, wenn man will: Mindestens zwölf Millionen Ägypter wurden mit Pharao ersäuft. [264] Man wird vielleicht sagen: Wenn kein ägyptischer Verfasser jemals ein Wort von diesem ebenso mirakulösen wie grauenhaften Desaster verlauten ließ und ebenso wenig von den zehn Plagen, die das Königreich verheerten, so geschah dies aus nationaler Eigenliebe. Gestehen wir es zu. Aber die anderen Nationen der Welt, he? wieso erfuhren sie nichts von so schrecklichen Ereignissen? Da ist doch eine gigantische Ersäufung, die mit einem einzigen Schlag die hundertfünfzehn tributpflichtigen Fürsten des Pharao Amenophis befreite. Was! selbst Herodot, den das Altertum « den Vater der Geschichte » nannte und der so viele Tatsachen über das alte Ägypten sammelte, das er gründlich bereist hatte; Herodot, der die Heldentaten des Sesostris erzählt hat, der von der Statue des Amenophis, dem Koloss des Memnon, gesprochen hat, hätte das tragische Ende dieses Fürsten und die Verschluckung seines Heeres nicht gekannt!... Dieses allgemeine Schweigen der Geschichtsschreiber jener fernen Zeiten ist mindestens ebenso mirakulös wie das Wunderwerk selbst. Die Israeliten sahen also die Vernichtung ihrer Feinde. Wenn man die Tatsache annimmt, kann man hinzufügen, dass die Nachfahren Jakobs derart über das Abenteuer lachten und lachten, dass mehrere von ihnen bucklig wurden (fr. „devinrent bossus“, nach der umgangssprachlichen Redewendung „rire comme un bossu“, „lachen wie ein Buckliger“: herzhaft lachen, hier beim Wort genommen). Jedenfalls belehrt uns das 15. Kapitel des Exodus, dass Mirjam, die Schwester Moses und Aarons, eine Trommel in die Hand nahm und dass alle Frauen Trommeln und Flöten ergriffen und vor Freude mit ihr tanzten; dieses Kapitel lässt uns auch wissen, dass Mose auf der Stelle einen Lobgesang improvisierte (es sagt nicht, in welcher Sprache) und dass ganz Israel ihn mit einer einzigen Stimme sang. Halten wir uns vor Augen, dass Sänger und Tänzerinnen einen Chor von drei Millionen Personen bildeten; Worte und Musik wurden im selben Augenblick gelernt. Ich bitte Sie, sich diesen Gesangverein vorzustellen, wie er diese Kantate aufführt. Sapristi! wie schön muss das gewesen sein!... Da sind unsere Hebräer auf dem Marsch im Peträischen Arabien, so genannt, weil dort kaum etwas anderes wächst als Steine, Kiesel. Das Ziel der Reise war das von ihren Vorfahren stets begehrte Land Kanaan; warum sich nicht endlich dort niederlassen, jetzt, da man zahlreich war?... Übrigens hatte Mose ihnen, auf das Wort des Herrn hin, versichert, dass dieses Land Kanaan von einer erstaunlichen Fruchtbarkeit sei. Das Schwierige war, es zu finden; denn es gab keinerlei Straße, und der Kompass war noch nicht erfunden. Glücklicherweise stellte sich eine himmlische Wolke an [265] die Spitze des jüdischen Volkes und zeigte ihnen den Weg Nacht und Tag; bei Tag war es eine Säule von schwarzem Rauch; bei Nacht war es eine Wolke von Feuer. Der heilige Text sagt, dass Jehova in Person in dieser Wolke von wechselndem Aussehen war. Diese Art, in einer Wüste geführt zu werden, hatte ihre Bequemlichkeit; aber sie hatte sehr wohl auch ihre Unannehmlichkeiten. Den Israeliten wäre es nämlich oft überaus lieb gewesen, sich auszuruhen; ah! aber nein! die Wolke preschte nach vorn davon; was tun? musste man Gefahr laufen, einen so kostbaren Führer zu verlieren? und kein Mittel, eine Rauchsäule an den Schößen ihres Gehrocks zurückzuhalten, nicht wahr?... Also, unbedingte Verpflichtung, den Weg fortzusetzen. Dieser alte Spaßvogel von Jehova amüsierte sich, das ist klar. Freund Leo XIII., sag nicht nein! Hier hast du den Beweis dafür: Um von Baal-Zephon (Suez) nach Jericho zu gelangen, brauchte der göttliche Führer nur nach Norden zum Mittelmeer hinaufzuziehen, die Kette des Djebel-Rabah entlang; dann nach Osten abzuschwenken, den Tälern des Djebel-Maghara folgend, die geradewegs zur Mittelmeerküste leiten; es hätte sodann genügt, ihr bis zum Land der Philister zu folgen, das man umgangen hätte, und man wäre durch das Land der Hethiter, einer befreundeten Nation, sehr schnell nach Kanaan gekommen. Überhaupt nicht; anstatt nach Norden zu gehen, leitete Jehova unsere Hebräer zur Südspitze der Sinaihalbinsel; genau so, als ließe man einen Reisenden, den man von Paris nach Belgien führen soll, die Straße nach Lyon-Marseille nehmen!... Du siehst also, Heiliger Vater Leo: unmöglich zu behaupten, dass Zebaoth-Jehova-Eheïeh kein Fopper ist!...
113. Marsch der Israeliten in der Wüste. Da man gerecht sein muss, wollen wir zugeben, dass Papa Lieber Gott, während er so den Weg verlängerte, seinem Volk einige Süßigkeiten spendierte. So führte er beim Aufbruch von Baal-Zephon, nach der Kantate, unsere Hebräer in den westlichen Teil der Wüste Sur, wo sie drei Tage marschierten, ohne einen Tropfen Wasser zu finden. Endlich wurden sie an einem Ort, der seitdem Mara genannt wurde, durch das glou-glou einer ergiebigen Quelle angenehm überrascht. Man stürzt hin, um zu trinken; zack! die Wasser waren bitter, aber bitter!... Allgemeine Grimasse der drei Millionen Juden. « Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken? Und Mose schrie zu dem Ewigen. Und der Herr wies ihm einen Strauch, davon schnitt er einen Zweig ab, den warf er in die Quelle; und die Wasser [266] wurden süß. Danach zogen die Hebräer hinab bis gen Elim, wo sie zwölf Wasserbrunnen und siebzig Palmbäume fanden, unter denen sie sich lagerten, sich in ihrem Schatten bargen und sich an den klaren Wassern tränkten. » (Exodus 15:24-27) Um eine Bevölkerung zu bergen, in deren Mitte sich sechshunderttausend Kämpfer befanden, mussten diese siebzig Palmbäume überaus weit auseinanderstehen und unermesslich breite Blätter haben. Als man Elim verließ, zog man hinab, immer nach Süden; man befand sich [267] damals in der Wüste Sin, die am Osthang der Küstenhügel des Golfs von Suez liegt; dieser Marsch nach Süden führte auf das Massiv des Sinai zu. Die Natur ist dort sehr grandios, sehr imposant, aber absolut wild. Man erlaube mir, bei Élisée Reclus (1830-1905, französischer Geograph, Verfasser der „Nouvelle Géographie universelle“, der diese Stelle entnommen ist) die Beschreibung dieses Landes von klassischer Berühmtheit zu entlehnen. « Die Küstenhügel westlich vom Djebel-et-Tyh, sagt der gelehrte Geograph, bestehen aus Kreideschichten, weißen und regelmäßigen Massen [268] von eintönigem Aussehen, einige hundert Meter hoch. Aber die ersten Berge, die zur Sinaigruppe gehören und sich südlich der Randkette erheben, vom Golf von Suez bis zu dem von Akabah, sind gebildet aus Sandsteinen von absonderlichem Profil und mannigfaltiger Färbung, die sich zu malerischen Landschaften gruppieren. Im Süden erheben sich die Granite, die Gneise und die Porphyre. Wie die Berge des Sinai in der Zusammensetzung ihrer Gesteine einförmig sind, so sind sie es nicht minder in der Dürre ihrer Oberfläche; sie sind von einer gewaltigen Nacktheit; ihr scharfkantiges Profil zeichnet sich gegen das Blau des Himmels mit der Genauigkeit eines in Kupfer gestochenen Strichs ab. So ist die Schönheit des Sinai, jedes äußeren Schmuckes bar, die Schönheit des Gesteins selbst: das Ziegelrot des Porphyrs, das zarte Rosa des Feldspats, die weißlichen oder dunklen Grautöne des Gneises und des Syenits, das Weiß des Quarzes, das Grün verschiedener Kristalle verleihen den Bergen eine gewisse Mannigfaltigkeit, die noch gesteigert wird durch das Blau der Fernen, die schwarzen Schatten und das Spiel des Lichtes, das auf den kristallinischen Facetten glänzt. Die dürftige Vegetation, die sich hier und da in den Schluchten und auf dem zersetzten Gneis der Abhänge zeigt, erhöht durch den Gegensatz die Majestät der Formen und die Pracht der Färbung, welche die nackten Steilhänge darbieten; an den Rändern der zeitweiligen Gewässer in den Wadis vermögen einige Ginsterbüsche, Akazien, Tamarisken, kleine Gruppen von Palmbäumen die stolze Einfachheit des Felses in keiner Weise zu verschleiern. Diese starke Natur, so verschieden von der, die man in den feuchten Landstrichen des westlichen Europa bewundert, wirkt mächtig auf die Gemüter. Alle Reisenden werden davon ergriffen; die am Fuß der Berge des Sinai geborenen Beduinen lieben sie leidenschaftlich und siechen fern von ihren Felsen vor Heimweh dahin... Diese Felsen sind außerdem überaus reich an Türkislagerstätten... Von einem der Gipfel aus gesehen, gleicht die Gegend einem aufgewühlten Meer, dessen Wogen sich unter dem Einfluss entgegengesetzter und wirbelnder Winde kreuzen; im höchsten Teil (dem Djebel-Katherin) sieht man die Spuren ehemaliger Gletscher. Eine Bergreihe zweigt davon nach Nordwesten ab; dort ist der Serbal (2.046 Meter), den die meisten Forschungsreisenden für den wahren Sinai halten. Einst gingen die Araber dorthin, um Schafe zu opfern und Grasbüschel hinzutragen; das Kostbarste, was die Natur ihnen gibt. Umgeben von Wadis, [269] die niedriger liegen als die des Djebel-Katherin, ragt der Serbal zu einer größeren relativen Höhe empor, und von jeher sahen die Araber in ihm den Riesen der Halbinsel. Er ist wenigstens der grandioseste: über den Vorbergen erheben sich nackte Wände, von Abgründen durchschnitten und in einen Grat auslaufend, der, dem Anschein nach unersteigbar, zu Nadeln und Pyramiden zerrissen ist. Man kann indessen hinaufsteigen, und seit Burckhardt haben mehrere Europäer die Besteigung ausgeführt. Infolge einer im Granit recht seltenen Erscheinung trifft es sich, dass gewisse Teile des Serbal von natürlichen Grotten durchbohrt sind: die Feldspatkristalle haben sich im Gestein in Form auseinanderlaufender Strahlen angeordnet, und da sie als erste von der Wirkung der Zeit angegriffen werden, hinterlassen sie beim Zerfallen tiefe Höhlungen. Schließlich hat man an den Abhängen des Serbal häufig Gelegenheit, die durchdringenden Klänge zu hören, welche die kristallinischen Sande in Bewegung aussenden. Eine Rinne des Berges, nach Westen geneigt und etwa fünfzehn Meter breit, ist mit Trümmern der Quarzwände gefüllt: man nennt diese Rinne den Djebel-Nakous (den Aufstieg der Glocken), weil man dort, wie die Beduinen sagen, den Klang der Glocken eines Geisterklosters hört, das im Innern des Serbal umherwandelt. Der Reisende vernimmt einen köstlichen Klang, bald schwach, wie der ferner Flöten, bald stärker, wie der einer nahen Orgel; je nach der Glut der Sonne, der Feuchtigkeit der Luft und der Erde, der Menge des Sandes, der sich ablöst, der Stärke der Brise, welche die Klänge beschleunigt oder verlangsamt, scheint die Musik ein harmonischer Seufzer zu sein oder gleichsam die brüllende Stimme des Berges. » Das ist die Gegend, in der Jehova, in seiner Wolkensäule verborgen, sein Volk mit sich fortzog. Es ist offensichtlich, dass das Schauspiel der Berge des Sinai unvergleichlich ist; aber ebenso wahr ist, dass die Bewunderung dieser herrlichen Natur, so angenehm sie den Hebräern auch sein mochte, ihnen nichts unter den Zahn legte. Dem Exodus zufolge (Exodus 16) waren sie damals beim fünfzehnten Tag des zweiten Monats nach ihrem Auszug aus Ägypten: ohne jeden Zweifel mussten die Vorräte, die sie mitgenommen hatten, erschöpft sein, und in diesem Schelm von einer Wüste gab es kein einziges Restaurant und kein einziges Bierhaus. Unsere drei Millionen Auswanderer murrten gegen Mose und Aaron. « Und die Kinder Israel [270] sprachen zu ihnen: Ach! Wären wir doch durch die Hand des Herrn im Lande Ägypten gestorben! Wir saßen auf Kochtöpfen mit Fleisch, und wir aßen Brot, so viel wir wollten. Ihr aber habt uns in diese Wüste hergeführt, um uns alle durch Hunger zu Tode zu bringen! » (16:2-3). Und die Hebräer hätten Mose misshandelt (fr. „faire un mauvais parti à quelqu’un“, eine Redewendung: jemandem Gewalt antun, bis hin zum Totschlag), wenn Papa Lieber Gott ihn nicht in den Stand gesetzt hätte, diese Ausgehungerten durch Wunderwerke zu befriedigen, denen Robert-Houdin (1805-1871, der berühmte französische Zauberkünstler) selbst [271] niemals gleichzukommen vermochte. Es gab in dieser Wüste Sin einen Wachtelregen; ja, Sie hören recht, meine Damen und Herren, Wachteln! (16:13). Da nun die Hebräer wahrscheinlich keine Kochherde hatten, kann man schließen, dass diese Wachteln fertig gebraten (fr. „toutes rôties“, nach der Redensart „attendre que les alouettes vous tombent toutes rôties dans le bec“, warten, bis einem die Lerchen gebraten in den Schnabel fallen: alles ohne Mühe haben wollen; im Deutschen sollen einem die gebratenen Tauben ins Maul fliegen) bei ihnen ankamen. Und das war nicht alles: « Siehe, da lag am Morgen eine Schicht Tau rings um das Lager; es war in der Wüste ein kleines rundes Ding, fein wie der Reif, auf der Erde. Und Mose sprach zu den [272] Hebräern: Das ist das Brot, das euch der Ewige zu essen gibt. Und die Hebräer nannten dieses Brot Manna; und dieses Manna war wie Koriandersamen, und es hatte den Geschmack von Honigkrapfen. » (Exodus 16:13-15, 31) Dasselbe Kapitel belehrt uns, dass das Volk Gottes während der vierzig Jahre, welche die Reise dauerte, jeden Morgen seinen Vorrat an Manna für den Tag hatte, und dass sich alle so daran delektierten, dass sie sich die Finger ableckten. Die Verehrung, die ich für den Heiligen Geist hege, verpflichtet mich hinzuzufügen, dass sich das Manna noch heute findet, und zwar nicht nur auf der Sinaihalbinsel, sondern an vielen anderen Orten des Erdballs, namentlich in Kalabrien, in Persien, in der Nachbarschaft des Ararat usw.; das Manna wird als Abführmittel recht gern empfohlen. So trug Papa Lieber Gott große Sorge für die Gesundheit der Israeliten: während er ihnen den Bauch füllte, wachte er darüber, dass sie nicht verstopft wurden. Vierzig Jahre tägliches Abführen, das ist wirklich die Art eines guten Vaters!
114. Der Himmel nährt das Volk Gottes. Aus der Wüste Sin zogen die Hebräer weiter in die Wüste Tyh, wo Raphidim liegt. Dort erstieg Mose, von seinen Landsleuten bestürmt, die von ihm zu trinken verlangten, den Berg Horeb und versetzte einem Felsen einen Stäbchenschlag; ein Brunnen lebendigen Wassers sprang daraus hervor; unsere drei Millionen Auswanderer stillten ihren Durst; worauf sie ihre Zelte in der Ebene aufschlugen. Eine unangenehme Überraschung erwartete sie. In diesen Gefilden befanden sich Amalek und sein Volk, welche die Nachfahren Jakobs mit bösem Auge ansahen. Hier sei gesagt, dass Amalek der Enkel Esaus war: von Ada, seiner ersten Frau, hatte Esau als ältesten Sohn Eliphas gehabt, der mit einer gewissen Thimna im Konkubinat lebte und unter anderen Kindern Amalek bekam. (Genesis 36:12) Wieso lebte dieser Amalek noch? Der Tauber hat vergessen, es dem heiligen Verfasser zu erklären, und dieser hat nicht daran gedacht, sich darüber zu wundern. Allein die Tatsache, dass er noch lebte, ist doch überaus außergewöhnlich; denn damit die Nachfahren der zwölf Söhne Jakobs zu einer Bevölkerung werden konnten, die sechshunderttausend Kämpfer stellte, konnte sich die Vermehrung nur durch eine Folge zahlreicher Generationen vollziehen, und übrigens lehrt die Bibel, dass zwischen der Ankunft Jakobs und seiner Söhne in Ägypten und dem Exodus ihrer Nachkommenschaft vierhundertdreißig Jahre verstrichen waren. Amalek musste folglich ungefähr vierhundert Jahre alt sein, als er das [273] Feldlager von Raphidim angriff. Der heilige Verfasser scheint vom äußersten Greisenalter des Anführers der Amalekiter nichts zu ahnen; er sagt schlichtweg, ohne die geringste Überraschung: « Da kam Amalek und lieferte den Hebräern eine Schlacht zu Raphidim. » (Exodus 17:8) Wie dem auch sei, dieser Amalek war ohne jeden Zweifel ein schrecklicher Mann, da unsere Juden einen gepfefferten Bammel (fr. „frousse carabinée“, eine Argot-Redewendung: „carabinée“ nannten die Seeleute einen Wind, der so jäh und heftig kommt wie ein Karabinerschuss) bekamen. Um den Ansturm zurückzuschlagen, befahl Mose dem Josua, dem Obergeneral der Auswanderer, seine besten Soldaten zu erwählen; was ihn betraf, so stieg er in Begleitung Aarons und Hurs auf eine benachbarte Anhöhe. Während sich nun die anderen schlugen, hielt Mose die Arme zum Kreuz ausgebreitet: solange er in dieser Stellung verharren konnte, hatten die Hebräer die Oberhand; aber sobald er vor Müdigkeit die Hände wieder sinken ließ, gewannen die Feinde den Vorteil zurück; schließlich, da er nicht mehr konnte, forderte er Aaron und Hur auf, ihm die Arme bis zum Sonnenuntergang zu stützen, und das Ergebnis war, dass Josua in der Ebene dem Herzog Amalek eine so vollständige Niederlage wie nur möglich beibrachte; die Amalekiter wurden alle mit der Schärfe des Schwertes geschlagen (Exodus 17:9-13).
115. Mose erlangt vom Himmel große Siege. In Kapitel 18 sehen wir den midianitischen Hohenpriester Jethro seinem Schwiegersohn Mose einen Besuch abstatten, um ihn zu beglückwünschen. Dieser erzählte seinem Schwiegervater alle Wunderdinge des Auszugs aus Ägypten, was die Bekehrung Jethros herbeiführte. « Nun erkenne ich, rief er, dass Jehova groß ist über alle Götter. » (v. 11) Und er brachte Jehova ein Opfer dar. Bevor er nach Hause zurückkehrte, gab Jethro seinem Schwiegersohn einige Ratschläge, namentlich den, einen Teil seiner Ämter auf Unterführer abzuladen, von denen die einen tausend Mann, die anderen hundert Mann befehligten, usw. Mose fand den Rat ausgezeichnet, und alsbald wurde eine Hierarchie eingeführt. Um diese Zeit setzte Mose nach dem Vorbild der Ägypter und der anderen Völker Priester mit zahlreichen Vorrechten ein. Der Stamm Levi, dem er angehörte, wurde zur Priesterkaste, und Aaron, sein älterer Bruder, war der erste Hohepriester Jehovas. Der Kult war von da an organisiert.
116. Erfindung des Priestertums: Aaron erster Priester. All dies geschah auf Befehl Jehovas selbst, mit dem Mose auf dem Berg Sinai ins Gespräch trat. Der Schwiegersohn Jethros begab sich allein auf den Gipfel des Berges, und dort gab ihm Papa Lieber Gott zehn Gebote, die das [274] religiöse Gesetz des hebräischen Volkes sein sollten. Währenddessen war der Sinai von ebenso himmlischen wie erschreckenden Lichtscheinen umgeben, und überall hallte ein grauenhaftes Krachen wider, offenkundige Zeichen der großen Ereignisse, die sich vollzogen. Jehova diktierte auch bürgerliche Gesetze (Exodus 19-31). Diese Gespräche zwischen Mose und dem Gott der Juden waren häufig und dauerten mehrere Tage. « Und da der Herr alle seine Reden auf dem Berge Sinai vollendet hatte, übergab er [275] Mose zwei steinerne Tafeln, auf die er mit seinem göttlichen Finger sein Zeugnis geschrieben hatte, in eingegrabener Schrift. » (Exodus 31:18)
117. Mose auf dem Sinai. Während nun der Höchste mit Mose in feierlicher Konferenz war, beteten die Hebräer ein goldenes Kalb an und vergaßen dabei vollständig die mannigfaltige Sammlung der zu ihren Gunsten vollbrachten Wunder. Das Merkwürdigste an der Geschichte ist, dass dieses goldene Kalb ihnen von Aaron selbst fabriziert worden war: Aaron hatte alle goldenen Schmuckstücke der Frauen und der Töchter der Nation verlangt; man erfährt [276] nicht, welche Gießer in dieser Wüste dem abtrünnigen Hohenpriester ihre Mitwirkung liehen. Dieser Guss des kolossalen Götzen, für den eine gute Fabrik drei Monate brauchen würde, wurde in einer Nacht ausgeführt. Man kann sich die gerechte Wut des Mose denken, als er mit seinen göttlichen steinernen Tafeln unter dem Arm vom Sinai herabstieg und das goldene Kalb und die Juden erblickte, die ihm unter der Leitung Aarons mit Tänzen und fröhlichen Gesängen Opfer darbrachten. Er zerschlug die marmornen Tafeln und ließ den Götzen zerstören.
118. Das goldene Kalb. Seine Art, die sakrilegische Statue zu beseitigen, verdient die Ehren des wörtlichen Zitats: « Mose nahm das goldene Kalb, legte es ins Feuer und mahlte es, bis es zu Pulver ward; danach streute er dieses Pulver in die Wasser und ließ die Kinder Israel davon trinken. » (Exodus 32:20) Man wird zugeben, dass es nicht jedermann gegeben ist, Gold zu Pulver zu machen, indem man es ins Feuer legt; das ist ein Verfahren, dessen Geheimnis niemand anders als der erstaunliche Mose gekannt hat. Außerdem hat uns die Bibel soeben belehrt, dass sich Goldpulver, in Wasser aufgelöst, trinken lässt; auch das ist nicht banal, da sich Gold mit Schwefel auflöst; aber dann stellt man sich leicht vor, was für einen fürchterlichen Trank die Israeliten schlucken mussten. Aber das Schönste von allem ist, dass Mose dem Aaron, dem Verfertiger des Götzen, die Absolution erteilte und dass er den Leviten, die mit seinem Bruder die Schuldigsten an dieser allgemeinen Apostasie waren, befahl, sie sollten sich über das Lager ausbreiten und aufs Geratewohl niedermetzeln; dreiundzwanzigtausend Juden wurden so von eben denen abgeschlachtet, die soeben dem Götzendienst vorgestanden hatten. Besänftigt ließ Jehova Mose eine Stiftshütte bauen, das heißt eine Art besonderes Zelt, außerhalb des Lagers aufgeschlagen, um ihm die Besteigung des Sinai zu ersparen, wenn sie fortan miteinander ein Lätzchen zuzuschneiden (fr. „tailler une bavette“, eine Redewendung: lange plaudern; „bavette“ ist verwandt mit „baver“, sabbern, das im Altfranzösischen auch schwatzen hieß) hätten. So gingen die Dinge vor sich (das ist wörtlich): « Sobald Mose in die Stiftshütte hineingegangen war, kam die Wolkensäule herab und blieb an der Tür stehen; alsdann redete der Ewige mit Mose. Und alles Volk stand auf, und ein jeglicher fiel nieder. Und der Ewige redete zu Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann zu seinem vertrauten Freunde redet. » (Exodus 33:9-11) Aber Mose, der die außerordentliche Gunst nicht genügend gewürdigt hatte, die Papa Lieber Gott ihm gewährte, indem er ihm sein Angesicht zur Schau stellte, dessen Betrachtung allein den Engeln vorbehalten ist, erkühnte sich eines [277] Tages und bat Jehova, sich ihm in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Wie nahm Papa Lieber Gott diese Bitte auf? Die Handbücher der heiligen Geschichte lassen diese Stelle der Bibel sorgfältig aus. Auch hier werden wir uns also des wörtlichen Zitats bedienen: « Mose sprach zu dem Ewigen: Ich bitte dich, Herr, lass mich deine Herrlichkeit sehen. Und Gott antwortete ihm: Ich will all meine Pracht vor deinen Augen vorübergehen lassen; aber nun wirst du mein Angesicht nicht mehr sehen können, denn kein Mensch wird mich hinfort sehen, ohne zu sterben. Aber siehe, so wirst du meine Herrlichkeit sehen können: du sollst dich auf den Felsen stellen, der da ist, und dieser Felsen hat eine Spalte, in die du deinen Kopf versenken sollst; alsdann wird meine Herrlichkeit auf der anderen Seite des Felsens vorübergehen. Ich will zuerst deine Augen mit meiner Hand bedecken, bis meine Herrlichkeit in ihrem ganzen Glanze ist; danach will ich meine Hand zurückziehen, und du wirst meinen Hintern sehen; aber mein Angesicht, das wirst du nicht sehen. » (Exodus 33:18-23) Da die Tafeln des Gesetzes zerschlagen worden waren, war Papa Lieber Gott so gütig, seinen Dekalog abermals einzugraben. Jedoch wurde die zweite Auflage, ohne dass man wüsste, warum, nicht in der Stiftshütte hergestellt; man muss also glauben, dass diese Arbeit sich nur auf dem Sinai vollziehen konnte, wohin Mose zurückkehren musste; er verharrte dort vierzig Tage und vierzig Nächte, ohne zu trinken noch zu essen. « Als nun Mose vom Berge herabstieg, bemerkte er nicht, dass seine Stirn zwei Strahlenhörner hatte; aber Aaron und alle Israeliten sahen es, und sie fürchteten sich, ihm zu nahen. » (Exodus 34:29-30) Ebenso begab es sich, wenn Mose aus der Stiftshütte herauskam; das ist der Grund, weshalb man ihn auf den Bildern immer mit zwei Strahlenbüscheln darstellt, die Hörnern gleichen. („zwei Strahlenhörner“ — fr. „deux cornes de rayons“: Das hebräische Verb kann ebenso gut „strahlen“ wie „Hörner tragen“ bedeuten. Die Vulgata hat die Lesart der Hörner bewahrt, der Michelangelo seinen gehörnten Mose verdankt, und Voltaire übersetzt sie mit „sein Angesicht war gehörnt“; die französischen Bibeln sagen wie die Lutherbibel, dass sein Angesicht glänzte, und Taxil vermischt beide Lesarten.) Der Exodus schließt mit sechs Kapiteln (35-40), von denen es genügen wird, die Inhaltsangaben zu zitieren: « Gesetz vom Sabbat. Von den Gaben für die Stiftshütte. — Freigebigkeit des Volkes bei den Gaben. Die Stiftshütte. — Die Lade. Der Gnadenstuhl. Der Tisch der Schaubrote. Der Leuchter. Der Altar des Räucherwerks. Das heilige Öl und das Räucherwerk. — Verschiedene Stücke der Stiftshütte. — Beschreibung der heiligen Kleider. — Die Stiftshütte aufgerichtet und geheiligt. » All die kleinen Einzelheiten, die Jehova im Gespräch mit Mose regelte, bieten heute keinerlei Interesse mehr. Ebenso verhält es sich mit dem Levitikus, dem dritten Buch der Bibel, das siebenundzwanzig Kapitel zählt. An Episoden enthält dieses Buch [278] nur die Beschreibung der Konsekration Aarons und seiner Söhne (ch. 8) und die jammervolle Geschichte von Nadab und Abihu, die, nachdem sie ihr Räucherfass mit dem erstbesten Feuer angezündet hatten, lebendig verbrannt wurden durch Flammen, die Jehova plötzlich vor sich im Heiligtum hervorkommen ließ (ch. 10). Der Levitikus ist in Wirklichkeit eine lange und ermüdende Aufzählung der verschiedenen Kategorien von Opfern und der Zeremonien, von denen sie begleitet sein müssen. Der heilige Verfasser formuliert darin die Gesetze [279] über das Priestertum, über die Brandopfer, über die reinen und unreinen Tiere, über die Befleckungen verschiedener Art, insbesondere über den Aussatz und die Aussätzigen, über die Heiligkeit der Priester, über die Feste, über die Gabe der Kuchen und der Erstlingsfrüchte, über die Lampen des Heiligtums, über verschiedene Reinigungen, namentlich die der Wöchnerinnen, über die Gotteslästerung, die Todesstrafe, das Jubeljahr, die Lösung der Gelübde usw. Ein beträchtlicher Abschnitt enthält kaum etwas anderes als Verordnungen [280] über die Pflichten des bürgerlichen Lebens. Es ist ein zusammenhangloser Haufen von höchst absonderlichen Vorschriften, deren Lektüre man nicht unternehmen kann, ohne so zu gähnen, dass man sich den Kiefer aushakt. Da drinnen wird der Hase, ein für unrein erklärtes Tier, ebenso wie das Kaninchen als « Wiederkäuer » bezeichnet (Levitikus 11:5-6); der heilige Verfasser hat die Bewegung ihrer Lippen für die Tätigkeit des Wiederkäuens gehalten. Er erklärt zum Gräuel « jedes Tier, das da fliegt und vier Füße hat » (v. 23); es ist verboten, unter irgendeinem Vorwand von diesen Tieren da zu essen; das glaube ich wohl! um Vögel mit vier Beinen zu essen, müsste man sich von Leinwand und Stein ernähren, da solche Ungeheuer nur in den Gemälden und Skulpturen von hoher Phantasie existieren. Die Heuschrecke wird für unrein erklärt, was den heiligen Johannes den Täufer nicht hinderte, sich zu der Zeit, als er den Messias ankündigte, von ihr zu nähren. Im Levitikus werden die Geschlechtskrankheiten vom religiösen Standpunkt aus studiert, und über diesen Gegenstand ist der heilige Verfasser, der ganz und gar ekelhaft geworden ist, unerschöpflich. Eine gewisse Anzahl dieser heiligen Schweinereien ist außerdem höchst grotesk, wie diese hier: « Wenn ein Mann, der einen Ausfluss hat, auf eine gesunde Person speit, so soll diese für unrein gelten bis zum Untergang der Sonne » (Levitikus 15:8); aber dieser Herr, der mit dem fraglichen Ausfluss behaftet ist, kann sich religiös reinigen. Sie glauben vielleicht, die Bibel verschreibt ihm etwas Kopaivabalsam? (fr. „copahu“: im 19. Jahrhundert das gewöhnliche Mittel gegen solche Ausflüsse) Nein, Sie haben es nicht erraten! « Der Mann, der einen Ausfluss hat, soll sieben Tage zählen zu seiner Reinigung; er soll seine Kleider waschen und auch sein Fleisch mit lebendigem Wasser. Und am achten Tage soll er zwei Turteltauben oder aber zwei junge Tauben nehmen; er soll ins Heiligtum kommen und sie dem Priester geben. » (Levitikus 15:13-14) Mehrere Verbote sind ausgezeichnet. Man muss gerechterweise zugeben, dass der Gesetzgeber sich keineswegs scheut festzustellen, dass die Sitten der Nachfahren Jakobs damals grauenhaft waren; die Kopulation mit Tieren wird als eine Sünde gebrandmarkt, die sich in Israel nicht wiederholen darf. Die Androhung der Kapitalstrafe wird in Kapitel 20 bis zum Überdruss gegen alle Formen der Liederlichkeit wiederholt, und zwar so oft, dass Jehova (denn er ist es, der spricht) schließlich sogar sagt: « Wenn ein Mann bei einem Weibe gelegen hat, das ihre Regel hat, so sollen sie beide aus der Mitte meines Volkes herausgeschnitten werden. » (v. 18) [281] Hier sind zum Schluss einige Empfehlungen, die eine Vorstellung von dem Stil geben werden, in dem dieser erhabene Levitikus abgefasst ist; man kann dies gar nicht ehrfürchtig genug lesen, da es Gott selbst ist, der diese Sprache führt: « Niemand soll sich der nahen, die seine nahe Verwandte ist, ihre Blöße aufzudecken. Ich bin der Ewige! — Du sollst die Blöße deines Vaters nicht aufdecken, noch die Blöße deiner Mutter; da dieses Weib deine Mutter ist, so achte ihre Blöße. — Du sollst die Blöße des Weibes deines Vaters nicht aufdecken; denn diese Blöße gehört deinem Vater (fr. „appartient à ton père“: die Bibel Ostervalds hat „c’est la nudité de ton père“, es ist deines Vaters Blöße, und ebenso bei den anderen Verwandten: die Blößen, die jemandem „gehören“, sogar „dir“, stammen von Taxil). — Du sollst die Blöße deiner Schwester nicht aufdecken, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, im Hause geboren oder außer dem Hause; nein, du sollst ihre Blöße nicht aufdecken. — Was die Blöße der Tochter deines Sohnes oder der Tochter deiner Tochter angeht, obgleich diese Blöße dir gehört, so sollst du sie nicht aufdecken. — Du sollst die Blöße der Tochter des Weibes deines Vaters nicht aufdecken, die deinem Vater geboren ist; sie ist deine Schwester. — Du sollst die Blöße der Schwester deines Vaters nicht aufdecken; sie ist deines Vaters nahe Verwandte. — Du sollst die Blöße der Schwester deiner Mutter nicht aufdecken; sie ist deiner Mutter nahe Verwandte. — Du sollst dich nicht dem Weibe des Bruders deines Vaters nahen, ihre Blöße aufzudecken; dieses Weib ist deine Tante. — Du sollst die Blöße deiner Schwiegertochter nicht aufdecken; denn diese Blöße gehört, nicht dir, sondern deinem Sohne. — Du sollst die Blöße deiner Schwägerin nicht aufdecken; denn diese Blöße gehört deinem Bruder. — Du sollst nicht zugleich die Blöße eines Weibes und die Blöße ihrer Tochter aufdecken; denn, wenn du bei der Mutter liegst, so wird die Tochter deine nahe Verwandte. Und wenn das Weib, bei dem du liegst, alt ist (fr. „est vieille“: die Bibel Ostervalds hat nur „et tu ne prendras point la fille de son fils, ni la fille de sa fille“, und du sollst nicht die Tochter ihres Sohnes noch die Tochter ihrer Tochter nehmen; die alte Geliebte, die die Enkelinnen erklärt, ist Taxils Zusatz), so sollst du nicht die Tochter ihres Sohnes oder die Tochter ihrer Tochter an dich ziehen, ihre Blöße aufzudecken; denn auch sie sind deine nahen Verwandten. — Du sollst auch nicht ein Weib samt ihrer Schwester nehmen, bei beiden zu liegen; denn, indem du die Blöße der einen vor der anderen aufdeckst, würdest du sie betrüben ihr Leben lang. » (Levitikus 18:6-18) Das Buch Numeri ist so benannt, weil die vier ersten Kapitel die Zählung der Hebräer in der Wüste umfassen, im zweiten Monat des zweiten Jahres der Reise. Für den Stamm Levi erstreckte sich die Volkszählung auf alle Männlichen vom Alter eines Monats an, und ihre Zahl wird [282] mit 22.000 angegeben; aber diejenigen unter ihnen, die mit dem Dienst der Stiftshütte beauftragt wurden, waren die Leviten im Alter von dreißig bis fünfzig Jahren; sie sind mit 8.580 aufgeführt. Was die anderen Stämme betrifft, so nahm Mose in seine Statistik nur die Männlichen im Alter von zwanzig Jahren und darüber auf, die imstande waren, die Waffen zu tragen: Stamm Ruben, 46.500; Simeon, 59.300; Gad, 45.650; Juda, 74.600; Isaschar, 54.400; Sebulon, 57.400; Ephraim, 40.500; Manasse, 32.200; Benjamin, 35.400; Dan, 62.700; [283] Asser, 41.500; Naphthali, 53.400; also im Ganzen 603.550 Kämpfer. Im Großen und Ganzen erzählen die übrigen zweiunddreißig Kapitel des Buches die Fortsetzung der Reise der Juden. Indessen findet man darin noch ebenso peinlich genaue wie eintönige Bestimmungen; die Hälfte von Kapitel 8 ist der Art und Weise gewidmet, die Lampen anzuzünden! In Numeri findet man ein Rezept, das den eifersüchtigen Ehemännern zu empfehlen ist, die sich für Hahnreie halten, [284] obgleich sie ihre Frau nicht auf frischer Tat haben erwischen können. « Jehova, wieder zu Mose redend, sprach zu ihm: Wenn ein Weib ihren Mann verachtet und bei einem andern gelegen hat, und ihr Mann sie nicht hat überraschen können, und Zeugen sie des Ehebruchs nicht überführen können, so soll man das also verdächtigte Weib vor den Priester führen, und der Mann soll dem Priester zuvor die Gabe eines Kuchens darbringen, der aus gutem Gerstenmehl bereitet ist. Alsdann soll der Priester heiliges Wasser nehmen, das er in ein irdenes Gefäß tun soll, und er soll ein wenig Staub vom Boden der Stiftshütte darein mischen. Darauf soll er das Weib beschwören und zu ihr sagen: Hast du bei keinem andern gelegen als bei deinem Manne, so wird dir dieses Wasser, das du trinken wirst, nichts Übles tun; hast du dich aber der Ausschweifung ergeben, so diene das Übel, mit dem du geschlagen werden wirst, dem Volke zum Exempel. Und der Priester soll das Weib mit einem Fluchschwur schwören lassen; er soll ihr das Übel sagen, das ihr droht, wenn sie schuldig ist, und sie soll antworten: Amen. Und nachdem er sie das Wasser hat trinken lassen, wenn es wahr ist, dass sie sich verunreinigt hat in Treulosigkeit gegen ihren Mann, so wird dieses Wasser, da es voll Fluches ist, ihr bitter sein; alsbald wird ihr Bauch schwellen, und das Fleisch eines ihrer Schenkel wird in Fäulnis übergehen; so wird sie ihre Züchtigung empfangen, inmitten des Volkes. Ist sie dagegen ihrem Manne treu geblieben, so wird ihr das Wasser der Eifersucht nichts Übles verursachen, und infolge dieser Prüfung wird sie Kinder haben. » (Numeri 5) Nach der Volkszählung und dem Diktat verschiedener Bestimmungen setzte man sich endlich wieder in Marsch; auf Befehl Jehovas hatte Mose zwei silberne Trompeten fabrizieren lassen, um das Zeichen zum Aufbruch zu geben. In diesem neuen Abschnitt der Reise murrten die Hebräer, die das Manna für ihre Nahrung unzureichend fanden, und forderten Fleisch. Sieh da! aber nebenbei, hatte uns der göttliche Tauber nicht im Exodus (Exodus 12:38) gesagt, dass unsere Auswanderer, als sie Ägypten verließen, eine staunenswerte Zahl von Ochsen und unzählige Herden mitnahmen? Bei mehreren Gelegenheiten hatte sich Papa Lieber Gott die Erstgeborenen der Schafe opfern lassen, während man sich mindestens ein ganzes Jahr in der Gegend des Sinai aufhielt; außerdem brachten Aaron und die Leviten zur Zeit ihrer Apostasie dem goldenen Kalb Brandopfer dar. Also mit einem Mal verschwunden, die unzähligen Herden?... [285] Man muss eingestehen, dass man da nichts mehr versteht: Wenn der Heilige Geist von den Opfern erzählt, die in der Wüste dargebracht wurden, hat das hebräische Volk sein ganzes Vieh, das es aus Ägypten mitgenommen hat; aber wenn seine Erzählung zu anderen Tatsachen übergeht, da wird eben dieses Volk so dargestellt, als sei es darauf angewiesen, sich von Manna zu nähren. Wir werden nicht unterstellen, dass der göttliche Tauber sich widerspricht; das wäre eine Gotteslästerung: Wir sind also gezwungen zu schließen, dass Jehova die unzähligen Herden in Form von Brandopfern gefuttert hatte und dass der Heilige Geist vergessen hat, es ausdrücklich zu sagen. Wie dem auch sei, da die Hebräer bei ihrem Aufbruch aus der Gegend des Sinai mit Horn und mit Geschrei (fr. „à cor et à cris“, eine Redewendung: lautstark und beharrlich; das Bild kommt von der Hetzjagd, die mit dem Jagdhorn und mit Rufen geführt wird) Fleisch verlangten, so heißt das, dass sie keinen Ochsen mehr hatten, kein Schaf mehr, keinen Hammel mehr, kein Lamm mehr. Mose teilte Jehova diese Forderungen mit. « Da erweckte der Ewige einen großen Wind, der, von jenseits des Schilfmeers blasend, Wachteln herbeibrachte und sie in so reichlicher Menge im Lager und rings umher ausstreute, dass sie fast zwei Ellen hoch auf der Erde lagen. » (Numeri 11:31) Papa Lieber Gott war das seinem Volk auch schuldig, das ihm seine unzähligen Herden geopfert hatte. Man kann sich denken, wie fröhlich die Hebräer waren und wie sie Schlemmerei trieben! « Aber da das Fleisch der Wachteln noch zwischen ihren Zähnen war, ehe sie es gekaut hatten, entbrannte der Zorn des Ewigen gegen das Volk und schlug es mit einer grässlichen Plage. Und man nannte diesen Ort Kibroth-Taava, das heißt Grab der Leckermäuler; denn man begrub daselbst Tausende von denen, die Fleisch hatten essen wollen » (Numeri 11:33-34). Von verblüffendem Meschuggismus (fr. „maboulisme“, ein Argot-Wort: ein pseudomedizinischer „-ismus“ aus „maboul“, verrückt, das die Armee aus Algerien mitbrachte, vom arabischen „mahbûl“, hirnlos), entschieden, der Herr Jehova!... Nun hatten Aaron und Mirjam nicht gebilligt, dass ihr Bruder Mose eine Äthiopierin heiratete. Eines Tages, als man sich in Hazeroth befand, wohin sich das hebräische Volk beim Verlassen von Kibroth-Taava begeben hatte, tauschten die beiden unter sich abfällige Bemerkungen über ihre Schwägerin Zippora aus; aber sie wurden alsbald von Papa Lieber Gott scharf gerügt, der in seiner Wolkensäule zu ihnen sprach, ohne sich sehen zu lassen. Außerdem erhielt Mirjam eine strenge Bestrafung: Als der Ewige seine Strafpredigt beendet hatte, war die Schwester Moses ganz mit Aussatz bedeckt; jedoch willigte Papa Lieber Gott auf die inständigen Bitten Moses ein, [286] diese Krankheit nur sieben Tage dauern zu lassen (ch. 12). Beim Aufbruch von Hazeroth nahm man die Richtung nach Norden. Die Gegend, in die unsere Auswanderer einzogen, wird in der Bibel « Wüste Pharan » genannt; es ist der östliche Teil der Halbinsel Sinai, gelegen zwischen dem Ende der Kette des Djebel-et-Tyh und den Bergen von El-Samghi und El-Chafa; dort fließt der Fluss Aïn, der sich in den Golf von Akabah ergießt. Der heilige Verfasser setzt in diese Gegend ein neues Land [287] Midian. Mose ließ haltmachen und schickte zwölf Spione auf Erkundung aus, einen aus jedem Stamm; diese Kundschafter gingen bis nach Hebron, westlich vom Toten Meer, mitten im Lande Kanaan, das damals von den Amoritern besetzt war. Sie kehrten nach Ablauf von vierzig Tagen zurück und erstatteten ihren Bericht: Sie brachten zur Bekräftigung ihrer Aussagen prächtige Früchte mit, wie Granatäpfel, Feigen, Trauben; eine Weintraube war so groß, dass mehrere Männer nötig waren, um sie zu tragen.
119. Die Früchte des Gelobten Landes. [288] Das war der unbestreitbare Beweis für die Fruchtbarkeit des Gebietes, dessen sich unsere Auswanderer zu bemächtigen trachteten. Andererseits war der Bericht der Spione wie eine Dusche aus eiskaltem Wasser, die ihre Gelüste augenblicklich abkühlte. Nirgends haben wir jemals so schöne Früchte gesehen, sagten die Spione; aber die Einwohner des Landes sind Burschen von der allerrobustesten Art, und sie haben Städte, die von festen Mauern umschlossen sind. « Wir haben daselbst sogar Nachfahren Enaks gesehen, das heißt Riesen, vor denen wir nur wie Heuschrecken erscheinen. » Zehn der zwölf Spione kamen zu dem Schluss, dass es nicht gut wäre, sich an diesen Kerlen da zu reiben (fr. „se frotter à“, eine Redewendung: jemanden angreifen, es mit ihm aufnehmen), und das Volk pflichtete ihnen völlig bei. Nur Josua und Kaleb meinten, das Land, das sie soeben gesehen hatten, sei zu schön, als dass man nicht versuchen sollte, es zu erobern; kurz, sie sagten rundheraus, dass das Spiel die Kerze wert sei (fr. „le jeu en valait la chandelle“, eine Redewendung: die Sache lohnte die Mühe; gemeint ist die Kerze, die den Spielern leuchtete) und dass man den Coup wagen müsse. Da aber ihre Begeisterung von ihren Landsleuten nicht geteilt wurde, erklärte Papa Lieber Gott dem hebräischen Volk, dass sie, da es sich so verhalte, alle sterben würden, bevor sie am Ziel ihrer Reise ankämen, mit Ausnahme von Josua und Kaleb. Einige Tage danach erschienen Amalekiter und Kanaaniter und verabreichten den Juden eine Abreibung von der allerbesten Beschaffenheit. (Numeri 13, 14) Unter den Vorfällen, die das Buch Numeri berichtet, findet sich die Verschwörung Korahs, Dathans und Abirams, die mit zweihundertfünfzig Kameraden der Ansicht waren, dass Mose und Aaron unrecht hätten, sich über alle anderen Leviten zu stellen. Diese drei Gestalten wurden mit einem Mal verschluckt, da die Erde sich unter ihren Füßen aufgetan hatte; sie verschwanden samt ihren Familien; und die zweihundertfünfzig Juden ihrer Partei wurden augenblicklich von mirakulösen Flammen verschlungen, die unter ihren Füßen aus dem Boden hervorkamen. Überdies verhängte der Ewige, um die Gemüter des Volkes besser zu treffen, eine Plage über vierzehntausendsiebenhundert Auswanderer, die sich nicht an dem Komplott beteiligt hatten; diese Unglücklichen starben daran, und die Leviten verbrannten Räucherwerk (Numeri 16). Worauf Mose auf Befehl Jehovas die Häupter der Stämme aufforderte, ihm eine Rute aus dürrem Holz zu bringen, ähnlich der Rute, die Aaron stets bei sich trug; auf jede [289] Rute schrieb man den Namen eines Stammes; dann legte man sie zusammen in der Stiftshütte nieder, und unter diese zwölf Ruten mischte man eine dreizehnte, die der Stamm Levi darbrachte und auf die der Name Aarons eingeschrieben wurde. Am folgenden Tag hatte zur großen Überraschung aller die Rute des Stammes Levi geblüht, während die Ruten der zwölf anderen Stämme ihr Aussehen nicht verändert hatten; sie war voller Blüten, und sogar ganz reife Mandeln waren daran gewachsen. Dieses Wunder zeigte deutlich an, dass der Ewige Aaron in seinem Priestertum bestätigte; das Volk erklärte sich überzeugt und versprach, auf die Leviten nicht mehr eifersüchtig zu sein (Numeri 17). Da dieses Wunder genügen sollte, warum hatte Gott durch eine grässliche Plage vierzehntausendsiebenhundert Männer zu Tode gebracht, die an dem Komplott ganz unschuldig waren? Man wird nicht vergessen haben, dass die Hebräer gar kein Fleisch mehr hatten; aber da wünschte sich Jehova ein neues Opfer. Er hatte Lust darauf, dass man ihm eine junge rote Kuh ohne jeden Fehler, die nie das Joch getragen hätte, als Brandopfer darbrächte. Kaum war dieser Wunsch ausgesprochen, da erwählten unsere Auswanderer unter ihren Herden — sie hatten also mit einem Mal welche? — die schönste rote Kuh, welche die erforderlichen Bedingungen erfüllte, und führten sie dem Opferpriester Eleasar zu (Numeri 19). In Kapitel 20 sind die Reisenden am Fuß des Djebel-Halal angelangt. Man hält in Kades an; Mirjam stirbt dort, und man begräbt sie. An diesem Ort fehlte es an Wasser. Neues Murren des Volkes; neuer Fels, dem Mose einen Rutenschlag versetzt; neues Wunder. « Da kamen Wasser aus dem Felsen im Überfluss, und die Hebräer tranken, und ihre Tiere auch » (v. 11). Kein Irrtum, nicht wahr? unsere Auswanderer hatten jetzt ihre Herden. — Da sie ihren Weg nach Norden durch das Land der Idumäer fortsetzen wollten, traten sie mit dem König von Edom in Unterhandlungen; aber dieser weigerte sich, sie sein Gebiet durchqueren zu lassen, und sie mussten einen Umweg machen. Während sie, nach rechts abgebogen, am östlichen Abhang der Kette der Berge Seir entlangzogen, sagte Papa Lieber Gott zu Mose, er solle mit Aaron und dessen Sohn Eleasar auf den Berg Hor klettern: Oben auf dem Gipfel des Berges angelangt, zog Mose den göttlichen Vorschriften gemäß Aaron seine Kleider aus, bekleidete Eleasar damit, und alsbald starb Aaron. Er war [290] hundertdreiundzwanzig Jahre alt. Heutzutage zeigen die Muselmanen den Touristen das Grabmal Aarons, auf dem Gipfel des Hor, in 1.329 Metern Höhe; das Monument ist in Wirklichkeit ein mohammedanisches Heiligtum; was das Grabmal selbst betrifft, so ist es ein absolut moderner Sarkophag. In diesem kanaanitischen Landstrich regierte ein gewisser König von Arad, der, sobald er von der Ankunft der Israeliten erfuhr, zu Felde zog, ihr so zahlreiches Heer schlug und unter ihnen [291] Gefangene machte. Zutiefst betrübt richtete das jüdische Volk an Jehova ein Gebet: « Herr, riefen die Hebräer, wenn du uns den Sieg über diese Nation gibst, so geloben wir, ihre Städte zu zerstören! » Und Gott erhörte sein Volk. Bei einem zweiten Zusammentreffen besiegten die Auswanderer die Kanaaniter, rotteten sie aus und vollbrachten ihr Werk der Zerstörung an den Städten des Königreichs Arad. Daraufhin kehrten sie, statt sich im Lande niederzulassen, um und [292] zogen, man weiß nicht warum, wieder zum Roten Meer hinab. Der heilige Verfasser erklärt diesen seltsamen Marsch in keiner Weise. Als die Reisenden in die Wüste zurückgekehrt waren, sandte ihnen Papa Lieber Gott zur Zerstreuung « brennende Schlangen, die das Volk so sehr bissen, dass eine große Zahl derer von Israel daran starb ». Da fabrizierte Mose eine eherne Schlange und setzte sie oben auf eine Stange; und wer immer von einer der brennenden Schlangen gebissen worden war, brauchte nur die eherne Schlange anzusehen, um geheilt zu werden. (Numeri 21:6-9) Nachdem sie durch Berge und durch Täler spaziert waren, kehrten die Hebräer nach Norden zu den Amoritern zurück, die vom König Sihon regiert wurden, dem sie eine blutige Niederlage beibrachten; diese Nation wurde gänzlich mit der Schärfe des Schwertes geschlagen. Dann wurde auch Og, der König von Basan, besiegt und abgeschlachtet, samt allen seinen Untertanen; das Volk Gottes setzte sich in den Besitz dieses neuen Gebietes. Die Auswanderer aus Ägypten waren damals an einen Ort gelangt, den die Bibel Ijje-Abarim nennt, in geringer Entfernung vom Südende des Toten Meeres; sie hatten eine kleine Bergkette zu überqueren, die dem Landstrich als Grenze dient, der von den Nachfahren jenes Moab besetzt war, den einst der Patriarch Lot zeugte, als er seine ältere Tochter ehelichte in einer Nacht der Suffographie (fr. „soulographie“, ein Argot-Wort: von den Buchdruckern aus „soûl“, betrunken, nach dem Muster von „typographie“ gebildet, als wäre das Sichbetrinken eine Kunst); nun war der Landstrich der Moabiter im Osten vom Lande Midian begrenzt (das ist das dritte!), und Midianiter und Moabiter lebten als ausgezeichnete Nachbarn. Man fragt sich, warum Mose die Hebräer in diese Gegend führte; denn was war schließlich das Ziel der Reise? Wenn man dem Exodus glauben darf, schleppte der Prophet mit den strahlenden Hörnern die Mumie Josephs mit sich herum, die zu einer endgültigen Beisetzung in der famosen Höhle Machpela bestimmt war, das heißt in Hebron, im Gebiet von Kanaan, westlich vom Toten Meer. Nun, die Straße war auf dieser Seite frei, da die Amoriter, die den schlechten Einfall gehabt hatten, aus ihrem Königreich herauszukommen, um sich der jüdischen Invasion entgegenzustellen, soeben alle ausgerottet worden waren; es blieb also nur noch übrig, sich dort niederzulassen, es war ein Teil des Gelobten Landes. Stattdessen nimmt Mose seine Landsleute in die Gegend östlich vom Toten Meer mit, außerhalb des Landes Kanaan. Verstehe es, wer kann! [293] Wie dem auch sei, als der König der Moabiter, namens Balak, vom Marsch der Hebräer auf seine Hauptstadt erfuhr, beeilte er sich, mit seinen Ministern und mit den weisesten Magistratspersonen der Midianiter, seiner Verbündeten, Rat zu halten. Folgender Beschluss wurde gefasst: Es gab zu jener Zeit in der Stadt Pethor einen gewissen Bileam, Sohn Beors, dessen Metier es war, wahrzusagen und die bösen Zauber zu bannen; man entschied, eine Abordnung zu Bileam zu senden, um eine seiner besten Segnungen zugunsten der Moabiter und der Midianiter zu erlangen, während er einen gehörigen Fluch gegen die Hebräer formulieren würde. Bileam weigerte sich zunächst, hinzugehen und den König Balak, sein Volk und seine Verbündeten zu segnen. Da er indessen am Ende zu verstehen glaubte, dass der Ewige ihm gestatte, den Wünschen des Monarchen zu willfahren, machte er sich mit der Deputation auf den Weg, die gekommen war, ihn zu holen. Er zog also seines Weges, hoch oben auf seiner Eselin sitzend, als diese mit einem Mal einen mit einem Schwert bewaffneten Engel erblickte, der ihr die Straße versperrte. Die Eselin also flugs in ein Feld, um dem Engel auszuweichen. « Und Bileam schlug sein Reittier, um es in den Weg zurückkehren zu lassen. Aber der Engel blieb in einem Weinbergpfad stehen, der eine Wand hüben hatte, und eine drüben. Und die Eselin, da sie den Engel wieder sah, drängte sich an die Mauer, und, indem sie sich drängte, klemmte sie den Fuß Bileams, der fortfuhr, sie zu schlagen. Und der Engel ging noch weiter und blieb an jenem engen Ort stehen, wo es kein Mittel gab, sich abzuwenden, weder zur Rechten noch zur Linken. Die Eselin, da sie den Engel noch immer sah, stürzte unter Bileam nieder, und dieser schlug sie im Zorn stärker als je mit seinem Stabe. Da öffnete der Herr den Mund der Eselin, die zu Bileam sprach: Was habe ich dir getan? warum hast du mich dreimal geschlagen? Bileam antwortete ihr: Darum, weil du es verdient hast; du hast mir den Fuß zerdrückt. Hätte ich doch ein Schwert in der Hand! Ich würde dich jetzt töten. Die Eselin erwiderte: Bin ich nicht deine Eselin, die du allezeit geritten hast bis auf den heutigen Tag? Sage mir, ob ich pflege, also zu tun? — Nein, sprach Bileam. Da öffnete der Ewige die Augen Bileams, und er sah, vor sich im Wege, den Engel, der seinen Säbel hielt, aus der Scheide gezogen; und Bileam warf sich nieder, das Angesicht zur Erde. Der Engel sprach zu Bileam: Ich bin ausgegangen, um mich dir entgegenzustellen; denn du gehst einen [294] bösen Weg; und hätte sich deine Eselin nicht von mir abgewandt, so hätte ich dich getötet; sie aber hätte ich am Leben gelassen. Bileam antwortete dem Engel: Gefällt es dir nicht, dass ich dorthin ziehe, so will ich wieder umkehren. Der Engel sprach zu ihm: Nein, du kannst deinen Weg fortsetzen; zieh mit diesen Männern; aber du sollst nur die Worte aussprechen, die Jehova durch deinen Mund sagen wird. Also zog Bileam mit den Fürsten, die von Balak gesandt worden waren. » (Numeri 22:23-35) Der Schluss [295] war, dass das israelitische Volk dreimal durch den Mund Bileams gesegnet wurde, zur großen Wut des Königs der Moabiter, der ausrief: « Ich hatte dich rufen lassen, um meinen Feinden zu fluchen, und du hast sie gesegnet! So kehre denn in dein Land zurück. Ich hatte beschlossen, dich mit Ehren und Geschenken zu überhäufen; darum kannst du dir sagen, dass es der Gott Jehova ist, der dich darum gebracht hat. » (Numeri 24:10-11) Wir werden bald sehen, wie die Hebräer Bileam für seine Segnungen belohnten. [296] Zunächst hielt der König Balak seinen Zorn zurück, und das Kapitel 25 zeigt uns die Nachfahren Jakobs ganz ruhig unter den Moabitern und den Midianitern niedergelassen. Dieses Heer von sechshunderttausend jüdischen Kämpfern, das zum Niedermetzeln der Untertanen und der Verbündeten Balaks bereit war, denkt nicht mehr an Schlachten; ohne Waffenstillstand, ohne die mindesten Präliminarien ist der Friede geschlossen; das hebräische Volk mischt sich vertraulich unter das midianitische und moabitische Volk. « Da wohnte Israel in Sittim, und das Volk Gottes fing an, bei den Töchtern Moabs zu liegen. Diese Weiber luden die Hebräer zu den Opfern ihrer Götter; sie beteten dieselben Götter an, Israel nahm den Kult des Baal-Peor an. » (Numeri 25:1-3) Das passte den Leviten nicht, die man für ihre Konkurrenten, die götzendienerischen Priester, sitzen gelassen hatte. Als daher Pinehas, der Sohn des Hohenpriesters Eleasar, eines Tages einen Juden namens Simri in das Haus der schönen Kosbi, einer Midianiterin, hineingehen sah, stürzte er dort hinein in dem Augenblick, als sie gerade dabei waren, Hurerei zu treiben, und durchbohrte sie mit ein und demselben Stoß eines langen Wurfspießes. Kurz zuvor hatte Jehova seinem Volk eine Plage gesandt, um es zu bestrafen; vierundzwanzigtausend Männer waren schon an dieser Plage gestorben. Der Wurfspießstoß des Pinehas bereitete also dem Papa Lieber Gott eine große Freude, der augenblicklich die Krankheit zum Stillstand brachte (Numeri 25:6-9). Jedoch befahl der Herr Jehova Mose, eine allgemeine Ausrottung der Moabiter und der Midianiter vorzubereiten. Ehe er dieses schöne Vorhaben zur Ausführung brachte, ließ Mose eine neue Volkszählung vornehmen; denn es war damals achtunddreißig Jahre her, dass man das Land des Sinai verlassen hatte und von Kibroth-Taava und von Hazeroth aufgebrochen war. Während dieser achtunddreißig Jahre hatte sich das Volk Gottes erneuert, da Jehova Sorge getragen hatte, die Auswanderer zu benachrichtigen, dass keiner von denen, die beim Aufbruch aus Ägypten zugegen gewesen waren, in das Gelobte Land kommen würde, mit der einzigen Ausnahme von Josua und Kaleb. Trotz der Verluste von dreiundzwanzigtausend Männern, die wegen der Affäre des goldenen Kalbes abgeschlachtet wurden, von vierzehntausend an einer Plage Gestorbenen wegen des Zwischenfalls Korah-Dathan-Abiram und von vierundzwanzigtausend ebenfalls an einer nicht näher bezeichneten Plage Gestorbenen zur Bestrafung der Hurerei mit den moabitischen und midianitischen Mädchen, ohne die Tausende mitzurechnen, die im Grab der Leckermäuler begraben oder von den brennenden Schlangen getötet wurden, wies die Statistik des Mose eine Gesamtzahl von [297] sechshunderteintausendsiebenhundertdreißig waffenfähigen Männern aus, die Leviten nicht inbegriffen, dreiundzwanzigtausend an der Zahl (ch. 26). Wenn man nun diesen in achtunddreißig Jahren zurückgelegten Weg untersuchen will, so stellt man wieder einmal fest, wie sehr sich der göttliche Tauber über die andächtigen Glaubenden lustig macht. Denn nichts ist leichter, als den Israeliten auf ihrer angeblichen Reise zu folgen, indem man sich entweder auf einen Reiseführer für Touristen stützt — zum Beispiel auf den Baedeker (Reiseführer, begründet von dem Deutschen Karl Baedeker, im 19. Jahrhundert der gewöhnliche Führer des Touristen), Handbuch des Reisenden in Palästina und in Syrien — oder auf die Werke der Gelehrten, wie Salomon Munk, Delaborde, Burckhardt, von Raumer, Bertou usw., die an die Orte selbst gegangen sind, um die hauptsächlichen Punkte der berühmten Reiseroute zu verzeichnen; denn der Aberglaube hat im Lande eine Legende aufrechterhalten, welche die Araber ebenso gut wie die Juden angenommen haben, da Mose zu den vom Islam anerkannten Propheten zählt, und der muselmanische Fanatismus steht dem der anderen Religionen, welche die Bibel zum heiligen Buch haben, in nichts nach. Die Karten von Élisée Reclus und die von Kiepert und Lionnet (Bibel-Atlas) sind ebenfalls ein kostbares Hilfsmittel für jeden, der sich über die Flunkereien des Heiligen Geistes klar werden will. So wollen wir denn aus Neugier eine moderne Reiseroute nachzeichnen, von Hazeroth, dem Ausgangspunkt in der Gegend des Berges Sinai, bis zum Berg Nebo, wo Mose angesichts des Gelobten Landes starb, über den Berg Hor, wo Aaron starb, und durch das Land der Moabiter. Hazeroth (heute Aïn-el-Hahdrah) liegt auf der sinaitischen Halbinsel, in geringer Entfernung von der Westküste des Golfs von Akabah, der im Altertum Meer von Elath genannt wurde. Elath liegt am Ende des Golfs; seine Ruinen sieht man bei Akabah; dort beginnt das lange Tal der Arabà, das sich bis zum Djebel-Ousdoum erstreckt, am südwestlichen Ende des Toten Meeres. Von Hazeroth bis Elath sind es 148 Kilometer. Wenn man ohne Eile marschiert, mit nur 8 Kilometern am Tag (zwei Stunden Marsch und zweiundzwanzig Stunden Ruhe!), macht das eine erste Wegstrecke von sechzehn Tagen. — Die Reise von Akabah zum Berg Hor wird in unseren Tagen recht häufig gemacht; denn bei diesem Berg, wo das Grabmal Aarons ist, das von den Muselmanen bewacht wird, [298] befinden sich die interessanten Ruinen von Petra, dem alten Sela der Hebräer, einer Handelsstadt, die einst in hoher Blüte stand. Es sind 81 Kilometer von Akabah bis Petra, das 3 Stunden vom Berg Hor entfernt liegt. Der Reiseführer Baedeker (Seite 152) sagt, dass diese Strecke in vier Tagen zurückgelegt wird, und gibt die Etappen im Einzelnen an. Seien wir großzügig, und sagen wir: acht Tage. — Um den Israeliten auf ihrem Marsch zu folgen, muss man nun vom Berg Hor nach El-Kérac gehen, dem alten Kir-Moab, einer der wichtigsten Städte der [299] Moabiter; etwa 100 Kilometer, deren Etappen Baedeker im Einzelnen angibt (Route 13, Seite 154), wobei er dieser Strecke, die sich sehr bequem zu Pferde zurücklegen lässt, 28 Stunden zuweist. Nehmen wir zwölf Tage. — Um schließlich zum Berg Nebo zu gelangen, muss man die Straße von El-Kérac nach Madéba nehmen, über Dibân (einst Dibon, eine von den Hebräern eroberte Stadt (Numeri 21:30). Madéba ist das alte Medba, ursprünglich eine moabitische Stadt (Josua 13:9), die danach dem Stamm [300] Ruben gehörte. Von El-Kérac bis Dibân sind es 35 Kilometer; von Dibân bis Madéba 23 Kilometer. Nach dem Reiseführer Baedeker (Route 17, Seiten 192-193) erfordert diese Wegstrecke etwa 26 Stunden. Aber knausern wir nicht, und gewähren wir sieben Tage, den Ausflug zum Berg Nebo inbegriffen. « In den Bergen nordwestlich von Madéba befindet sich der Nebo, von wo aus Mose vor seinem Tod das ganze Gelobte Land betrachtete; man gelangt dorthin durch bebaute Felder in etwa 1½ Stunden. » Folglich macht die Reise zu Fuß vom Aufbruch am Sinai bis zum Nebo insgesamt dreiundvierzig Tage aus, mit täglich nur zwei Stunden Marsch. Der Umweg, um das Gebiet der Idumäer zu meiden, ergibt eine Abweichung von knapp 120 Kilometern. Das ähnelt kaum den achtunddreißig Jahren, welche die Bibel zählt! Ehe er die Israeliten in Richtung des Berges Nebo mit sich zog, war Mose auf Befehl Jehovas darauf bedacht, die Völker niederzumetzeln, die ihnen eine brüderliche Gastfreundschaft gewährt hatten, die aber das Unrecht begangen hatten — unvergebliches Verbrechen! — sie an ihren Kniebeugungen vor anderen Göttern zu beteiligen. Man wählte tausend Mann je Stamm aus, insgesamt zwölftausend Rächer Zebaoths. (Numeri 31) Die Midianiter vor allem büßten es; alle Männlichen dieser Nation wurden abgeschlachtet, ihre Könige inbegriffen, fünf an der Zahl: Evi, Rekem, Zur, Hur und Reba. « Die Hebräer schlugen auch Bileam, den Sohn Beors, mit der Schärfe des Schwertes », diesen ausgezeichneten Propheten, der sie gesegnet hatte (v. 8); « und die Kinder Israel nahmen die Weiber der Midianiter, ihre kleinen Kinder, ihre Herden, all ihren Hausrat, und sie plünderten alles, und sie verbrannten Städte, Dörfer, Schlösser » (Numeri 31:9-10). Nun fand Mose dieses Gemetzel noch ungenügend. « Er ward zornig über die Hauptleute des Heeres, und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr die Weiber verschont?... So tötet nun alle kleinen Kinder, die männlich sind, schlachtet alle Weiber ab, die den Koitus erkannt haben (sic) (fr. „connu le coït (sic)“: das „sic“ stammt von Taxil selbst; die Bibel Ostervalds hat „toute femme qui aura eu compagnie d’homme“, jedes Weib, das Umgang mit einem Mann gehabt hat, und das Wort kommt, wie weiter unten die „pucelles“, Jungfern, aus Voltaires La Bible enfin expliquée); aber alle Mädchen, die Jungfrauen sind, die behaltet euch vor » (Numeri 31:14-15, 17-18). Man rechnete die Beute zusammen: « es fand sich, dass das Geplünderte aus 675.000 Schafen, 72.000 Ochsen, 61.000 Eseln und 32.000 Jungfern bestand » (v. 32-35). Ein Teil dieser Beute wurde Jehova vorbehalten; zweiunddreißig junge midianitische Jungfrauen wurden ihm zugeteilt (v. 40). [301] Nichts Interessantes ist in den übrigen Kapiteln des Buches Numeri zu verzeichnen; es sind Bestimmungen über die Erbschaften, Verordnungen über die Opfer für die Feste der Posaunen, der Versöhnung und der Laubhütten, Rekapitulationen der Lagerplätze, das heißt Wiederholungen, und Vorschriften, die sich auf die künftige Teilung des Gelobten Landes beziehen, das heißt Aufzählungen, die das Buch Josua mit noch ermüdenderen Einzelheiten wiedergeben wird. Das Deuteronomium, das fünfte und letzte Buch des Pentateuchs, bietet noch weniger Interesse als Levitikus und Numeri. Es wiederholt in Form von Reden die verschiedenen zuvor verkündeten Gesetze. In einer ersten Rede, die vier Kapitel füllt, fasst Mose zusammen, was sich seit dem Auszug aus Ägypten zugetragen hat, und erinnert die Hebräer daran, mit welcher Lawine von Wohltaten Jehova sie überhäuft hat. In einer zweiten Rede, die diesmal einundzwanzig Kapitel füllt, legt er abermals alles dar, was für das jüdische Volk sein bürgerliches und religiöses Gesetzbuch ausmacht. Dann kommt eine gewisse Anzahl von Ermahnungen, die sich auf die Befolgung des Gesetzes beziehen: Die Israeliten werden gesegnet sein, und ihre Geschäfte werden gedeihen, wenn sie die Gebote Jehovas erfüllen; übertreten sie sie dagegen, so werden die Flüche auf ihre Köpfe herabregnen, unter Begleitung von Züchtigungen, die ebenso zahlreich wie mannigfaltig sind. Da der heilige Verfasser gewissenhaft Sorge trägt, uns zu sagen, dass der Ewige selbst durch seinen Mund sprach, als er, Mose, diese Reden hielt, ist es nicht unnütz, einige Perlen dieser göttlichen Beredsamkeit hervorzuheben. « Siehe, das ist das vierzigste Jahr, dass ihr auf dem Wege seid, und indessen sind die Kleider, womit ihr bedeckt waret, an euch nicht verschlissen, noch eure Schuhe an euren Füßen. » (Deuteronomium 8:4) Das ist gewiss ein Wunder, das ebenso sehr Wunder ist wie alle anderen, und dem es nicht an Heiterkeit fehlt. Nach den beiden Zählungen, die man kennt, gab es in runden Zahlen sechshunderttausend Bewaffnete in dieser auswandernden Bevölkerung, sowohl beim Auszug aus Ägypten als auch bei der Ankunft im Lande Moab, und man weiß auch, dass die Ankommenden nicht mehr dieselben waren wie die Aufbrechenden. Alle Theologen erkennen übereinstimmend an, dass diese Zahl von Bewaffneten [302] beim Aufbruch für die Gesamtheit des hebräischen Volkes drei Millionen Individuen voraussetzt, Greise, Frauen, junge Mädchen, junge Burschen und Familien von Leviten. Da also drei Millionen Personen im Lauf dieser vierzig Jahre in der Wüste den Tod gefunden haben, hat es drei Millionen Jacken und Röcke und drei Millionen Paar Schuhe gegeben, die man von den einen an die anderen weitergegeben hat. Da aber die letzte Volkszählung eine Zahl von sechshunderteintausendsiebenhundertdreißig [303] Kämpfern ausgewiesen hat, ohne dreiundzwanzigtausend Leviten mitzurechnen, wenn man annimmt, dass jeder Kämpfer und jeder Levit eine Frau hatte, dass jeder Haushalt dieser so fruchtbaren Juden im Durchschnitt drei Kinder hätte (das ist bescheiden!), dass nur die Hälfte der Paare ihre Väter und Mütter bei sich hätte, so ergäbe das vier Millionen dreihundertdreiundsiebzigtausendeinhundertzehn Personen, die zu beschuhen und zu kleiden wären. Diese Berechnung lässt die Größe des Wunders nur umso besser hervortreten; denn so hat [304] Papa Lieber Gott seinem Volk in der Wüste eine Million dreihundertdreiundsiebzigtausendeinhundertzehn Paar Schuhe mehr geben müssen, ohne von den Tuniken zu reden! Übrigens behauptet der heilige Justinus in seinem Dialog mit Tryphon, dass nicht nur die Kleider der Hebräer auf ihrem vierzigjährigen Marsch in Sonne und Regen und beim Schlafen auf dem harten Boden nicht verschlissen, sondern dass die der Kinder mit ihnen wuchsen und in dem Maße, wie sie an Jahren zunahmen, auf wunderbare Weise weiter wurden. Und der heilige Hieronymus fügt in einer Epistel (der 38.) (Brief des heiligen Hieronymus an Pammachius gegen Johannes von Jerusalem, Abschnitt 32) genau diese Worte hinzu: « Vergebens lernten die Barbiere ihre Kunst; sie machten vierzig Jahre lang in der Wüste keinen Gebrauch davon, weil die Haare und die Nägel der Israeliten nicht wuchsen. » Wenn Sie danach nicht überzeugt sind?... Eine Empfehlung, die niemanden erstaunen wird: « Wachet wohl darüber, dass ihr für eure Priester (fr. „vos prêtres“: die Bibel Ostervalds hat „Garde-toi… d’abandonner le Lévite“, hüte dich… den Leviten zu verlassen; Taxil folgt Voltaire, „Prenez bien garde d’avoir soin du lévite“, habt wohl acht, für den Leviten zu sorgen, macht aber aus dem Leviten die Priester seiner Leser) Sorge traget, die ganze Zeit, die ihr auf Erden lebet. » (Deuteronomium 12:19) « Wenn ihr wider eure Feinde kämpft, wenn Gott sie in eure Hände überantwortet, und wenn ihr unter euren Gefangenen ein schönes Weib sehet, das eure Liebe erweckt, so soll der, dem sie gefällt, sie in sein Haus führen; sie soll sich das Haar scheren und sich die Nägel abschneiden, und sie soll sich gänzlich entkleiden, denn sie darf keines der Kleider an sich behalten, in denen sie gefangen genommen worden ist; danach soll man ihr einen Monat geben, ihren Vater und ihre Mutter zu beweinen; worauf der, dem sie gefallen hat, sie in sein Bett legen, in sie eingehen soll, und von da an soll sie sein Weib sein. Begibt es sich aber später, dass sie nicht mehr gefällt, so kann ihr Mann sie fortschicken, unter der Bedingung, dass sie darein willigt; auf jeden Fall, sobald ein Israelit bei ihr gelegen hat, kann man sie nicht mehr verkaufen. » (Deuteronomium 21:10-14) Das ist nett, nicht wahr? « Nimmermehr soll in die heiligen Versammlungen des Kultes eintreten, wer dadurch ein Eunuch ist, dass ihm die Hoden abgeschnitten worden sind, ja nicht einmal der, dem die Hoden zerstoßen worden sind. » (Deuteronomium 23:1) Ohne Kommentar! « Wenn am Vorabend einer Schlacht ein Soldat in der Nacht einen wollüstigen Traum gehabt hat, der ihm einen Samenverlust verursacht hat, so soll er am Morgen aus dem Lager hinausgehen, und am Abend soll er sich mit frischem Wasser waschen; danach soll er wieder in das Lager kommen. » (Deuteronomium 23:10-11) [305] Was nichts anderes heißt, als dass er an der Schlacht nicht teilnehmen wird. Voltaire hat es für nützlich gehalten, einige Betrachtungen über diesen Gegenstand anzustellen: « Mehrere Kriegsleute, schreibt er, haben gesagt, dass die nächtlichen Pollutionen hauptsächlich den kräftigen jungen Leuten zustießen, und dass der Befehl, sie vom Morgen bis zum Abend vom Heer zu entfernen, sehr gefährlich sei, da die Schlachten üblicherweise vom Morgen bis zum Abend geliefert würden; dass dieser Befehl nur dazu tauge, die Hasenfüßigkeit zu begünstigen; dass es leichter sei, sich in seinem Zelt zu waschen, wo man, wie man annimmt, wenigstens einen Krug Wasser hat, als aus dem Lager hinauszugehen, wo es sehr wohl vorkommen konnte, dass man keines fand. » Jehova geht so weit, sein Volk zu lehren, wie es in Kriegszeiten Kaka zu machen hat. « Ihr sollt eine abgesonderte Stätte haben, außerhalb des Lagers, um euch zu entleeren. Und unter eurem Gerät sollt ihr einen kleinen Spaten haben; alsdann, wenn ihr euch entleeren wollt, sollt ihr an die abgesonderte Stätte gehen, ihr sollt mit dem kleinen Spaten ein rundes Loch graben, und wenn eure Entleerung beendet ist, sollt ihr mit Erde zudecken, was aus euren Gedärmen herausgekommen ist. Denn ich, der Ewige, ich werde mitten in eurem Lager sein, um mit euch zu kämpfen; so darf ich denn nichts Unreines in eurem Lager riechen (fr. „que je sente“: die Bibel Ostervalds hat „de peur qu’il ne voie quelque chose d’impur en toi“, damit er nichts Unreines an dir sehe, und Voltaire lässt den Vers aus: die Nase des Ewigen ist Taxils Zusatz; der „kleine Spaten“ für Ostervalds „pic“, Hacke, stammt dagegen von Voltaire); sonst würde ich mich aus eurer Mitte zurückziehen. » (Ebenda 23:12-14) Diese Stelle der Bibel erfordert einen besonders gewichtigen Kommentar. Wir wussten bereits, dass Gott Hände hat, deren er sich zum Kneten bedient, dass er bläst und dass er speichelt, dass er Füße hat, um auf unserem Planeten spazieren zu gehen, wenn ihn die Laune ankommt; wir haben vorhin erfahren, dass er einen Hintern hat und dass er ihn Mose zeigte. Jetzt erfahren wir, dass Jehova eine Nase besitzt, nicht bloß, um sein Antlitz zu schmücken und um sich zu ersparen, Anlass zum Lachen zu geben, wenn er geruht, den Menschen zu erscheinen, die nach seinem Gleichnis erschaffen sind; sondern diese Nase ist eine wirkliche Nase. Ebenso wie Gott allen Ernstes isst (erinnern Sie sich an das üppige Diner bei Abraham), ebenso hat sich Gott von aller Ewigkeit her eine Nase zugesprochen, deren er sich zum Riechen bedient, und er mag keine schlechten Gerüche. Andererseits wird man sich gewiss sagen, dass es dem Allmächtigen leicht war, seiner göttlichen Nase das Einatmen unangenehmer Gerüche zu ersparen. Was! dieses hebräische Volk ist sein Volk, seine vorherbestimmte Nation, und [306] dem Herrn Jehova ist nicht der Gedanke gekommen, es durch eine feierliche Ausnahme von den gewöhnlichen und ekelerregenden Folgen der Verdauung zu befreien, da doch die Düfte des Kaka seinem sakrosankten Geruchssinn zuwider sind?... Jede Speise komme den israelitischen Mägen vollständig zugute, völlige Abschaffung der Entleerung, und da hat man, scheint mir, eine sinnreiche Lösung des Problems; nötigenfalls hätten die Juden kein Arschloch (fr. „trou-de-balle“, ein derbes Wort, wörtlich „Kugelloch“) gehabt, und das hätte sie vom Rest der Menschheit unterschieden, besser noch als [307] die Beschneidung. Oder auch, wenn der Allmächtige seinem Volk kein so bemerkenswertes Privileg hatte geben wollen wie das des Fehlens eines Afters, wenn ihm daran lag, dass die Hebräer ebenso wie alle Welt zu Stuhle gingen, so wäre es ihm leicht gewesen, auf andere Weise keine Gestänke schnüffeln zu müssen, wenn er mitten unter ihnen war, in ihrem Lager: wäre ich ein Gott, ich hätte ganz einfach dekretiert, dass das jüdische Kaka in Kriegszeiten nach Veilchen oder irgendeinem [308] anderen köstlichen Wohlgeruch riechen sollte: Schwieriger war das nicht!... Man sagt, ein Sonett ohne Fehler sei für sich allein ein gutes Gedicht wert (Anspielung auf Boileau, „Art poétique“, Gesang II: „Un sonnet sans défaut vaut seul un long poème“, wörtlich „ein Sonett ohne Fehler ist allein ein langes Gedicht wert“); meiner Treu, ich glaube, dass die Verse 12, 13 und 14 im 23. Kapitel des Deuteronomiums alle drei zusammen mehr wert sind als alle Psalmen Davids. Von einer unvergleichlichen Unermesslichkeit ist der Horizont, den diese drei Verse da der Wissenschaft der Theologen eröffnen; es gibt da, in dieser den schlechten Gerüchen abholden Nase Gottes, unerhörte theologische Tiefen, wenn man sich die Mühe machen will, zu ergründen, zu untersuchen und fromm zu erörtern. So mache ich meinen alten Freund Leo XIII. zum Richter darüber, und ich bitte ihn demütig, dem nächsten Konzil die folgende Frage vorzulegen: Kompliziert das Vorhandensein der drei fraglichen Verse, an die ein Gläubiger bei Strafe des Anathemas zu glauben verpflichtet ist, da sie zur Bibel gehören, nicht auf erstaunliche Weise das schon so komplizierte Geheimnis der Eucharistie? Kurz, während der Messe, im Augenblick der Konsekration, wenn der Priester beim Sprechen der sakramentalen Worte versehentlich einen Furz nach faulem Kohl fahren lässt, steigt dann Gott in die Hostie herab, und findet die Transsubstantiation statt? Sagen Sie mir nicht, es sei unmöglich, dass sich ein solcher Unfall ereignet. In meinen jungen Jahren, im Collège Saint-Louis (geistliche Lehranstalt in Marseille, der Geburtsstadt Taxils) — ich präzisiere! — habe ich einige Male das Amt eines Chorknaben versehen, und es kam vor, dass ich die Messe diente, namentlich einem heiligen Mann, dem Abbé Jourdan, der von sehr windigem Temperament war. Waren es die Bohnen des Collège, die bei ihm Wirkung taten? Ich neige dazu, es zu glauben, zu seiner Entlastung. Wie dem auch sei, ich erinnere mich, dass eines Morgens, in dem Augenblick, als ich, hinter ihm kniend, den Saum seines Messgewandes hob, während ich die Schelle schwang, wahrhaftig! es war nicht zum Aushalten, so sehr wütete die Darmartillerie des heiligen Mannes, und wohl sehr gegen seinen Willen. Der wackere Abbé Jourdan lebt noch; er ist Domherr in meiner heimatlichen Diözese; ob er von seinem knatternden Gebrechen geheilt ist oder nicht, die Frage muss ihn offensichtlich mehr interessieren als irgendjemanden. Deshalb werde ich mir, wenn sie von dem Konzil, um das ich ersuche, untersucht wird, ein Vergnügen daraus machen, ihm seine Reisekosten anzubieten, und wäre es nur, um ihm zu beweisen, dass ich ihm wegen der verpestenden Viertelstunden, die er mich einst verbringen ließ, nicht grolle. [309] Also maß ich zur Zeit meiner Kindheit den windigen Unfällen eines zelebrierenden Priesters nur die Bedeutung eines schlechten Geruchs bei, der meiner menschlichen Nase zugefügt wurde. Aber heute, da ich sorgfältig in der heiligen Bibel blättere und andächtig in den Schoß ihrer erhabenen Herrlichkeiten tauche, spornen die drei Verse des Deuteronomiums, die bis jetzt allzu unbemerkt geblieben sind, meinen Eifer an und haben mich begreifen lassen, dass ich eine große Pflicht zu erfüllen habe, indem ich die gewichtige und notwendige Frage des priesterlichen Fistes (fr. „la vesse“, ein derbes Wort: der lautlos entweichende Wind, im Gegensatz zum „pet“, dem Furz des vorletzten Absatzes, den man hört) aufwerfe, den ein Zelebrant in dem Augenblick fahren lässt, in dem er die Worte spricht: « Das ist mein Leib, das ist mein Blut. » Niemandem ist unbekannt, dass in eben diesem Augenblick der Höchste der Makrele (fr. „maquereau“: der Fisch, wie Taxil gleich erklärt, und im Argot auch der Zuhälter, ein Doppelsinn, den er stehen lässt) gleich wird, wie sie in Paris auf den Straßen ausgerufen wird, das heißt: « Sie kommt an! sie kommt an!... » Mehr noch, Gott macht dann, besser als die vorerwähnte Makrele, die Ankündigung der Fischhändlerin wahr, da diese übertreibt, wenn sie hinzufügt: « Sie verlangt, gebraten zu werden! » Die Wahrheit ist, dass die Makrele ebenso wenig verlangt, gebraten zu werden, wie der Aal, lebendig gehäutet zu werden; es sind die Menschen, die ihnen diese Begehren zuschreiben, über die diese bedauernswerten Fische niemals konsultiert wurden. Was dagegen den Höchsten Jehova (und Co.) anbelangt, so kommt er nicht nur mit einem Mal in der Hostie an, sondern er verlangt auch wirklich, gefuttert zu werden, er selbst!... Das ist sie, die Eucharistie. Folglich, da es unzulässig ist, dass das Neue Testament mit dem Alten Testament, zu dem das Deuteronomium gehört, im Widerspruch stehe, da diese beiden Testamente, das eine so gut wie das andere, das Werk des Heiligen Geistes sind, so erhellt mit einer Logik der allerklarsten Art, dass Gott, dessen Abscheu vor Gestänken eine Tatsache von absoluter Gewissheit ist, sich offensichtlich am Ohr ziehen lassen (fr. „se faire tirer l’oreille“, eine Redewendung: sich sehr bitten lassen) muss, um sich in eine Siegeloblate zu verwandeln, wenn er es mit einem Geistlichen mit gasförmigem Arschloch zu tun hat. Lässt er sich endgültig in der Hostie nieder, ja oder nein? Wartet er, bis der Geruch des Pfarrerfurzes vorüber ist, oder steigt er mit mehr oder weniger übler Laune wieder in sein Paradies hinauf? Das ist die Frage von allgemeinem Interesse, die meine Inbrunst treuherzig an meine heilige Mutter, die Kirche, richtet. Wie man sieht, ist nichts gewichtiger; denn wenn in dem Fall, um den es sich handelt, die Hostien, die der knatternde Pfarrer sich anschickt, [310] an die Gläubigen auszuteilen, nur gewöhnliches Brot sind, ohne auch nur ein Haar vom Bart vom Zebaoth darin, so sind die Kommunikanten bestohlen, beim Blauen!... Und denken Sie sich einen Gläubigen, der auf diese Kommunion zählt, mit zuwendbarem vollkommenem Ablass, um seine Schwiegermutter aus dem Fegefeuer zu holen, berechnen Sie, ich bitte Sie, die Unermesslichkeit des Desasters!... Wohlan, Heiliger Vater, schnell ein Konzil, bitte! Schließen wir die Kapitel des Deuteronomiums, die [311] die göttlichen Verordnungen erlassen, nicht, ohne noch diese hier anzuführen: « Wenn Männer miteinander einen Streit haben, einer wider den andern, wenn das Weib des einen herzutritt, um ihren Mann von dem zu befreien, der ihn schlägt, und wenn sie alsdann die Hand ausstreckt und diesen bei den Hoden ergreift, so soll man diesem Weibe die Hand abhauen. » (Deuteronomium 25:11-12) Ausgezeichneter Jehova! er sah alles voraus!... Er erklärte Mose weiter, dass seine Landsleute nach ihrem Einzug in das Gelobte Land zwei [312] Berge einem recht merkwürdigen Gebrauch widmen sollten: auf dem einen, Garizim genannt, würde man das Volk segnen; auf dem anderen, Ebal genannt, würde man allerlei Flüche aussprechen (ch. 27). Was die Drohungen Jehovas betrifft, hier sind einige Proben davon, dem Kapitel 28 entnommen: « Wenn ihr nicht hören wollt auf die Stimme des Ewigen, eures Gottes, so wird der Ewige euch das Verderben senden in allen Geschäften, die ihr unternehmen werdet (v. 20); der Ewige wird euch schlagen mit Siechtum und mit Fieber (v. 22); der Ewige wird euch überhäufen mit Hämorrhoiden, mit Krätze und mit Grind, wovon ihr nicht werdet genesen können (v. 27)... Wenn ihr euch verheiratet, wird ein anderer bei eurem Weibe liegen (v. 30); man wird euch euren Esel nehmen und wird ihn euch nicht wiedergeben (v. 31); der Ewige wird euch ein sehr bösartiges Geschwür bekommen lassen, das eure Knie zerfressen wird, wie auch eure Schenkel (v. 35); ihr werdet ein Gegenstand des Spottes sein für alle Völker (v. 37); ihr werdet viel Samen säen auf euren Feldern, und ihr werdet nur sehr magere Ernten haben (v. 38)... Es werden euch Söhne und Töchter geboren werden, aber sie werden nicht euer sein (v. 41); der Fremdling wird euch auf Wucher leihen, und ihr werdet ihm nicht auf Wucher leihen (v. 44)... Der Ewige wird aus einem fernen Lande, und von den Enden der Erde, ein Volk kommen lassen, dessen Sprache ihr nicht verstehen werdet, und das sich weder eurer Greise noch eurer Kinder erbarmen wird: dieses Volk wird eure Früchte essen, die Jungen eurer Tiere, und es wird euch weder Korn, noch Wein, noch Öl übriglassen (v. 49-51)... Ihr werdet eure eigenen Kinder essen, sowohl das Fleisch eurer Töchter als auch das eurer Söhne (v. 53); der zärtlichste und verwöhnteste Mann unter euch wird mit trockenem Auge seinen Bruder und sein vielgeliebtes Weib ansehen und sich weigern, ihnen von dem Fleisch seiner Kinder zu essen zu geben, das er ganz allein essen wird (v. 54-55); die zärtlichste Mutter wird ihr kaum geborenes Kind nehmen, wird es heimlich essen, und wird mit trockenem Auge ihren vielgeliebten Mann ansehen (v. 56-57). » Unter allen Strafen, mit denen Jehova sein Volk bedroht, ist nicht eine einzige geistliche Züchtigung. Das Volk Gottes kannte also nur die zeitlichen Strafen; es ist gut, darauf hinzuweisen und außerdem anzumerken, dass im Alten Testament nirgends von Hölle oder Fegefeuer die Rede ist. Wenn Gott sich, wie man gesehen hat, um das Kaka der Juden kümmerte, so machte er sich dagegen so wenig Sorgen um ihre Seelen, dass die Worte « Unsterblichkeit der Seele » an [313] keiner Stelle der heiligen Bücher zu finden sind, auf welche die Christen ihre Religion gepfropft haben. Nach den Drohungen kommt ein historisches Fragment (!): Mose, hundertzwanzig Jahre alt, legt sein Amt zugunsten Josuas nieder, zum lebhaften Missvergnügen des Hohenpriesters Eleasar, und vertraut Josua die Mission an, die Hebräer in das Land Kanaan zu führen. Wir werden dem Leser einen Lobgesang erlassen, den Mose singt, als er von seinen Landsleuten Abschied nimmt, sowie die Segnungen, die er über jeden der Stämme Israels ausspricht. Schließlich steigt der außerordentliche biblische Held, einem göttlichen Befehl gehorchend, auf den Berg Nebo, wo er weiß, dass er sterben wird, und von wo er, bevor er in den Todeskampf eintritt, das Gelobte Land betrachten kann.
120. Mose setzt Josua zu seinem Nachfolger ein. Die Kirche hat, wie vor ihr die Synagoge, entschieden, dass der Pentateuch das Werk des Mose ist; in diesem Punkt sind Juden und Christen völlig einig. Sagen Sie dem Papst ja nicht, dass die fünf Bücher, deren letztes das Deuteronomium ist, von einem anderen als dem Schwiegersohn Jethros geschrieben worden seien; wenn Sie die Kühnheit hätten, das zu insinuieren, würden Sie exkommuniziert. Diese fünf Bücher, lehren die Theologen, die es nicht aus den Zähnen lassen (fr. „n’en pas démordre“, eine Redewendung: hartnäckig bei einer Meinung bleiben), sind von Mose geschrieben worden, von der ersten Zeile bis zur letzten, unter der Inspiration des göttlichen Taubers. Ein gewöhnliches Buch, ein rein menschliches Buch würde also beim Aufstieg des Mose auf den Berg Nebo aufhören; zur Not könnte der große Mann als Schluss schreiben: « Ich fühle, dass ich dahingehe; jetzt lege ich meine Feder nieder, denn ich bin im Begriff zu sterben; n, i, ni, fini. » Nun aber konnte Mose, in seiner Eigenschaft als heiliger Schriftsteller, es nicht dabei bewenden lassen. Er hat also Sorge getragen, in seinem letzten Kapitel seinen Tod, die Tatsache seines Begräbnisses, die Trauer des Volkes aufzuzeichnen, und er hat die Liebenswürdigkeit gehabt, eine kleine posthume Lobrede an sich selbst zu richten. « Also starb Mose, der Knecht des Ewigen, daselbst (auf dem Berg Nebo), im Lande Moab, nach dem, was der Ewige gesagt hatte (Deuteronomium 34:5); und der Ewige begrub ihn im Tal, gegenüber Beth-Peor, und niemand hat bis auf diesen Tag gewusst, wo sein Grabmal war (v. 6). Und als er mit hundertzwanzig Jahren starb, hatte Mose noch ein sehr gutes Augenlicht, und seine Kraft war nicht vergangen (v. 7); und die Kinder Israel beweinten Mose dreißig Tage, in den Gefilden Moabs (v. 8). Und [314] Josua, der Sohn Nuns, ward erfüllt mit Weisheit, denn Mose hatte ihm die Hände aufgelegt; und die Kinder Israel gehorchten ihm von da an (v. 9). Und es ist in Israel nie ein Prophet aufgestanden, so heilig wie Mose, und dem es Gott wie ihm erlaubt hätte, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen (v. 10). » Mancher Leser wird bei diesen Zeilen den Kopf schütteln; es wird ihm scheinen, als bewiesen sie, dass Mose mit ihrer Abfassung nichts zu tun hat. Irrtum, mein Freund! Die Theologen werden Ihnen sagen, [315] dass dies der Stil des Mose selbst ist, und dass er übrigens in allen vorhergehenden Kapiteln niemals die erste Person gebrauchte, sondern immer die dritte, wenn er von sich sprach. Nichts zu erwidern, wenn die Kirche sich ausgesprochen hat. Nun legt Monseigneur Paul Guérin die feststehende Meinung der Kirche mit diesen Worten dar: « Der Pentateuch ist der Sammelname der fünf ersten Bücher der Bibel. Mose ist der Verfasser des Pentateuchs. Der Pentateuch ist authentisch, und seine Authentizität [316] ist ebenso gewiss wie die der authentischsten Bücher, ebenso gewiss wie die Existenz des Mose selbst (so!...); man kann sich nicht weigern, ein Buch für authentisch zu halten, dessen Authentizität den öffentlichen und beständigen Glauben einer Nation für sich hat, deren Geschichte, Kult und Gesetzgebung es beschreibt, zumal wenn dieses Buch die Merkmale des Altertums aufweist, das man ihm zuschreibt, und wenn es übrigens unmöglich ist, dass es unterschoben worden sei, das heißt, von einem anderen geschrieben als dem, dessen Namen es trägt. Nun ist der Pentateuch ein solches Buch: der öffentliche und beständige Glaube der jüdischen Nation, die Merkmale des Altertums, die man an diesem Buch bemerkt, die Unmöglichkeit einer Unterschiebung, alles beweist seine Authentizität. Mose hat den Pentateuch unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben. » (Wörterbuch der Wörterbücher (fr. „Dictionnaire des dictionnaires“, eine Universalenzyklopädie in sechs Bänden, 1884-1890, herausgegeben von einem Prälaten, Monseigneur Paul Guérin, päpstlichem Kämmerer), katholische Enzyklopädie, Band V, Seite 690) Beugen wir uns, meine Brüder, und wundern wir uns über nichts mehr. 8. KAPITEL
Da haben wir also Josua, auf den Schild gehoben und zum obersten Anführer der Hebräer ausgerufen. Alsbald erschien ihm Papa Lieber Gott, um ihm Herz in den Bauch zu geben (fr. „donner du cœur au ventre“, eine Redewendung: Mut machen), und überschüttete ihn mit guten Versprechungen: « Stehe auf, zieh über den Jordan, du und das ganze Volk mit dir, um in das Land zu kommen, das ich den Kindern Israel gebe. Ihr werdet alle Länder besitzen, darauf ihr die Sohle eurer Füße gesetzt haben werdet. Eure Grenzen werden sein von der Wüste und dem Libanon bis an den großen Strom Euphrat, und das ganze Land der Hethiter wird euch auch gehören, bis an das große Meer, gegen Sonnenuntergang. Niemand wird dir widerstehen können, solange du lebst; denn ich werde dich nicht verlassen. Stärke dich also und fasse Mut. » (Buch Josua 1:2-6)
121. Josua zum Anführer der Hebräer ausgerufen. Es war nicht das erste Mal seit dem Auszug aus Ägypten, dass Jehova an das erinnerte, was er Abraham, Isaak und Jakob geschworen hatte. Ah! was für ein ungeheures Reich hatte er sich durch einen Eid verpflichtet, seinem Volk zu geben! Alle Länder, die zwischen der Halbinsel Sinai, dem Mittelmeer [317] und dem Euphrat liegen, dieses Reich wäre größer gewesen als das Assyriens. Aber auch, welch ein Bankrott gegenüber diesen feierlichen Verpflichtungen! Die Juden haben immer nur ein elendes Gebiet gehabt. Diesen so oft versprochenen Euphrat haben sie nicht als Eigentümer kennengelernt, sondern als Gefangene. Ihr großer Strom ist immer nur der arme Jordan gewesen. Was tat der Nachfolger des Mose auf die Ermahnungen Jehovas hin? « Josua sandte heimlich von Sittim zwei Spione aus. Diese brachen auf, gingen in die Stadt Jericho hinein und blieben über Nacht bei einer namens Rahab, die eine Prostituierte war. » (Josua 2:1)
122. Zwei Spione werden nach Jericho gesandt. Die christlichen Übersetzungen der Bibel bezeichnen die Dame Rahab als Wirtin; nun steht aber im hebräischen Urtext zonah, ein Wort, das wirklich und wahrhaftig Prostituierte bedeutet, ausschweifende Frau, die von ihren Reizen lebt. Warum diese Ungenauigkeit der Übersetzung? Sollte es nicht etwa daran liegen, dass die obengenannte Rahab im Evangelium (Stammbaum, wie ihn der heilige Matthäus 1:5 gibt) unter den Ahnfrauen Jesu Christi erscheint?... « Der König von Jericho, der benachrichtigt worden war, sandte zu Rahab, und man sprach zu dieser Prostituierten: Lass die zwei Männer herauskommen, die in dein Haus gekommen sind; denn es sind Spione, die gekommen sind, das Land zu erkunden. Aber dieses Weib verbarg sie und antwortete: Sie sind hinausgegangen, während man die Tore der Stadt schloss, und ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind. » (v. 2-5)
123. Die Polizei von Jericho bei Rahab. Nach dem Abzug der Polizei schloss Rahab einen Pakt mit den beiden Spionen. Sie teilte ihnen mit, dass die Leute des Landes, da sie die Wunderdinge des Auszugs aus Ägypten kannten, eine grausige Angst vor dem jüdischen Heer hatten.
124. Rahab schließt einen Pakt mit den beiden Spionen. Die beiden ihrerseits gaben ihr ein Erkennungszeichen, das sie an ihrem Haus anbringen sollte, und sie versprachen ihr, dass man sie bei der künftigen Einnahme Jerichos dank diesem Zeichen vom Gemetzel ausnehmen werde. Als dieser Pakt geschlossen war, entwichen die beiden Spione durch das Fenster, da das Haus der Rahab unmittelbar an den Mauern der Stadt lag. (Josua 2:9-21)
125. Das Entweichen der Spione. Die Kritiker fragen, warum Josua, obwohl Gott ihm geschworen hatte, dass er immer mit ihm sein werde, trotzdem vorsichtshalber Spione zu einem Freudenmädchen schickte. Wozu brauchte er, sagt Voltaire, diese Elende, da Gott ihm seinen Beistand mit eigenem Munde versprochen hatte; da er sicher war, dass Gott für ihn kämpfte, und da er an der [318] Spitze eines Heeres von sechshunderttausend Mann stand, von denen er, nach dem heiligen Text, vierzigtausend abkommandierte, um das Dorf Jericho einzunehmen, das niemals befestigt war, da die Völker jenes Landes die festen Plätze noch nicht kannten und Jericho in einem Tal liegt, wo es unmöglich ist, einen haltbaren Platz anzulegen? — Von Jericho, das am Fuß des Berges Karantal liegt, sind heute nur noch einige arme Hütten übrig, die etwa 300 Einwohner beherbergen; die Reiseführer für [319] Touristen belehren uns, dass die Sittlichkeit der Frauen dieses Fleckens noch immer auf der Höhe derjenigen ihrer glorreichen Vorfahrin Rahab steht. Was diese Dirne Rahab betrifft, so hat der Benediktiner Dom Calmet erörtert, ob sie sich einer Lüge schuldig machte oder nicht, als sie sagte, die jüdischen Spione seien fort, während sie doch bei ihr waren; er behauptet, sie habe damit eine sehr gute Tat vollbracht. « Da sie, schreibt dieser Theologe, von dem Vorhaben Gottes unterrichtet war, der [320] die Kanaaniter vernichten und ihr Land den Hebräern überantworten wollte, konnte sie sich dem nicht widersetzen, ohne in das Verbrechen der Auflehnung gegen Gott zu verfallen; zudem war sie von den gerechten Ansprüchen Gottes und von der Ungerechtigkeit der Kanaaniter überzeugt; also konnte sie keinen gerechteren und keinen den Gesetzen der Weisheit gemäßeren Entschluss fassen. » Der gelehrte Fréret hat geantwortet, wenn dem so wäre, dann wäre die Prostituierte Rahab also ebenso wie Josua von Gott selbst inspiriert gewesen, was überaus seltsam wäre. Es scheint vielmehr, sagt er, dass diese Rahab, durch ihr abscheuliches Verbrechen des Verrats an ihrem Vaterland zugunsten der Spione eines barbarischen Volkes, eine Ehrlose war, welche die letzte Marter verdiente. Aber halten wir uns nicht dabei auf, und fahren wir fort. Josua befahl, gegen Jericho zu marschieren; dazu musste man zuerst den Jordan überschreiten. Die Priester, welche die Lade des Bundes trugen, marschierten an der Spitze des Volkes; sie gingen kühn ins Wasser, als Leute, die ganz gewiss waren, dass ein Wunder nicht ausbleiben konnte. Kaum waren ihre Füße benetzt, als die oberen Fluten des Stromes stehen blieben, als ob sich plötzlich ein unsichtbarer Damm erhoben hätte, und sich gewaltig in die Höhe türmten, während die unteren Wasser, ihrem üblichen Lauf folgend, das Bett des Jordans trocken zurückließen. Und die Priester blieben mitten im Strom, bis das ganze jüdische Volk hinübergegangen war. Zur Erinnerung an das Wunder häufte man zwölf große Steine beim Jordan auf. Sobald dann die Träger der Lade des Bundes das rechte Ufer erreicht hatten, nahmen die Wasser ihren gewohnten Lauf wieder auf (Josua 3, 4). Die Könige der verschiedenen Völker der Gegend, bis an die Küsten des Mittelmeers, « fühlten ihr Herz zerschmelzen », als sie diese Wunderdinge erfuhren, und wurden im höchsten Grade mutlos. Unterdessen machte Papa Lieber Gott Josua darauf aufmerksam, dass seit dem Aufbruch aus Ägypten die Beschneidung nicht mehr vollzogen worden war. Warum dieses Vergessen? die Bibel sagt es nicht; sie beschränkt sich darauf, uns mit einem Mal über die Tatsache zu belehren. Keiner der Männlichen, die in der Wüste geboren waren, hatte sich der kleinen Operation unterzogen, die man kennt. Nun überstieg die Gesamtheit des hebräischen Volkes damals vier Millionen Personen beiderlei Geschlechts; das machte also annähernd zwei Millionen Männliche, [321] jeden Alters. Man kann sich so die fantastische Menge von Vorhäuten vorstellen, die auf Befehl Josuas abgeschnitten wurden, und man wundert sich nicht, dass ihr Haufen einen wahren Hügel bildete; der heilige Verfasser nennt ihn « Berg der Vorhäute (fr. „montagne des prépuces“: die Bibel Ostervalds hat „au coteau des prépuces“, am Hang der Vorhäute, und Voltaire „la colline des prépuces“, der Hügel der Vorhäute; den Berg macht erst Taxil daraus und schiebt ihn dem heiligen Verfasser unter) ». Vierzehn Tage danach hielten die Hebräer das Passah und hatten genug Korn, um sich Brot zu fabrizieren; von da an hörte das Manna auf, da es nicht mehr nötig war (Josua 5). Den göttlichen Anweisungen gemäß machte das israelitische Heer sechs Tage hintereinander einen Rundgang um Jericho, wobei die Soldaten gravitätisch marschierten und die Priester auf ihren Musikinstrumenten spielten; die Belagerten waren bass erstaunt über diese Art, sie zu bekämpfen, aber sie ergaben sich nicht.
126. Erster Rundgang der Hebräer um Jericho.
127. Zweite Promenade mit Musik um Jericho.
128. Die Hebräer verzweifeln daran, die Stadt einzunehmen. Am siebenten Tag führte man, abermals nach den Vorschriften Jehovas, wieder die kreisförmige Promenade aus, diesmal mit einer anderen, lauteren Musik, begleitet von einem großen Geschrei, das das ganze Volk erhob, und da stürzten die Wälle der Stadt ein.
129. Die Mauern Jerichos stürzen ein. Josua befahl, alles niederzumetzeln, « vom Mann bis zum Weibe, vom Kind bis zum Greise, sogar bis zum Ochsen, zum Kleinvieh und zum Esel ». Allein die Prostituierte Rahab wurde verschont, mit ihren Verwandten, denen sie in ihrem Hause Asyl gewährt hatte. « Worauf die Hebräer, nachdem sie das Gold und das Silber für den Schatz des Herrn genommen hatten, die Stadt und alles, was darin war, verbrannten. » (Josua 6)
130. Gemetzel unter den Einwohnern Jerichos. Dieses Blutbad inspirierte Lord Bolingbroke zu diesen Betrachtungen, die man in seinen Werken findet, welche sein Freund, der Dichter David Mallet, herausgegeben hat: « Ist es möglich, schrieb der große Minister des Königreichs England, dass Gott, der Vater aller Menschen, selbst einen Barbaren geführt habe, dem der wildeste Kannibale nicht gleichen möchte? Große Götter! aus einer unbekannten Wüste kommen, um eine ganze unbekannte Stadt niederzumetzeln! die Frauen und die Kinder abschlachten, gegen alle Gesetze der Natur! alle Tiere abschlachten! die Häuser und die Möbel verbrennen, gegen alle Gesetze des gesunden Menschenverstandes, zu einer Zeit, da man weder Häuser noch Möbel hat! nur eine niedrige H.... verschonen, der letzten Marter würdig! Wäre dieses Märchen nicht das absurdeste von allen, so wäre es das abscheulichste. Nur ein trunkener Dieb kann es geschrieben haben, und nur ein trunkener Schwachkopf kann es glauben. » Vergessen wir nicht, dass der Verfasser dieser Betrachtungen einer der bedeutendsten Staatsmänner der englischen Nation war; [322] als Minister der Auswärtigen Angelegenheiten war Lord Bolingbroke der Urheber und der wahre Verfasser des berühmten Vertrags von Utrecht, der den langen und blutigen Kriegen der Regierung Ludwigs XIV. endlich ein Ende setzte; man kann sagen, dass er durch dieses große Werk, den Stolz seines Lebens, Europa den Frieden wiedergab, und das unter Bedingungen, die für alle Mächte befriedigend waren. Es ist nützlich, an den Ruhm dieses Ehrenmannes zu erinnern, der die Menschheit ehrt und der sein Genie darauf verwandte, das Abschlachten [323] der Völker aufzuhalten; das ist notwendig, um den Fanatikern den Mund zu schließen, die versucht sein könnten, das Zitat, das man soeben gelesen hat, als gottlose Faselei irgendeines obskuren Schreiberlings abzutun. Lord Bolingbroke ist es, der dieses Urteil über die Bibel gefällt hat: « Es hieße Gott und die Menschen beleidigen, dieses elende Gewebe von Fabeln ernsthaft zu erörtern, in denen es nicht ein Wort gibt, das nicht entweder der Gipfel des Lächerlichen oder der Gipfel der Grässlichkeit wäre. » [324] Nach der Aussage des heiligen Verfassers hatten die Einnahme und die Plünderung Jerichos eine allgemeine Verschwörung gegen Israel zur Folge. Als sie die summarische Art sahen, in der die Hebräer die Eroberung verstanden, sagten sich die Könige, die den Landstrich regierten, dass sie diese Eindringlinge ausrotten müssten, wenn sie nicht selbst von ihnen ausgerottet werden wollten; sie verbündeten sich also und hielten einen Rat, in dem große Beschlüsse gefasst wurden (Josua 9).
131. Fünf Könige verschwören sich gegen die Hebräer. Jedoch hatten sie an ein geringfügiges Detail nicht gedacht, das doch seine Wichtigkeit hatte: nämlich, dass Gott mit Josua war. Der Herr Jehova verbreitete Grauen in ihrem Heer, und « Josua fügte ihnen bei Gibeon eine schreckliche Niederlage zu; er jagte ihnen nach auf dem Wege nach Beth-Horon und fuhr fort, sie zu schlagen, bis gen Aseka und sogar bis gen Makkeda » (Josua 10:10). Besser noch, der Vater Zebaoth, von seiner Eigenliebe angestachelt, nahm selbst am Kampf teil: « Während die Flüchtigen auf der Straße nach Beth-Horon liefen, warf der Ewige von der Höhe des Himmels große Steine auf sie, bis gen Aseka, und sie starben davon; derer, die unter dem Steinhagel umkamen, waren mehr als derer, welche die Israeliten mit dem Schwert töteten » (v. 11).
132. Gott kämpft für sein Volk, indem er Steine auf das feindliche Heer regnen lässt. Aber Josua fand, dass sein Sieg noch nicht vollständig genug war. « Da sprach Josua in Gegenwart aller Kinder Israel: Sonne, stehe still über Gibeon, und du, Mond, stehe still im Tal Ajalon. Und die Sonne stand still, und der Mond auch, bis das Volk das Blutbad vollendet hatte. Die Sonne, die mitten in den Himmeln war, stand also still und eilte nicht unterzugehen, etwa einen ganzen Tag. Nie war ein Tag, weder vorher noch nachher, so lang wie dieser » (Josua 10:12-14).
133. Josua hält die Sonne an. Wenn man diese Erzählung liest, wundert man sich, dass Josua nach dem Steinregen noch zu dem großen Wunder griff, die Sonne und den Mond anzuhalten. Der Text sagt, dass das Tagesgestirn in voller Mittagshöhe stand; es scheint also, dass man die Zeit gehabt hätte, alle Flüchtigen vom Mittag bis zum Abend auf dieser Straße von Beth-Horon zu töten, angenommen, dass die himmlischen Steine einige davon verfehlt hätten. Freilich werden die Theologen uns vielleicht sagen, eine gewisse Anzahl dieser Flüchtigen sei so schnell gelaufen, dass mehr als sechs bis sieben Stunden nötig gewesen seien, um sie einzuholen. Was die Physiker betrifft, so haben sie noch nicht erklären können, wie die Sonne, die sich nicht bewegt, ihren Lauf anhielt, noch wie dieser Tag, der das Doppelte der anderen [325] Tage war, mit der Bewegung der Planeten und der Regelmäßigkeit der Finsternisse in Einklang stehen konnte. Dieses prächtige Wunder Josuas hat viel fröhliches Gelächter hervorgerufen, und wir verdanken ihm einige Anekdoten. Man erzählt namentlich die eines Schülers Galileis, der vor die Inquisition gestellt worden war, weil er die Bewegung der Erde um die Sonne vertreten hatte. Man verlas ihm sein Urteil; es besagte, dass er gelästert habe, in Erwägung, dass Josua die Sonne angehalten habe und dass es folglich dieses Gestirn sei, das sich bewege, und nicht die Erde. « Eh! Messeigneurs, antwortete der Beschuldigte, seit jener Zeit bewegt sich die Sonne ohne Zweifel nicht mehr! » Das Heer, das soeben in diesem Desaster vernichtet worden war, hatte fünf Könige an seiner Spitze; diese waren dem Regen göttlicher Kiesel und dem Schwert der jüdischen Soldaten entkommen. Wie denn? Sie hatten in einer Höhle zu Makkeda Zuflucht gesucht (Josua 10:16). Als Josua die Sache erfuhr, gab er rasch den Befehl, große Steine vor den Eingang der Höhle zu wälzen (Josua 10:18). Da sitzen die fünf Könige gefangen wie Ratten in einer Mausefalle. Daraufhin begab sich Josua nach Makkeda, ließ die großen Steine wegnehmen, welche die Höhle verschlossen, und man zwang die fünf Monarchen herauszukommen. Dann wurden die Hauptleute gerufen, und Josua sagte zu ihnen: « Nun setzt eure Füße auf die Hälse dieser Könige. » Worauf Josua sie zunächst mit großen Hieben schlug, sie darauf tötete und ihre Leichname an fünf Galgen aufhängen ließ, wo sie bis zum Abend blieben; zuletzt wurden die Leichname wieder in die Höhle gelegt, die man mit großen Steinen wieder verschloss. Der heilige Verfasser fügt gravitätisch hinzu: « Die Leiber dieser fünf Könige sind noch daselbst. » (v. 22-27) Josua setzte seine Heldentaten fort. « Er verwüstete das ganze Land, die Berge und die Ebenen; er tötete alle Könige und ließ sie alle aufhängen; er tötete alles, was Leben hatte, wie der Herr ihm geboten hatte » (Josua 10:40). — « Er jagte allen Königen nach, die übrig blieben, und sein Blutbad war derart, dass nichts davon entkam; er verbrannte die Wagen, er hieb allenthalben den Rossen die Kniekehlen durch. Und da er zu Hazor war, welches eine große Hauptstadt gewesen war, tötete er dessen König, er schlachtete alle Einwohner und alle Tiere ab; und er legte alles in Asche. » (11:8-11) — « Josua führte etliche Jahre Krieg wider alle jene Könige. » (v. 18) — « Er zog auch wider die Riesen der Berge [326] und rottete sie aus (v. 21); und er ließ keinen vom Geschlecht der Riesen übrig, ausgenommen zu Gaza, Gath und Asdod. » (v. 22) — « Und er ließ im Ganzen einunddreißig Könige aufhängen. » (Josua 12:24) Alle Achtung! einunddreißig aufgehängte Könige! Das ist viel in einem Land von sieben bis acht Meilen Ausdehnung!... Nachdem die Völker des Gelobten Landes einmal eine vollständige Zerquetscherei (fr. „écrabouillade“, abgeleitet vom umgangssprachlichen „écrabouiller“, zu Brei zerquetschen) erlitten hatten, standen die Hebräer als die Gebieter da; es blieb ihnen nur noch übrig, den Landstrich unter sich zu teilen. [327] Das taten sie. Vom Kapitel 13 bis einschließlich Kapitel 21 gibt das Buch Josua minutiös das Gebiet an, das jedem Stamm zugeteilt wurde; da steht eine gewaltige Aufzählung von Städten. Man kann sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wenn man weiß, dass allein der Stamm Juda hundertvierundzwanzig Städte erhielt, die Dörfer nicht mitgerechnet; alle Namen dieser Städte werden ausdrücklich angeführt (Josua 15:20-63). Was die Leviten betrifft, so erhielten sie achtundvierzig Städte, von denen [328] sechs sogenannte Zufluchtsstädte waren (Josua 20, 21). Es war übrigens Jehova selbst, der die Zahl festgesetzt hatte: « Die Leviten, hatte er ausbedungen, sollen achtundvierzig Städte haben, zerstreut in den Gebieten der zwölf Stämme; sie sollen in diesen Städten wohnen, und die Vorstädte dieser Städte sollen für ihr Vieh sein, für ihre Habe und für alle ihre Tiere. Außerdem sollen die Vorstädte der levitischen Städte tausend Ellen ringsumher messen, von der Mauer der Stadt an nach außen. » (Numeri 35) Die sechs Zufluchtsstädte waren dazu bestimmt, den Totschlägern, die ohne Vorbedacht getötet hatten, als Asyl zu dienen.
134. Teilung des Landes Kanaan in zwölf Stämme. Lord Bolingbroke hält dafür, dass diese Stellen der Bibel nur von einem habgierigen und barbarischen Leviten verfasst worden sein können, der in Zeiten der Anarchie schrieb. So formuliert dieser Philosoph seine Meinung: « Niemals hatte das jüdische Volk in den Zeiten seines größten Gedeihens achtundvierzig ummauerte Städte. Man glaubt nicht einmal, dass Herodes, ihr einziger wahrhaft mächtiger König, sie besessen habe. Jerusalem war zur Zeit Davids die einzige Niederlassung der Juden, die den Namen einer Stadt verdiente; aber es war damals ein Nest, das keine Belagerung von vier Tagen hätte aushalten können. Erst durch Herodes wurde es gut befestigt. In Wirklichkeit hatten die Leviten keine anderen Besitztümer als den Zehnten, und das kleine israelitische Volk hatte keine einzige Stadt, weder unter Josua noch unter den Richtern. Die lange Aufzählung, die man im Buch Josua findet, ist nichts als eine lange und lächerliche Lüge. Wie hätte dieses winzige Volk, umherirrend und vagabundierend bis zu Saul, seinen Priestern achtundvierzig Städte geben können, da es doch nach seinem eigenen Geständnis siebenmal in die Sklaverei gebracht wurde? Der fälschende Levit, der diese hochmütigen Torheiten geschrieben hat, behauptet noch dazu, man habe sechs Zufluchtsstädte für die Totschläger in die Gewalt der Priester gegeben; das ist eine schöne Ermutigung zu den größten Verbrechen. Man weiß nicht, was mehr empören soll: die Absurdität, die Priestern in einer Wüste achtundvierzig Städte geben lässt, oder die von sechs Zufluchtsstädten in derselben Wüste, um alle Schurken dorthin zu locken! » Niedrig gerechnet umfasst die famose Teilung, die mit so viel Sorgfalt unter der Leitung Josuas vollbracht wurde, ungefähr sechshundert Städte für die Gesamtheit der israelitischen Stämme. Entschuldigen Sie das Wenige!... Und beachten Sie, dass die Gegend zwei Längengrade in ihrer größten Breite und zweieinhalb Breitengrade in [329] ihrer größten Länge misst, zu der Zeit, als die jüdische Macht den Höhepunkt ihrer Entfaltung erreichte, das heißt überhaupt nicht zur Zeit Josuas. Nach vollzogener Teilung sah Josua seine Mission beendet; und so starb er... mit hundertzehn Jahren (Josua 24:29). Er hatte alles ausgerottet; die Kapitel seines Buches wiederholen bis zum Überdruss, dass seine unablässigen Siege nicht ein lebendes Wesen übrig ließen. Nun denn, halten Sie sich gut fest (fr. „tenez-vous bien“, eine Redewendung: machen Sie sich auf eine Überraschung gefasst), Leser! Nach dem Tod Josuas werden wir alle diese ausgerotteten Feinde mächtiger als je wiederfinden, wie sie die Juden in der härtesten Sklaverei halten, bis zur Zeit Sauls und Davids. In der Tat zeigt uns das Buch der Richter — dasjenige, welches unmittelbar auf das Buch Josua folgt — gleich im ersten Kapitel die Stämme Juda und Simeon im Krieg gegen zehntausend Kanaaniter, die von einem König namens Adoni-Besek regiert wurden. Selbstverständlich wurde diese Bevölkerung, die sich mit einem Mal, man weiß nicht wie, dort befand, mit der Schärfe des Schwertes geschlagen. Was Adoni-Besek betrifft, so fügte man ihm, bevor man ihn abschlachtete, eine Marter zu. « Die Nachfahren Judas und Simeons, da sie ihn ergriffen hatten, hieben ihm zuerst die Hände und die Füße ab (fr. „les mains et les pieds“: die Bibel Ostervalds hat „les pouces des mains et des pieds“, die Daumen an Händen und Füßen, und ebenso bei den siebzig Königen: die ganzen Hände und Füße und die Könige, die „ohne Hände“ essen, stammen von Voltaire, aus La Bible enfin expliquée). Da sprach Adoni-Besek: Ich habe siebzig Königen die Hände und die Füße abhauen lassen, die unter meinem Tische die Reste meines Mahles aßen; Jehova hat mich behandelt, wie ich alle diese Könige behandelt habe. » (Richter 1:6-7) Dieser Adoni-Besek war also ein mächtiger Monarch, da er siebzig Könige dieses Landstrichs in die Gefangenschaft gebracht hatte. Nach der Bibel hieß seine Hauptstadt Besek; aber diese Stadt, dieser schreckliche Potentat und sein Königreich sind den Historikern vollständig unbekannt geblieben. Das erstaunt; denn dieser ungeheure Tisch, unter dem siebzig Könige ohne Hände aßen, war durchaus dazu angetan, Adoni-Besek einen erheblichen Ruf einzutragen. Wie dem auch sei, wenn man diese von Adoni-Besek besiegten und verstümmelten Könige zu den einunddreißig von Josua ausgerotteten hinzufügt, so gibt uns das, mit Adoni-Besek dem Grausamen, eine Gesamtzahl von hundertzwei Königen und folglich von hundertzwei Königreichen im Lande Kanaan. Wenn man einen Blick auf die Landkarte wirft und die Division dieses kleinen Gebietes ausführt, so sind das also Königreiche, die jedes kaum eine halbe Viertelmeile gehabt hätten; das ist mager! Diese hundertzwei Könige mussten in diesem engen [330] Raum recht zusammengedrängt sein, und es war Zeit, dass die Juden kamen, um einen solchen Zustand der Dinge in Ordnung zu bringen, indem sie sich an die Stelle der Kanaaniter setzten. Indessen konnte Jehova, obgleich allmächtig, mit einigen dieser Kanaaniter nicht fertig werden, die, von Josua vernichtet, wie durch einen Zauber abermals in diesem außerordentlichen Landstrich nachgewachsen waren. « Gott war mit Juda, und seine Nachfahren machten sich zu Gebietern der Berge; aber sie konnten die Einwohner der Täler nicht besiegen, weil [331] diese mit Sensen bewaffnete Kriegswagen hatten. » (Richter 1:19) Der Vorrat an großen Steinen, den Meister Jehova in seinem Himmel hatte, war also erschöpft? das ist die Überlegung, die man unfehlbar anstellen muss. Aber wenn man die Untersuchung dieser Stelle der Bibel noch gründlicher betreibt, fragt man sich, wie diese Kanaaniter, die dank ihren Kriegswagen mit knapper Not davonkamen, solche Wagen besitzen konnten, da ihr Manöver in diesem [332] ganz mit Bergen und Kieseln bedeckten Land unmöglich war. Die mit Sensen bewaffneten Kriegswagen wurden nämlich erst in den großen Ebenen erfunden, die gegen den Euphrat hin liegen, und man weiß, dass es die Babylonier und die Perser waren, die diese Erfindung erst drei Jahrhunderte nach Josua in Anwendung brachten. Die Kapitel 2 und 3 des Buches der Richter zeigen uns die Hebräer, wie sie es an Dankbarkeit gegen Jehova fehlen lassen und bald durch Niederlage und Sklaverei bestraft werden. Nach dem Tod Josuas hatten sich unsere Juden Richter erwählt, um sie zu regieren; diese Periode ihrer Geschichte ist nicht sehr glänzend.
135. Regiment der Richter. « Die Kinder Israel verließen den Gott ihrer Väter, Jehova, der sie aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hatte, und warfen sich vor den Statuen Baals nieder; sie beteten Baal und Astharoth an (Richter 2:12-13);
136. Die Israeliten fangen an, die Götzen anzubeten. und, da sie mitten unter den Kanaanitern, den Amoritern, den Pheresitern, den Hevitern und den Jebusitern wohnten, nahmen sie ihre Töchter zu Weibern, sie gaben ihre Töchter den Kindern dieser Völker zur Ehe, und sie dienten ihren Göttern. » (Richter 3:5-6) Werden wir, um diese Ehen besser zu bewundern, nicht müde, daran zu erinnern, dass das Heer der sechshunderttausend Israeliten, von Josua befehligt, ohne Barmherzigkeit alle Einwohner des Landstrichs vernichtet hatte: Mose immerhin ließ bisweilen 32.000 Jungfern verschonen; aber sein Nachfolger ließ nicht ein lebendes Wesen übrig. « Jehova nun, da er über die Kinder Israel im Zorn war, überantwortete sie in die Hände Kusan-Risathaims, des Königs von Mesopotamien, dessen Sklaven sie acht Jahre lang waren » (Richter 3:8). Der englische Kritiker Thomas Woolston (sic: „Wolston“ im Text von 1904; Deist, 1668-1733, 1729 wegen Gotteslästerung eingekerkert; Taxil folgt hier, samt der Schreibung, einer Anmerkung Voltaires zum Buch der Richter in La Bible enfin expliquée), der seine Unabhängigkeit in religiösen Dingen mit mehreren Jahren Gefängnis bezahlte und der seine Verve ebenso gegen die heiligen Bücher der Christen wie gegen die der Juden kehrte, erklärte unumwunden, man müsse zwischen der Geschichte der Richter und der Josuas wählen, denn die eine oder die andere sei lügenhaft, da zwischen diesen beiden heiligen Büchern ein flagranter Widerspruch bestehe. Es ist nicht möglich, sagte er, dass die Hebräer Sklaven gewesen seien, unmittelbar nachdem sie alle Einwohner Kanaans mit einem Heer von sechshunderttausend Mann ausgerottet hatten. Wer ist dieser Kusan-Risathaim, König von Mesopotamien, der auf einmal kommt, um die Kinder [333] Israel an die Kette zu legen? Wie ist er von so weit her gekommen, ohne dass man etwas von seinem Zug sagt? Der Text sagt zwar, dass es eine Züchtigung des Herrn dafür ist, dass sie ihre Töchter den Kanaanitern zur Ehe gegeben und deren Töchter geehelicht hatten; aber es ist zu leicht zu sagen, man sei besiegt worden, weil man gesündigt habe, und man habe gesiegt, weil man treu gewesen sei: Es gibt keine Nation und keinen Flecken von Wilden, die nicht dasselbe sagen könnten. Es wird immer unmöglich sein zu begreifen, wie eine Bevölkerung von vier Millionen Individuen, die sechshunderttausend Bewaffnete hatte, in demselben Land in Knechtschaft gebracht worden sein kann, das sie soeben erobert hatte; ebenso wie es unmöglich ist, dass diese gewaltige Horde von Kriegern alle früheren Einwohner vernichtet habe und dass sich danach Ehebündnisse zwischen den Niedermetzlern und den Ausgerotteten geknüpft hätten. Diese Menge von Widersprüchen ist nicht haltbar. Gleich darauf heißt es, dass nach Verlauf von acht Jahren der Richter Athniel seine Landsleute befreite und dass die Hebräer diesen Kusan-Risathaim, König von Mesopotamien, verjagten und töteten; aber man gibt uns keinerlei Auskunft über diesen Krieg, der erheblich gewesen sein muss und von dem die Historiker doch niemals etwas hörten. Vierzig Jahre später wurden die Hebräer von Eglon, dem König der Moabiter, geknechtet, obgleich das Königreich Moab seit langem nicht mehr bestand; seine Beseitigung durch das Massengemetzel liegt vor der Einnahme Jerichos.
137. Die geknechteten Israeliten bringen dem König Eglon den Tribut. Diese Sklaverei dauerte achtzehn Jahre. Ehud, der Sohn Geras, machte ihr durch eine mörderische Kriegslist ein Ende: Dieser Jude, der sich den Abgesandten des Volkes angeschlossen hatte, die Eglon ein Geschenk brachten, bat den Tyrannen, ihn allein in seinem Gemach zu empfangen, unter dem Vorwand, er habe ihm einige geheime Worte zu sagen; Eglon schloss sich ohne Argwohn mit Ehud ein, der ihm einen Dolch in den Bauch stieß und alsbald unbemerkt davonging. Dieser Meuchelmord ermutigte die Juden; sie empörten sich, und zehntausend Moabiter wurden abgeschlachtet. Und das Land war in Ruhe achtzig Jahre lang. Nach Ehud war Samgar, « der sechshundert Philister mit einer Pflugschar tötete » und der auch Israel befreite (Richter 3:11-31).
138. Ehud opfert den König Eglon hin. Die Hebräer waren wieder Sklaven eines gewissen Jabin, [334] Königs von Kanaan. Glücklicherweise ließ eine ehrwürdige Prophetin, die unter einer Palme zwischen Rama und Bethel Lobgesänge sang, Mme Debora, den Herrn Barak zu sich rufen, entflammte seinen Mut sowie den von zehntausend Soldaten der Stämme Sebulon und Naphthali und zog mit ihnen in den Krieg. Die Truppen Jabins, befehligt von dem General Sisera, wurden bei ihrem ersten Zusammentreffen mit denen Baraks und Deboras in Stücke gehauen.
139. Die Prophetin Debora ruft die Hebräer zur Freiheit auf. Der General flüchtete sich zu [335] Heber, von dem uns der heilige Verfasser sagt, er sei « ein Keniter, der mit dem König Jabin in Frieden lebte ». Nun hatte Heber eine Frau, die liebenswerte Jael, der Jehova eine Inspiration einblies. Es war Jael selbst, die Sisera Asyl anbot. « Sie kam ihm entgegen und sprach zu ihm: Mein Herr, zieh dich zu uns zurück, und fürchte dich nicht. Und sie verbarg ihn. Da ihn dürstete und er Wasser zu trinken verlangte, gab sie ihm Milch. Sisera bat sie, am Eingang des Zeltes zu stehen; dann schlief er [336] tief ein. Da nahm Jael einen sehr langen Nagel sowie einen Hammer, kehrte ganz leise zurück und durchbohrte ihm die Schläfe mit diesem Nagel, der bis in die Erde drang; und der General starb. Da nun Barak hernach angekommen war, zeigte Jael ihm den Sisera, tot hingestreckt, und sprach: Siehe, das ist der, den du suchst. » Was den König Jabin betrifft, so dauerte es nicht lange, bis er niedergemetzelt wurde, und die Prophetin Debora sang einen ihrer schönsten Lobgesänge (Richter 4, 5).
140. Jael, von Gott inspiriert, tötet den General Sisera. Trotz Ehud, Debora und Jael waren die Drangsale der Hebräer noch nicht zu Ende. Diesmal waren es die Midianiter (auch sie wieder einmal Wiedergänger), die es sich zur Aufgabe machten, sie zu verfolgen. Die unglücklichen Kinder Jakobs waren, ohne sich eigentlich im Zustand der Sklaverei zu befinden, allen Schikanen ausgesetzt: Wenn sie in der Hoffnung auf eine reichliche Ernte gesät und lange gearbeitet hatten, fanden die Midianiter ein hämisches Vergnügen daran, mit unzähligen Kamelen auf ihre Felder herbeizueilen, und die Ernten waren verloren; sie stibitzten ihnen Ochsen, Esel und Kleinvieh; sie verdarben die Früchte ihrer Baumgärten; die bedauernswerten Juden sahen sich genötigt, sich Höhlen in den Bergen zu graben, um sich selbst vor den tausendundein Bosheiten dieser rasenden Verfolger zu bewahren (Richter 6:1-6).
141. Die bösen Midianiter verfolgen die Kinder Israel. (das Ladenschild lautet „Juda bonnetier“, Juda, Strumpfwaren, sonntags geschlossen: Israels Verfolgung als Hetze gegen einen jüdischen Händler, dem man eine Beschimpfung ans Fenster schreibt) Seit sieben Jahren dauerten diese Plackereien, als Papa Lieber Gott, der endlich Mitleid mit seinem Volk hatte, beschloss, einen neuen Helden zu erwecken. Und damit das Beispiel eklatanter wäre, erkor er einen jungen Kümmerling namens Gideon, welcher so schwächlich war, dass er alle Mühe der Welt hatte, an der Presse seines Vaters zu hantieren. Eines schönen Morgens also « kam ein Engel des Herrn gen Ophra und setzte sich unter eine Eiche, die dem Joas gehörte, dem Haupt der Familie Abiesers und Vater Gideons; und der Engel sprach zu dem Jüngling: Siehe, nun bist du sehr stark und sehr tapfer, weil der Ewige mit dir ist » (Richter 6:11-12).
142. Der junge Gideon fällt durch seine Muskelschwäche auf. (das Schild lautet „Gédéon père, fabricant d’huiles“, Gideon senior, Ölfabrikant; in den Fässern Walöl, Lampenöl, Öl für die Letzte Ölung und ein Öl aus Nizza, Ernte 4960 v. Chr.) Gideon wagte nicht, dem Engel aufs Wort zu glauben, vor allem als er erfuhr, dass er es sei, der Israel vom Joch der Midianiter befreien werde. « Wenn der Ewige mir diese Gnade gewährt, sprach er, warum würdest du mich nicht durch irgendein wunderbares Zeichen davon überzeugen? Aber erlaube mir, dir etwas anzubieten, und, ich bitte dich, geh nicht fort, während ich dir zu essen hole. Der Engel antwortete: Es ist gut, ich will hier bleiben, bis du wiederkommst. Gideon, [337] da er nun in sein Haus zurückgekehrt war, kochte in aller Eile ein Böcklein und Fladen; er tat das Fleisch in einen Korb und die Brühe in einen Topf; dann brachte er das Ganze unter die Eiche und bot es dem Engel an. Aber der Engel sprach zu ihm: Du siehst diesen Stein, der da ganz nahe ist; lege das Fleisch und die Fladen darauf, und gieße die Brühe darüber. Gideon gehorchte. Da reckte der Engel seine Rute über das Böcklein und die Fladen aus; im selben Augenblick fuhren Flammen aus dem Felsen; das Fleisch, die Fladen und die Brühe wurden verzehrt, und plötzlich verschwand der Engel. » (v. 17-21)
143. Ein Engel verwandelt Gideon in einen starken Mann. Daraufhin rief Gideon zehn der besten Diener seines Vaters herbei, und bei Nacht ging er hin, den Altar Baals niederzureißen und die Bäume eines Wäldchens umzuhauen, das den Göttern der Midianiter geweiht war; mit diesem Holz errichtete er einen Scheiterhaufen, auf dem er Jehova einen Stier opferte (Richter 6:27-28). Groß war der Zorn der Einwohner von Ophra, als sie den Altar Baals niedergerissen und das Wäldchen umgehauen sahen. Da nun Joas ihnen seinen Sohn nicht hatte überantworten wollen, bemächtigte sich ein heftiger Zorn aller Feinde der Hebräer; und alle Midianiter, und alle Amalekiter, und alle morgenländischen Völker versammelten sich, gingen über den Jordan und lagerten sich im Tal Jesreel (Richter 6:29-33). Aber Gott bekleidete Gideon mit Waffen (Richter 6:34).
146. Gideon wirft die Götzen um. (auf dem Kasten steht „Pour le beurre et les œufs“, für Butter und Eier: der Opferstock der französischen Kirchen, in den die Gläubigen zahlten, um sie in der Fastenzeit essen zu dürfen) Würden Sie es glauben? Gideon fragte sich noch immer, ob Jehova ihn wirklich erwählt hatte, um den Feinden Israels Prügel zu verabreichen (fr. „flanquer une trempe“, eine Argot-Redewendung: „flanquer“ heißt schmeißen, „trempe“ ist im Argot die Tracht Prügel). Als er die Stämme Manasse, Asser, Sebulon und Naphthali einberufen hatte, auf die er am besten zählen zu können glaubte, bat er Gott, ein Wunder zu tun, das den Schutz, den er genoss, untrüglich beweisen würde. (Richter 6:35)
144. Gott erklärt Gideon, dass er Absichten mit ihm hat. « Und Gideon sprach zu Gott: Wenn du Israel wirklich durch meine Hand befreien sollst, wie du gesagt hast, so höre mich wohl an; ich will auf einen breiten flachen Stein das Vlies eines Schafes legen; und wenn der Tau nur auf das Vlies fällt und das Übrige trocken bleibt, so wird dies das Kennzeichen sein, dass du Israel durch meine Hand befreien willst. Und die Sache geschah, wie Gideon es erbeten hatte: denn am andern Tag, bei der Morgenröte, war trotz des Morgentaus der Stein trocken geblieben, während das Vlies dermaßen feucht war, dass Gideon, als er es ausdrückte, eine Tasse voll Tauwasser daraus hervorkommen ließ. Gideon sprach wieder zu Gott: Erbose dich nicht, wenn ich dich um ein neues Wunder ersuche zum Beweis für die Wirklichkeit meiner Mission; es ist das letzte Mal, dass [338] ich eine solche Bitte an dich richte. Ich bitte dich, erlaube mir, noch einen Versuch mit diesem Vlies zu machen, und diesmal sei das Vlies ganz allein trocken inmitten der feuchten Erde. Und Gott tat in jener Nacht, wie Gideon es erbeten hatte: das Vlies war trocken, und die Erde ringsumher war feucht vom Tau. » (Richter 6:35-40)
145. Wunder des feuchten Vlieses. Was sind das für famose Wunder! Wie schön sie ist, die heilige Bibel! Sind Sie nicht vor Bewunderung hingerissen?... Da sich das Gerücht von diesen großen Wundern in [339] Israel verbreitet hatte, wollte das ganze Volk kommen, um mit Gideon zu kämpfen. Aber diese Begeisterung dauerte nicht lange; denn nachdem der Held in einer Proklamation gesagt hatte: « Die da zaghaft sind, die sollen heimkehren! » blieben nur zehntausend Mann bei ihm, da alle anderen die Erlaubnis genutzt hatten, sich fortzuscheren.
147. Die Engel bewaffnen Gideon. Nun befand Papa Lieber Gott, dass diese zehntausend noch zu viele seien, und auf seinen Rat hin erkor Gideon folgendermaßen die Handvoll Wackerer, die ihn als einzige [340] gegen den Feind begleiten sollten: er ließ die zehntausend Soldaten zum nahen Fluss hinabsteigen, forderte sie auf, unmittelbar aus dem Fluss zu trinken, und während sie tranken, beobachtete Gideon seine zehntausend Krieger mit großer Aufmerksamkeit. Denn « der Ewige hatte zu Gideon gesagt: Wer das Wasser mit seiner Zunge leckt, wie der Hund leckt, den sollst du absondern; und du sollst auch alle die absondern, die sich auf ihre Knie niederbeugen, um zu trinken. Und die Zahl derer, die das Wasser nach Art der Hunde leckten, war dreihundert; und alle anderen beugten sich auf ihre Knie nieder. Da sprach der Ewige zu Gideon: Durch die, welche das Wasser wie die Hunde geleckt haben, will ich Israel befreien, und ich will die Midianiter in deine siegreichen Hände überantworten; und nun gehe das ganze Volk fort, ein jeglicher heim! » (Richter 7:5-7) Gideon behielt also seine dreihundert Lecker (fr. „lapeur“, von „laper“, mit der Zunge trinken, und „un rude lapin“, eine umgangssprachliche Redewendung: ein handfester Bursche; Taxil spielt mit dem Gleichklang von „lapeur“ und „lapin“), gewiss, dass er endlich derbe Kaninchen hatte. Das Lager der Midianiter lag unterhalb, im Tal. Jetzt, Achtung! lassen Sie sich keine Zeile der Erzählung dieser neuen biblischen Heldentaten entgehen; Sie werden sehen, dass Alexander, Cäsar, Karl der Große, Napoleon nur gekochte Rüben waren neben Gideon, dem Hauptmann Zebaoths. Der Held teilte seine dreihundert Lecker in drei Haufen. Er gab einem jeden eine Trompete, ein irdenes Gefäß und eine Lampe. « Damit, rief er aus, werden wir einen großen Sieg davontragen. Verliert mich nicht aus den Augen, und tut genau, was ich tun werde; wenn ich an das Ende des feindlichen Lagers gelangt bin, sollt ihr mich in allem nachahmen. Habt Vertrauen! Die Schlacht wird gewonnen werden unter den Klängen dieser Trompeten und mit einem Schrei, merkt ihn euch wohl: Das Schwert des Ewigen und Gideons! » (Richter 7:7-18)
148. Gideon versammelt die Israeliten und erklärt ihnen seinen Plan. Er wartete die Nacht ab. Da stieg er mit seinen dreihundert Leckern zum midianitischen Lager hinab. Man schlich sich lautlos in die Vorposten, als man eben die zweite Wache aufgestellt hatte. Nachdem dann jeder seine Lampe in das irdene Gefäß gestellt und angezündet hatte, bliesen Gideon und seine Soldaten mit einem Mal in ihre Trompeten, wobei sie zugleich mit Krachen ihre Töpfe zerbrachen (einige Übersetzer schreiben: ihre Krüge), unter Begleitung von lautem Rufen, in dem der als Losung ausgegebene Schrei vorherrschte. Die Midianiter, jäh aufgeweckt, erschraken über dieses Getöse von Trompeten und vor allem über diese dreihundert zerschlagenen Töpfe, und, da sie [341] sich diese Lampen nicht erklären konnten, welche die Israeliten brüllend schwenkten, töteten sie sich fast alle gegenseitig (Richter 7:16-28).
149. Die Midianiter werden in ihrem Lager überrascht. Weiter hinten folgt die Rechnung dieses Gemetzels; zwei midianitische Generäle, Oreb und Seeb, wurden von Männern des Stammes Ephraim getötet, während sie zum Jordan flohen, und zwei Könige namens Sebah und Zalmuna wurden in Karkor eingeholt und von Gideon in eigener Person abgeschlachtet. Der heilige Text sagt ausdrücklich: « Sebah und Zalmuna konnten Karkor erreichen, und sie waren dort mit fünfzehntausend Mann Truppen, das heißt denen, die vom ganzen Heer der morgenländischen Völker übrig geblieben waren; denn es waren hundertundzwanzigtausend Mann, die das Schwert zogen, tot gefallen. » (Richter 8:10) Wir erfahren also daraus, dass es hundertfünfunddreißigtausend Midianiter, Amalekiter und andere Morgenländer gab, die im Tal Jesreel lagerten; dieses Lager war folglich von erheblicher Ausdehnung. Nun nimmt das Lager eines Heeres von hunderttausend Mann üblicherweise eine Quadratmeile Flächeninhalt ein; das ist die Berechnung des Domherrn Rohrbacher, wenn er von den israelitischen Lagerplätzen in der Wüste spricht (Allgemeine Geschichte der katholischen Kirche, Band 1, Seite 182); und eine Quadratmeile entspricht sechzehnhundert Hektar; woraus man schließen muss, dass das midianitisch-amalekitische Lager von Jesreel niedrig gerechnet zweitausendzweihundert Hektar einnahm und dass die äußere Umfangslinie eine Länge von ungefähr einundzwanzig Kilometern hatte. Vergessen wir nicht, dass die Soldaten Gideons kaum in die Vorposten eindrangen und auf ihrem Platz blieben: « sie standen, ein jeglicher an seinem Platz, rings um das Lager » (v. 21); der Text ist genau. So waren die dreihundert Lecker, um das Lager zu umringen, notgedrungen dünn gesät, mit je siebzig Metern Abstand voneinander. Und das geschah bei Nacht! Wie konnten sie sich bei diesem Abstand gegenseitig sehen und alle zusammen Gideon nachahmen, wie er seinen irdenen Topf zerschlug? Wie armselig muss in Wirklichkeit die Wirkung von dreihundert zerbrochenen Krügen auf einer Kreislinie von einundzwanzig Kilometern gewesen sein! Dreihundert Mann, die in dichter Phalanx in ein Lager einrückten, brächten auf einer Fläche von zweitausendzweihundert Hektar nur eine recht klägliche Wirkung hervor; wären sie aber verstreut und verharrten auf der [342] äußeren Linie, so wäre das Ergebnis erst recht absolut null. Deshalb bedeutet die Kriegslist Gideons in dieser Geschichte rein gar nichts; wenn sie gelungen ist, so liegt da wirklich das Wunder; es war nötig, dass Zebaoth dreihundert Trompeten das Getöse von dreißigtausend machen ließ, dass er den Lärm der zerschlagenen Krüge mehr als verhundertfachte, dass er dem Geschrei der Lecker eine gewaltige Vervielfachung durch übernatürliche Echos gab, von denen die Bibel nicht spricht. Hält man sich an ihren bloßen Wortlaut, so ist die Erzählung des [343] göttlichen Taubers eine unwahrscheinliche, unmögliche und groteske Flunkerei. Wie dem auch sei, infolge dieser Waffentat ohne Beispiel wurde Gideon in ganz Israel äußerst populär, und seine Landsleute boten ihm das Königtum an; aber der Held, ebenso bescheiden wie praktisch, lehnte die Herrscherehren ab, fügte jedoch hinzu: « Ich ziehe es vor, dass ihr mir, ein jeglicher von euch, die goldenen Ringe eurer Beute gebt. » Und das Gewicht [344] der goldenen Ringe, die er so erhielt, betrug « tausendsiebenhundert Sekel Goldes » (Richter 8:22-26).
150. Gideon lehnt das Königtum ab. Der heilige Verfasser belehrt uns sodann, dass Gideon als Polygamist siebzig Kinder hatte; außerdem hatte er von einer Konkubine, die in Sichem wohnte, einen Jungen namens Abimelech, der bald von sich reden machte, auf eine wenig brüderliche Art (Richter 8:30-31). Abimelech schnitt an einem einzigen Tag « auf einem und demselben Stein » neunundsechzig seiner Brüder den Hals ab; ein einziger, der junge Jotham, entkam dieser Schlächterei, da er sich versteckt hatte, während Abimelech seine zahlreiche Familie zerhackte (Richter 9:5).
151. Abimelech schlachtet neunundsechzig seiner Brüder ab. Die Sichemiten, sehr stolz auf ihren Landsmann, den Bastard Gideons, riefen ihn zum König aus; aber nach drei Jahren hatte Abimelech aufgehört zu gefallen, und die Empörungen mehrten sich, geschürt von einem gewissen Gaal. Abimelech bemächtigte sich der empörten Stadt und metzelte das Volk nieder; da die Anführer des Aufstands sich im Turm zu Sichem versammelt hatten, blockierte er ihn und steckte dieses Fort in einem gigantischen Freudenfeuer in Brand.
152. Brand des Turms zu Sichem. Er belagerte kurze Zeit danach eine Stadt namens Thebez; aber dort erhielt er einen Mühlstein auf den Kopf, den eine Frau von der Zitadelle herab auf ihn schleuderte. Dieser enorme Stein zerschlug ihm die Hirnschale, wie man sich wohl denken kann. Jedoch rief Abimelech alsbald den Knaben, der seine Waffen trug, und sagte zu ihm: Ich sterbe; aber töte mich sofort, damit nicht gesagt werde, eine Frau habe mich getötet. Da durchbohrte ihn der Jüngling, um ihm gefällig zu sein (Richter 9). Abimelech hatte, wie man sieht, Eigenliebe.
153. Tod Abimelechs. So endete der illustre Bastard Gideons. Nach ihm erwähnt die Bibel die Herren Thola und Jair, die Richter Israels waren, der eine dreiundzwanzig Jahre lang und der andere zweiundzwanzig. 9. KAPITEL
Die Lehren der Erfahrung nützten den Juden in jener Zeit wenig: sie neigten immer noch dazu, den Kult Jehovas für den der anderen Götter aufzugeben, und [345] doch wussten sie, wie übel es ihnen bekam, Baal, Astharoth, Dagon usw. anzubeten, auf die ihr streitbarer Zebaoth überaus eifersüchtig war. Da sie in die Apostasie zurückgefallen waren, wurden sie dafür mit einer neuen Knechtschaft bestraft; diesmal waren es die Ammoniter, denen sie überantwortet wurden. Das ist also die sechste Sklaverei der Israeliten, in eben diesem Land, das sie mit einem Heer von sechshunderttausend Mann erobert hatten, in diesem Landstrich, wo Josua die ersten Bewohner vollständig ausgerottet hatte. Nach achtzehn Jahren der Knechtschaft seines Volkes ließ Jehova sich rühren und erweckte einen Befreier: « Jephthah, ein starker und tapferer Mann, war der Sohn einer Prostituierten, die bei Gilead gelegen hatte. Aber Gilead hatte von seinem Weibe andere Kinder gehabt, und diese, als sie groß geworden waren, verjagten Jephthah als den Sohn einer unwürdigen Mutter; und Jephthah, nachdem er sich im Lande Tob niedergelassen hatte, stellte sich an die Spitze einer Schar von Gesindel, mit dem er, nach allen Seiten plündernd, vagabundierte. » (Richter 11:1-3) Dieser Banditenanführer war der Erwählte Gottes.
155. Jephthah, Banditenanführer. Der Gerechtigkeit halber sei gesagt, dass Jephthah einen Vorzug hatte: er war ein ausgezeichneter Vater. Er besaß eine Tochter, sein einziges Kind, und man hätte sehen sollen, wie er sie verwöhnte, wie er sie hätschelte, wie er sie herausputzte, wie er sie mit Schmuck bedeckte, wie er ihr jeden Tag Berge von Präsenten brachte! Freilich kosteten ihn Schmuck und Präsente nicht viel.
156. Jephthah hat eine ungeheure Zuneigung zu seiner Tochter. Seine Landsleute wandten sich also an ihn, um das Joch der Ammoniter abzuschütteln. Er nahm an und zog alsbald ins Feld. Aber da die Räuberei die Frömmigkeit nicht ausschließt, tat Jephthah, bevor er gegen die Ammoniter aufbrach, Jehova das Gelübde, ihm, wenn er Sieger wäre, die erste Person aus seiner Stadt hinzuopfern, die ihm bei seiner Rückkehr entgegenkäme...
157. Jephthah tut beim Aufbruch in den Krieg ein Gelübde. Nichts ist für Papa Lieber Gott leichter, als seinen Schützlingen den Sieg zu geben. Nun, da einerseits der alte Zebaoth seinen charmanten kleinen Jephthah innig liebte, da er andererseits das Opfer schätzte, das ihm versprochen war, verzehnfachte er die Kräfte des hebräischen Hauptmanns, und dieser hieb die Ammoniter in Stücke. Das Blutbad war sehr groß, von Aroer bis nach Minnith, sagt die Bibel, und zwanzig Städte wurden verwüstet.
158. Vollständige Zerquetscherei der Ammoniter. Aber welche Überraschung erwartete unseren Helden, als er in seine gute Stadt Mizpa zurückkehrte!... Ein Chor junger Mädchen, die Flöte und Tamburin spielten, kam ihm entgegen, [346] um seinen Triumph zu feiern; an ihrer Spitze schritt die Tochter Jephthahs selbst, die das väterliche Gelübde nicht kannte, das arme Rehlein. Das war, was sich einen Dachziegel nennen lässt...
159. Die Tochter Jephthahs kommt ihrem siegreichen Vater entgegen. Ein Räuber hat nur sein Wort (fr. „Un brigand n’a que sa parole“, nach der Redensart „Un honnête homme n’a que sa parole“, „ein ehrlicher Mann hat nur sein Wort“: sein einmal gegebenes Wort hält er). Übrigens gab sich das Mädelchen bereitwillig zu dem Opfer her: sie bat nur um zwei Monate Frist und erhielt sie, « um ihre Jungfrauschaft zu beweinen »; denn es war für die Mädchen dieser Nation das größte Unglück, als Jungfrauen zu sterben. Daher kommt es, dass es niemals Nonnen [347] bei den Juden gab. Die Hinopferung fand also statt, wobei Jephthah selbst dem Opfer vorstand, die Trauer im Herzen und das Antlitz von Tränen überschwemmt (Richter 11). Jemand dagegen, der lachte wie eine Torte (fr. „rigolait comme une tourte“, eine umgangssprachliche Redewendung: lachte wie ein Schwachkopf; die „tourte“, eine Pastete, ist im Argot auch der Dummkopf) und der sich mit Sinnenlust die Lefzen beleckte, das war Jehova. Er nahm, sagen die Theologen, das junge Kind in seinen Schoß auf. Alter Spaßvogel!...
160. Jephthah opfert seine Tochter dem Ewigen. Aber wie könnte nach dieser Geschichte ein Tonsurierter sagen, dass das Volk Gottes sich der Menschenopfer enthalten habe? Ebenso gut [348] wie der Moloch der Phönizier und der Karthager nahm der Gott der Juden, das heißt der offizielle Gott von heute, mit Entzücken die Huldigung des Menschenblutes entgegen, trotz des ganz natürlichen Abscheus, der sich an solche Brandopfer heftet. Jephthah beschränkte sich nicht darauf, die Ammoniter niederzumetzeln; er machte sich Jehova auch noch wohlgefällig, indem er zweiundvierzigtausend seiner Landsleute abschlachtete, die eine schlechte Aussprache hatten. Die Leute von Ephraim sprachen, scheint es, cha, che, chi statt ça, ce, ci (französische Schreibung: „ch“ klingt wie das deutsche „sch“, „ç“, „ce“ und „ci“ klingen mit scharfem „s“): es waren die Auvergnaten jener Zeit (die Bewohner der Auvergne, in Mittelfrankreich; ihr Akzent, der aus dem „s“ ein „sch“ macht, war in Paris ein stehender Scherz), könnte man sagen. Jephthah legte also seine Soldaten am Übergang des Jordans in einen Hinterhalt, und da... Man muss den heiligen Text zitieren, das ist zu schön: « Wenn einer von denen aus Ephraim kam und sprach: Lasst mich hinübergehen; so befragten ihn die Leute von Gilead mit diesen Worten: Sag einmal Scibboleth (ein hebräisches Wort, „Ähre“ oder „Wildbach“, das als Kennwort diente; „Scibboleth“ klingt wie „Sibboleth“, „Chibboleth“ wie „Schibboleth“; im hebräischen Text steht es, wie in der Bibel Ostervalds und bei Luther, umgekehrt: verlangt wird „Schiboleth“, und der Ephraimiter sagt „Siboleth“). Aber der Ephraimiter sagte Chibboleth, denn er konnte nicht aussprechen, wie es sich gehört. Da ergriffen sie ihn und brachten ihn am Übergang des Jordans ums Leben. Und so wurden zweiundvierzigtausend Mann vom Stamm Ephraim getötet. » (Richter 12:5-6)
154. Das Gemetzel von Schiboleth. Jephthah war sechs Jahre lang Richter in Israel; dann starb er, und seine Nachfolger waren Ebzan aus Bethlehem, Elon aus dem Stamm Sebulon und Abdon, der Sohn Hillels. Unter deren Regiment lebten die Hebräer in Frieden. Hier sind wir bei dem berühmten Simson angelangt, dem Schrecklichen unter den Schrecklichen, dem biblischen Herkules. Die Philister, die bis jetzt nicht allzu sehr von sich reden gemacht hatten, treten ernstlich auf die Bühne und werden dem Volk Gottes Jahrhunderte hindurch Faden zum Zwirnen geben (fr. „donner du fil à retordre“, eine Redewendung: viel zu schaffen machen). Diese Irrgläubigen begannen mit einer Knechtung von vierzig Jahren; sie bändigten die Juden und ersparten ihnen keine Demütigung. Als Jehova dekretierte, es sei Zeit, die Befreiung der Kinder Israel vorzubereiten, fing er es diesmal beizeiten an, indem er eine alte Methode anwandte: er sandte einen Engel zu Herrn Manoah, vom Stamm Dan, der eine unfruchtbare Frau hatte; kurz nach dem Besuch des Engels wurde Mme Manoah schwanger. Der Engel ließ die Mutter versprechen, dass ihr Kind sich niemals die Haare schneiden würde; Mme Manoah brachte das providentielle Baby zur Welt, M. Manoah geriet in eine Freude, auf deren Beschreibung ich verzichte, und das Kind erhielt den Namen Simson (Richter 13). Der Bursche bewies schon von jungen Jahren an eine [349] außerordentliche Kraft. Eines Tages tötete er ganz spielend einen der schrecklichsten Löwen des Landstrichs. Sobald er geschlechtsreif war, wollte er heiraten, und er wünschte sich, was bei einem Erwählten Gottes absonderlich erscheinen wird, eine Philisterin zur Frau: seine Eltern mochten ihn noch so sehr daran erinnern, dass die Heiraten mit götzendienerischen Mädchen durch das Gesetz des Mose verboten waren, der junge Simson erwiderte, für ihn gebe es eine Ausnahme; er ehelichte also seine Philisterin.
161. Simson tötet als Kind einen Löwen. Während der Hochzeit, die mehrere Tage dauerte, gab er den jungen Leuten aus der Familie seiner Gattin ein Rätsel auf: der Einsatz bestand in dreißig Hemden und dreißig Tuniken, die diese Simson zu schenken hätten, wenn es ihnen nicht gelänge, sein Rätsel zu erraten, und umgekehrt. Die Braut, der daran lag, ihre Verwandten diesen beträchtlichen Posten Kleiderkram (fr. „frusques“, ein umgangssprachliches Wort: Kleidung, oft schon abgetragen; dieselbe Wurzel wie „saint-frusquin“, der heilige Plunder) gewinnen zu lassen, ließ sich von Simson die Lösung des Rätsels sagen, am Abend, auf dem Kopfkissen, und lehrte sie dann die jungen Philister. Simson, der so seine Wette verloren hatte, musste sich nur noch dazu bequemen. Zu diesem Zweck begab er sich nach Askalon, suchte mit dreißig Philistern Streit, die er ohne die geringste Schwierigkeit aufspießte, nahm ihre Hemden und ihre Tuniken und gab sie den gewinnenden Erratern. Was seine Frau betrifft, welche die Gemeinheit gehabt hatte, ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen (fr. „tirer les vers du nez“, eine Redewendung: jemandem durch List ein Geheimnis entlocken; das Deutsche hat dieselbe Redewendung) und ihn zu verraten, so brachte sie ihre Heirat mit ihm nicht zu Ende: man war am siebten und letzten Tag der Hochzeit; der Schwiegervater schlug an jenem Abend, ohne Simson zu benachrichtigen, die Braut einem Gefährten zu, den der junge Hebräer als seinen besten Freund betrachtete. (Richter 14)
162. Simson spießt dreißig Philister auf. Einige Tage danach begab sich Simson, der nicht wusste, dass er ersetzt worden war, und der seiner Frau keinen Groll mehr nachtrug, zu ihr, mit einem Böcklein, das er ihr zu schenken wünschte. Aber als er an der Tür der Kammer angekommen war, stieß er auf den Schwiegervater, der sich weigerte, ihn eintreten zu lassen. « Ich meinte, sprach dieser zu ihm, du hättest mit einem Mal Widerwillen gegen meine Tochter gefasst; darum habe ich sie deinem Gefährten gegeben. Aber wenn du meine jüngere Tochter willst, so brauchst du nur zu reden. Na, na, ist sie nicht schöner als ihre ältere Schwester? Ich bitte dich, nimm sie. — Simson antwortete: Nun wohl! jetzt, wie groß auch das Übel sein mag, das ich den Philistern antun werde, werde ich mich für unschuldig halten. » (Richter 15:1-3) So sah die erste Rache des Erwählten Gottes aus: er nahm dreihundert Füchse (nicht einen mehr, nicht einen weniger!); « er band sie einen an den andern [350] am Schwanz und befestigte Fackeln in der Mitte daran; und nachdem er die Fackeln angezündet hatte, ließ er die Füchse los, die alles Korn der Philister verbrannten, sowohl das, welches auf der Tenne war, als das, welches noch stand, und die Weinberge und die Ölbäume » (Richter 15:4-5).
163. Die brennenden Füchse. Die Philister, tief betrübt über diesen Brand, begaben sich, nachdem sie alle seine Ursachen erfahren hatten, zu Simsons Schwiegervater und verbrannten ihn lebendig, ebenso wie seine Tochter; sie bildeten sich ein, der Grimm des Sohnes Manoahs wäre damit besänftigt. [351] Überhaupt nicht; Simson erklärte ihnen, dass seine Rache an allen Philistern ohne Unterschied kaum erst begonnen habe; und « er schlug sie Rücken und Bauch (sic) und fügte ihnen eine große Niederlage zu », die Bibel sagt weder wo, noch wie, noch ob er es in Gesellschaft anderer Hebräer tat oder ganz allein. Wie dem auch sei, die Lage verschlimmerte sich: alle Philister versammelten sich und lagerten unter dem Stamm Juda und schickten sich an, alles niederzumetzeln. [352] Indessen hatte sich Simson auf den Felsen Etam zurückgezogen. Dreitausend Männer vom Stamm Juda suchten ihn dort auf und überhäuften ihn mit Vorwürfen, indem sie ihm vorhielten, dass sie dem Ringen mit den Philistern, ihren Belagerern, nicht gewachsen seien.
164. Die Israeliten von den Philistern eingeschlossen. « Nun wohl, sprach Simson zu ihnen, bindet mich sicher fest und liefert mich unseren Feinden aus; auf diese Weise werden sie euch in Ruhe lassen. » So geschah es. Die Philister willigten mit Freuden ein, dass man ihnen einen Burschen auslieferte, der ihnen so viele Scherereien machte...
165. Simson den Philistern ausgeliefert. Aber kaum war Simson von seinen triumphierenden Feinden weggeführt worden, als er seine Fesseln zerriss, einen Eselskinnbacken ergriff, der da auf der Erde lag, und, mit dieser improvisierten Keule bewaffnet, die tausend Philister erschlug, die ihm als Wächter dienten.
166. Der Eselskinnbacken. Nach einer so heftigen Leibesübung fühlte sich Simson etwas ermüdet und vor allem sehr durstig; er war aber auf einem Feld, und nicht ein Brunnen am Horizont. « Da, vom Durst überaus bedrängt, rief er zum Ewigen: Du hast deinem Knecht diese große Befreiung gewährt; und jetzt soll ich vor Durst sterben und in die Hände der Unbeschnittenen fallen? Und als Gott Simson gehört hatte, spaltete er einen der Backenzähne dieses Eselskinnbackens, und eine Quelle sprang daraus hervor; und als Simson getrunken hatte, kam ihm die Kraft wieder, und er fasste wieder Mut. » (Richter 15:18-19)
167. Simson löscht seinen Durst. Diese Heldentat trug ihm die Ehren der höchsten Magistratur in Israel ein: er übte zwanzig Jahre lang die hohen Funktionen eines Richters aus (v. 20). Es ist zu bemerken, dass Simson sich nicht als sittenstrenge Magistratsperson aufspielte: dieser Erwählte Gottes verkehrte in den Lupanaren, vor jedermanns Augen und mit jedermanns Wissen. Eines Tages hatte er ein Abenteuer, das für ihn überaus übel hätte ausgehen können; aber Jehova beschützte ihn, selbst inmitten seiner Hurereien. Hier ist das Geschichtchen: Simson war immer noch in die Philisterinnen verschossen; als er nach Gaza gegangen war, einer festen Stadt, die den Feinden Israels gehörte, « ließ er sich am Abend von einer Prostituierten beherbergen, bei der er lag; und die Sache ward in der ganzen Stadt bekannt, sodass die Philister, im Vertrauen auf ihre Tore, die des Nachts verschlossen waren, ruhig schliefen und sich vornahmen, ihn beim Anbruch des Tages zu ergreifen und zu töten; aber Simson stand um Mitternacht auf und verließ das Haus der Ausschweifung; dann, bei den Wällen angekommen, riss er die Tore der Stadt aus, [353] mit ihren Angeln und ihren Pfosten, lud das Ganze auf seine Schultern und trug es sehr weit fort, bis auf den Gipfel eines Berges, der Hebron gegenüber liegt. » (Richter 16:1-3)
168. Simson trägt die Tore von Gaza fort. Als unverbesserlicher Guilledou-Läufer (fr. „coureur de guilledou“, eine Redewendung: „courir le guilledou“ heißt nachts auf die Suche nach Frauen ausgehen; „guilledou“ ist ein altes Wort unsicherer Herkunft) verguckte sich Simson eines schönen Morgens in eine neue Philisterin namens mamzelle („mademoiselle“, schnell und nachlässig ausgesprochen und ein wenig spöttisch) Delila, deren Bekanntschaft er machte, als er an den Ufern des Wildbachs Sorek herumlungerte. Sobald seine Feinde ihn von der Schönen eingewickelt wussten, boten sie dieser eine erhebliche Summe an, wenn sie ihnen ihren Verliebten möglichst geschwächt auslieferte.
169. Delila und Simson machen Bekanntschaft. Delila ging nicht auf vier Wegen daran (fr. „n’y alla pas par quatre chemins“, eine Redewendung: sie kam geradewegs zur Sache); sie fragte Simson rundheraus, welches das Geheimnis seiner Kraft sei. Die Art, wie sich der jüdische Herkules in der Falle fangen ließ, ist so albern, dass es gut ist, auch hier wieder den göttlichen Text in voller Länge zu zitieren: « Delila also sprach zu Simson: Tu mir kund, ich bitte dich, worin deine große Kraft besteht und womit man dich fest binden müsste, um dich zu bezwingen. — Und Simson antwortete ihr: Wenn man mich mit sieben frischen Stricken bände, die noch nicht trocken wären, so würde ich kraftlos werden und wäre wie ein anderer Mensch. — Da sandten ihr die Statthalter der Philister die sieben frischen Stricke, und sie band ihn damit. — Nun hatte sie bei sich, in ihrer Kammer, Leute, die sich verborgen hielten, und sie sprach zu ihm: Die Philister sind über dir, Simson! Aber er zerriss die Stricke, wie ein Wergfaden zerrisse, sobald er das Feuer spürt; und das Geheimnis seiner Kraft ward nicht kund. — Darauf sprach Delila zu Simson: Wohlan, du hast mich zum Narren gehalten; denn du hast mir Lügen gesagt. Ich bitte dich, tu mir jetzt kund, womit du fest gebunden werden kannst. — Und er antwortete ihr: Wenn man mich straff mit dicken neuen Stricken bände, die man nie gebraucht hätte, so würde ich kraftlos werden und wäre wie ein anderer Mensch. — Delila also nahm dicke neue Stricke, und sie band Simson, dann sprach sie zu ihm: Die Philister sind über dir, Simson! Nun waren wieder Leute in der Kammer verborgen; und er zerriss die dicken Stricke von seinen Armen wie einen Faden. — Darauf sprach Delila zu Simson: Du hast mich bis hierher zum Narren gehalten und mir nichts als Lügen gesagt. Lass uns ein Ende machen; offenbare mir, womit man dich binden müsste. Und er sprach zu ihr: Nun wohl, siehe; es wäre, wenn du sieben Flechten meines Haupthaars um einen Weberbaum gewebt hättest. — Und sie steckte sie mit dem Pflock in den Weberbaum, während er schlief; und [354] sie rief mit einem Mal: Die Philister sind über dir, Simson! Da erwachte er von seinem Schlaf und riss den Pflock des Webstuhls mit dem Weberbaum heraus. — Da sprach sie zu ihm: Warum sagst du, dass du mich liebst, da doch dein Herz nicht mit mir ist? Dreimal hast du mich zum Narren gehalten, und du beharrst darauf, mir zu verbergen, worin deine große Kraft besteht. — Und sie quälte ihn alle Tage mit ihren Worten und bedrängte ihn bis aufs Äußerste, sodass seine Seele darüber sehr bekümmert war. — Da öffnete er ihr sein ganzes [355] Herz und sprach zu ihr: Das Schermesser ist nie über mein Haupt gegangen; denn ich bin ein Nasiräer, Gott geweiht von Mutterleibe an. Wenn ich geschoren würde, so verließe mich meine Kraft, und ich würde wie alle anderen Menschen. — Delila also, da sie sah, dass er ihr diesmal sein ganzes Herz geöffnet hatte, sandte hin und ließ die Statthalter der Philister rufen und ihnen sagen: Ihr könnt zu mir heraufkommen; denn er hat mir sein ganzes Herz geöffnet. Die Statthalter beeilten sich, zu ihr zu kommen, und brachten das versprochene [356] Geld. — Und als sie sie hatte verbergen lassen, schläferte Delila Simson auf ihren Knien ein, und nachdem sie einen Mann gerufen hatte, ließ sie ihn sieben Flechten der Haare seines Hauptes abscheren; von da an fing sie an, ihn zu bezwingen, denn seine Kraft verließ ihn.
170. Die Philister scheren Simson während seines Schlafes. — Da rief sie: Die Philister sind über dir, Simson! Und als er erwachte, sagte er sich: Ich werde davonkommen wie die anderen Male, und ich werde mich aus ihren Händen losmachen. Aber er wusste nicht, dass der Ewige von ihm gewichen war. — Die Philister also ergriffen ihn und stachen ihm die Augen aus; und sie führten ihn nach Gaza, warfen ihn in ein Gefängnis, gebunden mit zwei ehernen Ketten; und dort zwangen sie ihn, alle Tage einen schweren Mühlstein zu drehen. » (Richter 16:6-21)
171. Man sticht Simson die Augen aus. Es wäre schwierig, glaube ich, ein stupideres Märchen zu ersinnen. Von der ersten Zeile bis zur letzten ist in dieser Episode des Buches der Richter alles idiotisch, und es gibt darin nichts, womit man selbst die schwachköpfigsten Kinder amüsieren könnte. Über die Geschichte Simsons sagte Lord Bolingbroke (in Wahrheit der Pfarrer Jean Meslier, 1664-1729, ein heimlicher Atheist: Voltaire, dem Taxil hier folgt, legt ihm diesen Spott in La Bible enfin expliquée in den Mund, ebenso den über die schwachköpfigsten Kinder), es gebe in dieser Fabel keinen anderen Eselskinnbacken als den des Verfassers, der sie erfand. Es ist eine grobe Nachahmung, ein ungeschicktes und groteskes Plagiat der heidnischen Fabel von Herkules, so wie das Opfer der Iphigenie sichtlich den Erzähler des Gelübdes Jephthahs inspiriert hat, das mit der Hinopferung seiner Tochter endet. Zwar deuten die Theologen an, eher habe die griechische Mythologie die Bibel kopiert und entstellt: aber es ist leicht, ihnen mit genauen Daten zu antworten, von denen sie einige selbst liefern. Ihrer Meinung nach ist dieses Buch der Richter zur Zeit Sauls von Samuel geschrieben worden; nun war bei den Griechen von Herkules schon sehr lange vor dem Trojanischen Krieg die Rede, und zwischen dem Trojanischen Krieg und der Wahl Sauls liegen mehr als zweihundert Jahre. Der R. P. Petau (fr. „Révérend Père“, ein Titel: hochwürdiger Pater; Denis Petau, lateinisch Dionysius Petavius, 1583-1652, französischer Theologe, Verfasser einer berühmten Chronologie der alten Geschichte), Jesuit, lässt Herkules im Jahr 1289 vor unserer Zeitrechnung zur Welt kommen, und derselbe Petau lässt die Heldentaten Simsons erst elfhundertfünfunddreißig Jahre vor derselben Zeitrechnung beginnen. Angenommen, er hätte mit fünfundzwanzig Jahren begonnen, so wäre er also 1110 (sic: vor unserer Zeitrechnung ist fünfundzwanzig Jahre vor 1135 das Jahr 1160; Herkules wurde also 129 Jahre vor Simson geboren, nicht 179; das Argument bleibt bestehen) geboren; selbst wenn man die keineswegs bewiesene Existenz dieser beiden schrecklichen Gestalten annimmt, ergibt sich daraus, dass Herkules hundertneunundsiebzig Jahre vor Simson geboren wurde: so sind die Theologen in ihrer eigenen Chronologie gefangen. [357] Außerdem ist zu bemerken, dass die heidnische Fabel intelligenter ersonnen worden ist als die jüdische Fabel; das Ende des Herkules ist weniger abgeschmackt als das Simsons. In der griechischen Mythologie wurde der Halbgott von der Schönheit der Omphale so betört, dass er darüber seine unsteten Gewohnheiten und seine kriegerischen Heldentaten vergaß und bei seiner neuen Liebsten sesshaft wurde, die über den Geist des Herkules eine unumschränkte Gewalt gewann: während nun die Königin von Lydien sich damit amüsierte, sich mit dem Fell des Nemeischen Löwen zu bekleiden und sich mit der furchtbaren Keule des Helden zu bewaffnen, versuchte dieser, zu Füßen der Fürstin sitzend, wie eine Frau mit einem langen Purpurgewand bedeckt, die Wolle zu spinnen, zerbrach alle Spindeln und empfing lachend die Pantoffelhiebe, die ihm seine fröhliche Geliebte versetzte. Diese Episode kennzeichnet hinlänglich den Einfluss, den eine geliebte Frau auf den Mann gewinnen kann, selbst auf den heldenhaftesten; aber hier überschreitet die Allegorie nicht die Grenzen des Möglichen und bleibt glaubhaft. Mag Herkules auch seine Würde vergessen, so hat man doch zwei Liebende vor sich, die sich amüsieren; sie reisen, so verkleidet; Omphale selbst vergisst ihr Königreich und nimmt Herkules mit, damit er in Grotten bei ihr liege, fern von ihrem Hof. Herkules betrügt eines schönen Tages Omphale und verguckt sich in eine ihrer Zofen, die hübsche Matis, von der er einen Sohn hat, Agesilaos. Von Matis geht er zu Iole über, der Tochter des Königs Eurytus. Schließlich schickt ihm Deianira, seine Frau, verzweifelt über seine Untreue, die Tunika des Kentauren Nessus, die sie für einen Talisman hält, der die Macht habe, die den Frauen nachlaufenden Ehemänner zu ihren ehelichen Pflichten zurückzuführen, und unter den Schmerzen, die ihm die vergiftete Tunika verursacht, die sich an sein Fleisch geklebt hat und die er nicht abreißen kann, entschließt sich Herkules zum Selbstmord, um seine Leiden schneller zu beenden; er errichtet auf dem Berg Öta einen ungeheuren Scheiterhaufen, zündet ihn an und stürzt sich in die Flammen. Das Ende der Legende des Herkules fällt wieder ins Unglaubliche zurück; aber was gibt es dafür Poetischeres als den Tod des Sohnes des Jupiter und der Alkmene?... Da der Heilige Geist der Verfasser der Bibel ist, zwingt er uns, ihm zu sagen, dass seine Märchen weit unter den heidnischen Legenden der Griechen und der Römer stehen. Ovid, der den tragischen Selbstmord des Herkules erzählt, ist dem göttlichen Tauber unendlich [358] überlegen, dessen Simson von vollendeter Lächerlichkeit ist. Die Götter des Olymp erbarmen sich der Schmerzen des Gatten der Deianira; aber Jupiter beruhigt sie, und wir haben da eine der schönsten Seiten der heidnischen Mythologie. « — Der Scheiterhaufen des Öta ängstige eure Seele nicht mehr! Ja, wer alles zu besiegen wusste, wird die Flamme zu besiegen wissen. [359] Die Feuer werden läutern, was er an Sterblichem hatte. Was er an Göttlichem hatte, leidensunfähig, ewig, Fürchtet nicht Vulkans mörderischen Streich. Mein Sohn wird seinen groben Lehm abschütteln, Und bald, ein neuer Gott, seinen Platz unter euch einnehmen. Wenn irgendeine Gottheit ihn mit eifersüchtigem Auge sieht, So wird sie wenigstens eingestehen, obgleich sie sich darüber entrüstet, Dass, wenn die Ehre groß ist, der Held ihrer würdig ist. » Dieser Urteilsspruch ist dem Wunsch der Götter zuvorgekommen; Juno selbst, Juno hört ihn ohne Missfallen; [360] Doch bei diesen letzten Worten, die ihren Hass verurteilen, Verbirgt sich ihr Verdruss auf ihrer Stirn nur mit Mühe. Der Held im Feuer triumphiert über Vulkan; Seine Miene ist erlauchter, er hat nichts Menschliches mehr: Er hat nichts mehr von den Zügen, die er von seiner Mutter empfing, Unsterblich durch seinen Tod, gleicht er seinem Vater. Gleichwie eine prächtige Schlange, in den Strahlen der Sonne, Das rotglänzende Gold ihrer neuen Schuppenhaut entzündet Und mit ihrer Haut ihr Alter abzustreifen scheint, So, der Menschheit Schwäche abstreifend, Hat Herkules eines Gottes erlauchte Majestät angenommen Und scheint sich mit der Unsterblichkeit zu bekleiden. Der Lüfte Bahn in einem Augenblick durchmessend, Erhebt er sich, fortgetragen auf einem Wagen aus Licht. (OVID, Metamorphosen, Buch 9; Übersetzung von Delille (Jacques Delille, 1738-1813, französischer Dichter, berühmt für seine Versübersetzungen der lateinischen Klassiker).) Aber wenn das Heidentum in seinen Legenden oft voller Poesie war, kann man sich dagegen etwas Platteres ausdenken als den biblischen Herkules? Dass die Episode von Simson und Delila ein Abklatsch des Abenteuers des Herkules bei Omphale ist, das scheint außer Zweifel zu stehen; jedoch will es scheinen, dass der Heilige Geist seinen Helden besser hätte zeichnen können; Simson misstraut seiner Geliebten, da er ihr dreimal einen Schwindel über seine Kraft erzählt; und nachdem er dreimal festgestellt hat, dass ihm seine vertrauliche Eröffnung einträgt, sich gegen seine Feinde wehren zu müssen, offenbart er beim vierten Mal dieser Frau, deren Treulosigkeit offensichtlich ist, die ganze Wahrheit. Darin liegt eine Unmöglichkeit, welche die Augen aussticht (fr. „crever les yeux“, eine Redewendung: ganz offensichtlich sein, im Deutschen etwa „in die Augen springen“), noch lebhafter, als die Simsons ausgestochen wurden; oder aber dieser Richter Israels war der letzte der gagas. Ganz abgesehen davon, dass man sich fragt, wie Simson, der alle seine Kräfte verloren hatte, in seiner Knechtschaft dazu angehalten wurde, täglich einen schweren Mühlstein zu drehen! Da wäre es im Gegenteil angezeigt gewesen, ihm zur Demütigung die Erniedrigung des Wolle spinnenden Herkules aufzuerlegen oder irgendeine andere Weiberarbeit...
172. Simson dreht den Mühlstein. Der Schluss bricht übrigens mehr und mehr in Dummheit und in Widerspruch aus. Die Philister, die wissen, dass die Kraft ihres Gefangenen in seiner Mähne liegt, sollten ihn wenigstens alle vierzehn Tage scheren. Nicht im Geringsten! sie lassen seine Haare nachwachsen und schöpfen keinerlei Verdacht. « Und die Haare Simsons fingen an wiederzukommen, und sie waren auf [361] seinem Haupt, wie sie waren am Tage, da er bei Delila geschoren ward » (Richter 16:22). Daraufhin geben die philistäischen Statthalter in Gaza ein großes Fest zu Ehren ihres Gottes Dagon; Simson wird aus seinem Gefängnis geholt; man führt ihn in einen ungeheuren Palast, « wo dreitausend Personen waren, sowohl Männer als Weiber »; man lässt den Gefangenen zwischen zwei Säulen stellen, die das ganze Gebäude trugen (sic). « Simson also umfasste die zwei mittleren Säulen, auf welche der Palast gestützt war, und hielt sich an ihnen fest: die eine war zu seiner Rechten und die andere zu seiner Linken. Und er sprach: Möge ich mit allen Philistern sterben! Da streckte er die Arme aus mit aller seiner Kraft, und der Palast stürzte über den Statthaltern und über allem Volk, das darin war, zusammen. Und er brachte in seinem Tode viel mehr Leute zu Tode, als er während seines Lebens zu Tode gebracht hatte. » (Richter 16:29-30)
173. Simson stirbt, indem er sich rächt. Ohne irgendeine Neigung zum Heidentum zu haben, wird man den Tod des Herkules gewiss viel interessanter finden als den Simsons. Will man das Leben der beiden Helden miteinander vergleichen, welch armseliges Dasein führte Simson! und wie könnten seine mageren Heldentaten die Seele erheben, selbst wenn man sich auf den religiösen Standpunkt stellt!... Denn wenn Simson die Philister zu Resteragout (fr. „mettre en capilotade“, eine Redewendung: zu Brei schlagen; die „capilotade“, nach dem spanischen „capirotada“, wird aus klein gehackten Resten geschmort) macht und ihre Ernten in Brand steckt, so geschieht das nach der Bibel selbst keineswegs auf Eingebung eines patriotischen Hasses gegen die Nation, welche seine jüdischen Brüder unterdrückt, noch um Jehova für die Konkurrenz des Gottes Dagon zu rächen. Er befriedigt schlicht und einfach einen persönlichen Hass, nachdem er mit den Verfolgern seiner Landsleute in den besten Beziehungen gelebt hat. Aufs Höchste gekränkt darüber, dass eine Philisterin, in die er verliebt ist, nur sechs Tage lang seine Frau gewesen und durch die Kaprice seines Schwiegervaters die endgültige Gattin eines Philisters geworden ist, der sein engster Freund ist, lindert er seinen Groll, indem er den Philistern allen Schaden zufügt, den er kann, er übt eine private Rache, die mit einer nationalen Revanche nichts zu tun hat; mehr noch, er verachtet die Jungfrauen Israels, und immer sind es die philistäischen Trullen (fr. „gadoues“, ein derbes Wort: hier Straßenmädchen, mit äußerster Verachtung gesagt; eigentlich ist die „gadoue“ der Inhalt der Senkgruben, den man ausschöpfte), zu denen ihn sein Herz zieht. Jehova? er kümmert sich um ihn wie um sein erstes Hemd (fr. „s’en soucier comme de sa première chemise“, eine Redewendung: er macht sich nicht das Geringste aus ihm; an das erste Hemd, das man als kleines Kind trug, erinnert sich niemand)!... Herkules dagegen ist wirklich der Nationalheld Griechenlands, und mögen uns seine Heldentaten auch ungläubig lassen, so sind sie doch [362] in ihrer Legende von den edelsten Gefühlen inspiriert: er ist nicht nur die Verkörperung der Kraft; er stellt diese Kraft mit einem bewundernswerten Edelmut in den Dienst der Schwachen. Schon im Jünglingsalter, als er unterwegs dem Laster und der Tugend begegnet, die in Gestalt zweier Frauen um die Wette versuchen, ihn zu sich zu ziehen, welche Wahl trifft Herkules? Die eine lässt vor seinen Augen tausend Verlockungen glänzen, die sehr wohl imstande sind, einen jungen Mann zu gewinnen; sie zeigt seinen Blicken einen [363] breiten, bequemen und von duftenden Blumen gesäumten Weg, während die andere ihm einen steilen, schmalen und dürren Pfad enthüllt. Mit einer Urteilskraft, die seinem Alter voraus ist, entscheidet sich der Sohn der Alkmene trotz des beschwerlichen Zugangs für den Pfad der Tugend, weil er begreift, dass dies die Bahn des Glücks ist, und weil er am Ende des anderen die unbarmherzigen Gewissensbisse vorausahnt. Alle unfehlbaren Päpste mögen sich heiser schreien und uns zurufen, dass das Heidentum das Werk des [364] Dämons ist, sie werden nicht verhindern, dass die Lehre dieser heidnischen Allegorie ihrem Wesen nach moralisch ist. Sodann handelt Herkules, der sein Leben damit verbringt, die Tyrannen und die Ungeheuer zu bekämpfen, zum Wohl der Menschheit; er ringt mit den Geißeln jeder Art, er rottet die grausamsten Räuber aus. In den Augen eines jeden, der nachdenkt, ist die Parallele für den Helden der Bibel erdrückend; es bedarf einer ausgemachten Unaufrichtigkeit, oder man muss ein frommer Kretin sein, um Simson dem Herkules vorzuziehen. Indem sie diesen auf ihre Altäre stellten, beteten die Heiden einen liebenswürdigen Helden an; indem sie den Liebhaber der Delila von ihren Schäflein verehren lassen, indem sie sagen, man müsse in ihm einen Heiligen, einen Erwählten Gottes sehen, verrichten die Tonsurierten ein Werk der Verblödung, täuschen mit Zynismus und setzen, alles in allem, den Heiligenschein auf den Kopf eines schmutzigen Herrn. Im Buch der Richter finden wir noch eine Episode, die — wie viele andere übrigens — kaum dazu angetan ist, das Prestige des israelitischen Volkes zu heben; es ist das Abenteuer des Leviten von Ephraim, seiner Konkubine und der Benjaminiter. Dieser jüdische Pfarrer hatte sich eine Konkubine genommen, eine Frau aus Bethlehem, die zum Stamm Juda gehörte. Eines Tages hielt dieses achtbare Paar, auf der Reise begriffen, in Gibea an und wurde bei einem Greis gastlich aufgenommen, der sie großzügig zum Abendessen einlud, wobei er ihnen zu Ehren die kleinen Schüsseln in die großen stellte (fr. „mettre les petits plats dans les grands“, eine Redewendung: ein prächtiges Mahl auftischen). Vorwärts, das wörtliche Zitat! « Während sie sich gütlich taten, umringten die Leute der Stadt, die böse Taugenichtse waren, das Haus, pochten mit verdoppelten Schlägen an die Tür und schrien dem Greis zu: Führe uns diesen Leviten heraus, denn wir wollen uns seiner wie eines Weibes bedienen! Aber der Greis ging zu ihnen und sprach zu ihnen: Meine Brüder, ich bitte euch, lasst ab von eurem Begehren, eine solche Sünde zu begehen; dieser Levit ist mein Gast; vollbringt nicht diesen Wahnsinn. Überdies habe ich meine Tochter, die eine Jungfrau ist, und der Levit ist hier mit seinem Kebsweib. Ich will euch also meine Tochter und das Kebsweib des Priesters herausbringen; diese beiden Weiber mögt ihr vergewaltigen, so viel ihr wollt; das wird besser sein, als eure Ausschweifung an diesem Leviten zu stillen. Nun wollten diese Leute den Vorschlag des Greises nicht annehmen; da stieß der Levit selbst sein Kebsweib aus dem Haus hinaus; sie nahmen sie, und alle Männlichen der Stadt kamen in jener Nacht über sie. Als die Finsternis zerstreut war, kehrte das Weib an die Tür des Hauses zurück; aber [365] sie war infolge so vieler Vergewaltigungen so schwach, dass sie auf die Schwelle fiel. Als der Levit bei der Morgenröte aufstand, ging er hinaus, um sich wieder auf den Weg zu machen, und siehe, da stieß er an den Leib seines Kebsweibes, das auf der Erde hingestreckt lag. Er sprach zu ihr: Wohlan, steh auf, wir brechen auf. Aber sie antwortete nicht. Da lud er sie auf seinen Esel und kehrte heim, nach Ephraim. Dort nahm er ein großes Messer, und er zerlegte den Leib seines Kebsweibes in zwölf Stücke, und er sandte eines der Stücke des Leichnams an jeden der Stämme Israels. » (Richter 19:22-29)
174. Der Levit von Ephraim. Lord Bolingbroke, der diese Episode kommentiert, sagt, sie scheine zunächst eine Kopie des Gräuels der Sodomiter zu sein, die zwei Engel vergewaltigen wollten; er fügt hinzu, dass das jüdische Volk sich so als das verabscheuungswürdigste der Völker zeige. Seiner Ansicht nach war es wollüstigen Griechen, parfümierten jungen Leuten fast verzeihlich, sich in einem Augenblick der Ausschweifung sehr verwerflichen Exzessen hinzugeben, vor denen man im reifen Alter Abscheu hat; aber was soll man von diesen Gibeaitern sagen, niederträchtiger als Hunde in der Brunst! Man fragt sich, ob es möglich ist, in einem Buch, von dem man behauptet, es sei vom Heiligen Geist inspiriert, etwas Widerwärtigeres zu finden als das Abenteuer dieses im Konkubinat lebenden Priesters, der ohne jeden Zweifel nach Art der orientalischen Priester einen großen Bart trägt und, von weit her auf seinem Esel ankommend und mit Staub bedeckt, dennoch in allen Männlichen einer Stadt unkeusche Begierden erweckt! Es gibt nichts, schreibt Bolingbroke, in den empörendsten Geschichten des ganzen Altertums, nichts, was einer so wenig wahrscheinlichen Schandtat nahekommt. Immerhin mussten die beiden Engel von Sodom, da sie in der Blüte der Jahre standen, von blendender Schönheit sein, wie es sich für Engel geziemt, und konnten die unglücklichen Sodomiter in Versuchung führen; aber ist der Geschmack der Gibeaiter nicht der äußerste Grad der Verderbtheit?... Was den Einfall betrifft, jedem Stamm ein Stück vom Leib der Konkubine zu schicken, so ist er gleichfalls ohne Beispiel und lässt einen erschauern. Man musste also zwölf Boten schicken, beladen mit diesen grässlichen Überresten. Aber wo waren damals die zwölf Stämme? wem übergab man in jedem Stamm dieses Zwölftel Leichnam, da doch die Stämme ohne amtliche Häupter dastanden und die Israeliten zerstreut, in Knechtschaft, unter dem Joch der Philister lebten?... [366] « Da versammelten sich alle Kinder Israel wie ein einziger Mann, von Dan bis Beer-Seba, und bis zum Land Gilead, zu dem Ewigen, gen Mizpa. Und alle Stämme fanden sich in der Versammlung des Volkes Gottes ein, an der Zahl vierhunderttausend Mann zu Fuß, die das Schwert zogen » (Richter 20:1-2). Vergessen wir ja nicht, dass sich dies unmittelbar nach dem Tod Simsons zuträgt, als die Philister die Hebräer in einer Sklaverei der [367] härtesten Art halten. Wie versammelten sich die zwölf Stämme? wie duldeten ihre Gebieter diese riesige bewaffnete Zusammenkunft? Die Bibel sagt es nicht; es scheint, dass der göttliche Tauber die jammervolle Lage, in der das Volk Gottes stöhnt, völlig vergessen hat. An die Philister indessen, die Besitzer des Landes, hätte man sich wenden müssen, um die Bestrafung eines bei ihnen begangenen Verbrechens zu erlangen: das ist das Recht aller Souveräne, ein Recht, über das sie vorzeiten äußerst eifersüchtig gewacht haben. [368] Weiter unten gibt der Text sechsundzwanzigtausendsiebenhundert Kämpfer dem Stamm Benjamin (Richter 20:15), der für die Schuldigen Partei ergriff, und er belässt den elf anderen Stämmen « vierhunderttausend Mann, die das Schwert ziehen, alles Kriegsleute » (v. 17). — « Die Bevölkerung als gleich vorausgesetzt, sagt Voltaire, hätte jeder Stamm fünfunddreißigtausendvierhundertsechzehn Soldaten gehabt. Und rechnet man die Greise, die Frauen und die Kinder hinzu, so musste jeder Stamm aus hunderteinundvierzigtausendsechshundertvierundsechzig Personen bestehen, die für die zwölf Stämme eine Million sechshundertneunundneunzigtausendneunhundertachtundsechzig Personen ausmachen, ohne von den Leviten zu reden. » Nun, um eine so staunenswerte Zahl von Individuen in Knechtschaft zu halten, unter denen vierhundertsechsundzwanzigtausend Bewaffnete waren, hätte es mindestens achthunderttausend gut bewaffneter Soldaten bedurft. Und wie ließen die Gebieter ihren Sklaven Waffen, wo es doch im Buch der Könige, Kap. 13 (1 Samuel 13:19-20; die alten katholischen Bibeln geben den beiden Büchern Samuel den Namen Bücher der Könige), heißt, dass « die Philister den Juden nicht erlaubten, einen einzigen Schmied zu haben, aus Angst, sie möchten Schwerter und Lanzen machen », und dass « alle Israeliten genötigt waren, zu den Philistern, ihren Gebietern, zu gehen, um ihre Pflugscharen, ihre Hacken, ihre Äxte und ihre Hippen schärfen zu lassen? » — In welcher dieser beiden widersprüchlichen Stellen der Bibel erzählt der göttliche Tauber eine Flunkerei? in welchen Versen treibt der Heilige Geist am besten seinen Spott mit der Leichtgläubigkeit der Gläubigen? Wir werden jetzt sehen, welche Reihe von Gemetzeln die vielfache Vergewaltigung der Konkubine des Leviten verursachte. Auf der Versammlung der vierhunderttausend Bewaffneten erzählte der jüdische Pfarrer zum Teil, was geschehen war; um sich vor einer so zahlreichen Zuhörerschaft Gehör verschaffen zu können, muss unser Mann, so ist anzunehmen, mit einer schönen Stimme begabt gewesen sein. Die Bibel gibt seine Rede wieder; er ging rasch und mit verhüllten Worten über die Pfählung hinweg, deren Opfer er durch die überreizten Gibeaiter beinahe geworden wäre, und beschränkte sich darauf, Rache für das an seiner verstorbenen Geliebten begangene Verbrechen zu verlangen: « Sie haben mein Kebsweib dermaßen vergewaltigt, dass sie daran gestorben ist! » rief er aus. Es ist nicht unnütz zu bemerken, dass in der ersten Erzählung alle Männlichen der Stadt so dargestellt werden, als hätten sie die Unglückliche vergewaltigt, und dass im Anschluss an die Rede des zerlegenden Liebhabers Meister Tauber-Gott uns belehrt, dass « die [369] Einwohner von Gibea siebenhundert unter sich zählten, ausgezeichnete Soldaten, sehr robust, die mit der Schleuder Steine warfen und niemals das Ziel verfehlten » (Richter 20:16). Diese entsetzliche Vergewaltigung, von allen Männlichen einer Stadt begangen, hat die ganze Nacht gedauert, aber nur eine einzige Nacht; lässt man als Schuldige nur die siebenhundert Gibeaiter, die robusten Krieger, gelten und bedenkt man, dass die Untat im Sommer und nicht im Winter vollbracht wurde, folglich in einer Nacht von höchstens zehn Stunden, so wird man feststellen, dass diese Rasenden überaus rasche Burschen waren. Offenbar konnte sich die Bedauernswerte gegen so viele Angreifer nicht wehren, und sie war bald nur noch eine leblose Masse, auf die sich diese Elenden stürzten; aber gleichwohl ist man fassungslos, wenn man ausrechnet, dass sie die Konkubine des Pfarrers in einem Tempo von siebzig Vergewaltigungen in der Stunde vergewaltigten! weniger als eine Minute für jeden! Man kommt also nicht umhin zu glauben, dass diese Schurken vom Beginn des Verbrechens an unter sich einen Ordnungsdienst eingerichtet hatten und dass sie hintereinander wie die Wölfe (fr. „à la queue-leu-leu“, eine Redewendung, wörtlich „am Schwanz Wolf Wolf“; „leu“ ist die alte Form von „loup“) ankamen und sich zuerst beim Kontrolleur meldeten, jeder mit seiner Nummer, um keine Zeit zu verlieren, wie es an den Omnibusstationen üblich ist, und jeder überdies bereit, den Wagen zu besteigen. Sagen Sie nach alledem noch, dass in der heiligen Bibel nicht alles wunderbar ist!... Die Reihe der Gemetzel ist nicht weniger fabelhaft. « Die Kinder Israel zogen bei Tagesanbruch heran und lagerten sich bei Gibea; aber die Kinder Benjamin zogen aus Gibea heraus und stellten sich in Schlachtordnung auf. Und am ersten Tag dieses Krieges töteten die Benjaminiter zweiundzwanzigtausend Mann vom Heer Israels. » (Richter 20:19-21) Man ist hier zunächst erstaunt, dass Jehova die Benjaminiter, die von der schuldigeren Partei waren, gegen alle Israeliten beschützte, die von der gerechteren Partei waren. « In der zweiten Schlacht töteten die Kinder Benjamin wieder achtzehntausend Mann vom Heer Israels » (Richter 20:25). Das macht bereits vierzigtausend niedergemetzelte Verteidiger der guten Sache. Es ist betrüblich! Aber warten Sie das Ende ab. Jetzt werden die Kinder Israel vollständig siegen, und das wird uns trösten. Das Einzige, was ein wenig Kummer machen kann, ist die phantastische Zahl der von ihren Brüdern abgeschlachteten Juden, von der Anbetung des goldenen Kalbes bis zu diesen inneren Kriegen. [370] Was dem Heer Israels den endgültigen Sieg eintrug, war nicht die Gerechtigkeit seiner Sache, sondern ein Gebet, das an Zebaoth gerichtet wurde... raten Sie, von wem?... von Pinehas, dem Sohn Eleasars und Enkel Aarons (Richter 20:28)... Er war also nicht tot, unser alter Pinehas; aber er hatte doch schon lange nicht mehr von sich reden gemacht!... « Da kamen zehntausend auserlesene Männer aus dem Heer Israels gegen Gibea, und das Getümmel war hart; und die Kinder [371] Israel töteten an jenem Tag fünfundzwanzigtausend Kämpfer vom Stamm Benjamin (Richter 20:34-35). Die Benjaminiter sahen da, dass sie geschlagen waren (v. 36)... Dann kehrten sie dem Heer Israels den Rücken und flohen auf den Weg der Wüste zu; aber das Heer Israels bedrängte sie hart, und die Israeliten umringten also die von Benjamin, jagten ihnen nach von Menuha bis gegenüber von Gibea; und die Benjaminiter, von ihren Feinden umgeben, verloren [372] achtzehntausend Mann, getötet an dieser Stätte, alles Kriegsleute und sehr robust (v. 42-44). Da flohen die von Benjamin, die übrig geblieben waren, zum Felsen Rimmon; und die von Israel töteten dort noch fünftausend von ihnen auf den Wegen, und sie jagten ihnen weiter nach bis Gideom und töteten noch zweitausend von ihnen (v. 45) ... Sechshundert Mann von denen, die den Rücken gekehrt hatten, entrannen dem Gemetzel, indem sie auf dem Felsen Rimmon Zuflucht suchten, wo sie vier Monate blieben. Und die von Israel kehrten vom Kampf zurück, töteten alles, was in Gibea übrig blieb, von den Menschen bis zu den Tieren; und sie verbrannten auch alle Städte und alle Dörfer des Stammes Benjamin. » (v. 47-48) In dieser Erzählung scheint der Heilige Geist, der mit den Zahlen verschwenderisch umgeht, ein wenig in Verwirrung geraten zu sein. Er hatte uns zuerst gesagt, dass die Soldaten des Stammes Benjamin insgesamt sechsundzwanzigtausendsiebenhundert waren, die robusten Krieger von Gibea eingeschlossen. Wenn wir richtig zu zählen verstehen, sind das fünfzigtausend benjaminitische Kämpfer, die Schlag auf Schlag in diesen Schlachten getötet wurden, welche einander mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit folgten. Also: entweder vermehrten sich die Benjaminiter im Gefecht dermaßen, dass sich ihre Zahl verdoppelte, was ein höchst merkwürdiges Wunder wäre; oder aber der Heilige Geist hat beim Diktieren des heiligen Buches die Arithmetik verloren, was ein noch verblüffenderes Wunder wäre! Aber das Schönste an der Geschichte ist unser lieber Pinehas, der sich da in dem Augenblick einfindet, wo niemand ihn erwartete, gewiss! seit einer schönen Weile schon stellten wir ihn uns tot und begraben vor, wenn nicht neben seinem Großvater Aaron, so doch im Grabmal seines Vaters Eleasar. Und darin kann man sich nicht täuschen; der Vers 28 des Kap. 20 des Buches der Richter ist sehr präzise: es handelt sich keineswegs um einen Namensvetter; denn der Pinehas, der zu Zebaoth zugunsten des Heeres Israels gegen die Benjaminiter betet, wird wirklich und wahrhaftig als « Sohn Eleasars und Enkel Aarons » bezeichnet. Sagt Ihnen das denn nichts?... Nun wohl! zählen Sie ein wenig an Ihren Fingern ab, und es wird Sie umwerfen! Es ist derselbe Pinehas, den wir zu Lebzeiten Moses den Hebräer Simri und die hübsche Midianiterin Kosbi mit einem Wurfspieß aufspießen sahen, in dem Augenblick, als das verliebte Paar die zärtlichsten Seufzer seufzte. Das Buch Numeri, das uns [373] in seinem Kapitel 25 den amtlichen Bericht über diese Heldentat eines Leviten gab, nennt den Durchbohrer Pinehas ausdrücklich: « Sohn Eleasars und Enkel Aarons » (v. 7 und 11). Und der Vorfall trug sich im Land Moab zu, vor der Ankunft der Hebräer im Gelobten Land, sehr lange vor dem Übergang über den Jordan. Nun, es ist viel Wasser unter der Brücke hindurchgeflossen von der Aufspießerei Simris und Kosbis bis zur allgemeinen Zerquetscherei der Benjaminiter, die nach dem Tod Simsons liegt und das Buch der Richter beschließt!... Man wird nicht vergessen haben, dass unter den Israeliten, die beim Auszug aus Ägypten zwanzig Jahre oder mehr zählten, der General Josua und Herr Kaleb die einzigen waren, denen Jehova die Gunst des Einzugs in Kanaan gewährte; zudem sagt uns die Bibel, dass Josua im Alter von hundertzehn Jahren starb. Wenn man seine vierzig Jahre Reise in der Wüste zu den zwanzig Lebensjahren hinzuzählt, die er beim Durchzug durch das Rote Meer hatte, findet man, dass er sechzig Jahre alt war, als er Mose nachfolgte; folglich befehligte und regierte er die Hebräer fünfzig Jahre lang. Berechnen wir also, indem wir die Bücher Josua und der Richter durchgehen, die Zeit, die zwischen dem Übergang über den Jordan, dem der junge und hitzige Pinehas in Begleitung seines Vaters Eleasar beiwohnte, und dem Gemetzel an den Benjaminitern verstrichen ist: Regiment Josuas, fünfzig Jahre. Der Vers 10 des Buches 2 der Richter sagt, danach folgte « ein Geschlecht, das die Werke nicht gekannt hatte, die der Ewige für sein Volk getan hatte »; sagen wir, mindestens zwanzig Jahre. Es tritt die erste Knechtschaft der Hebräer ein, die des Kusan-Risathaim, des Königs von Mesopotamien: acht Jahre. Befreiung, Regiment des Richters Athniel: vierzig Jahre. Zweite Knechtschaft, die des Königs Eglon: achtzehn Jahre. Dank dem Richter Ehud wird das Joch der Moabiter abgeschüttelt, und das Volk Gottes hat eine lange Ruhe: achtzig Jahre. Dritte Knechtschaft, die des Königs Jabin: zwanzig Jahre. Triumph der Mme Debora und des Barak, neue Ruhe: vierzig Jahre. Wiederauftritt der Midianiter, vierte Knechtschaft: sieben Jahre. Berufung Gideons, Befreiung: vierzig Jahre Frieden. Die Hebräer fallen wieder unter das Joch; diesmal ist der Despot einer der Ihren; Tyrannei Abimelechs: drei Jahre. Regiment des Richters Thola: dreiundzwanzig Jahre. Regiment des Richters Jair: zweiundzwanzig Jahre. Sechste [374] Knechtschaft, die der Ammoniter: achtzehn Jahre. Befreiung durch Jephthah, und Regiment dieses Richters: sechs Jahre. Friedliches Regiment dreier anderer Richter: Ebzan, sieben Jahre; Elon, zehn Jahre; Abdon, acht Jahre. Siebente Knechtschaft, die erste unter dem Joch der Philister: vierzig Jahre. Heldentaten und Regiment des Richters Simson: zwanzig Jahre. Insgesamt: vierhundertachtzig Jahre verstrichen also zwischen dem Übergang über den Jordan und dem Tod Simsons. Schlussfolgerung: Pinehas, [375] Hohepriester, war folglich mindestens fünfhundert Jahre alt, als er zu Zebaoth-Jehova gegen die Benjaminiter betete, als er den Himmel anflehte, die Konkubine des Leviten von Ephraim zu rächen, in einer Nacht von siebenhundert rasenden Männlichen von Gibea vergewaltigt... Und das ist die Geschichte! Aber warum vergisst der biblische Text, uns das genaue Alter des Hohenpriesters Pinehas anzugeben?... Ein wenig Präzision wäre nützlich gewesen; denn die Skeptiker könnten sagen, dass der [376] göttliche Tauber, indem er sich mit der Arithmetik entzweite, das Gedächtnis für seine Chronologie verloren hat — offizielle und heilige Chronologie, wenn ich bitten darf! Nun reute die elf israelitischen Stämme, die den Stamm Benjamin niedergemetzelt hatten, bald ihr Werk der Vernichtung. Man stöhnte und sagte: Ach! muss denn einer unserer Stämme verschwinden?... Dann dachte man an die sechshundert Benjaminiter, die so gut es ging auf dem Felsen Rimmon lebten. Warum sollten sie nicht der Same sein, dazu bestimmt, Benjamin wieder zu bevölkern?... Ja, aber da haben wir’s! Gleich bei der Eröffnung der Feindseligkeiten hatte man zu Mizpa geschworen, niemals ein israelitisches Mädchen einem Benjaminiter zur Ehe zu geben. Während man die Lösung des Problems suchte, sagte ein Gerissener: Man braucht nur nachzuforschen und die Familien ausfindig zu machen, die sich nicht in Mizpa eingefunden und die diesen Eid nicht geleistet haben. Die Untersuchung wurde angeordnet; ihr Ergebnis war die Feststellung, dass die Juden von Jabes bei dem Stelldichein gefehlt hatten, bei dem man die Ausrottung der Benjaminiter schwor. Darauf Gemetzel an den guten Juden von Jabes, mit Ausnahme von vierhundert Jungfern, die man zum Felsen Rimmon schickte. Aber die Bewohner dieses Felsens gaben zu bedenken, dass die Jungfern nicht in genügender Zahl waren; zweihundert der überlebenden Benjaminiter waren nicht versorgt; das wurde sehr ernst. Unterdessen dachten die Magistratspersonen an das große Fest Jehovas, das zu Silo gefeiert werden sollte, und sie fällten folgendes Verdikt: Den mit Frauen nicht versorgten Benjaminitern ist es ausnahmsweise gestattet, während der religiösen Zeremonien und der Lustbarkeiten von Silo Entführungen vorzunehmen. Die Benjaminiter entführten also zweihundert Tänzerinnen; die Papas und die Mamas hatten nicht das Recht zu protestieren, und alle Welt, außer ihnen, war zufrieden. Schließlich bauten die Nachfahren Benjamins ihre verbrannten Städte wieder auf. So endet das Buch der Richter. Diese Art, einen Stamm wieder zu bevölkern, ist allen Kritikern recht sonderbar vorgekommen; aber da die Kritiker Gottlose sind, was können ihre Einwände schon ausmachen? Übrigens war die Lade Gottes während der Feste zu Silo; also war Gott zugegen, und da er nicht die Flammen aus der Erde hervorkommen ließ, welche sonst die großen Verbrecher augenblicklich verschlangen, [377] so ist das ein Beweis, dass er die Entführer billigte. Verharrt also stumm, o Kritiker! beugt euch vor den unerforschlichen Ratschlüssen der göttlichen Vorsehung! 10. KAPITEL
Oh! die Tränen der Rührung, welche die empfindsamen Andächtigen über die bewegende Geschichte von Ruth und Naemi vergießen!... Mit welch sanfter Freude treten nun auch wir an sie heran!... « Zu der Zeit, da die Richter das Volk Israel regierten, verheerte eine Hungersnot das Land; darum zog ein Mann von Bethlehem, vom Stamme Juda, in das Land Moab, um daselbst zu wohnen, und er nahm sein Weib und seine zwei Söhne mit. Dieser Mann hieß Elimelech; sein Weib, Naemi; seine zwei Söhne, Mahlon und Chiljon. Sie ließen sich also im Lande Moab nieder. Nun starb Elimelech dort; aber Naemi verblieb dennoch daselbst, mit ihren zwei Söhnen, welche moabitische Weiber ehelichten, deren eine Orpa hieß und die andere Ruth. Ihr Aufenthalt in diesem Lande währte ungefähr zehn Jahre, nach deren Ablauf Mahlon und Chiljon starben. So blieb Naemi als einzige Israelitin in Moab. » (Buch Ruth 1:1-5) « Eines Tages hörte Naemi sagen, dass Jehova seinem Volk einen Besuch abgestattet und ihm Brot ausgeteilt habe. Da stand sie auf, ließ ihre Schwiegertöchter aufstehen und teilte ihnen mit, dass sie das Land Moab verlasse, um nach Bethlehem zurückzukehren. Als sie aus dem Hause war, bemerkte sie, dass ihre Schwiegertöchter mit ihr gingen; diese hatten in der Tat den Weg eingeschlagen, der in den Landstrich führt, der von den Nachfahren Judas bewohnt wird. Da sprach Naemi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Gehet fort, und eine jede von euch kehre sofort zu ihrer Mutter zurück. Ihr seid sehr freundlich gewesen zu meinen Söhnen, die tot sind; darum wünsche ich, dass Jehova euch um dessentwillen Barmherzigkeit erweise. Ja, mein Gott gewähre einer jeden im Hause ihres Mannes die Ruhe, die sie verdient! Und sie küsste sie. Aber die beiden jungen Weiber fingen an zu weinen, und sie [378] sprachen zu ihr mit erhobener Stimme: Nein, wir wollen lieber mit dir gehen, da du zu deinem Volke zurückkehrst. Naemi entgegnete: Wohlan, meine Töchter, höret mich und kehret um. Warum solltet ihr mit mir kommen? Sind noch Söhne in meinem Leibe, die ich euch zu Männern geben könnte? Nein, das beteuere ich euch. Gehet fort, meine Töchter, gehet fort! Übrigens bin ich zu alt, um mich wieder zu verheiraten; und angenommen, ich hätte das Verlangen und die Hoffnung danach, selbst wenn ich [379] noch diese Nacht bei einem Manne läge, selbst wenn ich danach zwei Jungen zur Welt brächte, würdet ihr auf sie warten, bis sie groß würden? Würdet ihr um ihretwillen andere Heiraten ausschlagen? Nein, nicht wahr? Kehret also zu euren Familien zurück; denn ich bin in größerer Bitterkeit als ihr, die Hand des Ewigen hat sich schwer auf mich gelegt. » (v. 6-14) « Da erhoben sie wieder ihre Stimme und vergossen neue Tränen. Darauf nahm Orpa Abschied von ihrer Schwiegermutter; [380] aber Ruth blieb bei Naemi. Und Naemi bestand darauf, dass Ruth hinginge und sich ihrer Schwägerin wieder anschlösse: Orpa ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgekehrt, sagte sie; ahme das Beispiel deiner Schwägerin nach. Aber Ruth antwortete: Du tust mir weh, indem du mich bittest, dich zu verlassen, mich von dir zu entfernen; denn ich will gehen, wohin du gehst, ich will bleiben, wo du bleibst, dein Volk soll fortan das meine sein, und dein Gott soll mein Gott sein. Wo du sterben wirst, da will ich sterben, und dort will ich begraben werden. Dein Jehova verfahre mit mir aufs Allerstrengste, wenn je etwas anderes als der Tod dich von mir scheidet! » (Rut 1:15-17) « Als nun Naemi sah, dass ihr Entschluss unverbrüchlich war, hörte sie auf, ihr von Trennung zu reden. Und sie gingen beide lange, bis sie nach Bethlehem gekommen waren. Und als sie durch die Tore gegangen waren, geriet die ganze Stadt ihretwegen in Aufregung, und alle sagten: Ist das nicht Naemi?... Sie aber antwortete ihnen: Ich bitte euch, nennet mich nicht Naemi; nennet mich Mara. Und da die, welche sie erkannt hatten, sie fragten, warum sie ihren Namen ändere, sprach sie zu ihnen: Der Allmächtige hat mich mit Bitterkeit erfüllt; ich bin von hier fortgezogen, mit Gütern überhäuft, und der Ewige bringt mich völlig leer zurück. Also, da Jehova mich niedergeschlagen und betrübt hat, darf man mich, ihr seht es wohl, nicht mehr Naemi nennen. » (v. 18-21)
175. Ruth und Naemi. « So kehrte Naemi, die mit Ruth, der Moabitin, ihrer Schwiegertochter, wiedergekommen war, nach Bethlehem zurück; es war am Anfang der Gerstenernte. » (Rut 1:22) « Nun war da ein Verwandter Elimelechs, der hieß Boas, ein sehr mächtiger und überaus reicher Mann. Und Ruth, die Moabitin, sprach zu ihrer Schwiegermutter: Wenn du es erlaubst, so will ich auf die Felder gehen und Ähren lesen, und ich werde vielleicht irgendeinen Mann finden, der sich für mich interessieren wird (fr. „quelque homme qui s’intéressera à moi“: die Bibel Ostervalds hat „celui devant lequel j’aurai trouvé grâce“, der, vor dem ich Gnade finde, und Voltaire „quelque père de famille“, irgendein Hausvater; der Mann, der sich für sie interessiert, ist Taxils Zusatz). Sie antwortete ihr: Geh, meine Tochter. Ruth ging also hin und las Ähren hinter den Schnittern. Und es begab sich, dass sie sich auf einem Feld befand, das jenem Boas gehörte, der ein Verwandter Elimelechs war. Unterdessen kam Boas aus der Stadt und sprach zu den Schnittern: Gott sei mit euch! Sie antworteten ihm: Gott segne Sie! Worauf Boas, der Ruth bemerkt hatte, einen jungen Mann, den Vorsteher der Schnitter, fragte: Wer ist dieses Mädchen? Der antwortete: Es ist ein junges moabitisches Weib, das mit Naemi aus dem [381] Lande Moab zurückgekommen ist. Sie hat uns gebeten, ihr zu erlauben, einige Handvoll Gerste hinter den Schnittern aufzulesen; sie ist erst seit diesem Morgen hier. Da trat Boas zu Ruth und sprach zu ihr: Höre, meine Tochter, geh nicht, auf einem andern Feld Ähren zu lesen, und bleib sogar bei meinen Mägden. Ich habe den Burschen, die hier sind, verboten, dich anzurühren; und wenn dich dürstet, so trinke von dem Wasser, das meine Leute schöpfen. » (Rut 2:1-9)
176. Elend der Ruth beim Ährenlesen auf dem Feld des alten Boas. « Bei diesen Worten warf sich Ruth nieder, das Antlitz zur Erde, und sprach: Wie habe ich denn Gnade gefunden vor dir? Ich bin eine Fremde, und doch scheinst du mich zu kennen. — Man hat mir zu Bethlehem erzählt, antwortete Boas, wie gut du dich gegenüber deiner Schwiegermutter verhalten hast, seit dein Mann gestorben ist. Ich weiß alles, wie du deinen Vater und deine Mutter verlassen hast, und dein Geburtsland, um zu einem Volk zu kommen, das du nicht kanntest. Der Ewige belohne dich! da du dich unter den Schutz des Gottes Israels gestellt hast, mögest du von ihm alles erlangen, was du zu deinem Lohn verdienst! — Mein Herr, sprach Ruth, da bin ich nun recht fröhlich, Gnade gefunden zu haben vor deinen Augen; deine Worte sind mir ein großer Trost, und sie sind wahrhaftig nach dem Herzen deiner Magd, obgleich ich geringer bin als die letzte deiner Mägde. » (v. 10-13) « Boas kam wieder zu ihr, als die Stunde des Essens gekommen war, und er sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, dich zu meinen Leuten zu gesellen; ich gestatte es dir. Du sollst Brot essen, und ich erlaube dir, es in den Essig zu tauchen. So nahm sie teil an der Mahlzeit der Schnitter, die ihr geröstetes Korn gaben; sie aß sich satt daran und verwahrte sorgfältig ihre Reste. Worauf sie aufstand, um Ähren lesen zu gehen. Und Boas gebot seinen Leuten: Lasset sie sogar bei den Schwaden Ähren lesen; außerdem hütet euch wohl, ihr irgendetwas zu tun, was ihr Schande machen könnte. Überdies lasset, wie aus Versehen, einige Handvoll Ähren liegen, damit sie sie auflese. Ruth las also Ähren bis zum Abend; und nachdem sie die Ähren gedroschen hatte, die sie gesammelt hatte, gewann sie daraus ungefähr ein Epha Gerste. » (v. 14-17)
177. Freundlichkeiten des Boas gegenüber Ruth. « Als Ruth in die Stadt zurückgekehrt war, zeigte sie ihrer Schwiegermutter, was sie an Ähren gelesen hatte; sie gab ihr auch die Reste ihrer Mahlzeit, die sie mitgenommen hatte. Da befragte ihre Schwiegermutter sie: Wo hast du heute Ähren gelesen? Gesegnet sei, der dich so gut aufgenommen hat! Ruth antwortete: Der Mann, bei dem ich [382] diese Gerste aufgelesen habe, heißt Boas. Und Naemi rief aus: Jehova segne ihn! Dann fügte sie hinzu: Dieser Mann ist uns nahe verwandt, und er gehört zu denen, die das Recht haben, für sich persönlich vom Erbe der Familie zu erwerben. Und Ruth sagte weiter: Ich erinnere mich, dass er mir empfohlen hat, bei seinen Leuten zu bleiben, bis die Ernte gänzlich beendet sei. Naemi entgegnete: Meine Tochter, trage vor allem Sorge, dich zu seinen Mägden zu halten, aus Furcht, dass man dir anderswo [383] irgendeinen Kummer bereite. Ruth schloss sich also den Mägden des Boas an, und jeden Abend kam sie wieder zu ihrer Schwiegermutter, bei der sie wohnte. » (Rut 2:18-23) « Naemi sprach eines Tages zu Ruth: Meine Tochter, warum sollte ich nicht suchen, wie du ein gesichertes Leben haben und glücklich sein könntest? Siehe also, was du tun sollst. Boas, der unser naher Verwandter ist, wird diese Nacht seine Gerste worfeln. Darum musst du dich heute waschen; außerdem reibe dir die Haut [384] mit wohlriechendem Öl ein; dann lege dein schönstes Kleid an und geh hin auf die Tenne des Boas. Aber zeige dich ihm nicht, solange er nicht mit Essen und Trinken fertig ist. Wenn er sich niederlegt, so merke dir wohl die Stätte, wohin er sich zum Schlafen begibt. Du sollst warten, bis er liegt; du sollst ganz sachte hineingehen; du sollst seine Füße aufdecken und dich neben ihn legen; dann wird er dir sagen, was du zu tun hast (wörtlich). Ruth antwortete ihr: Ich will alles tun, was du mir sagst. » (Rut 3:1-5)
178. Ratschläge Naemis an ihre Schwiegertochter. « Sie ging also auf die Tenne des Boas, um die Ratschläge ihrer Schwiegermutter getreulich zu befolgen. Und Boas, der gut gegessen und getrunken hatte, war in schöner Heiterkeit, und er ging hin und legte sich an einen Haufen Garben. Da schlüpfte Ruth ganz sachte an sein Lager, und nachdem sie die Decke zu den Füßen aufgehoben hatte, legte sie sich dort hin. » (v. 6-7) « Mitten in der Nacht war Boas ganz erstaunt, ein Weib auf seinem Lager zu finden, zu seinen Füßen; er zog seine Füße rasch zurück und sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin es, Ruth, und ich bin deine Magd. Strecke dich aus über deine Magd (fr. „Etends-toi“: die Bibel Ostervalds hat „Etends le pan de ta robe“, breite den Zipfel deines Gewandes aus, und Boas lobt dort nur ihre „Güte“; „Strecke dich aus“ und „Du bist diese Nacht noch mehr wert als heute Morgen“ stammen von Voltaire, aus La Bible enfin expliquée); denn du bist ein naher Verwandter, und du hast das Recht, mich für dich zu nehmen, da ich zum Erbe in deiner Familie gehöre. Boas sprach: Jehova segne dich, meine Tochter! Du bist diese Nacht noch mehr wert als heute Morgen, da du nicht gegangen bist, Jünglinge zu suchen, seien sie reich oder arm. Fürchte also nichts; ich will tun, was du mir soeben gesagt hast; denn du hast den Ruf, ein ehrbares Weib zu sein. Nun ist es zwar ganz wahr, dass ich das Recht habe, dich für mich zu nehmen, aber es gibt einen anderen, der vor mir das Recht hat, weil er ein näherer Verwandter Naemis ist. Verbringe diese Nacht auf meinem Lager (fr. „dans ma couche“: die Bibel Ostervalds hat „Passe ici cette nuit“, bleib hier über Nacht: das Lager des Boas ist Taxils Zusatz, hier, weiter oben und weiter unten, wo Ostervald „Elle demeura donc couchée à ses pieds“ hat, sie blieb also zu seinen Füßen liegen); und wenn morgen früh der andere, nähere Verwandte sein Recht ausüben will, nun wohl, so mache er davon Gebrauch! wenn es ihm aber nicht gefällt, davon Gebrauch zu machen, so werde ich dich ohne jede Schwierigkeit für mich nehmen, so wahr Gott lebt! Bleib also hier liegen bis zum Morgen. » (v. 8-13)
179. Ruth weckt Boas auf. « So blieb sie die ganze Nacht auf seinem Lager; und sie stand auf, ehe der Tag erschien. Boas sprach zu ihr: Gib wohl acht, dass niemand erfahre, dass du die Nacht hier verbracht hast. Aber gib deine Schürze her, entfalte sie. Sie breitete ihre Schürze aus und hielt sie mit beiden Händen; Boas tat sechs Maß Gerste hinein, die sie nach Bethlehem mitnahm. Ihrer Schwiegermutter, die sie fragte, wie sie sich verhalten habe, erzählte Ruth alles, was zwischen Boas und ihr [385] vorgefallen war. Er hat mir, fügte sie hinzu, diese sechs Maß Gerste gegeben und mir dabei gesagt: Ich will nicht, dass du mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter zurückkehrst. » (v. 14-17) Das Kapitel 4 des Buches Ruth zeigt uns den alten Boas in Unterhandlungen mit dem nahen Verwandten, dessen Rechte den seinen vorgingen. Dieser, dem durchaus nichts daran lag, die Schwiegertochter Naemis zu ehelichen, zog sich die Schuhe aus und gab Boas einen seiner Schuhe zum Zeugnis seines Verzichts (Rut 4:8). Da zeigte Boas flugs den Schuh den Magistratspersonen und allen Einwohnern von Bethlehem. « So, sprach Boas, seid ihr alle Zeugen, dass ich heute alles erworben habe, was Elimelech gehörte, und alles, was Chiljons und Mahlons, seiner Söhne, war, und dass ich mir auf diese Weise auch Ruth, die Moabitin, die Witwe Mahlons, erworben habe, dass sie mein Weib sei. Da sprachen alles Volk und die Ältesten, als sie den Schuh sahen: Wir sind Zeugen davon. Gott mache, dass das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und wie Lea sei, die beide der Familie Israels Kinder gegeben haben; führe dich tugendhaft auf in Ephrath, und mache deinen Namen berühmt zu Bethlehem; und dass von der Nachkommenschaft, die Jehova dir geben wird, durch dieses junge Weib, dein Haus wie das Haus des Perez sei, deines Vorfahren, den Thamar dem Juda gebar. So nahm Boas Ruth zum Weibe; er ging in sie ein, und Gott gewährte ihr, zu empfangen und einen Sohn zu gebären. Und die Weiber sprachen zu Naemi: Gesegnet sei der Ewige, der nicht gewollt hat, dass das Erbe deines Sohnes dem Hause Israel verloren gehe! Jehova tröste deine Seele und sei die Stütze deines Alters; denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat durch die Werke eines Israeliten geboren, und sie ist dir mehr wert denn sieben Söhne. Da nahm Naemi das Kind und legte es an ihre Brust (fr. „à son sein“: die Bibel Ostervalds hat „le mit dans son sein“, legte es in ihren Schoß; mit einem einzigen Wort lässt Taxil die alte Naemi das Kind stillen, daher das Wunder; weiter oben stammt auch „durch die Werke eines Israeliten“ von ihm), und sie diente ihm als Amme (das ist mal ein Wunder, das nicht alltäglich ist). Und die Nachbarinnen gaben dem Kinde einen Namen; sie nannten es Obed. Dieser Obed war der Vater Isais, der der Vater Davids war. » (Rut 4:9-17)
180. Boas ehelicht Ruth mit großer Feierlichkeit. Dies ist in ihrer ganzen Würze die erbauliche Geschichte von Ruth, dem Muster der biblischen Schwiegertöchter, und von Naemi, der Creme der Schwiegermütter. Man wird im Vorbeigehen die Freigebigkeit des Boas bewundert haben, dieses alten, sehr mächtigen und überaus reichen Grundbesitzers, der, sobald Ruth ihm ins Auge geschlagen hatte, ihr [386] das Brot vom Tisch seiner Schnitter gewährte und ihr gestattete, es in Essig zu tauchen, damit es weniger trocken sei. Die Kritiker finden es absonderlich, dass Boas, statt in seiner Kammer zu Bett zu gehen, sich nachts zum Schlafen auf der Tenne an einem Haufen Garben ausgestreckt hat, wie es die Tagelöhner nach der Ernte tun; aber sie finden es noch absonderlicher, und von äußerst zweifelhaftem Geschmack, dass Ruth in das Lager des Boas geschlüpft ist, so wie es [387] der heilige Verfasser als eine ganz natürliche Sache und ohne die geringste Scham erzählt. Wenn dieser Boas, sagen sie, in seiner Eigenschaft als Verwandter diese Ruth ehelichen sollte, so war es die Pflicht Naemis, die bei ihr die Stelle der Mutter vertrat, den Heiratsantrag auf anständige Weise zu machen; sie durfte ihre Schwiegertochter nicht dazu überreden, das Handwerk einer Schlampe zu treiben. Zudem musste Naemi wissen, dass es einen näheren Verwandten als Boas gab: an diesen näheren Verwandten also hatte man sich zu wenden. [388] Schließlich weiß man, dass die Christen Jesus von David und folglich von Boas und Ruth abstammen lassen; die Prostitution und die Blutschande finden sich somit im Überfluss in dem Blut, das Gott wählte, um Fleisch zu werden. Boas stammt in gerader Linie von Perez ab, der aus der Blutschande der Thamar geboren wurde, die sich ihrem Schwiegervater Juda hingab, indem sie die Prostituierte spielte; außerdem ist Boas der Sohn Salmas und der Rahab, der Prostituierten von Jericho. Was Ruth betrifft, so stammt sie von Moab ab, der aus der Blutschande Lots mit seiner älteren Tochter geboren wurde. Da haben wir also auserlesene Vorfahren für einen Messias! da haben wir ein überaus ehrenwertes Blut für einen Gott, der Mensch wird! Aber das Amüsanteste für den Beobachter ist, festzustellen, dass der göttliche Tauber beim Diktieren des Buches Ruth nicht bemerkt hat, dass er die Mystifikation aller seiner Diktate durchscheinen ließ. Es gibt nämlich zwischen Salma, dem Gatten der Rahab, und Isai, dem Vater Davids, in der genealogischen Ordnung nur Boas und Obed. Nun sind Rahab und Salma Zeitgenossen Josuas; Salma hat Rahab erst nach der Einnahme Jerichos geehelicht, das heißt nach dem Übergang über den Jordan. Zudem werden wir, wenn wir der Chronologie der Bibel folgen, sehen, dass Obed zur Zeit des Hohenpriesters Eli lebte und dass der Nachfolger Elis, Samuel, zur selben Zeit lebte wie Isai; das Regiment der Richter wird mit Samuel enden, der den ersten König, Saul, einsetzen, danach seine Absetzung aussprechen und David salben wird. Nach der Lebenszeit der biblischen Helden gerechnet, zerstört das Buch Ruth also vollständig das Buch Josua und das Buch der Richter; denn es ist physisch unmöglich, dass es auf der einen Seite diese lange Reihe so verschiedenartiger Wechselfälle des hebräischen Volkes gegeben habe, diese siegreichen Regimente, diese Knechtschaften von enormer Dauer und in so großer Zahl, diese Befreiungen, gefolgt von Perioden des Friedens, die sich auf eine erhebliche Anzahl von Jahren beziffern, wobei das Ganze eine Summe von vierhundertachtzig Jahren vom Übergang über den Jordan bis zum Tod Simsons ergibt, und dass es auf der anderen Seite, parallel dazu, nur Salma gegeben habe, der zur Zeit der Einnahme Jerichos lebte, und seinen Sohn Boas, einen Zeitgenossen Simsons. [389] 11. KAPITEL
In jener Zeit gab es zu Ramathaim-Zophim (oder kurzweg Rama) einen Mann namens Elkana, der an der Spitze zweier Frauen stand, die eine so rechtmäßig wie die andere, Hanna und Peninna. Nun konnte die erste keine Kinder haben, und alle Tage gab es zwischen den Gattinnen des ehrenwerten Bigamisten Szenen, als sollte alles zu Bruch gehen (fr. „des scènes à tout casser“, eine umgangssprachliche Redewendung: Zänkereien der heftigsten Art); denn Peninna, die sauer wie Essig war, stach Hanna ins lebendige Fleisch, indem sie ihre Unfruchtbarkeit verspottete.
181. Der Haushalt des Bigamisten Elkana. Um damit ein Ende zu machen, beschloss Hanna, eine Wallfahrt zu unternehmen, wohl nachdem sie irgendeinen frommen Einsiedler konsultiert hatte; denn Rama lag in nächster Nähe des Gebirges Ephraim, dem seine Leviten einen unvergänglichen Ruhm eingetragen haben. Aber wohin wallfahren? Offensichtlich hatte sich der konsultierte Einsiedler nicht für heilig genug gehalten, um die Segnungen Jehovas auf Hanna herabziehen zu können.
182. Die unfruchtbare Hanna konsultiert den Einsiedler von Ephraim. Wie dem auch sei, die Bibel belehrt uns, dass die göttliche Lade sich damals zu Silo befand, unter der Obhut des Hohenpriesters Eli und seiner zwei Söhne, Hophni und Pinehas (nicht zu verwechseln mit dem Pinehas, dem Sohn Eleasars). Also brachen Elkana und seine Familie nach Silo auf.
183. Aufbruch Elkanas nach Silo. Man nimmt mit gutem Recht an, dass Hanna die Unfruchtbare sich fröhlich auf den Weg machte, dass aber Peninna die Fruchtbare Rama nicht ohne einiges Bedauern verlassen haben dürfte, da die bösen Zungen ihr einen leiblichen Cousin nachsagen, mit dem sie in den besten Beziehungen stand. Jedoch scheint die Heiterkeit Hannas nicht von langer Dauer gewesen zu sein. Denn einmal in Silo angekommen, wenn man dem heiligen Verfasser glauben soll, « wenn Hanna sich zum Tempel des Ewigen begab, kränkte Peninna sie immer auf dieselbe Weise, und Hanna fing wieder an zu weinen, und sie aß nicht. Elkana, ihr Mann, sprach zu ihr: Hanna, warum weinst du, und warum enthältst du dich des Essens? bin ich dir nicht mehr wert denn zehn Söhne? » (Erstes Buch Samuel 1:7-8) « Nachdem sie zu Silo gegessen und getrunken hatte, stand sie auf. Nun saß der Hohepriester Eli auf einem Sitz bei einer der Säulen der Stiftshütte des Ewigen. Hanna also, das Herz [390] voll Bitterkeit, betete zu Jehova und vergoss Ströme von Tränen. Sie tat dieses Gelübde: O Zebaoth, Gott der Heerscharen, wenn du geruhst, die Trübsal deiner Magd anzusehen, wenn du mir ein männliches Kind gibst, so will ich es dir geben für alle Tage seines Lebens, und niemals soll ein Schermesser über seinen Kopf gehen. Aber während sie das sagte, beschränkte sich Hanna darauf, in ihrem Herzen zu reden; der Hohepriester, der sie beobachtete, sah nur ihre Lippen sich bewegen, und er sagte sich: Dieses Weib ist trunken. Da redete er sie mit diesen [391] Worten an: Wann wirst du aufhören, voll zu sein? Wohlan, geh anderswo deinen Wein ausschlafen! » (v. 9-14)
184. Hanna-die-Unfruchtbare fleht den Ewigen an. Indessen verlor Hanna unter dieser harten Anrede nicht die Karte; sie erklärte, dass sie überhaupt nicht trunken sei, « da sie weder Wein noch Bier getrunken habe », und als Eli seinen Irrtum einsah, interessierte er sich alsbald für die Bedauernswerte. Man weiß, wie die Wunder von der Art desjenigen, das Hanna erbat, gewirkt werden; das Verfahren hat sich bis auf unsere Tage fortgepflanzt: daher ist es leicht, sich [392] zu vergegenwärtigen, was geschah. Mit Genehmigung Elkanas, eines andächtigen Ehemanns, versäumte Eli nicht, die unfruchtbare Gattin aufzufordern, für einen Augenblick in das reservierte Heiligtum zu kommen. Hanna hatte freilich einige Bedenken; ihr Mann selbst beruhigte sie. Geh, sagte er zu ihr, geh mit dem Herrn da, er wird dich irgendeinen heiligen Talisman berühren lassen, und ich bürge dir dafür, dass du dich wohl dabei befinden wirst. Hanna wurde also zugelassen, das Allerheiligste aus der Nähe zu sehen.
185. Der Hohepriester Eli lässt Hanna zu, das Allerheiligste aus der Nähe zu sehen. Als dann der Aufenthalt seiner Gattin im Heiligtum sich ein wenig in die Länge zog, ging Elkana hin und setzte sich unter die äußere Kolonnade des Tempels. Endlich erschien die teure Gattin wieder, geführt von Hophni und Pinehas, den Söhnen des Hohenpriesters, welche strahlten; sie beteuerten dem guten Elkana, dass diesmal ganz gewiss der Ewige Hanna mit seiner allmächtigen Gnade überschwemmt habe.
186. Hanna wird von den beiden Söhnen Elis zu ihrem Gatten zurückgeführt. Neun Monate danach vermehrte sich der Haushalt Elkanas um ein dickes rosiges Baby, dem man den Namen Samuel gab. Hanna, die voller Jubel war, erneuerte ihr Gelübde, dem Haupthaar dieses so sehr ersehnten Kindes niemals auch nur eine kleine Strähne abzuschneiden. Man braucht kein Hexenmeister zu sein, um zu erraten, dass der Hohepriester Eli von Zeit zu Zeit kam, um dem Balg einen Besuch abzustatten, für das er eine ganz besondere Zuneigung hatte; denn es war, sagte er, das lebendige Zeugnis der Macht des Ewigen.
187. Zuneigung des Hohenpriesters für das Kind Hannas. Als Samuel in dem Alter war, in den Dienst des Herrn einzutreten, führte Hanna ihn zu Eli, und es wurde beschlossen, dass der Gassenjunge Gott geheiligt werden sollte. Man bekleidete ihn mit dem Amt eines Chorknaben, der eigens zur Bewachung der Stiftshütte bestellt war. Der Hohepriester gab der Mutter sein Wort als Pfarrer-Prophet, dass der Jüngling zu außerordentlichen Dingen bestimmt sei.
188. Samuel wird als Kind dem Herrn geheiligt. Die liebe Hanna war so zufrieden, dass sie einen Lobgesang improvisierte, der im Kapitel 2 in voller Länge eingefügt ist; der Leser wird es mir erlassen, ihn wiederzugeben, das ist erzlangweiliges Wiedergekäue. Dagegen kann man die vor Entrüstung glühenden Verse nicht mit Stillschweigen übergehen, mit denen der Heilige Geist, Inspirator des biblischen Schriftstellers, das Betragen der Herren Hophni und Pinehas brandmarkt, die als ganz und gar schlimme Taugenichtse zum Schaden Meister Jehovas Prasserei trieben. « Die Söhne Elis, heißt es da ausgeschrieben, waren Schurken, und sie verachteten den Ewigen; denn wenn jemand aus dem Volk [393] das Opfertier geliefert hatte, dessen Opfer Jehova gebührte, dann stachen diese gottlosen Opferpriester mit einer langen Gabel mit drei Zacken in den heiligen Kochtopf (fr. „piquer dans la marmite“: das Fleisch mit der Gabel aus dem Kochtopf stechen; nach 1 Samuel 2:13-14 nahm der Opferpriester für sich alles, was die Gabel hervorzog) und entnahmen so zu ihrem Nutzen die besten Stücke. Auf solche Art verfuhren sie beständig, während die Israeliten zu den Brandopfern nach Silo kamen. Sogar ehe man das Fett rauchen ließ, sprach ihr Bedienter, von ihnen gesandt, zu jedem Mann, der sich zu opfern anschickte: Gib mir gutes Fleisch zu braten für die Opferpriester. Und wenn der Mann antwortete: Man lasse zuerst das Fett rauchen; worauf du Fleisch nehmen sollst, so viel du willst; so sprach der Bediente des Hophni und des Pinehas: Gib sofort, was ich von dir verlange; wo nicht, so will ich dir’s mit Gewalt nehmen. Also war die Sünde der Söhne Elis enorm, und der Grimm des Ewigen häufte sich mit jedem Tage höher an » (1 Samuel 2:12-17).
189. Gottlosigkeit der beiden Söhne des Hohenpriesters. Das war nicht alles: « die Söhne Elis lagen bei allen Weibern, die an der Tür der Stiftshütte beten kamen » (v. 22). Der Hohepriester wusste sehr wohl von diesen grauenhaften Gottlosigkeiten; aber er duldete sie aus Schwäche. Und während sie diese schöne Entrüstung bekundet, erzählt uns die Bibel im selben Kapitel, dass die Mutter Samuels regelmäßig ihren Sohn in Silo besuchen kam. « Der junge Samuel, umgürtet mit einem leinenen Ephod, verrichtete unschuldig den Dienst des Ewigen; und jedes Jahr machte ihm seine Mutter einen kleinen weißen Leibrock, den sie ihm brachte, wenn sie sich zum Tempel begab. Und Jehova suchte Hanna abermals heim, mehrere Male; darum (fr. „de nouveau, plusieurs fois ; c’est pourquoi“: die Bibel Ostervalds hat nur „Et l’Éternel visita Anne, qui conçut et enfanta trois fils et deux filles“; die wiederholten Besuche und das „darum“ stammen von Taxil) empfing sie und gebar noch drei Söhne und zwei Töchter » (1 Samuel 2:19-21). Die Skeptiker werden vielleicht schließen, dass Hophni und Pinehas dazu beitrugen, die Familie des ausgezeichneten Elkana zu vermehren; aber die glühend Gläubigen werden erwidern, man dürfe nicht verwechseln, das heißt, dass Papa Lieber Gott allein sich damit befasst habe, die liebenswerte Hanna zu befruchten, und dass das vollkommen gewesen sei, während die Söhne Elis, indem sie bei den anderen Andächtigen lagen, abscheuliche Lumpen gewesen seien. Es heißt ein Sakrileg begehen, sich die hübschen Andächtigen zuzusprechen, die Jehova vorbehalten sind, ebenso wie in den heiligen Kochtopf zu stechen, um sich an den Viktualien des Brandopfers zu delektieren. « Nun diente der junge Samuel dem Herrn in der Gegenwart Elis; und das Wort des Ewigen war selten in jenen Tagen, und [394] die Erscheinungen Gottes waren nicht alltäglich. Es begab sich an einem gewissen Tage, dass Eli, dessen Augen sich vor Alter zu trüben begannen, sich in seiner Kammer niedergelegt hatte, ehe die Lampen des Heiligtums ausgelöscht waren; seinerseits schlief Samuel in der Stiftshütte, bei der Lade Gottes. Und der Ewige rief Samuel.
190. Der junge Samuel, nachts von einer geheimnisvollen Stimme geweckt. Und der Jüngling antwortete: Hier bin ich! und er lief zu Eli und sprach zu ihm: Hier bin ich, da du mich gerufen hast. Eli aber sprach zu ihm: Nein, ich habe dich nicht gerufen, [395] kehre zurück in dein Bett, und lege dich nieder.
191. Samuel geht den Hohenpriester aufwecken. Kurz danach rief der Ewige wieder Samuel, und Samuel, jäh aufgeweckt, stand auf und kam abermals in aller Hast zu Eli und sprach zu ihm: Du hast mich gerufen, hier bin ich. Eli antwortete ihm: Mein Sohn, ich habe dich keineswegs gerufen, geh, lege dich wieder nieder! Nun wusste Samuel die Stimme des Ewigen nicht zu unterscheiden, denn Jehova hatte nie zuvor zu ihm geredet. Er schlief also wieder ein, und zum dritten Mal weckte ihn der Ewige auf, indem er ihn rief. Und Samuel, [396] nachdem er wie immer zu Eli gelaufen war, sprach zu ihm: Gewiss, du hast mich gerufen, und hier bin ich. Da verstand der Hohepriester, dass es der Ewige war, der den Jüngling rief. Und er sprach zu Samuel: Kehre zurück in dein Bett, lege dich nieder; aber wenn man dich wieder ruft, so sollst du antworten: Ewiger, rede; dein Knecht hört dich. Samuel ging also hin und legte sich wieder zu Bett. Und der Ewige gab sich kund; er rief, wie die anderen Male: Samuel! Samuel! Der junge Knabe antwortete da: Rede, Herr, dein Knecht hört dich. Und der Ewige redete zu Samuel und sprach zu ihm: Siehe, ich will in Israel einen solchen Schrei ausstoßen, dass niemand ihn wird hören können, ohne dass ihm seine beiden Ohren gellen; an jenem Tage will ich wider Eli alles kehren, was ich wider sein Haus geschworen habe: ich will’s anfangen und vollenden. Sein Haus soll ewiglich bestraft werden um der Missetat seiner Söhne willen, um die er wusste und der er nicht gewehrt hat. Ja, ich habe geschworen, dass die Schandtat des Hauses Eli nimmermehr gesühnt werden soll, weder durch Opfer noch durch Geschenke. » (1 Samuel 3:1-13)
192. Gott redet zu Samuel. Am nächsten Morgen, gleich in der ersten Stunde, wollte der Hohepriester den Ausgang dieses nächtlichen Zwischenfalls erfahren; man ermesse die Verlegenheit des Leviten-Lehrlings. Eli bestand darauf, forderte die ganze Wahrheit, und der junge Samuel berichtete die schreckliche Eröffnung, die er empfangen hatte. « Er verhehlte dem Hohenpriester nichts; und Eli antwortete: Ja, es ist der Ewige, der geredet hat; er tue, was ihm gut dünken wird! » (v. 18) « Und siehe, Samuel wuchs heran; und da der Ewige mit ihm war, fiel keines seiner Worte zu Boden (sic). Und ganz Israel, von Dan bis Beer-Seba, erfuhr, dass Samuel wahrlich ein Prophet Gottes war. » (v. 19-20) Dieser erste Teil der Geschichte des berühmten Propheten, der der letzte Richter war, hat denn auch einige Kritik hervorgerufen. Zunächst hat der gelehrte Fréret über dieses Buch selbst, das Samuel zugeschrieben wird, eine allgemeine Bemerkung vorgebracht; er weist auf einen Mangel hin, in den kein ernsthafter Geschichtsschreiber verfallen würde: nämlich den Leser in völliger Unwissenheit über den Zustand zu lassen, in dem sich die Nation, von der man spricht, damals befand. Denn nach dem heiligen Text ist es schwer zu sagen, wie viel Land die Juden zur Zeit des Hohepriestertums Elis besaßen, an welchen Orten genau sie wohnten, ob sie noch Sklaven oder lediglich Tributpflichtige der Phönizier waren, welche die unwissenden hebräischen Schriftsteller hartnäckig [397] Philister nennen. Der Verfasser scheint ein Priester zu sein, der nur mit seinem Beruf beschäftigt ist und alles Übrige für gering achtet. Der Verfasser weist Silo dem Hohenpriester Eli als Residenz zu. In diesem Punkt bemerkt Voltaire, dass das Dorf namens Silo noch den Phöniziern gehörte und dass es folglich recht erstaunlich ist, dass diese dort den Hohenpriester einer feindlichen Religion geduldet hätten; wenn die Lade in diesem Dorf war, so konnte es offensichtlich nur insgeheim sein, da die Philister sich ihrer erst später und bei Gelegenheit einer Schlacht bemächtigen werden, wie man sehen wird; aber wie soll man dann erklären, dass die Juden auf Wallfahrt nach Silo kamen?... Außerdem gibt der Erzähler im ganzen Verlauf der Erzählung zu verstehen, dass die Juden so elend geworden waren, dass Gott nicht mehr so häufig zu ihnen redete wie ehedem; nun war es aber die Vorstellung aller dieser rohen Nationen, dass, wenn ein Volk besiegt war, auch sein Gott besiegt war, und dass, wenn es sich wieder erhob, sein Gott sich mit ihm wieder erhob. Viele meinen, dass, wenn Jehova wirklich der Schöpfer des Weltalls ist, man ihn eine höchst groteske Rolle spielen lässt, indem man ihn in einem Kasten eingeschlossen darstellt, aus dem er mitten in der Nacht einen jungen Knaben bis zu viermal ruft, ehe er ihm ausspricht, was er ihm sagen will. Woolston findet den heiligen Verfasser über die Maßen lächerlich, da dieser sagt, dass der kleine Samuel « die Stimme des Ewigen noch nicht zu unterscheiden wusste, weil Jehova nie zuvor zu ihm geredet hatte ». Tatsächlich kann man die Stimme von jemandem, den man nie gehört hat, nicht erkennen; außerdem stellt der heilige Verfasser, indem er sich so ausdrückt, seinen Jehova so dar, als habe er eine menschliche Stimme, ebenso wie jeder Mensch eine Stimme von persönlicher Klangfarbe hat. Boulanger entnimmt daraus einen neuen Beweis dafür, dass die Juden ihren Gott stets körperlich gemacht haben und dass sie in ihm nur einen Menschen von höherer Art sahen, der üblicherweise in einer Wolke wohnte, zuweilen auf die Erde kam, um seine Günstlinge zu besuchen, bald ihre Partei ergriff, bald sie verließ, bald Sieger, bald besiegt war, mit einem Wort so wie die Götter Homers; er sagt auch, dass Homer übrigens von der Gottheit erhabenere Vorstellungen gibt als die, welche in der Bibel enthalten sind, und dass man noch [398] schönere beim alten Orpheus findet, und sogar in den Mysterien der Isis und der Ceres. Diese Meinung Boulangers teilen Fréret, Dumarsais etc. Nun ist also Samuel groß geworden, und der göttliche Tauber schweigt seit der denkwürdigen Nacht der schrecklichen Offenbarungen über das Betragen von Hophni und Pinehas. Stachen sie immer noch in den Kochtopf?... Wir erfahren nur, dass « Samuel den Israeliten alles gesagt hatte »; die Verwerfung Elis und seiner Familie [399] war also das Geheimnis des Polichinelle (fr. „le secret de Polichinelle“, eine Redewendung: ein Geheimnis, das jeder kennt; Polichinelle ist der bucklige Spaßmacher des französischen Puppentheaters), was die Gläubigen nicht hinderte, diesem disqualifizierten Hohenpriester und seinen Söhnen ihre Gaben zu bringen. Vielleicht hatten diese aus Furcht vor der vorhergesagten Züchtigung ihren sakrilegischen Gewohnheiten entsagt; aber wir wissen, dass Meister Jehova sehr nachtragend ist. « Die Israeliten lehnten sich gegen die Philister auf und versammelten sich in Waffen, um wider sie zu streiten; sie lagerten sich bei Eben-Ezer, und die Philister schlugen ihr Lager zu Aphek auf. [400] Da ward die Schlacht geliefert; Israel ward geschlagen, die Philister töteten zuerst bei viertausend jüdische Soldaten in einem ersten Kampf in der Ebene. Das Heer Israels kehrte den Rücken und kam ins Lager zurück, wo die Ältesten des Volks sprachen: Warum hat uns der Ewige heute von den Philistern schlagen lassen? Lasst uns von Silo die Lade des Bundes kommen lassen, in der Jehova residiert; so wird Gott mitten unter uns sein, und er wird uns von unseren Feinden befreien. Die heilige Lade ward also herbeigebracht, und Zebaoth, Gott der Heerscharen, war darin, zwischen den Cherubim; und Hophni und Pinehas, Söhne Elis, begleiteten die Lade Gottes. Und als die Lade ins Lager kam, stieß ganz Israel ein so großes Freudengeschrei aus, dass die Erde davon widerhallte. » (1 Samuel 4:1-5) « Da sprachen die Philister, als sie die Stimme dieses Geschreis hörten: Was ist denn das für eine Stimme von Geschrei im hebräischen Lager! Und sie erfuhren, dass die Lade, in der Jehova residiert, mitten im Heer war. Da bekamen die Philister Angst, und sie sprachen einer zum andern: Jehova ist nun im hebräischen Lager; so war es nicht in diesen vergangenen Tagen; wehe uns, jetzt! Lasst uns getrost sein, Philister, und lasst uns tapfere Männer sein; lasst uns mit Mut streiten, damit wir nicht Sklaven dieser Juden werden, wie sie die unseren gewesen sind. Die Philister lieferten also eine zweite Schlacht, und Israel ward wieder geschlagen und floh; und die Niederlage des israelitischen Heeres war so groß, dass diesmal dreißigtausend Soldaten tot auf dem Schlachtfeld blieben. Die Lade Gottes ward vom siegreichen Feind genommen, und die beiden Söhne Elis, Hophni und Pinehas, kamen in diesem Kampf um. » (v. 6-11)
193. Tod der Söhne Elis und Wegnahme der Lade. « Nun lief ein Soldat vom Stamm Benjamin, dem Blutbad entronnen, einen ganzen Tag, um sich nach Silo zu begeben, wo er mit zerrissenen Kleidern und Asche auf dem Kopf ankam. Und während dieser Mann so lief, saß der Hohepriester Eli auf einem Sitz, den er neben dem Weg hatte errichten lassen, und er wartete auf die Nachrichten; und in seinem Harren zitterte er, um der heiligen Lade willen. Eli war damals achtundneunzig Jahre alt. Dieser Mann, kaum angekommen, sprach zu Eli: Ich komme vom Schlachtfeld, dem ich entronnen bin. Und Eli befragte ihn mit diesen Worten: Was ist geschehen, mein Sohn? Der benjaminitische Soldat antwortete: Israel ist vor den [401] Philistern geflohen, und es hat sogar eine große Niederlage des Volkes gegeben; deine beiden Söhne sind tot, und die Lade Gottes ist in die Gewalt des Feindes gefallen. Als Eli das gehört hatte, fiel er rücklings von seinem Sitz herab, und in seinem Sturz brach er sich den Hals. So starb er; denn er war alt und schwer. Er hatte Israel vierzig Jahre gerichtet. » (v. 12-18)
194. Eli fällt von seinem Sitz bei der Nachricht vom Tod seiner Söhne. (die Anschläge lauten „Dernières dépêches“, letzte Depeschen, und „Nouvelles de la guerre“, Kriegsnachrichten: Eli wartet auf die Schlachtberichte wie vor dem Aushang einer Zeitung) « Und seine Schwiegertochter, Weib des Pinehas, die schwanger war, sah die Stunde nahen, da sie niederkommen sollte, als ein Bote ihr zugleich meldete, dass die Lade genommen war, dass ihr Mann tot war und ihr Schwiegervater auch. Bei dieser Nachricht krümmte sie sich zusammen; da gebar sie, und ihre Niederkunft war höchst schmerzhaft. Und siehe, da ergriff der Tod nun auch sie. Und während sie starb, sprachen die Weiber, ihre Freundinnen, die sie umgaben, zu ihr: Sei ohne Sorge; wir halten dein Kind, und wir beteuern dir, dass es kein Mädchen ist; wahrlich, es ist ein Knabe. Sie aber achtete nicht auf das, was ihre Freundinnen ihr sagten, sie hörte nichts; denn der Tod überkam sie mehr und mehr. Und mit einem Mal fing sie an zu reden, und sie sprach: Die Herrlichkeit Gottes ist aus Israel hinweggeführt, denn die heilige Lade ist genommen; und aus diesem Grunde will ich, dass mein Kind Ikabod genannt werde. » (v. 19-22) Man sieht, dass der heilige Verfasser uns erst recht im Vagen lässt. Dieser seltsame Geschichtsschreiber teilt weder mit, wie die Hebräer sich gegen die Philister, ihre Gebieter, empört hatten, noch den Anlass dieses Krieges, noch welches Gebiet die Hebräer innehatten. Genau ist er nur in der Angabe des Ortes, an dem sich die Lager der beiden feindlichen Heere befanden; aber das heißt Unglück haben (fr. „jouer de malheur“, eine Redewendung, wörtlich „mit Unglück spielen“; das Bild kommt vom Glücksspiel), da kein Geograph des Altertums Eben-Ezer oder Aphek erwähnt hat. Der heilige Verfasser spricht zu uns nur von vierunddreißigtausend Juden, die trotz der Gegenwart der Lade getötet wurden. Wie soll man begreifen, sagt Voltaire, dass ein Sklavenvolk, das so große und so häufige Verluste erlitten hat, sich so bald davon wieder erheben kann? Die Kritiker haben stets gewagt, den Verfasser ein wenig der Übertreibung zu verdächtigen, sei es bei den Erfolgen, sei es bei den Rückschlägen. Der Verfasser scheint viel mehr damit beschäftigt, Samuel zu feiern, als die jüdische Geschichte zu entwirren; vergebens erwartet man, dass er eine getreue Beschreibung des Landes geben werde, dessen, was die Juden davon unter ihren Gebietern zu eigen besaßen, der Umstände, unter denen [402] dieser Aufstand stattfand, der festen Plätze oder zumindest der Höhlen, die sie besetzten, der Maßregeln, die sie trafen, der Anführer, die sie in den Kampf führten; nichts von all diesen wesentlichen Dingen! Daraus schließt Lord Bolingbroke in seiner Untersuchung, dass der Levit, der Verfasser dieser Geschichte, schrieb, wie die Mönche des Mittelalters die Geschichte ihres Landes geschrieben haben. Und Voltaire fügt mit seiner beißenden Ironie hinzu: « Ohne Zweifel war Samuel, da er ein Prophet geworden war und Gott [403] schon in seiner Kindheit zu ihm redete, ein bedeutenderer Gegenstand als die dreißigtausend in der Schlacht getöteten Männer, die nur Profane waren, denen Gott sich nicht mitteilte; darum handelt es sich offensichtlich in der Heiligen Schrift mehr um die jüdischen Propheten als um das jüdische Volk. » Jetzt Achtung!... Leser, wir können gar nicht ernst genug sein. Wir kommen zu einer Stelle der Bibel, die nicht mehr zur Heiterkeit stimmt als der Anblick der silbernen Nase eines [404] Invaliden; denn hier ist die große Affäre der goldenen Arschlöcher... Achtung! Achtung! lachen Sie nicht. Es ist sehr ernst. Meister Jehova hatte sich vermöge seines Kastens von den Philistern nehmen lassen, um Hophni und Pinehas zu züchtigen, die eine gewisse Zeit lang in seinen Kochtopf gestochen hatten; und selbst während Hophni und Pinehas seinen Kasten verteidigten, das heißt ihn selbst verteidigten (da er in der Lade residierte), hatte er vermöge seines geheimnisvollen und unerforschlichen Willens gewollt, dass die beiden Leviten neben ihm getötet würden, in Gesellschaft von dreißigtausend anderen Juden, die gleichfalls niedergemetzelt wurden, obgleich sie ihrerseits niemals in den Kochtopf gestochen hatten. Das war eine sensationelle Züchtigung, das Sensationellste, was man sich vorstellen kann, da Gott, indem er sich in die Hände der götzendienerischen Philister fallen ließ, sich selbst in die Bestrafung des gegen ihn begangenen Sakrilegs einbezog. Das ist vielleicht nicht recht logisch; aber es ist wesenhaft göttlich, jeder beliebige Theologe wird es Ihnen sagen. Die Philister waren also von Gott erwählt worden, um gegen Gott die Rache für eine Gott angetane Beleidigung zu üben, indem sie Gott zum Gefangenen machten. Nur beschloss Meister Jehova, nachdem er die Philister erwählt hatte, um ihn gefangen zu halten, die Philister dafür zu bestrafen, dass sie seine Erwählten waren. Das ist, wie man sieht, weiterhin nicht logisch; aber es wird immer göttlicher. Vermerken wir zunächst, dass diese Philister, die in puncto Andacht gute Kerle waren, dem Gott, ihrem Gefangenen, den größten Respekt bezeigten. Wir haben vorhin gesehen, dass sie von seiner Macht überzeugt waren. Weit davon entfernt, wie die unduldsamen Fanatiker zu handeln, welche die Gottheiten anderer Religionen als der ihren mit Schmähungen überhäufen, behandelten sie den Gott Israels mit Ehren. Fällt ein Jupiter oder ein Buddha in die Gewalt christlicher Inquisitoren, so haben sie ihn im Nu in die Kloake geworfen. Da die Philister hingegen wussten, dass Jehova in diesem Kasten war, der ihnen durch das Los der Schlacht zugefallen war, überführten sie die heilige Schachtel würdig nach Asdod, wo sich einer ihrer schönsten Tempel befand, der Tempel Dagons; dort stellten sie die Lade in den verehrtesten Teil des Heiligtums, gleich neben Dagon selbst. Es ist klar, dass die Philister folgende Überlegung anstellten: — Der Gott Israels ist ein Gott erster Qualität; [405] denn wir wissen um die Wunderdinge, die er gewirkt hat, als er sein Volk aus Ägypten herauszog. Da wir also die glückliche Chance haben, ihn zu besitzen, so wollen wir uns ihm gegenüber aufs Beste verhalten, damit er uns weiterhin gewogen bleibe. Ehren wir ihn gleich Dagon: Überfluss an Schutzgöttern schadet nicht (Taxil verdreht das Sprichwort „Abondance de biens ne nuit pas“, wörtlich „Überfluss an Gütern schadet nicht“). Ach! diese wackeren Philister steckten sich den Finger ins Auge; sie sollten bald erfahren, dass Jehova ein schlechter Schlafgenosse (fr. „un mauvais coucheur“, Redewendung: ein streitsüchtiger Mensch, mit dem schwer auszukommen ist; hier auch beim Wort genommen, denn Jehova wird gleich die Nacht mit Dagon verbringen) ist. Am Abend der Installation der Lade in der Basilika von Asdod zogen sich die Priester Dagons bei einbrechender Nacht zurück und ließen ihren Gott im Tête-à-tête mit demjenigen Israels. Wenn unsere Phönizier, statt Jehova genommen zu haben, den Dusel gehabt hätten, unter denselben Umständen einen ägyptischen Anubis oder einen persischen Ormuzd oder einen griechischen Apollo zu besitzen, so wäre in dieser ersten Nacht alles sehr gut abgelaufen, und in den folgenden Nächten. Die beiden Götter hätten freundschaftlich ein Lätzchen zugeschnitten, hätten einander die kleinen fröhlichen Zwischenfälle der Huldigungen erzählt, die sie jeweils von ihren Gläubigen empfingen; kurz, sie wären zwei gute Kameraden geworden, und die Einwohner von Asdod wären voller Jubel gewesen. Überhaupt nicht!... Jehova, als alter eifersüchtiger Griesgram, nutzte die Abwesenheit der Priester Dagons, um den anderen Gott als antipathischen Nebenbuhler zu behandeln; er legte Wert darauf, feststellen zu lassen, dass er die robustere Gottheit hatte als der offizielle Götze der Philister. Dieser Dagon war nicht böse für zwei sous (fr. „pas méchant pour deux sous“, eine umgangssprachliche Redewendung: nicht im Geringsten böse; der sou, eine alte Münze, war der zwanzigste Teil des Franken, fünf Centimes); er ließ sich keine Menschenopfer darbringen, er nicht; er war ein gutmütiger Gott. Er muss folglich recht überrascht gewesen sein, als mitten in der Nacht Jehova mit einem Mal aus seiner Schachtel herauskam, sich wie ein jähzorniger Athlet auf ihn stürzte und ihn von der Höhe des Altars herab zu Boden schmiss. Die Bibel gibt die Einzelheiten dieses nächtlichen Ringkampfs nicht an; aber nach dem Text ist es offensichtlich, dass es sich so begab. « Die Philister hatten die Lade Jehovas nach Asdod gebracht; sie installierten sie im Tempel Dagons, sie setzten sie unmittelbar neben Dagon. Und am andern Tage fanden die Einwohner von Asdod, als sie des Morgens früh aufgestanden waren, Dagon auf dem Boden liegen, das Antlitz zur Erde, vor der Lade; aber sie richteten Dagon wieder auf und setzten ihn wieder an seinen Ort. » (1 Samuel 5:1-3) Die zweite Nacht war noch schrecklicher als die erste. [406] Jehova war gekränkt, die Huldigungen der Asdoditer mit Dagon teilen zu müssen. Vielleicht fühlte er in seinem Innern, dass seine Eifersucht lächerlich war und dass seine Manieren nichts Vornehmes an sich hatten; denn tagsüber hielt er sich ruhig am Boden seines Kastens... Ah! wenn die Andächtigen, die damals den Tempel füllten, ihn aus seiner Schachtel hätten hervorspringen sehen, wenn er ihnen die Überlegenheit seines Kultes angepriesen hätte, so ist es möglich, dass die Asdoditer ihrem Götzen entsagt hätten; aber nein! er musste wohl [407] eine gewisse Scham über sein Betragen verspüren. Denn er wartete abermals, bis er allein war, ohne Zeugen, im Dunkeln, um seine üble Laune ausbrechen zu lassen, um seinen Groll zu stillen. Diesmal büßte es Dagon auf die schöne Art (fr. „écopa de la belle façon“, eine umgangssprachliche Redewendung: er bekam eine schöne Abreibung). « Am zweiten Morgen fanden die Einwohner von Asdod Dagon wieder auf dem Boden liegen, vor der Lade, und sein Haupt und seine beiden Hände, die abgehauen worden waren, lagen auf der Schwelle des Tempels; allein der Rumpf Dagons war bei dem Kasten geblieben. » (1 Samuel 5:4)
195. Der Götze Dagons wird umgestürzt. [408] All dies war recht dazu angetan, die Philister dieser Stadt zu verstören, die nichts davon begriffen und die in ihrer Treuherzigkeit hundert Meilen davon entfernt waren, zu ahnen, dass der göttliche Bewohner der heiligen Schachtel der Urheber dieser Taten des Vandalismus war. Aber kurz darauf verstörte sie eine grauenhafte Geißel noch mehr. Hier muss man die wörtliche Übersetzung geben: « Danach ward die Hand Gottes schwer über die Hintern der Asdoditer; sie legte in ihre After eine ekelhafte Krankheit; sowohl zu Asdod als in der Umgegend wurden die Philister am geheimsten Teil der Hinterbacken geschlagen, und allen, den Großen sowohl als den Kleinen, trat der Darm des Gesäßes heraus, und ihr nach draußen herausgetretenes Gesäß verfaulte. » (1 Samuel 5:6) Diesmal begriffen die Asdoditer, dass es der Finger des Gottes Israels war, der das unheilvolle Werk vollbracht hatte. Die Magistratspersonen befahlen, Jehova und seinen Kasten in eine andere Stadt zu schaffen. Die Stadt Gath empfing die heilige Schachtel, und ihre Ankunft wurde alsbald durch eine allgemeine Umstülpung der After und durch eine Fäulnis der Gesäßdärme angezeigt (1 Samuel 5:7-9). Von Gath gelangte die heilige Lade nach Ekron, wo sich unverzüglich das Phänomen der umgestülpten Sphinktere einstellte (5:10). Zur selben Zeit gab es auf dem Land eine Urzeugung von Ratten. Diese Ratten erwiesen sich als unersättliche Nager, und die philistäischen After waren mehr denn je Kompott (fr. „en compote“, eine umgangssprachliche Redewendung: ganz zerschunden); « und die Männer, die nicht starben, waren mit Hämorrhoiden überhäuft, dergestalt, dass ein Schmerzensschrei überall bis zum Himmel aufstieg » (1 Samuel 5:12). Sieben Monate lang führten die Philister die Lade Jehovas von Stadt zu Stadt spazieren, und diesem Spaziergang gelang es nur, die grässliche Krankheit zu verbreiten. (1 Samuel 6:1) Schließlich konsultierte man die Wahrsager Phöniziens; diese waren Priester einer falschen Religion — falsch, wenn man sich auf den Standpunkt der christlichen Theologen stellt —, aber sie waren trotzdem ausgezeichnete Propheten. Die Philister waren recht entschlossen, die Lade Jehovas zurückzuschicken. « Ihre Wahrsager antworteten: Wenn ihr die Lade des Gottes Israels zurückschickt, so hütet euch wohl, sie zurückzuschicken, ohne ihr ein Geschenk beizugeben, um euch eure Sünden vergeben zu lassen. Nun, da die Statthalterschaften dieses Landes fünf an der Zahl sind, so fabriziert fünf goldene After und fünf goldene Mäuse, die eure [409] Gabe an den Gott Israels sein sollen; dann wird er vielleicht seine Hand nicht mehr schwer machen über eure Hintern noch über eure Äcker. Warum wolltet ihr euer Herz verstocken, wie Ägypten und Pharao ihr Herz verstockten? So nehmt nun einen ganz neuen Karren und zwei junge Kühe, die ihre Kälber säugen, auf die man noch kein Joch gelegt hat, und schließt ihre Kälber im Stall ein. Ihr sollt die Lade Jehovas auf den Karren setzen, und ihr sollt neben die Lade einen Korb stellen, der die goldenen After und die goldenen Mäuse enthält; danach lasst den Karren gehen, wohin die Kühe gehen wollen. Aber seht wohl zu, nach welcher Seite der Karren gehen wird: wenn er nach Beth-Semes geht, so könnt ihr gewiss sein, dass es der Gott Israels ist, der die Krankheit in eure After und die Nager in eure Äcker gelegt hat; wenn der Karren dagegen nicht nach Beth-Semes geht, so werden wir wissen, dass es nicht dieser Gott ist, der uns geschlagen hat, und dass alles von ungefähr geschehen ist. » (1 Samuel 6:3-9) Wenn man diese Geschichte liest, kann man nicht umhin, sich an die der Sara zu erinnern, die wegen ihrer Schönheit, im Alter von neunzig Jahren, vom König von Gerar entführt wurde, der sie für Abrahams Schwester hielt. Man erinnert sich, dass, solange der König die Frau des Patriarchen nicht zurückschickte, alle Damen des Landes Gerar ihre Vulva verschlossen bekamen, durch Dekret Jehovas. Hier sind es die philistäischen After, gegen die der Finger Gottes Krieg führt, solange die Lade nicht an die Hebräer zurückgeschickt ist. Bedauernswerte Vulven! unglückliche After! ihre Unschuld war doch in diesen erstaunlichen Abenteuern ganz offenkundig. Warum amnestierte der barocke Jehova die Kuppelei Abrahams, des einzigen Schuldigen in der Affäre von Gerar, da dieser doch auf die Reize seiner Gattin spekulierte, indem er sie für seine Schwester ausgab? Warum bestrafte derselbe Jehova die Philister dafür, dass sie sich seiner bemächtigt hatten, indem sie ihn mit seinem Kasten nahmen, da er es doch selbst war, der sich von ihnen hatte nehmen lassen? Geheimnis und göttliche Faselei. Tatsache ist, dass die Philister dem Rat ihrer Wahrsager folgten. Sie fabrizierten die fünf goldenen Mäuse und die fünf goldenen Arschlöcher, welche die Gabe der fünf Hauptorte ihrer Statthalterschaften darstellten: Asdod, Gaza, Askalon, Gath und Ekron. Sie schmissen die Lade und ihre Gabe auf einen Karren, spannten die beiden jungen Kühe davor, die ihrer [410] Kälber beraubt waren, und ließen sie ohne Lenker querfeldein laufen. « Und die jungen Kühe nahmen geradewegs den Weg nach Beth-Semes und hielten immer dieselbe Straße und gingen und brüllten; und sie wichen weder zur Rechten noch zur Linken; und die Statthalter der Philister gingen ihnen nach bis in die Nähe von Beth-Semes. » (1 Samuel 6:12) Wie wunderbar ist all dies! und mit wie gutem Recht dürfen die Andächtigen stolz sein, da sie an die Dogmen einer so schönen [411] Religion glauben! An Propheten, wie man sieht, fehlt es in der Bibel nicht. Die Wahrsager der Philister, eines verfluchten Volkes, werden hier als wahre Propheten angesehen; jedes Land hatte die seinen, und da der Verfasser des Buches selbst Prophet ist, achtet er seinen Stand sogar noch bei den götzendienerischen Fremden, die daraus ihren Beruf machen. In seiner außerordentlichen Macht verschwendet Jehova das Übernatürliche so sehr, dass er die Propheten der falschen Götter inspiriert, siehe Bileam, ja, er verschmäht es nicht, [412] die Gabe der Wunder den Zauberern der Religionen zu verleihen, die der seinen feindlich sind, siehe die Zauberer Ägyptens Jannes und Jambres, die dieselben Wunder wirkten wie Mose. Und sind die Kühe, welche die Lade zurückbringen, nicht eine Art Wunder? Sie gehen, getrieben von der göttlichen Inspiration, nach Beth-Semes, zu den Hebräern; es scheint also, dass diese Kühe ebenfalls Prophetinnen geworden waren. « Nun schnitten die Leute von Beth-Semes das Korn im Tal; und sie hoben ihre Augen auf und sahen die Lade, und sie waren darüber überaus erfreut. Der Karren hielt auf dem Acker Josuas, des Beth-Semiters; da war ein großer Stein; da spaltete man die Hölzer des Karrens, man machte einen Scheiterhaufen daraus, und die beiden jungen Kühe wurden dem Ewigen zum Brandopfer dargebracht. Denn die Leviten hoben die Lade des Herrn herab, samt dem Korb, der die goldenen After und die goldenen Mäuse enthielt, und sie setzten das Ganze auf den großen Stein. » (1 Samuel 6:13-15)
196. Wunderbare Rückkehr der Lade. Es ist noch nicht aus!... Seit langem hatte Jehova niemanden aus seinem Volk mit dem Blitz getroffen, und wie hätte er bei den Hebräern seinen Wiederauftritt machen können, ohne sich den Luxus einer kleinen Metzelei zu leisten?... Kosten Sie also aus, was folgt: « Aber der Ewige schlug Leute von Beth-Semes mit jähem Tod, weil sie kamen, in seine Lade zu schauen; so gab es fünfzigtausendundsiebzig Mann, die geschlagen wurden. Und das Volk weinte wegen dieser schrecklichen Züchtigung derer, die Jehova hatten sehen wollen. » (v. 19) Papa Lieber Gott spaßte nicht und konnte keine Neugier seiner Person gegenüber leiden. Hatte er nicht zu wiederholten Malen erklärt, dass, von seltenen Ausnahmen abgesehen, jeder, der ihn von Angesicht zu Angesicht sähe, im selben Augenblick das Leben darüber verlieren würde? So waren diese großen Gaffer von Beth-Semitern gut gewarnt. Ich frage Sie einmal, was für eine verwünschte Idee, in die Lade hineinzuschauen!... Offensichtlich waren die Philister respektvoller und enthielten sich sorgfältig, jemals den Deckel der heiligen Schachtel zu heben; daher begnügte sich Jehova damit, ihnen das Arschloch zu beschädigen. Noch eine Bemerkung im Vorbeigehen: obgleich den Geographen unbekannt, muss diese Stadt Beth-Semes überaus bedeutend gewesen sein, angesichts dieser Vernichtung von fünfzigtausendundsiebzig Mann mit einem einzigen Schlag!... [413] Und da wir schon dabei sind, warum nicht sagen, dass dieser jähe Tod so vieler Tausende von Beth-Semitern uns unzweifelhaft erkennen lässt, aus welchem Land der Heilige Geist ist?... Folgen Sie meinem Gedankengang genau. Es ist physisch unmöglich, dass fünfzigtausendundsiebzig Personen die Lade alle zusammen, zur selben Zeit umringt hätten, nicht wahr?... Nehmen wir zehn, zwanzig — dreißig, wenn Sie wollen —, die zugleich den Deckel gehoben und ihre Blicke in den Kasten getaucht hätten. Diese ersten dreißig Neugierigen werden alsbald für ihre Kühnheit bestraft; zack! sie sind vom Blitz getroffen hingestürzt. Dass dreißig andere die Lektion nicht begriffen hätten und ebenfalls mit jähem Tod geschlagen worden wären, mag noch hingehen. Fügen Sie sogar eine dritte Runde von Verwegenen hinzu, augenblicklich auf diese schreckliche Weise gezüchtigt. Sapristi! es ist schwer zu schlucken, dass die Beth-Semiter sich weiter hätten nähern wollen, über die Leichname hinweggestiegen wären, um in die heilige Schachtel zu schauen, und, mit einem Wort, dass sie den Schädel hart genug gehabt hätten, um hartnäckig darauf zu beharren, sich einer nach dem andern vom Blitz treffen zu lassen, während sie die sofortige Hinrichtung ihrer Vorgänger mit ansahen. So starrköpfig sie auch sein mochten, die Beth-Semiter sind zwangsläufig aufgehalten worden, sobald die Anhäufung der Leichname eine Schranke bildete, und es hat nicht vieler Dutzende bedurft, um diese Schranke unübersteigbar zu machen. Im Gegenteil, sobald an die sechzig entleibt waren, muss eine allgemeine Bewegung nach rückwärts eingetreten sein, ein Zurückweichen vor Grauen. Die vom Text angegebene Zahl ist also stark übertrieben, das ist ganz offensichtlich. Zu siebzig Opfern hat der göttliche Tauber fünfzigtausend hinzugefügt, ganz gewiss.... Aber dann?... Dann haben wir endlich die Herkunftsländer der drei Götter der Dreifaltigkeit!... Gott der Sohn ist Jude, geboren zu Bethlehem; das ist bekannt. Gott der Vater, oder Jehova, der Noah schwor, niemals mehr Menschen umzubringen durch eine Sintflut... von Wasser, und der seinen feierlichen Eid umging, indem er die Sintflut von Feuer ins Werk setzte, Jehova, sage ich, ist Normanne. Was den Tauber betrifft, der ohne Unterlass mutwillig übertreibt — und diesmal ist die Übertreibung, die ins Unmögliche fällt, flagrant —, so ist er aus Tarascon (die Stadt Tartarins, der in Alphonse Daudets Roman von 1872 als Löwenjäger mit Jagden und Reisen prahlt, die er nie gemacht hat: in Frankreich heißt „aus Tarascon sein“ so viel wie maßlos übertreiben), Bouches-du-Rhône (das Departement, in dem Tarascon liegt), beim Blauen! Erwischt, mein alter Tauber!... Mit deiner Geschichte von den [414] Beth-Semitern, die zu Tausenden vom Blitz getroffen und wie die Fliegen getötet wurden, hast du dich als Landsmann unseres lieben Tartarin verraten; und wer weiß, ob du nicht aus seiner eigenen Familie bist?... Hierauf werden wir keinen Leser in Erstaunen setzen, wenn wir nach einem weiteren Bibelvers (1 Samuel 6:21) in Erinnerung rufen, dass die Leute von Beth-Semes, die das Gemetzel überlebt hatten, sich beeilten, die Lade anderswohin zu schicken; der Text sagt: nach Kirjath-Jearim. Der todbringende Kasten blieb dort zwanzig Jahre. Erst am [415] Ende dieser Zeit entschloss sich Papa Lieber Gott, sein Volk einen großen Sieg über die Philister davontragen zu lassen, zwischen Mizpa und Beth-Kar (1 Samuel 7:11). Samuel war noch immer Richter Israels. Dem Gelübde seiner Mutter gemäß ließ er seine Haare mehr denn je wachsen; man fügt hinzu, dass er es verstand, sich durch Wohltaten aller Art bei den Hebräern beliebt zu machen, und dass seine Popularität ungeheuer war. Dann, als der Sohn Hannas sich alt werden sah, ernannte er seine [416] zwei Söhne, Joel und Abia, zu seinen Koadjutoren, um Recht zu sprechen; aber es scheint, dass diese kaum mehr taugten als Hophni und Pinehas. « Und seine Söhne ahmten seine tugendhaften Beispiele nicht nach; denn sie neigten sich zu unehrlichen Gewinnen, sie ließen sich Geschenke geben, um ungerechte Urteile zu fällen ». (1 Samuel 8:3)
197. Zahlreiche Wohltaten Samuels. Merkwürdige Tatsache: Jehova, der die Söhne Elis zu Tode gebracht hatte, holte seinen Blitz nicht hervor, so skandalös die Verderbnis der Söhne Samuels auch war; die Magistratur mit ihren Bestechungsgeldern (fr. „pots-de-vin“, wörtlich „Krüge Wein“; das gewöhnliche französische Wort dafür) ließ ihn also ungerührt und war in seinen Augen ein Sündchen neben den sakrilegischen Gabelstichen in den Kochtopf der Brandopfer. 12. KAPITEL
Man würde sich seltsam täuschen, wenn man sich vorstellte, die Geschichte Samuels gehe in dem Augenblick zu Ende, da die Bibel uns den Propheten als so vom Alter niedergedrückt darstellt, dass er genötigt ist, die hauptsächlichen Obliegenheiten seines theokratischen Regiments auf seine Söhne abzuwälzen; Samuel spielte inmitten der Juden bis zu seinem Tod eine wichtige Rolle, und wir werden ihn sogar nach seinem Tod in eigener Person handeln sehen. Eines schönen Morgens versammelten sich die Häupter des Volkes und kamen zu Samuel, um ihn um einen « melch » zu bitten, das heißt um einen König. Die benachbarten Nationen haben Könige; warum sollten wir keinen haben? so lautete das Thema der Rede der Abgesandten. Der Prophet antwortete, nachdem er Jehova konsultiert hatte, indem er ihnen ein kaum einladendes Tableau vom Königtum entwarf. « Ihr wollt einen König? sprach er zu den Häuptern des Volkes; nun wohl! so wisset, welches der Brauch dieses Königs sein wird, der euch gebieten wird. Er wird eure Söhne nehmen, um seine Fuhrleute aus ihnen zu machen; er wird seine Soldaten aus ihnen machen; er wird Pflüger seiner Äcker aus ihnen machen, Schnitter seines Korns, Schmiede, um ihm Waffen zu fabrizieren; er wird aus euren Töchtern seine Salbenbereiterinnen machen, seine Köchinnen und seine Bäckerinnen; er wird eure besten Äcker nehmen, eure besten Weinberge, eure besten Ölbaumpflanzungen, und wird sie [417] seinen Bedienten geben; er wird Eunuchen haben, denen er den Zehnten eurer Weinlesen und eurer Ernten geben wird; er wird euch sogar eure Knechte und eure Mägde nehmen, und die Auslese eurer jungen Leute, und selbst eure Esel, und wird sie für sich arbeiten lassen. Dann werdet ihr wider euren König schreien; aber der Herr wird nicht auf euch hören, weil ihr es selbst seid, die ihr diesen König verlangt habt. » (1 Samuel 8:11-18) Trotz all seiner Beredsamkeit konnte Samuel das Volk nicht zur Vernunft bringen; gerechterweise muss man sagen, dass seine Anklagerede gegen das Königtum ein wenig zu sehr nach dem Verdruss darüber roch, dass die Israeliten die Beschränkung der priesterlichen Gewalt wünschten. Alles in allem verlangten die naiven Hebräer, von ihren Priestern geschoren, schlichtweg, den Scherer zu wechseln. Nun sagte Jehova zuletzt zu seinem Propheten: « Tu, was sie wünschen; setze einen König über sie. » (v. 22) Wem behielt Gott denn die erste Krone in Israel vor?... « Es war ein Mann vom Stamm Benjamin, mit Namen Kis, überaus kräftig; der hatte einen Sohn, genannt Saul, schön von Gesicht, und der das Volk um das ganze Haupt überragte. » (1 Samuel 9:1-2) Saul war ein Bursche von sehr einfachen Sitten; bei seinem Vater war er der Eselinnenhüter. Er war wohl bisweilen zerstreut; denn der junge Mann machte die Bekanntschaft Samuels durch diese Eselinnen, die entlaufen waren. Der Vater Kis hatte ihn auf die Suche nach ihnen geschickt, in Begleitung eines kleinen Bedienten vom Gehöft. Als sie nun ohne Erfolg die ganze Umgegend durchforscht hatten, äußerte der kleine Bediente, seinerseits nicht dumm, den Gedanken, einen « Seher » zu konsultieren, um herauszufinden, wo die unauffindbaren Eselinnen seien. Saul gab zu bedenken, dass es nötig sei, dem Wahrsager etwas anzubieten, dass er aber leider kein Geschenk bei sich habe. — Das soll Sie nicht beunruhigen, antwortete der junge Domestik; hier ist ein Viertel Sekel, das ich soeben gefunden habe; wir werden es dem Mann Gottes anbieten. Dieses Viertel Sekel war ungefähr acht sous unserer Münze wert. Die Bibel zeigt uns also (1 Samuel 9) Saul und seinen Bedienten, wie sie in einem Dorf ankommen und nach der Wohnung des « Sehers » fragen, der sie ihre Eselinnen wiederfinden lassen wird, wie man fragt, wo der Flickschuster wohnt. Dieser Name « Seher », [418] den man damals denen gab, die man seitdem Propheten genannt hat, diese acht oder neun sous, die man jenem Samuel darreichte, von dem man behauptet, er sei Richter und Fürst des Volkes gewesen, sind den Kritikern zufolge handgreifliche Zeugnisse der groben Stupidität des unbekannten jüdischen Verfassers. Die Mädchen des Dorfes zeigten Saul und seinem Gefährten das Haus des Wahrsagers; diese begaben sich dorthin. « Und Jehova hatte am Tag zuvor Samuel ins Ohr gesprochen und ihm [419] mit diesen Worten das Kommen Sauls offenbart: Morgen um eben diese Stunde will ich dir einen Mann aus dem Stamm Benjamin senden; den sollst du salben, dass er König sei über mein Volk Israel, und er wird mein Volk dem Joch der Philister entreißen, denn ich habe mein Volk angesehen, und sein Schrei ist bis zu mir aufgestiegen. » (1 Samuel 9:15-16) — « Und sobald Samuel Saul angesehen hatte, sprach der Ewige zu ihm: Siehe, das ist der Mann, von dem ich dir gestern gesagt habe; er wird es sein, der über mein Volk herrscht. » (9:17) — Dann, als Saul [420] Samuel gefragt hatte, wo der Wahrsager des Dorfes sei, « antwortete ihm Samuel: Ich selbst bin der Seher; geh mit mir hinauf auf die Höhe, und ihr sollt heute mit mir essen; morgen früh will ich dich gehen lassen, und ich will dir alles sagen, was du auf dem Herzen hast. » (1 Samuel 9:19) Der Seher hatte an diesem Tag Leute zum Diner, dreißig Personen; er setzte Saul auf den Ehrenplatz und ließ ihm von seinem Koch eine Hammelschulter vorsetzen, für ihn ganz allein. (1 Samuel 9:22-24) Um ihm zuerst alle Sorge wegen der verlorenen Eselinnen zu nehmen, hatte er ihm offenbart, dass sie wiedergefunden seien und dass er sie sehen werde, wenn er zu seinem Vater heimkehre. Am nächsten Morgen schließlich, bevor sie sich trennten, rieb Samuel Sauls Kopf mit Öl ein und eröffnete ihm, dass er von da an König sei und außerdem, dass der Geist Gottes in ihn gefahren sei.
198. Samuel bietet Saul die Krone an. Und in Wahrheit war es so: eine vollständige Verwandlung des Sohnes des Kis hatte sich vollzogen, er war nicht mehr derselbe Mann. Kaum ins Vaterhaus zurückgekehrt, stellte er die Heimkehr seiner lieben Eselinnen fest und fing an zu weissagen, als hätte er sein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. (1 Samuel 10:1-16)
199. Der Geist Gottes bemächtigt sich Sauls. Zu jener Zeit war die heilige Lade nach Mizpa überführt worden. In dieser Stadt berief Samuel das israelitische Volk ein; der göttliche Tauber gibt den Zeitpunkt nicht genau an und enthält sich zu sagen, wie die Millionen von Individuen, welche die jüdische Nation bildeten, dort zusammenkommen konnten. « Da nun alles Volk zu Mizpa versammelt war, sprach Samuel zu den Kindern Israel: Ich will euch die Worte wiederholen, die der Ewige mich hat hören lassen: Ich habe Israel aus Ägypten herausgeführt und habe es befreit von allen seinen Bedrückern; aber heute habt ihr euren Gott verworfen und habt zu seinem Propheten gesagt: Gib uns einen König. Nun wohl, jetzt werdet ihr alle vorbeidefilieren, Tausendschaft um Tausendschaft, Stamm um Stamm, vor der Lade, wo der Herr ist. So ließ Samuel alle Stämme Israels herantreten, und das Los fiel auf den Stamm Benjamin. Danach ließ er unter den Familien des Stammes Benjamin losen, und das Los fiel auf die Familie Matri; endlich, in der Familie Matri, fiel das Los auf Saul, den Sohn des Kis. » (1 Samuel 10:18-21) Man wird sich vielleicht wundern, dass Samuel dem Volk nicht schlankweg gesagt hat: Saul ist mir vom Ewigen schon vor einiger Zeit bezeichnet worden, und ich habe ihn bereits mit Öl eingerieben; er ist also euer König. Aber die Operation der Auslosung hatte wohl [421] ihren Nutzen, um niemanden eifersüchtig zu machen. Da Jehova Gebieter über das Los war, war der alte Prophet also ganz sicher, dass Saul der Erwählte sein würde; denn Gott konnte nicht Gefahr laufen, die kürzlich vollzogene Salbung seines Günstlings ungültig zu machen, indem er die Wahl einem von jeder Mogelei reinen Zufall überließ. Wenn man die Weissagungen Jakobs nachschlägt, wird man sehen, dass es der Stamm Juda war, dem das Königtum verheißen worden war. Jehova hatte also diese Weissagung vergessen, als die jüdische Monarchie eingesetzt wurde. Aber es dauerte nicht lange, bis er sich wieder daran erinnerte, und darum werden wir bald die Krone vom Kopf Sauls auf den eines Nachfahren Judas übergehen sehen; auf diese Weise wird das göttliche Vergessen wiedergutgemacht werden, und die Weissagung des Patriarchen wird sich fortan erfüllen. Einstweilen beugte sich das Volk vor dem Ergebnis der Auslosung. In diesem Augenblick nun: völlige Abwesenheit des Erwählten!... Wo ist Saul? was ist aus Saul geworden? das war die Frage, die sich jedermann stellte. Man befragt den Ewigen, um zu erfahren, ob Saul kommen würde. « Und der Ewige ließ seine Stimme hören und sprach: Saul ist zugegen, aber er hat sich unter dem Gepäck versteckt (sic). Da liefen die Juden hin und zogen ihn aus seinem Versteck; er ward in die Versammlung des Volkes geführt; da sah man wohl, dass er größer war als alle anderen, wobei seine Schultern bis an die Höhe ihrer Scheitel reichten. Und Samuel sprach zu allem Volk: Sehet ihr nicht, dass unter euch keiner ist, der dem gleich sei, den der Ewige erwählt hat? Da stieß die ganze Nation Freudenschreie aus, und dieses laute Rufen erscholl: Es lebe der König! » (v. 22-24)
200. Feierliche Königsweihe Sauls. Aus den folgenden Versen scheint hervorzugehen, dass Samuel zunächst der Premierminister des neuen Monarchen war. Er war es nämlich, der das Gesetz des Königreichs schrieb, und sein kostbares Manuskript wurde bei der Lade niedergelegt; aber zwischen Saul und Samuel sollten bald Zwistigkeiten ausbrechen.
202. Saul ernennt Samuel zum Premierminister. Ungefähr ein Monat verging. König Saul, gutmütig und nicht für zwei sous stolz, verkörperte in keiner Weise den grässlichen Typus des Tyrannen, den Samuel wie ein Gespenst geschwenkt hatte, um die Juden von ihrem Wunsch abzubringen, in einer Monarchie zu leben: anstatt sich einen Hofstaat zu schaffen, sich einen Palast bauen zu lassen, sich mit Leibwächtern zu umgeben, war der Sohn des Kis friedlich auf das Gehöft seiner Familie zurückgekehrt und lebte weiter sein [422] ländliches Leben. Unterdessen unternahm es Nahas, der König der Ammoniter, sich der jüdischen Stadt Jabes in Gilead zu bemächtigen. « Er schlug sein Lager bei Jabes auf und belagerte die Stadt; und die Einwohner von Jabes, eingeschüchtert, sprachen zu Nahas: Nimm uns an auf Bedingungen, so wollen wir dir dienen. Nahas antwortete ihnen: Ich will wohl einen Bund mit euch schließen, aber unter einer Bedingung: nämlich dass ich euch zuerst allen das rechte Auge aussteche und danach an ganz Israel dasselbe tue, um eure [423] Nation mit Schmach zu bedecken. Die Ältesten von Jabes erwiderten: Gewähre uns sieben Tage Waffenruhe, damit wir Boten in ganz Israel aussenden; wenn niemand kommt, uns zu befreien, so wollen wir uns dir ergeben. Die Abgesandten kamen also gen Gibea, wo Saul wohnte. » (1 Samuel 11:1-4) « Und siehe, Saul kam von den Feldern zurück, hinter seinen Ochsen her, und da er sah, dass das Volk weinte, fragte er: Warum diese Tränen? Man erzählte ihm, was die Abgesandten von [424] Jabes gesagt hatten. Da ergriff der Geist Gottes Saul, der in großen Zorn geriet; er nahm zwei von seinen Ochsen, zerstückte sie und sandte davon an jeden Stamm, mit dieser Botschaft: Ebenso wird man mit den Ochsen derer verfahren, die nicht in den Krieg kommen werden, das heißt, die Saul und Samuel nicht folgen werden. Und alle machten sich auf; bei der Musterung, die zu Besek abgehalten wurde, waren da dreißigtausend Soldaten von Juda und dreihunderttausend von den anderen Stämmen.
201. Die Israeliten weinen über das Los der Einwohner von Jabes. Dort sprach Saul zu den Abgesandten von Jabes: Ihr sollt morgen befreit werden, wenn die Sonne in der Mitte ihres Laufes angelangt sein wird. Die Abgesandten kehrten zurück, und es war große Freude zu Jabes. Dann sprachen die Belagerten zu den Ammonitern: Wir wollen uns euch ergeben binnen eines Tages, von diesem Augenblick an, und ihr sollt uns alles tun, was ihr wollt. Und gleich am anderen Morgen teilte Saul sein Heer in drei Haufen; er zog gegen die Ammoniter, überrannte sie in ihrem Lager und rottete sie aus bis zum Mittag; und die davon entrannen, wurden so zerstreut, dass ihrer nicht zwei beieinander blieben. » (1 Samuel 11:5-11)
203. Jabes von Saul befreit. « Da sprach das Volk: Man liefere uns die Gefangenen aus, damit wir sie zu Tode bringen! Aber Saul antwortete: Nein, man soll an diesem Tage niemanden zu Tode bringen, weil heute Jehova Israel befreit hat. Und Samuel sprach zum Volk: Lasst uns alle gen Gilgal gehen, und dort wollen wir das Königtum bestätigen. Und alles Volk kam gen Gilgal; man hielt große Feste; man brachte dem Ewigen fröhliche Opfer dar; und Saul und alle Israeliten freuten sich sehr. » (v. 12-15) Die Kritiker sind nicht überrascht, dass Saul ein unscheinbarer König war, der sich selbst den Arbeiten des Ackerbaus hingab und mit seinen Ochsen auf das väterliche Gehöft heimkehrte; aber sie weigern sich zuzugeben, dass er mit einem Mal, in fünf Tagen, ein Heer von dreihundertdreißigtausend Kämpfern ausheben konnte, zur selben Zeit, da der Verfasser die Juden noch in der Abhängigkeit von den Philistern darstellt, während die Bibel sagt, dass das Volk Gottes nicht eine Lanze, nicht ein Schwert hatte und dass ihre Gebieter ihnen nicht einmal ein eisernes Werkzeug erlaubten, um ihre Pflüge, ihre Hacken, ihre Hippen zu schärfen. « Unser Gulliver, schreibt Lord Bolingbroke, hat solche Fabeln, aber nicht solche Widersprüche. » In Kapitel 12 haben wir eine brummige Rede von [425] Samuel, der sich auf das Alter beruft, um seinen Rücktritt zu erklären; das Regiment der Richter ist endgültig beendet. Samuel zieht sich nicht von Herzen gern zurück. Er macht dem Volk gegenüber geltend, dass das Verlangen nach einem König eine grobe Sünde ist, welche die Juden so vielen anderen hinzugefügt haben. Aber schließlich, folgert er, da ihr nun einen König habt, behaltet ihn; er ist übrigens der Gesalbte des Herrn; vor allem verdoppelt eure Frömmigkeit gegen Jehova. Und um den Hebräern zu beweisen, dass Jehova immer noch auf ihn hörte, selbst nach seinem Rückzug aus der Politik, vollführte Samuel auf der Stelle eines jener Wunder, wie man sie nur in der Bibel findet. « Sehet, sprach er zum Volk, sehet dies große Ding, das der Ewige tun wird, auf meine Stimme hin, vor euren Augen. Ist nicht heute die Kornernte? Nun wohl, ich will zum Ewigen schreien, und er wird donnern und regnen lassen, damit ihr wisst und seht, wie groß das Übel ist, das ihr begangen habt, indem ihr einen König verlangtet. Da stieß Samuel einen Schrei zum Ewigen aus, und Jehova ließ an jenem Tage mit Krachen donnern und in Strömen regnen, und alles Volk fürchtete sehr Jehova und Samuel » (1 Samuel 12:16-18). Worauf der alte Prophet davonging, nicht ohne seinen lieben Landsleuten versprochen zu haben, dass er sie in seinen Gebeten niemals vergessen würde, und dabei durchblicken ließ, dass er sich immer noch vorbehielt, sie bei Gelegenheit den guten und rechten Weg zu lehren. Alles in allem glich der Rückzug Samuels sehr einem falschen Abgang (fr. „une fausse sortie“, eine Redewendung: ein nur vorgetäuschtes Fortgehen; im Theater geht der Schauspieler hinaus und kommt sogleich wieder auf die Bühne).
204. Samuel erklärt seinen Rücktritt. « Saul hatte ein Jahr regiert, als diese Dinge geschahen, und er regierte zwei Jahre über Israel. » (1 Samuel 13:1) Hier ereifern sich die Kritiker über den Widerspruch und den Anachronismus, da die Bibel an anderen Stellen sagt, dass Saul vierzig Jahre regierte. (Apostelgeschichte 13:21; manche neueren Fassungen ergänzen 1 Samuel 13:1 so: « Saul war dreißig Jahre alt, als er zu regieren anfing, und er regierte zweiundvierzig Jahre über Israel. ») Wir wissen, dass die Israeliten die üble Laune Samuels scheuten. Sein Rücktritt bestürzte sie. Sie glaubten, am Himmel Zeichen naher Katastrophen zu sehen. Als ihre Feinde von der Lage erfuhren, schickten sie sich an, abermals über sie herzufallen; das war nicht dazu angetan, den Mut der Untertanen Sauls zu heben. Die dreihundertdreißigtausend Mann der jüngsten allgemeinen Aushebung schmolzen wie Butter in der Pfanne. So, « als die Philister sich versammelten, um wider Israel zu streiten, und dreißigtausend Kriegswagen rüsteten, sechstausend Reiter und Soldaten in so großer [426] Zahl, dass ihre Truppen dem Sand glichen, der am Ufer des Meeres ist, und als die Philister kamen und sich zu Michmas lagerten, östlich von Beth-Aven, da ward das Volk Israel bestürzt; die meisten Hebräer, da sie sich in der äußersten Bedrängnis sahen, versteckten sich in den Höhlen, in den Felsen und bis in die Zisternen; die anderen, über den Jordan setzend, suchten Zuflucht im Land Gad und Gilead. » (v. 5-7)
205. Zeichen drohenden Unglücks. Saul befand sich in Gilgal, wo die am wenigsten Erschrockenen sich [427] um ihn scharten. Um sich Jehova geneigt zu machen, hielt der König es für opportun, das Brandopfer darzubringen; Samuel ließ melden, dass er selbst kommen würde, um zu opfern. « Und Saul wartete sieben Tage, gemäß der Frist, die Samuel bestimmt hatte; aber Samuel kam nicht gen Gilgal, und das Volk entfernte sich mehr und mehr von Saul. Da sprach Saul: Man bringe mir das friedliche Brandopfer. Und er brachte das Brandopfer dar. Und kaum war er damit fertig, das Brandopfer darzubringen, da kam Samuel; und als Saul ihm [428] entgegenkam, um ihn zu begrüßen, sprach Samuel zu ihm: Was hast du getan? Saul antwortete ihm: Da ich sah, dass du nicht kamst an dem Tage, den du mir bestimmt hattest, und da die Philister zu Michmas unter Waffen standen, habe ich, von der Not gezwungen, dem Herrn das Brandopfer dargebracht.
206. Saul usurpiert die priesterlichen Funktionen. Samuel sprach zu Saul: Du hast närrisch gehandelt; du hast die Gebote Jehovas nicht gehalten; hättest du das nicht getan, so hätte der Herr deine Regierung über Israel auf immer befestigt; aber nun wird deine Regierung nicht beständig sein: der Ewige hat sich einen Mann gesucht nach seinem Herzen, und diesen hat er ausersehen, über sein Volk zu regieren. Dann ging Samuel von Gilgal fort gen Gibea; und als Saul die Musterung derer abgehalten hatte, die bei ihm waren, fanden sich ihrer etwa sechshundert. » (1 Samuel 13:8-15) Als Heer war das schwach, vor allem, nachdem er dreihundertdreißigtausend Mann befehligt hatte! Unter uns, man kann nicht umhin festzustellen, dass Samuel eine drollige Pistole (fr. „un drôle de pistolet“, eine Argot-Redewendung: ein sonderbarer Kerl; „pistolet“ sagte man von einem wunderlichen Menschen) war. In dieser ganzen Affäre zeigt er einen seltsamen bösen Willen. Die Bibel bezeichnet ihn nirgends als Hohenpriester; der Hohepriester war Ahia, Sohn Ahitobs, welcher ein Bruder Ikabods war, Sohn des Pinehas, Sohn Elis (1 Samuel 14:3). Samuel war nur Priester und Prophet; nun war Saul das ebenso wie er, da er geweissagt hatte, sobald er gesalbt worden war; also beging Saul keinen Irrtum, wenn er sich für berechtigt hielt, das Brandopfer darzubringen. Scheint es außerdem nicht, dass Samuel, dessen vorhergehende Reden sämtlich deutlich beweisen, dass er es nicht verdaute, gezwungen worden zu sein, seine Magistratur niederzulegen, um einen König einzusetzen, scheint es nicht, sage ich, dass Samuel absichtlich sein Wort gebrochen habe, um einen Vorwand zu haben, Saul zu tadeln und ihn dem Volk verhasst zu machen?... Und wenn einer nicht intrigiert hatte, um das Regiment Israels zu bekommen, so war es gewiss der Sohn des Kis, Saul, der Eselinnenhüter! Wie dem auch sei, die Lage war nicht lustig. « Es fanden sich sogar keine Schmiede in allen Landen Israels; denn die Philister hatten es ihnen verboten, aus Angst, die Hebräer könnten ein Schwert oder eine Lanze schmieden; und alle Israeliten mussten zu den Philistern gehen, um ihre Pflugscharen, ihre Pflugmesser, ihre Äxte und ihre Hacken zu schärfen; die Philister erlaubten ihnen, nur Feilen zu haben, um ihre Hacken, ihre Pflugmesser, [429] ihre dreizinkigen Gabeln und ihre Ochsenstecken auszubessern. » (1 Samuel 13:19-21) — « Und als der Tag der Schlacht gekommen war, fand sich keiner von den sechshundert Männern, die bei Saul geblieben waren, der ein Schwert oder eine Hellebarde hatte, ausgenommen allein Saul selbst und sein Sohn Jonathan. » (1 Samuel 13:22) Es ist offensichtlich, dass die Partie unter diesen Umständen ungleich war. Die dreihundertdreißigtausend Kämpfer, die im vorigen Jahr die Ammoniter rings um Jabes überrannt hatten, besaßen offensichtlich ebenso wenig Schwerter oder Hellebarden; aber es kam damals wenig darauf an, dass sie nur mit ihren Gabeln bewaffnet waren, ihre gewaltige Zahl hatte ihnen den Sieg eingetragen. Mit nur sechshundert Soldaten, ohne Schwerter, war das ein anderes Paar Ärmel (fr. „une autre paire de manches“, eine Redewendung: eine ganz andere und viel schwierigere Sache), und man versteht, dass Saul vor den in Michmas gelagerten Philistern eine traurige Figur machte. Glücklicherweise war der junge Jonathan, der Sohn des Königs, ein Boxer ersten Ranges, zugleich ein entschlossener Bursche, der kühne Schläge liebte. Ohne seinem Vater etwas davon zu sagen, nahm er eines Morgens einen Domestiken mit, der seine Waffen trug, und die beiden streiften in der Nähe der Vorposten des philistäischen Heeres umher. So erblickten sie feindliche Soldaten, die sich an einer erhöhten Stelle festgesetzt hatten, welche die Felsen von Bozez und von Sene beherrschte (1 Samuel 14:4). Von ihrer Höhe aus sahen die Philister die beiden Männer; « und sie sprachen: Siehe, die Hebräer, die aus den Höhlen herauskommen, in denen sie sich versteckt hatten. Da redeten die vom Vorposten Jonathan und den Domestiken an, der ihm folgte und seine Waffen trug: Holla! schrien sie ihnen zu, steigt doch zu uns herauf; wir wollen euch unsere Blöße zeigen, und wir wollen uns amüsieren (fr. „notre nudité, et nous nous amuserons“: die Bibel Ostervalds hat „nous vous montrerons quelque chose“, wir wollen euch etwas zeigen, und weiter unten nur „tombèrent devant Jonathan“, fielen vor Jonathan: die Blöße, das Amüsement und die Fäuste des Boxers stammen von Taxil). Jonathan sprach zu seinem Domestiken: Steig mir nach; ich sehe, dass Jehova sie in unsere Hände überantwortet hat. Und Jonathan kletterte mit Füßen und Händen die Felsen hinauf, ebenso sein Domestik, der immer noch seine Waffen trug; und als er bei denen vom Vorposten war, warf sich Jonathan unversehens auf sie und schlug sie mit seinen Fäusten nieder, und wie sie einer nach dem andern fielen, tötete sie sein Domestik, der seine Waffen trug, hinter ihm. So töteten sie zwanzig Mann auf der Hälfte eines arpent (ein altes französisches Feldmaß von einem Drittel bis zu einem halben Hektar, je nach Gegend); und das war die erste Niederlage der Philister. » (1 Samuel 14:11-14)
207. Jonathan fällt unversehens über die Philister her. Währenddessen hatte Saul den [430] Hohenpriester Ahia zu sich gerufen und schickte sich an, einem Opfer beizuwohnen; und mit einem Mal hörte man einen großen Lärm von der Seite der Philister her. « Und siehe: die Philister hatten ihre Schwerter gegeneinander gezogen, und sie töteten einander. Da kamen diejenigen Israeliten, die sich in den Höhlen des Gebirges Ephraim versteckt hatten, daraus hervor, stürzten sich auf die Philister, jagten ihnen nach und holten sie ein, bis nach Beth-Aven. An jenem Tage also befreite Jehova Israel. » (v. 20-23) [431] « Dann, da die Israeliten überaus ermattet waren, tat Saul mit allem Volk diesen Schwur: Verflucht soll sein, wer von jetzt an bis heute Abend gleichviel welche Speise gegessen haben wird; niemand soll essen, bis die Rache die Feinde ereilt hat. Und das Volk kostete keine Speise mehr. Indessen war das Volk damals in einem waldigen Land, und am Saum des Waldes waren Bienenstöcke, deren Honig bis auf die Erde des Feldes floss; aber niemand [432] vom Volk wagte, von diesem Honig zu nehmen und ihn zu seinem Munde zu führen, denn alle achteten den Schwur.
208. Der ausgehungerte Jonathan stößt auf einen Bienenstock. Nun wusste Jonathan nichts von dem Schwur, den sein Vater das Volk hatte schwören lassen; er streckte das Ende seines Stabes aus, und nachdem er es in eine Honigwabe getaucht hatte, führte er davon mit der Hand zu seinem Munde, und siehe, alsbald sahen seine Augen viel klarer. Da sprach ein Mann aus dem Volk zu ihm: Dein Vater hat einen Schwur des Fluches schwören lassen gegen jeden, der heute gleichviel welche Speise zu sich nähme. Jonathan antwortete: Hierin hat mein Vater das Land in Unruhe gestürzt; seht, ich bitte euch, wie mein Blick sich geklärt hat, weil ich ein wenig von diesem Honig gekostet habe. Wenn das Volk, das vor Müdigkeit ermattet ist, heute gut gegessen hätte und wieder zu Kräften gekommen wäre, wäre dann die Niederlage der Philister nicht viel größer gewesen? » (v. 24-30)
209. Jonathan kostet vom Honig. — Das Volk folgte zuletzt dem Rat Jonathans; die Schafe, die Ochsen und die Kälber, die zu der Beute gehörten, die man dem Feind abgenommen hatte, wurden abgeschlachtet, und man trieb Prasserei. Aber das Schlimmste ist, dass die ausgehungerten Juden das Fleisch aßen, ohne die Opfer vorher gründlich ausbluten zu lassen; darin verstießen sie gegen die ausdrücklichsten Vorschriften des mosaischen Gesetzes (v. 31-32). « Ein Bericht von alledem wurde Saul mit diesen Worten erstattet: Das Volk sündigt wider den Ewigen, es isst Fleisch mit dem Blut. Und Saul sprach zum Volk: Ihr habt das Gesetz Gottes übertreten! Nun wohl, wälzt einen großen Stein zu mir her, und ein jeglicher führe mir seinen Stier und seine Schafe zu; wir wollen hier alles abschlachten, indem wir die Tiere ausbluten lassen; und wenn ihr sie so esst, werdet ihr nicht mehr wider den Ewigen sündigen. Und ein jeglicher aus dem Volk führte seinen Stier herbei, an der Hand, in jener Nacht, und all ihr Vieh wurde abgeschlachtet. » (v. 33-34). — Welch eine Hekatombe! — « Da baute Saul dem Ewigen einen Altar. Dann sprach er: Lasst uns den Anbruch des Tages nicht abwarten; lasst uns in die Ebene hinabziehen und in dieser Nacht mit den Philistern ein Ende machen; dass nicht einer von ihnen überlebe! Aber der Opferpriester sprach zu ihm: Triff keine Entscheidung, bevor du Gott konsultiert hast. Saul konsultierte also den Ewigen mit diesen Worten: Soll ich den Philistern nachjagen? wirst du sie in die Hände Israels überantworten an diesem Tage? Und Jehova blieb stumm und gab ihm keine Antwort. » (v. 35-37) Vergebens presste Saul sein Ohr an die heilige Lade (die der Hohepriester Ahia hatte bringen lassen), vergebens hoffte er, [433] die göttliche Stimme zu hören. Jehova beharrte hartnäckig auf seinem Schweigen. Da begriff Saul, dass Papa Lieber Gott nicht zufrieden war. Worüber konnte Meister Jehova wohl böse sein? Der Hohepriester Ahia, Enkel des Pinehas, stach gewiss nicht in den heiligen Kochtopf; denn es konnte ihm nicht unbekannt sein, dass diese gottlose Naschhaftigkeit seinem Großvater einen tragischen Tod eingetragen hatte. Saul fühlte sich persönlich unschuldig an jeder Sünde, und in der Tat hatte er keine begangen, von der die Bibel Kunde gäbe. Jonathan, der in Unkenntnis des Schwurs seines Vaters Honig gegessen hatte, war offensichtlich nicht schuldig; und hatte Jehova übrigens einen so absurden Schwur angenommen? denn Truppen zu verbieten, an einem Tag des Kampfes wieder zu Kräften zu kommen, ist eine verwünschte Unvorsichtigkeit!... Folglich, wenn der Ewige unzufrieden war, so scheint es, dass er es mit dem Volk gewesen sein musste, das sich mit dem Fleisch des philistäischen Viehs vollgestopft hatte, ohne die Tiere zuvor ausbluten zu lassen, entgegen dem Gesetz des Mose, das Gott selbst diktiert hatte. Freilich hatte dieses gefräßige Volk alsbald danach, in derselben Nacht, sein eigenes Vieh verschlungen, wobei es sich dieses Mal an die rituellen Vorschriften hielt. Wenn unsere Juden in diesem Augenblick nicht an einer Magenverstimmung litten, so lag es daran, dass sie einen soliden Magen hatten! Kurz, da Jehova sich weigerte zu antworten, musste man zuerst herausfinden, wer ihm gegenüber schuldig war. « Da sprach Saul zu ganz Israel: Stellt euch alle auf die eine Seite; und ich und mein Sohn Jonathan, wir wollen uns auf die andere Seite stellen. Das Volk antwortete Saul: Tu, wie es dir gut dünkt. Und Saul sprach zu dem Ewigen: Tu wenigstens kund, wer schuldig ist. Man loste vor der Lade, und das Los fiel auf Jonathan und Saul, und das Volk entrann. Dann sprach Saul wieder: Jetzt werfe man das Los zwischen mir und meinem Sohn. Und das Los bezeichnete Jonathan. Da sprach Saul zu seinem Sohn: Sage mir an, was du getan hast. Jonathan sagte es ihm an: Es ist wahr, ich habe ein wenig Honig gekostet, den ich mit dem Ende meines Stabes genommen habe; nun wohl, es sei, ich bin bereit zu sterben. Und Saul rief aus: Gott strafe mich schwer, wenn du nicht heute stirbst, Jonathan!...
210. Saul verurteilt seinen Sohn zum Tode. Aber das Volk flehte Saul an und sprach zu ihm: Was! Jonathan sollte sterben, er, der Israel durch seinen so wunderbaren Mut befreit hat? Das kann nicht sein. Gott, der lebendig ist, wird nicht zulassen, dass ein einziges Haar von seinem Kopf falle; denn [434] durch den Schutz Gottes hat Jonathan seine große Heldentat vollbracht. Also rettete das Volk Jonathan vom Tod. » (1 Samuel 14:40-45)
211. Saul verzeiht. Die Fortsetzung der Geschichte teilt uns mit, dass die Philister in ihr Land zurückkehrten, nachdem Saul darauf verzichtet hatte, ihnen nachzujagen; aber das war nur eine aufgeschobene Partie. Während eines Zeitraums, dessen Dauer uns der heilige Verfasser nicht angibt, war die Regierung des Sohnes des Kis recht glorreich. « Saul regierte also über Israel, und auf allen Seiten führte er mit Erfolg Krieg wider seine [435] Feinde, wider die Moabiter, die Ammoniter, die Idumäer, wider die Könige von Zoba (ein aramäisches Königreich nördlich von Israel) und wider die Philister; überall, wohin er seine Waffen trug, hatte er den Sieg. Er hob auch ein großes Heer aus, mit welchem er die Amalekiter schlug, und er befreite Israel aus der Hand derer, die es plünderten. » (v. 47-48) Das unerschöpfliche Kapitel 14 macht uns endlich mit den wichtigsten Mitgliedern der Familie Sauls bekannt. Sein Großvater, namens Abiel, hatte zwei Söhne gehabt: den schon genannten Kis und Ner, welcher [436] Abner zeugte; dieser Abner, leiblicher Cousin des Königs, war der Obergeneral des israelitischen Heeres. Die Königin hieß Ahinoam und war die Tochter eines gewissen Ahimaaz. Abgesehen von Jonathan hatte Saul zwei Söhne, Iswi und Malchisua, und zwei Töchter, Merab, die Ältere, und Michal oder Michol, die Jüngere; er hatte noch zwei weitere Jungen, Abinadab und Isboseth. Aber siehe da, der alte Samuel tritt für einige Augenblicke wieder auf; er war es, der den Amalekitern den Krieg erklären ließ, obgleich diese sich ganz ruhig verhielten. « Samuel kam zu Saul und sprach zu ihm: Der Ewige ist es, der mich gesandt hat, dich zu salben; nun, da du König über Israel bist nach dem Willen Jehovas, so höre, was Jehova dir durch meinen Mund befiehlt, denn ich wiederhole dir eben die Worte, die der Ewige zu mir gesagt hat: Ich habe mir soeben ins Gedächtnis zurückgerufen, dass Amalek mein Volk nicht über sein Gebiet ziehen ließ, als es aus Ägypten kam; man muss also jetzt alle Amalekiter töten; man verschone niemand; begehrt nichts von dem, was diese Nation besitzt, sondern zerstört alles; tötet alles, die Weiber so gut wie die Männer, die großen Jungen und die kleinen Kinder, die noch an der Brust sind; und tötet auch ihre Ochsen, ihre Schafe, ihre Kamele und ihre Esel. » (1 Samuel 15:1-3) Die Kritiker, selbst die gemäßigtsten, sprechen von dieser Stelle der Bibel nur mit Abscheu. Was! ruft vor allem Lord Bolingbroke aus, den Schöpfer des Weltalls in einen unbekannten Winkel dieses elenden Erdballs herabsteigen lassen, um einigen Juden zu sagen: Apropos, ich erinnere mich mit einem Mal, dass euch vor ungefähr fünfhundert Jahren (sic: der Text Voltaires, den Taxil hier übernimmt, hat ungefähr vierhundert Jahre, was zur Zeitrechnung der Bibel passt; das Argument bleibt bestehen) ein kleines Volk den Durchzug verweigert hat! Wohlan, ihr habt einen schrecklichen Krieg mit euren Gebietern, den Philistern, gegen die ihr euch empört habt; nun wohl, lasst diesen lästigen Krieg liegen und macht euch auf gegen dieses kleine Volk, das einst nicht wollte, dass eure Vorfahren kämen, um bei ihm alles zu verwüsten. Metzelt Männer, Frauen, Kinder und Greise nieder! schlachtet Ochsen, Kühe, Ziegen, Kamele, Esel ab; denn da ihr mit dem mächtigen Volk der Philister im Krieg seid, ist es gut, dass ihr weder Ochsen noch Hammel zu essen habt, noch Esel, um euer Gepäck und eure Lebensmittel für den Feldzug zu tragen!... « Saul also versammelte sein Volk, das durch die Ausrufer einberufen ward; die Heerschau ward zu Telaim gehalten, und es fand sich, dass der [437] Stamm Juda zehntausend Mann gestellt hatte, die bereit waren zu kämpfen; das von den anderen Stämmen gestellte Kontingent betrug zweihunderttausend Mann Fußvolk. » (v. 4) Recht so! wir sind nicht mehr bei den sechshundert Troupiers des Lagers von Gilgal, obgleich man sich fragen kann, was aus den hundertzwanzigtausend anderen Soldaten geworden war, welche die ersten Schlachten der Regierung Sauls geliefert hatten. Vor kaum einem Jahr zählte das israelitische Heer dreihundertdreißigtausend Helden, die gekommen waren, die Ammoniter zu bekämpfen, ohne ein einziges Schwert, eine einzige Lanze zu haben, und Saul bleiben davon nur noch zweihundertzehntausend!... Wo ist der Rest hingekommen?... Ah! Tauber, göttlicher Tauber, wie sehr du doch aus Tarascon-sur-Rhône bist, mein Guter!... Der Sieg des jüdischen Heeres war glänzend; die Amalekiter wurden auf flache Naht geschlagen (fr. „battus à plate couture“, eine Redewendung: vernichtend geschlagen; das Bild kommt von der Naht, die der Schneider umlegt und flach klopft), von Hevila bis Sur: Saul machte Gefangene in staunenswerter Zahl, und die Israeliten metzelten ihre Gefangenen ohne jedes Mitleid nieder.
212. Saul bringt die Amalekiter als Gefangene zurück. Doch verschonte Saul den König Agag, wobei er wohl befand, er müsse einem Individuum vom selben Dienstgrad wie er Kameradschaft erweisen.
213. Der König Agag wird verschont. Diese Milde verstimmte den Vater Zebaoth. Er erschien Samuel und sagte zu ihm: « Es reut mich, dass ich Saul zum König eingesetzt habe; denn er hat sich von mir abgewandt, indem er meine Befehle nicht vollständig ausführte. Da empfand Samuel einen großen Schmerz, und er brachte diese ganze Nacht damit zu, zum Himmel zu schreien. » (1 Samuel 15:10-11)
214. Verzweiflung Samuels. Welches waren die Folgen dieser göttlichen Erscheinung und dieser Nacht des Geheuls?... Dieses Kapitel der Bibel hat Voltaire in seinem Drama Saul auf eindrucksvolle Weise dargestellt. Die Szene spielt in Gilgal, und die Handlung beginnt mit einem Zwiegespräch zwischen dem jüdischen König und Baza, seinem Vertrauten. Baza. — O großer Saul! o mächtigster der Könige, Sie, der Sie über die drei Seen regieren, in einem Raum von mehr als fünfhundert Stadien, Sie, Sieger über den edelmütigen Agag, König von Amalek, dessen Hauptleute auf den mächtigsten Eseln beritten waren, ebenso wie die fünfzig Söhne Amaleks; Sie, den Adonai zugleich über Dagon und über Beelzebub triumphieren ließ; Sie, der Sie ohne Zweifel die ganze Erde unter Ihre Gesetze bringen werden, wie Gott es so oft verheißen hat, welcher Kummer könnte Sie inmitten so edler Triumphe und so großer Hoffnungen verstören? Saul. — O mein lieber Baza! tausendmal glücklich, wer in Frieden die blökenden Herden Benjamins führt und [438] die süße Traube des Tales Engedi keltert!... Ach! ich suchte die Eselinnen meines Vaters, ich fand ein Königreich; seit diesem Tag habe ich nichts als Traurigkeit gekannt... Wollte Gott, ich hätte im Gegenteil ein Königreich gesucht und Eselinnen gefunden! ich hätte einen besseren Handel gemacht... Samuel, wie du weißt, salbte mich wider seinen Willen; er tat, was er konnte, um das Volk daran zu hindern, einen Fürsten zu erwählen, und sobald ich gewählt war, wurde er der grausamste von allen meinen Feinden... [439] Baza. — Darauf mussten Sie doch gefasst sein; er war Priester, und Sie waren Krieger; er regierte vor Ihnen: man hasst immer seinen Nachfolger. Saul. — Eh! konnte er hoffen, noch länger zu regieren? Er hatte seine unwürdigen Kinder an seiner Gewalt beteiligt, die, gleichermaßen korrupt und korrumpierend, öffentlich die Gerechtigkeit verkauften: die ganze Nation erhob sich gegen diese priesterliche Gewalt. Man loste einen König aus: die heiligen Würfel verkündeten den Willen [440] des Himmels; das Volk ratifizierte ihn, und Samuel erbebte. Es ist nicht genug, in mir einen vom Himmel erwählten Fürsten zu hassen, er hasst auch noch den Propheten; denn er weiß, dass ich wie er den Namen eines Sehers trage, dass ich wie er geweissagt habe; und dieses neue Sprichwort, das in Israel verbreitet ist, Saul ist auch unter den Propheten, beleidigt nur allzu sehr seine hochmütigen Ohren. Man achtet ihn noch; zu meinem Unglück ist er Priester, er ist gefährlich. Baza. — Eure Königliche Hoheit ist durch Ihre Siege zu gut gefestigt, und der König Agag, Ihr illustrer Gefangener, ist Ihnen hier ein sicherer Bürge für die Treue Ihres Volkes, das von Ihrem Sieg und von Ihrer Milde gleichermaßen entzückt ist... Siehe da, man führt ihn vor Eure Königliche Hoheit. Auftritt Agags, umgeben von Soldaten. Agag. — Sanfter und mächtiger Sieger, Vorbild der Fürsten, der Sie zu siegen und zu verzeihen wissen, ich werfe mich zu Ihren heiligen Knien nieder; geruhen Sie, selbst zu befehlen, was ich als mein Lösegeld geben soll; ich werde fortan ein Nachbar sein, ein treuer Verbündeter, ein unterworfener Vasall; ich sehe in Ihnen nur noch einen Wohltäter und einen Gebieter: ich werde in Ihnen das Bild des Gottes bewundern und lieben, der straft und verzeiht. Saul. — Illustrer Fürst, den das Unglück noch größer macht, ich habe nur meine Pflicht getan, indem ich Ihr Leben rettete: die Könige müssen ihresgleichen achten; wer sich nach dem Sieg rächt, ist unwürdig zu siegen; ich lege Ihrer Person kein Lösegeld auf, sie ist von unschätzbarem Wert. Seien Sie frei; die Tribute, die Sie Israel zahlen werden, werden weniger Zeichen der Unterwerfung als der Freundschaft sein: so müssen die Könige miteinander verhandeln. Agag. — O Tugend! o Größe des Mutes! wie mächtig bist du über mein Herz! Ich werde leben, ich werde sterben als Untertan des großen Saul, und alle meine Staaten gehören ihm. Samuel kommt hinzu, begleitet von Priestern. Saul. — Samuel, welche Nachrichten bringen Sie mir? Kommen Sie im Auftrag Gottes, in dem des Volkes oder in Ihrem eigenen? SAMUEL. — Im Auftrag Gottes. Saul. — Was befiehlt er? Samuel. — Er befiehlt mir, Ihnen zu sagen, dass es ihn gereut hat, Sie regieren zu lassen. [441] Saul. — Gott, und Reue!... Nur diejenigen reut es, die Verfehlungen begehen. Gott kann keine Verfehlungen begehen. Samuel. — Es kann ihn reuen, diejenigen auf den Thron gesetzt zu haben, die solche begehen. Saul. — Eh! welcher Mensch begeht keine?... Sprechen Sie, wessen bin ich schuldig? Samuel. — Einem König verziehen zu haben. Agag. — Wie! die schönste der Tugenden würde bei euch als ein Verbrechen angesehen? Samuel, zu Agag. — Schweig, lästere nicht. (Zu Saul:) Saul, vormals König der Juden, hatte Gott Ihnen nicht durch meinen Mund befohlen, alle Amalekiter abzuschlachten und weder die Frauen noch die Mädchen noch die Kinder an der Brust zu verschonen? Agag. — Dein Gott hatte dir das befohlen!... Du hast dich geirrt, du wolltest sagen: dein Teufel. Samuel, zu seinen Priestern. — Macht euch bereit, mir zu gehorchen... Und Sie, Saul, haben Sie Gott gehorcht? Saul. — Ich habe nicht geglaubt, dass ein solcher Befehl unbedingt sei; ich habe gedacht, dass die Güte das erste Attribut des Höchsten Wesens sei; dass ein mitleidiges Herz ihm nicht missfallen könne. Samuel. — Sie haben sich geirrt, treuloser Mensch: Gott verwirft Sie, Ihr Zepter wird in andere Hände übergehen. Baza, zu Saul. — Welche Insolenz!... Sire, erlauben Sie mir, diesen barbarischen Priester zu strafen. Saul. — Hüten Sie sich wohl davor; sehen Sie nicht, dass ihm das ganze Volk folgt, und dass wir gesteinigt würden, wenn ich Widerstand leistete, denn in der Tat hatte ich versprochen... Baza. — Sie hatten eine abscheuliche Sache versprochen! Saul. — Gleichviel; die Juden sind noch abscheulicher; sie werden Samuel gegen mich verteidigen. Baza, beiseite. — Ah! unglücklicher Fürst, du hast Mut nur an der Spitze der Heere. Saul. — Nun wohl denn! Priester, was muss ich tun? Samuel. — Ich werde dir zeigen, wie man dem Herrn gehorcht... (Zu seinen Priestern:) O heilige Priester, Kinder Levis, entfaltet hier euren Eifer: man bringe einen Tisch; man strecke auf diesem Tisch diesen König aus, dessen Vorhaut ein Verbrechen ist vor dem Herrn... [442] Die Priester bemächtigen sich Agags und binden ihn auf dem Tisch fest. Agag. — Was wollt ihr von mir, erbarmungslose Ungeheuer? Saul. — Erlauchter Samuel, im Namen des Herrn... Samuel. — Rufen Sie ihn nicht an, Sie sind dessen unwürdig, bleiben Sie hier, er befiehlt es Ihnen; seien Sie Zeuge des Opfers, das vielleicht Ihr Verbrechen sühnen wird. Agag, zu Samuel. — So werden Sie mir also den Tod geben?... O Tod, wie bitter bist du! [443] Samuel. — Ja, du bist fett (Voltaire nimmt das Fett aus der Vulgata, in der Agag „pinguissimus et tremens“ vortritt, sehr fett und zitternd, 1 Samuel 15:32; die Bibel Ostervalds hat „Agag vint à lui gaiement“, Agag kam fröhlich zu ihm; und nach Levitikus 3:16 „gehört alles Fett dem Ewigen“)! und dein Brandopfer wird dem Herrn umso angenehmer sein. Agag. — Ach! Saul, wie beklage ich dich, solchen Ungeheuern unterworfen zu sein! Samuel, zu Agag. — Höre, du wirst sterben: willst du Jude sein? willst du dich beschneiden lassen? Agag. — Und wenn ich schwach genug wäre, deiner Religion anzugehören, würdest du mir das Leben schenken? [444] Samuel. — Nein; du wirst die Befriedigung haben, als Jude zu sterben, und das ist genug. Agag. — So schlagt doch zu, Henker! Samuel. — Gebt mir diese Axt, im Namen des Herrn; und während ich einen Arm abhacke, hackt ein Bein ab, und so fort Stück für Stück, Die Priester schlagen alle zusammen zu, mit Samuel, im Namen Adonais. Agag. — O Tod! o Qualen! o Barbaren! Saul. — Muss ich Zeuge eines so grässlichen Gräuels sein! Baza. — Gott wird Sie dafür strafen, dass Sie ihn geduldet haben. Samuel, zu den Priestern. — Tragt diesen Leib und diesen Tisch fort; man verbrenne die Überreste dieses Ungläubigen, und sein Fleisch diene dazu, unsere Diener zu nähren... (Zu Saul:) Und Sie, Fürst, lernen Sie auf immer, dass Gehorsam noch besser ist denn Opfer. Saul, sich in einen Sessel werfend. — Ich sterbe; ich werde so viele Scheußlichkeiten und so viel Schande nicht überleben können. Man hätte unrecht, an eine Übertreibung in dieser Inszenierung zu glauben. Das Kapitel 15 des 1. Buches Samuel stellt nämlich die Abschlachtung Agags dar, der auf die barbarischste Weise niedergemetzelt wurde, mit einer Grausamkeit, für die es wenige Beispiele gibt, wobei der Prophet selbst zu den Henkern zählte und der Marter vorstand.
215. Samuel haut den König Agag in Stücke. Außerdem erklärte Samuel Saul, dass er von diesem Augenblick an abgesetzt sei, dass Jehova ihn verstoßen habe. « Und als Samuel sich umwandte, um wegzugehen, fasste ihn Saul, der ihn zurückhalten wollte, beim Zipfel seines Mantels, der zerriss. Da sprach der Prophet zu dem König: Gleichwie du meinen Mantel zerrissen hast, also wird dein Königreich zerrissen werden. » (1 Samuel 15:27-28).
216. Samuel erklärt Saul für abgesetzt. Dann begab sich Samuel, ohne Zeit zu verlieren, nach Bethlehem. Dort ließ er einen Herrn Isai, einen Nachfahren des Boas, und dessen ganze Familie vor sich erscheinen. Nach einer allgemeinen Reinigung, der ein Opfer folgte, sagte Samuel zu Isai: « Sind das alle deine Kinder? Isai antwortete ihm: Es ist noch ein ganz Kleiner übrig, der die Schafe hütet. Lass ihn kommen, versetzte Samuel; denn wir werden uns nicht zu Tisch setzen, bevor er hier zugegen ist. Man brachte also den Knaben; dieser war rothaarig (fr. „roux“, nach dem „rufus“ der Vulgata; die Bibel Ostervalds hat „blond“, Luther „bräunlich“) und von hübschem Antlitz. Und Jehova sprach zu Samuel: Das ist so recht der, den du [445] salben sollst. Da nahm Samuel ein Horn voll Öl, das er mitgebracht hatte, und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Von da an blies der Odem des Herrn auf David und blies nicht mehr auf Saul; überdies sandte Jehova Saul einen bösen Geist, und Saul hatte ein verstörtes Gehirn. » (1 Samuel 16:11-14)
217. David wird als Kind von Samuel gekrönt. Die Kritiker heben als etwas Erstaunliches hervor, dass Gott bei Davids Vater selbst zu Samuel gesprochen habe, vor dem ganzen Haus, ohne dass der heilige Verfasser explizit sagt, ob es eine Erscheinung gab oder nicht. Die Meinung der Theologen ist, dass Jehova innerlich zu seinem Propheten sprach; aber wie konnten dann die Anwesenden erraten, dass er eine besondere und göttliche Sendung hatte? Alle Juden, sagt Voltaire, mussten wissen, dass Saul regierte, da Samuel Öl auf seinen Kopf gegossen hatte. Als er nun mit David ebenso verfuhr, mussten sein Vater, seine Mutter, seine Brüder und die Anwesenden merken, dass er einen neuen König einsetzte, und dass er dadurch die ganze Familie der Rache Sauls aussetzte; darin liegt eine gewisse Schwierigkeit. Boulanger sagt, es habe nie eine Szene des italienischen Theaters (die Comédie-Italienne in Paris, ein Possentheater nach Art der Commedia dell’arte) gegeben, die komischer gewesen wäre als die eines Dorfpriesters, der mit einer Flasche Öl in der Tasche zu einem Bauern kommt, um einen kleinen rotköpfigen Jungen zu salben und so eine Revolution im Staat zu machen; dieser Kritiker fügt hinzu, dass dieser Staat und dieser kleine rotköpfige Junge keinen anderen Geschichtsschreiber verdienten. « Nun sprachen die Amtleute Sauls zu ihm: Du siehst, dass ein böser Odem Gottes dich verstört; wenn es dir gefällt, so werden deine Knechte einen Harfenspieler suchen gehen, damit, wenn der böse Odem Gottes dich am meisten verstört, dieser Musiker dir Erleichterung verschaffe, indem er mit seiner Hand die Harfe rührt. Saul sprach also zu seinen Knechten: Geht und sucht mir jemand, der gut zu harfen weiß. Aber einer der Knechte sprach zu ihm: Es ist zu Bethlehem einer der Söhne eines Mannes namens Isai, den ich gesehen habe und der die Harfe spielt als ein wahrer Künstler; es ist ein kräftiger junger Mann, ein tapferer Krieger, der sich mit Beredsamkeit ausdrückt, und ein überaus hübscher Bursche; außerdem ist Gott mit ihm. Da sandte Saul Boten zu Isai, um ihm zu sagen: Sende mir deinen Sohn David, den, der deine Schafe hütet. Isai nahm alsbald einen Esel, den er mit Brot und einem Fässchen Wein belud, und ein Böcklein, und er ließ diese Geschenke durch David Saul überreichen. Und als David sich [446] vorstellte, verspürte Saul eine große Zuneigung zu ihm, und er ernannte ihn zu seinem Schildknappen; und er ließ Isai sagen: Ich bitte dich, David in meinem Dienst zu lassen; denn er gefällt mir sehr. Wenn nun der böse Odem Gottes Saul verstörte, nahm David eine Harfe und spielte darauf, und Saul ward dadurch erleichtert, und der böse Odem hörte auf zu blasen. » (v. 15-23)
218. David spielt die Harfe, um Saul zu zerstreuen. Welch ein Mischmasch, diese Geschichte!... David, aus dem der heilige Verfasser einen einfachen Viehhirten macht, ist gleichzeitig ein Harfenist von Talent, [447] einer der hervorragendsten; wenn er sich wenigstens, als er die Schafe auf die Weide führte, damit begnügt hätte, die Flöte zu spielen! aber nein, es ist die enorme und sperrige Harfe, die er mit sich herumschleppt, quer durch die dürren Berge Judäas. Ferner gibt man uns David als ganz jung aus; wie kann man dann diesen kleinen Jungen als tapferen Krieger bezeichnen?... Eine andere Bemerkung: weiß denn der Amtmann Sauls, der über David so gut unterrichtet ist, nicht, dass der Jüngling von Samuel gesalbt worden ist und [448] dass er folglich ein gefährlicher Mitbewerber ist?... Und wie lächerlich sind doch diese Geschenke Isais an das Staatsoberhaupt! Brot, ein Fässchen Wein und ein Böcklein, das bietet man einem Souverän dar, um seine Gunst zu gewinnen!... Was soll man schließlich von Jehova sagen, der seine Zeit damit verbringt, Saul Nervenanfälle zu verabreichen und ihn mit der Musik seines Nebenbuhlers vorübergehend davon zu heilen? Das alles ist von einer unsinnigen Groteskheit!... « Indessen versammelten die Philister alle ihre Heere, um Israel einen großen Kampf zu liefern; sie schlugen ihr Lager zwischen Socho und Aseka auf, an der Grenze von Dammim. Saul und die Juden sammelten sich auch, und sie lagerten sich im Tal der Eiche (fr. „vallée du Chêne“, die Lesart der Bibel Ostervalds, wie Luthers „Eichgrund“; neuere Übersetzungen sagen „Tal Ela“ oder „Terebinthental“, nach dem hebräischen Namen der Terebinthe). Die Philister waren auf einem Berge, und die Israeliten waren auf einem andern Berge, gegenüber. Und es begab sich, dass ein Bastard (fr. „bâtard“, nach dem „vir spurius“ der Vulgata, der lateinischen Bibel; der hebräische Text sagt „Vorkämpfer“, Luther „ein Riese“) aus dem philistäischen Lager hervortrat und kam und sich zwischen die beiden Heere stellte; er hieß Goliath; er war von Gath, und er war sechs Ellen und eine Handbreit hoch (etwas mehr als vier Meter!); ein eherner Helm schützte seinen Kopf, und sein Panzer, aus Schuppen gemacht, den er auf der Brust hatte, wog für sich allein fünftausend Sekel Erz (sechzig Kilogramm); er hatte auch eherne Stiefel, und ein großer eherner Schild bedeckte seine Schultern; der Schaft seiner Lanze war so voluminös wie ein Weberbaum; das Eisen dieser Lanze wog sechshundert Sekel Eisen (zehn Kilogramm). Dieser Riese kam und schrie vor den Phalangen Israels: Erwählt doch einen unter euch, dass er wider mich kämpfe; tötet er mich, so werden wir eure Sklaven sein; töte aber ich ihn, so seid ihr es, die unsere Sklaven sein werden. Und dieser Philister rühmte sich so jeden Tag, Israel entehrt zu haben, und alle Juden, welche die Stimme dieses philistäischen Riesen gehört hatten, der ihnen Trotz bot, waren fassungslos und zitterten vor Angst. » (1 Samuel 17:1-11) Dieser Riese Goliath, der mehr als vier Meter hoch war, braucht nach den anderen Riesen, die wir in der Genesis gesehen haben, nicht außergewöhnlich zu erscheinen. Freilich sehen wir heute keine Menschen von dieser Größe mehr; ja, die Konstitution des menschlichen Körpers ist sogar derart, dass diese übermäßige Höhe, indem sie alle Proportionen in Unordnung brächte, diesen Riesen sehr schwach und unfähig machen würde, sich aufrecht zu halten. — Man muss Goliath als ein Wunderwerk betrachten, das Gott erweckte, um den Ruhm Davids zu bekunden, sagt Voltaire ironisch. [449] « Nun war David der Sohn jenes Ephrathiters von Bethlehem, von dem geredet worden ist, welcher Isai hieß und sehr alt war, mit acht Kindern. Die drei ältesten Söhne, Eliab, Abinadab und Samma, hatten sich in das Heer Sauls eingereiht, um in diesem Kriege zu kämpfen; David aber, welcher der jüngste war, ging von Saul weg und kam wieder, um die Schafe seines Vaters auf die Weide zu führen, zu Bethlehem. » (v. 12-15) — Absonderlich, dieser David, den der König zu seinem Schildknappen gemacht hat und der mitten im Krieg von Zeit zu Zeit seinen Dienst verlässt, um Herden hüten zu gehen! — « Und der philistäische Riese erneuerte morgens und abends seine Herausforderungen an die jüdischen Soldaten, und er blieb vierzig Tage lang dort stehen. Da sprach Isai zu David, seinem Sohn: Hier, nimm ein litron (ein altes französisches Hohlmaß für trockene Waren, etwa vier Fünftel Liter) Gerstenmehl und zehn Brote und lauf zu deinen Brüdern ins Lager; bring auch zehn Käse ihrem Hauptmann, besuche deine Brüder und sieh ein wenig, wie sie sich halten. Nun waren Saul und seine Truppen noch immer im Tal der Eiche. David also brach eines Tages in der Frühe auf, nachdem er seine Schafe der Hut eines andern überlassen hatte; er ging ganz beladen fort, wie sein Vater ihm gesagt hatte, und kam bis an die Stätte namens Magala, wohin das Heer vorgerückt war, um die Schlacht zu verlangen, und das schon nach der Schlacht schrie; denn die Israeliten und die Philister standen einander gegenüber. Darum lief David, nachdem er alles, was er gebracht hatte, beim Gepäck gelassen hatte, an die Stätte, wo die Israeliten und ihre Feinde, einander gegenüber, in Schlachtordnung aufgestellt waren, und seine erste Sorge war, zu fragen, wie seine Brüder sich hielten. Während er redete, siehe, da trat der Bastard Goliath aus den philistäischen Reihen hervor und kam, seine Großsprechereien von neuem anzufangen; was unverzüglich alle Juden den Rücken kehren ließ, die vor Angst zitternd zurückwichen. » (1 Samuel 17:16-24) « Da fing ein Mann von Israel an zu sagen: Seht ihr diesen Philister, der da kommt, unsere ganze Nation zu höhnen? Findet sich jemand, der ihn töten kann, den wird der König mit ungeheuren Reichtümern bereichern und ihm seine Tochter geben, und seine Familie soll von aller Steuer in Israel frei sein. David seinerseits fragte um sich her, indem er sich an die einen und an die andern wandte: Was wird man dem geben, der diesen großen unbeschnittenen Schelm tötet? Das Volk wiederholte ihm, was eben gesagt worden ist. » (v. 25-27) — Nach diesem Text scheint David kaum aus Liebe zu seinem Vaterland kämpfen zu wollen, [450] sondern vielmehr aus Hoffnung auf Gewinn. — « Als aber Eliab, sein ältester Bruder, die Reden erfuhr, die David führte, brauste er heftig gegen ihn auf: Warum bist du hierhergekommen? sprach er; wir haben nur wenige Schafe auf dem Felde, und du hast sie verlassen! David aber antwortete: Was habe ich Böses getan? Ist das ein Grund, sich zu erbosen? Und nachdem er sich entfernt hatte, ging er zu andern, stellte ihnen dieselbe Frage und erhielt dieselbe Antwort. » (v. 28-30) « Die Worte Davids wurden dem König hinterbracht, der ihn kommen ließ. [451] Und David sprach zu Saul: Niemandes Herz sei verstört um Goliaths willen; denn ich will hingehen, ich, dein Knecht, und ich will mit diesem Philister kämpfen. Saul aber redete also zu ihm: Du vermagst nicht mit diesem schrecklichen Feind zu ringen, da du nur ein Kind bist und er hingegen ein Kriegsmann ist, von seiner Jugend an. David antwortete dem König: Vor einiger Zeit, da ich die Schafe meines Vaters weidete, kamen ein Löwe und ein Bär daher, und sie trugen ein Schaf aus der Herde davon; ich aber [452] lief ihnen nach, ich schlug sie mit verdoppelten Schlägen, und ich riss das Schaf aus ihrem Maul; und als sie sich beide gegen mich aufrichteten, ergriff ich sie mit jeder Hand, den einen und den andern, beim Kinnbacken, und ich schlug sie noch stärker, so dass ich sie tötete. So hat denn dein Knecht einen Löwen und einen Bären getötet; und dieser Philister, dessen Vorhaut nicht abgeschnitten worden ist, soll behandelt werden wie diese Tiere, denn er hat das Heer des lebendigen Gottes gehöhnt. David sprach weiter: Jehova, der mich befreit hat aus der Klaue des Löwen und aus der Tatze des Bären, wird mich befreien aus der Hand dieses Unbeschnittenen. Da sprach Saul zu David: Geh hin, und Jehova sei mit dir! » (1 Samuel 17:31-37) Wie man sieht, war König Saul verblüfft gewesen, und an seiner Stelle wäre man es schon bei weniger gewesen; denn die Erzählung des Kleinen war verblüffend. Stellen Sie sich einen Augenblick vor, dass Sie Zuschauer dieses Abenteuers sind: der Löwe und der Bär, die sich zugleich auf ein und dasselbe Schaf aus der Herde des Vaters Isai stürzen, während es für sie bequemer gewesen wäre, jeder eines zu nehmen; die beiden wilden Tiere, die sich mit ihrer Beute entfernen, die sie zu verschlingen im Begriff sind, wobei der Löwe sie beim Kopf hält und der Bär bei der Hinterhand; daraufhin der kleine Schäfer, der den schrecklichen Entführern nachstürzt, ihnen das Schaf streitig macht, mit Faust und Fuß zuhaut und sie beim Kinnbacken ergreift! Welch ein Tableau!... Finden Sie doch ähnliche Heldentaten anderswo als in der Bibel; ich fordere Sie getrost dazu heraus. O Tartarin, da ist dein Meister: der junge David! Durch die Geschichte Simsons hatten wir erfahren, dass der Löwe in Palästina anzutreffen war. Das war schon eine Überraschung für den Leser. Aber mit David finden wir den Löwen und den Bären beisammen!... Die Naturforscher versichern, dass es da, wo der Löwe lebt, keine Bären gibt, und umgekehrt. Verflixt seien die Naturforscher! Da ist ihre Wissenschaft im Irrtum. O göttlicher Tauber, es bleibt dir nur noch übrig, uns mit dem Bären des Äquators und dem Löwen des Nordpols bekannt zu machen! « Da ließ Saul David mit seinen eigenen Waffen bewaffnen; er setzte ihm seinen ehernen Helm auf den Kopf und legte ihm seinen Panzer an. Und David, nachdem er das Schwert über seinen Leibrock gegürtet hatte, fing an zu versuchen, ob er mit Waffen gehen könnte; denn er war es nicht gewohnt. » (1 Samuel 17:38-39) — Nicht an die Handhabung der Waffen gewöhnt?... Zugegeben; aber warum stellt dann der Vers 18 des vorigen Kapitels David [453] so dar, als wäre er seit langem als « tapferer Krieger » bekannt? — « David sprach also zu Saul: Ich vermag nicht mit Waffen zu gehen, da ich es nicht gewöhnt bin. Und er legte sie ab. Dann nahm er wieder seinen Schäferstab, erwählte sich fünf Steine in einem nahen Wildbach, tat sie in seine Hirtentasche, und mit seiner Schleuder in der Hand ging er gegen den philistäischen Riesen. Der Philister, dem sein Schildknappe voranging, rückte ebenfalls David entgegen. » (v. 39-41) Der Schildknappe Goliaths?... Von ihm ist nur in der Bibel die Rede, Text in-extenso; dieser Schildknappe ist in den Handbüchern der heiligen Geschichte zum Gebrauch der Gläubigen rundweg gestrichen, und dort ist Goliath nur noch ein einfacher Fußsoldat. Warum also haben die modernen Priester diesen Schnitt im heiligen Text vorgenommen? Der Schildknappe des philistäischen Riesen verdiente es doch nicht, auf so willkürliche Weise zu verschwinden. In den Heeren von ehedem war der Schildknappe nämlich der Soldat, der einen berittenen Offizier begleitete und für sein Reittier sorgte; heutzutage würde man ihn den Offiziersburschen eines Kavallerieoffiziers nennen. Wenn nun Goliath einen speziell seinem Dienst zugeteilten Schildknappen hatte, so heißt das, dass er Offizier im philistäischen Heer war; die Bibel sagt übrigens an mehreren Stellen, dass es bei den Philistern eine mächtige Reiterei gab. Und die unaussprechliche Tauber-Ente, die uns vorhin beteuert hat, dass Goliath mehr als vier Meter hoch war, hat vergessen, uns die gigantischen Proportionen seines Pferdes mitzuteilen! Es ist offensichtlich, dass das Pferd Goliaths ebenfalls ein Riese sein musste. Und die Heilige Schrift gibt uns den Landstrich nicht an, der so phänomenale Hengste hervorbrachte, Pferde von einer Größe, dass sie Reiter von sechs Ellen und einer Handbreit Höhe tragen konnten!... Beklagenswerte Lücke!... Nehmen wir die biblische Erzählung wieder auf: « Da warf der philistäische Riese einen Blick auf David, und da er sah, dass es ein Jüngling von rotem Haar und hübschem Antlitz war, bezeigte er ihm seine Verachtung. Bin ich ein Hund, sprach er zu ihm, dass du mit einem Stab gegen mich kommst? Und er verfluchte David, indem er beim Namen seiner Götter schwor. Dann sprach er noch zu ihm: Nun wohl, komm doch, und ich will dein Fleisch den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes geben. David antwortete Goliath: Du gehst gegen mich mit deinem Schwert, deiner Lanze und deinem Schild; ich aber gehe [454] gegen dich im Namen Zebaoths, des Gottes der Heere Israels, des Gottes dieser in Schlachtordnung aufgestellten Truppen, die du gehöhnt hast; und da der Herr dich heute in meine Hände überantworten wird, bin ich es, der dich niederstrecken wird, bin ich es, der, nachdem er dir den Kopf abgehauen hat, dein Fleisch den Vögeln der Himmel und den Tieren der Erde geben wird; und die ganze Welt wird wissen, dass Israel einen Gott hat!...
219. Kampf Goliaths und Davids. Und David, nachdem er auf Goliath losgestürmt war, steckte die Hand in seine Hirtentasche, nahm einen Stein und schleuderte ihn mit seiner Schleuder; [455] und dieser Stein traf den Riesen an der Stirn, wo er eindrang, so dass der Philister mit dem Antlitz gegen den Boden fiel. Dann warf sich David auf Goliath, nahm sein Schwert, zog es aus der Scheide, tötete ihn und hieb ihm den Kopf ab. Und die Philister, als sie gesehen hatten, dass ihr Riese tot war, flohen.
220. Tod Goliaths. Da erhoben sich die Soldaten Israels und Judas, die sitzen geblieben waren, unter Freudengeschrei und machten sich auf, den Philistern nachzujagen, und diese fielen, unter ihren Schlägen tödlich verwundet, und übersäten [456] den Weg von Saaraim bis nach Gath und bis nach Ekron; worauf die Juden das philistäische Lager plünderten » (1 Samuel 17:42-53) « Und David nahm die Waffen des Riesen und legte sie in sein Zelt; er nahm auch den Kopf Goliaths und brachte ihn gen Jerusalem. » (v. 54) — Sieh da! er hatte also mit einem Mal ein Zelt, der junge David?... Und nach Jerusalem ging er, als Triumphator, um den Kopf des philistäischen Riesen hinzutragen? Das ist noch seltsamer, da Jerusalem zu jener Zeit nicht den Juden gehörte; wir werden weiter unten sehen, wie David diese Stadt erst später, nach dem Tode Sauls, einnahm. Aber wir fangen an, uns an die Widersprüche des Heiligen Geistes zu gewöhnen! « — Als nun Saul gesehen hatte, wie David gegen Goliath ging, sprach er zu Abner, dem General des israelitischen Heeres: Wer ist dieser Jüngling? wessen Vaters Sohn ist er? Abner antwortete ihm: So wahr deine Seele lebt, o König, ich weiß es nicht. Der König versetzte: Erkundige dich sofort, damit ich wisse, zu welcher Familie dieser Jüngling gehört. Sobald also David vom Kampf zurückgekehrt war, führte Abner zu Saul den jungen Mann, der den Kopf des Riesen in der Hand hielt. Und Saul sprach zu ihm: Wessen Sohn bist du? David antwortete: Mein Vater heißt Isai, dein Knecht, und er wohnt zu Bethlehem. » (1 Samuel 17:55-58) Ah was! was ist all dieses zusammenhanglose Wiedergekäue?... Wo hat der göttliche Inspirator der Bibel seinen Kopf?... Im vorigen Kapitel hat man uns mit den minuziösesten Einzelheiten erzählt, dass Saul, um seine Nerven zu beruhigen, sich nach einem guten Harfenspieler erkundigt hat; einer seiner Amtleute hat ihm einen verschafft, nämlich David, und der König ist über seine Familie unterrichtet worden; besser noch, Saul hat Isai einen Boten geschickt, um den alten Biedermann zu bitten, ihm seinen Sohn zu lassen, weil er ihm sehr gefiel; der Tauber hat uns weiter gesagt, dass David oft von Saul nach Bethlehem ging und wiederkam und dass er so wie ein Weberschiffchen zwischen dem königlichen Hof und den väterlichen Schafen hin und her lief. Und nun wissen weder Saul noch Abner noch irgendein Amtmann des Königs, wer David ist, im Augenblick seines Ringens mit Goliath! Da ist der Harfenspieler des Königs, der Schildknappe Sauls, mit einem Mal ein Unbekannter geworden!... Was soll man von diesem Galimathias halten?... Als er Samuel dieses Kapitel 17 diktierte, hatte da der göttliche Tauber an jenem Tag nicht ein wenig zu viel Hanfsamen zu sich genommen?... Man könnte es glauben, meiner Treu! [457] Finden wir uns damit ab, und setzen wir die erbauliche Lektüre fort. Ohne sich im Geringsten um seine Widersprüche zu kümmern, meldet uns der heilige Verfasser (1 Samuel 18:2), dass Saul diesmal David nicht mehr erlauben wollte, zu seinem Vater zurückzukehren. Zudem wurde Jonathan mit einem Mal von einer lebhaften Freundschaft für den jungen Harfenspieler ergriffen, von dessen Anwesenheit am Hofe er in früheren Zeiten gleichfalls nichts gewusst hatte: « Sobald David ausgeredet hatte mit Saul, ward die Seele Jonathans so sehr mit seiner Seele verbunden, dass Jonathan ihn lieb hatte wie seine Seele; und Jonathan machte einen Bund mit David, denn er hatte ihn lieb wie seine Seele; und Jonathan zog den Mantel aus, den er trug, und machte ihn David zum Präsent, und er gab ihm dazu alle seine Kleidungsstücke, ja sogar bis zu seinem Schwert, seinem Bogen und seinem Wehrgehenk. » (1 Samuel 18:3-4). — Das ist Freundschaft! Was mussten General Abner, die Hauptleute, die Höflinge denken, als sie sahen, wie der Sohn des Königs sich auszog, nur sein Hemd anbehielt (wenigstens schickt es sich, das zu vermuten) und seine Waffen und alle seine Kleider dem glücklichen Sieger über Goliath anbot?... Unglücklicherweise vergisst die Bibel, uns die Betrachtungen der hohen Persönlichkeiten mitzuteilen, die dieser unbezahlbaren Szene beiwohnten. Ein neues Leben begann also für den Kleinen, den Samuel zum König geweiht hatte und der, für die Viertelstunde wenig geneigt, mit Saul in Konkurrenz zu treten, sich darauf beschränkte, ihm als Schildknappe und Musiker zu dienen; aber trotz dieser Zurückhaltung sollte David Seiner Majestät bald Argwohn einflößen. « Als sie nun zurückkehrten, einige Zeit nach der Niederlage des philistäischen Riesen, gingen aus allen Städten Israels Weiber in großer Zahl heraus, die ihnen entgegenzogen und David zujubelten; und siehe, diese Weiber fingen an, fröhlich zu singen und zu tanzen, mit Trommeln und Zimbeln; und während sie auf ihren Instrumenten spielten, riefen sie einander zu: Saul hat ihrer tausend getötet, aber David hat ihrer zehntausend getötet! » (v. 6-7)
221. Der Triumph Davids. Es war schwer anzunehmen, dass der selige Goliath, so riesenhaft er auch war, ganz für sich allein zehntausend Mann aufwog. Daher fand Saul, der sich im Krieg durch vielfache Heldentaten ausgezeichnet hatte, dass die Ovation für seinen Schildknappen-Harfenisten die vernünftigen Grenzen überschritt und einen für ihn beleidigenden Charakter annahm. « Diese Worte der Weiber Israels [458] missfielen dem König, und er ward darüber überaus erzürnt. » (v. 8) — « Von jenem Tage an sah Saul David mit bösem Auge an. » (v. 9). « Und es begab sich gleich am folgenden Tage, dass der böse Odem Gottes auf Saul blies; da spielte David auf der Harfe, wie an den andern Tagen. Saul aber hatte seine Lanze in der Hand, und er schleuderte sie plötzlich gegen die Mauer und sagte bei sich selbst: Indem meine Waffe diese Mauer erreicht, wird sie David durchbohren. Nun wich dieser, der behände war, dem Stoß zweimal aus, indem er sich [459] abwandte. » (1 Samuel 18:10-11)
222. Die Eifersucht Sauls. Kurz darauf ernannte ihn der König, um den jungen Mann von sich zu entfernen, zum Hauptmann und stellte ihn an die Spitze von tausend Mann (v. 13), und David, « dem alles gelang », wurde unter den Kindern Israel immer populärer, und sein Name fing an, außerhalb der Nation bekannt zu werden. Wir werden bald sehen, dass der Herr Jehova die Beweise seines Schutzes für David vervielfachte. Nachdem er ihn eines Tages hatte rufen lassen, sagte Saul zu ihm: « Höre, ich will dir [460] meine ältere Tochter Merab zum Weibe geben, und so sollst du, der du tapfer bist, mir ein anderer Sohn sein, und du sollst die Schlachten Israels leiten » (v. 17); im Grunde sagte sich Saul, dass die Philister ihn zuletzt Davids entledigen würden. « Ich bin viel zu gering, um des Königs Schwiegersohn zu werden! » antwortete David (v. 18). Er hütete sich wohl, zu verraten, dass Samuel ihn gesalbt hatte. « Als nun die Zeit kam, da Saul seine Tochter Merab David geben sollte, verheiratete er sie mit Adriel, dem Meholathiter » (v. 19); der heilige Verfasser sagt nicht, warum. « Aber Michal, die zweite Tochter Sauls, verliebte sich in David, und sie ließ es ihren Vater wissen; da war Saul sehr zufrieden, und er sprach zu David: Du sollst noch heute mein Schwiegersohn sein. » (v. 20-21). Nach dem, was folgt, ist es wahrscheinlich, dass der Sieger über Goliath sich nichts Besseres gewünscht hätte, als Michal sofort zu ehelichen; aber Saul hatte, wie es scheint, nur so dahingeredet, oder aber er bereute, sich so eilig gezeigt zu haben. Denn sobald er die Einwilligung des jungen Mannes hatte, fing er an, außergewöhnliche Dinge von ihm zu fordern. Man würde nie erraten, welche Bedingung Saul David stellen ließ, um ihn endgültig zu akzeptieren! « Saul sprach zu denjenigen seiner Knechte, die er zu David sandte: Ihr sollt ihm sagen, dass der König als Morgengabe hundert Vorhäute von Philistern verlangt. » (v. 25) Mit anderen Worten, der König wollte Michal nicht ausstatten; seiner Ansicht nach war es David, der seiner Frau eine Mitgift bestellen sollte; und was für eine Mitgift!... Hundert Vorhäute!... Man sieht kaum, wozu so viele Vorhäute in dem neuen Haushalt hätten dienen können... « Da zog David, ehe die festgesetzten Tage erfüllt waren, in das Land der Philister, begleitet von seiner Truppe; dort tötete er zweihundert Mann. Dann schnitt er ihre Vorhäute ab, brachte sie und überreichte sie wohlgezählt (sic) dem König, um sein Schwiegersohn zu werden. Und Saul gab ihm seine Tochter Michal zum Weibe. » (1 Samuel 18:26-27) — Man stellt sich die Sitzung zur Unterzeichnung des Ehevertrags vor, den königlichen Notar, wie er gravitätisch die zweihundert Vorhäute zählt, und die verliebte Michal, wie sie David zugirrt, ganz glücklich, ein so schönes Hochzeitsgeschenk zu haben!
224. David und Michal. Was die Philister betrifft, so fanden sie es überaus geschmacklos, dass man kam, um sich bei ihnen mit Vorhäuten zu verproviantieren, und der Krieg begann von neuem. « Die philistäischen Hauptleute zogen ins Feld; und sobald sie ausgezogen waren, hatte David mehr [461] Siege als alle Offiziere Sauls; und sein Name stand in überaus großem Ansehen. » (1 Samuel 18:30) Um jene Zeit hatte der König häufige Perioden von Meschuggismus; aber man fragt sich, warum der biblische Schriftsteller sich befleißigt, den bedauernswerten Monarchen in den garstigsten Farben zu malen. Nach dem Text selbst ist es Jehova, der zuweilen mit einem bösen Odem auf Saul blies; es ist also Gott in Person, der ihn übergeschnappt machte. Ein Narr ist nicht verantwortlich für seine Wahnsinnstaten, und Saul folglich weniger als jeder andere. « Da redete Saul mit Jonathan, seinem Sohn, und mit allen seinen Amtleuten davon, David zu Tode zu bringen; aber Jonathan hatte David sehr lieb; darum machte er ihm die Todesgefahr bekannt, in der er schwebte durch die Feindschaft seines Vaters. » (1 Samuel 19:1-2). Außerdem versuchte der wackere Jonathan eine Versöhnung. « Er redete also wohlwollend von David zu Saul, seinem Vater, und sprach zu ihm: Der König sündige nicht wider David, seinen Knecht; denn er hat nicht wider dich gesündigt, und sogar was er getan hat, ist dir überaus vorteilhaft, da er sein Leben gewagt und den philistäischen Riesen getötet hat; du hast es gesehen, und du hast dich darüber gefreut; warum wolltest du denn wider unschuldiges Blut sündigen, indem du David ohne Ursache zu Tode bringst? Saul lieh der Stimme seines Sohnes sein Ohr, und er schwur und sprach: Beim lebendigen Gott, David soll nicht sterben! Da rief Jonathan David und erzählte ihm von der neuen Gesinnung des Königs. Danach brachte er David zu Saul, und David nahm wie zuvor seinen Dienst beim König wieder auf. » (1 Samuel 19:4-7)
223. Jonathan versucht, Saul mit David zu versöhnen. Wie man sieht, verließ der Hass den Monarchen, sobald er in seinem natürlichen Zustand war; nur im Verlauf seiner Anfälle, « wenn Jehova mit einem bösen Odem auf ihn blies », nur dann fasste Saul mörderische Pläne gegen seinen Schwiegersohn. Indessen stand der Krieg mit den Philistern auf seinem Höhepunkt, und der Harfenist fand bisweilen die Zeit, dem Feind eine Niederlage zuzufügen, zwischen zwei Serenaden. « Aber siehe, der böse Odem Gottes blies abermals auf Saul, eines Tages, da er in seinem Palast saß, seine Lanze in der Hand, und dabei der Musik Davids lauschte. » (v. 9) Der Leser ist schon darauf gefasst, was nun geschehen wird! « Da, während David die Harfe zupfte, versuchte Saul wieder, ihn mit seiner Lanze an die Wand zu nageln; aber David [462] wich behende aus, und Saul, ohne seinen Schwiegersohn zu treffen, stieß seine Waffe in die Mauer; worauf David, da er so dem Tode entronnen war, die Flucht ergriff. » (v. 10) Bei seiner zärtlichen Gattin suchte der junge Hauptmann-Harfenist Zuflucht; die liebenswerte Michal tröstete ihn, so gut sie konnte. « Aber in jener Nacht sandte Saul Leute zu Davids Haus, mit dem Befehl, auf Wache zu bleiben, auf dass er ihn am Morgen umbringen könnte. Und Michal, als sie die Männer der Wache erblickte, [463] sprach zu David: Rettest du dich nicht diese Nacht, so wird man dich morgen töten. Da ließ Michal David durch ein Fenster hinab, und er entfloh abermals.
225. David entflieht aus Michals Haus. Danach nahm Michal ein Männlein (fr. „marmouset“: eine groteske kleine Figur; das Wort der Bibel Ostervalds, wo Luther „ein Götzenbild“ sagt), legte es in sein Bett an Davids Statt und setzte ihm ein Ziegenfell auf den Kopf. Und als Saul seine Leute sandte, um sich Davids zu bemächtigen, sprach sie zu ihnen: Er ist krank.
226. Michal legt ein Männlein in das Bett ihres Gatten. Da rief Saul aus: Man trage ihn mir in seinem Bett her, auf dass ich ihn zu Tode bringe! Und Saul und seine Leute fanden nur ein Männlein, [464] den Kopf mit Ziegenfell bedeckt.
227. Schreckliche Rache Sauls. Und Saul sprach zu Michal: Warum hast du mich also getäuscht? warum hast du meinen Feind entrinnen lassen? Michal antwortete: Er sprach zu mir: Lass mich fortgehen. Warum hätte ich denn meine Hand dazu leihen sollen, dass er getötet würde? » (1 Samuel 19:11-17) Man muss sich vor Augen halten, dass wir ein sakrosanktes Buch wiedergeben, ein göttliches Werk, die fundamentale Grundlage einer Religion, die den Anspruch erhebt, die ganze Welt unter ihr Gesetz zu beugen. Und doch, kann man ein alberneres Abenteuer finden als dieses? Diese Geschichte vom Männlein ist nicht einmal komisches Vaudeville; sie steht unter dem Niveau der einfältigsten Jocrisserien (fr. „jocrisseries“: Albernheiten; von Jocrisse, dem leichtgläubigen Einfältigen der alten französischen Posse) vom Jahrmarkt. Und so etwas ist Dogma!... Bei Strafe ewigen Röstens in der Hölle muss man glauben, dass Michal ihren Ehemann, den Gesalbten David, durch das Fenster verduften ließ, und dass sie ihn in seinem Bett durch eine Gliederpuppe ersetzte, die ein Ziegenfell auf dem Kopf trug! War dieses Ziegenfell die übliche Nachtmütze Davids?... Im hebräischen Text steht Theraphim, was die modernen Übersetzungen mit « Männlein », Gliederpuppe, wiedergeben. Aber Theraphim bedeutet buchstäblich einen Götzen. Ließ Michal denn Götzen bei sich liegen? wollte sie, dass die von Saul gesandten Satelliten diesen Götzen für ihren Ehemann hielten? und, da David, wie man uns gesagt hat, rothaarig war, hoffte Michal, dass das Ziegenfell, das sie dem Theraphim aufsetzte, wie die Mähne des lieben Mannes wirken würde? Schöner Gegenstand ernster Prüfung für die hochwürdigen Theologen! Die biblische Dummheit gerät jetzt ins Delirium. « Also entfloh David, dem Tode entrinnend. Er kam zu Samuel, gen Rama, und sagte ihm alles an, was Saul ihm getan hatte.
228. Samuel nimmt David auf. Dann ging er mit Samuel fort, und sie wohnten zusammen zu Najoth. Das ward Saul berichtet, der Bogenschützen sandte, um sich Davids zu bemächtigen. Als aber die Bogenschützen zu Najoth in Rama ankamen, fanden sie David inmitten einer Versammlung von Propheten, die weissagten, und über ihnen allen stand Samuel, ihnen vorsitzend und weissagend; und siehe, die Bogenschützen Sauls wurden vom Geist Gottes ergriffen, und auch sie fingen an zu weissagen.
229. David inmitten der Propheten. Saul, davon benachrichtigt, sandte andere Bogenschützen, und diese weissagten desgleichen, anstatt David zu fangen. Der König sandte noch welche, zum dritten Mal, und sie weissagten desgleichen.
230. Die Bogenschützen Sauls werden Propheten. Da [465] begab sich Saul selbst gen Rama; er kam bis zu der großen Grube, die zu Sechu ist, und er fragte alle: Wo sind Samuel und David? Man antwortete ihm: Sie sind zu Najoth, in Rama. Er ging also nach Najoth. Nun ergriff unterwegs der Geist Gottes auch ihn selbst, sodass er auf seinem ganzen Wege weissagte. Und als er zu Najoth, in Rama, angekommen war, zog er zunächst seine Oberkleider aus, und in Gegenwart Samuels weissagte er; dann streckte er sich auf die Erde und lag so ohne Kleider auf dem Boden, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Darum sagten die Israeliten überall: Saul ist nun unter der Zahl der Propheten. » (1 Samuel 19:18-24)
231. Saul fängt selbst zu weissagen an. Ich habe Wert darauf gelegt, die buchstäbliche Übersetzung dieses überspannten Textes zu geben. Ein Prophet ist ein Mann, der die Zukunft vorhersagt; man muss also von Gott inspiriert sein, um sagen zu können, welche Ereignisse sich in künftigen Zeiten zutragen werden; das ist bei den Glaubenden anerkannt. Aber im Allgemeinen weissagt ein Prophet nur, um diese oder jene Tatsache anzukündigen: man konsultiert ein Orakel, das Orakel antwortet; oder aber ein Mann Gottes begibt sich in eine Stadt oder an den Hof eines Monarchen und sagt diese oder jene Katastrophe oder dieses oder jenes glückliche Ereignis vorher; so gehen die Propheten zu Werke, das heißt diejenigen, die sich inspiriert nennen und die von sich behaupten, die Wissenschaft der verborgensten Dinge zu besitzen. Indessen käme niemand auf die Idee, sich eine Versammlung von Propheten vorzustellen, die in ununterbrochenem Strahl Weissagungen verzapfen, es sei denn in Charenton. Diese Polizeileute, die mit einem Mal Propheten werden, die sich unter Samuel, David und die anderen Propheten mischen und mit ihnen in Weissagungen wetteifern; dieser Saul, der sich auf die Suche nach seinem Schwiegersohn macht, um ihn zu töten, der, ohne dass ihn jemand darum ersucht hätte, auf seinem Wege wahrsagt, der sich nackt oder beinahe nackt auszieht in der heiligen Zusammenkunft, wo Berufspropheten und Gelegenheitspropheten im Chor röhren, ist das alles nicht hoher Wahnsinn? Boulanger, der Enzyklopädist, der gelehrte Geologe des 18. Jahrhunderts, sagt, dass dieses stupide Märchen der Geschichte eines Dorfrichters in der Niederbretagne namens Kerlotin gleicht: Dieser Richter ließ im Verlauf einer Gerichtssitzung durch einen Gerichtsdiener einen Zeugen holen; der Zeuge trank in der Schenke, und der Gerichtsdiener blieb bei ihm und trank; Kerlotin entsendet alsdann einen zweiten [466] Gerichtsdiener, der bleibt und mit ihnen trinkt; endlich geht der Richter selbst hin, aber er trinkt wie die anderen und betrinkt sich, und der Prozess wurde nicht entschieden. Das 20. Kapitel des 1. Buches Samuel ist völlig ohne Interesse. David entflieht aus Najoth und sucht Zuflucht bei Jonathan, der abermals versucht, die Sache seines Schwagers vor Saul zu führen, als dieser mit dem Weissagen fertig ist. Zu diesem Plädoyer kommt es bei einem Diner, das [467] der König zu Ehren... des Neumonds gibt; Saul bemerkt, dass Davids Platz an seiner Tafel leer ist, und da legt Jonathan mit seiner kleinen Rede los; aber der König will nichts hören und erbost sich so, dass er ganz rot wird. « Jonathan sprach weiter zu Saul: Warum sollte man David zu Tode bringen? was hat er getan? Und Saul schleuderte eine Hellebarde gegen ihn, um ihn zu schlagen. Da begriff Jonathan, dass sein Vater fest beschlossen hatte, David zu Tode zu bringen; er stand sehr bekümmert vom Tische auf und nahm keine Mahlzeit zu sich, am zweiten Tage des [468] Neumonds. » (1 Samuel 20:32-34) Jonathan ging also zu seinem Schwager, der sich in einem Versteck aufhielt, um ihn zu warnen, dass er nicht mehr hoffe, den König seinetwegen umzustimmen. « David hatte ihm sitzend zugehört; er stand auf von der Mittagsseite und warf sich mit dem Antlitz zur Erde und warf sich dreimal nieder; und sie weinten beide miteinander, und David weinte außerordentlich. » (v. 41) David machte sich nach dieser Wehklage auf und bat den Hohenpriester Ahimelech, wohnhaft zu Nobe, um Asyl; dieser nahm ihn auf, bewirtete ihn mit heiligem Brot, gab ihm aber zu verstehen, dass er bei ihm kaum in Sicherheit sei. Und als der junge Harfenist, bevor er wieder Ausreißpulver nahm, Ahimelech bat, ihm irgendeine Waffe zu geben, um sich gegebenenfalls zu verteidigen, sagte der Hohepriester zu ihm: « Hier, siehe das Schwert Goliaths, den du im Tal der Eiche getötet hast; es ist in ein Tuch gewickelt, hinter dem Ephod; willst du es für dich, so nimm es; denn es ist hier kein anderes denn dieses. » (1 Samuel 21:9) David brach mit dem Schwert Goliaths auf und wandte sich nach Gath, einer philistäischen Stadt, wo der König Achis regierte; er hoffte, dass dieser Feind Israels ihm seinen Schutz gewähren würde. Während er sich Gath näherte, wurde er von einigen Dienern des Achis erkannt; es bedurfte nichts weiter, damit ihn mehr denn je der Schreck (fr. „la venette“, ein Argot-Wort: die Angst) befiel; würde der philistäische König geruhen, mit seinem Unglück Mitleid zu haben? Nichts war weniger erwiesen, so schien es ihm. « Da hatte David überaus große Angst vor Achis, dem König von Gath. Er veränderte seine Gebärde und spielte den Narren vor den Philistern; er harnte gegen die Türen der Häuser (fr. „il urinait contre les portes des maisons“: die Bibel Ostervalds hat „il marquait les portes“, er machte Zeichen an die Türen, die katholische Bibel Sacys nach der Vulgata „il se heurtait contre les poteaux de la porte“, er stieß sich an den Pfosten des Tores: das Harnen ist Taxils Zusatz), und er ließ seinen Speichel auf seinen Bart fließen. Und Achis sprach zu seinen Knechten: Seht ihr nicht, dass er ein Narr ist? Warum habt ihr ihn zu mir gebracht? » (1 Samuel 21:12-14) « David brach von dannen auf und rettete sich in die Höhle Adullam; als das seine Brüder und das ganze Haus seines Vaters erfahren hatten, kamen sie dorthin zu ihm hinab. Auch alle, deren Geschäfte schlecht standen, die mit Schulden beladen waren und ein bitteres Naturell hatten, versammelten sich zu ihm und ernannten ihn zu ihrem Anführer; so befand er sich an der Spitze von vierhundert entschlossenen Männern. » (1 Samuel 22:1-2) Worauf er, nachdem er seinen alten Vater Isai und seine Mutter dem König von Moab anvertraut hatte, ins Feld zog; der Krieg zwischen Saul und seinem Schwiegersohn war endgültig erklärt. Unterdessen erfuhr Saul von der Aufnahme, die der [469] Hohepriester Ahimelech David bereitet hatte. Ein Idumäer namens Doeg, der das Amt des ersten Bedienten des Königs versah, sagte mit diesen Worten aus: « Ich habe den Sohn Isais nach Nobe kommen sehen, zu Ahimelech, dem Sohn Ahitobs; und Ahimelech hat den Ewigen Davids wegen konsultiert, er hat ihm Lebensmittel gegeben und das Schwert Goliaths. » (v. 9-10) Saul beschied alsdann den Hohenpriester und alle Opferpriester aus dessen Familie vor sein Bett der Gerechtigkeit (fr. „lit de justice“: der Thronsitz unter einem Baldachin, von dem aus der König von Frankreich dem Parlament, seinem obersten Gerichtshof, vorsaß und es seinen Willen eintragen ließ). « Warum habt ihr euch wider mich verschworen, du und der Sohn Isais, sprach er zu Ahimelech, da du ihm Brot und ein Schwert gegeben und Gott für ihn konsultiert hast? — Ahimelech antwortete dem König: Ist jemand unter allen deinen Untertanen, der dir so treu wäre wie David, dein Schwiegersohn, der auf deinen Befehl gekämpft hat und der deinem Hause so viel Ehre macht? Habe ich etwa heute angefangen, Jehova für ihn zu konsultieren? Was das Verschwören wider meinen König betrifft, Gott bewahre mich davor! O König, beschuldige also deinen Knecht keiner Sache, noch irgendeinen aus seiner Familie; denn es ist kein Delikt begangen worden. — Nun wohl, entgegnete der König, du wirst noch heute sterben, Ahimelech, und deine ganze Familie mit dir. » (v. 13-16) Das Todesurteil war ausgesprochen; aber die Bogenschützen, die dort waren, weigerten sich, es zu vollstrecken, da sie nicht wagten, ihre Hände an Priester zu legen. « Da sprach der König zu Doeg: Wende dich und stürze dich auf die Opferpriester. Und Doeg, der Idumäer, wandte sich und stürzte sich auf Ahimelech und die Opferpriester, und er schlachtete an diesem Tage fünfundachtzig Männer ab, die das leinene Ephod trugen. Außerdem schlug er mit der Schärfe des Schwertes alle Einwohner von Nobe (der Text von 1904 hat „Nod“), der Stadt der Opferpriester; Männer und Frauen, Große und Kleine, Ochsen, Esel und Kleinvieh, alles wurde niedergemetzelt. » (v. 18-19) Jedoch gelang es einem der Söhne Ahimelechs namens Abjathar, dieser Hekatombe zu entrinnen, und er stieß zu David, der zu ihm sagte: « Bleibe bei mir, fürchte nichts, denn wer nach meinem Leben trachtet, der trachtet auch nach deinem; so bist du unter meinem Schirm. » (v. 23)
232. Trauriges Ende des Hohenpriesters Ahimelech. Ich kürze ab, so weit es möglich ist; aber die Handbücher der heiligen Geschichte zum Gebrauch der Gläubigen sind so unvollständig, dass es notwendig ist, durch wörtliche Zitate aus der Bibel eine Anzahl von Episoden wiederherzustellen, welche die Tonsurierten mit Stillschweigen übergehen, deren absonderliche Einzelheiten aber bisweilen ein pikantes Interesse bieten. Ich [470] würde stärker zusammenfassen, wenn es sich um ein anderes Buch handelte; nun ist aber dies die Schrift Gottes selbst, versichern die Priester; vernachlässigen wir also nicht die göttlichen Perlen, die sich so zahlreich in diesem staunenswerten Schmuckkästchen, dem Alten Testament, finden. Im 23. Kapitel sehen wir David an der Spitze seiner vierhundert Flibustier die jüdische Stadt Kegila befreien, welche die Philister belagerten; dann blockiert Saul Kegila, das von seinem Schwiegersohn besetzt ist. Daraufhin ersuchte David, der kaum auf die [471] Dankbarkeit der Leute rechnete, Jehova um einige Augenblicke Unterredung; Papa Lieber Gott ließ sich nicht bitten (fr. „ne se fit pas prier“, eine Redewendung: willigte sogleich ein; „prier“ heißt zugleich bitten und beten, daher Taxils Wortspiel). « Wird Saul bis hierher herabkommen? fragte David. Und der Ewige antwortete ihm: Er wird herabkommen. David sprach weiter: Werden die Häupter von Kegila mich überantworten, mich und meine Leute, in die Hände Sauls? Und der Ewige antwortete ihm: Sie werden dich überantworten. » (v. 11-12) Da er sich für sicher unterrichtet hielt, zog David eilends ab; er wurde also Saul nicht überantwortet. Danach zeigt uns der heilige Verfasser [472] den Sohn Isais, wie er in der Wüste Siph umherirrt; diesmal hat sich seine Truppe von heillos verschuldetem Gesindel um zweihundert Mann vermehrt, und Saul macht Jagd auf ihn, ohne dass es ihm gelingt, ihn zu erreichen. David hat dennoch eine Konferenz mit Jonathan in einem Walde; die beiden Schwäger schwören einander ewige Liebe. Aus der Wüste Siph zieht David mit seiner unzertrennlichen Bande in die Wüste Maon hinüber. Als Saul erfährt, dass die Philister wieder ins Feld ziehen, verzichtet er endlich darauf, seinem Schwiegersohn nachzujagen, um den Nationalfeind zu bekämpfen. Nachdem die Philister zurückgeschlagen worden sind, kehrt der König zu David zurück, der inzwischen zu Engedi den Mittelpunkt seiner einträglichen Operationen eingerichtet hat. Ja, einträglichen, da der Sohn Isais nach der Bibel selbst ein wahrer Banditenhauptmann ist: er hat sechshundert Kniekehlenschneider (fr. „coupe-jarrets“: Meuchelmörder; der Name kommt davon, dass man einem Mann die Kniekehle durchschneidet, um ihn zu Fall zu bringen) versammelt, und er streift durch Berge und durch Täler mit diesem Sammelsurium von Schelmen, unterscheidet weder Freunde noch Feinde, brandschatzt und plündert alles, was ihm begegnet. Zweimal (1 Samuel 24, 26) gelingt es Saul, der dreitausend auserlesene Soldaten mit sich genommen hat, David sehr hart zu bedrängen; bei diesen Gelegenheiten benahm sich der Schwiegersohn mit rührender Großmut. Die beiden Episoden sind zu amüsant, um nicht zitiert zu werden. Der göttliche Tauber, der ihre Erzählung diktiert hat, war wirklich in fröhlicher Laune; denn da es Gott war, der alles lenkte, wäre es ihm leicht gewesen, David seine Seelengröße bei weniger trivialen Gelegenheiten üben zu lassen als bei denen, die er herbeiführte. Folglich, wenn diese Abenteuer grotesk sind, so darum, weil die heilige Dreifaltigkeit gerade dabei war, auf Bauernart zu lachen (fr. „rire à la paysanne“, eine Redewendung: grob lachen), darum, weil Jehova und seine Mitgötter sich wie Possenreißer vom Jahrmarkt amüsierten; aber diese Abenteuer sind nichtsdestoweniger göttlich. Vorwärts also mit dem wörtlichen Zitat!... « Saul, der David bis mitten in die Felsen suchte, wohin sich die Gämsen zurückziehen, schlug einen Pfad ein, wo eine Höhle war, und er ging in diese Höhle hinein, um seine Notdurft zu verrichten; nun waren aber im Hintergrund David und einige seiner Gefährten, und der König sah sie nicht. Da sprachen die Gefährten Davids ganz leise zu diesem: Gewiss, heute ist der Tag, da der Ewige dir deinen Feind überantwortet. Und David näherte sich ohne Geräusch; aber er begnügte sich damit, ganz sachte den Zipfel vom Kleid Sauls abzuschneiden, von dem Mantel, den Saul aufgeschürzt hatte. Dann, als er [473] immer noch ohne Geräusch in den Hintergrund der Höhle zurückkehrte, war ihm das Herz bewegt, und er sprach mit leiser Stimme zu seinen Gefährten: Gott bewahre mich davor, eine mörderische Hand an den König zu legen! denn er ist der Gesalbte des Herrn. So erlaubte David ihnen nicht, gegen Saul loszustürzen, und hielt sie mit diesen Worten zurück. Danach ging Saul, als er mit dem Entleeren fertig war (fr. „ayant fini d’évacuer“: die Bibel Ostervalds hat nur „Puis Saül se leva de la caverne“, danach stand Saul auf aus der Höhle, und keinen aufgeschürzten Mantel: beides ist Taxils Zusatz; „um seine Notdurft zu verrichten“ dagegen steht bei Ostervald), aus der Höhle hinaus und setzte seinen Weg fort.
233. Der schlafende Saul wird von David überrascht. Aber da ging auch David hinaus, lief ihm nach und rief ihm zu: Mein Herr und mein König! Saul wandte sich um; David warf sich nieder, das Antlitz zur Erde; dann sprach er zu Saul: Warum hörst du auf die, welche dir sagen, dass ich dir Böses zu tun suche? Deine Augen sehen heute, dass der Ewige dich meiner Gewalt überantwortet hatte, als du dich einige Augenblicke in dieser Höhle aufgehalten hast, ich war darin, und man hat mir geraten, dich zu töten; aber ich habe dich verschont, denn du bist der Gesalbte des Herrn. Sieh, mein Vater, sieh den Zipfel deines Mantels, den ich da in meiner Hand halte. Ich habe ihn abgeschnitten, ohne dass du darauf Acht gabst; ich hätte dich töten können und habe dich nicht getötet. So wisse denn und erkenne, dass ich durchaus nicht daran denke, dir Böses zu tun; und du indessen belauerst mein Leben, um es mir zu nehmen! Der Ewige wird Richter sein zwischen uns beiden; aber ich werde meine Hand nicht an dich legen.
234. Saul stellt fest, dass David ihn verschont hat. Was! du, der du König von Israel bist, hinter welchem Manne her bist du ins Feld gezogen? wem jagst du nach? einem krepierten Hund und einem Floh? Der Ewige wird also richten zwischen mir und dir; und wenn Gott richtet, so sieht er hin; deshalb wird er mein Verteidiger sein und mich vor deiner Hand behüten. Und sobald David diese Worte vollendet hatte, sprach Saul: Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul vergoss einen Strom von Tränen und sprach mit sehr lauter Stimme zu David: Du bist besser als ich, da du mir Gutes für das Böse vergolten hast, das ich dir getan habe; denn wer ist es, der, wenn er seinen Feind in seiner Gewalt gehabt hätte, ihn gehen ließe, ohne ihm Böses zu tun? An diesem Zeichen erkenne ich, dass du gewiss regieren wirst und dass das Königreich Israel unter deinem Zepter mächtig sein wird. Darum schwöre mir nun bei dem Ewigen, dass du mein Geschlecht nach mir nicht vernichten wirst. Und David schwor es Saul. Da kehrte der König heim, während David und seine Gefährten an eine hohe und wohlbefestigte Stätte hinaufstiegen. » (1 Samuel 24:3-23)
235. Versöhnung Sauls und Davids. Die Szene ist ergreifend, obgleich man kaum versteht, warum David sich in seiner Demut mit einem krepierten [474] Hund und mit einem Floh vergleicht; und diese Episode wäre überaus schön gewesen, wenn sie ganz anders gewesen wäre, was die Umstände der Begegnung anbelangt. Saul, von David verschont, als er in eine Grotte gekommen war, um Kaka zu machen! Man muss zugeben, dass der Heilige Geist Besseres hätte finden können; und da Gott darauf Wert gelegt hat, dass die Tatsachen sich so ereigneten, ist es unbestreitbar, dass er sich, wenn nicht eine Mystifikation, so doch einen Scherz von zweifelhaftem Geschmack erlaubt hat. Die Klerikalen heulen gegen gewisse Bücher [475] von Émile Zola, in denen dieser naturalistische Romancier den Hintern der Mouquette (Gestalt aus Zolas „Germinal“, 1885, berühmt dafür, dass sie den Bürgern ihren Hintern zeigt; der furzende Landbewohner ist Hyacinthe Fouan, genannt Jesus Christus, in „La Terre“, 1887) und die Fürze eines Landbewohners in Szene gesetzt hat; aber die Romane Zolas erheben nicht den Anspruch, heilige Bücher zu sein, und niemals wird jemandem der Gedanke kommen, eine Religion zu gründen, indem er sich auf Germinal oder auf la Terre stützt. Während die Tauber-Ente in Verve (fr. „en verve“, eine Redewendung: voll witziger Eingebung) war, hätte sie hinzufügen können, dass David in seiner Überstürzung beim Herauskommen aus der Höhle, um seinem Schwiegervater nachzulaufen, den Fuß in [476] den Kothaufen Sauls setzte und dass es ihm Glück brachte (ein französischer Aberglaube: wer mit dem linken Fuß in Kot tritt, dem bringt es Glück). Aber gleiten wir darüber hinweg (fr. „glissons“, das auch „rutschen wir aus“ bedeutet: Taxil spielt auf den Kothaufen an), oder, besser gesagt, halten wir uns nicht dabei auf. Das zweite Mal, als der Sohn Isais seine Seelengröße zeigte, waren die Umstände weniger wohlriechend, oder doch beinahe. Während Saul und sein Heer bei Hachila lagerten, drang David in Begleitung eines gewissen Abisai des Nachts bis zum Zelt des Königs vor; diesmal war Jehova regelrecht Mitschuldiger seines geliebten Gesalbten, wie man gleich sehen wird. « Saul schlief, und seine Hellebarde steckte zu seinen Häupten in der Erde, und Abner und das Volk lagen in den anderen Zelten, rings umher. Da sprach Abisai zu David: Heute hat dir Gott deinen Feind überantwortet; so erlaube nun, ich bitte dich, dass ich ihn mit seiner eigenen Hellebarde schlage und ihn mit einem einzigen Schlag an die Erde nagle; ich fühle mich stark genug, um nicht zweimal schlagen zu müssen. David antwortete Abisai: Nein, töte ihn nicht; denn wer ist der, der eine mörderische Hand an einen Gesalbten des Herrn legen und unschuldig sein könnte? Aber siehe, das wollen wir tun: nehmen wir, ich seine Hellebarde und du das Gefäß, das bei seinem Bette ist (fr. „le vase qui est auprès de son lit“: die Bibel Ostervalds hat hier und in den beiden anderen Versen „le pot à eau qui est à son chevet“, den Wasserkrug zu seinen Häupten; Taxils „vase“ beim Bett ist ein „vase de nuit“, ein Nachttopf, daher der am Ende), und gehen wir davon. Sie nahmen also bei dem Bette die Hellebarde und das Gefäß Sauls und zogen aus dem Lager fort, ohne von jemandem gesehen zu werden; denn sie schliefen alle, weil der Ewige einen überaus tiefen Schlaf auf sie hatte fallen lassen. Und als David auf einer Anhöhe war, die recht weit von dort entfernt war, rief er am Morgen aus allen Kräften: Abner, Abner, wirst du nicht antworten? Und Abner antwortete: Wer bist du, der du dort drüben so laut rufst? Da rief David diese Worte: Du bist ein tapferer Mann, Abner, und wer ist dir gleich in Israel? Keiner wiegt dich auf, und doch hast du den König, deinen Herrn, nicht zu behüten gewusst; denn es ist jemand gekommen, um Saul zu töten. Du tust deinen Dienst nicht gut; beim lebendigen Gott, du und deine Soldaten, ihr verdient den Tod, weil ihr den König, den Gesalbten des Ewigen, so schlecht behütet habt. Und nun sieh, wo die Hellebarde des Königs ist und das Gefäß, das bei seinem Bette war. Als Saul dieses Geschrei hörte, erwachte er und erkannte die Stimme Davids. » (1 Samuel 26:7-17) — Die Episode endet wie die vorige, nur mit dem Unterschied, dass der Sohn Isais sich nicht mehr mit einem krepierten Hund vergleicht, sondern nur noch mit einem Floh; außerdem gibt er die Hellebarde zurück, aber nicht den Nachttopf. [477] Man fragt sich, warum Saul zu den Verfluchten der Bibel zählt. Wenn man bei sich eine rein menschliche Überlegung anstellt, macht dieser König recht gut den Eindruck eines wackeren Mannes; seine Wutanfälle gegen David sind die Folge des bösen Odems, und übrigens ist der Sohn Isais ein übler Geselle. Wenn Saul nicht unter dem Einfluss des bösen Odems steht, wenn er in seiner natürlichen Verfassung ist, widerstrebt ihm die Grausamkeit; überdies ist er ein Patriot, während wir weiter unten sehen werden, wie David sich mit seinen Flibustiern in das Heer der Philister anwerben lässt. Nun sagen uns die Priester, dass man die Dinge nicht mit den Augen der Vernunft betrachten darf; man muss annehmen, was Glaubensartikel ist, und wenn man sich so unterwirft, begreift man bald, dass im Plan Gottes alles in Ordnung aufeinander folgt; was unerklärlich schien, wird erstaunlich klar. Schließen wir also für einige Augenblicke unsere Vernünftleraugen; wir werden alsbald eine Offenbarung der gerechten Gründe des Fluches haben, der so schwer auf Saul lastete. Wo ist diese Offenbarung? In dem Nachttopf, den David mitnahm. Glauben Sie nicht, dass ich scherze. Wir wissen, dass Jehova sehr versessen auf Gemetzel ist; nun begann Saul mit einem Sieg über die Ammoniter, die Jabes belagerten; aber ganz erfüllt von der Freude, diese Stadt befreit zu haben, widersetzte er sich dem Abschlachten der gefangenen Feinde; Saul befolgte also das göttliche Gesetz nicht. Der Nachttopf aus dem Lager von Hachila ist ein entscheidender Beweis für die beständige Rebellion dieses Königs gegen Gott. Sie können sie unmöglich vergessen haben, nicht wahr? die ausdrücklichen Vorschriften Zebaoths über die Art, in Kriegszeiten Kaka zu machen: man muss aus dem Lager hinausgehen, ein kleines rundes Loch graben usw. (Deuteronomium 23:12-14) Nun wagte dieser Saul, sich den Luxus eines Nachttopfs zu leisten! Wenn das nicht schamlose Gottlosigkeit ist, was ist es dann?... Nach alledem darf man sich nicht wundern, dass Gott bereut hat, dass er Saul hatte salben lassen, und dass er seine ganze Zuneigung auf David übertragen hat, der ohne jeden Zweifel mit untadeliger Orthodoxie die Hose heruntergelassen (fr. „poser culotte“, eine derbe Redewendung: seine große Notdurft verrichten) haben muss. Daher ließ Jehova niemals eine Gelegenheit entgehen, zu zeigen, dass er David beschützte, weil dieser so recht der Mann nach seinem Herzen war. Kosten Sie die Geschichte von Nabal und Abigail aus. Fassen wir zusammen, wobei wir der biblischen Erzählung buchstäblich folgen; [478] das heißt, übersetzen wir Wort für Wort, aber streichen wir die Wiederholungen und die Längen. « Es war in der Wüste Maon ein sehr reicher Mann, der besaß auf dem Karmel dreitausend Schafe und tausend Ziegen; und er ließ seine Schafe auf dem Berge Karmel scheren. Sein Weib, Abigail, war klug und überaus schön anzusehen. David sandte zehn seiner Gefährten zu Nabal, ihm zu sagen: Wir kommen an einem guten Tage; gib uns und gib David alles, was du kannst.
236. Nabal weigert sich, sich von David requirieren zu lassen. Nabal antwortete: Wer ist dieser [479] David? man sieht nur noch schlechte Knechte, die ihrem Gebieter entlaufen sind; wahrlich ja! ich ginge hin und gäbe mein Brot, mein Wasser und meine Hammel Leuten, die ich nicht kenne! Da sprach David zu seinen Gefährten: Ein jeglicher nehme sein Schwert! Und David nahm auch sein Schwert, und er zog mit vierhundert Mann auf Nabal zu und ließ zweihundert andere zurück, um über das Gepäck zu wachen. Aber die schöne Abigail nahm zweihundert Brote, zwei Fässchen Wein, fünf fertig zugerichtete Hammel, fünf Maß [480] geröstetes Korn, hundert Päckchen Rosinen und zweihundert Körbe getrocknete Feigen und lud sie auf Esel; dann, als sie auf einen Esel gestiegen war, zog sie David entgegen. Und als Abigail ihn erblickt hatte, beeilte sie sich, von ihrem Esel herabzusteigen, fiel vor David auf ihr Angesicht und betete ihn an; und sie sprach zu ihm: Mein Herr, ich flehe dich an, diesen nichtswürdigen Menschen, Nabal, meinen Ehemann, zu verachten; denn es ist Wahnsinn in ihm; aber siehe, hier sind Geschenke, die deine Magd meinem Herrn darbringt, für ihn und seine Gefährten; es möge dir gefallen, mein Herr, sie mit Güte anzunehmen. Da sprach David zu Abigail: Gesegnet sei der Ewige, der dich mir entgegengesandt hat! und gesegnet seist du selbst, die du mich heute gehindert hast, bis zum Blut zu kommen! denn sonst, so wahr Gott lebt, wäre Nabal morgen früh nicht mehr am Leben, und es wäre nicht einer von seinen Leuten übrig geblieben, der gegen die Mauern hätte pissen können! Nun starb Nabal nach zehn Tagen, geschlagen von Jehova, der im Herzen Abigails gelesen hatte (fr. „qui avait lu dans le cœur d’Abigaïl“: die Bibel Ostervalds hat „l’Éternel frappa Nabal, et il mourut“, der Ewige schlug Nabal, und er starb, und ebenso Voltaire: der Beweggrund Jehovas ist Taxils Zusatz, geschöpft aus dem „heftigen Verdacht“, von dem Voltaire in einer Anmerkung berichtet). Und als David erfahren hatte, dass Nabal tot war, sprach er: Gesegnet sei der Ewige, der mich für die Schmach gerächt hat, die ich empfangen hatte, und der die Bosheit Nabals auf ihn selbst hat zurückfallen lassen!
237. Gott trifft Nabal mit dem Blitz; David ehelicht seine Witwe. Dann sandte er Boten zu Abigail, um ihr anzutragen, sie zum Weibe zu nehmen. Da erhob sie sich in aller Hast, stieg auf einen Esel, gefolgt von fünf Mägden, und sie zog hinter den Boten Davids her; und David ehelichte sie noch am selben Tage. David ehelichte auch Ahinoam von Jesreel; sodass alle beide zusammen seine Weiber waren. Saul andererseits, da er das wusste, gab Michal, die erste Gattin Davids, dem Phalti, dem Sohn des Lais, der von Gallim war. » (1 Samuel 25:2-44) Die Kritiker weisen darauf hin, dass man, hätte man die Geschichte eines Räubers, eines Wegelagerers schreiben wollen, es nicht anders angefangen hätte. Zwar bezeichnet der Verfasser, der David verherrlicht, Nabal als einen brutalen und groben Menschen; aber das Betragen Davids ist nichtsdestoweniger empörend, wenn diese Episode wahr ist. Wir sind hier an dem Zeitpunkt angelangt, an dem die Geschichte des jüdischen Volkes wirklich beginnt; von Saul an nämlich nehmen die Ungewissheiten ab. Allerdings werden wir noch eine gute Anzahl mehr oder weniger außerordentlicher Wunder antreffen; aber sie scheinen von nun an nur noch dazu bestimmt, die Biographie von Persönlichkeiten auszuschmücken, deren Dasein kaum bestritten wird. So [481] sagen die Kritiker über Nabal, der so wenige Tage, nachdem ihn seine in David verliebte Frau geplündert hatte, plötzlich starb, dass dieser Tod, auf den unmittelbar die Heirat Davids mit der schönen Witwe folgte, einen schweren Verdacht aufkommen lässt. Was den Text betrifft, der unter der Inspiration des Taubers geschrieben ist, so zögert er nicht, Jehova direkt eingreifen zu lassen, um diesen von seiner Gattin verachteten Ehemann zu töten, während doch Michal, die Tochter Sauls, die rechtmäßige Frau Davids ist; und durch dieses mörderische Eingreifen heiligt Gott den Ehebruch Davids, seines geliebten Gesalbten. Man muss zugeben, dass das eine drollige Moral ist! Zu jener Zeit starb Samuel; « und das ganze Israel versammelte sich und beweinte ihn, und man bestattete ihn in seinem Hause zu Rama » (1 Samuel 25:1); was ihn nicht daran gehindert hat, wie Mose, in seinem Buch Tatsachen zu erzählen, die nach seinem Tod liegen.
238. Heiliger Tod des Propheten Samuel. Auf diesem Terrain ist es übrigens Samuel, der den Rekord hält. Mose hat sich nämlich darauf beschränkt, von seinem Leichenbegängnis und von der Trauer des Volkes zu berichten und den Ort seines Begräbnisses anzugeben, während die posthume Erzählung Samuels das Ende der Regierung Sauls und die ganze Regierung Davids, seines Nachfolgers, umfasst; achtunddreißig Kapitel von Ereignissen, deren Zuschauer der Schriftsteller war, obgleich verstorben. Das ist mal ein Wunder!... Wie konnte Samuel, der all das mit den Augen seiner Seele sah, die in der anderen Welt war, auf Erden die Schilderung davon mit der Hand seines Leibes schreiben, der tot und begraben war? Das ist mal ein Geheimnis! Suchen wir es also nicht zu ergründen, und begnügen wir uns damit, sehr glücklich darüber zu sein, dass der verstorbene Prophet die Güte gehabt hat, weiterhin der Historiker der zwei Könige zu sein, die er gesalbt hatte. So meldet uns der selige Samuel, ohne sich darüber zu entrüsten, dass « David mit den sechshundert Mann, die bei ihm waren, zum König von Gath, einem Philister, dem Sohn Maochs, hinüberging. » (1 Samuel 27:2). Achis wies ihm die Stadt Ziklag als Residenz an, und der geliebte Gesalbte Jehovas wohnte ein Jahr und vier Monate unter den Feinden seiner Nation (27:6-7). « Während dieser Zeit nun zog David oft auf Expedition zu den Leuten von Gessur, von Girsi und von Amalek (die, im Vorbeigehen gesagt, Verbündete des Achis waren), und er säte Verwüstung in diesen Ländern; er ließ weder Mann noch Weib am Leben, und er bemächtigte sich der Schafe, der Ochsen, der Esel, der Kamele und der Kleider. Dann kehrte er zu den Philistern zurück und [482] kam zu Achis. Und wenn der König Achis zu ihm sprach: Wo hast du heute deine Streifzüge gemacht? so antwortete ihm David: Ich habe im Mittagsland die Leute von Juda (Israeliten) geplündert; oder aber die Jerahmeeliter und die Keniter (Feinde der Philister). Und David, statt Gefangene zu machen, die er nach Gath gebracht hätte, tötete alle, die er plünderte, damit niemand die Stimme gegen ihn erheben könnte. Achis traute also David und sprach: Er tut Israel viel Übles an und macht sich so bei den [483] Juden sehr verhasst; darum wird er mir allezeit treu sein. » (1 Samuel 27:8-12) Nun, wie finden Sie den geliebten Gesalbten?... Die Kritiker erinnern daran, dass David zuerst vor dem König Achis, bei dem er sechzehn Monate lang Zuflucht suchen sollte, den Narren und den Schwachkopf spielte, und sie merken an, dass dies durchaus keine ausgezeichnete Art ist, bei einem Monarchen Vertrauen zu erwecken, dem man im Krieg zu dienen gedenkt, wie man weiter unten sehen wird; aber, fügen sie hinzu, die Art, wie David diesem [484] König, seinem Wohltäter, dient, ist noch außerordentlicher: er macht ihm weis, dass er seine Räuberei gegen die Israeliten ausübt, während er die Verbündeten des Achis plündert und niedermetzelt; er tötet alles, er rottet alles aus, selbst die Kinder, aus Angst, sie könnten reden. Aber wie konnte dieser König sechzehn Monate lang in Unkenntnis des wahren Sachverhalts bleiben? Dieser König Achis muss schwachköpfiger gewesen sein, als David sich vor ihm gestellt hatte... Was die Theologen betrifft, so bringt sie das Betragen des geliebten Gesalbten nicht in Verlegenheit; sie sagen, dass David in diesem Bürgerkrieg nicht mehr seine Landsleute verheerte und dass wenig daran liegt, dass er seine Verbündeten verraten und abgeschlachtet hat, da es Ungläubige waren; mehrere gehen sogar so weit, ihn als den Vollstrecker der göttlichen Rache anzusehen, und sie sprechen ihn in diesem Fall von jeder Sünde los. Im folgenden Kapitel rüsten sich die Philister zum Krieg, um die Israeliten zu bekämpfen, und David wird vom Schildknappen und Schwiegersohn Sauls, seines Königs, zum Hauptmann der Garde des philistäischen Königs (1 Samuel 28:1-2). Da sind wir nun bei der so bekannten Episode mit der Pythonisse von Endor angelangt. Um uns nach dem Brauch zu richten, werden wir die Hexe, die Saul konsultierte, so nennen, obgleich genau genommen der hebräische Text der Bibel kein Wort enthält, das Python oder Pythonisse ähnelt. Buchstäblich muss man lesen: « ein Weib, das einen Ob hat »; es ist die Vulgata, das heißt die Übersetzung des heiligen Hieronymus, die « Ob » in « Pythongeist » verwandelt hat; was ein Anachronismus ist. « Als nun die Philister sich in Waffen zu Sunem versammelt hatten, sammelte auch Saul das israelitische Heer, das sich bei Gilboa lagerte; und er wurde von Furcht ergriffen. Dann, als er den Ewigen konsultierte, erhielt er keine Antwort von ihm, weder durch die Träume noch durch die Priester noch durch die Propheten. Da sprach Saul zu seinen Knechten: Suchet mir ein Weib, das einen Pythongeist hat (im hebräischen Text: ein Weib, das einen Ob besitzt (hebräisch „ob“: der dienstbare Geist der Frau, der durch ihren Mund spricht; Luther übersetzt „Wahrsagergeist“)), damit ich zu ihr gehe und durch ihren Dienst erfahre, was mir widerfahren soll. Seine Knechte antworteten ihm: Zu Endor ist eine Pythonisse (im hebräischen Text: ein Weib, das einen Ob besitzt). Saul verkleidete sich und begab sich nach Endor, begleitet von zweien seiner Knechte. » (v. 4-8) Wir haben bereits die religiösen Entlehnungen festgestellt, welche die Juden bei den Ägyptern und bei den Syrern gemacht haben. Ob war eine [485] syrische Gottheit, deren Statuen mit einer dumpfen und hohlen Stimme, die aus der Erde zu kommen schien, Orakel erteilten; mit anderen Worten, die Priester und Priesterinnen des Ob waren gewöhnliche Spaßvögel, die sich der Ausübung der Bauchrednerei hingaben, sodass ihr Götze vorgeblich eine prophetische Stimme hatte, welche die Gaffer mehr oder weniger gut hörten. Die Pythonissen gingen nicht ebenso vor: sie selbst waren es, die in einem Anfall heiligen Wahnsinns sprachen. Die berühmteste von allen war in Delphi ansässig, im Tempel des Apollo, wo sich die Haut der monströsen Schlange namens Python befand, die der junge Gott, erst vier Tage alt, wie man sagt, mit Pfeilschüssen tötete; dort gab es ein sehr tiefes Loch, aus dem wer weiß was für Dämpfe entströmten, natürliche oder durch irgendeinen Winkelzug der Priester erzeugte, und diese Dämpfe standen in dem Ruf, die Priesterin zu inspirieren, die auf einem eisernen Dreifuß saß, der über dem Loch aufgestellt war; diese Frau, sorgfältig aus einer armen Familie ausgewählt, war speziell dem Dienst des Tempels von Delphi zugeteilt; sobald sie auf dem Dreifuß saß, bekam sie eine Krise, die man nicht besser als mit einem hysterischen Anfall vergleichen könnte und während deren sie, oft mit Schaum auf den Lippen, zusammenhanglose Worte aussprach, welche die Priester alsbald niederschrieben; sie fügten sie so gut es ging zusammen, gaben ihnen einen Sinn, und das waren die famosen Orakel des Apollo, die bei den Massen ebenso viel Wert hatten wie eine Bulle des Papstes im Mittelalter. Weil der Dreifuß mit der Haut der Schlange Python bedeckt war, hieß die inspirierte Priesterin von Delphi die « Pythia ». Der Tempel von Delphi bekam, wie man sich wohl denken kann, bald zahlreiche Konkurrenten in allen Ländern, in denen die Religion das griechische Heidentum war; die Nachahmerinnen der Pythia wurden « Pythonissen » genannt. Man begreift daher kaum, warum der heilige Hieronymus die Hexe von Endor, Priesterin des syrischen Gottes Ob, als Pythonisse bezeichnet hat; denn bei der Konsultation, die sie Saul gibt, operierte sie durchaus nicht nach delphischer Mode; sie gerät in keine Krise, sie hat nicht den geringsten Dreifuß; eine Pythonisse ohne Dreifuß, das ist wie eine Kartenlegerin ohne Kartenspiel. Außerdem hat der von der Vulgata gebrauchte Ausdruck, « ein Weib, das den Pythongeist hat », keinerlei Sinn, da der sogenannte Geist, der die Pythonissen inspirierte, [486] der des Apollo war und nicht der der Schlange, die er getötet hatte. Nach diesen Bemerkungen sehen wir uns die biblische Erzählung in der Übersetzung des heiligen Hieronymus an. « Saul kam des Nachts zu diesem Weibe und sprach zu ihr: Ich bitte dich, sei mir eine Wahrsagerin durch deinen Pythongeist und lass vor mir den Toten heraufsteigen, den ich dir nennen werde. Aber das Weib antwortete ihm: Weißt du denn nicht, dass Saul die ausgerottet hat, welche den Pythongeist haben, und dass er [487] die Wahrsager zum Tode verurteilt? warum stellst du mir eine Falle, um mich zu Tode zu bringen? Da leistete ihr Saul diesen Eid: So wahr Gott lebt, es soll dir um dieser Sache willen kein Übel widerfahren. Und die Pythonisse sprach zu ihm: Nun wohl, wen soll ich beschwören? Er antwortete: Lass mir Samuel heraufsteigen. Als nun dieses Weib Samuel erscheinen sah, rief sie aus, indem sie Saul anredete: Warum hast du mich getäuscht? denn du bist Saul. Der König antwortete ihr: Ich wiederhole es dir, fürchte nichts; aber sage mir, was du [488] gesehen hast? Da sprach das Weib zu ihm: Ich habe etwas wie einen Gott gesehen, der aus der Erde hervorkam. Er fragte sie weiter: Wie ist er gestaltet? Sie antwortete: Es ist ein Greis, der heraufsteigt, und er ist mit einem großen Mantel bedeckt. An diesem Zeichen begriff Saul, dass es wirklich Samuel war, den die Pythonisse sah; und er warf sich nieder, das Angesicht zur Erde. » (v. 8-14) « Samuel sprach zu Saul: Warum hast du meine Ruhe gestört, indem du mich beschwören ließest? Der König antwortete ihm: Weil ich in großer Verlegenheit bin; die Philister führen Krieg gegen mich; Jehova ist von mir gewichen, und er hat mir nicht mehr antworten wollen, weder durch die Propheten noch selbst durch Träume; darum habe ich dich angerufen, damit du mich hören lässt, was ich tun soll. Samuel sprach zu ihm: Da Jehova von dir gewichen ist, so heißt das, dass er dein Feind geworden ist; warum konsultierst du dann mich? Jehova vollbringt in diesem Augenblick, was er dir durch meine Stimme angekündigt hatte; er hat dein Königreich zerrissen; er hat dir das Königtum zurückgenommen, und er hat es einem deiner Untertanen gegeben, das heißt David. Was dir da widerfährt, hat seine Ursache in deinem Ungehorsam gegen Gott, als du den König der Amalekiter verschontest. Deshalb wird Israel mit dir in die Hände der Philister überantwortet werden; und morgen, du und deine Söhne, ihr werdet bei mir sein. Als Saul diese Worte Samuels hörte, fiel er ausgestreckt der Länge nach zu Boden; und die Kräfte verließen ihn, denn er hatte diesen ganzen Tag über keine Speise zu sich genommen, noch die ganze Nacht. » (v. 15-20)
239. Der Schatten Samuels erscheint Saul. « Da trat die Pythonisse zu Saul, und da sie sah, dass er überaus verstört worden war, sprach sie zu ihm: Deine Magd hat dir gehorcht, und siehe, dafür habe ich mein Leben gewagt. Nun, ich bitte dich, lass es zu, dass ich dir einen Bissen Brot vorlege, damit du isst und Kräfte hast, um heimzukehren. Er weigerte sich zuerst; aber da seine Gefährten in ihn drangen, und ebenso dieses Weib, gab er ihrem Drängen nach; er stand also auf und setzte sich auf ein Bett. Nun hatte die Pythonisse bei sich ein Kalb, das sie mästete: sie ging hin und tötete es in aller Hast; dann nahm sie Mehl, knetete es und machte daraus ungesäuerte Brote. Sie legte das alles Saul und seinen Gefährten vor; sie aßen; endlich gingen sie davon. » (v. 21-25) Diese Episode mit der Pythonisse von Endor hat unter den Theologen zahlreiche Diskussionen hervorgerufen; was die [489] skeptischen Kommentatoren betrifft, so haben sie warme Kehlen daraus gemacht (fr. „en faire des gorges chaudes“, eine Redewendung: lärmend darüber spotten; die „gorge chaude“ ist in der Falknerei das warme Beutefleisch für den Falken), und das mit Recht! Zu allen Zeiten haben die Halunkenstreiche der Scharlatane die Leichtgläubigkeit der Schwachköpfe missbraucht, indem sie sie Konsultationen von hoher Phantasie sehr teuer bezahlen ließen. Hier bietet Saul der Hexe nicht nur nicht das geringste Kleingeld an; sondern sie ist es noch dazu, die ihn mit einem Souper bewirtet und die ihm zu Ehren ihr gemästetes Kalb tötet. Zudem lässt uns die biblische Erzählung einer höchst kindischen Konsultation beiwohnen. Üblicherweise zeigen die Beschwörer irgendein Phantom, das sich mit Hilfe eines Kniffs bewegt. Diese Pythonisse von Endor setzt sich nicht in so große Kosten: sie sagt, dass sie einen Schatten sieht, und Saul glaubt ihr aufs Wort; Saul hört zwar eine Stimme, während er niedergeworfen daliegt, das Antlitz zur Erde, aber man darf nicht vergessen, dass die Pythonisse der Vulgata nach dem hebräischen Text eine Prophetin des Ob ist, des Gottes, dessen Priesterinnen mit sehr gutem Recht im Verdacht stehen, schlaue Bauchrednerinnen gewesen zu sein. Überall außer in der Heiligen Schrift, sagt Voltaire, würde diese Geschichte für ein recht schlecht gemachtes Zauberermärchen gelten; aber da ein heiliger Verfasser sie geschrieben hat, ist sie unzweifelhaft: sie verdient ebenso viel Achtung wie alles Übrige. Was die Theologen betrifft, so ziehen sie zwar die Wahrhaftigkeit der Episode nicht in Zweifel, haben sich aber über die Identität des von der Hexe beschworenen Phantoms nicht festgelegt. Der heilige Justinus räumt in seinem Dialog gegen Tryphon ein, dass die Magier bisweilen durch eine Art Duldung Gottes die Seelen der Gerechten und der Propheten haben beschwören können, die, so sagen sie, alle in der Hölle waren, obgleich sie ein heiliges Leben geführt hatten, und die dort blieben, bis Jesus nach seinem Tod selbst dorthin hinabstieg, um sie daraus herauszuziehen, nach dem christlichen Dogma; folglich konnte nach dem heiligen Justinus das Phantom von Endor gar wohl die Seele Samuels selbst sein. Origenes, ein anderer Kirchenvater, geht weiter: Nach ihm ließ die Pythonisse Samuel nicht nur der Seele nach, sondern auch dem Leibe nach kommen, und als Beweis für die Materialität des Wiedergängers führt er den Mantel an; was den Neugierigen die Frage erlaubt, ob man in der Hölle Mäntel hat, und vor allem unverbrennbare Mäntel. Aber die modernen Theologen folgen denen der [490] ersten Jahrhunderte des Christentums nicht nach: Sie fühlen das Lächerliche dieser Auslegung des Origenes und des heiligen Justinus, nach der Magier und Hexen, Handlanger des Teufels, die Gewalt hatten, Heilige vor sich zu zitieren, und sie erklären, dass das Phantom kein anderer als Luzifer oder irgendein anderer Dämon war, der sich für Samuel ausgab. Jedoch muss man sagen, dass diese Kasuisten den Text der Bibel selbst gegen sich haben; denn der heilige Verfasser, weit davon entfernt, [491] einen zweifelnden Ausdruck für die Erscheinung zu gebrauchen, sagt ausdrücklich, dass es Samuel war, der zu Saul sprach: Die Beschwörerin « sah Samuel », und nicht einen Schatten, der dem verstorbenen Propheten glich; dreimal steht im Text: « Samuel sprach zu Saul », und « Samuel sprach zu ihm », und weiter « Saul, als er diese Worte Samuels hörte »; und schließlich fragt Samuel, warum man seine Ruhe gestört hat. Nun weiß man, dass die kleinen Einzelheiten dieser Art in den Büchern der [492] Religion eine sehr große Bedeutung haben. In dieser gewichtigen Erörterung halten der heilige Justinus und Origenes also das richtige Ende (fr. „tenir le bon bout“, eine Redewendung: im Vorteil sein). Zudem stellt sich eine Frage, die nicht eben leicht zu lösen ist. Saul wird wirklich und wahrhaftig als ein Verfluchter dargestellt, seit dem Tag, an dem er sich gegen Agag, seinen Gefangenen, menschlich zeigte; die Gläubigen sehen in ihm einen Verdammten; das Vorurteil gegen Saul ist so stark, dass sein Name niemals einem Kind gegeben wird, nicht einmal bei den Juden, die sich von den abergläubischen Praktiken losgesagt haben; mit einem Wort, die Priester haben den Namen des ersten Königs von Israel so sehr geschmäht, dass er noch heute eine Art Abscheu erweckt. Nun, wenn man den heiligen Text genau prüft, so hat es stark den Anschein, dass Jehova sich im letzten Augenblick selbst Lügen gestraft hat und dass Saul gerettet worden ist. Samuel erklärt ihm nämlich: « Morgen, du und deine Söhne, ihr werdet bei mir sein »; und als Samuel so spricht, ist er in jener Hölle der Gerechten, die man nach der christlichen Theologie nicht mit der Hölle der Verdammten verwechseln darf; denn vor der durch Jesus Christus vollbrachten Erlösung gab es zwei Höllen: die der Verworfenen, wo Korah, Dathan und Abiram verschluckt wurden, und die der Erwählten, wo die Patriarchen, die Propheten und alle Heiligen des Alten Testaments darauf warteten, dass der Tod des Messias ihnen die Pforten des Himmels öffne. Wenn also Saul sich zu Samuel gesellt hat, dann in der Hölle der Gerechten; also ist Saul trotz seiner Verfluchung ein Erwählter gewesen. Das ist ein Widerspruch mehr, den es in der Bibel zu vermerken gilt. Das ist nicht alles. Wir haben weiter oben gesehen, dass es David gelang, zu verhindern, dass sich eine Weissagung Jehovas erfüllte. Jehova in Person hatte zu David gesagt: « Die Häupter der Stadt Kegila werden dich in die Hände Sauls überantworten. » (1 Samuel 23:12) David, der das gehört hatte, beeilte sich, ohne Trommel noch Trompete aus Kegila zu verduften, und er wurde nicht überantwortet. Saul ist weniger gerissen als sein Schwiegersohn: Dieser König glaubt an die Vorhersagen Samuels, da er ihn beschwören lässt, da er ihn befragt; und nachdem Samuel ihm angekündigt hat, dass er in jener Schlacht von Gilboa, die er sich den Philistern zu liefern anschickt, den Tod finden wird, ist er Simpel genug, trotzdem in den Kampf zu marschieren! er schließt keinen Frieden mit den Philistern! Man sollte meinen, der Erfüllung einer Weissagung, die ein Phantom gemacht hatte, das auf die Beschwörung einer Pythonisse aus der Erde herausgekommen war, müsste [493] leichter auszuweichen sein als der einer Weissagung des Ewigen Vaters, der selbst spricht. Zuletzt noch etwas, was all diese so komplexen Fragen wohl vereinfachen könnte: Ist man wirklich sicher, dass es je einen Saul und einen Samuel gegeben hat, und wäre ihre ganze Geschichte nicht eine neue Mystifikation des Verfassers der Bibel? Die Glaubenslosen weisen nämlich darauf hin, dass nur die jüdischen Bücher diesen König und diesen Propheten erwähnen, und dass die Annalen von Tyrus, die von Salomo gesprochen haben, niemals ein Wort von David gesagt haben... Freilich! es gibt eben nicht wenige Leute, die sich über das Schweigen der Zeitgenossen all dieser vom heiligen Schriftsteller in Szene gesetzten Gestalten wundern und die Mühe haben, zu verdauen: 1. den Kampf des Kleinen David gegen Goliath, einen mehr als vier Meter hohen Riesen, einen Reiterriesen, das heißt einen, der auf einem verhältnismäßig gigantischen Pferd saß; 2. die Geschichte Agags, der von einem ungefähr hundertjährigen Priester plötzlich in Stücke geschnitten wurde; 3. die Mitgift von zweihundert philistäischen Vorhäuten, von David abgetrennt und von Saul genau nachgezählt, der ihm zum Dank für dieses prächtige Geschenk seine Tochter gab; 4., usw. Wenn die Pythonisse von Endor noch obendrauf kommt, wird die Verdauung immer beschwerlicher... Heiliger Geist, steige herab in uns! es geht nicht hinunter!... Indessen war David immer noch im philistäischen Heer; er hatte seinen Platz « in der Nachhut » gewählt. Das 29. Kapitel lässt uns wissen, dass die Statthalter des Lagers von Aphek ihn nicht gern in ihren Reihen sahen und vom König Achis seine Entlassung forderten. Während dieser Präliminarien plünderten und verbrannten die Amalekiter Ziklag, die Residenzstadt des geliebten Gesalbten; bei ihrer Rückkehr aus dem philistäischen Lager fanden David und seine sechshundert Flibustier weder ihre Frauen noch ihre Kinder mehr; die Amalekiter hatten sie als Gefangene fortgeführt (1 Samuel 30:1-3); was zumindest eines beweist, nämlich dass diese Feinde der Juden nicht deren Barbarei hatten, keine Niedermetzler waren. Die beiden Gattinnen Abigail und Ahinoam waren unter den Gefangenen. David machte sich auf, den Amalekitern nachzujagen, holte sie ein und schlachtete sie ab, nachdem er ihnen die Gefangenen beiderlei Geschlechts wieder abgenommen hatte. Das erste Buch Samuel schließt mit einer Erzählung vom [494] Tod Sauls, der im zweiten Buch gleich von seinem ersten Kapitel an auf ganz andere Weise dargestellt werden wird. Saul lieferte also die Schlacht von Gilboa, und das Heer Israels wurde gleich bei den ersten Gefechten geschlagen. « Und die Philister erreichten Saul und seine Söhne; und sie töteten Jonathan, Abinadab und Malchisua, die Söhne Sauls. Nun aber richtete sich die ganze Wucht des Kampfes wider den König, und die Bogenschützen verwundeten ihn mit ihren Pfeilen. Da sprach Saul zu seinem Schildknappen: Zieh dein Schwert und stoß es mir [495] durch den Leib, damit nicht diese Unbeschnittenen kommen und mich durchbohren und dabei über mein Unglück höhnen. Aber sein Schildknappe, durch diese traurigen Befehle in Grauen versetzt, wollte sie nicht ausführen. Saul nahm also sein Schwert und warf sich darauf. Da warf sich der Schildknappe, als er seinen Gebieter tot sah, auch auf sein Schwert und starb mit ihm. » (1 Samuel 31:2-5)
240. Selbstmord Sauls. « Die Israeliten, die jenseits des Tales wohnten, wo die Schlacht geliefert wurde, verließen, als sie die Zersprengung des jüdischen Heeres gesehen und [496] den Tod Sauls und seiner Söhne erfahren hatten, ihre Städte; so dass die Philister hineinzogen und sich dort niederließen. Und gleich am Tag nach der Schlacht kamen die Philister, die Leichname auszuplündern. Als sie die von Saul und seinen drei Söhnen gefunden hatten, schnitten sie dem König den Kopf ab und machten aus seinen Waffen eine Trophäe, die sie in der ganzen Umgegend und in ihrem Land umhertrugen, damit das Ergebnis des Krieges überall bekannt würde. Endlich legten sie seine Waffen in den Tempel der Astharoth und hängten seinen Leib an den Mauern von Beth-San auf. Nun aber erhoben sich die Einwohner von Jabes, als sie von diesen dem Leichnam Sauls zugefügten Schändungen Kenntnis erhalten hatten, machten einen Marsch, der eine ganze Nacht dauerte, nahmen den Leib des Königs von den Mauern von Beth-San ab und brachten ihn in ihre Stadt zurück, wo sie ihn mit denen seiner Söhne verbrannten. Dann begruben sie die Gebeine unter einer Eiche, bei Jabes, und sie fasteten sieben Tage zum Zeichen der Trauer. » (1 Samuel 31:6-13) Das zweite Buch Samuel beginnt mit einer ganz anderen Erzählung vom Tod Sauls. Der Widerspruch ist so flagrant, dass er verdient, hervorgehoben zu werden; er zeigt recht deutlich, mit welchem Sans-Gêne der heilige Verfasser die Glaubenden zum Narren hält. « Nachdem Saul tot war, blieb David, der eben die Amalekiter geschlagen hatte, zwei Tage zu Ziklag. » Der Verfasser hat schon vergessen, dass diese Stadt einige Tage zuvor durch den Brand gänzlich zerstört worden war. « Am dritten Tag sah man einen Mann erscheinen, der aus dem Lager Sauls zurückkam; dieser Mann hatte seine Kleider zerrissen und seinen Kopf mit Erde bedeckt, und als er zu David gekommen war, warf er sich vor ihm nieder. Als David ihn gefragt hatte, woher er käme, antwortete er: Ich bin aus dem Lager Israels entronnen. David befragte ihn weiter: Was ist geschehen? Ich bitte dich, erzähle es mir. Dieser Mann sprach: Die Israeliten sind im Kampf gewichen; die Zahl der Getöteten ist erheblich, und Saul und seine Söhne sind unter den Toten. Da sprach David zu diesem Jüngling: Woher weißt du, dass der König und Jonathan tot seien? Der Jüngling erzählte: Ich befand mich von ungefähr auf dem Berg Gilboa. Und siehe, da sah ich Saul, der sich auf seine Hellebarde lehnte; einige philistäische Reiter waren im Begriff, ihn zu erreichen. Als er hinter sich blickte, sah er mich und rief mich: Wer bist du? fragte er mich. Ich bin ein Amalekiter, antwortete ich. [497] Stelle dich fest über mich, fuhr er fort, und bringe mich zu Tode; denn ich bin in Pein, und sogar mein Leben ist noch ganz in mir. Ich habe ihm also gehorcht und ihn zu Tode gebracht. Ich habe die Krone genommen, die er auf seinem Kopf hatte, und das Armband, das er an seinem Arm trug, und ich bringe sie dir. Da zerriss David alle seine Kleider; alle Männer, die um ihn waren, ahmten ihn nach. Es gab allgemeine Trauer und ein Fasten von einem Tag. Da sprach David zu ihm: Wie hast du die Verwegenheit gehabt, deine Hand auszustrecken, um einen Gesalbten des Herrn zu entleiben? Dann rief er einen seiner Leute und befahl ihm, sich auf den Nachrichtenträger zu werfen; dieser wurde alsbald getroffen, und er starb. » (2 Samuel 1:1-15)
241. David beweint Saul und Jonathan. Worauf David ein Klagelied — die Bibel gibt es wieder — über das traurige Ende Sauls und Jonathans dichtete. Ich werde daraus nur diese Stelle herauslösen: « O Jonathan, mein Bruder! oh! wie bin ich in Pein um deinetwillen; du machtest mein ganzes Vergnügen aus; die Liebe, die ich für dich verspürte, war größer als die, welche ich für die Weiber habe (fr. „celui que j’ai pour les femmes“: die Bibel Ostervalds hat „plus grand que celui des femmes“, „größer als die der Weiber“, die Liebe, die Frauen schenken; Taxil macht daraus Davids Liebe zu den Frauen)! » (v. 26) Wir haben gleich zu Beginn dieses Werkes gesehen, dass die meisten Bücher, aus denen die Bibel besteht, von den Gelehrten aus verschiedenen Gründen angefochten werden. So behauptet die Kirche, dass diese Bücher von bestimmten Gestalten geschrieben worden seien, die darin die Ereignisse ihrer Zeit erzählen: Der Pentateuch sei das Werk des Mose; Josua sei der Verfasser des Buches Josua; Samuel der Verfasser der beiden Bücher Samuel. Indem die Kirche ihren Gläubigen diesen Glauben auferlegt, will sie diesen Büchern einen stärkeren Charakter der Wahrhaftigkeit verleihen; und wir haben gesehen, dass die Theologen, Bossuet an der Spitze, sich so erbosen, dass sie ganz rot werden, wenn man ihnen sagt, dass all das nachträglich fabriziert worden ist, zum großen Teil von Esra, nach der Babylonischen Gefangenschaft. Zur Stütze der Meinung der glaubenslosen Gelehrten ist hier im Vorbeigehen ein einfacher Satz aus dem 1. Kapitel des 2. Buches Samuel anzumerken, der es erlaubt, die Täuschung der Fabrikanten von Heiliger Schrift festzustellen. « Dieses Klagelied Davids über Saul und Jonathan, heißt es in Vers 18, findet sich auch geschrieben im Buch der Gerechten (fr. „Livre des Justes“, nach dem „liber justorum“ der Vulgata; Luther hat „Buch der Redlichen“, im Buch Josua „Buch des Frommen“). » Nun ist eben dieses Buch der Gerechten im Buch Josua erwähnt worden, und zwar beim Wunder von Sonne und Mond, die der Nachfolger des Mose anhielt: « Und die Sonne blieb stehen, und der Mond auch, bis das Volk das Blutbad vollendet hatte. Dies ist auch geschrieben im [498] Buch der Gerechten. » (Josua 10:13) Wenn Josua kein Mythos ist, so fand sein Wunder etwa fünf Jahrhunderte vor der Regierung Davids statt. Es ist folglich physisch unmöglich, dass Josua in einem von ihm geschriebenen Buch ein anderes Buch zitieren konnte, das nach dem sogenannten Samuel auch das Klagelied Davids über Saul und Jonathan wiedergibt. Dieses Buch der Gerechten, das die Bibel mehrmals nennt, ist von den Priestern unterdrückt worden; sie haben es [499] verschwinden lassen und sagen, dass es ein leider verlorenes Dokument sei. Seine Existenz ließ allzu deutlich erkennen, dass das Alte Testament nicht nach und nach von den Mose, Samuel, David usw. geschrieben worden ist, die getreulich die Ereignisse berichteten, deren Zeitgenossen sie waren. Aber man denkt nicht an alles: Die beiden Bibelverse, die ich soeben nebeneinander wiedergegeben habe, zeigen die Ohrenspitze, liefern den sicheren Beweis der priesterlichen Täuschung. [500] David also, der von Samuel geweiht worden war, betrachtete sich erst beim Tod Sauls als wirklich König; erst alsdann trat er als Souverän auf. Er konsultierte zuerst Jehova, um zu erfahren, welche Stadt die Hauptstadt seines Königreichs sein sollte, und Papa Lieber Gott bezeichnete ihm Hebron (2 Samuel 2:1). Dann appellierte er an das Volk; aber allein die Häupter des Stammes Juda kamen, ihn anzuerkennen, « und dort, zu Hebron, salbten sie David zum König über das Haus Juda » (v. 4). Der Sohn Isais wurde so zweimal gesalbt; was darauf hinausläuft, dass die Salbung Samuels nicht zählte. Worauf er in Hebron seine Frauen Abigail und Ahinoam installierte und, um sich über die Abwesenheit Michals, seiner ersten Gattin, der Tochter Sauls, zu trösten, sie durch vier neue Frauen ersetzte: Haggith, Abital und Egla, deren Familie uns der heilige Verfasser zu nennen versäumt, und Maacha, die Tochter S. M. Thalmai, des Königs von Gessur. Diese sechs Gattinnen scheinen recht gut miteinander ausgekommen zu sein. David brauchte einen Obergeneral. Man wird jenen Abisai nicht vergessen haben, der sein Gefährte war, als er bei Nacht in das Lager von Hachila eindrang, und der Saul seinen Nachttopf stibitzte, während David seine Hellebarde davontrug. Abisai, der Sohn der Zeruja, hatte zwei Brüder namens Joab und Asahel; Joab war es, den David an die Spitze seines Heeres stellte, und wir werden ihn während der ganzen Regierung eine wichtige Rolle spielen sehen. « Die Zahl der Tage, die David zu Hebron über den Stamm Juda regierte, war sieben Jahre und sechs Monate. » (v. 11) Andererseits erkannte Abner, der Obergeneral Sauls, den Erwählten Judas nicht an. Er präsentierte dem Volk Isboseth, den jüngsten der Söhne Sauls, und dieser nahm, von den elf anderen Stämmen akklamiert, den Titel eines Königs von Israel an und richtete seinen Hof in Mahanaim ein; seine Regierung dauerte nur zwei Jahre.
242. Der jüngste der Söhne Sauls ruft sich zum König aus. Es gab also Bürgerkrieg. Zu Beginn, als die Heere Israels und Judas beim Teich von Gibeon aufeinandergetroffen waren, schlug Abner Joab vor, zwölf junge Leute aus dem Stamm Benjamin gegen zwölf junge Anhänger Davids kämpfen zu lassen. Joab nahm an. « Da stellte sich ein jeder der Zwölf von jeder Seite seinem Gegner gegenüber und stieß ihm sein Schwert durch den Leib, so dass sie alle miteinander fielen, da sie sich gegenseitig durchbohrt hatten; und man nannte die Stätte Helkath-Hazzurim » (v. 16). Daraufhin entspann sich ein allgemeines Handgemenge; [501] die Anhänger Davids zersprengten die des Isboseth. Abner hatte die Flucht ergriffen, als er die Schlacht verloren sah. « Er lief, so schnell ihn seine Beine trugen, gejagt von dem Bruder Joabs, Asahel, der so leichten Fußes war wie ein Reh auf der Flur. Und Asahel jagte Abner nach, ohne sich zur Rechten oder zur Linken abzuwenden, sondern allein nach Abner trachtend. Nun blickte dieser in seinem Lauf hinter sich und sprach: Solltest du nicht Asahel sein? — Ja, ich bin es wirklich, antwortete Asahel. Da sprach Abner zu ihm, immer im Laufen: Höre auf, mir nachzujagen, und lauf lieber einem der jungen Leute meines Heeres nach; töte ihn, und ich erkenne dein Recht auf seine Beute an. Aber Asahel beharrte hartnäckig darauf, dem General nachzulaufen. Abner sprach wieder zu ihm: Wahrlich, du hast unrecht, mir nachzujagen; denn ich brauchte mich nur umzuwenden und dich zu töten; und ich beteuere dir, dass ich Kummer hätte, dich ums Leben zu bringen, weil ich danach nie mehr wagen würde, vor Joab, deinem Bruder, zu erscheinen. Und siehe, Asahel wollte nicht auf die Vernunft hören, und er jagte erst recht Abner nach, der floh. Da wandte sich Abner mit einem Mal um, und er traf ihn an der fünften Rippe mit dem Ende des Schaftes seiner Hellebarde, so dass seine Hellebarde ihn durchdrang und ihm zum Hintern herauskam (fr. „par le derrière“: die Bibel Ostervalds hat „sa hallebarde lui sortait par derrière“, „die Hellebarde fuhr hinten heraus“; mit einem einzigen hinzugefügten Artikel macht Taxil aus diesem „hinten“ den Hintern Asahels). Asahel fiel an Ort und Stelle tot hin; und die anderen Flüchtigen, die danach herankamen, blieben einen Augenblick stehen, um ihn anzublicken, wie er am Boden lag. » (2 Samuel 2:18-23) « Da stürzten Joab und Abisai los, Abner nachzujagen, und sie liefen so lange, dass die Sonne unterging, als sie an den Hügel Amma kamen, gegenüber von Giah. Diesmal blieben die Flüchtigen und die Nachjagenden stehen. Die Benjaminiter stellten sich um Abner auf, auf dem Gipfel des Hügels, und von dort rief Abner Joab diese Worte zu: Soll das Schwert ohne Unterlass verschlingen? weißt du nicht, dass Bitterkeit in einem solchen Krieg ist? Sage doch recht schnell deinen Männern, ihren Brüdern nicht mehr nachzujagen. Joab antwortete: Gott ist mein Zeuge, dass, wenn du heute Morgen so gesprochen hättest, die Meinen sich schon zurückgezogen hätten, da ein jeder Kummer hatte, gegen seine Brüder zu kämpfen. Joab also blies die Trompete, alle Soldaten Judas blieben stehen, sie jagten denen von Israel nicht mehr nach. So zog Abner, heil und gesund, über den Jordan und begab sich nach Mahanaim; andererseits zählte Joab sein Heer durch und sah, dass insgesamt neunzehn Anhänger Davids fehlten, außer [502] Asahel. Dagegen hatte das Heer Abners dreihundertsechzig Mann verloren. Und der Tag fing an zu dämmern, als Joab und seine Truppen nach Hebron kamen. » (2 Samuel 2:24-32) Es wäre schade gewesen, die Erzählung von dieser famosen Schlacht nicht wiederzugeben; denn da dies heilige Geschichte ist, von der Gottheit selbst diktiert, verdienen Eseleien wie die, welche man soeben gelesen hat, aufgezeigt zu werden. Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass gerade im Namen dieser Stupiditäten, die [503] für erhaben erklärt werden, Priester Beamte im Staat sind, dort Privilegien haben und dass das Geld der Steuerzahler dazu dient, ihre Kaste zu unterhalten, als ob sie Doktoren der edelsten Wissenschaften und Professoren der bewundernswertesten Wahrheiten wären. David, während elf Stämme sich weigerten, sein Königtum anzuerkennen, « befestigte sein Haus, indem er Kinder machte ». Der geliebte Gesalbte verlor keine Zeit, oh! nein. « Von Ahinoam hatte er Amnon als Erstgeborenen; von Abigail hatte er Chileab; von [504] Maacha hatte er Absalom; von Haggith hatte er Adonia; von Abital hatte er Sephatja; von Egla hatte er Jethream. Diese sechs Söhne Davids wurden zu Hebron geboren. » (2 Samuel 3:2-5) Eine Geschichte um eine Frau sollte bald darauf Abner zur Partei Davids übergehen lassen. Hier ist, wörtlich, die Anekdote: « Nun hatte Saul ein Kebsweib gehabt, namens Rizpa, eine Tochter Ajas. Und Isboseth sprach eines Tages zu Abner: Warum hast du bei dem Kebsweib meines Vaters gelegen? Abner, sehr erzürnt, antwortete ihm: Habe ich denn einen Hundskopf, dass du mir vorwirfst, mir ein Weib zugesprochen zu haben, mir, der ich dich gegen den Stamm Juda nach dem Tod deines Vaters und deiner Brüder unterstützt habe? Da es so ist, so lasse Gott seine strengste Hand schwer auf mir lasten, wenn ich nicht David deinen Thron gebe, wie Jehova geschworen hat, ihn ihm zu geben, und wenn ich nicht das Königtum vom Hause Sauls auf das Davids übertrage, von Dan bis Beer-Seba!... Isboseth, der Abner fürchtete, wagte nicht, ihm ein Wort zu antworten. Abner sandte also Abgesandte zu David, um ihm zu sagen: Verhandle mit mir, und ich will unter deinem Zepter ganz Israel vereinigen. David antwortete: Es sei, ich will mit dir verhandeln, unter einer einzigen Bedingung: nämlich dass wir nicht miteinander konferieren werden, bevor du mir meine liebe Michal, die Tochter Sauls, zurückbringst. Und außerdem sandte David Abgesandte zu Isboseth mit dieser Botschaft: Man gebe mir unverzüglich Michal zurück, mein erstes Weib, das ich um zweihundert Vorhäute von Philistern geehelicht habe! Isboseth ließ seine Schwester holen und nahm sie ihrem Ehemann Phalti, dem Sohn des Lais, weg. Und bis Bahurim folgte ihr der zweite Ehemann Michals, Phalti, und er weinte heiße Tränen, während er hinter ihr herging. Da sprach Abner zu Phalti: Jetzt geh rückwärts (fr. „marche en arrière“: die Bibel Ostervalds hat nur „Va, et retourne-t’en“, „Geh und kehre um“; das Rückwärtsgehen ist Taxils Zusatz), und zieh ganz allein ab. Phalti kehrte zurück. » (2 Samuel 3:7-16) So bekam David seine Gattin Nr. 1 zurück, an der ihm, wie man sieht, viel lag; aber er behielt nichtsdestoweniger die sechs anderen. Was Abner betrifft, so brachte ihm sein Verrat an Isboseth kein Glück. Als er sich nach Hebron begab, um mit dem Sohn Isais zu verhandeln, hatte er sich von zwanzig seiner Offiziere begleiten lassen; David gab ihm zu Ehren ein Festmahl, dann verabschiedete er ihn als Freund, damit er hinginge, die Israeliten zu überzeugen, dass David allein der rechtmäßige König sei. Aber Joab, der das erfahren hatte, entsandte Leute von den Seinen, die [505] Abner unterwegs abfingen und ihn nach Hebron zurückbrachten, unter dem Vorwand, dass David ihm noch etwas zu sagen habe. « Da nahm Joab Abner beiseite, um insgeheim mit ihm zu reden, und er tötete ihn, indem er ihn durch die Geschlechtsteile stach (fr. „par les parties génitales“: die Bibel Ostervalds hat „à la cinquième côte“, an die fünfte Rippe; die katholische Bibel Sacys hat „dans l’aine“, in die Leiste, nach dem „in inguine“ der Vulgata; erst Voltaire macht in La Bible enfin expliquée daraus die Geschlechtsteile, und Taxil übernimmt seine Worte). » Der Tod Asahels war gerächt. David verkündete auf die Nachricht von diesem Mord hin, dass er nichts damit zu tun habe. Das Blut Abners, rief er aus, falle zurück auf den Kopf Joabs! Er richtete dem Obergeneral des Heeres seines Nebenbuhlers sogar glänzende Leichenfeierlichkeiten aus. (2 Samuel 3:20-39) Die Situation war für Isboseth nicht lustig; eine große Zahl seiner Anhänger verließ ihn. Zwei seiner Hauptleute, namens Rechab und Baena, traten eines Tages, als es sehr heiß war und er nach seinem Mittagsmahl schlief, in seine Kammer und erstickten ihn auf seinem Bett. Stolz auf diese schöne Heldentat und in der Erwartung einer Belohnung brachten sie seinen Kopf zu David. David belohnte sie, indem er ihnen die Hände und die Füße abhauen ließ, zunächst; dann wurden Rechab und Baena an einem Galgen aufgehängt, den man über dem Teich von Hebron aufrichtete. Zuletzt ließ David den Kopf Isboseths im Grabmal Abners niederlegen. (2 Samuel 4).
243. Tragischer Tod Isboseths. Nachdem er siebeneinhalb Jahre in Hebron regiert hatte, regierte David dreiunddreißig Jahre in Jerusalem, das den Jebusitern gehörte und dessen er sich dank der endgültigen Vereinigung aller Israeliten unter seinem Zepter bemächtigte. « David wohnte in der Festung, der er den Namen Stadt Davids gab, und er baute ringsum Gebäude. Hiram, der König zu Tyrus, sandte ihm Gesandte, sowie Zimmerleute und Maurer, mit Zedernholz, um ihm einen Palast errichten zu lassen. » Erinnern wir daran, dass die Annalen von Tyrus dieser Gesandtschaft keinerlei Erwähnung tun und nicht einmal den Namen Davids anführen. Wie dem auch sei, die wirkliche Niederlassung des jüdischen Volkes beginnt mit der Einnahme Jerusalems; bis dahin waren die Israeliten nur eine vagabundierende Horde gewesen, die vom Raub lebte, von Berg zu Berg und von Höhle zu Höhle lief, ohne sich eines einzigen ansehnlichen Platzes bemächtigen zu können. Jerusalem liegt nahe bei der Wüste, auf dem Durchzugsweg aller Araber, die nach Phönizien zogen, um Handel zu treiben; die Lage war gut. Der Boden besteht zwar nur aus Kieseln und bringt nichts hervor; aber die drei Berge, auf denen die Stadt erbaut ist, machten sie zu einem sehr wichtigen Platz. Man sieht, dass [506] David an allem Mangel hatte, um dort Häuser zu bauen, die einer Hauptstadt angemessen waren, da ihm Hiram, der König von Tyrus, Holz, Zimmerleute und Maurer sandte; aber es ist nicht ersichtlich, wie David Hiram bezahlen konnte, noch welche Abmachung er mit ihm traf. David stand, sagt Voltaire, an der Spitze einer lange versklavten Nation, die sehr arm gewesen sein muss; die Beute, die er auf seinen Streifzügen gemacht hatte, kann ihn nicht sehr bereichert haben, da von keiner opulenten Stadt die Rede ist, die er geplündert hätte; [507] aber schließlich, obwohl die jüdische Geschichte uns keine Einzelheit über den Zustand gibt, in dem sich Judäa damals befand, obwohl wir nicht wissen, wie David es anstellte, dieses Land zu regieren, müssen wir ihn gleichwohl als den einzigen Gründer betrachten. Sobald er sich als Gebieter über Jerusalem und über fünfzehn bis zwanzig Meilen Landes sah, « nahm David noch Kebsweiber und ehelichte neue Weiber; und es wurden ihm noch Söhne und Töchter geboren. Dies sind die Namen der Söhne, die ihm zu Jerusalem geboren wurden: Sammua, [508] Sobab, Nathan, Salomo, Jibehar, Elisua, Nepheg, Japhia, Elisama, Eljada und Eliphalet. » (2 Samuel 5:13-16) Nachdem er sich selbst häuslich eingerichtet hatte, dachte David daran, Jehova eine angemessene Herberge zu geben, das heißt, die heilige Lade in seine Hauptstadt überführen zu lassen. « Er versammelte abermals die ganze Auslese Israels, dreißigtausend Mann an der Zahl, und, begleitet vom ganzen Stamm Juda, ging er hin, die Lade Gottes zu holen, über der man Zebaoth anruft, diese heilige Lade, in welcher der Ewige zwischen den Cherubim residiert. Man setzte also die Lade Gottes auf einen ganz neuen Karren, und sie nahmen sie im Flecken Gibea, wo sie war, im Hause Abinadabs (des Sohnes Sauls, der mit ihm bei Gilboa gestorben war) (in Wahrheit ein Namensvetter: der Abinadab, in dessen Haus die Lade seit 1 Samuel 7:1 verwahrt wurde, ist nicht der bei Gilboa gefallene Sohn Sauls, 1 Samuel 31:2); Usa und Ahjo, die Kinder Abinadabs, führten den Karren (2 Samuel 6:1-3)... Als man aber bei der Scheune Nachons angekommen war, glitten die Ochsen aus und neigten im Fallen die Lade; Usa hielt sie mit seinen Händen fest. Da entbrannte der Zorn Gottes wider Usa; Gott schlug ihn, und er fiel auf der Stelle tot nieder, vor der Lade Gottes. » (v. 6-7) « Da verspürte David an jenem Tage ein großes Erschrecken vor Jehova, und er sprach bei sich: Es wäre vielleicht gefährlich, wenn die Lade Gottes bei mir einzöge. Und er ließ sie in das Haus eines Mannes namens Obed-Edom stellen. » (2 Samuel 6:9-10) Wenn der Schriftsteller dieses Teils der Bibel nicht Samuel ist, so ist er dennoch aller Wahrscheinlichkeit nach Priester; denn was in dieser Erzählung vorherrscht, ist das Bestreben, die Laien daran zu hindern, die Lade anzurühren. Wir haben schon die entsetzliche Hekatombe von fünfzigtausendundsiebzig Neugierigen gesehen, die augenblicklich wie vom Blitz getroffen starben, weil sie in die heilige Schachtel geschaut hatten; der Verfasser schreckte, um Furcht einzuflößen, vor der Unwahrscheinlichkeit der Anekdote nicht zurück. Nun, was liegt daran, dass Gott schreiend ungerecht erscheint! da ist eine Lade, die, obgleich göttlich, nicht viel Platz eingenommen haben kann, da sie nur einen einfachen Karren ausfüllte, und dieser Karren muss überaus schmal gewesen sein, da er durch die Engpässe fuhr, die sich vom Berg Gibea bis zum Berg Jerusalem hinziehen; nun begleiteten die Priester den heiligen Kasten nicht, was kaum vorstellbar ist, und weil man nicht alle nötigen Vorkehrungen traf, um ihn am Fallen zu hindern, da ist nun dieser wackere Mann Usa, der [509] die Lade festhält, der sie vor einem Sturz bewahrt und der sich für seinen religiösen Eifer mit einem jähen Tod belohnt sieht! Man muss zugeben, dass das arg ist! Die Glaubenslosen, Milord Bolingbroke an der Spitze, haben also leichtes Spiel, wenn sie sagen, dass diese Erzählung für die göttliche Güte beleidigend ist und dass, wenn jemand schuldig war, es die Leviten waren, welche die heilige Schachtel verlassen hatten, und nicht der Laie, der sie stützte... Aber mit Erzählungen dieser Art erhielt man das unwissende Volk im Glauben an die Immunitäten und Privilegien, die Gott der Priesterkaste gewährt hatte. Eine andere Bemerkung: Diese rohen Anfänge der Regierung Davids beweisen, dass die jüdische Nation noch ebenso roh wie arm war und dass sie in Wirklichkeit noch kein Haus besaß, das angemessen genug gewesen wäre, um den Gegenstand ihres Kultes darin niederzulegen. Herr Obed-Edom, zum Hüter der Lade bestellt, hütete sich sorgsam, sie anzurühren; darum « segnete ihn der Ewige samt seiner ganzen Familie, und seine Geschäfte gediehen ». (2 Samuel 6:11) David, der nach Ablauf von drei Monaten festgestellt hatte, dass es auf diese Weise ein Mittel gab, nicht vom Blitz getroffen zu werden, ließ die Lade von Obed-Edom zurückfordern. Man überführte sie alsdann nach Jerusalem. Die Zeremonie der Überführung war feierlich, und der König bekundete bei diesem Anlass eine außerordentliche Freude: « David, umgürtet mit einem leinenen Ephod, sprang mit aller Kraft (sic) vor der Lade Gottes. » (v. 13) In seinem Frohlocken hob er sogar das Bein ein wenig zu hoch und zeigte... was er nicht hätte sehen lassen dürfen. Michal, seine Gattin Nr. 1, verhehlte ihm nicht, wie sie darüber dachte, nachdem die heilige Schachtel in einer Stiftshütte aufgestellt worden war, die man ad hoc errichtet hatte.
244. David tanzt vor der Lade. « Als David zu seinem Hause kam, um es zu segnen, ging ihm Michal entgegen und sprach zu ihm: Der König von Israel hat sich heute viel Ehre gemacht, indem er seine Blöße vor den Augen seiner Mägde aufdeckte, und er hat keine Scham darüber gehabt, wie es ein Narr täte! » (v. 20) Was Jehova betrifft, so war er von diesem wilden Tanz überaus befriedigt, und er bestrafte Michal dafür, dass sie an jenem Tag ihren Ehemann verachtet hatte; zu ihrer Züchtigung « hatte sie keine Kinder, bis an den Tag ihres Todes ». (2 Samuel 6:23) David hätte Jehova gern einen Tempel errichtet; aber der Gott der Juden widersetzte sich dem, er behielt diese Ehre Salomo vor. (2 Samuel 7) [510] Das Kapitel 8 ist den Siegen Davids gewidmet. « Danach schlug David die Philister, demütigte sie und befreite das israelitische Volk von dem Tribut, den es ihnen zahlte. » (2 Samuel 8:1) Man ist sehr erstaunt, dass der geliebte Gesalbte nach der Eroberung Jerusalems den Philistern noch Tribut gezahlt hat und dass es neuer Siege bedurfte, um die Juden von dieser kostspieligen Untertänigkeit zu befreien; das beweist, dass dieses Volk noch ein sehr kleines Volk war. « David überwand auch die Moabiter, und nachdem er sie besiegt hatte, ließ er sie [511] sich auf die Erde legen und mit Schnüren messen; ein Maß der Schnur war für den Tod, ein anderes Maß war für das Leben; und Moab ward dem Tribut unterworfen ». (2 Samuel 8:2) Die Art, wie David die Moabiter behandelt, ähnelt auffallend der heidnischen Fabel, die man über Busiris (das Bett ist das des Prokrustes, des Räubers, den Theseus tötete; Busiris, ein sagenhafter König Ägyptens, opferte die Fremden; die Verwechslung stammt von Voltaire, aus La Bible enfin expliquée, dessen Satz Taxil übernimmt, und der Vergleich bleibt bestehen) verzapft hat, der seine Gefangenen nach der Länge seines Bettes messen ließ; man schnitt ihnen die Glieder ab, die hinausragten, und man verlängerte durch Foltern die Glieder, die nicht lang genug waren. [512] « Dann überwand David noch Hadadeser, den König zu Zoba, in Syrien, und er stürzte seine Herrschaft am Strom Euphrat. Er nahm ihm siebzehnhundert Reiter und zwanzigtausend Fußsoldaten; er hieb allen Rossen seiner Kriegswagen die Kniekehlen durch, außer denen von hundert Wagen, die er sich vorbehielt. Als nun die Syrer von Damaskus dem Hadadeser zu Hilfe gekommen waren, tötete David ihrer zweiundzwanzigtausend. Er legte eine Besatzung in das Syrien von Damaskus, und ganz Syrien zahlte ihm Tribut. Er nahm die goldenen Waffen der Offiziere Hadadesers und brachte sie gen Jerusalem. » (2 Samuel 8:3-7) Er schloss einen Bund mit einem gewissen Thoi (fr. „Tobie“ im Text von 1904; Luther nennt diesen König von Hamath Thoi), König von Hamath, in der Geschichte ebenso unbekannt wie der König, den David besiegt hatte. « Und als er von seinem Feldzug in Syrien zurückkehrte, hieb er achtzehntausend Idumäer im Tal der Salinen in Stücke. » (v. 13) Mehrere Gelehrte bestreiten ausdrücklich diese Siege Davids in Syrien und bis zum Euphrat. Sie sagen, dass sie nirgends, bei keinem Geschichtsschreiber, erwähnt werden; dass man keinen König von Syrien namens Hadadeser kennt; dass David, wenn er seine Herrschaft bis an die Ufer des Euphrat ausgedehnt hätte, zu jener Zeit einer der größten Souveräne der Erde gewesen wäre, und dass folglich das absolute Schweigen aller Geschichtsschreiber über ihn unverständlich wäre. Kurz, für eine unhaltbare Übertreibung halten die Gelehrten diese angeblichen Eroberungen des Oberhaupts einer winzigen Nation, der Gebieterin einer einzigen Stadt, die noch nicht einmal gebaut war! Inmitten seines Ruhmes erinnerte sich David mit einem Mal an einen alten Diener Sauls, namens Ziba; er ließ ihn rufen und fragte ihn, ob nicht zufällig noch jemand aus der Familie des ersten Königs am Leben wäre. Ziba eröffnete ihm (David wusste das nicht!), dass Jonathan einen Sohn hinterlassen hatte, Mephiboseth, der mit der Zeit Papa geworden war; dieser Sprössling hieß Micha. Der Monarch hatte vom Sohn Jonathans keinerlei Konkurrenz zu fürchten, da Mephiboseth sich so ruhig verhielt, dass er so viele Jahre hindurch unbekannt geblieben war. Er gab Ziba und Mephiboseth Ländereien und wollte, dass Letzterer fortan seine Mahlzeiten nirgends anders mehr einnehme als im königlichen Palast (2 Samuel 9) « Von da an wohnte Mephiboseth zu Jerusalem, weil er beständig am Tisch des Königs aß; und er war lahm an beiden Füßen. » (v. 13) [513] David führte auch Krieg gegen die Ammoniter (2 Samuel 10), infolge eines üblen Scherzes ihres Königs Hanon. Eine gewisse Anzahl Juden befand sich auf der Reise im Gebiet Hanons; dieser « ließ ihnen die Hälfte des Bartes abscheren und die Hälfte ihrer Kleidung abschneiden, vom oberen Ende der Schenkel bis zu den Füßen; dann schickte er sie so zurück ». (v. 4) Selbstredend wurden die Ammoniter auf flache Naht geschlagen. Die Heilige Schrift hat uns vorhin die Söhne aufgezählt, die David in Jerusalem hatte, darunter Salomo. Die Umstände der Geburt dieses Sohnes bilden den Gegenstand des Kapitels 11. Eines Tages, als der König spazieren ging, erblickte er in der Ferne eine schöne Frau, die ein Bad nahm; alsbald verspürte er den lebhaften Wunsch, diese Dame aus größerer Nähe zu sehen. (2 Samuel 11:2)
245. David, eine Beute des Dämons des Ehebruchs. « Wer ist dieses Weib? fragte er. Und einer seiner Amtleute sprach zu ihm: Das ist Bathseba, die Tochter Eliams, die Gattin des Hauptmanns Uria. Da sandte David Männer aus seinem Dienst zu Bathseba, und sie ward entführt.
246. Verbrecherische Projekte des Königs. Er lag also bei ihr; worauf Bathseba sich wusch, und so reinigte sie sich von ihrer Unreinheit; dann kehrte sie heim. Nun empfing dieses Weib; sie ließ es David mit diesen Worten sagen: Ich bin schwanger. Auf diese Nachricht hin entbot David dem Joab, seinem Obergeneral, ihm Uria zu senden. Als er gekommen war, wurde Uria vom König über Joab befragt, über das Volk und über das, was im Kriege vorging. Dann sprach David zu Uria: Geh heim, in dein Haus, und wasche deine Füße (sic). Uria ging also aus dem Hause des Königs, gefolgt von einem königlichen Geschenk, das die Knechte Davids hinter ihm hertrugen. Aber Uria schlief an der Tür des Hauses des Königs, bei den Knechten seines Herrn, und ging nicht hinab in sein Haus. Und man meldete es David, der ihn zurückrief und zu ihm sprach: Warum bist du nicht heimgegangen, da du doch von der Reise zurückkamst? Uria antwortete David: Was! die Lade Gottes herbergt unter einem Zelt, und Joab, mein General, und alle meine Waffengefährten auch! und ich sollte in mein Haus gehen, um dort zu essen und zu trinken und bei meinem Weibe zu liegen? Nein, das werde ich nicht tun! Da behielt David Uria zu Jerusalem noch einen Tag und den Tag darauf. Dann ließ David ihn mit sich essen und trinken, und er machte Uria trunken. Am anderen Morgen schrieb der König an Joab; er sandte seinen Brief durch die Hände Urias. Nun war dieser Brief mit diesen Worten geschrieben: In der ersten Schlacht, die ihr liefert, [514] sollt ihr Uria auf den gefährlichsten Posten stellen, und ihr sollt euch von ihm zurückziehen, wenn der Kampf am heftigsten ist, damit er geschlagen werde und sterbe. » (2 Samuel 11:2-15) « Nachdem also Joab die Stadt Rabba, die er belagerte, untersucht hatte, stellte er Uria an die Stätte, wo er wusste, dass ein Ausfall der tapfersten Ammoniter stattfinden würde. Und die Belagerten zogen heraus wider das Heer Joabs; und einige der Belagerer wurden getötet, und Uria befand sich unter denen, [515] die umkamen.
247. Der wackere Hauptmann Uria wird geopfert. Da sandte Joab einen Boten zu David, um ihn alles wissen zu lassen, was in jenem Kampf geschehen war. Wenn der König etwa in Zorn gerät, sprach er zum Boten, und wenn er vorwirft, man habe sich den Wällen zu sehr genähert, so sollst du diese Worte hinzufügen: O König, dein Knecht Uria ist in diesem Sturm gestorben. » (v. 16-21) Der Bote richtete seinen Auftrag aus. « David, als er es gehört hatte, antwortete: Lass Joab wissen, dass er nicht verzagen soll; er verdopple den [516] Kampf gegen Rabba und zerstöre diese Stadt. » (v. 25) « Da legte das Weib Urias, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Ehemann tot war, Trauer an. Und als die Zeit der Trauer vorüber war, ließ David sie holen, nahm sie zu sich, und sie ward sein Weib, und sie gebar ihm einen Sohn. Aber die Sache, die David getan hatte, missfiel dem Ewigen. » (2 Samuel 11:26-27)
248. David tröstet Bathseba, die Witwe Urias. Jehova delegierte zum König den Propheten Nathan, der ihm ein Geschichtchen verzapfte (fr. „débiter“, das Wort des Kleinhändlers für den Verkauf im Einzelnen: in einem Zug hersagen; ebenso kommt „verzapfen“ vom Wirt, der sein Bier glasweise ausschenkt): ein dicker Geldsack, Besitzer von zahlreichem Vieh, hatte eines Tages einem Reisenden Gastfreundschaft gewährt, und um ihn zu bewirten, setzte er ihm ein Schaf vor, das er einem armen Mann stahl, anstatt eines aus seiner reichlichen Herde zu nehmen. David entrüstete sich über diesen unehrlichen Geldsack, als Nathan ihn unterbrach: « Dieser Schuldige, wider den dein Zorn entbrennt, das bist du selbst. Gott hat mich gesandt, um dich daran zu erinnern, dass er dich zum König über Israel gesalbt hatte, dass er dich Sauls entledigt hatte, dass er dir sogar zahlreiche Weiber gegeben hatte, und wenn dir das alles wenig scheinen konnte, so war er bereit, dir noch anderes zu gewähren. Aber siehe, du hast den Hauptmann Uria umgebracht, und du hast ihm sein Weib entführt! Darum trägt mir Jehova auf, dir zu sagen, dass das Schwert nimmermehr von deinem Hause weichen wird in alle Ewigkeit, weil du seine Wohltaten verachtet hast. Und siehe: Gott wird aus deiner eigenen Familie eine Schande hervorgehen lassen, die wider dich sein und dich sehr demütigen wird; Gott, ich verkündige es dir, wird deine Weiber vor deinen eigenen Augen nehmen, er wird sie einem deiner Angehörigen geben, und dieser wird bei deinen Weibern liegen am hellen Tage, vor den Augen von ganz Israel; denn du hast im Geheimen Hurerei getrieben; aber der, welcher deine Gattinnen und deine Kebsweiber besitzen wird, wird öffentlich mit ihnen Hurerei treiben, zu deiner Demütigung. Da sprach David zu Nathan: Ach! ich habe gesündigt wider den Ewigen! Nathan fuhr fort: Weil du weinst, sollst du nicht sterben; Gott nimmt dir deine Sünde weg und lässt sie auf den Kopf deines Sohnes übergehen; das Kind, das aus deiner Sünde geboren ist, das wird sterben. » (2 Samuel 12:7-14) Majestätischer Abgang des Propheten; Gebet und Fasten Davids; Tod des Kindes, das er von Bathseba gehabt hatte, nach Ablauf von sieben Tagen. « Während dieser sieben Tage nahm David keine Speise zu sich, und er blieb Tag und Nacht der Länge nach auf der Erde liegen. Und seine Knechte fürchteten sich, ihm zu melden, dass das Kind tot war. Als das Kind am Leben war, [517] sagten sie, hat der König sich geweigert, auf unsere Stimme zu hören; wie sollten wir ihm denn seinen Tod kundtun? Das geht nicht an, denn er würde sich noch mehr betrüben. Als aber David bemerkte, dass seine Knechte ganz leise redeten, verstand er, dass das Kind tot war. Er stellte ihnen also diese Frage: Ist mein Sohn nicht tot? Sie antworteten: Ja. Da stand David von der Erde auf, machte Toilette, rieb sich den ganzen Leib mit lieblichen Wohlgerüchen ein, zog schöne Kleidung an und ging hin, sich vor der Lade Gottes niederzuwerfen. Dann kehrte er in seinen Palast zurück, verlangte das Diner und aß viel. Seine erstaunten Knechte sprachen zu ihm: O König, was tust du denn? wir verstehen nichts davon. Du hast um dieses Kind gefastet und geweint, während es noch am Leben war; und jetzt, da es tot ist, siehe, da weinst du nicht mehr und isst mit gutem Appetit! David sprach zu ihnen: Als das Kind nur krank war, habe ich gefastet und geweint; denn ich fragte mich, ob Gott sich nicht meiner erbarmen und meinen Sohn nicht leben lassen würde. Aber nun, da er tot ist, warum sollte ich fasten? würde meine Enthaltsamkeit ihn ins Leben zurückrufen? Nein, nicht wahr? Wenn ich weiterhin keine Speise zu mir nähme, würde auch ich sterben; ich würde zu meinem Kinde gehen, es aber würde nicht zu mir zurückkommen. Da ging David zu Bathseba, und um sie zu trösten, lag er bei ihr, bis sie ihm einen anderen Sohn gebar. Dieses zweite Kind Bathsebas erhielt von seinem Vater den Namen Salomo; und dieser gefiel dem Ewigen, der ihn liebte. Nun gab David dem Propheten Nathan Nachricht von dieser Geburt, und Nathan legte dem Kinde einen zweiten Namen bei, den Namen Jedidja. » (2 Samuel 12:17-25) Das ist eine der erbaulichsten Episoden, gewiss!... Die Ehe der von David geschwängerten Bathseba erklären mehrere Rabbiner und mehrere Kommentatoren für nichtig, berichtet Voltaire. Bei uns kann eine Ehebrecherin ihren Liebhaber, den Meuchelmörder ihres Ehemannes, nicht ehelichen, es sei denn mit einem Dispens des Papstes: So hat es Papst Cölestin III. entschieden. Wir wissen nicht, ob der Papst wirklich eine solche Gewalt haben kann; aber es ist gewiss, dass es bei keiner zivilisierten Nation erlaubt ist, die Witwe dessen zu ehelichen, den man gemeuchelt hat. Es gibt noch eine andere Schwierigkeit: Wenn die Ehe Davids und Bathsebas nichtig ist, so kann man also nicht sagen, dass Jesus Christus ein rechtmäßiger Nachfahre Davids ist, wie es das Evangelium erklärt, indem es [518] seine Genealogie angibt. Wenn man hingegen entscheidet, dass er gesetzlich von ihm abstammt, so tritt man das Gesetz aller Nationen mit Füßen, eines der universellen Gesetze, die den elementarsten Grundsätzen der Moral entsprechen; wenn die Ehe Davids und Bathsebas nur ein neues Verbrechen ist, so ist Jesus Christus also aus der unreinsten Quelle geboren, da ihn das Neue Testament von Salomo abstammen lässt. Um diesem Dilemma zu entgehen, berufen sich die Theologen auf die Reue Davids, die [519] alles wiedergutgemacht hat. Aber seine Reue war nur von kurzer Dauer, und er hat die Witwe Urias, seines Opfers, behalten; also hat sich sein Verbrechen verschlimmert; das ist eine neue Schwierigkeit, welche die Theologen nicht lösen können, und es bleibt ihnen nichts übrig, als sich wie immer auf die Notwendigkeit eines blinden Glaubens zurückzuziehen, da der Wille Gottes meistens unbegreiflich ist. In dem Fall, den wir untersuchen, ist es in der Tat unmöglich, die Gefühle Jehovas genau zu entwirren. Er, [520] der den alten Biedermann Nabal getötet hat, um den ersten Ehebruch Davids zu erleichtern, erbost sich darüber, dass sein geliebter Gesalbter sich des Meuchelmordes an Uria schuldig gemacht hat; hätte David ihn also bitten müssen, dieses mörderische Tagewerk auf sich zu nehmen, und hätte er Bathseba dank einem göttlichen Blitzschlag (fr. „un divin coup de foudre“: ein jäher Schlag vom Himmel wie jener, der Nabal tötete und David die Heirat mit Abigail ermöglichte; die französische Redewendung „coup de foudre“ bedeutet auch Liebe auf den ersten Blick) haben müssen, wie er Abigail gehabt hatte?... Sodann legt Jehova bei dieser Gelegenheit einen absonderlichen Zorn an den Tag. Er zeigt sich erbost, da er den Propheten Nathan sendet, dem König Vorwürfe zu machen und die Ankündigung schrecklicher Züchtigungen hinauszudonnern; aber sein Zorn hindert ihn nicht, die Heirat Davids mit der Witwe des Gemeuchelten mit wohlwollendem Auge anzusehen, da er seine Vorliebe für Salomo bekundet, der David und dieser Witwe geboren wurde. Er überträgt die Sünde des Meuchelmörders auf ein Kind in der Wiege; da ist David also dank dieser seltsamen himmlischen Kombination endgültig begnadigt, werden Sie sagen?... Nicht ganz. Er ist begnadigt, denn das Kind starb; aber er ist nicht begnadigt, denn die Drohung, die Frauen und Konkubinen des Königs vor den Augen ganz Israels bei einem anderen liegen zu lassen, blieb vollständig bestehen, wie man sehen wird. Einstweilen hatte Joab sich zuletzt Rabbas bemächtigt, der Hauptstadt der Ammoniter (2 Samuel 12:26). David kam, um von dieser neuen Eroberung Besitz zu ergreifen. « Und er nahm das Diadem vom Haupt des Königs der Ammoniter; und dieses Diadem, ganz mit Edelsteinen besetzt, wog ein Talent Goldes; und David setzte es auf sein Haupt, und er brachte aus Rabba eine sehr große Beute zurück » (2 Samuel 12:30). Man hat berechnet, dass das Gewicht eines Talents Gold neunzig Pfund gleichkam: es ist kaum möglich, dass ein Mann eine solche Krone getragen hat; sie hätte Goliath selbst erdrückt. Nachdem er die Ammoniter besiegt hatte, fügte der König von Israel seinen Gefangenen grauenhafte Martern zu; es waren eben diese Einwohner Rabbas, die David des Hauptmanns Uria entledigt hatten: David war von Gott halb begnadigt; aber Jehova erwählte David dazu, der Vollstrecker der göttlichen Rache gegen seine eigenen Mitschuldigen zu sein, die überdies vollkommen unschuldig waren, da sie sich ehrlich geschlagen hatten; wenn jemand hätte büßen müssen, so war es Joab, dessen Rolle kaum ehrenhaft gewesen war. « David ließ sich alle Einwohner Rabbas herbeiführen; alle wurden niedergemetzelt, die einen wurden entzweigesägt [521] mit Sägen, andere erdrückt und zerrissen von schweren eisernen Eggen, die man über sie hinweggehen ließ, andere lebendig mit Messern zerlegt und die übrigen in Öfen zum Brennen der Ziegel geworfen. David behandelte ebenso die Bevölkerung aller ammonitischen Städte; worauf er nach Jerusalem zurückkehrte. » (2 Samuel 12:31)
249. Wildheit Davids gegenüber den Ammonitern. Es ist zu wünschen, dass diese unbegreiflichen Barbareien eine Übertreibung seien, wie es offensichtlich das Diadem von neunzig Pfund ist. Es gibt in der Geschichte kein Beispiel einer so ungeheuren und so überlegten Grausamkeit. M. Huet aus London versäumt nicht, sie in den Farben zu malen, die sie verdient. Der Benediktiner Dom Calmet sagt, « dass zu vermuten ist, dass David nur die allgemeinen Gesetze des Krieges befolgte; dass die Schrift David darüber nichts vorwirft und dass sie ihm sogar ausdrücklich das Zeugnis gibt, dass sein Betragen, ausgenommen die Sache mit Uria, immer untadelig gewesen ist ». Diese Entschuldigung wäre in der Geschichte der Tiger und der Panther am Platz, antwortet M. Huet; welcher Mensch, wenn er nicht das Herz eines wahren Juden hat, wird für eine solche Scheußlichkeit angemessene Ausdrücke finden können? Und da haben wir den Mann nach dem Herzen Gottes!... Jedenfalls, ob diese Geschichte zutreffend oder frei erfunden ist, man kann eine solche religiöse Lehre nur brandmarken; und was soll man von denen denken, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Volk davon zu überzeugen, dass solche Rohheiten ruhmreiche und verdienstvolle Taten sind?... Aber in dieser Familie Davids kommt man aus einer Scheußlichkeit nur heraus, um wieder in eine andere zu fallen. Gehen wir weiter. « Gleich darauf verliebte sich Amnon, der Sohn Davids, in seine Schwester Thamar, auch Schwester Absaloms, eines anderen Sohnes Davids: und er war so sehr in sie verliebt, dass sein ganzes Denken verzweifelt in dieser Leidenschaft aufging; denn Thamar war eine Jungfrau, und es deuchte ihn zu schwer, irgendetwas von ihr zu erlangen. Nun war Amnon in der innigsten Freundschaft mit Jonadab verbunden, einem überaus geschickten Mann, einem Neffen Davids. Und Jonadab sprach zu Amnon: Warum wirst du so mager von Tag zu Tag? warum sagst du mir nicht die Ursache davon? Amnon antwortete ihm: Das kommt daher, dass ich in meine Schwester Thamar verliebt bin, die mit meinem Bruder Absalom dieselbe Mutter hat. Da sprach Jonadab zu ihm: Lege dich in dein Bett und spiele den Kranken; und wenn dann dein Vater kommt, dich zu sehen, so bitte ihn, [522] dir Thamar zu senden, damit sie dir Fleischkrapfen mache, die sie sehr gut zuzurichten weiß. » (2 Samuel 13:1-5) Die profane Geschichte berichtet von Blutschanden, die einige Ähnlichkeit mit derjenigen Amnons haben. Jedoch ist nicht zu vermuten, dass die einen von den anderen abgeschrieben worden sind; denn schließlich sind solche Unkeuschheiten bei allen Nationen nur allzu verbreitet gewesen. Besonders seltsam ist hier, dass Amnon seine verbrecherische Leidenschaft seinem [523] Cousin Jonadab anvertraut; die Familie Davids muss also sehr sittenlos gewesen sein, wenn einer ihrer Söhne, der so viele Konkubinen zu seinen Diensten haben konnte, unbedingt seine eigene Schwester genießen wollte und sein leiblicher Cousin ihm die Mittel dazu an die Hand gab. Amnon befolgte den Rat Jonadabs, und die Dinge verliefen, wie dieser es vorausgesehen hatte. Der König, der zu seinem bettlägerigen Sohn gekommen war, hörte dessen Gesuch an, glaubte an eine jener [524] harmlosen Launen eines Kranken, die man nicht abschlägt, und schickte seine Tochter, in Amnons Kammer die famosen Fleischkrapfen anzufertigen, ihre Spezialität als Cordon bleu. « Thamar kam also zu ihrem Bruder Amnon und fand ihn im Bett liegen. Sie nahm Teig, knetete ihn und machte daraus vor ihm Krapfen, die sie buk, indem sie kleine Stücke Fleisch daruntermischte. Dann brachte sie die Pfanne an sein Bett und schüttete die Krapfen aus. Aber Amnon sprach: Ich will sie nicht vor den Leuten essen, die da sind! Jedermann zog sich zurück. Da redete Amnon, der Thamar zurückbehalten hatte, so zu ihr: Rücke die Krapfen näher, die du mir zugerichtet hast, und komm du selbst näher, denn ich will sie nur von deiner Hand essen; komm näher, Thamar, noch näher. Thamar tat, wie er sie bat. Aber während sie sich über sein Bett beugte, um ihn einen Krapfen essen zu lassen, ergriff er sie mit einem Mal und sprach zu ihr: Wohlan, komm, lass es geschehen; liege bei mir, meine Schwester. Und sie antwortete ihm: Nein, mein Bruder, ich will nicht, und, ich bitte dich, tu mir keine Gewalt an, denn die Vergewaltigung ist bei den Israeliten verboten. Begehe nicht diese schändliche Handlung. Und ich, was würde aus mir werden, wenn du mir einmal diese Schande zugefügt hättest? Und du würdest für einen Narren gelten. Jetzt höre: wenn du mich um jeden Preis willst, so sprich darüber mit dem König, unserem Vater, und ohne Zweifel wird er sich nicht weigern, mich dir zur Ehe zu geben. Aber Amnon wollte nicht auf sie hören; und da er stärker war als sie, warf er sie nieder und lag bei ihr.
250. Amnon, Sohn des Königs, entehrt seine Schwester Thamar. Dann, sobald er sie vergewaltigt hatte, fasste er gegen sie einen so großen Hass, dass sein Hass größer war, als seine Liebe gewesen war. Und er sprach zu ihr: Steh auf, ich will dich nicht mehr, geh fort! Da weinte Thamar und sprach: Das Übel, das du mir jetzt antust, ist noch größer als das Übel, das du mir soeben auf diesem Bett angetan hast. Aber Amnon, nachdem er einen Bedienten gerufen hatte, sprach zu ihm: Jage dieses Mädchen aus meiner Kammer und schließe die Tür hinter ihr zu. » (2 Samuel 13:8-17) Was halten Sie davon, Leser?... Als Anekdote aus einem heiligen Buch, von Gott diktiert, ist das nicht recht gut gelungen?... Fahren wir fort mit der Wiedergabe dieses Textes, der heiligen Grundlage der Religion, die bei uns ein offizielles Budget (das „budget des cultes“: unter dem Konkordat bezahlte der französische Staat den Klerus, bis 1905) hat, das sich jedes Jahr nach Millionen beziffert, auf Kosten der Steuerzahler, ohne die Milliarden mitzurechnen, welche die Priester seit Jahrhunderten auf alle Arten erpresst haben, stets unter Berufung [525] auf die göttlichen Rechte, die zugunsten ihrer Kaste in der widerlichen Bibel eingeschrieben sind. So wurde Thamar davongejagt. « Sie nahm Asche und streute sie auf ihr Haupt; sie zerriss den schönen bunten Rock, den sie anhatte, und ging schreiend davon, die Hand auf dem Haupt » (v. 19). Absalom, der wie sie ein Kind der Maacha war, der Gattin Nr. 4 Davids, hat einen vor allem langhaarigen Ruf hinterlassen; er ist eine der illustren biblischen Gestalten, die durch ihre Mähne berühmt sind; in Bezug auf die Länge der Haare macht er seinen Stein zur Dame (fr. „damer le pion à quelqu’un“, eine Redewendung: jemanden übertreffen; im Damespiel heißt es, seinen Stein vor dem Gegner zu krönen) vor Simson und Samuel. Als er von der Vergewaltigung Thamars erfuhr, versuchte Absalom zuerst, sie zu trösten. Wir zitieren wörtlich: « Unser Bruder Amnon hat bei dir gelegen? sprach er zu ihr. Aber jetzt schweig; er ist dein Bruder. Nimm dir dies nicht zu Herzen! » (v. 20) Trotz dieser guten Worte blieb Thamar untröstlich. Was David betrifft, so verspürte er einen großen Zorn, als er erfuhr, auf welche Weise sein Sohn Amnon das Dinerchen von Fleischkrapfen verstand; aber es war ein Strohfeuer (fr. „un feu de paille“, Redewendung: eine heftige, aber rasch verfliegende Leidenschaft, wie Stroh, das auflodert und gleich wieder erlischt). « Absalom seinerseits redete mit Amnon weder im Guten noch im Bösen; aber im Grunde hasste er ihn. » (v. 22) Absalom verhehlte seinen Hass zwei Jahre lang. (2 Samuel 13:23) Nach Ablauf dieser Zeit gab er zu Baal-Hazor, wo er eine Villa hatte, ein großes Festmahl, zu dem er alle seine Brüder einlud, Amnon inbegriffen. Der blutschänderische Vergewaltiger trank über die Maßen und wurde beim Nachtisch gemeuchelt. (2 Samuel 13:24-29)
252. Absalom rächt die Ehre Thamars. Es ist eine große Unreinheit, bei seiner Schwester zu liegen, bemerkt Voltaire; es ist eine maßlose Brutalität, sie sodann schimpflich davonzujagen; aber es ist ohne Zweifel ein noch größeres Verbrechen, seinen Bruder verräterisch zu meucheln, indem man ihn zu sich lockt und ihn tafeln lässt. Alle Brüder Absaloms, Zeugen dieses Brudermords, verließen überstürzt die Tafel und flohen auf ihren Maultierstuten, als ob sie gefürchtet hätten, das Los Amnons zu teilen. Hierbei hat man darauf aufmerksam gemacht, dass zum ersten Mal in der jüdischen Geschichte von Maultieren die Rede ist. Ein Theologe, in seiner Manie, Außerordentliches selbst dort hineinlegen zu wollen, wo keines ist, der unbezahlbare Dom Calmet, hat den schönen Einfall gehabt, in seinem Kommentar zur Bibel vorzubringen, « dass die Maultiere Palästinas nicht aus der Paarung eines Esels und einer Stute hervorgehen, sondern dass sie von einem Maultierhengst und [526] einer Maultierstute gezeugt werden ». Diese unerwartete Neuheit hat das Lachen Voltaires hervorgerufen, der dem Benediktiner antwortet: « Dom Calmet führt hierzu die Meinung des Aristoteles an; aber er hätte ohne Zweifel besser daran getan, einen guten Maultiertreiber zu konsultieren. Wir haben mehrere Reisende gesehen, die beteuern, dass Aristoteles sich geirrt hat und der hochwürdige Calmet mit ihm. Es gibt heute keinen Naturforscher, der an die angeblichen Rassen von Maultieren glaubt. Ein Eselchen macht einer Pferdestute ein schönes Maultier; aber hier macht die Natur halt, und das [527] Maultier hat nicht das Vermögen zu zeugen. Warum also hat ihm die Vorsehung das Werkzeug der Zeugung gegeben? Man sagt, dass sie nichts vergebens tue: indessen wird das Werkzeug eines Maultiers das unnützeste Ding von der Welt. Es verhält sich übrigens mit den Teilen des Maultiers wie mit den Brüsten der Männer; diese Brüste sind sehr unnütz und dienen nur als Staffage. » David beweinte Amnon sehr und verbarg nicht, dass er Absalom dafür tadelte, dass er ihn getötet hatte; darum ging Absalom [528] aus Israel ins Exil: er suchte Zuflucht im Königreich Gessur, dessen Souverän, der König Thalmai, sein Großvater mütterlicherseits war. Er blieb drei Jahre in diesem Asyl. (2 Samuel 13:37-38) Joab ging geschickt zu Werke, um Absalom zurückrufen zu lassen; es gelang ihm, so gut es ging, und er brachte ihn nach Jerusalem zurück (2 Samuel 14:23); aber David wollte nicht, dass sein Sohn vor ihm erscheine. « Nun war kein Mann in ganz Israel schöner als Absalom; er hatte nicht den geringsten Makel, von den Füßen bis zum Haupt; und wenn er sich die Haare schneiden ließ (was ihm einmal im Jahr geschah, weil ihn dann das Gewicht seines Haupthaars zu sehr beschwerte), so wog er sie, und es fand sich, dass ihr Gewicht bis zu zweihundert Sekel betrug.
251. Absalom, ein anderer Sohn Davids, erfährt von Amnons Verbrechen. Zudem hatte Absalom drei Söhne und eine Tochter, die er Thamar nannte und die ein überaus schönes Weib wurde. Aber vor allem kommt es darauf an zu wissen, dass er zwei volle Jahre zu Jerusalem blieb, ohne den König, seinen Vater, zu sehen. Sodann ließ er Joab sagen, er möge ihn aufsuchen, um ihn zu bitten, ihn ganz und gar wieder in die Gunst des Königs zu bringen; aber Joab wollte nicht zu Absalom kommen. Ein zweites Mal entboten, weigerte er sich wieder, zu kommen. Da sprach Absalom zu seinen Leuten: Es ist euch nicht unbekannt, dass Joab neben dem meinen ein Gerstenfeld besitzt; so geht nun hin und legt Feuer daran. Und die Leute Absaloms steckten die Ernte des Obergenerals der Heere Davids in Brand. Da kam Joab zu Absalom, in sein Haus, und sprach zu ihm: Warum haben deine Bedienten Feuer an meine Gerste gelegt? Absalom antwortete ihm: Ich habe dich bitten lassen, mich besuchen zu kommen, um mich mit dem König, meinem Vater, auszusöhnen, und du hast dich nicht bemüht; es war wirklich nicht der Mühe wert, mich aus Gessur zurückzubringen! es wäre besser, dass ich noch dort wäre! Jetzt also, ich bitte dich, lass mich den König sehen; findet er noch irgendeine Missetat, nun wohl, so töte er mich! Joab berichtete diese Worte David, welcher alsdann Absalom rufen ließ; und nachdem Absalom sich vor dem König auf die Knie niedergelassen hatte, küsste ihn der König. » (2 Samuel 14:25-33) Wenn dieses Betragen Absaloms gegenüber Joab weniger grässlich ist als der Rest, so ist es hingegen äußerst grotesk. Nirgends außer in der Bibel hat man sich je einfallen lassen, die Gerste eines Obergenerals, eines Premierministers, in Brand zu stecken, um eine Unterredung mit ihm zu haben; das ist ein drolliges Mittel, Audienzen zu erlangen!... [529] « Nach diesem ließ sich Absalom Wagen machen; er versammelte Reiter und fünfzig Mann, die vor ihm hermarschierten (2 Samuel 15:1)... Und er machte eine große Verschwörung, indem er allen versprach, Recht zu sprechen; und Absalom band so die Herzen der Israeliten an sich (v. 6)... Und vierzig Jahre danach sprach Absalom eines Tages zu David: Ich muss verreisen; denn ich habe mich nach Hebron zu begeben, um ein Gelübde zu erfüllen, das ich Jehova getan habe, zur Zeit, da ich in Gessur wohnte. Der König antwortete ihm: Geh hin in Frieden. Absalom ging also nach Hebron. Und Absalom ließ in ganz Israel beim Schall der Trompete verkünden, dass er zu Hebron als König eingesetzt worden sei. Und zweihundert Mann von Jerusalem, die er mit sich gezogen hatte, waren bei ihm zu Hebron, in der Einfalt ihres Herzens, und wussten nichts von dieser Verschwörung (v. 7-11) ... Da sprach David zu seinen Amtleuten, die bei ihm zu Jerusalem waren: Lasst uns davongehen, lasst uns sehr schnell fliehen, aus Angst, Absalom möchte kommen, sich unserer Personen bemächtigen und uns durch den Mund seines Schwertes verschlingen lassen. Seine Amtleute antworteten ihm: Wir sind bereit, alles zu tun, was du für gut befinden wirst. Der König David zog also aus Jerusalem mit all den Seinen, mit seinen Füßen marschierend, und ließ nur zehn seiner Weiber zurück, um sein Haus zu hüten; und alles Volk folgte ihm bis zu dem sehr entfernten Ort, wo er stehen blieb; dann nahmen sie ihren Marsch wieder auf und entfernten sich immer weiter, und alle seine Amtleute und seine Knechte zogen neben ihm ihres Weges; und die Truppen der Krether, der Plether und sechshundert Gethiter marschierten zu Fuß vor dem König her. » (2 Samuel 15:14-18)
253. Flucht Davids. (auf dem Kasten unter seinem Arm steht „caisse“, Kasse: der König flieht mit der Ladenkasse) Milord Bolingbroke erzählt, dass der General Withers (Henry Withers, um 1651-1729, englischer General; Taxil hat die Anekdote aus Voltaires „La Bible enfin expliquée“, 1776, wo die Flüche verhüllt sind: „par D“, „jarni D“, „Mord…“) einige Zeit nach der Schlacht bei Blenheim, in der er sich ausgezeichnet hatte, als er eines Tages seinen Kaplan diese Stelle der Bibel lesen hörte, ihm das Buch entriss und es mit den Worten zu Boden warf: « Bei Gott (fr. „Pardieu“, derselbe Fluch wie „parbleu“, aber der Name Gottes bleibt darin unversehrt: was „parbleu“ verbirgt, spricht dieser aus)! Kaplan, das ist ein großer Hasenfuß und ein niedriger Elender, dein David, dass er barfuß mit seinem schönen Regiment von Gethitern davongeht!... Ah! ich hätte kehrtgemacht, und, ich verleugne Gott! (fr. „jarnidieu“, ein Fluch: eine Entstellung von „je renie Dieu“, welche die Lästerung halb verschluckt; die mildere Spielart „jarnibleu“ setzt „bleu“, blau, an die Stelle von „Dieu“) ich wäre auf diesen Schelm von Absalom losgerannt; Gottes Tod (fr. „mort-dieu“, einer der alten Flüche beim Tod oder beim Leib Gottes; er nennt Gott offen, wo „corbleu“, Leib Gottes, ihn hinter „bleu“, blau, versteckt)! ich hätte ihn am ersten Birnbaum aufhängen lassen! » « Und alle Welt weinte mit großem Geschrei; dann ging der König David über den Wildbach Kidron, und das Volk nahm den Weg, der zur Wüste führt. Zadok war auch da, mit allen Leviten, welche die Lade Gottes trugen. » (2 Samuel 15:23-24) Aber David [530] ließ die Lade nach Jerusalem zurückbringen. « Als David über die Höhe des Berges gegangen war, kam Ziba, der Verwalter Mephiboseths, des Sohnes Jonathans, ihm entgegen mit zwei Eseln, beladen mit zweihundert Broten, hundert Körben Feigen, hundert Paketen Rosinen und einem mit Wein gefüllten Bocksfell. Er brachte das für den König und seine Familie. Und David fragte Ziba: Wo ist Mephiboseth? Ziba antwortete: Er ist zu Jerusalem geblieben, in der Hoffnung, dass Israel ihm heute das [531] Königreich seines Großvaters Saul zurückgeben wird. Da sprach David zu Ziba: Nun wohl, ich gebe dir alle Güter Mephiboseths (16:1-4). .. Und als der König David auf seiner Flucht bis Bahurim gekommen war, ging ein ehemaliger Domestik Sauls, namens Simei, aus seinem Haus und fing an, den König zu verfluchen; und er warf Steine gegen David und gegen alle seine Amtleute; und alles Volk und alle tapferen Männer, die den König zur Rechten und zur Linken umgaben, empfingen diese Steine. Simei schrie zu [532] David: Komm doch her, Mann des Blutes! komm, dass ich dich steinige, Mann Belials! (16:5-7)... Aber David und seine Leute setzten ihren Weg fort, und Simei jagte ihnen nach und schleuderte immerfort Steine nach ihnen, so viele, dass sich um den König eine Staubwolke erhob. » (2 Samuel 16:13). Die Kritiker machen darauf aufmerksam, dass der heilige Verfasser, wenn er nur ein alltäglicher Schriftsteller gewesen wäre, die Rebellion Absaloms im Einzelnen geschildert hätte; er hätte gesagt, über welche Streitkräfte dieser Prinz verfügte; er hätte uns darüber belehrt, warum David, dieser große Krieger, so kläglich aus Jerusalem floh, bevor sein Sohn dort angekommen war. War Jerusalem befestigt? war es das nicht? Wieso leistet das ganze Volk, das David folgt, keinerlei Widerstand? Ist es möglich, dass ein so wilder, so erbarmungsloser Tyrann wie David, der soeben seine besiegten Feinde entzweigesägt, unter eisernen Eggen erdrückt, in Ziegelöfen verbrannt hat, flennend wie ein törichtes Kind aus seiner Hauptstadt flieht, ohne den geringsten Versuch zu machen, die Empörung eines verbrecherischen Sohnes aufzuhalten?... Und der Zwischenfall mit diesem Simei, der den ganzen Weg entlang ungestraft Steine nach ihm wirft, während er von so vielen Bewaffneten und von allen Einwohnern Jerusalems umgeben ist, ist er nicht eine der burleskesten Mystifikationen des göttlichen Taubers, des Inspirators des Schriftstellers?... Man fragt sich allmählich, ob man träumt, wenn man Schnickschnack von einer solchen Albernheit in einem religiösen Buch liest, an das man bei Strafe des Anathemas glauben muss!... Was diesen armen Mephiboseth betrifft, den Sohn Jonathans und Enkel Sauls, wie hoffte dieser an beiden Füßen Lahme zu regieren? bildete er sich ein, dass Absalom, der soeben die Standarte der Empörung erhoben hatte, um sich zum König auszurufen, zu seinen Gunsten abdanken und für einen anderen als sich selbst die Absetzung Davids vollenden würde?... Wieso gibt zudem David, der nichts mehr hat, der über nichts mehr verfügen kann, alle Güter des Prinzen Mephiboseth seinem Domestiken Ziba?... Fréret sagt, wenn dieser Prinz Mephiboseth einen Verwalter hatte (was schwer zu glauben ist), so sei es wahrscheinlich, dass dieser Verwalter, der als so wenig treu dargestellt wird, es sich im Zusammenbruch nicht hätte nehmen lassen, sich der Güter seines Gebieters zu bemächtigen, ohne die Erlaubnis Davids abzuwarten. « Indessen war Absalom in Jerusalem eingezogen, mit [533] allem Volk seiner Partei, und Ahithophel aus Gilo, einer der Ratgeber Davids, war zu ihm übergegangen (2 Samuel 16:15)... Und Ahithophel sprach zu Absalom: Glaube mir, hure öffentlich mit allen Weibern deines Vaters, die er zur Hut seines Hauses zurückgelassen hat, und so werden die Israeliten, wenn sie erfahren, dass du deinem Vater diesen Schimpf angetan hast, welcher die schlimmste der Schmähungen ist, nur umso fester an dich gebunden sein. Absalom ließ also ein Zelt über der Terrasse des Hauses seines Vaters ausspannen, er zwang die Weiber seines Vaters, auf die Terrasse hinaufzusteigen, und dort hurte er mit allen, in Gegenwart des Volkes. » (2 Samuel 16:21-22) Die Kritiker glauben kaum, dass es ein sehr wirksames Verfahren sei, etwas so Unanständiges öffentlich zu begehen, um ein Volk an sich zu binden; sie weigern sich auch zu glauben, dass Absalom, so jung er war, den Akt Schlag auf Schlag (fr. „coup sur coup“; umgangssprachlich ist ein „coup“, ein Schlag, im Französischen auch der Geschlechtsakt) mit den zehn Frauen seines Vaters vor der ganzen Bevölkerung Jerusalems habe vollziehen können. Am klarsten aber ist, dass der heilige Verfasser, der das grundlegende Buch der Religion schreibt, sich in den schmutzigsten Geschichten gefällt; nach der Blutschande Amnons setzt man uns die zehn Blutschanden Absaloms vor; mit der heiligen Bibel kommen wir aus den Entsetzlichkeiten nur heraus, um in die Schändlichkeiten zu fallen. Ahithophel gab Absalom einen anderen Rat, nämlich den, zwölftausend Mann zu erwählen und David unverzüglich nachzujagen; aber einer namens Husai riet ihm, zuerst ganz Israel aufzurufen, von Dan bis Beer-Seba, und dieser letztere Rat schien Absalom der beste. Ahithophel, verstimmt darüber, dass man nicht auf ihn gehört hatte, erdrosselte sich (2 Samuel 17). Schließlich erlitt die Partei der Empörung eine Niederlage im Wald Ephraim, wo die Truppen des Königs, die Joab befehligte, zwanzigtausend Soldaten Absaloms töteten. Auf seiner Flucht verfing sich der Sohn Davids, der auf einem Maultier ritt, mit seinem Haupthaar in den Zweigen einer Eiche und blieb dort hängen, da das Maultier seinen Weg fortgesetzt hatte. Joab, davon benachrichtigt, nahm drei Wurfspieße und durchbohrte Absalom damit. Diese Episode scheint recht an den Haaren herbeigezogen (fr. „tiré par les cheveux“, eine Redewendung mit demselben Bild wie die deutsche: recht wenig natürlich; Taxil spielt mit Absalom, der an seinem Haupthaar hängt), nicht wahr? Was David betrifft, so vergoss er, als er den Tod des schönen jungen Mannes erfuhr, reichliche Tränen und rief zu wiederholten Malen: « Absalom, mein Sohn! Mein Sohn Absalom! Absalom, mein Sohn! » Der Verstorbene erhielt keine andere Leichenrede. (2 Samuel 18)
254. Trauriges Ende Absaloms. [534] David kehrte also in seine Hauptstadt zurück; er vergab Simei, der Steine nach ihm geworfen hatte, und Mephiboseth, der ihm schwor, dass er nie daran gedacht habe, seine Krone zu usurpieren (2 Samuel 19). Es gab noch einen Aufruhr, geschürt von einem gewissen Seba; auch er wurde niedergeschlagen, und die Leute, bei denen Seba Zuflucht gesucht hatte, schnitten ihm den Kopf ab. Schließlich gab es einen Hauptmann Amasa, den Absalom in den Rang eines Generals erhoben hatte; Joab näherte sich ihm, indem er vorgab, ihm wohlzuwollen; und, während [535] sie plauderten, « fasste Joab mit der rechten Hand vertraulich den Bart Amasas, als wollte er ihn küssen; nun gab Amasa nicht Acht auf das Schwert, das Joab in seiner linken Hand hielt; da schlug ihn Joab damit und schüttete seine Eingeweide auf die Erde ». (2 Samuel 20:9-10) « Es war zu Davids Zeiten eine Hungersnot, die drei Jahre nacheinander währte. Jehova, befragt, antwortete: Es ist um Sauls und seines blutsverwandten Bluthauses (fr. „consanguinaire“: Ostervalds Bibel hat „sanguinaire“, blutig; das Wort von 1904 mischt „consanguin“ hinein, blutsverwandt) willen, weil er [536] Gibeoniter zu Tode gebracht hat. Da rief der König die Gibeoniter, um mit ihnen zu reden. Nun waren die Gibeoniter keine Kinder Israel; sondern es war ein Überrest der Amoriter, und die Israeliten hatten ihnen versprochen, sie leben zu lassen; dennoch hatte Saul sie in seinem Eifer vernichten wollen, da er glaubte, den Interessen Israels und Judas zu dienen. David sprach also zu den Gibeonitern: Was soll ich für euch tun? wie soll ich euch besänftigen, auf dass ihr das Erbe des Herrn segnet? Sie antworteten ihm: Wir wollen weder Gold noch Silber; aber da Saul uns vernichtet hat und so sehr Ränke wider uns geschmiedet hat, dass wir ausgerottet worden sind, ohne in Israel bestehen zu können, so liefere man uns sieben Männer von seinen Nachkommen aus, und wir werden sie aufhängen im Namen des Ewigen, auf der Anhöhe von Gibea; denn Saul war aus Gibea, und er war der Erwählte des Herrn. David sprach zu ihnen: Nun wohl, ich will sie euch ausliefern. Indessen übergab der König ihnen nicht Mephiboseth, den Sohn Jonathans, der sein inniger Freund gewesen war; sondern er nahm Armoni und einen anderen Mephiboseth, welche Söhne Rizpas waren, des Kebsweibes Sauls, und die fünf Söhne, welche Michal, die Tochter Sauls, ihrem Ehemann Adriel, dem Meholathiter, geboren hatte. Und er lieferte sie den Gibeonitern aus, die sie auf ihrem Berge vor dem Ewigen aufhängten; und sie wurden alle zusammen aufgehängt am Anfang der Gerstenernte. » (2 Samuel 21:1-9) Diese Stelle der Bibel hat die Theologen stets in Verlegenheit gebracht; denn nirgends wird in der Geschichte Sauls gesagt, dass dieser König den Gibeonitern das geringste Unrecht zugefügt habe, und ganz im Gegenteil warf Samuel ihm im Namen Gottes bei mehreren Gelegenheiten beständig seine edelmütigen Gefühle vor; man wird nicht vergessen haben, dass der Prophet ihn für abgesetzt erklärte, weil er die nicht-israelitischen Völker nicht ausrottete, die in diesem Landstrich lebten, wie die Amalekiter, die Amoriter, die Idumäer usw. Außerdem ist es, da Saul selbst aus Gibea war, ganz natürlich, dass er seine Landsleute begünstigt hat; hätte er diejenigen Einwohner von Gibea niedergemetzelt, die keine Juden waren, so hätte Samuel nicht versäumt, diese Untat in demjenigen seiner zwei Bücher zu erwähnen, das er Saul widmet. Dieses Gemetzel, das hier unvermutet, nachträglich berichtet wird, macht den Eindruck eines lügnerischen Vorwands, den David ersonnen hat, um sich der letzten Nachfahren seines [537] Vorgängers zu entledigen. Die Episode ist so wenig wahrheitsgetreu, dass der Verfasser darin ein Quiproquo begeht: Saul verheiratete nicht Michal, sondern Merab, seine ältere Tochter, mit Adriel Meholathiter (1 Samuel 18:19); was Michal betrifft, so gab Saul sie, als David ihr untreu wurde, indem er Abigail und Ahinoam ehelichte, Phalti, dem Sohn des Lais (1 Samuel 25:44), und wir haben gesehen, wie David sie Phalti wieder abnahm (2 Samuel 3:14-16). Es ist möglich, dass der heilige Verfasser hier von Michal und den Söhnen reden wollte, die sie von einem anderen Ehemann als David haben konnte; aber es ist schwer anzunehmen, dass ein Schriftsteller, von Gott inspiriert, so sehr des Gedächtnisses ermangelt habe, dass er Herrn Phalti mit Herrn Adriel Meholathiter, dem Gatten Merabs, verwechselte. Was die Hungersnot betrifft, die zur Zeit des Königs David das Land drei Jahre lang verheerte, so war nichts in diesem Lande so häufig wie eine Hungersnot. Die heiligen Bücher sprechen sehr oft von Hungersnot; als Abraham nach Palästina kam, fand er dort eine Hungersnot vor. Und wir werden noch viele andere Hungersnöte in diesem traurigen Lande sehen, wo es zu allen Zeiten mehr Kiesel als Vegetation gab. Man ist überdies recht überrascht zu erfahren, dass Gott selbst David sagte, diese Hungersnot sei wegen Sauls gesandt worden, der so lange zuvor gestorben war, und weil Saul schlechte Absichten gegen ein Volk gehabt habe, das nicht das Volk Gottes war. Wäre diese Episode wahr, so müsste man mit allen Kritikern sagen, dass von den zahlreichen Verbrechen Davids dieses das verabscheuungswürdigste ist. Man findet darin keine leidenschaftliche Verirrung, die es entschuldigen könnte. Es ist eine Schandtat, dass er unter einem schändlichen Vorwand zwei uneheliche Söhne Sauls hat aufhängen lassen, die keine Mitbewerber waren und keine sein konnten; und, da er Michal seit mehreren Jahren wieder zu sich genommen hatte, Michal, von der er sich vielmehr seine zahlreichen Ehebrüche vergeben zu lassen hatte, handelte David mit einer niederträchtigen Grausamkeit, indem er den Gibeonitern die Kinder zur Marter auslieferte, die seine Gattin von einem anderen gehabt hatte, zu der Zeit, als er sie für Abigail und Ahinoam verließ. Zur Schandtat gesellt sich die Absurdität: Er liefert diese sieben Unschuldigen nämlich einem ganz kleinen Volke aus, das keineswegs zu fürchten sein konnte, da David damals als Sieger über alle seine Feinde gilt. Es liegt in dieser Handlung, sagen die Kritiker [538] (Lord Bolingbroke, Huet, Fréret, Voltaire), nicht nur eine Barbarei, die den Wilden Abscheu einflößen würde, sondern eine Feigheit, deren der niedrigste aller Menschen nicht fähig wäre. Zu dieser Feigheit und zu dieser Grausamkeit fügt David noch den Meineid hinzu; denn er hatte Saul geschworen, niemals irgendwem von seinen Nachkommen das Leben zu nehmen. Wenn die Theologen, um diesen Meineid zu entschuldigen, daherkommen und uns sagen, dass er die Söhne Rizpas und Michals nicht selbst aufhängte, sondern dass er sie den Gibeonitern [539] zum Aufhängen gab, so ist diese Entschuldigung ebenso feige wie das Betragen Davids selbst und steigert noch seine Schurkerei. Nach welcher Seite man sich auch wendet, man findet in dieser ganzen heiligen Geschichte des geliebten Gesalbten Gottes nichts als die Ansammlung aller Verbrechen, aller Treulosigkeiten, aller Schandtaten, inmitten aller Widersprüche. Das Kapitel 21 schließt mit der Schilderung der Niederlage von vier philistäischen Riesen, und einer davon war « ein Mann, nicht [540] nur außerordentlich durch seinen Wuchs, sondern auch, weil er vierundzwanzig Finger und Zehen hatte, sechs an jeder Hand und an jedem Fuß. » (v. 20) Das Kapitel 22 enthält einen Lobgesang Davids. Ein anderer Lobgesang im folgenden Kapitel; dieser führt uns einige tapfere Taten verschiedener Gefährten des Königs an. « Benaja, der Sohn Jojadas, ein sehr mutiger Mann von Kabzeel, zeichnete sich durch große Heldentaten aus. Er tötete zwei der mächtigsten Krieger Moabs. Er tötete auch einen Ägypter, der ein überaus schöner Mann war und der eine gewaltige Hellebarde hatte; Benaja kam gegen ihn mit einem Stab, mit dem er ihm einen Schlag auf die Hand gab; so ließ der ägyptische Riese seine Hellebarde fahren, die der Hauptmann Davids sehr geschickt nahm und mit der er ihn durchbohrte. An einem anderen Tage, bei Schneewetter, sah Benaja einen enormen Löwen, der sich im Schnee wälzte, und Benaja hatte keinerlei Furcht; der Löwe fiel in seinem Schneeball (fr. „dans sa boule de neige“: die Bibel Ostervalds hat nur „tua un lion au milieu d’une fosse dans un jour de neige“, „erschlug einen Löwen mitten in einer Grube an einem Schneetag“; der Löwe, der sich im Schnee wälzt, ist von Taxil, der dann darüber spottet, als stünde es in der Schrift) auf den Grund einer Grube; da stieg Benaja in die Grube hinab und tötete den Löwen. Das tat Benaja, der Hauptmann Davids, und er war illuster unter den Tapfersten. » (2 Samuel 23:20-22) Es ist bedauerlich, dass der heilige Verfasser unterlassen hat zu sagen, in welchem Landstrich sich dieses wahrhaft kuriose Abenteuer des Löwen zutrug, der sich in einem Schneeball verstrickte; der Schnee ist in den Ländern, wo die Löwen leben, so selten, dass Benaja recht hatte, keine Zeit zu verlieren, um das Raubtier zu entleiben; sonst wäre er Gefahr gelaufen, diesen providentiellen Schnee bald geschmolzen zu sehen! Da er die Zahl seiner Untertanen zu wissen wünschte, sagte sich David, von Gott inspiriert, eines Tages: Machen wir die Zählung Israels und Judas. Diese Operation, ebenso langwierig wie wenig neckisch, wurde erst nach Ablauf von neun Monaten und zwanzig Tagen beendet (2 Samuel 24:8).
256. Die Zählung des Volkes. « Joab gab dem König die Volkszählung, und es fand sich, dass die Stämme Israels in ihrem Schoß achthunderttausend robuste Männer zählten, die das Schwert zogen, und dass Juda fünfhunderttausend Kämpfer zählte. » (v. 9) Kaum war die Zählung beendet, als David begriff, dass er, indem er sie vornehmen ließ, eine große Sünde begangen hatte. Die Bibel sagt nicht, inwiefern das Aufstellen dieser Statistik eine Handlung war, die dazu angetan war, den Grimm Jehovas hervorzurufen; aber sie zeigt uns dennoch Papa Lieber Gott sehr erzürnt. « Jehova sandte also zum König den Propheten Gad, welcher der Wahrsager, der Seher Davids war. Gad sprach zum König im Auftrag des Ewigen: Ich bringe drei [541] Dinge wider dich; erwähle eines von den dreien, dass ich es dir tue. Was willst du, dass dir widerfahre? entweder sieben Jahre Hungersnot über dein Land? oder dass du drei ganze Monate lang vor deinen siegreichen Feinden fliehest? oder drei Tage Pest in deinem Königreich? Überlege wohl, und sieh, was du willst, dass ich Gott antworte, der mich gesandt hat. » (2 Samuel 24:11-13) Dieser erste Teil erfordert einige wichtige Anmerkungen. Zunächst sagt der Text selbst ausdrücklich (v. 1), dass es Gott ist, der, « da sein Zorn wider Israel entbrannt war, David antrieb, diese Zählung zu machen »; nun erzürnt sich Gott danach noch mehr und beschließt, dass Anlass besteht, eine Geißel zu entfesseln, um zu bestrafen, was er hat tun lassen. Da haben wir also Gott, wieder einmal von der Heiligen Schrift als Feind des Menschengeschlechts dargestellt, der Vergnügen daran findet, die Menschen in seine Fallen stürzen zu lassen. Zweitens hat der Herr selbst im Pentateuch drei Zählungen angeordnet. Drittens ist nichts nützlicher und weiser, wie auch nichts schwieriger, als die genaue Volkszählung einer Nation vorzunehmen; und diese Operation Davids ist nicht nur klug, sondern sie ist heilig, da er darin der Inspiration Gottes gehorcht. Viertens schreien alle Kritiker über die Übertreibung, über die Betrügerei, über die Lächerlichkeit, David eine Million dreihunderttausend Soldaten in einem so kleinen Lande einzuräumen: was, wenn man nur den fünften Teil des Volkes als Soldaten rechnet, sechs Millionen fünfhunderttausend Einwohner ergäbe, ohne die Kanaaniter und die Philister mitzurechnen, die David ganz kürzlich erst vier Schlachten geliefert hatten, und die über ganz Palästina verbreitet waren. Fünftens zählt das Buch der Chronik, das ebenfalls kanonisch zur Bibel gehört, und das sehr oft den anderen Werken von gleicher göttlicher Inspiration widerspricht, fünfzehnhundertsiebzigtausend Soldaten; was sich auf eine noch viel staunenswertere und viel unglaublichere Zahl beliefe. Sechstens meinen die Kritiker, dass eine kindische, groteske, der Majestät Gottes unwürdige Affektiertheit darin liegt, den Propheten Gad zum Propheten David zu senden, um ihm eine der drei Geißeln zur Wahl zu geben, sieben Jahre lang, oder drei Monate lang, oder drei Tage lang; sie finden in dieser himmlischen Grausamkeit eine Verhöhnung, und ich weiß nicht was für einen Anstrich eines orientalischen Märchens, der nicht in [542] einem Buche stehen sollte, in dem man Gott auf jeder Seite handeln und reden lässt. Sehen wir jetzt, welche Wahl der König traf. « David antwortete Gad: Ich bin in großer Ratlosigkeit; aber es ist besser, durch die Pest in die Hände Gottes zu fallen, der barmherzig ist, als in die Hände der Menschen. Alsbald sandte Gott die Pest nach Israel; und in drei Tagen, von Dan bis Beer-Seba, starben siebzigtausend Männliche. Und als der Engel des Todes seine Hand noch über [543] Jerusalem ausstreckte, um diese Stadt zu verwüsten, reute es den Herrn, die Geißel gesandt zu haben, und er sprach zu dem Engel, der das Volk vernichtete: Wohlan, es ist jetzt genug, zieh deine Hand zurück.
257. Die Pest in Israel. Der Engel des Herrn war damals über der Scheune Arafnas, des Jebusiters. Aber David seinerseits, da er sah, dass der Engel immer noch schlug, flehte den Ewigen mit diesen Worten an: Ich bin es, der gesündigt hat, Herr; was diese Schafe betrifft, was haben sie getan? Ich bitte dich also, deine Hand schwer werden zu lassen über mir und über der Familie [544] meines Vaters. Da kam Gad zu David und sprach zu ihm: Geh schnell hin in die Scheune Arafnas, und richte dort dem Ewigen einen Altar auf. » (2 Samuel 24:14-18) David gehorchte; Arafna lieferte alles, was für ein Opfer nötig war. « Und der König baute dort einen Altar, brachte darauf Brandopfer dar, und so ward der Zorn Jehovas besänftigt, und die Pest hörte auf, Israel zu vernichten. » (v. 25)
258. David erlangt die Vergebung Gottes. Gehen wir zu den Bemerkungen der skeptischen Kommentatoren über. Eine Pest, die in drei Tagen siebzigtausend Männliche (viros, in der Vulgata) ausrottet, muss auch siebzigtausend Weibliche getötet haben. Es erscheint den Kritikern fürchterlich, dass Gott hundertvierzigtausend Personen seines teuren Volkes tötet, dem er sich alle Tage mitteilt, mit dem er vertraulich lebt; und das, weil David Gott selbst gehorcht und die weiseste Sache der Welt getan hat. Außerdem meint unter anderen Fréret, dass der heilige Verfasser sichtlich Homer nachahmt, wenn der Herr die Hand des Würgengels aufhält: Ihm zufolge ist es sehr wahrscheinlich, dass der Verfasser, den er für Esra hält, von dem illustren griechischen Dichter hatte reden hören; denn Homer malt in seinem ersten Gesang der Ilias Apollo, wie er von den Gipfeln des Olymps herabsteigt, mit seinem Köcher bewaffnet, und seine Pfeile auf die Griechen schleudert, über die er erzürnt war. Mit dieser Episode der Pest endet das 2. Buch Samuel. Das Alte Testament fährt mit dem Buch der Könige fort. Im hebräischen Originaltext gibt es nur ein einziges so benanntes Buch; aber dieses Buch ist von der griechischen Fassung der Septuaginta und von der lateinischen Übersetzung der Vulgata in zwei geteilt worden, und diese Einteilung, obgleich willkürlich, wird von den modernen Ausgaben der Bibel allgemein übernommen. Es gibt sogar Ausgaben, die vier Bücher der Könige zählen, indem sie unter diesem Titel die zwei Bücher Samuel des hebräischen Textes einschließen. Um das Nachschlagen zu erleichtern, werden wir die griechische und lateinische Einteilung übernehmen. Die Erzählung des Buches (oder der zwei Bücher) der Könige beginnt mit den letzten Tagen Davids und erstreckt sich bis zur Mitte der babylonischen Gefangenschaft. Die talmudische Überlieferung schreibt die Abfassung dieses Werkes dem Propheten Jeremia zu; und diese Meinung, von den meisten Rabbinern und alten christlichen Theologen angenommen, ist zuletzt von Hävernick verteidigt worden. Andere Exegeten, namentlich Bleek, meinen, dass es [545] Baruch, der Schüler Jeremias, sei, der dieses Buch geschrieben habe. Wir werden uns nicht damit aufhalten zu untersuchen, wer in dieser Debatte recht hat. Für die Juden wie für die Christen ist es immer Gott, der die Schilderungen diktiert hat; auf diesen Standpunkt also werden wir uns weiterhin stellen und dabei die göttlichen Perlen zusammenlesen und alles hervorheben, was mit gutem Recht unter die Kritik der gesunden Vernunft fällt. « Nun war der König David alt geworden, da er viele Tage hatte; und, obgleich er sich mit einer großen Zahl von Kleidungsstücken bedeckte, eines über dem andern, gelang es ihm nicht, sich zu erwärmen. Da sprachen seine Amtleute untereinander: Lasst uns ein junges Mädchen suchen gehen für den Herrn, unsern König, auf dass sie sich zu seinen Füßen in seinem Bette aufhalte und ihn liebkose; und sogar wird unser König sich wohl erwärmen können, wenn sie neben ihm schläft. Man suchte also in allen Landstrichen Israels ein Mädchen, das recht schön wäre, mit sehr heißem Blut (fr. „avec le sang très chaud“: die Bibel Ostervalds hat nur „une fille qui fût belle“, „ein Mädchen, das schön wäre“; Taxil folgt hier Voltaire, aber das heiße Blut ist sein Zusatz, ebenso am Ende „ging David nicht in sie ein“, wo Ostervald „ne la connut point“ hat, „erkannte sie nicht“). So fand man Abisag von Sunem und brachte sie zum König. Dieses junge Mädchen war überaus schön: Sie lag bei dem König, und sie liebkoste ihn; dennoch ging David nicht in sie ein. » (1 Könige 1:1-4) Diese Jungfer-Daunendecke ist ein wahrer Fund, welcher der Einbildungskraft der Tauber-Ente Ehre macht. Der Benediktiner Dom Calmet, der auf all die wundersamsten Foppereien der Bibel hereinfällt (fr. „couper dans“, eine Argot-Redewendung aus dem Kartenspiel: der Gefoppte hebt genau dort ab, wo der Falschspieler die Karten gebogen hat), merkt gravitätisch an, dass ein überaus schönes junges Mädchen sehr geeignet ist, einen Mann von siebzig Jahren wiederzubeleben; das war damals das Alter Davids. Zur Stütze der heiligen Erzählung berichtet der hochgelehrte Ordensmann, dass ein jüdischer Arzt dem Kaiser Friedrich Barbarossa riet, bei jungen Knaben zu liegen und sie auf seine Brust zu legen. Aber da man nicht die ganze Nacht einen jungen Knaben auf seiner Brust halten kann, fügt Dom Calmet hinzu, dass man kleine Hunde zu demselben Zweck verwendet hat. Was die vom biblischen Erzähler geäußerte Meinung anbelangt, nämlich dass David sich darauf beschränkte, sich an der jungen Sunamitin Abisag zu erwärmen, so kann man vermuten, dass Salomo diese Ansicht kaum teilte; denn wir werden weiter unten sehen, dass er seinen älteren Bruder Adonia meucheln ließ, der sich schuldig gemacht hatte, indem er um Abisags Hand anhielt, als ob er die Witwe oder die Konkubine seines Vaters hätte ehelichen wollen.
259. Abisag dient dem König als Daunendecke. Adonias Mutter war Haggith, von David [546] vor Bathseba geehelicht, von der er Salomo hatte. Seit dem Tode Absaloms des Langhaarigen war Adonia der älteste der königlichen Kinder, und er war der Ansicht, dass ihm die Krone von Rechts wegen zukomme; aber es gab andererseits eine Hofintrige, um Salomo regieren zu lassen. Ohne den Tod ihres Vaters abzuwarten, genierten sich die zwei Prinzen nicht, öffentlich den Thron zu begehren.
255. Adonia und Salomo streiten sich um die Krone. « Adonia sprach: Ich werde es sein, der regieren wird. Er hatte in seiner Partei Joab, den Obergeneral der [547] Heere, und Abjathar, den Hohenpriester. Aber ein anderer Opferpriester, Zadok, sowie Benaja, und der Prophet Nathan, und Simei, und andere tapfere Männer waren nicht für Adonia. Dieser Prinz gab allen seinen Brüdern und den Vornehmsten Judas ein großes Festmahl; indessen lud er weder seinen Bruder Salomo, noch den Propheten Nathan, noch Benaja ein. Da sprach Nathan zu Bathseba, der Mutter Salomos: Hast du nicht sagen hören, dass Adonia sich schon zum König gemacht hat, ohne dass unser Herr David [548] es weiß? Geh also hin und tritt vor den König, und frage ihn, warum Adonia sich hat ausrufen lassen, und sage ihm, dass er dir versprochen hat, dein Sohn werde derjenige sein, der ihm nachfolge. Und ich werde dazukommen, während du mit dem König redest, und ihm alles bestätigen, was du gesagt hast. » (1 Könige 1:5-14) Da der heilige Schriftsteller nicht sagt, dass Adonia sich zum König ausgerufen habe, sondern nur, dass er hoffte, die Krone werde ihm zukommen, und dass er seine Parteigänger hatte, ganz wie Salomo die seinen hatte, so ist also durch die Bibel selbst festgestellt, dass der Prophet Nathan ein Erzlügner war, ein niedriger Intrigant; er organisiert mit Bathseba, der unkeuschen Witwe des gemeuchelten Uria, eine Machenschaft, um dem Älteren die Krone zu entreißen, und er, der heilige Mann, greift zur Verleumdung, um Erfolg zu haben. Die Ordnung der Nachfolge war bei den Juden vielleicht noch nicht recht festgelegt; aber es war natürlich, dass Adonia in seiner Eigenschaft als der Ältere seinem Vater nachfolgen sollte, umso mehr, als er nicht wie Salomo von einer ehebrecherischen Frau geboren war. Die zwei vornehmsten Köpfe des Königreichs, der Generalissimus und der Hohepriester, erkannten sein Recht an. Dank einer Kabale also, die zu Lügen griff, bestimmte der alte König Salomo zum Nachfolger. David glaubte der verleumderischen Denunziation Bathsebas und Nathans. « Und der König David sprach: Lasst mir den Opferpriester Zadok und den Hauptmann Benaja kommen; der Prophet Nathan schließe sich ihnen an; nehmt mit euch die Offiziere meiner Garde; setzt meinen Sohn Salomo auf meine Maultierstute, und führt ihn nach Gihon. Dort werden Zadok und Nathan ihn zum König über Israel salben; dann werdet ihr die Trompete blasen, und ihr werdet alle rufen: Es lebe der König Salomo! » (1 Könige 1:32-34) Schließlich war die Stunde des Todes Davids nahe. Folgendes sagte dieser König, bevor er verschied, unter anderem zu diesem Sohn der Ehebrecherin Bathseba, den er zu seinen Lebzeiten feierlich hatte salben lassen: « Du weißt, was Joab einst getan hat, der Blut um seine Lenden tat und in die Schuhe, die er an seinen Füßen hatte. Du sollst nicht zulassen, dass seine weißen Haare in Frieden ins Grabmal hinunterfahren; ich zähle auf deine Weisheit. » (1 Könige 2:5-6)
260. Salomo bemächtigt sich des väterlichen Erbes. « Aber siehe, noch dies: Du hast, unter deinen Anhängern, Simei, von Bahurim, der wider mich grausige Flüche aussprach und Steine nach mir warf, an dem Tage, da ich [549] gen Mahanaim floh, aber, als ich vom Jordan zurückkam, erflehte er meine Verzeihung, und, vor allem Volk, habe ich ihm bei dem Ewigen geschworen, dass ich ihn nicht durch das Schwert umbringen werde. Du aber sollst ihn nun nicht ungestraft lassen, und du bist weise genug, um zu wissen, was du ihm tun sollst; so sollst du denn, durch einen blutigen Tod, seine weißen Haare in das Grab hinabfahren lassen. » (1 Könige 2:8-9) « Also entschlief David mit seinen Vätern, und er ward begraben in der Stadt Davids. Und die Zeit, die er über Israel regierte, war vierzig Jahre: sieben Jahre zu Hebron, und dreiunddreißig Jahre zu Jerusalem. » (v. 10-11) David stirbt, wie er gelebt hat, sagt Huet. Er, dieser Mann nach dem Herzen Gottes, hat die grässliche Undankbarkeit, zu befehlen, dass man seinen Obergeneral Joab meuchle, den treuesten seiner Hauptleute, denjenigen, dem er seine Krone verdankte. Auf seinem Sterbebett wird er mit einem widerwärtigen, mit Heuchelei vermischten Zynismus meineidig gegenüber Simei, dem er zu verzeihen vorgegeben hat, um sich einen Ruf des Edelmuts zu machen, und dem er geschworen hat, sich niemals an seinem Leben zu vergreifen. Kurz, er ist Meuchelmörder und perfid bis an den Rand des Grabes. Was den Benediktiner Dom Calmet betrifft, so versäumt er nicht, David zu rechtfertigen, und er tut es mit diesen Worten, die es verdienen, eingerahmt zu werden: « David hatte von Joab große Dienste empfangen, und die Straflosigkeit, die er ihm so lange gewährt hatte, war eine Art Belohnung für seine unverbrüchliche Ergebenheit; aber diese Rücksicht entband David nicht von der Verpflichtung, das Verbrechen zu bestrafen und gegen Joab Gerechtigkeit zu üben. » Es ist offensichtlich, dass Joab insbesondere ein großes Verbrechen begangen hatte, als er den Befehl Davids ausführte, Uria auf den gefährlichsten Posten eines Kampfes zu stellen und ihn dort zu verlassen. Die Kirche spricht David los, aber spricht Joab nicht los!... « Zudem, fügt der R. P. Calmet hinzu, bestanden die Gründe zur Dankbarkeit nicht fort, was Salomo anbelangt; und dieser Fürst hatte einen besonderen Beweggrund, Joab zu Tode zu bringen, da dieser, um ihn auszuschließen, sich verschworen hatte, das Königreich Adonia zu geben. » Schlussfolgerung: David ist ein Heiliger, und Salomo ist ein Weiser. Amen! Es ist also bewundernswert, dass die christliche Kirche Wert darauf gelegt hat, [550] Jesus Christus von David und von Salomo abstammen zu lassen. Wir haben schon einige seltsame Gestalten in der Genealogie des Messias gesehen, aber sind diese zwei Könige nicht seltsamer als alle anderen Aszendenten? Wenn die Kirche wenigstens noch auf mildernde Umstände plädierte!... Aber überhaupt nicht: sie fährt mit dem Schwamm über alle Verbrechen Davids und macht aus ihm den ehrenwertesten der Vorfahren. Er ist das [551] Vorbild der Könige, und als solcher empfängt er die einmütigen Lobpreisungen der Theologen. Er wird zum Heiligen unter den Heiligsten ausgerufen. Die Päpste lassen seine abgeschmackten Rhapsodien bei den Zeremonien des Kultes singen. Besser noch, die Kirche — sie hat es oft in ihren Konzilien erklärt — sieht in David das menschliche Bild Jesu, das heißt Gottes des Sohnes, der zweiten Person der göttlichen Dreifaltigkeit! [552] 13. KAPITEL
« Salomo ergriff nun Besitz von dem Thron Davids, seines Vaters, und alsbald befestigte er seine Gewalt. » (1 Könige 2:12)
261. Salomo auf dem väterlichen Thron. (das Schild lautet „Ancienne maison David, Salomon successeur“, vormals Haus David, Nachfolger Salomo: ein Firmenschild, und die Dynastie als Familienbetrieb) Angesichts der biblischen Sitten kann man sich wohl denken, dass der neue König sich bald Adonias und der zwei vornehmsten Häupter Israels entledigen würde, die die Krone dem Sohn Haggiths hätten zufallen sehen wollen. Adonia dachte nicht mehr an das Königtum, er hatte seine Trauer darum gehalten (fr. „en faire son deuil“, eine Redewendung: sich damit abfinden und darauf verzichten): alles, was er sich vom Erbe Davids wünschte, das war die junge Jungfer, die dem alten König als Daunendecke gedient hatte; denn er war in Abisag verliebt. Als einzige Entschädigung für das Königreich, das er, der Ältere, durch die Machenschaften und die Kabalen Bathsebas und Nathans verloren hatte, bat er um die hübsche Magd, die seinen Vater in seinen letzten Tagen erwärmt hatte. Diese Liebe, die nicht von Belang war, diente Salomo zum Vorwand, um Adonia meucheln zu lassen, obwohl dieser sich recht demütig zeigte und sich vor der vollendeten Tatsache beugte. Adonia, der wohl seine Nächte damit verbrachte, von Abisag zu träumen, erwartete so wenig, entleibt zu werden, war so arglos und so naiv, dass er sich an Bathseba selbst wandte, um dieses Mädchen zu erhalten. « Da kam Adonia, der Sohn Haggiths, zu Bathseba, der Mutter Salomos. Und sie sprach zu ihm: Kommst du in guten Absichten? Er antwortete: Ich komme in guten Absichten. Und er fügte hinzu: Ich habe dir ein Wort zu sagen. Sie sprach zu ihm: Rede. Adonia drückte sich so aus: Du weißt wohl, dass die Krone mir zukam, als dem Älteren, und dass ganz Israel erwartete, mich regieren zu sehen; aber die Krone ist auf den Kopf meines Bruders übertragen worden. So sei er denn der König, da er gesalbt worden ist und der Ewige ihn eingesetzt hat. Ich bitte dich nur um eine Gnade: ich bitte dich, zum König, deinem Sohn, zu gehen, der dir nichts abschlagen wird, und Salomo zu bitten, dass er mir Abisag, die Sunamitin, gebe; denn ich begehre, sie zu meinem Weibe zu machen. Bathseba antwortete ihm: [553] Ich willige gern ein; ich will für dich zum König reden. Also begab sich Bathseba zu Salomo, der aufstand, sobald sie eintrat, sich vor ihr niederwarf und sie dann zu seiner Rechten sitzen ließ. Und Bathseba sprach zum König: Ich habe dir eine kleine Bitte vorzutragen; schlage sie mir nicht ab. Salomo antwortete ihr: Trage deine Bitte vor, meine Mutter, und sei gewiss, dass du von mir keine Weigerung erfahren wirst. Da sprach Bathseba: Mein Begehren ist, dass du Abisag deinem Bruder Adonia zum Weibe gebest. Als er diese Worte hörte, rief Salomo aus: Warum bittest du mich um die Sunamitin für Adonia? Bitte mich auch um das Königreich für ihn, indem du geltend machst, dass er mein älterer Bruder ist! bitte um die Gewalt für ihn, für den Hohenpriester Abjathar und für Joab! Nun wohl, ich schwöre es bei dem Ewigen; Gott behandle mich mit aller seiner Strenge, wenn Adonia, indem er dich beauftragte, mir diese Worte zu überbringen, nicht wider sein eigenes Leben geredet hat! So wahr Jehova der lebendige Gott ist, Adonia soll noch heute ums Leben gebracht werden.
262. Sehr baldiges Ende Adonias. Und, nachdem der König Salomo Benaja beauftragt hatte, Adonia zu töten, richtete der Hauptmann Benaja alsbald seine Mission aus, und Adonia ward getötet. » (1 Könige 2:13-25)
263. Unerwartete Katastrophe. Danach kam die Reihe an Abjathar; aber dieser wurde nicht gemeuchelt. Salomo, der wusste, wie abergläubisch das Volk war, wollte das Blut eines Hohenpriesters nicht vergießen; es wäre ihm schwergefallen zu sagen, dass Gott ihm diesen Mord eingegeben habe. « Dann sprach der König zu dem Hohenpriester Abjathar: Zieh dich auf deine Besitzung zu Anathoth zurück, wohin ich dich verbanne, obgleich du den Tod verdienst; aber, weil du die Lade Gottes vor David, meinem Vater, getragen hast, will ich dich heute nicht zu Tode bringen. Also verstieß Salomo Abjathar, damit er nicht mehr Opferpriester des Ewigen wäre. » (v. 26-27)
264. Salomo verstößt Abjathar. Für Joab kein Erbarmen. « Als diese Nachrichten zu Joab gelangt waren, suchte er Zuflucht in der Stiftshütte Jehovas; und er stand dort, die Säulen des Altars mit seinen Armen umschlingend. Das wurde dem König berichtet, und Salomo sandte Benaja und sprach zu ihm: Geh, und töte Joab. Benaja trat nun in die Stiftshütte und sprach zu Joab: Geh hinaus von hier, ich komme, dich zu töten. — Dann werde ich hier sterben, antwortete Joab; denn ich werde nicht aus dem Asyl Gottes hinausgehen. Benaja kehrte ratlos zu Salomo zurück und erstattete ihm Bericht von der Weigerung Joabs, aus der Stiftshütte hinauszugehen. Und der König sprach zu Benaja: Tu, wie ich dir befohlen habe; töte ihn und beerdige ihn [554] danach; und auf diese Weise werden weder ich noch meine Familie verantwortlich sein für das unschuldige Blut, das Joab vergossen hat. Das Blut der Leute, die er getötet hat, wird so auf seinen Kopf und auf seine Nachkommenschaft zurückfallen, und der Herr wird David einen ewigen Frieden geben, seinem Samen, seinem Haus und seinem Thron. Benaja warf sich nun auf Joab in der Stiftshütte und tötete ihn; worauf er ihn in der Wüste begrub. » (1 Könige 2:28-34) Wenn man, bemerkt Voltaire, ein neues Verbrechen [555] zu den Schurkereien hinzufügen kann, mit denen Salomo seine Regierung beginnt, so fügt er ihnen ein Sakrileg hinzu. Wenn es nach so vielen Scheußlichkeiten etwas Seltsames gibt, so ist es dies, dass Gott, der fünfzigtausendundsiebzig Mann umbrachte, weil sie in seine Lade geschaut hatten, diesen heiligen Kasten nicht rächt, auf dem man den größten Hauptmann der Juden abgeschlachtet hat, dem David seine Krone verdankte. Fahren wir fort. « Da stellte der König Benaja an die Spitze [556] des Heeres, an Stelle Joabs, und er bestellte den Opferpriester Zadok zum Hohenpriester, an Stelle Abjathars. » (1 Könige 2:35) « Der König sandte auch zu Simei und ließ ihm sagen: Baue dir ein Haus zu Jerusalem, und wohne dort, ohne jemals aus der Stadt hinauszugehen; wenn du aus ihr hinausgehst, wenn du den Wildbach Kidron überschreitest, werde ich dich ohne Nachsicht töten lassen. Simei antwortete: Dieser Befehl ist sehr gerecht. Also wohnte er zu Jerusalem. Es begab sich aber, nach Verlauf von drei Jahren, dass zwei Domestiken Simeis zum König von Gath entflohen. Simei gurtete alsbald seinen Esel und brach nach Gath auf, um sein Gut wiederzuerlangen; und er brachte danach diese treulosen Knechte nach Jerusalem zurück (1 Könige 2:36-40)... Und Salomo, da er die Sache erfahren hatte, gebot Benaja, hinzugehen und Simei zu töten; also starb Simei. Und das Königreich ward befestigt in den Händen Salomos. » (v. 46) Das Buch der Könige belehrt uns danach, dass Salomo sich mit dem König von Ägypten verbündete und dass dieser ihm seine Tochter zur Ehe gab. Natürlich verschweigt die Bibel den Namen des ägyptischen Monarchen, oder, besser gesagt, sie bezeichnet ihn wie immer mit dem Namen Pharao, der kein Name ist, sondern der allgemeine Titel der Könige Ägyptens. Die Hochzeit fand zu Jerusalem statt. Zu jener Zeit baute sich Salomo einen Palast, begann den Bau des Tempels und umgab seine Hauptstadt mit Mauern. Bis der Tempel vollendet wäre, ging der König, um seine Andacht zu verrichten, nach Gibeon, wo sich das bedeutendste Heiligtum des Königreichs befand. Dort gewährte ihm Jehova die Weisheit, in einem Traum.
265. Heirat Salomos. Die Episode ist recht merkwürdig. « Der Ewige erschien Salomo zu Gibeon im Traum des Nachts; und Gott sprach zu ihm: Bitte von mir, was du willst, dass ich dir gebe. Und Salomo, der schlief (fr. „qui dormait“: die Bibel Ostervalds hat nur „Et Salomon répondit“; der Schlaf, hier und in Vers 10, ist Taxils Zusatz, aber der Traum steht im Text, „en songe de nuit“, „im Traum des Nachts“, und Salomo erwachte, so dass das Argument bestehen bleibt), antwortete: Du hast gegen deinen Knecht David, meinen Vater, ein großes Wohlwollen gehegt, weil er in den Wegen der Wahrheit, der Gerechtigkeit wandelte, und weil er ein Herz voll Redlichkeit hatte; darum hast du ihm einen Sohn gegeben, der heute auf seinem Thron sitzt. Und nun, o Ewiger, mein Gott, nun, da du mich David hast nachfolgen lassen, bin ich nur ein kleiner Knabe, unfähig zu unterscheiden, wie man sich betragen muss; und ich bin an der Spitze eines großen Volkes, so zahlreich durch seine Menge, dass es sich nicht zählen lässt. So gib mir denn ein verständiges Herz, um dein Volk zu richten und um [557] zu unterscheiden, was gut und was böse ist. Nun ward der Ewige angenehm gerührt von dem, was Salomo ihm in seinem Schlaf geantwortet hatte, und er sprach ferner zu ihm: Weil du soeben also zu mir geredet hast, und weil du mich weder um ein langes Leben gebeten hast, noch um Reichtümer, noch darum, deine Feinde zu töten, sondern weil du mich um Verstand und um Billigkeit gebeten hast, nun wohl, so gewähre ich dir nach deinen Worten: ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, so dass niemals ein Mensch, weder vor dir noch nach dir, dir gleich gewesen sein wird noch sein wird; außerdem gebe ich dir, was du nicht von mir erbeten hast, die Reichtümer und den Ruhm, und kein König wird dir gleichkommen an Ruhm und an Reichtümern; überdies, wenn du in meinen Wegen wandelst, indem du meine Gebote hältst, wie David, dein Vater, darin gewandelt ist, so will ich dein Leben sehr lange verlängern. Da erwachte Salomo, und siehe, das war sehr wahrheitsgetreu sein Traum gewesen. » (1 Könige 3:5-15)
266. Jehova gewährt dem Sohn Davids die Weisheit. Der offizielle Text, den die Kirche für authentisch erklärt, lässt keinen Zweifel: es handelt sich wirklich um einen Traum. Gott, der nicht wartete, bis Abraham, Jakob und andere eingeschlafen wären, um ihnen zu erscheinen, gibt sich Salomo nur in einem Traum kund. Zugegeben. Wie hat man es dann erfahren? Salomo hat also seinen Traum irgendeinem anderen Juden erzählt? Von einem zum anderen ist diese Erzählung eines Traumes bis zum Verfasser des Buches der Könige gelangt, welcher zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft lebte?... Absonderlich, nicht wahr? Die Theologen werden uns sagen — das ist eine ihrer Lieblingsthesen —, dass die Erscheinung Gottes in einem Traum nichtsdestoweniger eine göttliche Kundgebung ist; die Kirche erkennt göttliche Träume und teuflische Träume an; der Traum eines Menschen kann, versichern die Priester, in gewissen Fällen das Ergebnis einer übernatürlichen Einwirkung sein und keineswegs die Wirkung des Zufalls. Nun wohl, nehmen wir für einen Augenblick diese These an. Gott hat sich Salomo wirklich kundgegeben; aber das hindert nicht, dass Salomo schlief und sich folglich alles dessen nicht bewusst war, was er in seinem Traum sagen oder tun mochte. Wenn der Papst selbst eines Nachts träumte, dass er Palladist (Anhänger des Palladismus, der luziferischen Freimaurerei, die Taxil selbst erfunden hatte; zu ihren angeblichen Riten gehörte das Erdolchen geweihter Hostien) ist und dass er Hostien mit großen Dolchstößen durchbohrt, würde keiner seiner Kardinäle daran denken, es ihm als Verbrechen anzurechnen. Wenn Salomo in seinem Traum den Ruhm und die Reichtümer gewählt hätte, so wäre das nicht im Geringsten von Belang gewesen; nichts ist offensichtlicher. Man würde verstehen, dass Gott, nachdem er ihm [558] Fragen gestellt hätte, ihm die Zeit gelassen hätte, aufzuwachen, und dass Salomo dann, unter dem Eindruck des Traumes, in dem er ein Manöver himmlischer Strategie erblickte, sein Gewissen konsultiert und überlegt hätte, was er zu antworten hatte; seine Antwort als wacher Mensch, der die Weisheit wählt und das Übrige verschmäht, wäre verdienstvoll gewesen. Da er träumte, zählt seine Antwort also nicht; und doch war der unbezahlbare Jehova davon bezaubert. Das ist absonderlicher als alles andere! [559] So mit der Weisheit ausgestattet, die er in einem Traum erbeten und empfangen hatte, sollte Salomo die Israeliten bald durch eine bewundernswerte Gerechtigkeit, geleitet von dem wunderbarsten Verstand, in Erstaunen setzen. Jeder kennt sein Urteil über die zwei Mütter; übrigens die einzige Tatsache, welche die Bibel als Beweis dieser außerordentlichen Weisheit anführt. Zwei Frauen sind, im Abstand von drei Tagen, in derselben Kammer einer Herberge niedergekommen; eines der Kinder ist tot; eine der Mütter beschuldigt die andere, [560] ihr während der Nacht ihren Sohn genommen zu haben, der am Leben ist, und ihn bei ihr durch den Leichnam ihres eigenen, aus Versehen erstickten Kindes ersetzt zu haben. Dieser verwickelte Fall wird dem König bei seiner Rückkehr nach Jerusalem vorgelegt. Die der Vertauschung beschuldigte Mutter verteidigt sich, indem sie schreit, das sei gelogen, und schwört, dass das lebende Kind, das sie vor das Tribunal gebracht hat, wirklich das ihre ist; die andere schwört mit demselben Eifer, dass sie die Wahrheit gesagt hat, und fordert das Kind. Da lässt Salomo ein Schwert bringen und befiehlt, dass man das Kind in zwei Teile teile und dass man jeder der beiden Mütter eine Hälfte davon gebe. Schrei des Mitleids der wahren Mutter, die, da sie ihr Baby nicht getötet sehen will, nun fordert, dass man es derjenigen lasse, die es ihr genommen hat; diese dagegen verrät sich mit den Worten: Der König hat gut geurteilt; das Kind wird weder dein noch mein sein, man teile es! Nun war der Befehl Salomos in seinen Gedanken nur eine Probe. Er spricht also das endgültige Urteil, indem er das lebende Kind seiner wahren Mutter zurückgibt (1 Könige 3:16-28).
267. Berühmtes Urteil Salomos. Alle Gläubigen geraten in Verzückung, wenn der Prediger im Verlauf einer Predigt diese Anekdote anführt. Ohne zu der schrecklichen Probe der Teilung des Kindes in zwei Teile greifen zu müssen, hätte Salomo nur die erstbeste Hebamme hinzuzuziehen brauchen, die ohne die geringste Schwierigkeit bezeichnet hätte, welches das am Vortag geborene Kind war und welches dasjenige, dessen Geburt schon vier Tage zurücklag. Aber kritteln wir nicht, und huldigen wir der Weisheit des Sohnes Davids. Wir wollen nur sagen, dass sich die Anekdoten dieser Art schaufelweise aufhäufen lassen, und dass es immer, zu allen Zeiten und in allen Ländern, Magistratspersonen gegeben hat, die unter einem Anschein von Biederkeit scharfsinnig waren, und sogar einfache Dorfrichter, die Salomo Punkte vorgegeben hätten. Beschränken wir uns darauf, zwei Fälle anzuführen, die zum mindesten ebenso kurzweilig sind wie der von der Teilung des Kindes in zwei Teile; die Richter, um die es sich handelt, hatten indessen die Gabe der Weisheit nicht von Jehova in einem Traum empfangen! Ein Mann war bis auf die höchste Spitze des Glockenturms einer Kirche gestiegen, um dort etwas auszubessern. Er hatte das Unglück, hinunterzufallen; aber zugleich hatte er das Glück, sich keinerlei Schaden zu tun. Dagegen war sein Sturz einem Mann verhängnisvoll, den er im Fallen erdrückte. Die Verwandten des Erdrückten, [561] der auf der Stelle getötet worden war, luden den Mann, der vom Glockenturm gefallen war, vor den Vogt; sie beschuldigten ihn des Mordes und wollten ihn verurteilen lassen, wenn nicht zum Tode, so doch zu gewaltigem Schadenersatz. Die Sache wurde verhandelt; man musste den Verwandten des Toten irgendeine Genugtuung gewähren. Andererseits glaubte der Vogt nicht, einen Totschlag mit gutem Gewissen in irgendeiner Weise bestrafen zu dürfen, der nicht nur unfreiwillig war, sondern zudem einzig das unerwartete Ergebnis eines höchst leidigen Unglücks gewesen war. Unser Vogt, erzählt man, befahl demjenigen unter den Verwandten des Verstorbenen, der bei dieser Klage am erbittertsten war, der am lautesten nach Rache schrie, ebenfalls auf die Spitze des Glockenturms zu klettern und sich von dort auf den Vorgeladenen fallen zu lassen, den unfreiwilligen Totschläger, welcher verpflichtet wäre, sich genau an derselben Stelle zu befinden, wo der Verstorbene das Leben verloren hatte. Es versteht sich, dass der zänkische Kläger noch während der Sitzung von seiner absurden Klage abstand. Der zweite Fall, der hier der Neugier halber wiederzugeben ist, stammt von einer heidnischen Magistratsperson. Ein junger Grieche, von Liebe zu der Kurtisane Theognis ergriffen, hatte sich vorgenommen, ihr eine hohe Summe anzubieten, um sie zur Mätresse zu haben. Während er nun damit beschäftigt war, das Geld für seine Gabe zusammenzubringen, träumte er eines Nachts, dass er Theognis besaß und ihre Reize genoss; aber beim Erwachen kam er sich lächerlich vor, weil er sich beinahe für die Schöne verschuldet hätte, und das Ergebnis seiner Überlegungen war die völlige Erkaltung seiner Leidenschaft. Da er seinen Freunden sein Projekt, seinen Traum und seinen Verzicht darauf, der Liebhaber der Theognis zu werden, erzählte, ließ ihn die Kurtisane, gekränkt darüber, dass er sich weigerte, sein Versprechen einzulösen, vor den Richter rufen und verlangte, bezahlt zu werden: sie hatte, sagte sie, ein Anrecht auf die Summe, die ihr anzubieten der junge Mann sich vorgenommen hatte, da sie zugleich seine Leidenschaft geheilt und sein Begehren befriedigt hatte. Der Richter, ohne Salomo zu sein, fällte einen Urteilsspruch, vor dessen Weisheit sich unsere Tonsurierten nur beugen können: er befahl, dieser Heide, den Jehova doch nicht mit seinem Licht erleuchtete, er befahl... dass der junge Grieche die versprochene Summe in einem Beutel bringen sollte, dass er sie in ein Becken werfen sollte, und dass die Kurtisane sich mit dem Klang und der Farbe der Goldstücke bezahlen sollte, ebenso wie ihr ehemaliger Verehrer ein eingebildetes Vergnügen genossen hatte. [562] Wetten, dass der Heilige Geist, der die pikanten Geschichtchen liebt, diese in die Bibel aufgenommen und der Weisheit Salomos gutgeschrieben hätte, wenn er an sie gedacht hätte! Nach der Anekdote vom Urteil über die zwei Mütter geht das Buch der Könige zur Aufzählung der vornehmsten Amtleute Salomos über; der Leser wird uns nicht grollen, dass wir ihm diese ermüdende Nomenklatur erlassen: dagegen gibt es einige [563] hübsche Dinge in der darauf folgenden Darlegung vom Ruhm und von den Reichtümern des Sohnes Davids. « Juda und Israel waren wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist, so zahlreich waren sie; und sie waren glücklich, im Überfluss essend und trinkend, und sie freuten sich. Zu jener Zeit hatte Salomo unter seiner Herrschaft alle Königreiche vom Euphrat bis zu den Philistern und bis zur Grenze Ägyptens, und die Könige dieser Länder [564] brachten ihm Tribute, denn sie waren ihm untertan die ganze Zeit seines Lebens. » (1 Könige 4:20-21) Hier ist die Flunkerei des Heiligen Geistes ein wenig zu stark, da wir nicht mehr bei den äußerst fernen Epochen halten, über welche die Historiker keinerlei Angaben haben: nun, wer hat jemals sagen hören, dass Juden vom Euphrat bis zum Mittelmeer regiert hätten? Zwar trug die Räuberei ihnen ein kleines Land inmitten der Felsen und der Höhlen Palästinas ein, von der Wüste Beer-Seba bis nach Dan; aber es ist nirgends erwiesen, dass Salomo auch nur eine Meile Terrain durch den Krieg erobert oder auf irgendeine Weise erworben hätte. Vielmehr besaß der König von Ägypten große Domänen in Palästina; mehrere kanaanitische Kantone gehorchten Salomo nicht: wo ist denn diese angebliche Macht? « Und es waren für den Tisch Salomos jeden Tag dreißig muids (ein altes französisches Hohlmaß, je nach Ware verschieden: in Paris 268 Liter Wein, aber fast 1.900 Liter Weizen) Semmelmehl und sechzig muids gemeines Mehl, zehn große gemästete Ochsen und zwanzig von den Weiden hergebrachte Ochsen, hundert Hammel und eine große Menge Hirsche, Rehe, Büffel und Geflügel aller Art. » (v. 22-23) Alle Achtung! was für ein Gargantua (der Riese des Rabelais, sprichwörtlich wegen seines enormen Appetits)!... Die Amtleute, die Salomo an seinen Tisch einzuladen geruhte, liefen nicht Gefahr, bei einem solchen Menü vor Hunger zu sterben!... Einige Theologen, durch diese offenkundigen Übertreibungen in Verlegenheit gebracht (neunzig muids Mehl und dreißig Ochsen am Tag, ohne das Übrige mitzurechnen!), haben angedeutet, dass Salomo nach dem Vorbild der Könige von Babylon seine Amtleute speiste und dass dies im heiligen Text stillschweigend vorausgesetzt sei. Das Unglück ist, dass ein jüdischer König neben einem König von Babylon so etwas war wie der König von Yvetot (fr. „le roi d’Yvetot“, eine Redensart: der Herr eines winzigen Gebiets, der sich den Titel eines Königs beilegte; schon bei Voltaire sprichwörtlich, dessen Satz Taxil hier übernimmt, und durch Bérangers Lied von 1813 volkstümlich geworden) gegenüber dem König von Frankreich. « Salomo hatte auch vierzigtausend Ställe für die Pferde seiner Wagen und zwölftausend Reitpferde. » (v. 26) Diese vierzigtausend Ställe sind noch besser als die neunzig muids Mehl! Freilich sagt Dom Calmet, man müsse Stuten übersetzen und nicht Ställe. Verärgern wir ihn nicht wegen so wenig: meinetwegen die vierzigtausend Stuten Salomos!... « Und die Weisheit Salomos übertraf die Weisheit aller Morgenländer und aller Ägypter; er war weiser denn [565] alle Menschen, sogar weiser denn Ethan, der Esrahiter, und denn Heman, und denn Chalkol, und denn Darda. Außerdem ist es gut zu wissen, dass er dreitausend Gleichnisse und tausendundfünf Lobgesänge verfasste. » (v. 30-32) Selbstverständlich hat nie jemand sagen können, wer dieser Ethan, dieser Heman, dieser Chalkol und dieser Darda waren, die so unvermutet mit Salomo in Vergleich gesetzt und vom heiligen Verfasser mit einem unerschütterlichen Aplomb angeführt werden, als handelte es sich um illustre Persönlichkeiten, die in der ganzen Welt für ihre unvergleichliche Weisheit berühmt wären. Diese Manie, berühmte Unbekannte anzuführen, die sich von Zeit zu Zeit in der Heiligen Schrift kundgibt, ist eines der bezeichnendsten Merkmale jenes Geistes der Fopperei bis zum Äußersten, der dem unparteiischen Beobachter der wahre Inspirator der Bibel zu sein scheint. Was die dreitausend Gleichnisse und die tausendundfünf Lobgesänge betrifft, so sind einige davon übrig geblieben, die man diesem Salomo zuschreibt. Wollte Gott, sagt Voltaire, dass dieser König immer hebräische Oden gemacht hätte, statt seinen Bruder zu meucheln! Wir kommen zu dem berühmten Tempel von Jerusalem, an dem Salomo sieben Jahre baute (1 Könige 6:38); diese große Sache nimmt vier Kapitel des ersten Buches der Könige ein. Wir wollen das Wesentliche rasch durchgehen. « Hiram, der König von Tyrus, sandte seine Knechte zu Salomo, da er erfahren hatte, dass er als Nachfolger Davids, seines Vaters, zum König gesalbt worden war. Und Salomo sandte auch zu Hiram, um ihm zu sagen: Ich habe das Vorhaben gefasst, meinem Gott, Adonai, ein Haus zu bauen; darum gebiete nun deinen Knechten, dass sie mir Zedern vom Libanon fällen; denn du weißt, dass ich unter meinem Volk nicht einen einzigen Mann habe, der die Kunst kenne, Holz zu fällen wie die Sidonier... Also gab Hiram dem Salomo Zedernholz und Tannenholz, so viel er wollte; und Salomo gab Hiram zur Speise für sein Haus zwanzigtausend muids Weizen im Jahr und zwanzigtausend muids sehr reines Öl jedes Jahr... Der König Salomo erwählte aus Israel dreißigtausend Arbeiter, die abwechselnd auf den Libanon gingen, je zehntausend zusammen, während die anderen ruhten; und Adoniram stand an der Spitze dieser Arbeiter. Salomo hatte auch siebzigtausend Handlanger und Lastträger, achtzigtausend Steinhauer und dreitausenddreihundert Aufseher über die Arbeiten... Und die Maurer Salomos, [566] mit denen Hirams, behauten und bereiteten das Holz und die Steine, um den Tempel zu bauen. » (ch. 5) « Nun war dieses Haus, das der König Salomo dem Jehova baute, sechzig Ellen lang, zwanzig breit und dreißig hoch (da die jüdische Elle 52 Zentimetern entspricht, wie die Elle Ägyptens, war das Bauwerk also nach dem biblischen Text 31 Meter lang, zehneinhalb breit und fünfzehneinhalb hoch)... Der König ließ am Tempel [567] Seitenfenster machen, innen breit und außen eng; und er machte an der Mauer des Tempels Gerüste ringsumher; das untere Gerüstwerk war fünf Ellen breit, das mittlere war sechs Ellen breit, und die Breite des dritten Gerüstwerks, des obersten, betrug sieben Ellen; und er legte Balken ringsumher, damit sie die Mauer nicht berührten; endlich erbaute man über dem ganzen Hause ein oberes Stockwerk, das fünf Ellen hoch war... Er [568] setzte auch das Orakel inwendig in den Tempel, nach hinten zu, um den Kasten des Bundes des Ewigen hineinzustellen; das Orakel war zwanzig Ellen lang, zwanzig breit und zwanzig hoch... Er machte im Orakel zwei Cherubim aus Ölbaumholz, die jeder zehn Ellen hoch waren; ein Flügel eines Cherubs war fünf Ellen lang, und der andere Flügel hatte auch fünf Ellen. » (ch. 6)
268. Salomo baut Jehova einen Tempel. (am Haus steht „Asile pour les vieillards“, Greisenasyl: der Tempel als Altersheim für den alten Papa Lieber Gott) « Salomo ließ auch seinen Palast erbauen, dessen Bau dreizehn Jahre dauerte... er hatte aus Tyrus einen namens Hiram kommen lassen, den Sohn eines verwitweten Weibes, aus dem Stamm Naphthali, und dessen Vater ein Tyrer war, der in Kupfer arbeitete; dieser Mann war überaus erfahren, verständig und gelehrt, allerlei Werke aus Erz zu machen; er kam zu Salomo und machte ihm all sein Werk... Er war es, der die ehernen Säulen aufrichtete, die an der Vorhalle des Tempels aufgestellt waren, die zur Rechten, die man Jachin nannte, und die zur Linken, die man Boas nannte... Er machte auch ein großes gegossenes Becken, genannt das Eherne Meer, das zehn Ellen von einem Rand zum andern hatte und ganz rund war; dieses Becken war auf den Rücken von zwölf Ochsen gestellt, die ihren Hintern nach innen gekehrt hatten... Also ward alles Werk vollendet, das Salomo für das Haus Jehovas machte. » (ch. 7) « Als der Tempel vollendet war, trugen die Opferpriester die Lade des Bundes in das Orakel des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim; denn die Cherubim breiteten ihre Flügel über der Lade und ihren Tragstangen aus... Darauf opferten der König und ganz Israel Opfer hin, in so großer Zahl, dass man sie nicht zählen konnte, um die Weihe des Tempels für Jehova zu feiern; und bei dem Opfer, das er selbst dem Herrn brachte, schlachtete Salomo zweiundzwanzigtausend fette Ochsen und hundertzwanzigtausend Hammel ab. Also weihten der König und alle Kinder Israel das Haus des Ewigen. » (ch. 8)
269. Salomo opfert selbst. Alle Einzelheiten dieser vier Kapitel sind so übertrieben, dass man sich beim Lesen fragt, ob nicht die Garonne (der große Strom der Gascogne, deren Bewohner als Aufschneider galten, daher das Wort Gaskonade; der Kidron ist nur ein Bach), eher als der Kidron, zu jener Zeit in Jerusalem floss. Diese göttliche Beschreibung schmilzt wie Schnee an der Sonne, sobald man zur geringsten Prüfung schreitet. Hundertdreiundachtzigtausenddreihundert Mann werden beschäftigt, ohne die Maurer und anderen Arbeiter mitzurechnen, die [569] danach kommen werden, allein für die Vorbereitungen zu einem Tempel, der nur zehneinhalb Meter Fassade bei einunddreißigeinhalb Meter Länge haben sollte! Diese Erbauer, deren Zahl sich auf dreißigtausend, auf siebzig- und auf achtzigtausend beläuft, brauchen sieben Jahre, um ein nur drei bescheidene Stockwerke hohes Bauwerk zu bauen, das im Ganzen dreihundertfünfundzwanzig Meter Fläche einnimmt! Diese Zahlen lassen jeden aufspringen, der die geringste Kenntnis von Architektur hat; man braucht nämlich höchstens fünfzig Arbeiter, um in vier oder fünf Monaten ein schönes Haus von diesem Ausmaß zu bauen. Die unzähligen Arbeiter Salomos waren also gehörige Faulenzer; oder aber dieser König war trotz seiner ungeheuren Reichtümer vielleicht von einem schmutzigen Geiz, und diese Arbeiter, denen es nie gelang, sich bezahlen zu lassen, lungerten fast die ganze Zeit herum, statt zu arbeiten. Überdies stimmen die Maße, die das Buch der Könige gibt, weder mit denen des Buches der Chronik überein noch mit denen, die Hesekiel angibt, und die einen wie die anderen stehen im Widerspruch zu den Maßen, die Flavius Josephus berichtet; die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen jüdischen Verfassern würden für sich allein genügen, um Misstrauen zu erwecken, wenn der offizielle Text nicht schon an sich eine burleske Fanfaronade wäre. Die Verfasser stimmen ebenso wenig über die Chronologie dieses phantastischen Tempels überein. Das Buch der Könige sagt, er sei vierhundertachtzig Jahre nach der Flucht aus Ägypten gebaut worden; Flavius Josephus fünfhundertzweiundneunzig Jahre; und unter den modernen Theologen findet man zwanzig verschiedene Meinungen. Diese Frage ist von keinerlei Wichtigkeit; aber in einem heiligen Buch würde die Genauigkeit nicht schaden. Außerdem ist es schwer, sich nicht vor Lachen die Rippen zu halten, wenn man von diesen Stockwerken liest, die im Innern des Gebäudes als Gerüst aufgebaut waren und jedes um eine Elle über das andere vorsprangen, wobei das untere Stockwerk einen Meter schmaler war als das obere; das, wohlgemerkt, ist verblüffend. Und die Seitenfenster, die innen breit und außen eng waren, da haben wir wieder etwas, das als ulkige Architektur nicht übel ausgedacht ist! Bei alledem wäre es schwer anzunehmen, dass der Oberintendant der Bauten Salomos ein Michelangelo oder ein Bramante war. Das Fest der Tempelweihe beschließt würdig die [570] Erzählung vom Bau und die Einblicke in dieses wunderbare Bauwerk. Man hätte nicht oft solche Opfer bringen dürfen; Bullenbeißer (fr. „mâtin !“, ein umgangssprachlicher Ausruf der Überraschung, heute veraltet; der „mâtin“ ist ein großer Wachhund wie der Bullenbeißer)! man wäre bald in eine Hungersnot geraten!
270. Große Feste für das Volk. Rechnen Sie für jeden fetten Ochsen vierhundert Pfund Fleisch, das sind acht Millionen achthunderttausend Pfund Ochsenfleisch, plus zwölfhunderttausend Pfund Hammelfleisch, alles ganz vergeblich geröstet, um den göttlichen Geruchssinn Zebaoths zu bewirten! Und diese zehn Millionen Pfund Fleisch repräsentieren das Brandopfer von [571] Salomo! die Bibel sagt ausdrücklich (1 Könige 8:5), dass die Kinder Israel, die beisammen um ihren König waren, ihrerseits großes und kleines Vieh opferten, in so großer Zahl, dass man es weder zählen noch rechnen konnte (sic); die zweiundzwanzigtausend Ochsen und die hundertzwanzigtausend Hammel, die der Monarch abschlachtete, werden gesondert im Vers 63 aufgeführt. Nach all dem hätte sich Papa Lieber Gott anspruchsvoll gezeigt, wenn er nicht zufrieden gewesen wäre!... Darum « erschien der Ewige [572] dem Salomo zum zweiten Mal, wie er ihm zu Gibeon erschienen war » (1 Könige 9:2); das ließe vermuten, dass diese göttliche Kundgebung wieder im Traum stattfand: aber da der Sohn Davids sich damit begnügte und keine greifbarere Erscheinung verlangte, stünde es uns schlecht an, etwas daran auszusetzen. Die Belohnung bestand also in einer kleinen Rede, die Jehova dem König hielt, während er schlief. Diese Ansprache lässt sich in diesen einfachen Worten zusammenfassen: wenn du und dein Volk fortfahrt, mich zu ehren, so wird für euch alles gut gehen; aber wenn andere Götter als ich deine Huldigungen und die deiner Untertanen empfangen, so wird das nicht so durchgehen, dann Vorsicht! (Nach schon sehr bekannter Melodie.)
271. Gott belohnt den großen Erbauer Salomo. (am Gebäude steht „Chalet de nécessité“, der Name der Pariser Bedürfnisanstalten: Gott verleiht dem großen Erbauer vor einer solchen einen Orden) « Nun fuhr Hiram, der König von Tyrus, fort, dem Salomo alles Zedern- und Tannenholz zu senden und alles Gold, dessen er bedurfte. Da gab Salomo eines Tages dem Hiram zwanzig Städte in Galiläa. Hiram zog aus Tyrus aus, um diese Städte zu besehen, und sie gefielen ihm nicht; und er sprach zu Salomo: Mein Bruder, das sind arme Städte, die Sie mir da gegeben haben. » (1 Könige 9:11-13) Man weiß kaum, wo der Sohn Davids diese zwanzig Städte hernehmen konnte, um sie seinem Freund Hiram zum Präsent zu machen. Samaria gab es nicht, Jericho war nur eine verfallene Hütte; Sichem, Bethel waren nicht wieder aufgebaut; sie wurden es erst unter Jerobeam. « Der König Salomo rüstete auch eine Flotte aus zu Ezeon-Geber, das bei Eloth liegt, am Ufer des Schilfmeers, im Lande Idumäa; und Hiram stellte gute Seeleute seiner Flotte in den Dienst des Königs von Israel. Und die Flotte Salomos, nachdem sie nach Ophir gefahren war, brachte von dort vierhundertzwanzig Talente Goldes für den Schatz des Königs zurück. » (1 Könige 9:26-28) Damit die Gläubigen schluckten, dass Salomo Besitzer einer Flotte war, musste man wenigstens einen Seehafen bezeichnen, der Teil seines Königreichs war. Der Verfasser hat nicht gewagt, ihn an die Ufer des Mittelmeers zu setzen; denn alle Häfen dieser Gegend gehörten damals den Phöniziern und den Philistern und waren zu bekannt (Gaza, Askalon, Joppe, Dor, Tyrus und Sidon); indem er den Hafen Ezeon-Geber ersann, am hintersten Ende des Golfs von Elath, der östlich der Halbinsel Sinai liegt, im Roten Meer, brauchte der heilige Fopper nicht zu fürchten, man könnte jemals entdecken, dass diese Seestadt Teil [573] irgendeines anderen Königreichs war: aber man ist berechtigt zu sagen, dass Ezeon-Geber in der Geographie genau denselben Wert hat, den die allerillustersten Weisen Ethan, Heman, Chalkol und Darda (siehe oben) in der Geschichte haben.
272. Seemacht des jüdischen Königs: die Flotte Israels. Was das Ergebnis der Expedition der salomonesken Flotte nach Ophir betrifft — ein Land, das übrigens trotz der mühsamen Forschungen der wohlmeinendsten Historiker und Geographen unauffindbar geblieben ist —, so wirkt es kläglich nach all den Herrlichkeiten, die uns die vorhergehenden Kapitel soeben geschildert haben. Eine Flotte ausgerüstet zu haben, um bei ihrer Rückkehr vierhundertzwanzig Talente Gold von ihr zu empfangen, das ist mager, mein Fürst! Man weiß, dass das Talent Silber im Durchschnitt 5.000 Franken unseres Geldes entsprach, und dass in den Münzsystemen des Altertums das Gold zwölfeinhalbmal so viel wert war wie das Silber. Was die königliche Flotte von Ophir zurückbrachte, repräsentiert also sechsundzwanzig Millionen von heute. Welch ein Bettel für einen Herrn, der vierzigtausend Ställe für die Pferde seines Hofes besaß und der sich die fromme Laune gönnte, fünf Millionen Kilo Fleisch in einem einzigen Opfer zu verbrennen! Ziehen Sie von diesen sechsundzwanzig Millionen die Kosten der Expedition ab, die zwei Jahre dauerte, wenn man den Theologen glauben soll; der Reingewinn schrumpft zu einer Kleinigkeit zusammen, und offen gesagt war es nicht der Mühe wert, diese Tatsache aus der Regierung Salomos als bemerkenswert anzuführen. Mein armer Heiliger Geist, unter uns, es gibt Augenblicke, in denen du nachlässt, in denen du nicht mehr auf der Höhe mancher deiner Flunkereien bist, deren kolossale Kühnheit man bisweilen auskostet. Um unsere Leser zu beruhigen, sagen wir schnell, dass der göttliche Tauber es weiter hinten wieder wettgemacht hat, im 2. Buch der Chronik, Kapitel 9, einem wichtigen Teil des Alten Testaments, ebenso heilig und ebenso authentisch wie der Rest. Wir erfahren dort, dass « alle Könige der Erde dem Salomo Gold in großen Mengen sandten; der Wert des Goldes, das der König von Israel jedes Jahr empfing, betrug sechshundertsechsundsechzig Talente Goldes (v. 13). Der Thron Salomos war aus Elfenbein, mit reinem Gold überzogen, und dieser Thron hatte sechs goldene Stufen und einen goldenen Fußschemel; es waren auch zwölf goldene Löwen auf den sechs Stufen des Thrones; und in keinem Königreich war je ein so prunkvoller Thron gemacht worden (v. 17-19). Und alles Geschirr des Büfetts [574] des Königs Salomo war aus Gold; und alles Geschirr seines Sommerpalastes, der in einem Park am Libanon lag, war aus feinem Gold; es gab keines aus Silber; das Silber wurde zur Zeit Salomos nicht geschätzt (v. 20). Und der König von Israel hatte noch Schiffe, die nach Tharsis fuhren und alle drei Jahre einmal von dort zurückkamen und Salomo Gold, Silber, Elfenbein, Pfauen und Affen zurückbrachten. Also ward der König Salomo größer denn alle Könige der Erde, sowohl an Reichtümern [575] als an Weisheit. Und alle Könige der Erde machten sich auf die Reise, um Salomo zu sehen, damit sie die Weisheit hörten, die Jehova in sein Herz gelegt hatte (v. 21-23)... Und Salomo machte, dass das Silber zu Jerusalem so gemein war wie die Steine, so viel gab es davon (v. 27). » Das ist recht so!... Übrigens beteuert das 1. Buch der Chronik (1 Chronik 29), dass Salomo von seinem Vater David ein Erbe bekommen hatte, das nicht zu verachten war, Talente Gold [576] zu Tausenden, Golddrachmen, Talente Silber und Erz usw. Voltaire hat sich den Spaß gemacht, die Summe daraus zu ziehen und sie in das Geld seines Jahrhunderts umzurechnen. « Was David dem Salomo nach der Bibel hinterließ, sagt er, macht genau zehn Milliarden écus, achtzehn Milliarden in französischem Geld. Was Salomo ebenfalls anhäufte, konnte wohl eine ebenso hohe Summe erreichen. Es ist komisch zu sehen, wie ein Melch, ein jüdisches Königlein, sechsunddreißig Milliarden französische livres zu seiner Verfügung hat, oder neun Milliarden écus von Deutschland, oder ungefähr anderthalb Milliarden Pfund Sterling (das Pfund Sterling beträgt 25 Franken unseres Geldes). Man ist angewidert von so vielen kindischen Übertreibungen; das gleicht dem himmlischen Jerusalem, das in der Apokalypse vom Himmel herabkommt und das der biedere heilige Justinus vierzig aufeinanderfolgende Nächte lang sah: die Mauern waren von Jaspis, die Stadt war von Gold, die Grundfesten von Edelsteinen und die Tore von Perlen! » Wir haben soeben gesehen, dass die Bibel uns von allen Königen der Erde erzählt, die zu Besuch nach Jerusalem kommen, um Salomo zu bewundern und ihm Geschenke zu bringen. (2 Chronik 9:22-24) Der heilige Verfasser, wird man sagen, hätte doch einige bekannte Könige anführen können; das wäre von ausgezeichneter Wirkung gewesen. Aber genaue Anführungen, das war gerade das Heikle; so sehr er auch Fopper sein mag, der Tauber hat sich der Notwendigkeit beugen müssen, im Vagen zu bleiben, wollte er seine Mystifikation nicht durchschaut sehen. Da man aber dennoch wenigstens einen dieser reisenden Monarchen erwähnen musste (ohne das wären die guten Einfaltspinsel von Gläubigen nur halb zufrieden gewesen), hat die heilige Bibel ihnen den Bericht vom denkwürdigen Besuch einer mächtigen Königin vorgesetzt: der Königin von Saba. Das Kapitel 10 des ersten Buches der Könige ist zum großen Teil diesem Ereignis gewidmet, ebenso wie das Kapitel 9 des zweiten Buches der Chronik. Was das Land Saba betrifft, dessen Souveränin diese Dame war, so hat es zu zahlreichen Erörterungen unter Theologen Anlass gegeben, die eine so gelehrt wie die andere; leider ist es keiner dieser widersprüchlichen Abhandlungen gelungen, genau festzustellen, unter welchem Breitengrad dieses Land lag. Also, « die Königin von Saba, da sie von Salomo hatte reden hören, machte sich auf die Reise und kam, ihn zu sehen, um seine Weisheit auf die Probe zu stellen, indem sie ihm einige Rätsel zu raten aufgab. Und sie zog in Jerusalem ein mit einem überaus großen Zuge; sie [577] hatte Kamele, die Spezerei trugen und eine große Menge Gold und Edelsteine; und als sie Salomo sah, redete sie mit ihm von allem, was sie in ihrem Herzen hatte. Salomo erklärte ohne Zögern alle Rätsel, die sie ihm aufgab; und was sie auch Spitzfindiges und Dunkles ersinnen mochte, nichts vermochte den König in Verlegenheit zu bringen. Da nun die Königin von Saba sah, dass Salomo mit einer so wunderbaren Weisheit begabt war, und das Haus bewunderte, das er Jehova gebaut hatte, sowie seinen Palast, angenehm überrascht von den erlesenen Gerichten seines Tisches, und fand, dass alles prächtig war, selbst die Wohnungen seiner Knechte, die Ordnung, die den Dienst seiner Amtleute regelte, ihre Kleider, seine Mundschenken und die Brandopfer, die er im Tempel darbrachte, da war sie ganz außer sich.
273. Die Königin von Saba gibt Salomo Rätsel auf. (auf dem Bild steht „Cherchez le chat“, sucht die Katze: die Königin prüft Salomos Weisheit mit einem Suchbild) Und sie sprach zum König: Wahrlich, nichts ist genauer als das, was ich in meinem Königreich über dich und über deine Weisheit erfahren hatte; ich wollte es nicht glauben, und darum bin ich gekommen: aber ich sehe, dass man mir nicht die Hälfte der Wirklichkeit gesagt hatte; deine Weisheit und deine Pracht übertreffen alles, was der Ruf über dich verkündet! » (1 Könige 10:1-7) Bevor sie sich von ihrem Gastgeber trennte, machte die Königin von Saba ihm seltene und kostbare Gegenstände zum Präsent, die sie mitgebracht hatte und denen sie hundertzwanzig Talente Gold hinzufügte (1 Könige 10:10). Seinerseits erwiderte der galante Salomo, indem er sie mit Geschenken überhäufte: « Er gab ihr alles, was sie wünschte und worum sie bat, außer dem, was er ihr gab nach der Macht, die ein König wie Salomo dazu hatte » (v. 13). Einige spaßhafte Kommentatoren vermuten, dass die Königin von Saba unter den Präsenten Salomos, die sie in ihr Land mitnahm, einen Polichinelle in der Schublade hatte (fr. „avoir un polichinelle dans le tiroir“, eine umgangssprachliche Redewendung: schwanger sein; die Marionette ist das Kind, die Schublade der Bauch).
274. Austausch königlicher Geschenke. So viel Ruhm sollte Salomo zum Verhängnis werden, vom Standpunkt des Heils seiner Seele aus. Gott hatte ihm die Weisheit gegeben und sie ihm nicht wieder genommen; indessen gibt die Bibel als einen Anfang des Verfalls die freundschaftlichen Beziehungen an, die der Sohn Davids mit den Ägyptern, den Hethitern, den Ammonitern, den Sidoniern usw. hatte; das war, wie es scheint, schlechter Umgang.
275. Salomo beginnt zu verfallen: schlechter Umgang. Dann « liebte der König Salomo zugleich mehrere ausländische Weiber, außer der Tochter Pharaos, nämlich Weiber, geboren aus den Nationen, von denen Jehova zu den Kindern Israel gesagt hatte: Ihr sollt nicht in sie eingehen (fr. „Vous n’entrerez point en elles, et elles ne coucheront pas avec vous“: die Bibel Ostervalds hat „Vous n’irez point vers elles, et elles ne viendront point vers vous“, „Ihr sollt nicht zu ihnen gehen, und sie sollen nicht zu euch kommen“; Taxil gibt beiden Satzhälften einen geschlechtlichen Sinn), und sie sollen nicht [578] bei euch liegen; denn gewiss würden sie euer Herz abwenden, ihren Göttern zu folgen. Trotz dieses Verbotes Jehovas hing Salomo allen diesen Ausländerinnen mit Leidenschaft an. Er hatte zu Weibern siebenhundert Prinzessinnen, und außerdem dreihundert Kebsweiber. » (1 Könige 11:1-3)
276. Fortsetzung des königlichen Verfalls: zu viele Frauen. Ohne Zweifel hatte Jehova die Polygamie einer großen Zahl seiner Patriarchen und Propheten mit sehr wohlwollendem Auge angesehen; um nur an den letzten zu erinnern, ist es gewiss, dass David von der göttlichen [579] Erlaubnis reichlich Gebrauch gemacht hatte. Aber offen gesagt trieb Salomo Missbrauch damit. Tausend Frauen, die er alle mit Leidenschaft liebte, das heißt, die nicht nur zur Parade da waren! tausend Frauen, denen er unaufhörlich das Taschentuch zuwarf (fr. „jeter le mouchoir“, eine Redewendung: sich eine Frau für die Nacht wählen, wie man es vom Sultan erzählte, der sein Taschentuch derjenigen aus seinem Harem zuwarf, die er begehrte)!... Und wie ihm das den Arm ermüden musste!... Es geschah also, was geschehen musste, was Jehova übrigens im Voraus wusste, in seiner Eigenschaft als Gott, der die Zukunft besser kennt als irgendwer: Um [580] den siebenhundert ausländischen Prinzessinnen, die seine Gattinnen waren, eine Freude zu machen, opferte Salomo ihren Göttern; auf einem Berg nahe bei Jerusalem baute er einen Tempel für Kamos, den Gott der Moabiter, und auf einem anderen Berg einen Tempel für Milkom und für Moloch, die Götter der Ammoniter; der Gott der Sidonier, Astharoth, empfing auch seine Huldigungen (v. 4-8).
277. Der Gipfel des Verfalls: Der König betet die Götzen an. Papa Lieber Gott, der es in den ersten Zeiten der Welt Adam und Eva als Verbrechen angerechnet hatte, dass sie hatten lernen wollen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, war dagegen sehr entzückt darüber gewesen, dass Salomo vor allem danach strebte, eben diese Erkenntnis zu besitzen, und er hatte sie ihm gewährt und mit tausend Segnungen begleitet. Lassen wir beiseite, was dieser Wechsel der Anschauungsweise an Kapriziösem im Superlativ hat, bei einem übernatürlichen Wesen, das die Theologen zum unendlich Weisen ausrufen, und betrachten wir nur die Tatsache, das heißt: diese Unterscheidung des Guten und des Bösen, die Adam verweigert wurde, die besaß Salomo im höchsten Grade, durch die Gnade Gottes. Sein Betragen ist also absolut unbegreiflich, und auch hier widerspricht sich die Bibel. Oder aber man muss in alledem einfach einen historischen Hinweis sehen: nämlich dass die Juden zu jener Zeit noch keinen festen und wohlbestimmten Kult hatten, und das ist das Wahrscheinlichste. Hätten sie einen gehabt, so hätte der heilige Verfasser weiter oben nicht erzählt, dass Jakob und Esau götzendienerische Frauen ehelichten; Simson hätte keine Philisterin geehelicht; Jephthah hätte nicht gesagt, dass das moabitische Volk von Rechts wegen besaß, was sein Gott Kamos ihm gegeben hatte. Die Kritiker stützen sich auf diese Ungereimtheiten, um zu sagen, dass offensichtlich keines der jüdischen Bücher, so wie sie auf uns gekommen sind, damals geschrieben war, und dass es unter dieser Regierung Salomos, da die Israeliten kaum erst anfangen, als Nation aufzutreten, überaus gleichgültig war, ob ihr König einen Gott unter dem Namen Kamos anbetete, oder Astharoth, oder Moloch, oder Milkom, oder Adonai, oder Schaddai, oder Jehova. Wie dem auch sei, die Bibel stellt uns Jehova überaus erzürnt dar. Daher: dritte Erscheinung; diesmal heißt es nicht mehr, dass Papa Lieber Gott sich im Traum zeigte. Die Szene ist bewegt: der Ewige richtet lebhafte Vorwürfe an den weisen Salomo, der aufgehört hat, weise zu sein, ohne dass der vorerwähnte Ewige ihm die Weisheit genommen hätte; der Sohn Davids wird auf die schöne Art (fr. „de la belle façon“, eine Redewendung: gehörig, hart; ironisch gesagt) abgekanzelt! [581] « Weil du so gehandelt hast, sprach Jehova zu ihm, will ich dein Königreich zerreißen, auf dass es nicht mehr dein sei und will es einem deiner Domestiken geben. » (1 Könige 11:11) Papa Lieber Gott ist so sehr im Zorn, dass er sich buchstäblich verhaspelt; denn er fügt alsbald hinzu (1 Könige 11:12): « Dennoch will ich nichts davon wider dich tun während deines Lebens; wenn dein Königreich in den Händen deines Sohnes sein wird, dann will ich es zerreißen. »
278. Gott spricht zum letzten Mal zu Salomo. Beachten Sie, dass zu jenem Zeitpunkt der betreffende Sohn, Rehabeam mit Namen, keinerlei Sünde begangen hatte, wenn man sich an den Text der Bibel hält: wenn er Jehova gegenüber andächtig bleibt, warum ihn die zerbrochenen Töpfe bezahlen (fr. „payer les pots cassés“, eine Redewendung: den Schaden bezahlen, den ein anderer angerichtet hat) lassen, da Salomo allein schuldig ist? wenn er, sobald er auf dem Thron sitzt, dieselben Verfehlungen begehen soll wie sein Vater, so wird er also auf seine persönliche Rechnung bestraft werden, und warum sagt Jehova dann zu Salomo, dass sein Sohn für ihn bezahlen wird?... Man möchte glauben, dass Papa Lieber Gott, als er dem Sohn Davids die Weisheit gab, für sich selbst nicht das kleinste Stück davon behalten hatte. Gott hat also soeben Salomo ausdrücklich erklärt, dass er sein Königreich zu seinen Lebzeiten nicht teilen werde. Nun fügt die Bibel unmittelbar darauf hinzu: « Der Ewige erweckte also Salomo Feinde: an erster Stelle Hadad, den Idumäer, der vom königlichen Geschlecht Edoms war. » (v. 14) Die kurze Geschichte dieses Hadad ist für sich allein der flagrante Widerspruch zu dem, was vorausgeht, und man fragt sich, bei welcher Erweichung der heilige Verfasser angelangt war, dass er schreiben konnte, was der mystifizierende Tauber ihm diktierte. Hadad, so berichtet man uns, war in Idumäa noch ganz jung, als Joab, der Generalissimus Davids, kam, um alle Männlichen dieses Landes niederzumetzeln; er hatte das Glück, mit einigen Dienern seines Vaters dem Blutbad zu entkommen, und suchte Zuflucht in Ägypten. Der Pharao gab ihm Asyl, gewann ihn lieb, machte ihm ein Haus und ein weites Landgut zum Präsent, und Hadad war beim König von Ägypten so gut angesehen, dass dieser ihm die Schwester der Königin selbst zur Gattin verlieh. Die Heilige Schrift hat uns bis hierher niemals den Namen eines Pharao angegeben; aber hier lässt sie uns den Namen der Souveränin wissen: es ist die Königin Thachpenes, von der kein Historiker gesprochen hat, muss man das noch sagen? Da haben wir also Hadad als Schwager des Pharao. Halten Sie sich, ich bitte Sie, vor Augen, dass all dies sich unter der Regierung Davids zutrug. Der Verfasser erzählt uns sodann, dass Hadad, sobald er den [582] Tod Davids erfuhr, dem fast alsbald der Joabs folgte, vom König von Ägypten Abschied nahm, nach Idumäa zurückkehrte und von da an einer jener Feinde war, deren sich Gott gegen Salomo bediente, um ihn für seinen Götzendienst zu bestrafen. Hadad tat Salomo viel Übles (1 Könige 11:15-22). Nun sagt uns eben dieses Kapitel der Bibel (v. 4), dass der Sohn Davids sich erst « in der Zeit seines Alters » vom Kult Jehovas abwandte, um die konkurrierenden Götter anzubeten, und weiter unten (1 Könige 11:42), dass er im Ganzen vierzig [583] Jahre regierte. Nehmen wir an, wenn man will, dass die Andacht Salomos Jehova gegenüber dreißig Jahre gedauert habe und dass die zehn letzten Jahre seiner Regierung die seiner Sünden gewesen seien. Entweder hat Hadad, diese Geißel Gottes, er, der Schwager des Pharao, mehr als dreißig Jahre lang von der Thronbesteigung Salomos nichts gewusst, und das wäre umso unmöglicher, als Salomo gleich zu Beginn seiner Regierung die Tochter des Königs von Ägypten ehelichte, eine nahe Verwandte Hadads; oder aber Hadad hat keine Zeit verloren [584] und hat kurz nach der Besitzergreifung des Thrones durch Salomo sein rächendes Eisen im Königreich Israel spazieren geführt, und es ist der Gipfel des Außerordentlichen, dass Salomo für seine Sünde dreißig Jahre, bevor er sie begangen hatte, bestraft worden ist. Aber hier ist etwas noch Genaueres: « Gott erweckte Salomo auch einen anderen Feind; das war Reson, der Sohn Eljadas. Dieser sammelte Truppen wider ihn; er war einst von David geschlagen worden und hatte in Damaskus Zuflucht gesucht. Aber er war ein schrecklicher Feind für Israel während der ganzen Regierung Salomos, und er tat ihm viel Übles, außer dem Üblen, das Hadad tat. Reson, der den Israeliten diese Niederlagen beibrachte, regierte über Syrien. » (1 Könige 11:23-25) Dieser Reson, König von Syrien, der Salomo während des ganzen Verlaufs seiner Regierung in Judäa so viel Kummer bereitete, beweist, deutlich wie dreimal eins drei macht: 1. dass der so weise und anfangs Jehova gegenüber so andächtige Monarch, während er noch unschuldig war, für die Sünden bestraft wurde, deren er sich zur Zeit seines Alters schuldig machen sollte; 2. dass der heilige Verfasser sich sonderbar widerspricht, wenn er weiter oben sagt (1 Könige 4:20-21), dass Salomo vom Euphrat bis zum Mittelmeer regierte. Außerdem hatte der Schwiegersohn des Königs von Ägypten und sechshundertneunundneunzig anderer Könige der Erde mit seinen eigenen Untertanen eine maille zu teilen (fr. „avoir maille à partir avec quelqu’un“, eine Redewendung: einen Streit auszutragen haben; die maille war die kleinste alte Münze, die sich nicht teilen ließ). « Jerobeam, der Sohn Nebats und Zeruhas, der ein Domestik Salomos war, ward auch noch vom Ewigen wider ihn aufgewiegelt. Nun war Jerobeam ein mutiger und starker Mann, den der König unter seinen Knechten bemerkt hatte, als er Millo bauen ließ, und den er von da an mit der Erhebung der Steuern in den Familien der Nachkommen Josephs betraut hatte. Und es begab sich, dass Jerobeam, als er aus Jerusalem hinausging, auf seinem Weg Ahia, den Propheten, traf, der an diesem Tage einen schönen, ganz neuen Mantel anhatte. Sie waren beide allein auf dem Felde. Da zerriss Ahia mit einem Mal seinen Mantel in zwölf Stücke, sobald er Jerobeam sah, und sprach zu ihm: Nimm dir zehn Stücke von meinem Mantel; denn der Ewige hat gestern früh mit diesen Worten zu mir geredet: Ich will das Königreich Salomos zerreißen, und ich will davon zehn Stämme einem seiner Domestiken geben; dennoch will ich seinem Sohn einen Stamm lassen, um meines getreuen David willen und um der Stadt Jerusalem willen, die ich aus allen Stämmen Israels erwählt habe. » (1 Könige 11:26-32) [585] Wir haben schon einen Leviten gesehen, der seine Konkubine in zwölf Stücke schnitt, weil sie daran gestorben war, dass sie zu Gibea in einer einzigen Nacht von siebenhundert üblen Taugenichtsen vergewaltigt worden war; und nun haben wir hier einen Propheten, der seinen Mantel (glücklicherweise ist es nur sein Mantel) in zwölf Teile zerreißt, um Jerobeam zu bedeuten, dass Gott ihm gestatte, einen Aufruhr zu erregen, und dass er von den zwölf Stämmen Israels zehn haben werde. Dieser Prophet Ahia, bemerkt Voltaire, hätte sich mit dem Rebellen gegen Salomo verschwören können, ohne dass es ihn einen guten, ganz neuen Mantel gekostet hätte; umso mehr, als der Gott Israels seinen Propheten nicht viele Mäntel gab, denn man weiß, dass ihre Garderobe schlecht versehen war: anscheinend bezahlte ihm Jerobeam aus Dankbarkeit den Wert seines Mantels! Eine andere Bemerkung, die man gewiss machen wird: von den drei Feinden, die Gott Salomo erweckte, ist Jerobeam der einzige, der sich nach Salomos Apostasie gegen ihn erhoben hat; nun ist gerade er der einzige, der Fiasko gemacht hat. Die beiden anderen setzten dem Sohn Davids recht hart zu und demütigten ihn so, indem sie ihm Schach boten; der Aufruhr Jerobeams dagegen gelang überhaupt nicht. « Da Salomo Befehle gegeben hatte, Jerobeam ums Leben zu bringen, der sich soeben empört hatte, ergriff dieser alsbald die Flucht und suchte Zuflucht in Ägypten, wo er blieb bis zum Tode Salomos. » (v. 40)
279. Der Aufrührer Jerobeam sucht Zuflucht in Ägypten. Dieses Kapitel 11 erwähnt zum Schluss das Ableben des Monarchen mit den siebenhundert Gattinnen und den dreihundert Konkubinen, ohne zu sagen, ob er in seinen letzten Tagen zu guten Gesinnungen gegenüber Zebaoth zurückkehrte; sodass die Theologen viel über die Frage diskutiert haben, ob er verdammt ist oder nicht; die Meinungen sind geteilt.
280. Salomo schläft endlich für immer ein. Eine andere sehr bedauerliche Lücke, die zudem ins Auge springt, ergibt sich aus dem Schweigen, das der heilige Verfasser über die zahlreichen Hochzeiten des glorreichen jüdischen Königs bewahrt hat. Denn schließlich ist es sehr hübsch, uns zu sagen, dass Salomo zu rechtmäßigen Gattinnen siebenhundert ausländische Prinzessinnen hatte, die den verschiedenen Königsfamilien der Erde angehörten und alle schlechten Religionen ausübten; aber man hätte gern einige Beschreibungen dieser Hochzeitszeremonien und der Feste gehabt, die sie begleiteten. Wenn die Apostasie Salomos zehn Jahre gedauert hat (was enorm wäre), so stellen diese siebenhundert Prinzessinnen, rechtmäßige [586] Frauen, sechsundvierzig königliche Hochzeiten im Jahr (sic: siebenhundert in zehn Jahren sind siebzig im Jahr, mehr als eine pro Woche; das Argument wird dadurch nur stärker) dar, das heißt ungefähr eine jede Woche. Sehen Sie es schon vor sich, dieses Königreich, wie es zehn aufeinanderfolgende Jahre in öffentlichen Lustbarkeiten verbringt, in Empfängen der souveränen Schwiegerväter! und wie leidig ist es, dass der Almanach de Gotha (das Jahrbuch der souveränen und adligen Häuser Europas, in Gotha herausgegeben; die deutsche Ausgabe hieß „Gothaischer Hofkalender“) zu jener Zeit nicht existiert hat, um uns die Nomenklatur der regierenden Familien zu geben, die damals nach Hunderten zählten! Schließlich kann man die Geschichte Salomos nicht beenden, ohne [587] von den vier Büchern zu sprechen, die ihm zugeschrieben werden und die zur Bibel gehören: die Sprichwörter, das Buch der Weisheit, der Prediger und das Hohelied. Das erste dieser Werke ist eine Sammlung von Maximen, die unseren verfeinerten Geistern bisweilen trivial, niedrig, ungereimt, ohne Geschmack, ohne Auswahl und ohne Plan erscheinen. Diese Geister können sich nicht davon überzeugen, dass ein aufgeklärter König eine Sammlung von Sentenzen verfasst habe, unter denen man nicht eine einzige findet, die [588] die Art zu regieren, die Politik, die Sitten der Höflinge, die Gebräuche eines Hofes betrifft. Sie sind erstaunt, ganze Kapitel zu sehen, in denen nur von Buhlerinnen die Rede ist, die hingehen und auf den Straßen die Vorübergehenden einladen, bei ihnen zu liegen. — Sie empören sich gegen die Sentenzen in diesem Geschmack: « Es gibt drei unersättliche Dinge, und ein viertes, das niemals sagt Es ist genug: das Grab, die Vulva des Weibes (fr. „la vulve de la femme“: Voltaire, den Taxil hier zitiert, schreibt „la matrice“, die Gebärmutter, und die Bibel Ostervalds „la femme stérile“, die unfruchtbare Frau; das Wort ist Taxils, wie in der Genesis), die Erde, die niemals des Wassers satt wird; und das Feuer, welches das vierte ist, sagt niemals Es ist genug. » (Sprichwörter 30:15-16) « Es gibt drei Dinge, die schwer wiederzufinden sind, und vom vierten weiß ich gänzlich nichts: die Spur des Adlers in der Luft, die Spur der Schlange auf dem Stein, die Spur eines Schiffes im Meer, und die Spur eines Mannes in einem Weibe. » (v. 18-19) « Es gibt vier Dinge, welche die kleinsten auf Erden sind und welche weiser sind als die Weisen: die Ameisen, ein kleines Volk, das sich in der Ernte eine Speise bereitet; der Hase, ein schwaches Volk, das auf Steinen liegt; die Heuschrecke, die, da sie keinen König hat, in Trupps reist; die Eidechse, die mit ihren Händen arbeitet und die im Palast der Könige wohnt. » (v. 24-28) — Ist es ein großer König, sagen sie, der Weiseste der Sterblichen, dem man dergleichen Albernheiten anzulasten wagt? (Voltaire, Philosophisches Wörterbuch.) Die Sprichwörter sind auch Jesaja, Elzia, Sebna, Eljakim, Joah und mehreren anderen zugeschrieben worden. Das Buch der Weisheit ist in einem ernsteren Geschmack gehalten. Man schreibt es Salomo zu, aber auch Jesus, dem Sohn Sirachs, und Philo von Byblos; aber wer auch immer der Verfasser sei, man hat geglaubt, dass man zu seiner Zeit den Pentateuch noch nicht hatte; denn er sagt im Kapitel 10, dass Abraham Isaak zur Zeit der Sintflut hinopfern wollte, und an einer anderen Stelle spricht er vom Patriarchen Joseph wie von einem König von Ägypten. Das Schlimmste ist, dass der Verfasser im selben Kapitel behauptet, man sehe zu seiner Zeit die Salzstatue, in welche Lots Frau verwandelt wurde. Was die Kritiker noch schlimmer finden, ist, dass dieses Buch ihnen als ein sehr langweiliger Haufen von Gemeinplätzen erscheint; aber sie müssen bedenken, dass solche Werke nicht dazu gemacht sind, den eitlen Regeln der Beredsamkeit zu folgen. Sie sind geschrieben, um zu erbauen, und nicht, um zu gefallen; man muss sogar mit seinem Widerwillen ringen, um sie zu lesen. (Voltaire, Philosophisches Wörterbuch.) [589] Der Prediger, den man ebenfalls Salomo auf die Rechnung setzt, ist von ganz anderer Ordnung und ganz anderem Geschmack. Derjenige, der in diesem Werk spricht, scheint von den Illusionen der Größe enttäuscht, der Vergnügungen müde und von der Wissenschaft angewidert zu sein. Man hat ihn für einen Epikureer gehalten, der auf jeder Seite wiederholt, dass der Gerechte und der Gottlose denselben Zufällen unterworfen sind, dass der Mensch nichts mehr hat als das Tier, dass es besser ist, nicht geboren zu sein, als zu existieren, dass es kein anderes Leben gibt, und dass es nichts Gutes und Vernünftiges gibt, als in Frieden die Frucht seiner Arbeiten mit der Frau zu genießen, die man liebt. — Es könnte wohl sein, dass Salomo vor einigen seiner Frauen solche Reden gehalten hätte: man behauptet, das seien Einwände, die er sich selbst macht; aber diese Maximen, die ein wenig nach einem Libertin aussehen, gleichen Einwänden überhaupt nicht, und es heißt die Welt zum Narren halten, bei einem Verfasser das Gegenteil von dem zu verstehen, was er sagt. (Voltaire, Philosophisches Wörterbuch.) Was das Hohelied mit seinen acht Kapiteln betrifft, so verdient es, in voller Länge wiedergegeben zu werden. « Kap. 1. — 1. Dies ist das Hohelied, das von Salomo ist. — 2. Küsse mich mit einem Kuss deines Mundes, denn deine Liebe ist angenehmer als der Wein. — 3. Wegen des Geruchs deiner ausgezeichneten Wohlgerüche ist dein Name wie ein ausgegossener Wohlgeruch, und darum haben dich die Töchter geliebt. — 4. Zieh mich, dass wir dir nachlaufen. Wenn der König dich in seine Kabinette eingeführt haben wird, wollen wir uns erlustigen und in dir genießen: wir wollen deine Liebe mehr preisen als den Wein. — Die Männer, die immer aufrecht sind (fr. „toujours droits“: die Bibel Ostervalds hat „Les hommes droits t’ont aimé“, „Die redlichen Männer haben dich geliebt“; Taxil, der das ganze Hohelied Ostervalds umschreibt, fügt „toujours“, immer, hinzu und macht so „droits“ doppelsinnig, redlich und aufgerichtet; dasselbe tut er in 5:10, wo Ostervald „il porte l’étendard au milieu de dix mille“ hat, „er trägt das Banner inmitten von Zehntausend“), haben mich geliebt. — 5. Oh! ihr Töchter Jerusalems, meine Haut ist braun; aber ich bin schön wie die Zelte Kedars und wie die Pavillons Salomos. — 6. Seht nicht darauf, dass ich braun bin, weil die Sonne mich angeschaut hat; die Kinder meiner Mutter haben sich wider mich erzürnt; sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt, und meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet. — 7. Sage mir, o du, den meine Seele liebt, wo deine Herde weidet und wo du sie am Mittag ruhen lässt; denn warum sollte ich sein wie ein umherirrendes Weib um die Herden deiner Gefährten? — 8. Wenn du es nicht weißt, o du Schönste unter allen Weibern, so geh hinaus, folge [590] den Spuren der Herde, und lass deine kleinen Ziegen bei den Hütten der Schäfer weiden. — 9. Meine große Freundin, ich vergleiche dich meinen Rossen, die an die Wagen des Pharao gespannt sind. — 10. Deine Wangen sind anmutig mit deinem Geschmeide, und dein Hals mit den Ketten. — 11. Wir wollen dir Geschmeide von Gold machen mit Knöpfen von Silber. — 12. Während der König an meinem Tisch gesessen hat, hat meine Narde ihren Geruch von sich gegeben. — 13. Mein Geliebter ist auf mir (fr. „sur moi“: die Bibel Ostervalds hat „avec moi… entre mes mamelles“, „bei mir… zwischen meinen Brüsten“; Taxil setzt außerdem das umgangssprachliche Wort „tétons“, hier „Zitzen“, wo Ostervald „mamelles“ hat, in diesem Vers und in den Kapiteln 4, 7 und 8; Voltaire gebraucht das Wort schon, wenn er im Artikel „Salomo“ seines Philosophischen Wörterbuchs das Hohelied zitiert) wie ein Säckchen Myrrhe; er wird die Nacht [591] zwischen meinen Zitzen verbringen. — 14. Mein Geliebter ist wie eine Traube von Liguster in den Weinbergen von Engedi; ich will ihn in meinen Weinberg einführen. — 15. Siehe, du bist schön, meine große Freundin, siehe, du bist schön; deine Augen sind wie die der Tauben. — 16. Siehe, du bist schön, mein Geliebter; oh! wie viele Genüsse du mir gibst! Darum ist auch unser Lager grünend! — 17. Die Balken unserer Häuser sind aus Zedernholz, und unsere Sparren sind aus Tannenholz. [592] Kap. 2. — 1. Ich bin die Rose von Saron und das Maiglöckchen der Täler. — 2. Wie das Maiglöckchen unter den Dornen ist, so ist meine große Freundin unter den Töchtern. — 3. Wie der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes ist, so ist mein Geliebter unter den Jünglingen. Ich habe begehrt, von ihm gedeckt zu werden (fr. „être couverte par lui“: die Bibel Ostervalds hat „j’ai désiré son ombrage, et m’y suis assise“, „ich habe seinen Schatten begehrt und mich hineingesetzt“; „couvrir“, decken, sagt man vom männlichen Tier bei der Paarung, und Taxil macht außerdem aus „assise“, sitzend, „couchée“, liegend), und ich habe mich unter seinen Schatten gelegt; und seine Frucht ist meinem Munde süß gewesen. — 4. Er hat mich in den Saal des Festmahls geführt und hat sich auf mich hingestreckt (fr. „s’est étendu sur moi“: die Bibel Ostervalds hat „et son étendard sur moi c’est AMOUR“, „und sein Banner über mir ist LIEBE“; Taxil spielt mit Ostervalds eigenem Wort und macht aus „étendard“, Banner, „s’est étendu“, hat sich hingestreckt); das ist die Liebe! — 5. Lasst mir Kräfte wiederkehren mit gutem Wein, macht mir ein Lager von Äpfeln; denn ich sterbe vor Liebe. — 6. Seine linke Hand sei unter meinem Kopf, und seine rechte Hand liebkose mich den ganzen Leib entlang. — 7. Ihr Töchter Jerusalems, ich beschwöre euch bei den Rehen und den Hinden unserer Fluren, dass ihr nicht weckt noch aufweckt, die ich liebe, bis sie es will. — 8. Ah! ich höre die Stimme meines Geliebten; siehe, da kommt er, springend auf den Bergen und hüpfend auf den Hügeln. — 9. Mein Geliebter ist gleich dem Reh oder dem Kalb der Hinden; siehe, da steht er hinter unseren Mauern; er schaut durch die Fenster, er rückt durch die Gitter vor. — 10. Mein Geliebter hat das Wort ergriffen und hat zu mir gesagt: Steh auf, meine große Freundin, meine ganz Schöne, und komm her. — 11. Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorüber und ist dahingegangen. — 12. Die Blumen erscheinen auf der Erde, die Zeit der Lieder ist gekommen, und die Stimme der Turteltaube ist schon gehört worden in unserem Landstrich. — 13. Der Feigenbaum hat seine ersten Feigen getrieben, und die Weinstöcke haben Trauben und geben Geruch von sich. Steh auf, meine große Freundin, meine ganz Schöne, und komm her. — 14. Meine Taube, die du dich in den Spalten des Felsens aufhältst, in den Verstecken der steilen Stätten, lass mich deinen Blick sehen und lass mich deine Stimme hören; denn deine Stimme ist süß und dein Blick ist anmutig. — 15. Fangt uns die Füchse und die kleinen Füchse, die in den Weinbergen Schaden anrichten, seit die Weinberge Trauben haben. — 16. Mein Geliebter ist mein, und ich bin ganz sein; er lässt seine Herde weiden inmitten meines Maiglöckchens. — 17. Ehe der Wind des Tages bläst und die Schatten fliehen, kehre zurück, mein Geliebter, wie das Reh oder das Kalb der Hinden, auf die zerklüfteten Berge. Kap. 3. — 1. Ich habe während der Nacht, auf meinem Bett, gesucht, [593] den meine Seele liebt; ich habe ihn gesucht, aber ich habe ihn nicht mehr gefunden! — 2. Ich will nun aufstehen und einen Rundgang durch die Stadt machen, über die Kreuzwege und über die Plätze, und ich will suchen, den meine Seele liebt. Ich habe ihn gesucht, aber ich habe ihn nicht gefunden! — 3. Die Wache, die während der Nacht die Runde machte, hat mich gefunden. Habt ihr nicht gesehen, sprach ich zu ihnen, den meine Seele liebt? — 4. Kaum war ich an ihnen vorübergegangen, da fand ich, den meine Seele liebt; ich habe ihn ergriffen, und ich will ihn nicht fahren lassen, bis ich ihn in das Haus meiner Mutter geführt habe und in die Kammer derjenigen, die mich empfangen hat. — 5. Ihr Töchter Jerusalems, ich beschwöre euch bei den Rehen und bei den Hinden unserer Fluren, dass ihr nicht weckt noch aufweckt, die ich liebe, bis sie es will. — 6. Wer ist diese, die aus der Wüste heraufsteigt wie Rauchsäulen, in Gestalt von Palmwedeln, beräuchert mit Myrrhe und Weihrauch und mit allerlei Pulver des Salbenbereiters? — 7. Siehe, das Bett Salomos, um welches sechzig tapfere Männer sind, von den Tapfersten Israels. — 8. Alle das Schwert führend und sehr wohl zum Kriege geschult, ein jeglicher mit seinem Schwert auf dem Schenkel, um des Erschreckens der Nacht willen. — 9. Der König Salomo hat sich ein Bett aus Holz vom Libanon gemacht. — 10. Er hat seine Pfeiler aus Silber gemacht und sein Bett aus Gold, seinen Himmel aus Scharlach, und das Innere mit Liebe ausgeschlagen von den Töchtern Jerusalems. — 11. Gehet hinaus, ihr Töchter Zions, und schauet den König Salomo an mit der Krone, mit der ihn seine Mutter gekrönt hat am Tage seiner Vermählung und am Tage der Freude seines Herzens. Kap. 4. — 1. Siehe, du bist schön, meine große Freundin! Deine Augen sind wie die der Tauben, und die Zöpfe deines Haares sind wie eine Herde Ziegen von den Bergen Gilead, die man geschoren hat. — 2. Alle deine Zähne sind wie weiße geschorene Schafe, die aus der Schwemme heraufkommen, je zwei und zwei, und unter denen nicht eines unfruchtbar ist. — 3. Deine Lippen sind wie ein in Scharlach gefärbter Faden; dein Reden ist anmutig. Deine Schläfe ist wie ein Granatapfel unter deinen Zöpfen. — 4. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Zinnen gebaut, an dem tausend Schilde hängen und alle Tartschen der tapferen Männer. — 5. Deine zwei Zitzen sind wie die Zwillingskälber einer Hinde, die unter den Maiglöckchen weiden. — 6. Ehe der [594] Wind des Tages bläst und die Schatten fliehen, will ich hingehen zum Myrrhenberg und zum Weihrauchhügel. — 7. Du bist ganz schön, meine große Freundin, und es ist kein Flecken an dir. — 8. Komm mit mir vom Libanon, meine Braut, komm mit mir vom Libanon; schaue vom Gipfel Amana, vom Gipfel Senir und Hermon, von den Höhlen der Löwen und von den Bergen der Leoparden. — 9. Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester; du hast mir das Herz geraubt mit einem deiner Augen und mit einer der Ketten deines [595] Halses. — 10. Wie wollüstig ist deine Liebe, meine Schwester, meine Braut! wie viel besser ist deine Liebe als der beste Wein, und der Geruch deiner Wohlgerüche als irgendein Würzkraut! — 11. Deine Lippen, meine Braut, träufeln Honigwaben; wenn ich meine Zunge um die deine herumführe, finde ich an ihr einen Geschmack von Milch und Honig: und der Geruch deiner Kleider ist wie der Geruch des Libanon. — 12. Meine Schwester, mein Weib, du bist ein geschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Brunnen. — 13. [596] Die Haare, die auf dir wachsen, duften wie ein mit Granatbäumen bepflanzter Baumgarten, wie ein Garten, in dem köstliche Früchte von Liguster sind und die Narde von süßem Wohlgeruch. — 14. Die Narde und der Safran, das wohlriechende Rohr und der Zimt, mit allerlei Weihrauchbäumen, die Myrrhe und die Aloe, mit den vornehmsten Würzkräutern. — 15. O Brunnen der Gärten! o Born lebendigen Wassers und Bäche, die vom Libanon herabfließen! — 16. Stehe auf, Nordwind, und du, Südwind, blase durch meinen Garten, damit der wollüstige Geruch, der ihm entströmt, meinen Geliebten trunken mache. Mein Geliebter lege seine Lippen daran, und er esse von meiner Frucht! Kap. 5. — 1. Ich bin in meinen Garten gekommen, meine Schwester, meine Braut; ich habe meine Myrrhe gepflückt und meine Würzkräuter; ich habe meine Waben samt meinem Honig gegessen; ich habe meinen Wein samt meiner Milch getrunken. Freunde, freuet euch mit mir; esset, trinket, tut euch gütlich, meine Geliebten. — 2. Ich war eingeschlafen, aber mein Herz wachte; und siehe, da hörte ich die Stimme meines Geliebten, der draußen sprach: Tue mir auf, meine Schwester, meine große Freundin, meine Taube, meine Vollkommene; denn mein Kopf ist voll Tau, und meine Haare sind nass von den Tropfen der Nacht. — 3. Ich bin ganz nackt, antwortete ich; muss ich denn meinen Rock wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie beflecken? — 4. Mein Geliebter hat mir da die Hand ans Loch gelegt (fr. „m’a mis la main au trou“: die Bibel Ostervalds hat „Mon bien-aimé a avancé sa main par le trou de la porte“, „Mein Geliebter hat seine Hand durch das Loch der Tür gestreckt“; Taxil behält Ostervalds eigenes Wort und lässt die Tür weg), durch einen Spalt meines Zeltes, und mein Bauch hat vor Lust gebebt bei seiner Berührung. — 5. Ich bin aufgestanden, um meinem Geliebten aufzutun; und meine noch ganz feuchten Finger benetzten die Beschläge des Riegels. — 6. Ich tat meinem Geliebten auf; aber mein Geliebter hatte sich schon zurückgezogen und war vorübergegangen; ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er antwortete mir nicht. — 7. Die Wache, die in der Stadt die Runde machte, fand mich; sie schlugen mich, sie verwundeten mich; die Hüter der Mauern rissen mir meinen Schleier weg. — 8. Ihr Töchter Jerusalems, ich beschwöre euch, wenn ihr meinen Geliebten trefft, was werdet ihr ihm sagen? Sagt ihm, dass ich vor Liebe sterbe. — 9. Was ist dein Geliebter mehr als ein anderer, o du Schönste unter den Weibern? Was ist dein Geliebter mehr als ein anderer, dass du uns so beschworen hast? — 10. Mein Geliebter ist weiß und rot; er ist immer der Aufrechteste, selbst inmitten von zehntausend. — 11. Sein Kopf ist wie [597] sehr feines Gold; seine Haare sind kraus, schwarz wie ein Rabe. — 12. Seine Augen sind wie die der Tauben an den Bächen fließenden Wassers, in Milch gewaschen und wie eingesetzt in die Fassungen von Ringen. — 13. Seine Wangen sind wie ein Beet von Würzkräutern und wie Gefäße voll Geruch; seine Lippen sind wie Maiglöckchen; sie träufeln echte Myrrhe. — 14. Seine Hände haben goldene Ringe mit eingesetzten Chrysolithen; sein Bauch ist gleich wohlpoliertem Elfenbein, mit Saphiren bedeckt. — 15. Seine Beine sind wie Pfeiler von Marmor, gegründet auf Sockeln von feinem Gold; seine Haltung ist wie der Libanon, er ist erlesen wie die Zedern. — 16. Das Innere seines Mundes ist das Lieblichste, was es gibt; alles an ihm macht mich im Übrigen trunken vor Begierden. So ist mein Geliebter, so ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems. Kap. 6. — 1. Wo ist dein Geliebter hingegangen, o du Schönste der Weiber? Sage uns, nach welcher Seite sich dein Geliebter gewandt hat, und wir werden ihn mit dir suchen. — 2. Mein Geliebter ist hinabgegangen in seinen Baumgarten, zum Beet der Würzkräuter, um seine Herde in den Baumgärten zu weiden und Maiglöckchen zu pflücken. — 3. Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein: er weidet seine Herde unter den Maiglöckchen. — 4. Meine große Freundin, du bist schön wie Thirza, angenehm wie Jerusalem, furchtbar wie die Heere, die mit entfalteten Bannern einherziehen. — 5. Wende deine Augen ab und schau mich nicht an, denn deine Augen zwingen mich; deine Haare sind wie eine Herde Ziegen von Gilead, die man geschoren hat. — 6. Deine Zähne sind wie eine Herde weißer Schafe, die aus der Schwemme heraufkommen, je zwei und zwei, und unter denen nicht eines unfruchtbar ist. — 7. Deine Schläfe ist wie ein Stück Granatapfel unter deinen Zöpfen. — 8. Du hast sechzig Weiber, achtzig Kebsweiber und Jungfrauen ohne Zahl. — 9. Meine Taube, meine Vollkommene, ist einzig; sie ist die Einzige ihrer Mutter und besonders geliebt von derjenigen, die sie geboren hat; die Töchter haben sie gesehen und sie selig gepriesen; die Königinnen und die Kebsweiber haben sie gelobt und gesagt: — 10. Wer ist diese, die erscheint wie der Anbruch des Tages, schön wie der Mond, auserlesen wie die Sonne, furchtbar wie die Heere, die mit entfalteten Bannern einherziehen? — 11. Ich bin hinabgegangen in den Baumgarten der Nussbäume, [598] um die Früchte zu sehen, die im Tal reifen, um zu sehen, ob der Weinstock gedeiht und ob die Granatbäume ihre Blüte getrieben haben. — 12. Kehre wieder, kehre wieder, o Sulamith, dass wir dich beschauen! Kap. 7. — 1. Fürstentochter, wie schön ist dein Gang! Die Rundung deiner Hüften ist wie Ketten, gearbeitet von der Hand eines ausgezeichneten Werkmanns. — 2. Dein Nabel ist wie eine runde Schale, ganz voll Getränk; dein Bauch ist wie ein Haufen Korn, umgeben von Maiglöckchen. — 3. Deine zwei [599] Zitzen sind wie zwei Zwillingskälber einer Hinde. — 4. Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein; deine Augen sind wie die Fischteiche zu Hesbon, nahe dem Tor Bathrabbim; dein Antlitz ist wie der Turm des Libanon, der gen Damaskus schaut. — 5. Dein Kopf ist auf dir wie Karmesin, und die feinsten Haare deines Kopfes sind wie Scharlach. Der König verharrt an seine Galerie gefesselt, um dich anzuschauen. — 6. Wie schön bist du! wie angenehm bist du! meine Liebe, mein Entzücken! — [600] 7. Diese Statur, die du hast, hat die Majestät eines Palmbaums, und deine Zitzen lassen mich an zwei Weintrauben denken. — 8. Ich habe gesagt: Ich will auf den Palmbaum steigen und ihn in meinen Armen umfassen; und deine Zitzen sollen mir nun sein wie Weintrauben, und der Geruch deines Antlitzes soll mir sein wie der Geruch der Äpfel. — 9. Und dein Gaumen wird mir seinen süßen Honig träufeln, und du wirst deinem Geliebten den besten Wein einschenken, den Wein der Liebe, der die Lippen der Schlafenden reden macht. — 10. Ich bin meines Geliebten; denn er hat nur eine Begierde: mich zu genießen. — 11. Komm doch, mein Geliebter; lass uns hinausgehen in die Flur, lass uns die Nacht auf den Feldern zubringen. — 12. Lass uns am Morgen aufstehen, um zu den Weinbergen zu gehen, und lass uns sehen, ob der Weinstock gediehen ist, ob die Traube sich gebildet hat und ob die Granatbäume in Blüte stehen; dort will ich dir all meine Liebe hingeben. — 13. Die Alraunen verbreiten ihren Geruch, und an unserer Tür finden sich allerlei erlesene Früchte, neue und alte, die ich dir aufbewahrt habe, o mein Geliebter! Kap. 8. — 1. Wollte Gott, du wärest wie mein Bruder, der die Brüste meiner Mutter gesogen hat; ich würde dich draußen aufsuchen, und ich würde dich küssen, und man würde mich nicht verachten. — 2. Ich würde dich herbringen und dich in das Haus meiner Mutter einführen; und du würdest mich unterweisen, und ich würde dich von meinem besten Wein trinken lassen, mit Spezerei gemischt, und vom Most meines Granatbaums. — 3. Wohlan, mein Geliebter, deine linke Hand sei unter meinem Kopf, und deine rechte Hand liebkose mich noch am ganzen Leib! — 4. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, dass ihr nicht weckt noch aufweckt, die ich liebe, bis sie es will. — 5. Wer ist die, die aus der Wüste heraufsteigt und sich sanft auf ihren Geliebten stützt? Ich habe dich unter einem Apfelbaum aufgeweckt, da, wo deine Mutter dich empfangen hat, da, wo dich die empfangen hat, die dich zur Welt gebracht hat. — 6. Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Die Liebe ist stark wie der Tod, und die Eifersucht ist hart wie das Grab; ihre Umarmungen sind Umarmungen von Feuer, und ihre Flamme ist höchst heftig. — 7. Viel Wasser könnte unsere Liebe nicht auslöschen, mein Geliebter, und selbst die Ströme könnten sie nicht ersäufen; wenn einer alle Güter seines Hauses gäbe, um uns diese Liebe zu nehmen, [601] gewiss würden wir sein Anerbieten verachten. — 8. Wir haben auch eine kleine Schwester, die noch keine Zitzen hat; was sollen wir unserer Schwester tun an dem Tage, da man von ihr reden wird? — 9. Ist sie wie eine Mauer, so wollen wir einen Palast von Silber auf ihr bauen; und ist sie wie eine Tür, so wollen wir sie mit einem Gebälk von Zedernholz verstärken. — 10. Ich aber bin stark wie ein Bollwerk, und meine Zitzen sind fest wie Türme; darum habe ich die Gunstbezeigungen meines Geliebten erhalten, und seine Liebe hat mir den Frieden gegeben. — 11. Salomo hatte einen Weinberg zu Baal-Hamon, den er an seine Hüter verkauft hat; ein jeglicher von ihnen soll für seinen Anteil an der Frucht tausend Silberstücke bringen. — 12. Mein Weinberg, der mein ist, steht dir zur Verfügung, o Salomo! Ist er tausend Silberstücke wert, so seien die tausend Silberstücke dein, aber gib davon zweihundert für die Hüter meiner Frucht. — 13. Du, die du in den Gärten wohnst, die Freunde sind aufmerksam auf deine Stimme; lass sie mich hören! — 14. Und nun, mein Geliebter, fliehe so schnell wie ein Reh oder wie das Kalb einer Hinde über die Berge voll Würzkräuter. Das ist in seiner ganzen Schönheit das famose Schir-Haschidim (Hohelied) (der hebräische Titel lautet „Schir ha-Schirim“) des Alten Testaments, über das man so viel gestritten hat. Den vom Aberglauben befreiten Geistern erscheint es recht klar, dass diese laszive Rhapsodie, ganz offensichtlich verfasst, um das Fleisch zu erregen, nichts anderes ist als ein Liebeslied aus einem orientalischen Harem, nach dem Geschmack der Zeit. Aber die Theologen, die jüdischen ebenso wie die katholischen, verstehen es nicht so! Die Ersteren vertreten mordicus (ein lateinisches Wort, im französischen wie im deutschen Text belassen, wörtlich „mit den Zähnen“: hartnäckig, ohne loszulassen) die Ansicht, dass der vom Dichter in Szene gesetzte Geliebte die Personifikation Jehovas ist und dass die Braut, die große Freundin, die Nation Israel darstellt. Diese Erklärung haben die Kommentatoren ausführlich im Targum entwickelt, einer Sammlung chaldäischer Überlieferungen, in der das Hohelied als eine allegorische Geschichte des jüdischen Volkes ausgelegt wird, vom Auszug aus Ägypten bis zu dem Tag, an dem sich der Messias kundgeben und der dritte Tempel erbaut werden wird. Um diese Auslegung zu rechtfertigen, hat man alle Verwicklungen herangezogen, die das exegetische System des Talmuds liefern kann: die Zurückführung der Wörter auf [602] ihren Zahlenwert, die Ersetzung gleichlautender Wörter usw. Die Juden des Mittelalters haben diese ersten Versuche erheblich bearbeitet, ohne indessen von der ursprünglichen Grundlage abzuweichen; sie haben dieser Auslegung sogar einen kanonischen und liturgischen Wert beigemessen, indem sie ihr einen Platz in ihrem Ritual gaben. Die zahlreichen und schrecklichen Verfolgungen, deren Opfer sie so oft wurden, trugen nicht wenig dazu bei, diesem Glauben einen sehr ausgeprägten Charakter der Nationalität und [603] der Individualität aufzuprägen; das Gedicht Salomos wurde für die Verfolgten beinahe zum geistigen Palladium, um das sie ihre Hoffnungen und ihre Wünsche scharten. Indessen finden wir bei den Juden neben dieser ganz religiösen allegorischen Auslegung eine andere, metaphysische und philosophische. So war im dreizehnten Jahrhundert das Hohelied für Ibn Kaspi die allegorische Darstellung der Vereinigung zwischen dem aktiven Intellekt, intellectus agens, [604] und dem passiven oder materiellen Intellekt, intellectus materialis. Schließlich begründete Mendelssohn im achtzehnten Jahrhundert eine neue jüdische Schule der Auslegung, die, ohne die allegorische Auslegung schlechterdings zu verwerfen, indessen großen Wert auf die buchstäbliche Auslegung legt; bei ihm blieb die Allegorie national und verlor ihren religiösen Sinn. Was die katholischen Theologen betrifft, so ändern sie die Erklärung der jüdischen Doktoren von Grund auf ab, und sie versichern mit dem größten Ernst, dass dieses erotische Gedicht die Frucht einer sakrosankten Inspiration ist, ein prophetisches Buch, in dem die Liebe Jesu Christi zu seiner Kirche und der Kirche zu ihrem göttlichen Stifter, den sie als ihren Bräutigam ansieht, in kühnen Bildern gemalt ist, deren Obszönität aber, durch seinen mystischen Sinn geläutert, nur die böswilligen Geister der Glaubenslosen skandalisieren kann. Die erste mystische Auslegung in diesem Sinne geht auf Origenes zurück, der darüber einen umfangreichen Kommentar schrieb; daher ist es amüsant festzustellen, dass die Ehre dieses schönen Fundes einem Kirchenvater zukommt, dessen Kastration fast ebenso berühmt ist wie die Abälards. Im Gefolge des Eunuchen Origenes haben sich alle christlichen Exegeten eingeschifft, das ganze heilige Priesterpack, glücklich — der bewundernswerte Fopper Bossuet an der Spitze — ein nicht eben banales Mittel zu haben, um die naiven Gläubigen die gewaltigste biblische Kröte schlucken zu lassen (fr. „avaler… le plus formidable crapaud biblique“, nach der Redewendung „avaler un crapaud“, wie im Deutschen „eine Kröte schlucken“: sich mit etwas Widerwärtigem abfinden). Und so wird nun dank diesem sinnreichen Kniff das Hohelied in den Klöstern den beschaulichen Nonnen zur Betrachtung gegeben; man begreift die Wirkung, die es auf diese unglücklichen, im Kloster eingeschlossenen Frauen hervorbringt, deren mehr oder weniger hysterischer Mystizismus sich an dem Gedanken labt, dass sie die Bräute Jesu Christi sind, jede im Besonderen, wie die Kirche seine Braut im Allgemeinen ist. In ihrer Betrachtung brauchen sich die armen Närrinnen nur an die Stelle der Kirche zu setzen, der großen Freundin des Geliebten. Um ihre Auslegung von hoher Phantasie den Köpfen der leichtgläubigen Schäflein besser einzuprägen, haben die Priester über die acht Kapitel des Hoheliedes Überschriften gesetzt. Jetzt, da man den Text gelesen hat, wird man den Wert der Überschriften würdigen, welche die priesterliche Schlauheit seit Origenes hinzugefügt hat. Es ist zum Krümmen vor Lachen! [605] Hier sind diese Überschriften: — Kap. 1. Die Braut drückt hier ihre Liebe zu ihrem Bräutigam aus, und der Bräutigam seine Liebe zu seiner Braut. — Kap. 2. Rede der Kirche in Bezug auf Jesus Christus. — Kap. 3. Die Suche, welche die Kirche nach Jesus Christus anstellt, und ihre Freude, ihn gefunden zu haben. — Kap. 4. Schönheit der Braut, mystisch und durch ganz bildliche Ausdrücke beschrieben. — Kap. 5. Bedauern der Braut, der Suche ihres Bräutigams nicht so entsprochen zu haben, wie sie sollte; sie beschreibt die Schönheit des Bräutigams. — Kap. 6. Zwiegespräch zwischen Jesus Christus und der Kirche. — Kap. 7. Weitere geheimnisvolle Beschreibung der Schönheit der Braut; treue Liebe der Kirche zu Jesus Christus. — Kap. 8. Gegenseitige Liebe der Kirche zu Jesus Christus, und Jesu Christi zur Kirche. Danach ziehen wir die Leiter weg (fr. „tirer l’échelle“, eine Redewendung: fügen wir nichts mehr hinzu, niemand kann es besser machen; nach Littré hat, wer hinaufgestiegen ist, die Arbeit getan, und keiner braucht ihm nachzusteigen) und beschließen diesen Punkt mit diesem Urteil Voltaires: « Da man das Hohelied als eine immerwährende Allegorie der Vermählung Jesu Christi mit seiner Kirche ansieht, muss man eingestehen, dass die Allegorie ein wenig stark ist und dass man kaum einsieht, was die Kirche darunter verstehen könnte, wenn der Verfasser sagt, dass ihre kleine Schwester keine Zitzen hat. » (Hoheslied 8:8) 14. KAPITEL
Der Erbe des Thrones war Rehabeam. Auf den ersten Blick scheint es, als müsste alles wie auf Rollen gehen (fr. „marcher comme sur des roulettes“, eine Redewendung: aufs Beste gehen; die Rollen sind die kleinen Räder unter den Möbeln), da der heilige Verfasser uns soeben erst gesagt hat, dass die Israeliten niemals so glücklich waren wie unter der Regierung Salomos, dass das Gold in Fülle umlief, dass der öffentliche Wohlstand so groß war, dass man in den Straßen auf dem Silber ging, so sehr war es im Überfluss vorhanden... Aber der göttliche Tauber hat ein kurzes Gedächtnis; oder aber er amüsiert sich über die Leichtgläubigkeit der Gläubigen; denn er stellt uns jetzt das jüdische Volk dar, wie es in Sichem versammelt ist und zum Sohn Salomos diese Sprache führt: « Dein Vater hatte uns sehr harte Lasten auferlegt, die uns elend machten; du aber erleichtere dieses für uns zu [606] schwere Joch, und wir werden dir dienen. » (1 Könige 12:4) Rehabeam konsultierte die Greise, die die Ratgeber seines Vaters gewesen waren. Diese gaben zu, dass die Steuern wirklich zu erdrückend waren, und waren der Ansicht, es wäre weise, sie zu vermindern, damit die Nation der Familie Davids ergeben bliebe; aber der neue König konsultierte auch die jungen Leute, die mit ihm erzogen worden waren: sie waren ganz entgegengesetzter Ansicht. (1 Könige 12:6-10) [607] Als nun die Abgesandten des Volkes, an deren Spitze sich der aus Ägypten zurückgekehrte Jerobeam befand, Rehabeams Antwort holen kamen, antwortete er ihnen Folgendes: « Der kleinste meiner Finger ist dicker als der Rücken meines Vaters; hat mein Vater euch schwere Lasten auferlegt, so will ich meinerseits euer Joch noch schwerer machen; mein Vater hat euch mit Ruten gepeitscht, ich aber will euch mit Skorpionen peitschen. » (v. 10-11) [608] Diese Rede war kaum dazu angetan, Rehabeam das Herz seines Volkes zu gewinnen; aber die Bibel trägt Sorge, uns zu sagen, dass « Jehova alles so geordnet hatte, damit die Worte erfüllt würden, die er zu Jerobeam durch den Mund des Propheten Ahia von Silo gesprochen hatte » (v. 15). So war es Gott selbst, der den jungen Freunden des neuen Königs ihre schlechten Ratschläge eingab und der Rehabeam dermaßen verblendete, dass er ihn solche Torheiten verzapfen ließ! — Das Volk war also sehr unzufrieden und zog sich murrend in seine Zelte zurück (v. 15). Und als Rehabeam den Verwalter seiner Tribute, namens Adoram, ausgesandt hatte, um die Steuern einzutreiben, erschlug ganz Israel den königlichen Steuereinnehmer mit Steinen; mehr brauchte es nicht, um Rehabeam einen Schreck einzujagen; er stieg hurtig auf einen Wagen und floh nach Jerusalem (v. 18).
281. Zu viel Popularität, oder die Flucht Rehabeams. « Und da ganz Israel wusste, dass Jerobeam zurückgekehrt war, setzte es ihn zum König ein; und niemand folgte dem Hause David, ausgenommen die Stämme Juda und Benjamin. Nachdem Rehabeam diese zwei Stämme vereinigt hatte, bildete er daraus ein Heer, bestehend aus hundertachtzigtausend auserlesenen Soldaten, bereit, wider das Haus Israel zu streiten und es unter den Gehorsam Rehabeams, des Sohnes Salomos, zu bringen » (1 Könige 12:20-21). Immer wieder lächerliche Übertreibungen! Konnte ein elendes Königlein des zehnten Teils einer kleinen barbarischen Nation ein Heer von hundertachtzigtausend Mann haben?
282. Jerobeam wird zum König von Israel ausgerufen. « Da redete Gott zu Semaja, dem Manne Gottes, und sandte ihn zu Rehabeam und zu den Stämmen Juda und Benjamin, um ihnen zu sagen: Der Herr verbietet euch, euch wider eure Brüder, die Kinder Israel, zu erheben; kehret heim, ein jeglicher in sein Haus. Und sie gehorchten dem Wort des Ewigen und kehrten friedlich heim » (1 Könige 12:22-24). Damit ist also das jüdische Königreich in zwei Königreiche geteilt, die von da an die Namen Israel, unter Jerobeam, und Juda, unter Rehabeam, annahmen. Man muss wohl annehmen, dass Sichem, wo die Nation sich versammelt hatte, um dem Sohn Salomos ihre Klagen vorzutragen, als Stadt nicht existierte; denn es heißt, dass « die erste Arbeit Jerobeams war, Sichem zu bauen, auf den Bergen Ephraim; und er wohnte daselbst; dann zog er von da hinaus und baute Pnuel » (v. 25). Sie glauben wohl, dass Jerobeam, der Ex-Domestik, dankbar war gegen Jehova, der ihn soeben [609] mit einem Königreich beschenkt hatte? Überhaupt nicht. Er beeilte sich, zwei goldene Kälber fabrizieren zu lassen, und stellte eines in Bethel auf und das andere in Dan, und er sprach zum Volk Israel: « Es würde euch zu viel Mühe machen, bis nach Jerusalem zu gehen, um den Ewigen anzubeten; ebenso gut könnt ihr euch vor den goldenen Kälbern niederwerfen, denn sie sind es, die euch aus Ägypten herausgeführt haben. » Und das Volk Israel verlangte nichts weiter. Jerobeam ließ andere Tempel für verschiedene Götzen bauen; er setzte Opferpriester ein, die nicht aus den Nachfahren Levis genommen waren, und er opferte selbst (1 Könige 12:26-33).
283. Das Volk kniet vor den goldenen Kälbern nieder. Wenn diese Erzählung wahr ist, so liefert sie einen neuen Beweis dafür, dass die jüdische Religion noch nicht festgelegt war. Diese winzige jüdische Nation wechselt, wie man sieht, alle Augenblicke den Kult, von ihrem sonderbaren Entweichen aus Ägypten bis zur Zeit Esras. Bemerken Sie im Vorbeigehen ihren absonderlichen Geschmack an den Kälbern als Darstellung der Gottheit!... Wir haben nicht vergessen, dass das goldene Kalb Aarons dreiundzwanzigtausend Mann kostete; der Herr Adonai, oder Jehova, oder Schaddai, oder Zebaoth, oder Jhao, hätte natürlich für die zwei Kälber Jerobeams sechsundvierzigtausend Israeliten abschlachten müssen. Aber diesmal werden wir etwas anderes sehen! « Da kam ein Mann Gottes, ein Seher (Flavius Josephus nennt ihn Addo den Propheten), von Juda nach Bethel, während Jerobeam auf den Altar gestiegen war und Weihrauch streute; und er rief wider den Altar im Worte Gottes und sprach: Altar! Altar! der Herr erklärt, dass eines Tages im Hause David ein Sohn geboren werden wird, der Josia genannt werden wird und der auf dir die Priester der Höhen hinopfern wird, die jetzt auf dir Weihrauch verbrennen, und er wird auf dir die Knochen der Menschen verbrennen. Und zum Beweis der Wahrheit dessen, was ich verkündige, spalte sich jetzt der Altar! Und alsbald streckte Jerobeam seine Hand nach dem Propheten aus und befahl, ihn zu ergreifen; aber seine Hand, die er ausgestreckt hatte, verdorrte, und er konnte sie nicht zurückziehen, und zugleich spaltete sich der Altar, und die Asche, die darauf war, verstreute sich auf der Erde. Da flehte der König den Propheten an, Jehova zu bitten, dass er ihm den Gebrauch seiner Hand wiedergebe; und auf das Gebet des Mannes Gottes ward die Hand des Königs wieder lebendig wie zuvor. Da sprach der König zu dem Propheten: Komm und speise mit mir in meinem Hause, und ich will dir ein schönes Geschenk geben » [610] (1 Könige 13:1-7). Aber der Seher Addo, der sehr genaue Anweisungen von Jehova hatte, schlug das Diner und jedes Präsent aus und ging davon, um in das Königreich Juda zurückzukehren, « aber auf einem anderen Weg als dem, auf dem er gekommen war » (v. 10). Das Wunder dieser verdorrten Hand ist eine recht geringe Sache neben denen, die uns bis jetzt erzählt worden sind; glücklicherweise wird man es gleich mit dem Propheten [611] Elia wieder wettmachen. Was das Verbot für die Leute von Juda betrifft, auf den Ländereien Jerobeams zu essen, so beweist es, dass dieses Königreich Israel nicht sonderlich ausgedehnt war. Ein guter Fußgänger konnte bequem in Samaria zu Mittag und in Jerusalem zu Abend essen; umso mehr konnte ein Prophet, üblicherweise ein Einsiedler, gewöhnt an ein genügsames Leben, darauf verzichten, in Bethel zu Mittag zu essen, das noch näher an Jerusalem lag als Samaria. « Nun war ein alter Wahrsager, der zu Bethel wohnte, und [612] seine Kinder erzählten ihm die Wunder, die der Mann Gottes soeben gewirkt hatte. Da ließ sich der alte Wahrsager den Weg zeigen, den der Prophet von Juda genommen hatte; seine Söhne gurteten ihm seinen Esel, und er stieg darauf. Und als er Addo eingeholt hatte, den er unter einer Terebinthe sitzend fand, sprach er zu ihm: Bist du der Mann Gottes, der von Juda gekommen ist? Und Addo antwortete: Ich bin’s. Der alte Wahrsager fuhr fort: Nun wohl, so komm doch und iss Brot bei mir. Aber Addo antwortete ihm: Ich kann nicht mit dir kommen, noch Brot essen, noch Wasser trinken in diesem Lande; denn der Herr hat mir’s verboten. Da sprach der alte Wahrsager wieder zu ihm: Höre, ich bin ein Prophet wie du, und der Engel des Herrn hat mir das Wort Jehovas überbracht und mir gesagt, ich solle dich mit mir in mein Haus zurückbringen, auf dass du von meinem Brot essest und von meinem Wasser trinkest. Aber der alte Wahrsager von Bethel log. Addo kehrte also mit ihm zurück, und er aß Brot und trank Wasser in seinem Hause. » (1 Könige 13:11-19) Man beachte, dass man einem Mann in Israel oder in Juda aufs Wort glaubte, sobald er sich einen Propheten nannte. Wir haben gesehen, dass es zur Zeit Sauls Propheten truppweise gab. Sobald der alte Biedermann von Bethel dem Addo erklärt, dass er sein Kollege als Prophet ist, erkennt Addo ihn als solchen an und fängt an, mit ihm zu essen. « Und es begab sich, als sie zu Tische saßen, dass sich dem Propheten von Juda eine Stimme vernehmen ließ, und es war die Stimme Jehovas, die ihm zurief: Weil du dem Befehl Gottes ungehorsam gewesen bist, der dir verboten hatte, in diesem Lande zu essen, soll dein Leib nicht im Grabe deiner Väter begraben werden. Da ließ der alte Wahrsager von Bethel dem Propheten von Juda, den er zurückgebracht hatte, einen Esel satteln; und Addo zog davon. Aber siehe, auf dem Wege begegnete er einem Löwen, der sich auf ihn stürzte und ihn tötete. » Es ist offensichtlich, dass dieser Löwe von Jehova geschickt worden war; die Order, die Papa Lieber Gott dem schrecklichen Raubtier gegeben hatte, ist recht kurios. « Und siehe, der Leichnam Addos blieb ausgestreckt auf der Erde auf dem Wege, und der Esel stand dabei, auf der einen Seite, und der Löwe ebenfalls, auf der anderen Seite. Nun kamen etliche Vorübergehende dort vorbei und waren bei diesem Anblick überaus erstaunt. » Dazu hatten sie allen Grund! « Sie kehrten nach Bethel zurück und meldeten die Sache dem alten Wahrsager, und dieser sprach: Dieser Leichnam ist der des Propheten von Juda, den ich belogen habe und der den [613] Befehlen Jehovas ungehorsam gewesen ist; darum hat Jehova ihn dem Löwen überantwortet. » Nun, Freund Leser, was hätten Sie getan, wenn Sie sich an der Stelle des alten Wahrsagers von Bethel befunden hätten? Sie hätten sich wohl gehütet, hinzugehen und dem Löwen den Leichnam des Propheten-Amtsbruders streitig zu machen, nicht wahr? Addo hatte keine andere Schuld, als die Erscheinungsgeschichte geglaubt zu haben, die ihm der alte Wahrsager geschildert hatte, und wenn er so grausam bestraft worden war, so war es wahrscheinlich, dass sein Täuscher auf noch schrecklichere Weise gezüchtigt werden würde. « Der alte Wahrsager ließ seinen Esel von seinen Söhnen satteln, und er ging hin, den Leib des Propheten von Juda zu suchen; er fand den Leichnam ausgestreckt auf dem Wege, mit dem Löwen und dem Esel, den er Addo gegeben hatte, und die beiden Tiere standen da als Wachtposten und bewachten den Leib; der Löwe hatte den Leib des Propheten nicht verzehrt noch den Esel zerrissen. Da hob der alte Wahrsager den Leib Addos auf und brachte ihn nach Bethel zurück. Er bestattete ihn im Grabmal seiner Familie und weinte über ihn und sprach: Ach! mein Bruder! Und er trug seinen Söhnen auf, ihn, wenn er gestorben wäre, in demselben Grabe zu begraben, und dafür Sorge zu tragen, seinen Leichnam auf die Gebeine des Propheten Addo zu legen. » (1 Könige 13:20-31) Das ist die betrübliche Geschichte dieses unglücklichen Addo, dem man kaum etwas anderes vorwerfen kann, als Hunger gehabt und zur Unzeit an dem einen Ort statt an einem anderen zu Mittag gegessen zu haben, im Vertrauen auf einen Kollegen in der Weissagung, der ihm eine sakrilegische Flunkerei erzählt hatte und der unbehelligt davonkam, dieser Glückspilz! Der arme Addo hat, wie man sieht, keine große Figur in der Welt gemacht; wäre nicht das Abenteuer mit dem Löwen und dem Esel auf Schildwache, so wüsste die Nachwelt ganz und gar nichts von ihm. Und Jerobeam, bei alledem?... Der Zwischenfall mit seiner ausgedörrten, dann wieder lebendigen Hand hätte, so scheint es, genügen müssen, ihn vom Götzendienst der goldenen Kälber zu heilen; außerdem, was gibt es Erschreckenderes als den bemitleidenswerten Tod Addos, von dem er die Nachricht erhielt?... Nun, sollte man es glauben? dieser Schwachkopf von Jerobeam « kehrte sich nicht ab von seinem bösen Wege und fuhr fort mit seinen Opfern für die falschen Götter; und wer in Israel Priester der Götzen sein wollte, der weihte sich dazu mit der Gunst des Königs » (v. 33). Es ist klar, dass eine solche Verstockung eine exemplarische Züchtigung verdiente. Wen traf die göttliche Rache?... Jerobeam?... [614] Nein. Es war ein ganz junges Kind von ihm, der kleine Abia. Jäh wurde das Baby krank.
284. Der junge Abia, Sohn Jerobeams, ist krank. Jerobeam hatte eine Idee: es war am Platz, dachte er, den Propheten Ahia zu konsultieren, denjenigen, der ihm zehn Stücke seines Mantels gegeben hatte, um ihm seine Thronbesteigung vorherzusagen. Hier ist der Mangel an Logik des Königs von Israel phantastisch. Er weiß genau Bescheid über die Allmacht Jehovas und über die Gewalt, die dieser seinen Propheten überträgt; nun wohl, während er sich an Ahia wendet, um [615] von ihm die Heilung des Balgs zu erlangen, sinnt er darauf, den unfehlbaren heiligen Mann zu täuschen. Jerobeam schickt die Königin, seine Gattin, nach Silo, nachdem er sie eine Verkleidung hat anlegen lassen, die Ahia hindern wird, sie zu erkennen; er bildet sich ein, sie werde nur von irgendeinem Kind zu sprechen brauchen, das krank ist.
285. Jerobeam schickt die Königin, Ahia zu konsultieren. Da kommt also Madame Jerobeam verkleidet in Silo an; obendrein belehrt uns die Bibel (1 Könige 14:4), dass « der alte Ahia nicht sehen konnte, da seine Augen [616] ganz und gar verdunkelt waren, so weit war sein Alter vorgerückt ». In jeder Hinsicht war die Verkleidung also absolut nutzlos. « Und der Ewige sprach zu Ahia: Das Weib Jerobeams wird kommen, um sich bei dir wegen ihres Sohnes zu erkundigen, weil er krank ist. Du sollst ihr solche und solche Dinge sagen (sic). Wenn sie hereinkommt, wird sie sich stellen, als sei sie eine andere. Sobald nun Ahia das Geräusch der Schuhe der Königin gehört hatte, als sie an der Tür war, sprach er: Komm herein, komm herein, Weib Jerobeams; warum hast du dich verkleidet? Nun, da du gekommen bist, wirst du die sehr harten Dinge hören, die ich dir zu verkündigen habe. » (v. 5-6)
286. Die verkleidete Königin konsultiert Ahia, den Propheten. (das Schild lautet „Ahias prophète breveté S.G.D.G. médaillé aux expositions“: Ahia, patentierter Prophet ohne Gewähr der Regierung, wie jedes französische Patent, prämiert auf den Ausstellungen) Daraufhin große Reden, bittere Vorwürfe an die Adresse Jerobeams und seiner zwei goldenen Kälber, unheilvolle Vorhersagen über die königliche Familie, die des Thrones beraubt werden wird, nicht zu vergessen das kranke Baby, den Gegenstand der Konsultation. « Jetzt, schloss Ahia, kehre heim; sobald deine Füße den Boden der Stadt betreten, wird das Kind sterben. » (v. 12) Die bedauernswerte Königin kehrte trostlos nach Thirza zurück, wo damals der Hof war; « und als sie ihren Fuß auf die Schwelle des königlichen Hauses setzte, starb der kleine Knabe » (v. 17). Und wenn man bedenkt, dass Madame Jerobeam mit ein wenig Geistesgegenwart diese Katastrophe hätte vermeiden können! sie hätte nur auf Stelzen ihren Wiedereinzug zu halten brauchen, und so hätte sie den Boden der Stadt nicht mit ihren Füßen betreten, beim Blauen! Aber die Mutterliebe denkt nicht an alles... Hier verweist uns das Buch der Könige auf das Buch der Chronik, und wir erfahren dort (2 Chronik 13), dass Abiam, König von Juda, Sohn Rehabeams, Krieg mit Jerobeam führte. « Abiam hatte vierhunderttausend Kämpfer, wohl erwählt und sehr tapfer. Und Jerobeam hatte achthunderttausend Kämpfer, ebenfalls wohl erwählt und sehr tapfer. Und es wurden fünfhunderttausend Mann von den tapfersten in der Schlacht getötet, auf der Seite Israels. » Brrrou! welch ein Blutbad! Jerobeam endlich, nachdem er zweiundzwanzig Jahre lang das Handwerk des Monarchen ausgeübt hatte, « entschlief mit seinen Vätern », und Papa Lieber Gott, der ihm den jungen Abia durch eine Krankheit beseitigt hatte, vergaß seinen anderen Sohn, namens Nadab, welcher ihm nachfolgte (1 Könige 14:20).
287. Jerobeam ruht mit seinen Vätern. [617] Was Rehabeam betrifft, so hatte er sich Zebaoth gegenüber nicht besser verhalten als Jerobeam. « Auch das Königreich Juda hatte getan, was böse ist vor dem Ewigen; denn sie bauten sich Höhen, um die Götzen anzubeten; und die Untertanen Rehabeams hatten Haine auf allen Hügeln und unter allen grünen Bäumen. Es gab sogar in diesem Königreich Leute, die sich nach Art der Sodomiter prostituierten, und sie begingen alle Gräuel. » (1 Könige 14:22-24) « Aber im fünften Jahr der Regierung Rehabeams bemächtigte sich der König von Ägypten, Sisak (es ist das erste Mal, dass die Bibel einen Pharao beim Namen nennt), Jerusalems, und er nahm alle Schätze des Hauses des Herrn und die Schätze des Königs weg; er plünderte alles, bis zu den goldenen Schilden, die Salomo gemacht hatte » (v. 25-26). Hier sind die Bemerkungen Voltaires zu diesem Gegenstand: « Der Löwe von Juda, dessen Rute niemals zwischen seinen Beinen hervorkommen sollte, bis dass der Schilo käme, fühlt dieses Mal seine Krallen recht knapp gestutzt, und seine Rute (fr. „verge“: das Zepter aus Genesis 49:10, das nicht von Juda weichen soll, und auch das männliche Glied; Voltaire spielt mit beiden Bedeutungen) hat keine große Gewalt. Ernste Gelehrte beweisen, dass dieser Sisak der große Sesostris war; andere ernste Gelehrte beweisen, dass Sesostris tausend Jahre vor Sisak geboren wurde; und noch ernstere Gelehrte beweisen, dass es niemals einen Sesostris gab. Ein Grund, der glauben machen würde, dass es nicht Sesostris war, der Jerusalem plünderte, ist, dass er weder Sichem, Jericho, Samaria noch die zwei ketzerischen goldenen Kälber plünderte; denn Herodot sagt, dass dieser große Sesostris die ganze Erde plünderte. »
288. Seinerseits gibt Rehabeam seine Seele Gott zurück. Auf Rehabeam folgte sein Sohn Abiam, der nur drei Jahre regierte, der aber keine Zeit verlor, da er, nach dem Buch der Chronik, in einer einzigen Schlacht fünfhunderttausend Soldaten aus dem Heer des Königs von Israel tötete. « Und Jerobeam hatte keine Kräfte mehr während der Regierung Abiams. Und als Abiam sein Königreich gefestigt sah, nahm er vierzehn Weiber, und er hatte von ihnen zweiundzwanzig Söhne und sechzehn Töchter. » (2 Chronik 13:20-21) Rechnen wir ein wenig! Drei Jahre Regierung, sagt das Buch der Könige (1 Könige 15:2); Siege über Jerobeam, während des ersten Jahres; was sagen Sie denn, Freund Leser, zu den zweiundzwanzig Söhnen dieses Abiam und zu seinen sechzehn Töchtern, also achtunddreißig Kindern, mit denen diese vierzehn Frauen binnen zwei Jahren niederkommen?... Ah! das ist wahrhaftig eine wunderbare Epoche! [618] Im Buch der Könige haben wir zwei widersprüchliche Verse im Kapitel 15. « Abiam, der drei Jahre regierte, hatte seine Mutter, die Maacha hieß und die eine Tochter Absaloms war » (v. 2). Unter den zweiundzwanzig Söhnen, die Abiam hatte, folgte ihm Asa nach. « Asa regierte einundvierzig Jahre; seine Mutter hieß Maacha, und sie war eine Tochter Absaloms » (v. 10). Man müsste sich doch einigen: die Königin Maacha konnte nicht zugleich Mutter und Großmutter des jungen Königs Asa sein. [619] Wie dem auch sei, da Asa minderjährig war, hatte Maacha die Regentschaft. Ah! diesmal war das sauber! Nicht nur ergab sich diese Tochter Absaloms auf beklagenswerte Weise dem Trunk, sondern sie hatte sich auch noch einen prächtigen Priapus als Gottheit geleistet. Das goldene Kalb war übertroffen. Aber, glücklicherweise, « um Davids willen hatte Gott eine Leuchte in Jerusalem angezündet »; und diese Leuchte war der junge König Asa. « Und Asa, der Enkel Rehabeams, wandelte aufrecht vor [620] dem Ewigen, wie sein Ahnherr David es getan hatte; denn er vertrieb aus dem Lande alle, die sich prostituierten; und er setzte sogar seine Mutter Maacha ab, damit sie nicht mehr Regentin wäre; er hinderte sie, fortan dem Priapus zu opfern, und er zerschlug das schmähliche Bildnis des Priapus, das sie sich hatte machen lassen, und er verbrannte es im Wildbach Kidron. Jedoch zerstörte er die Höhen nicht; dennoch war das Herz Asas vollkommen vor dem Herrn, während der ganzen Zeit seines Lebens. » (Könige 15:11-14)
289. Asa, König von Juda, setzt die Königinmutter Maacha ab. Ob Asa belohnt wurde?... Sie werden das gleich sehen... Zunächst zerschlug er eine Invasion, wenn man dem Buch der Chronik, Kapitel 14, glauben darf, und was für eine Invasion!... « Asa hatte in seinem Heer dreihunderttausend Mann vom Stamme Juda, die Schilde und Spieße trugen, und zweihundertachtzigtausend Mann vom Stamme Benjamin, die Schilde und Köcher trugen. Und siehe, Serah, König von Äthiopien, zog aus seinem Lande aus und kam mit einem Heer von einer Million Soldaten, dreihundert Kriegswagen stark, um in Judäa zu kämpfen, und er rückte vor bis Maresa. Asa stellte seine Truppen ihm gegenüber in Schlachtordnung auf, im Tal Zephatha. » (v. 8-10) « Und die Äthiopier wurden gänzlich besiegt, weil es Jehova war, der sie schlug; Asa und das Volk von Juda und Benjamin jagten ihnen nach bis Gerar und rotteten sie aus. » (v. 12-13) Diese Episode ist umso bewundernswerter, als es von Äthiopien nach Jerusalem überaus weit ist. Dieses Heer von fünfhundertachtzigtausend Soldaten, von nur zwei Stämmen gestellt, ist nicht weniger wunderbar als das von einer Million Eindringlingen; aber man fragt sich, wie der König von Ägypten, Sisak oder Sesostris, diese Flut von Barbaren über sein Gebiet ziehen ließ... Es sei denn, die Äthiopier hätten die Reise in Ballons gemacht!... Eine andere Belohnung erkannte Papa Lieber Gott seinem ausgezeichneten Freund Asa zu: « Zur Zeit seines Alters war Asa an den Füßen krank. » (Könige 15:23) Hier ist der heilige Verfasser sparsam mit Erklärungen; diese Krankheit der Füße hatte offensichtlich keinen anderen Zweck, als die Verdienste des wackeren Asa zu vermehren. Am Ende des einundvierzigsten Jahres seiner Regierung entschlief er im Schoß seiner Väter und überließ seinen Platz seinem Sohn Josaphat (v. 25).
290. Der tugendhafte Asa wird von Gott in seinem Alter geprüft. Aber sehen wir einmal, was unterdessen im Königreich Israel vorging. — Nadab, Sohn Jerobeams, « folgte dem Wandel [621] seines Vaters und beging dieselben Sünden » (v. 26); seine Regierung dauerte nur zwei Jahre. Eine Verschwörung eines gewissen Baesa, vom Stamme Isaschar, kostete ihn den Thron und das Leben (1 Könige 15:27-28); natürlich rief Baesa sich zum König aus; er regierte vierundzwanzig Jahre, in denen er sich gegenüber Zebaoth ebenso schlecht verhielt wie Jerobeam und Nadab (1 Könige 15:33-34). Da fand Papa Lieber Gott, dass diese Gottlosigkeit zu lange dauerte, sprach zu Jehu und teilte ihm mit, dass er soeben den Untergang der Familie Baesa dekretiert habe.
291. Gott verkündigt Jehu, dass er gegen den König von Israel mit Strenge vorgehen wird. Dieser starb, dem Brauch gemäß, ruhig in seinem Bett, und sein Sohn Ela wurde nach einer Regierung von zwei Jahren von einem Mann namens Simri gemeuchelt (1 Könige 16:10).
292. Simri rottet den König Ela und seine Familie aus. Simri setzte sich an die Stelle seines Opfers, metzelte die ganze Familie Baesa nieder, « und er ließ nicht einen davon leben, weder Mensch, noch Tier, von seinen Verwandten oder von seinen Freunden » (v. 11).
293. Das Gemetzel erstreckt sich bis zu den Tieren Elas. — Die Regierung Simris war kurz: sieben Tage im Ganzen (1 Könige 16:15); Omri stellte sich an die Spitze eines Aufruhrs, und Simri, dessen Rolle als Geißel Gottes beendet war, beging Selbstmord (1 Könige 16:18).
294. Tragisches Ende Simris, des Ausrotters. Omri regierte zwölf Jahre (v. 23). « Im siebenten Jahr seiner Regierung kaufte Omri einen Berg von einem Hebräer, mit Namen Semer, um den Preis von zwei Talenten Silber; er baute eine Stadt auf diesem Berg und hieß sie Samaria zum Andenken an Semer » (v. 24). Ebenfalls um diese Zeit baute Hiel, gebürtig aus Bethel, die Stadt Jericho wieder auf (v. 34). Bemerkung: diese großen Könige von Israel, die so gewaltige Heere hatten, besaßen nicht eine leidliche Stadt, bevor man Samaria, Jericho und Sichem gebaut hatte. Jericho war ein wichtiger Platz gegen die Einfälle der Araber und der Syrer; somit hatte Josua wie ein sehr schlechter Politiker gehandelt, als er es gänzlich zerstörte, und zudem sieht man, dass das gegen Jericho ausgesprochene Anathema nichtig war, da vorhergesagt worden war, dass diese Stadt niemals aus ihren Ruinen wieder aufgerichtet werden würde. Ah! da sind wir bei Ahab angelangt, dem gottlosen Ahab, dem Sohn Omris; mit diesem Fürsten, dessen Namen man den Kindern, welche die heilige Geschichte buchstabieren, zum Verfluchen aufgibt, wird die Bibel wieder interessant werden. Jetzt nun werden wir uns auch mit dem unbezahlbaren Propheten Elia zu befassen haben, diesem einzigartigen Mann, der auf der Erde kein Brot zu essen hatte und der in einem Wagen aus Feuer, gezogen von Pferden gleichfalls aus Feuer, in den Himmel aufstieg. « Ahab regierte über Israel zu Samaria zweiundzwanzig [622] Jahre lang, und er tat alles, was böse ist vor dem Ewigen, mehr noch als alle, die ihm vorangegangen waren; und als ob es ihm ein Geringes gewesen wäre, die Sünden Jerobeams fortzusetzen und noch zu verschlimmern, nahm er noch dazu Isebel zum Weibe, die Tochter Ethbaals, des Königs der Sidonier. » (v. 29-31) Gott hatte David seine Heirat mit Bathseba vergeben, deren Gatten dieser gemeuchelt hatte: er hatte die Heirat Salomos und der Tochter des Königs von Ägypten nicht mit missbilligendem Auge angesehen; aber dass Ahab es wagte, [623] Isebel, die Tochter des Königs der Sidonier, zu ehelichen, das erst war ein unvergebliches Verbrechen! Man versteht leicht, dass ein so gottloser König sich nicht mit bloßen goldenen Kälbern begnügen würde, um seine sakrilegischen Andachten zu verrichten. In der Tat, « Ahab richtete Baal einen Altar auf, in einem Tempel Baals, den er zu Samaria bauen ließ; und er diente Baal, und er warf sich vor ihm nieder. » (v. 32) Das ist noch nicht alles, machen Sie sich darauf gefasst, wieder zu erschauern: « Ahab machte einen Hain! und [624] also tat Ahab noch Ärgeres als alle Könige Israels, seine Vorgänger, um Jehova zu reizen. » (v. 33) Danach steht es außer Zweifel, dass der königliche Gatte Isebels aus reiner Tücke handelte und dass er sich daran labte, Papa Lieber Gott in Grimm zu versetzen.
295. Ahab, König von Israel, huldigt Baal. Ein Prophet ersten Ranges wurde also notwendig, unentbehrlich; Herr Zebaoth dekretierte, dem erzgottlosen Ahab Elia den Thisbiter entgegenzustellen. « Elia der Thisbiter war einer von denen, die ihren Wohnsitz in Gilead genommen hatten. Er begab sich zu dem König Ahab und sprach zu ihm: So wahr der Gott Israels der lebendige Ewige ist, es wird nicht ein Tropfen Tau noch ein Tropfen Regen vom Himmel fallen, ich befehle es denn im Namen des allmächtigen Gottes. » (1 Könige 17:1) Worauf Elia majestätisch auf dem Absatz kehrtmachte; aber die Bibel sagt nicht, wie Ahab diese Ankündigung aufnahm. « Danach richtete der Herr Adonai das Wort an Elia und sprach zu ihm: Geh fort von hier, zieh dich gegen Morgen zurück, verbirg dich im Wildbach Krith, der dem Jordan gegenüber ist; du sollst das Wasser des Wildbachs trinken, und was das Übrige deiner Speise betrifft, so werden Raben dafür sorgen, denen ich es geboten habe. Elia, dem Herrn sehr gehorsam, brach also auf, und er nahm seine Wohnung in den Schluchten des Wildbachs Krith. Jeden Morgen, wie auch jeden Abend, brachten ihm Raben Brot und Fleisch; und er trank das Wasser des Wildbachs. » (v. 2-6)
296. Der Prophet Elia wird von den Raben ernährt. Diese Idee, die Heiligen durch Raben zu ernähren, ist seither in der Geschichte der Wüstenväter nachgeahmt worden. Ein Rabe ernährte sechzig Jahre lang den Einsiedler Paulus in einer Höhle der Thebais; er brachte ihm jeden Tag die Hälfte eines Brotes in seinem Schnabel. Paulus war erst hundertdreizehn Jahre alt, als der neunzigjährige Einsiedler Antonius kam, um ihm einen Besuch abzustatten. Da brachte der Rabe ein ganzes Brot zum Mittagessen der beiden Heiligen; und das ist sehr wahr, da der heilige Hieronymus sein Ehrenwort darauf gibt. Kehren wir zu Elia zurück. « Es begab sich aber, nach einigen Tagen, dass der Wildbach versiegte, weil es nirgends mehr regnete. Da ließ sich die Stimme Adonais wieder bei dem Propheten vernehmen und sprach zu ihm: Jetzt geh nach Sarepta, das nahe bei Sidon ist, und du sollst dort wohnen; es ist dort eine Witwe, der ich [625] geboten habe, dich zu ernähren. Er ging also alsbald nach Sarepta; und als er an das Tor der Stadt kam, erblickte er ein Weib, das Holz auflas; Elia sah sehr wohl, dass sie Witwe war: darum rief er sie und sprach zu ihr: Ich bitte dich, schöpfe Wasser in einen Topf und lass mich trinken. Das Weib ging hin, ihm Wasser zu holen; er aber rief sie zurück und fügte hinzu: Ich bitte dich, bring mir auch einen Bissen Brot. Da antwortete sie ihm: Der Ewige, dein Gott, der da lebt, ist mir Zeuge, dass ich nicht den geringsten Kuchen habe; ich besitze im Ganzen, in einem Gefäß, ein wenig Mehl, kaum genug, um meine Hand zu füllen, und ein wenig Öl auf dem Grund eines Fläschchens. Ich bin also gekommen, einige Holzreiser zu suchen, die ich anzünde, um diesen Rest Mehl zu backen; mein Sohn und ich, wir werden ihn essen, und danach wird uns nichts mehr übrig bleiben als zu sterben. Elia sprach zu ihr: Hab Vertrauen und tu, was ich dir gesagt habe; richte zuerst für mich ein kleines, unter der Asche gebackenes Brot zu, das du mir bringen sollst; danach sollst du davon für dich und deinen Sohn machen, so viel du willst; denn der Ewige, Gott Israels, hat dekretiert, dass das Mehl, das in deinem Gefäß ist, nicht abnehmen wird, noch das Öl in deinem Fläschchen, bis er auf Erden hat regnen lassen. Die Witwe ging also hin, tat, was Elia ihr gesagt hatte, und dann beherbergte sie ihn bei sich, und sie aß mit ihrem Sohn und ihm mehrere Tage, ohne dass das Mehl oder das Öl ausgingen, nach dem Wort, das Jehova durch den Mund Elias ausgesprochen hatte. » (v. 7-16)
297. Wunder Elias bei der Witwe von Sarepta. « Und nach diesen Dingen begab es sich, dass der Sohn der Witwe krank wurde; und die Krankheit war so stark, dass er verschied. Da sprach dieses Weib zu Elia: Was ist zwischen dir und mir, Mann Gottes? Bist du zu mir gekommen, um vor Gott die Erinnerung an meine alten Sünden aufzuwecken und so meinen Sohn zu Tode zu bringen? Elia antwortete ihr: Gib mir deinen Sohn. Er nahm ihn der Witwe ab, die ihn fest an ihren Busen gedrückt hielt; dann trug er ihn in die Kammer, wo er Herberge hatte, und legte ihn auf sein Bett. Worauf er sehr laut zu dem Ewigen schrie: Ewiger, mein Gott, hast du diese Witwe so sehr bekümmert, dass du ihr ihren Sohn zu Tode gebracht hast? Und nachdem er so geschrien hatte, setzte er sich auf das Kind (fr. „il s’assit sur l’enfant“: die Bibel Ostervalds hat nur „Et il s’étendit tout de son long sur l’enfant par trois fois“, „Und er streckte sich seiner ganzen Länge nach auf dem Kind aus, zu drei Malen“; das Sitzen ist Taxils Zusatz, und der Stich 298 beruht darauf) und streckte sich seiner ganzen Länge nach auf dem Leichnam aus, zu drei Malen, und schrie wieder: Ewiger, mein Gott, ich bitte dich, die Seele dieses Kindes wieder in seinen Leib eintreten zu lassen! Da hörte der Ewige die Stimme Elias und erhörte sein Gebet; die Seele des Kindes trat wieder in den Leichnam ein, und der Leib [626] wurde wieder lebendig. Und Elia nahm das Kind bei der Hand und sprach zu seiner Mutter: Sieh, dein Sohn lebt. Und die Witwe antwortete Elia: Jetzt erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass in deinem Munde das Wort des Ewigen wahrhaftig ist. » (v. 17-24)
298. Elia erweckt den Sohn der Witwe vom Tode, indem er sich auf ihn setzt. Nach diesem letzten Vers möchte es scheinen, dass die Witwe sich bekehrte, denn, da sie Sidonierin war, übte sie offensichtlich die Religion der Phönizier aus, und wir haben soeben gesehen, dass Gott, der seinen Propheten zuerst bei den Ketzern des [627] Königreichs Israel untergebracht hatte, ihn vorübergehend von dort zurückzog, um ihn zu den Ungläubigen gehen zu lassen. Dieser Prophet war voller Scharfsinn, da er auf den ersten Blick erraten hatte, dass die Frau, die Holz auflas, Witwe war. Man wird es vielleicht erstaunlich gefunden haben, dass er zunächst für sich um das einzige Stück Brot bat, das dieser Frau blieb, und es scheint, dass die Witwe, obgleich sie an die falschen Götter Phöniziens glaubte, mehr Vertrauen in das Wort eines Unbekannten gehabt hat, der im [628] Namen des Gottes Israels zu ihr sprach, als der Prophet selbst Vertrauen in seinen Jehova hatte; aber das ist nur Schein, werden Ihnen die Theologen sagen: Elia prüfte diese Frau, und das Wunder hat sich zu ihren Gunsten vollzogen, gerade weil sie nicht gezögert hat, dem Propheten zu glauben. Hätte sie sich geweigert, Elia ihr letztes Stück Brot zu geben, so hätte es folglich kein Wunder gegeben; aber dann hätte sich also das, was Gott seinem Propheten angekündigt hatte, nicht erfüllt? Unnütz, das zu ergründen; es ist gerade die Spezialität des Übernatürlichen, unbegreiflich zu sein. Was eine Untersuchung eher verdient, ist die Tatsache, dass Jehova Wunder bei den Völkern vollbrachte, die seinen Kult nicht ausübten und ihn nicht annahmen, nachdem sie Zeugen dieser Wunderdinge gewesen waren. Es wird nämlich nicht ausdrücklich gesagt, dass die Witwe von Sarepta zur jüdischen Religion übertrat. Diese Bemerkung hat den Kritikern erlaubt, daran zu erinnern, dass alle Völker des Altertums einen höchsten Gott anerkannten, der einen Teil seiner Gewalt denen mitteilte, die er begünstigen wollte, bald Magiern Ägyptens, bald Magiern Persiens oder Babylons, bald samaritanischen Ketzern, sogar Götzendienern, wie Bileam; diese Kritiker fügen hinzu, dass ein jeder seine Riten, seinen Kult, seine Nebengötter bewahrte und dabei den universellen Gott unter einem Namen anbetete, der je nach dem Land wechselte. Dies würde erklären, dass der Pharao, der die Wunder Moses sah, die Macht Gottes anerkannte und seinen Kult nicht wechselte, und dass die Witwe von Sarepta die Gewalt des von Elia angerufenen Ewigen anerkennen konnte, ohne deshalb Jüdin zu werden. Es ist selbstverständlich, dass die Kritiker mit diesen Bemerkungen keineswegs die Echtheit dieser verschiedenen Wundergeschichten einzuräumen gedenken; aber sie geben die Erklärungen, die wir soeben wiedergegeben haben, damit man sich die Bedingungen vergegenwärtigen kann, unter denen man diese wunderbaren Geschichten hat erfinden können. « Im dritten Jahr jener Zeit richtete Jehova abermals das Wort an Elia und sprach zu ihm: Der Augenblick ist gekommen, dich Ahab zu zeigen; denn ich werde der Erde Regen geben. » (1 Könige 18:1) Die Erde war also drei Jahre lang ohne einen Tropfen Regen geblieben! « Elia ging also hin, um sich dem König von Israel zu zeigen; nun gab es eine [629] große Hungersnot in Samaria. » (v. 2) Nach drei Jahren der Dürre lässt sich das begreifen; aber warum herrschte die Hungersnot in Samaria eher als anderswo? « Und Ahab hatte Obadja, seinen Haushofmeister, gerufen. Dieser Obadja hatte eine große Furcht vor Jehova; darum versteckte er zu einer Zeit, da Isebel die Propheten Jehovas ausrotten ließ, hundert von ihnen, die er mit Brot und Wasser ernährte, fünfzig in einer Höhle und fünfzig in einer ausgetrockneten Zisterne. Und Ahab hatte zu Obadja gesagt: Man müsste wenigstens unsere Pferde und unsere Maultiere retten, und, da der Regen nicht mehr fällt, gehen wir zu allen Brunnen und zu allen Wildbächen und lesen wir das Gras auf, das wir am Rand der fließenden Wasser finden werden, damit das Land nicht von Tieren entvölkert werde. Und sie teilten das Königreich unter sich, um es zu durchforschen, indem jeder nach seiner Seite ging; Ahab nahm einen Weg, und Obadja ging einen anderen Weg. » (1 Könige 18:3-6) Man sieht diesen König nicht recht vor sich, wie er seinen Palast verlässt, um Gras auflesen zu gehen, und danach zurückkehrt, um die Raufen seiner Ställe zu füllen; es scheint, dass er seine Domestiken mit diesem Tagewerk hätte beauftragen müssen. Aber man wird antworten können, es sei stillschweigend vorausgesetzt, dass König Ahab angesichts des entsetzlichen Elends, das unvermeidlich das Ergebnis von drei Jahren ohne einen Tropfen Regen gewesen war, sein ganzes Personal verabschiedet und nur seinen Haushofmeister behalten hatte. Das Außerordentlichste war, dass es noch Brunnen, Wildbäche, Flüsse gab: die Wiesen existierten nicht mehr, das ist klar, aus Mangel an Regen; aber wie speisten sich die Quellen in Ermangelung jeglichen Wassers vom Himmel? Es ist recht amüsant, wenn man bedenkt, dass die Andächtigen, welche die Bibel lesen und an sie glauben, sich keine dieser Fragen stellen. Lassen wir das. Auf der Suche nach Gras begegnet Obadja Elia, vor dem er sich niederwirft und der ihm sagt, er solle Ahab seinen bevorstehenden Besuch ankündigen. Dieser Vorschlag verstört Obadja ungemein, und er stellt bei sich folgende Überlegung an: « Was! Elia, du forderst mich auf, hinzugehen und dem König, meinem Gebieter, zu sagen: Siehe, Elia wird gleich kommen. Es wird aber geschehen, dass der Ewige dich, kaum dass ich von dir fortgegangen bin, an irgendeinen verborgenen Ort hinwegtragen wird, von dem ich nichts wissen werde; dann werde ich meinerseits Ahab deinen Besuch angekündigt haben, und da man dich nirgends mehr finden wird, wird Ahab glauben, [630] dass ich ihn zum Narren gehalten habe, und er wird mich töten. » (v. 12) Man sieht, dass der Biedermann Obadja Jehova so sehr fürchtete, dass er sogar einer Fopperei misstraute. Glücklicherweise beruhigte ihn Elia und verpflichtete sich im Namen des Ewigen, sich binnen vierundzwanzig Stunden dem König Ahab zu zeigen. (1 Könige 18:15) « Ahab, von Obadja benachrichtigt, kam Elia entgegen, und sobald er ihn sah, sprach er zu ihm: Bist du nicht der, der Israel in Unruhe stürzt? Aber Elia antwortete ihm: Nicht ich bin es, der [631] Israel in Unruhe stürzt; du bist es und das Haus deines Vaters, seit ihr Adonai verlassen habt, um Baal anzubeten. Tu aber, was ich dir sagen werde: befiehl dem ganzen Volk Israel, sich vor mir auf den Bergen des Karmel zu versammeln, und lass auch die vierhundertfünfzig Priester Baals dorthin kommen, und die vierhundert Propheten der Haine, die am Tisch deines Weibes Isebel essen. Ahab brachte also auf dem Karmel alle Kinder Israel und alle Propheten zusammen. Dann sprach Elia mit [632] lauter Stimme zum Volk: Wie lange werdet ihr auf beiden Seiten hinken? Ist Jehova Gott, so betet ihn an; ist es aber Baal, so seid ihr ihm eure Anbetung schuldig. Und das Volk antwortete nicht ein einziges Wort. » (1 Könige 18:16-21) « Da sprach Elia weiter: Ich bin der einzige Prophet Jehovas geblieben, während die Propheten Baals hier vierhundertfünfzig sind. Nun wohl, man bringe zwei Ochsen herbei. Die Propheten Baals werden einen davon erwählen; sie sollen ihn zerstückeln, sie sollen ihn oben auf einen Holzhaufen legen, aber ohne Feuer daranzulegen; und ich meinerseits werde mit dem anderen Ochsen ebenso verfahren. Ruft ihr alle den Namen eurer Götter an, und ich werde den Namen des meinen anrufen. Der Gott, der durch das Feuer erhören wird, sei hinfort euer Gott. Jedermann antwortete ihm: Ausgezeichneter Vorschlag! Und Elia forderte die Priester Baals auf, nach ihrer Wahl einen der Ochsen zu opfern, die man herbeibrachte; er sagte ausdrücklich: Legt vor allem kein Feuer an euren Holzhaufen. » (1 Könige 18:22-25) « Die Propheten Ahabs bereiteten also ihren Ochsen, wie es verabredet war, und sie riefen Baal an vom Morgen bis zum Mittag, indem sie ausriefen: Baal, erhöre uns! Aber es kam von Baal weder Stimme noch Antwort. Und diese Propheten sprangen über ihren Holzhaufen. Als es Mittag war, verspottete Elia sie mit diesen Worten: Schreit lauter, da Baal ja Gott ist; aber vielleicht hat er irgendein anderes Geschäft, das ihn beschäftigt, oder aber er ist in der Schenke (fr. „il est au cabaret“: die Bibel Ostervalds hat „il pense à quelque chose, ou il est après quelque affaire, ou il est en voyage“, „er denkt an etwas, oder er ist mit einem Geschäft befasst, oder er ist auf Reisen“; die katholische Bibel Sacys hat „dans une hôtellerie“, in einer Herberge, nach dem „in diversorio“ der Vulgata; eine Schenke macht erst Voltaire daraus, in La Bible enfin expliquée, und Taxil folgt ihm), oder auch er ist auf Reisen; vielleicht auch, es kann sein, dass er in diesem Augenblick schläft; fürchtet also nicht, zu sehr zu schreien, um ihn aus seinem Schlaf zu reißen. Darum schrien diese Propheten aus allen Kräften; sie machten sich auch Einschnitte ins Fleisch nach ihrem Ritus mit Messern und Lanzetten, bis sie mit Blut bedeckt waren. » (1 Könige 18:26-28)
299. Die Priester Baals herausgefordert, ein Wunder zu tun. Die Kritiker machen darauf aufmerksam, dass der Berg Karmel auf dem Gebiet der Sidonier lag und dass das Königreich Sidon von dem Israels verschieden war, da weiter oben gesagt ist, dass Isebel die Tochter Ethbaals, des Königs der Sidonier, war. Man kann nicht annehmen, dass die Untertanen Ahabs sich an einem Punkt versammelt hätten, der in einem anderen Königreich lag, um dem von Elia verlangten Experiment beizuwohnen. Der Berg Karmel figuriert also in dieser Erzählung nur infolge eines geographischen Irrtums des göttlichen Taubers. Die Kritiker sagen weiter: Wenn man an [633] die Wirklichkeit dieser Episode glauben und sie so nehmen will, wie sie geschildert ist, dann geht daraus, dass die Israeliten Elias Angebot einmütig und sofort annahmen, offensichtlich hervor, dass sie in gutem Glauben waren; es ist nicht weniger offensichtlich, dass ihre Priester, die der Bibel zufolge als falsche Propheten galten, ebenso viel Vertrauen in ihren Gott Baal hatten wie Elia in Jehova, da sie sich Messerstiche beibrachten und ihr Blut fließen ließen, um das Feuer vom Himmel zu erlangen. Aber man tut besser daran, von derart lächerlich erdichteten Erzählungen nur gewisse Feststellungen festzuhalten, die für die Geschichte des jüdischen Volkes interessant sind, und diese Feststellungen sind diejenigen, die übrig bleiben, sobald man die biblischen Anekdoten aus ihrem Rahmen von mehr oder weniger wunderbaren Wundern herausgelöst hat. Es ergibt sich also hieraus schlichtweg, dass das Volk Israel und das Volk Juda denselben Gott unter verschiedenen Namen anbeteten. Israel hatte goldene Kälber; aber Juda hatte seine goldenen Ochsen, die Salomo in das Heiligtum gestellt hatte, bevor Sisak kam, Jerusalem und den Tempel zu plündern. Es ist nach dem Text klar, dass Israel in Wirklichkeit seine Kälber nicht anbetete, da es nur Baal anbetete. Nun bedeutete dieses Wort Bal, Bel, Baal « der Herr », wie Adonai, Eloa, Zebaoth, Schaddai, Jehova. Die Riten, die Opfer waren gänzlich dieselben; die Interessen allein waren verschieden. Die Ketzerei Israels bestand also nur darin, dass die Israeliten ihr Geld nicht nach Jerusalem tragen wollten, in dessen Besitz der Stamm Juda war. « Als der Mittag vorüber war und die Propheten Baals sich in vergeblichen Anstrengungen erschöpft hatten, da stellte Elia den Altar Adonais wieder her, indem er zwölf Steine nahm, nach der Zahl der Stämme der Kinder Jakobs; dann machte er rings herum eine Rinne, richtete sein Holz auf den Steinen zu, schlachtete seinen Ochsen und zerschnitt ihn in Stücke, die er oben auf seinem Holz anordnete, ohne das geringste Feuer. Und er ließ zwölf Krüge Wasser über sein Holz gießen, so dass nicht nur das Holz nass wurde, sondern auch das Wasser in die Rinne floss und sie ganz und gar füllte. Da rief Elia aus: Adonai! Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! da ist der Tag, an dem man erkennen muss, dass du der Gott Israels bist, und dass ich dein Knecht bin, und dass ich all das auf deinen Befehl getan habe! Erhöre mich, Ewiger, [634] erhöre mich! Kaum hatte er seine Anrufung beendet, als das Feuer Adonais vom Himmel herabkam und mit einem einzigen Schlag die Stücke vom Ochsen, das Holz, die Steine des Altars und sogar alles Wasser, das in den Rinnen war, verschlang. Bei diesem Anblick legten sich die Leute aus dem Volk lang auf die Erde, das Antlitz gegen den Boden, und schrien: Ja, Adonai ist Gott! ja, Adonai ist Gott!
300. Jehova führt für Elia das Wunder aus, das Baal misslungen ist. Da sprach Elia, nachdem er sie hatte aufstehen lassen, zu ihnen: Jetzt ergreift die Propheten Baals und die Propheten der Haine (fr. „les prophètes des bocages“: der Name, den die Bibel Ostervalds den Propheten der Göttin Aschera gibt), und dass nicht [635] ein Einziger von ihnen entrinne! Und als das Volk sie gefangen genommen hatte, führte Elia sie an den Wildbach Kison, wo er ihren Tod befahl, und alle ohne Ausnahme kamen dort um. » (v. 29-40)
301. Die Priester Baals in den Wildbach Kison geworfen. Einige Gelehrte behaupten, dass Elia nur eine allegorische Gestalt sei, dass es niemals einen Elia gegeben habe. Aber wenn Elia existierte, so war, sagen die Kritiker, niemals ein Jude barbarischer, da nach dem Text selbst die Priester Baals ihrem Gott ebenso andächtig ergeben waren wie er dem seinen und [636] ihr Glaube ebenso groß war wie der seine. Sie waren ihrem Gott und ihrem König treu: es war also eine grässliche Ungerechtigkeit, sie mit dem Tod zu bestrafen. Und wie duldete der König von Israel ihre Hinrichtung? Das hieß sich selbst verurteilen!... Zudem hätte Elia folgerichtig hoffen müssen, dass das unerhörte Wunder des Blitzes, der bei heiterem Wetter kam, um augenblicklich seinen Ochsen, sein Holz, seine Steine und das Wasser seiner Rinnen zu verbrennen, diesen ketzerischen Priestern zu denken geben und sie unfehlbar bekehren würde. Er sollte also die verirrten Schafe auf seinen Schultern tragen; er sollte die Reue der Sünder wollen und nicht ihren Tod. Nach der Ersäufung der Priester Baals im Wildbach Kison « sprach Elia zu Ahab: Steig hinauf, iss und trink, denn man hört das Rauschen eines großen Regens. » (v. 41) Wir haben nicht vergessen, dass seit drei Jahren alle Nationen der Erde, und die Israels im Besonderen, mit lebhaftem Verlangen die Wohltat eines Regens erwarteten. Elia verkündete Ahab also eine glückliche Nachricht; aber er flunkerte, als er sagte, man höre das Rauschen eines Platzregens, denn man hörte gar nichts, wie sich das aus den folgenden Versen ergibt. « Ahab stieg also auf den Gipfel des Berges, um zu essen und um zu trinken, und Elia erklomm ebenfalls den Gipfel des Karmel. Da warf sich Elia so tief nieder, dass er sein Antlitz zwischen seinen Knien hielt. » (v. 42) Vielleicht war der Prophet in seiner Jugend Clown gewesen. « Dann sprach Elia: Schau jetzt nach dem Meer hin. Der andere schaute und antwortete: Ich sehe nichts. Elia fuhr fort: Nun wohl! dreh dich bis zu siebenmal um, um das Meer anzuschauen, das dort drüben ist. Beim siebenten Mal sprach der andere: Ich erblicke in der Ferne eine kleine Wolke, die nicht größer ist als die Faust eines Mannes, und diese Wolke steigt aus dem Meer auf. Elia sprach zu Ahab: Jetzt spring hurtig auf einen Wagen und fahre den Berg in voller Geschwindigkeit hinab, damit der Sturzregen, der kommt, dich nicht überrasche. Dann verfinsterten sich die Himmel, so sehr türmte sich das Gewölk von allen Seiten auf; der Sturm begann, und es fing an, in außerordentlichen Mengen Wassers zu regnen. Ahab stieg auf einen Wagen, und Elia, nachdem er seine Lenden mit einem fest geschnürten Gürtel umgeben hatte, lief vor dem Wagen Ahabs her; er lief so bis nach Jesreel, wo der König abstieg. » (1 Könige 18:43-46) Das Schauspiel dieses Propheten, [637] der ohne Regenschirm mit der ganzen Geschwindigkeit seiner Beine vor dem königlichen Wagen herlief, kann des Malerischen nicht entbehrt haben. « Aber siehe, Ahab erzählte Isebel, wie Elia alle Priester Baals hatte ums Leben bringen lassen; und danach empfing Elia eine Botschaft von der Königin, die ihm dies erklärte: Mögen meine Götter mich mit der äußersten Strenge behandeln, wenn ich dich morgen, um eben diese Stunde, nicht in denselben Zustand versetzt habe, in den du die Priester versetzt hast! Als Elia diese Botschaft empfing, ward ihm das Herz erschüttert, und er floh in aller Hast bis nach Beer-Seba; und er drang sehr weit in die Wüste vor. Nach einem ganzen Tag des Laufens hielt er an, sehr ermüdet; er setzte sich unter einen Ginsterstrauch, und dort bat er Gott, ihm seine Seele wegzunehmen; er sprach: Ich habe genug davon, o mein Herr! nimm meine Seele, ich flehe dich an. » (1 Könige 19:1-4)
302. Isebel sendet Elia eine Botschaft voller Drohungen. Hier wundert man sich sehr über zwei Dinge: erstens, dass die Königin Isebel töricht genug gewesen ist, Elia durch eine Botschaft zu benachrichtigen, dass sie dekretiert hatte, ihn am folgenden Tag meucheln zu lassen, was ihm vierundzwanzig Stunden Zeit ließ, um Ausreißpulver zu nehmen; zweitens ist nichts sonderbarer als die plötzliche Hasenfüßigkeit dieses Burschen, der, obwohl er die Gewalt besaß, die Toten zu erwecken, und nach seinem Belieben über die Wolken und den Blitz verfügte, vor den Drohungen einer Frau so schön Bange bekam. « Nun legte sich Elia, nach seinem Gebet, nieder und schlief unter dem Ginsterstrauch ein. Da rüttelte ihn ein Engel und schrie ihm zu: Wache doch auf und iss! Elia stand auf und sah niemand; aber neben ihm war ein Kuchen, ganz heiß aus dem Ofen, und eine Flasche Wasser. Er aß davon und trank, und er legte sich wieder nieder. Aber der Engel rüttelte ihn wieder und schrie ihm zu: Iss den ganzen Kuchen, und trinke die ganze Flasche! Und Elia erwachte. Da sprach der Engel zu ihm: Du hast einen langen Weg zu gehen; du wirst ihn nicht vollbringen können, wenn du nicht wieder zu Kräften kommst. Er stand also auf und aß den Kuchen auf und trank die Flasche aus; und mit den Kräften, die ihm diese Mahlzeit gab, wanderte er, ohne anzuhalten, vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Horeb, den Berg Gottes. » (1 Könige 19:5-8)
303. Elia erhält in der Wüste Beistand von einem Engel. Während er dem heiligen Schriftsteller diese ergötzliche Geschichte diktierte, scheint der göttliche Tauber gänzlich vergessen zu haben, dass er uns, als er die Erzählung der Abenteuer des Mose diktierte, die Hebräer darstellte, wie sie achtunddreißig Jahre lang wanderten, um sich vom Berg [638] Horeb in die Umgebung von Beer-Seba zu begeben. Es scheint uns, als sähen wir eine gute Andächtige, die, von diesem Widerspruch frappiert, aber ohne einen Zweifel zu wagen, ihren Gewissensführer befragen würde. Glauben Sie etwa, dass der Beichtvater in Verlegenheit wäre? Oh! mitnichten! Ein Tonsurierter weiß immer, was er dem leichtgläubigen Schäflein antworten soll. « Vom Berg Horeb nach Beer-Seba, würde er mit Gravität verkünden, ist die Entfernung dreihundertsiebenundvierzigmal größer als von Beer-Seba zum Berg Horeb; darum [639] ist Mose achtunddreißig Jahre gewandert, und Elia vierzig Tage, nach dem göttlichen Wort, das sich weder täuschen noch uns täuschen kann. » Und das gläubige Schäflein, das nicht mehr verlangt, wird die Bibel umso mehr bewundern, je weniger verständlich es sie findet. Wie es sich mit der Länge des Weges auch verhalten mag, es ist zu bedauern, dass der Engel von Beer-Seba nicht irgendwo das Rezept des Kuchens niedergeschrieben hat, der zur Ernährung [640] eines Touristen vierzig Tage lang genügt; und wenn er es Elia nicht offenbart hat, so hätte er es wenigstens Tartarin offenbaren müssen, der ganz gewiss von diesem Fladen gegessen hätte, bevor er sich zu seinen wundersamen Ausflügen in Marsch setzte.
304. Der Prophet Elia macht sich auf den Weg zum Berg Horeb. Eine Reise, die auf so wunderbare Weise anfing, hielt für Elia offenbar noch viele andere Überraschungen bereit. « Am Berg Horeb angekommen, ging der Prophet Gottes in eine Höhle und verbrachte daselbst die Nacht. Die Stimme Jehovas weckte ihn, gegen Morgen, und sprach zu ihm: Elia, was machst du hier? » (v. 9) Elia hatte von dem Engel keine genaue Anweisung erhalten; er wusste, dass er sich zum Berg Horeb begeben sollte, aber das war alles. Zu welchem Zweck diese Reise? er wusste es absolut nicht. Die Frage des Papa Lieber Gott war also absonderlich. Dennoch antwortete Elia, indem er sich wegen seiner Flucht entschuldigte: « Herr, die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen, sie haben deine Altäre niedergerissen, sie haben deine Propheten getötet, und ich allein bin verblieben, und sie suchen mein Leben, um es mir zu nehmen! » (v. 10) Bemerken wir im Vorbeigehen, dass Elia dem Herrn Jehova eine Flunkerei erzählt: nicht vor den Kindern Israel hat er Angst, sondern vor Mme Isebel, von der er nicht redet. Die Kinder Israel haben soeben, um ihm gefällig zu sein, alle Priester Baals in den Wildbach Kison geworfen; er hat sie kaum zu scheuen! Die Apostasie, an die er erinnert, das ist doch alte Geschichte! Das Volk, Zeuge des auf dem Karmel vollbrachten Wunders, hat gerufen: Es lebe Adonai! Jehova kennt den Umschwung, der sich zu seinen Gunsten kundgegeben hat, ebenso gut wie Elia. Wirklich, Elia redet, ohne etwas zu sagen. Jehova kümmert sich nicht um diese Antwort. Er fährt fort: « Geh hinaus, sprach Jehova zu Elia, und stelle dich aufrecht auf den Berg; denn ich werde vorübergehen. Da erhob sich ein sehr ungestümer Wind, der die Bäume entwurzelte und die Felsen spaltete, und der Berg Horeb hob sich in heftigen Erschütterungen, also dass die Steine sich losrissen und aneinander zerbrachen; aber Jehova war nicht in diesem Erdbeben. » (v. 11) Stellen Sie sich Elia vor auf diesem Berg, der zu tanzen anfängt; man hätte teuer bezahlt, um das von weitem mit einem Fernrohr zu sehen.
305. Der Berg Horeb gerät beim Nahen Gottes ins Tanzen. Und es war noch nicht vorbei! « Nach dem Beben fing der Berg, auf dem Elia sich befand, von allen Seiten Feuer; aber Jehova war nicht in den Flammen. Nach dem Feuer kam das Pfeifen eines kleinen Windes (fr. „le sifflement d’un petit vent“: die Bibel Ostervalds hat „un son doux et subtil“, „ein sanfter und zarter Ton“; die Worte sind Voltaires, aus La Bible enfin expliquée, und Voltaire macht sich schon in einer Anmerkung über einen Gott lustig, der in einem kleinen Wind ist), sanft und zart. » (v. 12)
306. Fortsetzung der Gemütsbewegungen Elias: Der Berg fängt Feuer. [641] Lachen Sie nicht: Gott war in dem kleinen Wind. « Alsbald hüllte Elia sein Antlitz in seinen Mantel, und Jehova sprach zu ihm, mit donnernder Stimme: Elia, was machst du hier? » (v. 13) Der Prophet wiederholt seine Antwort von vorhin, Wort für Wort. « Aber der Ewige sprach zu ihm: Beginne den ganzen Weg, den du gemacht hast, von neuem, kehre um und geh hin nach Damaskus. Dort sollst du Hasael zum König über Syrien salben. Du sollst auch Jehu, den Enkel Nimsis, salben, dass er König sei über Israel; endlich wirst du den Rinderhirten Elisa, den Sohn Saphats, sehen, und du sollst ihn zum Propheten salben an deiner Statt. Und es wird sich begeben, dass, wer dem Schwert Hasaels entrinnt, von Jehu getötet wird, und dass, wer dem Schwert Jehus entrinnt, von Elisa ums Leben gebracht wird. » (v. 15-17) Man hat diese Stelle der Bibel nie erklären können, da nirgends gesagt ist, dass Elisa gesalbt wurde, noch dass er diejenigen abgeschlachtet habe, die dem Schwert Jehus entrannen. « Elia brach also vom Berg Horeb auf, und später traf er einen Mann, der mit zwölf Paar Ochsen pflügte. Es war Elisa. Da ging Elia nahe an ihm vorüber, ohne mit ihm zu reden, und warf ihm seinen Mantel auf die Schultern.
307. Elia nimmt Elisa als Diener zu sich. Elisa ließ alsbald seine Ochsen, lief Elia nach und erbot sich, ihm zu folgen, sobald er von seinem Vater und von seiner Mutter Abschied genommen hätte. » (v. 19-20) So wurde Elisa der Diener Elias, ohne im Geringsten gesalbt worden zu sein.
308. Fortsetzung der Irrfahrten des Propheten Elia. Das Kapitel 20 des ersten Buches der Könige berichtet von einem Krieg, den der König von Syrien, Benhadad — noch ein Unbekannter —, dem König von Israel unter einem ungewöhnlichen Vorwand erklärte. Dieser Benhadad schickte eines schönen Morgens einen Boten zu Ahab, um ihm zu sagen: Ich will der Ehemann deiner Frauen und der Vater deiner Kinder sein; gib mir also sofort deine Frauen, deine Kinder, und gib mir zugleich viel Silber und viel Gold (1 Könige 20:5). Ahab versammelte die Ältesten Israels und sagte zu ihnen: Ich glaube, dass dieser Fürst mich zum Narren hält. Die Ältesten antworteten ihm: Herr, höre nicht auf Benhadad, und willige nicht in sein Verlangen ein. Benhadad, der sein Gesuch zurückgewiesen sah, geriet in großen Zorn und schwor, dass die ganze Erde der Hauptstadt Israels nicht in seiner Hand Platz haben würde. Kriegserklärung; schreckliche Schlacht; Triumph Ahabs, mit einem Mal von Jehova beschützt, man weiß nicht, warum.
309. Ahab besiegt das Heer Benhadads, des Königs von Syrien. Benhadad sucht Zuflucht in der Stadt Aphek und versteckt sich « ganz hinten im abgelegensten Kabinett (fr. „cabinet“: die Bibel Ostervalds hat „se cacha dans le cabinet d’une chambre“, „verbarg sich im Kabinett einer Kammer“; Taxil behält Ostervalds Wort, und der Stich 310 zeigt, welches Kabinett gemeint ist: der Abort, französisch „cabinet d’aisances“) [642] eines Hauses ». Dennoch fällt er schließlich in die Hände Ahabs, der, wohl in der Meinung, er habe es mit einem Narren zu tun, ihn verschont. Gott reut es, Ahab den Sieg gegeben zu haben. Interessanter ist die Sache nicht!
310. Benhadad rettet sein Leben, indem er sich in einem Kabinett versteckt. Hierher gehört die wohlbekannte Geschichte von Naboth, dem Eigentümer eines Weinbergs zu Jesreel, welcher Weinberg dem Palast Ahabs benachbart war. Der König macht dem Biedermann Naboth Vorschläge, die jeden beliebigen unserer Zeitgenossen verführt hätten. [643] Diesen Weinberg, den möchte Ahab kaufen, um ihn in einen Garten zu verwandeln; er bietet Naboth an, ihm dafür zu zahlen, was dieser wünscht, ohne zu feilschen, oder, wenn Naboth es vorzieht, ihm einen anderen Weinberg von weit höherem Wert zu geben.
311. Ahab schlägt Naboth vor, ihm seinen Weinberg abzukaufen. Naboth weist die Anerbieten des Königs zurück. Er hat diesen Weinberg von seinem Vater, und er gedenkt ihn zu behalten, und wenn der Teufel darin wäre! Angesichts dieses Bauernstarrsinns ist Ahab über seinen Misserfolg so gekränkt, dass er darüber das Trinken und das Essen verliert (fr. „il en perd le boire et le manger“, eine Redewendung: er ist so bekümmert, dass er Essen und Trinken vergisst). Da ließ Isebel [644] Naboth durch Schelme steinigen, denen sie die Pfote geschmiert hatte (fr. „graisser la patte“, eine umgangssprachliche Redewendung: jemanden bestechen), sie riet danach Ahab, den begehrten Weinberg in Besitz zu nehmen. Diese Ereignisse veranlassten das Eingreifen Elias, des Dolmetschs Jehovas. Ahab, der die gegen ihn ausgestoßenen Drohungen gehört hatte, zerriss seine Kleider und ging eine Zeit lang in seiner Hauptstadt nicht mehr spazieren, ohne mit einem Sack bekleidet zu sein. (1 Könige 21)
312. Naboth, der sich geweigert hat, wird auf Befehl Isebels entleibt. Die Umstände, die dem Tod Ahabs vorausgingen, verdienen es, nach dem heiligen Text in voller Länge berichtet zu werden: und übrigens langweilt man sich nicht beim Lesen des Kapitels 22 des ersten Buches der Könige, das darlegt, was sich in dieser Sache nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel zugetragen hat. Wir haben da einen gewissen Micha, Prophet von Beruf, der dem großen Rat beiwohnt, den Jehova im ewigen Reich abhält, und der in seiner Eigenschaft als Augenzeuge darüber Bericht erstattet; genauer kann man nicht sein, Sie werden sehen! « Drei Jahre vergingen, ohne dass Krieg war zwischen Syrien und Israel. Danach kam Josaphat, der König von Juda, dem König von Israel einen Besuch abzustatten. » (1 Könige 22:1-2) Es ist gut zu wissen, dass Josaphat, der Sohn des tugendhaften Asa, selbst von einer vorbildlichen Frömmigkeit gegen Jehova war; in der Periode des Königreichs Juda werden er und der König Hiskia, von dem weiter unten die Rede sein wird, von den Pfarrern als die beiden Mustermonarchen angeführt. Nichtsdestoweniger unterhielt der fromme Josaphat mit dem gottlosen Ahab die besten freundschaftlichen Beziehungen; der Götzendienst Ahabs und Isebels schreckte ihn so wenig ab, dass er von ihnen die Hand ihrer Tochter Athalja für seinen Sohn Joram erbeten und erhalten hatte. Vermerken wir im Vorbeigehen, dass die Königin Isebel sehr kinderreich war, und aus den Worten Jehovas an Abraham und an Jakob wissen wir, dass eine zahlreiche Familie eine der besten göttlichen Segnungen ist; Ahab und Isebel, obgleich Götzendiener, wurden also von Jehova gesegnet, da sie (man wird es weiter unten sehen) zweiundsiebzig Söhne hatten, ohne die Töchter mitzurechnen, deren älteste Athalja war. Da haben wir also den frommen Josaphat zu Besuch bei seinem Mit-Schwiegervater (fr. „co-beau-père“, abgeleitet von „beau-père“, Schwiegervater: Joram, der Sohn Josaphats, hatte Athalja, die Tochter Ahabs, geheiratet) Ahab. « Der König von Israel sprach zu seinen Amtleuten: Eben erinnere ich mich, dass die Stadt Ramoth in Gilead uns gehört; warum schicken wir uns nicht an, sie aus den Händen des Königs von Syrien herauszuholen? » (v. 3) Ahab hatte nämlich drei Jahre [645] zuvor, bei dem Krieg, den er mit Benhadad, dem König von Syrien, geführt hatte, seine Feinde ausgerottet, und nach dieser Ausrottung hatte er nicht daran gedacht, die Hand wieder auf Ramoth in Gilead zu legen, eine israelitische Stadt! Nachlässiger kann man nicht sein. « Und Ahab wandte sich auch zu Josaphat und sprach zu ihm: Wirst du nicht mit mir in den Krieg kommen, um mir zu helfen, Ramoth in Gilead wiederzunehmen? Josaphat antwortete dem König von Israel: Verfüge über mich wie über dich, und über mein Volk wie über dein Volk, und über meine Rosse wie über deine Rosse. » (v. 4) He! war er nicht recht nett zu dem gottlosen Ahab, unser frommer König von Juda?... Jedoch riet Josaphat in seiner Eigenschaft als Andächtiger, sich bei Jehova zu erkundigen, um zu erfahren, ob er diese Expedition mit wohlwollendem Auge betrachten würde. « Josaphat fügte hinzu: Dennoch, ich bitte dich, frage nach dem Wort Jehovas. Da ließ der König von Israel etwa vierhundert Propheten rufen, und stellte ihnen diese Frage: Soll ich in den Krieg ziehen gegen Ramoth in Gilead, oder soll ich darauf verzichten, diese Stadt wiederzunehmen? Die Propheten antworteten: Zieh hin; denn Jehova wird die Stadt in deine Hände überantworten. » (v. 5-6) Wie man sieht, fehlte es bei den Juden nicht an Propheten; achthundertfünfzig Propheten Baals und der Haine waren am Wildbach Kison entleibt worden; nach Ablauf von drei Jahren traten vierhundert Propheten Jehovas an ihre Stelle. Josaphat fand, dass das nicht genug sei; er hätte gewünscht, dass nicht ein einziger Prophet bei der Konsultation fehlte. Darum « fragte Josaphat: Gäbe es nicht noch irgendeinen anderen Propheten Jehovas, den man befragen könnte? Ahab antwortete: Ja, es bleibt noch einer übrig; aber ich hasse diesen Mann da, weil er niemals etwas Gutes weissagt, wenn von mir die Rede ist. Es ist Micha, der Sohn Jemlas. Josaphat sprach zu dem König von Israel: Ich bitte dich, rede nicht also; man muss alle Propheten Jehovas achten. Da rief Ahab einen seiner Amtleute und sprach zu ihm: Lass Micha in aller Hast kommen. » (v. 7-9) « Nun saßen der König von Israel und Josaphat, der König von Juda, ein jeglicher auf seinem Thron, bekleidet mit ihren schönsten Kleidern, auf dem großen Platz, der nahe bei dem Tor Samarias war; und alle Propheten weissagten in ihrer Gegenwart. Da setzte sich der Prophet Zedekia, der Sohn Knaenas, eiserne Hörner [646] auf den Kopf und sprach: Diese Hörner werden Syrien schlagen, bis es vernichtet ist; das ist das Wort Jehovas selbst. Und alle Propheten weissagten desgleichen und sprachen zu den beiden Königen: Zieht hinauf gegen Ramoth in Gilead, und ihr werdet siegreich sein; denn Jehova wird euch die Stadt überantworten. » (v. 10-12) Man weist darauf hin, dass der Prophet Zedekia den beiden Königen angenehme Dinge hätte vorhersagen können, ohne sich zwei eiserne Hörner auf den Kopf zu setzen. Das wäre ein schönes Schauspiel gewesen, wenn alle anderen [647] Propheten und alle Offiziere des Heeres sich Hörner aufgesetzt hätten, um ihre Meinung abzugeben! Der Bote, der zu Micha gesandt worden war, fand diesen Propheten bereit zu kommen, und dieser versprach, genau das Wort Jehovas zu sagen. Vor den beiden Königen angekommen, sagte er zunächst wie die anderen: Zieht hinauf gegen Ramoth in Gilead, und ihr werdet Sieger sein, die Stadt wird euch von Jehova überantwortet werden (v. 13-14). Diese angenehme Weissagung erstaunte Ahab sehr, [648] da sie von Micha kam; daher drang er weiter in ihn. « Der König von Israel sprach zu ihm: Rede mit mir in Wahrheit, ich beschwöre dich; wie oft muss ich dich noch darum bitten? Wohlan, sage mir das Wort Jehovas. Und diesmal antwortete ihm Micha: Nun wohl, ich habe Israel ganz zerstreut über die Berge hin gesehen, wie eine Herde Schafe, die ihren Schäfer verloren hat, und Jehova, der da war, sprach: Jetzt, da sie ihren Gebieter nicht mehr haben, sollen sie in Frieden heimkehren, ein jeglicher in sein Haus. Da sprach der König von Israel zu Josaphat: Hatte ich dich nicht gewarnt, dass der da nie etwas Gutes vorhersagt, wenn es sich um mich handelt? » (v. 16-18) Blieb noch zu klären, warum die anderen Propheten günstige Weissagungen gemacht hatten; denn hatten die vierhundert recht gegen Micha, oder Micha gegen die vierhundert? Micha ergriff also wieder das Wort, und hier ist seine Erzählung vor allem bewundernswert. « Höre, sprach er zu Ahab, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, und du wirst wissen, warum du von den anderen Propheten getäuscht worden bist. Jehova hat mir gestattet, ihn zu sehen, als er auf seinem Thron saß, und ich habe dem Rat beigewohnt, den er hielt, wobei er das ganze Heer der Himmel vor sich hatte, sowie zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Und Jehova sprach: Wer will es übernehmen, Ahab zu überreden, gegen Ramoth in Gilead in den Kampf zu ziehen? wer wird ihn glauben machen, dass er siegreich sein wird? denn, wenn man ihn so täuscht, wird sein Tod gewiss sein. Ein Engel sagte es auf eine Weise, und ein anderer Engel sagte es auf eine andere Weise. Da trat ein Engel bis vor den Thron Jehovas und sprach, aufrecht stehend, zu Gott: Ich übernehme es, den König von Israel zu verführen. Jehova sprach zu ihm: Wie wirst du es denn anstellen? Der Engel antwortete dem Höchsten: Ich werde von hier ausgehen und auf die Erde hinabsteigen; dort werde ich in alle Propheten fahren, und ich werde Lügen sagen durch ihren Mund; so wird Ahab den Propheten glauben. Und Jehova sprach: Dieses Projekt ist geschickt ausgedacht, um Ahab zu täuschen; geh, und es wird dir ganz und gar gelingen. Nach dieser Erzählung fügte Micha hinzu: O König, erfahre hieraus, dass Jehova einen Lügengeist in den Mund aller anderen Propheten gelegt hat; aber dies beweist dir auch, dass Jehova einen Urteilsspruch des Unheils gegen dich verkündet hat. » (1 Könige 22:19-23) Nun, wie finden Sie die Anekdote? Ist er nicht recht [649] gut gelungen, dieser Jehova, der mit seinen Engeln manövriert, um die Menschen zu täuschen? Lord Bolingbroke sagt in seinem Kommentar zu dieser Stelle der Bibel, dass es eine schlechte Nachahmung einer Episode der Ilias (Buch 2) sei, in der Jupiter, auf der Suche nach Auskunftsmitteln, um den Ruhm des Achilles auf Kosten Agamemnons zu heben, diesen durch einen Lügentraum täuschen lässt. « Es kann sein, schreibt der englische Philosoph, dass der Priester, der die hebräischen Träumereien kompilierte, diese Träumerei Homers nachgeahmt hat, da die jüdischen Bücher sehr spät geschrieben worden sind. Denn in der ganzen Bibel ist der Gott der Juden dem Gott der Griechen sehr unterlegen: er wird fast immer geschlagen, er denkt an nichts als daran, Gaben zu erlangen, und sein Volk stirbt immer vor Hunger. Er mag noch so beständig gegenwärtig sein und selbst reden, man tut nichts von dem, was er will. Wenn man ihm einen Tempel baut, so kommt ein Sisak, König von Ägypten, der ihn plündert und der alles davonträgt. Wenn er Salomo im Traum die Weisheit gibt, so verspottet ihn dieser Salomo und verlässt ihn für andere Götter. Wenn er seinem Volk das Gelobte Land gibt, so ist dieses Volk dort Sklave vom Tod Josuas bis zur Regierung Sauls. Es gibt weder einen Gott noch ein Volk, die unglücklicher wären. Die Kompilatoren der hebräischen Fabeln mögen noch so sehr sagen, dass die Hebräer nur deshalb immer elend gewesen sind, weil sie immer treulos waren, unsere anglikanischen Priester könnten dasselbe von unseren Iren und von unseren Bergbewohnern Schottlands sagen, die doch überaus andächtig sind, obgleich elend. Nichts ist leichter, als zu sagen: Wenn du geschlagen worden bist, wenn du im Unglück bist, so kommt das daher, dass du nicht religiös genug gewesen bist; wenn du der Kirche mehr Geld gäbest, wärest du Sieger, würdest du gedeihen. Dieser schändliche Aberglaube ist alt; er hat die Runde um die Erde gemacht; er ist die Losung der Priester aller Religionen gewesen und hat ihnen dazu gedient, sich bei allen Völkern auf Kosten der menschlichen Dummheit zu bereichern. » Aber die Propheten, die Micha Lügen gestraft hatte, muckten auf; Zedekia, der Mann mit den eisernen Hörnern, ohrfeigte Micha (1 Könige 22:24), und dieser wurde überdies ins Gefängnis gesetzt (22:27). Worauf Ahab in den Krieg zog, um den Syrern Ramoth in Gilead wieder abzunehmen, und der König von Juda sich ihm anschloss (1 Könige 22:29); woraus wir ersehen können, dass der fromme Josaphat den vierhundert Propheten eher glaubte als dem außerordentlichen Micha. [650] Indessen möchte es nach der biblischen Erzählung scheinen, dass der König von Israel nicht sehr beruhigt war. « Ahab, der den Krieg erklärt hatte, sprach zu Josaphat: Ich werde mich verkleiden, um in den Kampf zu gehen; du aber, versäume nicht, deine königlichen Kleider anzulegen. Und es ward also getan. » (v. 30) Der Zweck Ahabs war leicht zu verstehen, und man fragt sich, welche Dosis Naivität der ausgezeichnete Josaphat hatte, nachdem sein Mit-Schwiegervater so gesprochen hatte. « Nun hatte der König der Syrer die Weisungen, die [651] hier folgen, den zweiunddreißig Hauptleuten seiner Wagen erteilt: Ihr sollt gegen niemanden kämpfen, wer es auch sei, weder Klein noch Groß, außer gegen den König von Israel allein. Es begab sich also, dass, sobald diese Hauptleute Josaphat gesehen hatten, sie alsbald gegen ihn anliefen, da sie ihn für Ahab hielten; aber er rief aus: Ich bin nicht der König von Israel! Da wandten sich die Hauptleute von ihm ab. Und siehe, ein Pfeil, vom Bogen irgendeines der Syrer abgeschnellt, erreichte Ahab mit Wucht und traf ihn zwischen den Fugen seines Panzers. » (v. 31-34) So kam der Gatte Isebels um; « er [652] starb gegen Abend, und das Blut seiner Wunde floss sehr reichlich. » (v. 35) Der heilige Verfasser belehrt uns, dass er « ein Haus ganz aus Elfenbein » (v. 39) errichtet hatte, aber ohne uns weitere Einzelheiten zu geben.
313. Tod des gottlosen Ahab. Auf Ahab folgte sein ältester Sohn Ahasja, dessen kurze Geschichte im Kapitel 1 des zweiten Buches der Könige geschildert wird. Dieses beginnt mit einem Unfall: « eines Tages fiel er durch das Fenster seines Obergemachs, zu Samaria, und ward davon überaus krank. » (v. 2) Da jede Erklärung fehlt, sind wir auf die Vermutung angewiesen, dass dieser Monarch zur Trunksucht geneigt haben muss und dass er, man weiß nicht warum, das oberste Stockwerk seines Palastes bewohnte; vermutlich war er am Abend des Unfalls voller als sonst, und wenn er durch sein Fenster ging, so hatte er es wahrscheinlich geöffnet, weil er es für einen Wandschrank hielt.
314. Leidiger Unfall, der Ahasja zustieß. Der Gott der Saufbolde (fr. „Le dieu des pochards“, nach der Redensart „il y a un dieu pour les ivrognes“, „es gibt einen Gott für die Trunkenbolde“: wer betrunken fällt, tut sich nichts) hatte verhindert, dass Ahasja auf dem Fleck zu Tode kam; dennoch war der König in Sorge, ob er von seiner Krankheit genesen würde. An Baal-Sebub (aus dem man Beelzebub gemacht hat), eine zu Ekron angebetete Gottheit, wandte er sich bei dieser Gelegenheit; das skandalisierte Elia im höchsten Grade. « Ein Engel redete zu dem Propheten und trug ihm auf, den Amtleuten des Königs zu sagen: Ist denn kein Gott in Israel? warum hingehen und den Gott zu Ekron konsultieren? Elia wiederholte diese Worte und fügte hinzu: Saget dem König, dass er nicht von seinem Bette herabsteigen wird, sondern dass er sterben wird, weil er an Baal-Sebub appelliert hat. » (2 Könige 1:3-4)
315. Ahasja geht, Baal-Sebub zu konsultieren. Die Amtleute wiederholten Ahasja die Reden Elias, ohne ihn über die Identität dieses Unglückspropheten genau unterrichten zu können. « Ahasja sprach also zu ihnen: Wie war dieser Mann gestaltet, der euch entgegengekommen ist und der solche Worte zu euch gesprochen hat? Und sie antworteten ihm: Es ist ein sehr haariger Mann, mit einem ledernen Gürtel um die Lenden. Da rief der König aus: Es ist Elia! Und alsbald sandte er einen Hauptmann und fünfzig Soldaten zu ihm; und da der Prophet sich auf dem Gipfel eines Berges niedergelassen hatte, sprach der Hauptmann der fünfzig Mann zu ihm: Mann Gottes, steig herab von deinem Berge; wir kommen, dich im Auftrag des Königs zu holen, der dich sehen will. Elia antwortete dem Hauptmann: Bin ich ein Mann Gottes, so zehre das Feuer des Himmels dich auf, dich und deine fünfzig Soldaten! Alsbald krachte ein Donnerschlag, und der Blitz verschlang den Hauptmann und seine fünfzig Mann. » (v. 7-10)
316. Elia trifft die Soldaten Ahasjas mit dem Blitz. Einen [653] zweiten Hauptmann, gleichfalls von fünfzig Soldaten eskortiert, sandte Ahasja zu Elia; genaue Wiederholung der vorigen Szene (2 Könige 1:11-12). Dritte Entsendung eines Hauptmanns. « Dieser dritte Hauptmann von fünfzig Mann kam also zu Elia und kniete vor ihm nieder und flehte ihn so an: Mann Gottes, das Feuer des Himmels ist auf deine Stimme hin herabgefahren und hat die zwei ersten Hauptleute und ihre fünfzig Soldaten verzehrt; aber nun sei dir mein Leben kostbar, ich bitte dich! Da sprach ein Engel Jehovas zu Elia: Steig hinab mit diesem Hauptmann und habe keine Angst. Elia ging also zu dem König, und er sprach zu ihm: Weil du Baal-Sebub, den Gott zu Ekron, hast konsultieren wollen, als ob kein Gott in Israel wäre, um sein Wort zu konsultieren, so sollst du nicht von deinem Bette herabsteigen, und du sollst gewisslich sterben. Also starb Ahasja, und da er keinen Sohn hatte, folgte ihm sein Bruder Joram nach; und Joram bestieg den Thron Israels im zweiten Jahr der Regierung Jorams, des Königs von Juda, des Sohnes Josaphats. » (2 Könige 1:13-17) Lord Bolingbroke kommentiert diese Episode so: « Dieser Elia, der zweimal den Blitz auf zwei Hauptleute herabfahren lässt, und auf zwei Kompanien Soldaten, die im Auftrag seines Königs gesandt waren, kann nur eine chimärische Gestalt sein; denn wenn er so mit Blitzschlägen kämpfen konnte, so hätte er unfehlbar die ganze Erde erobert, nur indem er mit seinem Bedienten spazieren ging. Das sagte man alle Tage den Zauberern: Wenn ihr sicher seid, dass der Teufel, mit dem ihr einen Pakt geschlossen habt, alles tun wird, was ihr ihm befehlt, warum befehlt ihr ihm nicht, euch alle Reiche der Welt zu geben, alles Geld und alle Frauen? Man konnte ebenso zu Elia sagen: Du hast soeben zwei Hauptleute und zwei Kompanien Soldaten mit Donnerschlägen getötet, und du fliehst wie ein Feigling und wie ein Dummkopf, sobald die Königin Isebel dir droht, dich aufhängen zu lassen! Konntest du nicht Isebel mit dem Blitz treffen, wie du diese zwei armen Hauptleute mit dem Blitz getroffen hast? Welcher ungereimte Widerspruch macht aus dir bald einen Gott und bald einen Grobian? Welcher vernünftige Mensch kann diese hassenswerten Märchen ertragen, die einen vor Mitleid lachen und vor Abscheu schaudern lassen? » Man sieht überdies den Beweggrund dieser doppelten blitzartigen Ausrottung nicht ein. Nirgends im heiligen Text heißt es, dass Ahasja Elia ins Gefängnis werfen lassen wollte; als [654] dieser sich entschließt, zu dem König zu kommen, der nach ihm verlangt, wiederholt er ihm seine unheilverkündende Weissagung und geht ganz ruhig davon. Außerdem, wenn Ahasja wirklich die Absicht hatte, ihm das Schicksal Michas zu bereiten, so war es nicht nötig, durch das Feuer des Himmels hundertundzwei vollkommen unschuldige Kriegsleute zu meucheln, die nur ihrer Order gehorchten; es hätte genügt, sie durch eine plötzliche und vorübergehende Lähmung wehrlos zu machen, die ebenso wunderbar gewesen wäre wie die Blitzschläge. [655] Zudem enthält das göttliche Buch, was Ahasja, Josaphat und die beiden Joram betrifft, einen handgreiflichen Widerspruch, den hervorzuheben sich lohnt; er ist flagrant. Es heißt im ersten Buch der Könige, Kapitel 22: « Josaphat, der Sohn Asas, hatte angefangen, über Juda zu regieren, im vierten Jahr der Regierung Ahabs, des Königs von Israel. Und Josaphat war fünfunddreißig Jahre alt, als er zu regieren anfing, und er regierte fünfundzwanzig Jahre zu Jerusalem. » (v. 41-42) Und weiter hinten, [656] im selben Kapitel: « Als Josaphat mit seinen Vätern entschlief und mit ihnen begraben ward, regierte sein Sohn Joram an seiner Statt. » (v. 51) Dieser Joram, König von Juda, ist kein anderer als der Gatte Athaljas, der Tochter Ahabs. « Und Ahasja, der Sohn Ahabs, fing an, zu Samaria über Israel zu regieren, im siebzehnten Jahr der Regierung Josaphats, des Königs von Juda; und er regierte zwei Jahre über Israel. » (v. 52). Man könnte nicht klarer, nicht genauer sein. Da die Bibel uns danach sagt, dass Ahasja keinen Sohn hatte und dass ihm sein Bruder Joram nachfolgte, ist es folglich mathematisch offensichtlich, dass dieser Joram, König von Israel, im neunzehnten Jahr der Regierung Josaphats den Thron bestieg, das heißt, als Josaphat noch sechs Jahre zu leben hatte, oder auch sechs Jahre vor dem Regierungsantritt des Joram, Königs von Juda, Sohnes Josaphats und Gatten Athaljas. Es ist also unmöglich, das Kapitel 22 des ersten Buches der Könige mit dem Kapitel 1 des zweiten Buches in Einklang zu bringen, da uns hier der Vers 17 soeben gesagt hat: « Joram (Bruder und Nachfolger Ahasjas) bestieg den Thron Israels, im zweiten Jahr der Regierung Jorams, des Königs von Juda, des Sohnes Josaphats. » Da Joram von Juda seinem Vater Josaphat acht Jahre nach dem Tode Ahabs nachgefolgt ist (nach den Versen 42, 51 und 52 des Kap. 22), wie hätte er schon zwei Regierungsjahre haben können, als sein Schwager Joram von Israel dem Ahasja nachfolgte, der gleichfalls sein Schwager war? Da haben wir schon einen staunenerregenden Widerspruch. Aber warten Sie!... Ein wenig weiter hinten beginnt das Kapitel 3 ebendieses zweiten Buches der Könige so: « Im achtzehnten Jahr der Regierung Josaphats, des Königs von Juda, fing Joram, der zweite Sohn Ahabs, an, zu Samaria über Israel zu regieren, und er regierte zwölf Jahre. » (v. 1) Diesmal muss man die Leiter wegziehen! Der Widerspruch ist dreifach. Dieser neue Vers verkürzt die Regierung Ahasjas auf ein Jahr, die der Vers 52 des Kapitels 22 (erstes Buch) auf zwei Jahre festsetzte; und der erste Widerspruch (2 Könige 1:17) hatte dagegen diese Regierung des Monarchen, der durch seinen unerklärten Sturz aus einem hohen Fenster berühmt ist, um acht Jahre verlängert! Man werfe uns nicht vor, dass wir uns damit aufhalten, diese so groben Ungeschicklichkeiten des heiligen Schriftstellers hervorzuheben. Sie [657] zeigen den Is’-mir-egalismus (fr. „j’m’en-fichisme“, ein umgangssprachliches Wort: die völlige Gleichgültigkeit; gebildet aus „je m’en fiche“, das heißt „das ist mir egal“, mit der Endung der Lehren, als wäre es ein System, sich um nichts zu kümmern) der Priester, die diese stupide, grässliche und obszöne Bibel fabriziert haben und die sich nicht einmal die Mühe nahmen, ihr eigenes Werk noch einmal durchzulesen! Indessen lag ein großes Wunder in der Luft. « Zu der Zeit schickte sich Jehova an, Elia in einem Wirbelwind zu entführen; da kamen Elia und Elisa von Gilgal. Und Elia sprach zu Elisa: Bleib hier, ich bitte dich; denn Gott sendet mich bis nach Bethel. Elisa aber antwortete: So wahr Gott lebt und deine Seele nicht tot ist, ich werde dich nicht verlassen. So gingen sie hinab nach Bethel. Es waren daselbst Prophetensöhne; die kamen zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du nicht, dass Jehova heute deinen Gebieter entführen wird? Er antwortete: Ich weiß es so gut wie ihr; aber saget niemandem etwas davon. Da sprach Elia zu ihm: Elisa, ich bitte dich, geh nicht weiter; denn ich muss fort nach Jericho, wohin Gott mich sendet. Elisa antwortete wieder: So wahr Gott lebt, etc. Sie begaben sich also nach Jericho. Auch da waren Prophetensöhne; die kamen zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du nicht, dass heute (wie, oben; und dieselbe Antwort Elisas). Da sprach Elia zu ihm: Gewähret mir das, hier zu bleiben; denn Gott sendet mich bis an den Jordan. Elisa antwortete: So wahr Gott lebt und deine Seele nicht tot ist, nein, ich werde dich nicht verlassen. So gingen sie beide miteinander weiter. Und fünfzig Männer von den Söhnen der Propheten kamen, und sie stellten sich ihnen gegenüber, von ferne; und sie ihrerseits blieben am Jordan stehen. » (2 Könige 2:1-7) « Da nahm Elia seinen Mantel und schlug damit die Wasser des Stromes; sie teilten sich, und sie gingen trockenen Fußes hinüber.
317. Elia trennt die Wasser des Jordans mit Mantelschlägen. Als sie hinübergegangen waren, sprach Elia zu Elisa: Verlange von mir, was du willst, ehe ich von dir entführt werde. Elisa antwortete ihm: Nun wohl! mache, dass ich von deinem Geiste so viel habe, wie zwei Personen davon besitzen könnten. Elia fuhr fort: Du hast soeben etwas sehr Schwieriges verlangt; nun also, wenn du mich siehst, wenn ich in der Luft sein werde, so heißt das, dass deine Bitte erfüllt worden ist; aber wenn du mich nicht siehst, so heißt das, dass deine Bitte nicht erhört worden ist.
318. Elias Abschied von seinem treuen Elisa. Und als sie ihren Weg fortsetzten und dabei plauderten, siehe, da erschien ein Wagen aus Feuer, mit Rossen gleichfalls aus Feuer. Da wurden sie [658] voneinander getrennt. Und Elia stieg in einem Wirbelwind zum Himmel auf. » (2 Könige 2:8-11) « Und Elisa, der ihm beim Aufsteigen zusah, schrie: Mein Vater! mein Vater! Wagen Israels und seine Reiterei! Dann sah er ihn nicht mehr; da nahm er seine Kleider und zerriss sie von oben bis unten in zwei Stücke. Worauf er sich mit dem Mantel Elias bedeckte, der vom Himmel auf ihn gefallen war, und er zum Jordan zurückkehrte.
319. Der in den Himmel entführte Elia wirft Elisa seinen Mantel zu. Am Rande des Stromes angekommen, blieb er stehen, legte [659] den Mantel Elias ab und fing an, die Wasser damit zu schlagen; aber sie zerteilten sich nicht. Da sprach Elisa: Nun, wo ist denn der Gott Elias, der Ewige selbst? Und nachdem er die Wasser ein zweites Mal geschlagen hatte, zerteilten sie sich zur Rechten und zur Linken, und Elisa ging trockenen Fußes hinüber. » (2 Könige 2:12-14) Einige Fragen stellen sich ganz natürlich: — Da Jehova beschlossen hatte, Elia ganz lebendig in Fleisch und Bein in den Himmel zu nehmen, wie er es einst mit Henoch tat, warum [660] ihm zuerst diese völlig ereignislose Promenade auferlegen, von Gilgal nach Bethel, von Bethel nach Jericho und von Jericho an den Jordan? warum ihn außerdem über den Jordan gehen lassen? konnte der Wagen aus Feuer, in den Elia stieg, ihn nicht ebenso gut am rechten wie am linken Ufer des Stromes entführen? — Was ist das für eine Dosis vom Geiste Elias (fr. „dose d’esprit d’Élie“: „esprit“ ist wie „Geist“ zugleich der Geist und der Verstand, und Taxil dosiert ihn wie eine Arznei; auf dem Stich 320 legt Elisa den Finger an die Stirn), die Elisa verlangt? und hat Elisa schließlich bekommen, was er verlangte? denn der Text sagt zwar, dass Elisa zuerst Elia im Augenblick seines Aufbruchs in die Lüfte ansah, aber er fügt alsbald nach seinen absonderlichen Schreien hinzu, dass er ihn nicht mehr sah; man ist also nicht im Klaren. — Da die Theologen uns den Zustand der reinen Geister, die ihnen zufolge das himmlische Reich bevölkern, als den vollkommenen darstellen, da nichts bewundernswerter ist als eine Seele, die im Paradies lebt, von aller Materie losgelöst, widerspricht der doppelte Fall Henochs und Elias dieser These nicht eindeutig? und übrigens, wozu kann der materielle Leib diesem Patriarchen und diesem Propheten dort oben dienen, im Bereich des übernatürlichen und immateriellen Unendlichen? inwiefern ist die Herrlichkeit Henochs und Elias dadurch größer als die der anderen Erwählten, da die Bewohner der anderen Welt sich nicht besser dabei befänden, ob sie nun eine Form, einen menschlichen Leib haben oder nicht? Wenn also jetzt Elia und Mose im Himmel miteinander plaudern, ist das dann ein Gespräch zwischen einer Seele ohne Leib, die sich allein durch den Gedanken ausdrückt, und einem beseelten Leib, der mit seinem Munde spricht, Laute von sich gibt, während sein Gegenüber, reiner Geist, keine von sich gibt? Schließlich haben dieser Wagen aus Licht, diese Pferde aus Feuer, dieser Wirbelwind in den Lüften, dieser Name Elias selbst (helios, Sonne) Lord Bolingbroke und Boulanger auf den Gedanken gebracht, dass das Abenteuer Elias nur dem des Phaethon nachgeahmt ist, der sich in den Wagen der Sonne setzte. Nun war die Fabel von Phaethon ursprünglich ägyptisch, und sie ist wenigstens eine moralische Fabel, die die Gefahren des Ehrgeizes zeigt. Aber was bedeutet der Wagen Elias? Die jüdischen Schriftsteller, sagt Lord Bolingbroke, sind nie etwas anderes als grobe und ungeschickte Plagiatoren. Da haben wir also Elisa als Erben des Mantels Elias und zumindest eines Teils seines Geistes, wenn er schon nicht die verlangte doppelte Dosis hat. Die Söhne der Propheten werfen sich vor ihm nieder (2 Könige 2:15); zu Jericho macht er die Wasser der [661] Stadt für immer gesund, indem er eine Handvoll Salz hineinwirft (v. 19-22).
320. Elisa wird seinerseits Prophet. Elisa sollte sich noch mehr hervortun. « Von da begab er sich nach Bethel, und als er den Weg erklomm, der steil anstieg, verspotteten ihn kleine Knaben und riefen ihm zu: Steig hinauf, Kahlkopf! steig hinauf, Kahlkopf!
321. Die Gassenjungen von Bethel verspotten Elisa. Elisa wandte sich um und verfluchte sie im Namen Jehovas. Da kamen zwei Bären aus einem Walde heraus und verschlangen zweiundvierzig von diesen kleinen Knaben. » (v. 23-24)
322. Die rächenden Bären des Propheten. « Wenn diese Geschichte wahr wäre, sagt Lord Bolingbroke weiter, so gliche Elisa einem Bedienten, der eben sein Glück gemacht hat und der jeden bestrafen lässt, der ihm vor der Nase lacht. Was! verabscheuungswürdiger Priesterbedienter, du würdest zweiundvierzig unschuldige Kinder von Bären verschlingen lassen, weil sie dich Kahlkopf genannt haben! Glücklicherweise gibt es keinerlei Wald in der Umgebung von Bethel, und es gibt keine Bären in Palästina; dieses Land ist zu heiß. Die Absurdität dieses Märchens lässt seine Grässlichkeit verschwinden. » Man kann hinzufügen, dass diese zwei ausgehungerten Bären, die ja einundzwanzig Gassenjungen in ein paar Bissen verschlangen, wohl, wenn nicht aus einem Walde, so doch aus einer hebräischen Bar kamen, wo sie soeben einen gewaltigen Aperitif hinuntergestürzt hatten. Nachdem uns das Kapitel 3 des zweiten Buches der Könige, entgegen der Aussage des Kapitels 1, den guten König Josaphat noch am Leben gezeigt hat, erzählt es uns, dass Herr Mesa (fr. „Mesçah“ im Text von 1904; hier in der Schreibung Luthers, in neueren Übersetzungen Mescha), König der Moabiter, bis zum Tode Ahabs an Israel einen jährlichen Tribut von hunderttausend Lämmern und hunderttausend Hammeln « mit ihrer Wolle » gezahlt hatte. Beim Regierungsantritt Ahasjas befand Herr Mesa es für gut, seinen Tribut nicht mehr zu entrichten; aber Joram beeilte sich, als er seinem Bruder auf dem Thron Israels nachfolgte, die moabitischen Lämmer und Hammel einzufordern. Weigerung Mesas, und schon eröffnet Joram den Feldzug, unterstützt von zwei Verbündeten, Josaphat, dem König von Juda, und dem König von Idumäa. « Als sie aber sieben Tage lang gezogen waren, hatten sie kein Wasser mehr, weder für ihr Heer noch für ihre Tiere. Da sprach der König von Israel, Joram: Ach! ach! der Herr hat uns hier versammelt, drei Könige zusammen, um uns in die Hände Moabs zu überantworten. Der König Josaphat aber sprach seinerseits: Wäre hier herum nicht irgendein Prophet Adonais, auf dass wir Adonai durch ihn konsultieren? Einer der Knechte Jorams antwortete: Ja, hier ist der Rinderhirt Elisa, der Sohn Saphats, [662] welcher der Bediente Elias war. Und Josaphat sprach: Der besitzt das Wort Jehovas. Da gingen Joram, der König von Samaria, Josaphat, von Jerusalem, und der König von Idumäa zu Elisa hin. » (v. 9-12) Vermerken wir, dass der Sohn Ahabs und der König von Idumäa sich nicht zum Kult Jehovas bekannten, was Lord Bolingbroke zu der Bemerkung veranlasst: « Wenn man drei Könige, den einen Papisten und die zwei anderen Protestanten, zusammen zu einem Kapuziner gehen sähe, um Regen zu erlangen, was würde man zu einer solchen Schwachköpfigkeit sagen? [663] Und wenn ein Kapuzinerbruder ein solches Märchen in die Annalen seines Ordens schriebe, würde man nicht die Wahrheit des Sprichworts einräumen: Hochmütig wie ein Kapuziner? » « Elisa sprach zum König von Israel: Was ist zwischen mir und dir? und warum gehst du nicht hin, die Propheten deiner Mutter Isebel zu konsultieren? Joram antwortete: Nein, von dir muss ich erfahren, ob Jehova, dein Gott, uns versammelt hat, uns drei Könige, um uns in die Hände der Moabiter zu überantworten. Da sprach Elisa [664] zu ihm: Es lebe Adonai-Zebaoth! wenn ich nicht großen Respekt vor dem Angesicht des Königs Josaphat hätte, so hätte ich dich nicht einmal angehört, und ich hätte nicht geruht, dich anzusehen. Nun bringe man mir einen Spielmann mit seinen Musikinstrumenten. Und als der Spielmann seine Musik gemacht hatte, ging ein Geist der Weissagung, von Jehova gesandt, in Elisa ein. » (v. 13-15) Es ist bedauerlich, dass der heilige Verfasser uns nicht sagt, welche Instrumente das waren, deren Musik nötig war, um dem Nachfolger Elias das Weissagen zu ermöglichen. « Da sprach Elisa: Im Auftrag Jehovas verkündige ich euch, dass man sofort Gruben in diesem Tale graben muss; ihr werdet weder Wind noch Regen sehen, und dennoch wird dieses Tal mit Wasser gefüllt werden, davon ihr trinken werdet, ihr und eure Tiere. Dieses Wunderwerk wird Jehova wenig kosten; aber er wird noch mehr für euch tun: er wird euch die Moabiter überantworten. Und Jehova befiehlt euch durch meinen Mund, nach dem Siege alle ihre festen Städte und alle ihre vornehmsten Städte zu zerstören; ihr sollt alle ihre Fruchtbäume fällen, ihr sollt alle ihre Brunnen verstopfen, und ihr sollt alle ihre Äcker mit Kieseln bedecken. » (v. 16-19) Unter diesen von Papa Lieber Gott spezifizierten Bedingungen sieht man demnach nicht mehr ein, wozu der Sieg dienen konnte; denn die Israeliten hatten den Moabitern den Krieg erklärt, einzig um sie zu zwingen, ihnen jedes Jahr hunderttausend Lämmer und hunderttausend Hammel zu geben, wie bisher. Der Triumph, dem eine vollständige Verwüstung folgte, brachte sie also auf ewig um den begehrten Tribut. « Am Tage nach dieser Weissagung begab es sich des Morgens, dass man Wasser kommen sah, die auf dem Wege von Idumäa flossen, sodass alle Gruben, die man gegraben hatte, mit Wasser gefüllt wurden. » (v. 20) Der zweite Teil der Weissagung erfüllte sich wie der erste: die Moabiter, die das Lager Israels bestürmt hatten, wurden schmählich geschlagen. « Die Moabiter flohen, und die Israeliten, die ihnen nachjagten, zogen in ihr Land ein und töteten sie. Und sie zerstörten ihre Städte; und ein jeder brachte Steine herbei und warf sie auf die besten Äcker, sodass man nur noch Kiesel sah; und sie verstopften alle Brunnen und fällten alle Fruchtbäume, bis sie nur die Steine zu Kir-Hareseth übrig ließen, das die Schleuderschützen umringten und besiegten. Der König der [665] Moabiter sah da, dass er nicht der Stärkere war; darum erwählte er die siebenhundert seiner Soldaten, die das Schwert am besten handhabten, stellte sich an ihre Spitze und wollte bis zum König von Idumäa gelangen; aber er konnte nicht bis dahin vordringen. Da sagte er seinem ältesten Sohn, auf die Krone einer Mauer zu steigen; eben dieser älteste Sohn sollte an seiner Statt regieren; und der König Mesa stieg auch auf die Mauer, und dort stürzte er sich auf seinen Sohn und schlachtete ihn ab. Diese Tat erregte bei den Israeliten einen solchen Abscheu, dass sie sich alsbald aus dem Lande zurückzogen, in das sie eingefallen waren, und zurückkehrten, die einen nach Jerusalem, die anderen nach Samaria. » (2 Könige 3:24-27) Als idiotische Geschichte, glaube ich, kann diese in den ersten Rang gestellt werden; sie erfordert keinerlei Kommentar. Elisa wird uns danach gezeigt, wie er die Wunder des Elia neu auflegt, mit leichten Varianten. So begegnet er (die Bibel sagt nicht, wo) der Witwe eines Prophetensohnes, die trostlos darüber ist, dass ihr verstorbener Ehemann ihr Schulden hinterlassen hat, und, da sie sie nicht bezahlen kann, wollen die Gläubiger ihr ihre zwei Kinder nehmen und sie als Sklaven verkaufen (2 Könige 4:1). Elisa bittet die Witwe, ihm anzugeben, was sie besitzt. Die Witwe antwortet: Deine Magd hat nichts als einen Topf Öl in ihrem ganzen Hause (2 Könige 4:2). Das ist alles, was Elisa braucht, er befiehlt also der Witwe, hinzugehen und von allen ihren Nachbarn ihre leeren Töpfe zu borgen, welcher Art sie auch seien; dann, sich mit ihren Kindern zu Hause einzuschließen und das Öl ihres Topfes in die anderen Gefäße zu gießen. Man errät das Wunder: Der Topf der Witwe wird unerschöpflich. Die gute Frau geht voller Staunen wieder zu Elisa, um ihm zu danken, und « der Mann Gottes sprach zu ihr: Mache dich zur Ölhändlerin; denn du hast jetzt Öl, dessen Verkauf dir dazu dienen wird, deine Schuld zu bezahlen, und sogar du und deine Söhne, ihr werdet von dem Rest dieses Öls leben bis an das Ende eurer Tage. » Das Bemerkenswerteste an diesem Wunder ist nicht seine Ähnlichkeit mit dem des Elia zugunsten der Witwe von Sarepta, sondern dass Elisa keiner Musik mehr bedurfte, um es zu wirken. « An einem gewissen Tage, da Elisa durch das Dorf Sunem ging, bemerkte er daselbst ein Weib, eine sehr reiche und überaus zuvorkommende Grundbesitzerin; dieses Weib lud ihn mit den inständigsten Bitten ein, bei ihr zu speisen; darum kehrte Elisa jedes Mal, wenn er [666] nach Sunem kam, bei diesem Weibe ein, um daselbst seine Mahlzeit einzunehmen.
323. Elisa von der Sunamitin zum Diner eingeladen. Nun war die reiche Sunamitin verheiratet, und sie sprach zu ihrem Gatten: Ich bin gewiss, dass dieser Mann, der es annimmt, bei uns zu essen, ein heiliger Mann Gottes ist. Geben wir ihm, ich bitte dich, eine Kammer im Hause, im oberen Stockwerk; wir wollen ihm ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und eine Lampe hinstellen, damit er unter unserem Dache schlafen kann, wenn er uns künftig besuchen kommt.
324. Die Sunamitin bestimmt ihren Ehemann, Elisa eine Kammer zu geben. Es begab sich also, dass am ersten Tage, [667] da Elisa wieder nach Sunem kam, dieses Weib ihm die Kammer anbot, die sie bereitet hatte, und Elisa ruhte daselbst (der Text von 1904 hat „Élie“, Elia). Dann sprach er zu Gehasi, seinem Knecht: Lass diese Sunamitin zu mir heraufkommen. Und sie kam. Da sprach Elisa zu Gehasi: Frage dieses Weib, das uns so viel Fürsorge erweist, was ich für sie tun soll; zum Beispiel, ob sie irgendeine Angelegenheit hat, in der ich zu ihren Gunsten mit dem Feldhauptmann oder gar mit dem König in eigener Person reden könnte. Sie antwortete: Ich bedarf keines [668] Schutzes, denn ich wohne mitten unter den Sunamitern, die mir alle sehr ergeben sind. Elisa wandte sich an Gehasi und fuhr fort: Wir müssen sie doch für all ihre Fürsorge für uns belohnen; was müsste man ihr denn tun, das ihr angenehm wäre? Gehasi antwortete ihm: Fragt man denn das? siehst du nicht, dass sie kein Kind hat und dass ihr Ehemann alt ist? (Sic.) Elisa ließ sie also wieder in die Kammer kommen. Dann sprach er zu ihr: Im kommenden Jahre, um eben diese Jahreszeit, wirst du einen Sohn herzen.
325. Elisa verkündet der Sunamitin, dass sie einen Sohn haben wird. Da antwortete sie ihm: O guter Herr, Mann Gottes, gebe der Himmel, dass du deine Magd nicht belogen hast! Jenes Weib empfing also und gebar einen Sohn nach Ablauf des Jahres. » (2 Könige 4:8-17) Eine Besonderheit fällt in dieser Erzählung zuerst auf: Sobald Elisa von einer Andächtigen beherbergt und beköstigt wird, gibt er sich nicht mehr dafür aus, mit dem König schlecht zu stehen (Sunem, am Fuße des Berges Gilboa, im Stamm Isaschar, gehörte zum Königreich Israel); in seiner Beflissenheit, den Liebenswerten zu spielen, bietet Elisa seine Dienste bei Joram an, als wäre er einer seiner Günstlinge, und es ist ebenderselbe König Joram, dem er vorhin insolent erklärte, dass er nicht geruhe, ihn anzusehen noch mit ihm zu reden!... Man wird auch bemerkt haben, dass der Text nicht ausdrücklich sagt, dass es der Prophet war, der dieser Andächtigen ein Kind machte; aber der Verfasser lässt es ahnen. Nichts deutet darauf hin, dass der alte Ehemann die nötigen Kräfte wiederfand. Indessen wird im weiteren Verlauf der Geschichte der Biedermann als « Vater » bezeichnet; aber war er Vater nach Art des heiligen Joseph (fr. „père à la mode de saint Joseph“: ein Vater nur dem Namen nach, wie es Joseph für Jesus war)?... « Als das Kind groß geworden war, ging es unter den Schnittern spielen. Und eines Morgens, da es zu seinem Vater auf die Kornfelder gegangen war, sprach dieses Kind mit einem Mal: Mein Kopf! mein Kopf! Sein Vater ließ es alsbald durch einen Domestiken zu seiner Mutter tragen. Die Mutter nahm das Kind auf ihre Knie und hielt es darauf bis zum Mittag; in diesem Augenblick starb es. Da stieg dieses Weib in die obere Kammer hinauf, legte das Kind auf das Bett des Propheten und ging hinaus, nachdem sie die Tür gut verschlossen hatte. Danach rief sie ihrem Ehemann zu: Sende mir einen deiner Domestiken und eine Eselin, und ich will zu dem Mann Gottes gehen; dann will ich wiederkommen. Ihr Ehemann sprach zu ihr: Warum gehst du heute zu ihm? Es ist weder Neumond noch Sabbat. Sie antwortete: Alles steht wohl. Sie ließ also die Eselin satteln und machte sich mit dem [669] Knecht auf den Weg. So kam sie zu dem Mann Gottes, auf dem Berge Karmel; und sobald Elisa sie von ferne erblickte, sprach er zu Gehasi: Siehe, da ist die Sunamitin. Und er fügte hinzu: Geh in aller Hast ihr entgegen und frage sie, ob sie, ihr Ehemann und ihr Kind sich wohl befinden. Und sie antwortete: Wohl. Dann kam sie zu dem Mann Gottes auf den Berg und umfasste seine Füße. Gehasi trat herzu, um sie zurückzustoßen; aber Elisa sprach zu ihm: Lass sie, denn ihr Herz ist tief betrübt; und Jehova hat es mir verborgen. Da sprach die Sunamitin: Mein guter Herr, ich habe dich nicht um einen Sohn gebeten, und als du mir einen verkündet hast, habe ich gewünscht, von dir nicht getäuscht zu werden. Elisa sprach zu Gehasi: Lege deinen Gürtel an, nimm meinen Stab in deine Hand und geh hin; wenn du jemandem auf dem Wege begegnest, so grüße ihn nicht, und wenn dich jemand grüßt, so antworte ihm nicht; danach sollst du meinen Stab auf das Antlitz des kleinen Knaben legen, um ihn aufzuerwecken. Die Mutter sprach zu Elisa: Ich werde dich nicht hier lassen; ich will dich mitnehmen. Und er stand auf und folgte ihr. Nun kam Gehasi, der vor ihnen fortgegangen war und sehr schnell ging, als Erster nach Sunem; er legte den Stab auf das Antlitz des kleinen Knaben, aber das Kind regte sich durchaus nicht, und Sprache und Gefühl kamen ihm nicht wieder. Er kehrte also um, ging Elisa entgegen und sprach zu ihm: Ich habe getan, was du mir befohlen hast; aber das Kind ist nicht aufgewacht, es ist immer noch tot. » (2 Könige 4:18-31) Man fragt sich hier, warum Elisa seinen Bedienten sandte, das Kind mit seinem Stab aufzuerwecken, da er doch in seiner Eigenschaft als Prophet sehr wohl wusste, dass Gehasi es nicht auferwecken würde. Man fragt sich, warum er ihm befahl, niemanden auf seinem Weg zu grüßen: Es ist klar, dass er damit schneller vorankommen sollte; aber warum so schnell laufen, um nichts zu tun? Da haben wir recht viel unnützes Getue! « Elisa trat also seinerseits in das Haus; und siehe, der kleine Knabe war tot und lag in seinem Bett. Er schloss die Tür der Kammer hinter sich zu, und er betete zu Jehova. Dann stieg er auf das Bett, legte sich auf das Kind, legte seinen Mund auf den des Kindes, seine Augen auf seine Augen, seine Hände auf seine Hände, und er streckte sich auf ihm aus; da begann das Fleisch des kleinen Knaben sich zu erwärmen. Aber Elisa blieb nicht beständig auf dem Leib des Kindes: Er verließ die Kammer und ging im Hause umher, bald hier, bald da; dann stieg er von Zeit zu [670] Zeit wieder hinauf und streckte sich abermals auf dem Kinde aus. Endlich nieste der kleine Knabe siebenmal und öffnete die Augen. Da rief Elisa Gehasi und sprach zu ihm: Lass die Mutter heraufkommen. Und als diese gekommen war, übergab er ihr ihren Sohn in bester Gesundheit. Die Sunamitin fiel dem Propheten zu Füßen, warf sich nieder, das Angesicht gegen den Boden; dann nahm sie ihr Kind und ging davon. » (v. 32-37) Die Kritiker verspotten dieses Wunder Elisas, das sich von dem des Elia nur durch die Überfülle an [671] Verrenkungen unterscheidet. Aber die Theologen sagen, dass darin ein mystischer Sinn liegt; nämlich, dass man sich nach dem Maß der Kleinen richten muss, um ihnen Gutes zu tun. Es gibt sogar Kirchenväter, die diese Episode noch tiefer ergründet haben; nach ihnen ist nichts wichtiger als der Zwischenfall mit dem Stab, der in den Händen Gehasis das Wunder nicht wirken konnte, dessen Gelingen Elisa allein vorbehalten war: Gehasi und der Stab stellen die Synagoge dar, der Gott nicht erlaubt, [672] die Menschheit aufzuerwecken; Elisa dagegen versinnbildlicht die römische Kirche, der alles gelingt, wenn es gilt, die Völker glücklich zu machen, wie jedermann weiß. Bei Elisa sind wir mit dem Lachen noch nicht fertig. « Der Prophet kam von Sunem wieder nach Gilgal und fand die Hungersnot im Lande. » Immer wieder die Hungersnot! und immer wieder der Beweis, dass dieses schöne Land Kanaan, mit diesen kahlen Bergen, seinen Höhlen, seinen Abgründen, seinem See von Sodom und seiner Wüste aus Sand und Kieseln, nicht ganz so fruchtbar war, wie Papa Lieber Gott es seinem Volk durch die Stimme des Mose hatte verkünden lassen! « Elisa sah die Söhne der Propheten, die im Kreis auf der Erde saßen und nichts zu essen hatten. Da sprach er zu Gehasi: Setze da einen großen Kochtopf auf; denn wir wollen eine gute Suppe für die Söhne der Propheten machen. Worauf er seinen Bedienten auf die Felder sandte, um dort zu pflücken, was er fände. Gehasi ging hin und brachte wilde Koloquinten in großer Menge zurück; und niemand wusste, was es war. Und Elisa ließ alle diese Koloquinten, in Stücke geschnitten, in den Kochtopf tun, der auf dem Feuer stand, mitten unter den Söhnen der Propheten. » Die Koloquinte ist eine Art kleiner Kürbis, äußerst bitter, der ehemals in der Medizin als Abführmittel verwendet worden ist, auf den man aber verzichtet hat, weil er einen gar zu schlechten Geschmack hatte. Man sieht daraus, was für eine schöne Suppe Elisa gerade für seine Freunde von Gilgal zubereiten ließ. « Man richtete also diese Suppe an, und etliche von den Söhnen der Propheten fingen an, davon zu essen; aber gleich bei den ersten Bissen spien sie aus und schrien zu Elisa: Mann Gottes, du hast den Tod in diesen Kochtopf getan! Und sie weigerten sich alle, davon zu essen. Da sprach Elisa: Man gebe mir ein wenig Mehl. Er warf drei Prisen Mehl in den Kochtopf, und er sprach: Das Volk soll von dieser Suppe essen; man teile sie ihm aus. Und die Männer aus dem Volke aßen gern; denn was aus dem Kochtopf Elisas kam, war sehr gut geworden. » (2 Könige 4:38-41) « Nun kam ein Mann von Baal-Salisa, der dem Propheten die Erstlinge seiner Ernte brachte, nämlich zwanzig Gerstenbrote und Getreide in der Ähre mit seinem Stroh. Elisa sprach: Man teile das diesem Volk aus, damit alle sich satt essen. Aber Gehasi antwortete ihm: Wie soll man dies austeilen? selbst wenn man es sehr klein teilt; es ist nicht [673] genug da, um hundert Personen davon zu geben. Elisa fuhr fort: Gib, sage ich dir, gib diesem Volk, und sie sollen essen; denn der Ewige lässt mich wissen, dass sie essen werden und dass davon übrig bleiben wird. Man teilte also dem Volk das Brot aus, und jeder nahm von dem Haufen, und es war immer Brot da für die, welche danach herantraten; sie aßen sich alle satt, und sie ließen viel davon übrig. » (2 Könige 4:42-44)
326. Erste Auflage des Wunders der Brotvermehrung. Das Bemerkenswerteste an diesem Wunder ist, dass Christus es später nachahmte; aber damals konnte Elisa, seit langem tot und begraben, gegen den Sohn der Maria keinen Prozess wegen Nachdrucks anstrengen. Das Kapitel 5 ist der Geschichte Naemans gewidmet, wieder einer jener Gestalten, die nach der Aussage der Bibel überaus bekannt sein sollen, von denen aber kein Geschichtsschreiber gesprochen hat. « Zu der Zeit lebte Naeman, Obergeneral der Heere von Syrien, ein bei seinem König sehr mächtiger und in seinem Lande sehr geehrter Mann, weil die Syrer ihm ihre Befreiung verdankten; so hatte es Jehova gewollt; aber dieser überaus tapfere Mann war aussätzig. Nun hatte sein Weib in ihrem Dienst ein junges jüdisches Mädchen, das von syrischen Dieben bei einem Einfall in die Ländereien des Königs von Israel geraubt worden war. Dieses junge Mädchen sprach also zu seiner Herrin: Ich wünschte sehr, dass mein Herr Naeman vor den Propheten träte, der zu Samaria wohnt; der hätte ihn bald von seinem Aussatz geheilt. » (v. 1-3)
327. Der wackere General Naeman, ein tapferer Mann, aber aussätzig. Nachdem diese Worte dem General wiederholt worden waren, bat dieser seinen König um einen Urlaub, der ihm gewährt wurde; der König von Syrien versprach ihm außerdem, dem König von Israel einen Freundschaftsbrief zu senden, damit er im Lande eine gute Aufnahme fände. Naeman brach auf und nahm zehn Talente Silber, sechstausend Goldstücke und zehn Tuniken zum Wechseln mit (v. 4-5). Aber siehe da, der König von Syrien hatte ein Quiproquo begangen. Als der König von Israel, Joram, den Brief öffnete, las er darin Folgendes: « Sobald dieser Brief zu dir gelangt sein wird, wirst du wissen, dass ich dir meinen General Naeman gesandt habe, damit du ihn vom Aussatz heilest. » (v. 6). Man versteht die Fassungslosigkeit Jorams bei dieser Lektüre; aber man versteht weniger die Art, wie er die Sache aufnahm, nach der Aussage der Bibel: « Sobald der König von Israel den Brief gelesen hatte, zerriss er seine Kleider und rief aus: Bin ich ein Gott, der die Gewalt hat, zu Tode zu bringen und das Leben wiederzugeben, [674] dass dieser König einen Mann zu mir sendet, der vom Aussatz zu heilen ist? Seht doch, der König von Syrien sucht einen Streit mit mir. » (v. 7) Glücklicherweise erfuhr Elisa, was vorging, und er ließ Joram sagen, er brauche ihm nur Naeman zu senden. Sieben Bäder im Jordan, gemäß der Verordnung Elisas, entledigten den wackeren General vollständig seines Aussatzes: « beim siebenten Bade kam ihm sein Fleisch wieder, gleich dem Fleisch eines kleinen Kindes ». Eigentlich war Naeman [675] zuerst über die Verordnung des Propheten überrascht gewesen: Er dachte nicht, von so weit hergekommen zu sein, um schlicht und einfach baden zu müssen; es gab, dachte er, schöne Ströme zu Damaskus, die ihn hätten heilen können; aber man gab ihm zu verstehen, dass diese Ströme nicht die Kraft des Jordans hatten, die durch die Kraft Elisas reinigend war.
328. Naeman wird durch das Wasser des Jordans geheilt. Kaum geheilt, kam er, dem Propheten zu danken: « Jetzt erkenne ich, sprach er zu ihm, dass es auf der ganzen Erde keinen wahren Gott gibt außer dem, der in Israel ist. [676] Darum, ich bitte dich, nimm die Geschenke deines Knechtes an. » Elisa wies diese Geschenke zurück, trotz der inständigen Bitten Naemans (v. 8-16).
329. Elisa weist die Geschenke des dankbaren Generals zurück. « Naeman sprach weiter zu dem Propheten: Ich werde anderen Göttern keine Brandopfer mehr tun; aber ich bitte dich, zu deinem Gott zu beten, dass er mir dies vergebe: Wenn der König, mein Gebieter, in den Tempel Rimmons eintreten wird, um sich dort vor dem Gott der Syrer niederzuwerfen, so werde ich mich mit ihm niederwerfen müssen; so wolle denn Jehova mir vergeben, jedes Mal, wenn ich mich mit meinem König vor Rimmon niederwerfen werde. Elisa antwortete ihm: Deine Seele sei in Frieden. » (v. 17-19) Aber die Uneigennützigkeit Elisas unter diesen Umständen passte Gehasi, seinem Domestiken, nicht. Als Naeman aufgebrochen war, lief Gehasi ihm nach, holte ihn draußen auf dem Lande ein und sagte zu ihm: Elisa, mein Gebieter, hat nichts für sich gewollt; aber zwei junge, sehr arme Prophetensöhne sind soeben aus Ephraim zu ihm gekommen; darum bittet dich Elisa, mir für diese jungen Leute ein Talent Silber und zwei Tuniken zum Wechseln zu übergeben. Naeman gab Gehasi hocherfreut nicht eines, sondern zwei Talente und die zwei Tuniken. Nach Hause zurückgekehrt, wurde Gehasi für seine Unredlichkeit bestraft: Der Aussatz, von dem der General befreit worden war, war auf ihn übergegangen. (2 Könige 5:20-27)
330. Gehasi, der das Geld genommen hat, holt sich den Aussatz. Elisa vollbrachte noch zahlreiche Wunder. Eine jener Gestalten, die der heilige Verfasser mit diesem unbestimmten Namen « Prophetensöhne » bezeichnet, befand sich eines schönen Tages an den Ufern des Jordans und hackte Holz. « Aber es begab sich, dass, während er einen Balken fällte, das Eisen seiner Axt ins Wasser fiel; er rief: Ach!... Elisa sprach zu ihm: Wohin ist dein Eisen gefallen? Der andere zeigte ihm die Stätte. Da schnitt Elisa ein Stück Holz ab, warf es dorthin, und alsbald fing das Eisen an, auf der Oberfläche des Wassers zu schwimmen. » Der Prophetensohn brauchte es nur zu nehmen und wieder am Stiel zu befestigen (2 Könige 6:1-7). Das Wunder wäre noch schöner gewesen, wenn sich das Eisen von selbst wieder befestigt hätte.
331. Verblüffendes Wunder der Axt. Ein anderes Wunder, das zeigt, wie sehr Jehova Elisa beschützte: « Nun hielt der König von Syrien, während des Krieges, den er gegen Israel führte, Rat mit seinen Offizieren, und man setzte fest, dass das Lager an der und der Stätte aufgeschlagen werden sollte. Aber Elisa sandte [677] alsbald hin, den König von Israel zu warnen; und Joram traf demgemäß Maßregeln, nach dem, was ihm der Mann Gottes offenbart hatte; so war er immer auf seiner Hut, und dies geschah mehr als ein- und zweimal. Das Herz des Königs von Syrien ward darüber verstört; er versammelte seine Offiziere und sprach zu ihnen: Man muss herausfinden, welcher von den Unsrigen es ist, der den König von Israel vor alledem warnt, was wir zu tun beschlossen haben. Einer der Offiziere antwortete ihm: Herr, es ist kein Verräter unter uns; sondern Elisa, der Prophet, der in Israel ist, weiß alles, was wir sagen, und offenbart dem König Joram eben die Worte, die du des Nachts in der Kammer redest, wo du schläfst. Da sprach der König von Syrien: Wenn es so ist, muss man wissen, wo dieser Elisa ist, damit wir uns seiner bemächtigen; das ist die wichtigste Sache für den Erfolg unseres Krieges. Man kam und meldete dem König, dass Elisa zu Dothan sei, und er sandte Rosse und Wagen dorthin, und zahlreiche Truppen, die im Schutz der Nacht die Stadt umringten. Und siehe, der Knecht des Propheten, der in aller Frühe aufgestanden war und die Stadt vom syrischen Heer umzingelt gesehen hatte, kam, es Elisa zu berichten, und sprach zu ihm: Ach! wie werden wir davonkommen? Elisa antwortete ihm: Habe keine Angst; denn die, welche mit uns sind, sind in größerer Zahl als die, welche mit ihnen sind. Und der Prophet richtete dieses Gebet an den Ewigen: O Jehova, öffne die Augen meines Knechtes, damit er sehe. Da schaute der Knecht, dem von Gott die Augen geöffnet worden waren, und sah, dass der Berg bedeckt war mit feurigen Rossen und feurigen Wagen rings um Elisa. Danach stiegen die syrischen Truppen herab, um den Propheten zu ergreifen, und Elisa sprach zu Jehova: O Ewiger, mein Gott, ich bitte dich, schlage diese feindlichen Soldaten mit Blindheit. Alsbald wurden die syrischen Soldaten blind. » (v. 8-18)
332. Syrer mit Blindheit geschlagen. Hier schlägt das Abenteuer in die possenhafteste Komödie um, die sich nur träumen lässt. Man stelle sich diese bedauernswerten Kriegsleute vor, sowohl die Offiziere als auch die Soldaten, mit einem Mal erblindet, und man vergesse vor allem nicht, dass es sich um ein überaus zahlreiches Heer handelt, da die Stadt, in der sich der Prophet befindet, gänzlich umzingelt ist und dort Infanterie, Kavallerie und Kriegswagen sind. Nun wohl, wenn ein solches Wunder geschehen konnte, so scheint es, dass diese Tausende von Männern, in ihrer [678] Trostlosigkeit darüber, das Augenlicht verloren zu haben, nur noch daran gedacht hätten, die Belagerung aufzuheben, das Mitleid der Israeliten anzuflehen, in deren Gebiet sie eingefallen waren, und gefleht hätten, dass man sie heimgeleite, froh sogar, so wohlfeil davonzukommen. Überhaupt nicht! Nach der Bibel fuhren diese blinden Truppen nichtsdestoweniger fort, sich Elisas bemächtigen zu wollen. Und alsdann lässt der heilige Verfasser die Gläubigen eine der monumentalsten Foppereien schlucken, die je ein Priester geschrieben hat, [679] der sich über die leichtgläubigen Schäflein lustig macht: Elisa erbietet sich, die syrischen Offiziere und Soldaten bei der Suche nach Elisa zu geleiten; diese idiotischen Blinden nehmen an, und der Prophet schleppt sie so hinter sich her bis in die Hauptstadt des Königreichs, wo sie nun als Gefangene dastehen. Diese Flunkerei ist dermaßen unsinnig, dass es nötig ist, den göttlichen Text noch einmal wiederzugeben. « Elisa kam da zu den Syrern, die blind geworden waren, und sprach zu ihnen: Hier ist nicht die Stadt, wo ihr den Mann finden werdet, den ihr sucht; kommt hinter [680] mir her, und ich will euch zu diesem Manne führen. Und er führte sie gen Samaria. » (2 Könige 6:19). Stellen Sie sich in Gedanken diese Truppen vor, wie sie hintereinander wie die Wölfe dem Propheten folgen; stellen Sie sich all diese Blinden vor, wie sie von Dothan nach Samaria wandern, wobei jeder den Rockschoß dessen hält, der vor ihm geht, und der erste dieser Tausende von Männern den Führer Elisa an einem Zipfel seiner Tunika hält. Danach sagen Sie, ob es einer Religion möglich ist, ihre Gläubigen in ihrem Glauben fröhlicher zum Narren zu halten! « Und es begab sich, sobald die Syrer in Samaria eingezogen waren, ließ Elisa die Tore wieder schließen und sprach: O Ewiger, öffne ihre Augen, auf dass sie nun sehen. Und Jehova öffnete ihre Augen; und sie sahen sich als Gefangene mitten in Samaria. » (v. 20). Aber Ende gut, alles gut, und man wird feststellen, dass Elisa, an diesem Tage großmütig, mit seinem Triumph keinen Missbrauch trieb. « Sobald der König von Israel die syrischen Truppen in seiner Gewalt gesehen hatte, sprach er zu Elisa: Mein Vater, soll ich schlagen? soll ich schlagen? Und er antwortete: Du sollst sie nicht schlagen. Würdest du mit deinem Schwert und mit deinem Bogen die schlagen, die du selbst gefangen genommen hättest? Im Gegenteil, setze ihnen Brot und Wasser vor, und lass sie essen und trinken, und lass sie zurückkehren zu dem König, ihrem Herrn. Und er ließ sie sich reichlich gütlich tun; dann ließ er sie gehen; und sie kehrten zurück in ihr Land. Seit dieser Zeit kamen die syrischen Truppen nicht wieder in das Land Israel. » (v. 21-23) Dem, was man soeben gelesen hat, widerspricht jetzt unmittelbar die Fortsetzung. Das ist sie, die Heilige Schrift! Der Vers 23 versichert uns, dass das Königreich Israel infolge des Edelmuts Elisas für immer Frieden mit dem Königreich Syrien gehabt hat. Lesen Sie doch den Vers 24: « Aber es begab sich, nach diesen Dingen, dass Benhadad, der König von Syrien, sein ganzes Heer versammelte, und er zog in den Krieg und belagerte Samaria. » Um sich nicht über diese gar zu stupiden Widersprüche erklären zu müssen, sprechen die Pfarrer in ihren Handbüchern der heiligen Geschichte nur von dem Wunder der Blindheit der Syrer. Da ist also Benhadad abermals auf der Bühne; es ist jener Benhadad, den der König Ahab hatte entkommen lassen, wie man sich vielleicht erinnert. « Und es war eine große Hungersnot in Samaria; der [681] Kopf eines Esels ward daselbst um achtzig Silberstücke verkauft, und ein Viertel Scheffel Taubenkot um fünf Silberstücke. » Da haben wir es! das steht ausgeschrieben da, das ist der Vers 25. « Und als der König von Israel eines Tages die Wälle entlangging, schrie ihm ein Weib zu: O König, mein Herr, rette mich! Und der König antwortete ihr: Wie kann ich dich retten, da Jehova uns nicht zu Hilfe kommt? Ich habe weder Brot noch Wein; und du, was hast du? Und das Weib fuhr fort: Da ist meine Nachbarin, die hat zu mir gesagt: Gib mir deinen Sohn, auf dass wir ihn heute essen, und morgen werden wir den meinen essen. Wir haben also meinen Sohn gekocht und haben ihn gegessen. Ich habe am anderen Tage zu ihr gesagt: Lass uns deinen Sohn kochen, auf dass wir ihn essen. Aber sie will nichts davon tun, und sie hat ihr Kind versteckt. Als der König das gehört hatte, zerriss er seine Kleider, und da sah das Volk, dass er einen Sack auf seinem Fleisch hatte, inwendig (?). Und der König sprach weiter: Gott rotte mich aus, wenn der Kopf Elisas heute auf seinen Schultern bleibt! denn ihm verdanken wir diese Hungersnot. » (2 Könige 6:26-31). « Nun war Elisa in seinem Hause, und Greise befanden sich bei ihm. Der König sandte also einen Mann zu ihm; aber lange bevor er ankam, sprach der Prophet zu seinen Freunden: Gebt Acht; wenn ein Bote des Königs kommt, so schließt die Tür gut zu; denn dieser Mann kommt, um mir den Hals abzuschneiden. Während er redete, kam der Henker an und sprach: Das Übel, unter dem wir leiden, ist aus der Hand des Ewigen gekommen; was werden wir noch mehr von Jehova erwarten können? » (2 Könige 6:32-33) Glücklicherweise sollte Elisa, wenn er schon die Ursache der Hungersnot war, bald den Dingen ein anderes Gesicht geben; kosten Sie es aus. « Da sprach Elisa: Höret den Ewigen, der durch meinen Mund redet: morgen, um diese selbe Stunde, wird der Sack feinen Mehls um einen Sekel (zweiunddreißig sous) verkauft werden, und für einen Sekel wird man auch zwei Sack Gerste haben. » (2 Könige 7:1) « Währenddessen ließ der Herr im Lager der Syrer einen großen Lärm hören von Wagen, und von Rossen, und von einem großen Heer, so dass Benhadad glaubte, der König von Israel habe den König der Hethiter und den König von Ägypten bezahlt, um ihm zu Hilfe zu kommen. Und alle Syrer flohen erschrocken während der Nacht, verließen ihre Zelte, ihre Rosse, ihre Esel und dachten nur daran, ihr Leben zu retten (v. 6-7)... Alles [682] Volk zog alsbald aus Samaria hinaus und plünderte das Lager der Syrer, so dass man den Sack feinen Mehls für einen Sekel verkaufte und die zwei Sack Gerste auch für einen Sekel. » (v. 16) Nachdem uns das Kapitel 8 belehrt hat, dass die Sunamitin, deren Kind Elisa auferweckt hatte, für sieben Jahre zu den Philistern ging, um nicht unter der Hungersnot leiden zu müssen, erzählt es uns die Geschichte des Hauptmanns Hasael. Um das zu verstehen, muss man sich erinnern, dass, als Elia (nicht Elisa, wenn ich bitten darf) [683] am Berg Horeb war, Jehova, der ihn dorthin hatte kommen lassen, nach Erdbeben und Brand der Felsen zu ihm sprach: « Beginne von neuem den ganzen Weg, den du gemacht hast (vierzig Tage und vierzig Nächte Marsch), kehre um und gehe hin gen Damaskus; dort sollst du Hasael zum König über Syrien salben; du sollst auch Jehu, den Sohn Nimsis, zum König über Israel salben, etc. » (1 Könige 19:15-16) Die Bibel nimmt sich nicht die Mühe zu erklären, warum Elia weder Hasael noch Jehu jemals salbte; [684] nachdem Papa Lieber Gott die Worte gesprochen hatte, die dem Leser soeben wieder vor Augen gestellt worden sind, war davon nicht mehr die Rede, das ist alles. Jetzt sind wir bei Elisa; der heilige Schriftsteller denkt mit einem Mal an Hasael und an Jehu, und so gut es geht, wird er sein Versehen wiedergutmachen, da er Elisa zur Hand hat. Endlich! wir werden erfahren, was es mit diesem Hasael auf sich hat! « Elisa begab sich nach Damaskus, und zur Zeit dieser Reise war Benhadad, der König von Syrien, krank. Seine Leute kamen eilends, ihm zu sagen: Der Mann Gottes ist soeben angekommen. Da sprach der König zu Hasael: Man gehe schnell dem Propheten Jehovas entgegen mit vielen Geschenken, und man konsultiere ihn, um zu erfahren, ob ich genesen werde. Hasael ging also zu Elisa, mit vierzig Kamelen, beladen mit prächtigen Präsenten, und als er vor Elisa war, teilte er ihm seinen Auftrag mit, nämlich, ob der König Benhadad von seiner Krankheit genesen würde. Elisa antwortete ihm: Gehe hin, und sage ihm, dass er gewiss genesen wird; aber was dich betrifft, so wisse, dass Jehova mir im Gegenteil gesagt hat, dass dein König gewiss sterben wird. » (2 Könige 8:7-10) Man fragt sich, ob man träumt, wenn man solche Eseleien liest. Warum sagt Elisa, der durch Gott weiß, dass Benhadad sterben wird, zu Hasael, er solle seinem Gebieter seine Genesung ankündigen? und warum zeigt er sich, der doch ein Prophet ist, dem Hasael in dem wenig günstigen Licht eines Lügners, der sich seiner Lüge bewusst ist? Die Bibel erklärt es nicht. So viel Dummheit bringt aus der Fassung. Und da haben wir das grundlegende Buch einer Religion!... « Worauf der Mann Gottes seinen Blick auf Hasael heftete und ihn lange ansah; dann weinte er. Hasael sprach zu ihm: Warum weint mein Herr? Elisa antwortete ihm: Weil ich weiß, dass du den Söhnen Israels großes Übel antun wirst; du wirst ihre Städte verbrennen, du wirst die jungen Leute mit dem Schwert töten, du wirst den Kopf der kleinen Kinder zerschmettern; du wirst den Bauch der schwangeren Weiber aufschlitzen. » (v. 11-12) Wenn ein Herr so zu Ihnen spräche und Sie von der Wahrhaftigkeit der Propheten überzeugt wären, so würden Sie, nehme ich an, von Abscheu ergriffen zurückweichen, wenn Sie diese Sprache hörten; was werden Sie also von der Antwort des Hauptmanns Hasael denken? « Und Hasael sprach zu ihm: Wie sollte ich so große Dinge (sic) tun, ich, der ich nur ein Hund bin? Und Elisa fügte hinzu: Jehova hat mir all dies offenbart, und ich weiß durch ihn, dass du König von Syrien sein wirst. Da verließ Hasael [685] Elisa und kehrte zurück zu Benhadad, seinem Gebieter, der ihn fragte: Was hat der Prophet gesagt? Hasael antwortete ihm: Er hat mir gesagt, dass du von deiner Krankheit genesen wirst. Aber am anderen Tage nahm Hasael ein Ziegenfell, tauchte es in das Wasser und legte es ganz nass auf das Antlitz Benhadads, so dass dieser erstickt ward; und Hasael regierte an seiner Statt. » (v. 13-15) Diese Art, sich einer Krone zu bemächtigen, ist übermäßig wenig kompliziert; wie man sieht, erhob keiner der Erben Benhadads Einspruch. Dank dem Ende dieses Kapitels wissen wir, dass der alte Josaphat in seinen letzten Jahren seinen Sohn Joram, den Gatten Athaljas, zum Mitregenten machte; das steht einigermaßen im Widerspruch zu dem, was wir vorher gelesen haben, da gesagt worden ist (1 Könige 22:51), dass dieser Joram von Juda, der Sohn Josaphats, nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg. Aber wenn wir uns bei allen Widersprüchen der Bibel aufhalten müssten, so kämen wir nicht mehr zu Ende! — Joram von Juda wandelte auf einem schlechten Wege; ganz wie sein Schwager Joram von Israel tat er alles, was Jehova missfallen konnte. Dafür wurde er denn auch durch die Empörung der Idumäer bestraft, die aufhörten, ihm einen Tribut zu zahlen. Joram von Juda war bei seiner Thronbesteigung, heißt es weiter, zweiunddreißig Jahre alt, und er regierte acht Jahre. Als er starb, war Joram von Israel im zwölften Jahr seiner Regierung. Auf Joram von Juda folgte Ahasja, sein Sohn, also Sohn Athaljas. Ahasja erhielt die väterliche Krone mit zweiundzwanzig Jahren, betete Jehova nicht an und hielt sich nur ein Jahr. Er verbündete sich mit seinem Onkel Joram von Israel, um gegen Hasael, den König von Syrien, Krieg zu führen; aber Hasael schlug Joram und Ahasja. « Und Joram, der König von Israel, kehrte zurück gen Jesreel, um sich die Wunden verbinden zu lassen, die er von den Syrern zu Rama empfangen hatte, als er wider Hasael stritt; und Ahasja, der Sohn Jorams, der König von Juda, zog hinab, um Joram, dem Sohn Ahabs, zu Jesreel einen Besuch abzustatten, weil er krank war. » (v. 29) Leser, Sie werden bald erschauern; denn der göttliche Wille bereitet schreckliche Gemetzel vor. « Zu dieser Zeit rief der Prophet Elisa einen der Söhne der Propheten und sprach zu ihm: Lege einen fest angezogenen Gürtel um deine Lenden, nimm diese kleine Phiole Öl, und gehe hin gen Ramoth in Gilead; wenn du dort sein wirst, wirst du Jehu sehen, den Sohn [686] Josaphats, des Sohnes Nimsis, und, nachdem du ihn in eine geheime Kammer hast eintreten lassen, sollst du ihm den ganzen Inhalt deiner Phiole auf den Kopf gießen und zu ihm sagen: So spricht Adonai: Ich salbe dich zum König von Israel. Worauf du die Tür öffnen und fliehen sollst, so schnell dich deine Beine tragen. » (2 Könige 9:1-3) Der junge Prophet, der Gehasi bei Elisa ersetzt hatte, begab sich also nach Ramoth und führte diese Anweisungen getreulich aus, zum großen Erstaunen des Hauptmanns Jehu. Nachdem er einmal [687] sein Öl empfangen hatte, sagte er sich dennoch, dass diese Salbung eine höchst ernste Sache sei, und er erzählte den anderen Offizieren der Besatzung, was ihm soeben widerfahren war. « Da nahmen die Offiziere ein jeder seine Kleider und legten sie unter ihn, so dass sie ihn sehr hoch erhoben, und sie bliesen die Trompete, und riefen: Es lebe Jehu, der zum König gemacht worden ist! Also machte Jehu, der Sohn Josaphats, des Sohnes Nimsis, eine Verschwörung wider Joram, den König von Israel. » (v. 13-14)
333. Der Hauptmann Jehu ruft sich zum König von Israel aus. [688] Da sind wir jetzt wieder in ein grauenhaftes Labyrinth von Meuchelmorden ohne Ende zurückgefallen. Wir haben den grässlichen Auftrag gesehen, den Gott dem Hasael gegeben hat, einen Auftrag, der mit dem Mord an Benhadad beginnt und der sich mit den fürchterlichsten Blutbädern fortsetzen soll: der neue König von Syrien wird den Kopf der kleinen Kinder zerschmettern und den Bauch der schwangeren Frauen aufschlitzen müssen. Auch Jehu hat den Befehl, sich im Blut zu wälzen. Das Verbrechen der Joram, Ahasja und anderer Fürsten war, Baal anzubeten statt Adonai. So lehrt die Bibel die Toleranz. Nachdem er von der aufständischen Besatzung von Ramoth-Gilead zum König ausgerufen worden war, « stieg Jehu zu Pferde und zog gen Jesreel; denn Joram, der König von Israel, war dort krank, und Ahasja, der König von Juda, sein Neffe, war auch dort, da er gekommen war, ihn zu besuchen. Nun sah ein Wachtposten, der auf einem Turm zu Jesreel aufgestellt war, die Truppe Jehus, die da kam, und meldete sie. Und Joram sandte einen Boten, um zu sagen: Was bedeutet diese Truppenbewegung? sind wir nicht im Frieden? » (v. 16-17). Da dieser Bote nicht zurückkam, sandte Joram einen anderen, der ebenso wenig zurückkam. « Da ließ Joram seinen Wagen anspannen, stieg hinauf, Ahasja stieg seinerseits in seinen Wagen, und sie fuhren aus Jesreel hinaus, um Jehu zu begegnen. Und sobald Joram ihn erblickt hatte, sprach er zu ihm: Bringst du den Frieden, Jehu? Aber Jehu antwortete: Was für ein Friede wäre denn möglich, während deine Mutter Isebel sich der Prostitution hingibt und alle Tage die Zahl ihrer Zauber vermehrt? » (v. 21-22) Um diesen Vorwurf Jehus wegen der Liederlichkeit der Königin Isebel in seiner ganzen Würze zu verkosten, ist es nötig, gestützt auf die heiligen Texte eine kleine chronologische Berechnung anzustellen. Wie alt war denn damals die Witwe Ahabs? Sie war die Mutter Athaljas, und diese war ungefähr hundert Jahre alt!... Man sagt nicht, in welchem Alter die eine und die andere sich verheirateten; aber nehmen wir an, dass die Tochter Ahabs nur fünfzehn Jahre alt gewesen sei, als sie mit dem Joram von Juda, dem Sohn Josaphats, vermählt wurde. Wir wissen schon, dass dieser Joram Jehova nicht andächtig ergeben war; das zweite Buch der Chronik (ch. 21) teilt uns seine Züchtigung mit: « Der Ewige erweckte wider Joram den Geist der Philister und der Araber, der Nachbarn der Kuschiter; die zogen herauf wider Juda und plünderten [689] alles, sogar das Haus des Königs; und danach schlug ihn der Ewige in seinen Eingeweiden mit einer unheilbaren Krankheit. Nach Verlauf von zwei Jahren war die Krankheit so stark, dass ihm seine Eingeweide aus dem Leibe traten, und er starb unter großen Schmerzen. » (v. 16-19). Und das Kapitel 22 beginnt mit diesen kostbaren Auskünften: « Da setzten die Einwohner Jerusalems an seiner Statt Ahasja, den jüngsten seiner Söhne, zum König ein, weil die arabischen Truppen, die gekommen waren, alle getötet hatten, die älter waren als er. Nun war Ahasja, der Sohn Jorams, der König von Juda, zweiundvierzig Jahre alt, als er anfing zu regieren, und er regierte ein Jahr zu Jerusalem, und seine Mutter war Athalja. » (v. 1-2). Die Zahl der Brüder Ahasjas wird uns im Vers 14 des Kapitels 10 des zweiten Buches der Könige angegeben: sie waren « zweiundvierzig ». Rekapitulieren wir jetzt. Athalja, frühestens mit fünfzehn Jahren verheiratet, kann ihren ersten Sohn ein Jahr danach gehabt haben. Lassen wir gelten, dass sie immer nur Jungen gehabt habe, da die Bibel nicht von Töchtern dieser Königin spricht: da Ahasja als Dreiundvierzigster geboren wurde, war Athalja also achtundfünfzig Jahre alt, als sie diesen zur Welt brachte; und folglich war sie genau hundert Jahre alt, als Ahasja, zweiundvierzig Jahre alt, den Thron bestieg. Woraus sich ergibt, dass Isebel, die Mutter Athaljas, mindestens hundertzwanzig Jahre alt war, als sie sich der Prostitution hingab, während ihr Sohn Joram über Israel und ihr Enkel Ahasja über Juda regierte. Man versteht ohne Mühe, dass die alte Isebel, um noch Liebhaber in Versuchung zu führen, die Zahl ihrer Zauber vermehren musste! Die Antwort Jehus war nicht dazu angetan, den Sohn Isebels zu beruhigen. « Da wandte Joram den Zaum und floh, und sprach zu Ahasja: Wir sind verraten. Und Jehu nahm seinen Bogen in die volle Hand, und er traf Joram zwischen die Schultern, so dass der Pfeil ihm durch das Herz fuhr, und er fiel auf seine Knie in seinem Wagen. » (2 Könige 9:23-24) Ahasja, der König von Juda, war auch geflohen. « Aber Jehu hatte ihm nachgejagt und hatte gesagt: Tötet ihn gleichfalls in seinem Wagen. Auf der Steige von Gur, bei Jibleam, wurde er getroffen; dann floh er gen Megiddo und starb daselbst. » (v. 27) Jetzt ist Isebel an der Reihe. « Jehu kam also gen Jesreel; und Isebel, da sie es gehört hatte, schminkte ihr Antlitz, schmückte [690] ihren Kopf, und sie zeigte sich Jehu am Fenster. » (v. 30) Diese Alte von hundertzwanzig Jahren zählte noch auf ihre Reize, um den Usurpator zu verführen! « Und als Jehu die Schwelle des Tores überschritt, sprach sie zu ihm: Hat es Simri Glück gebracht, seinen König getötet zu haben? » (v. 31) Man erinnert sich, dass Simri, nachdem er den König Baesa (in Wahrheit den König Ela, den Sohn Baesas: 1 Könige 16:8-11) und seine ganze Familie niedergemetzelt hatte, nur sieben Tage regierte und Selbstmord beging, als der Aufruhr Omris siegte.
335. Koketterie der alten Königin Isebel. « Da hob Jehu den Kopf zum Fenster empor, [691] und er sprach: Wer will hierher kommen von meinen Leuten? wer? Zwei oder drei Amtleute sahen ihn an. Jehu sprach zu ihnen: Werft dieses Weib zum Fenster hinaus. Und sie warfen sie hinaus, und ihr Blut spritzte an die Mauer und an die Rosse; und er zertrat sie mit den Füßen. Dann ging er in das königliche Haus hinein, und er aß und trank. Worauf er sprach: Geht jetzt hin und seht nach diesem verfluchten Weibe, und bestattet sie; denn sie ist eines Königs Tochter. Sie gingen also hin, um sie zu bestatten; aber sie fanden nichts [692] als die Hirnschale, die Füße und die Fäuste. Und als sie zurückgekehrt waren, meldeten sie es ihm; und Jehu sprach: Also hat sich das Wort Jehovas erfüllt, der durch den Mund Elias verkündet hat, dass auf dem Acker von Jesreel die Hunde das Fleisch Isebels verzehren würden und dass ihr Leichnam wie Mist sein würde, so dass niemand wird sagen können: Hier ist Isebel. » (v. 32-37)
336. Isebel wird von den Hunden verschlungen. Aber wir wissen, dass Isebel kinderreich gewesen war; Joram hinterließ Brüder, die fähig waren, ihm nachzufolgen. « Nun hatte Ahab noch siebzig Söhne gehabt; und Jehu schrieb Briefe und sandte sie gen Samaria, an die Vornehmsten von Jesreel, an die Ältesten, an alle die, bei welchen diese Kinder Ahabs herbergten. » (2 Könige 10:1). Diese Briefe befahlen die Ausrottung all dieser Prinzen. « Sobald nun die Befehle Jehus zu den Ältesten gelangt waren, nahmen diese die Söhne Ahabs und schlachteten sie ab; dann sandten sie Jehu die siebzig Köpfe in Körben. » (v. 7) Jehu brachte noch alle Freunde und alle Amtleute, die dem Hause Ahabs angehörten, zu Tode (v. 11). « Danach, als Jehu gen Samaria zog, begegnete er unterwegs den Brüdern Ahasjas, des Königs von Juda. Sie antworteten: Wir sind die zweiundvierzig Brüder Ahasjas. Da sprach Jehu zu seinen Leuten: Nun wohl, man ergreife sie lebendig! Und nachdem er sie also gefangen hatte, ließ er alle zweiundvierzig bei dem Brunnen eines Schäferhauses abschlachten; und nicht einer überlebte dieses Gemetzel. » (v. 12-14) Es schadet nicht, daran zu erinnern, dass diese zweiundvierzig Söhne Athaljas schon von den Arabern getötet worden waren, da Ahasja, der dreiundvierzigste und der jüngste der Familie, seinem Vater, dem Joram von Juda, nur wegen dieser ersten Ausrottung seiner älteren Brüder nachgefolgt war... Ah! der grausame Jehu! er meuchelte sogar die Wiedergänger!... Wenn Sie glauben, dass es diesmal zu Ende ist, so täuschen Sie sich sehr. Jehu kündigte an, dass er große Feste zu Ehren Baals geben werde. « Und er berief alle Priester Baals und sprach: Dass nicht einer fehle, denn ich will dem Baal ein großes Opfer tun, und wer nicht kommt, wird getötet werden. Aber Jehu war sehr listig, und er handelte also, um jeden umzubringen, der Baal diente. Und er ließ in ganz Israel die Ankündigung dieses feierlichen Festes ausrufen. Und alle Knechte Baals kamen, ohne dass ein einziger fehlte; der Tempel [693] Baals ward an diesem Tage angefüllt von einem Ende bis zum andern. » (2 Könige 10:19-21) Während man dem Nebenbuhlergott Jehovas Opfer darbrachte, wurde der Tempel von den Truppen Jehus umzingelt. « Und sobald man das Brandopfer vollendet hatte, sprach Jehu zu den Bogenschützen und zu den Hauptleuten: Geht hinein, tötet sie, dass keiner von ihnen entrinne! Die Bogenschützen also und die Hauptleute schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes, und sie warfen sie dahin. Dann zogen sie die Statuen aus dem Tempel heraus und verbrannten sie. Und sie rissen die Statue Baals nieder, und sie rissen den Tempel Baals von Grund auf nieder. Also rottete Jehu den Baal aus der Mitte Israels aus. » (v. 23-28) Jetzt, Leser, stemmen Sie sich gut gegen eine Mauer, um nicht rücklings hinzufallen. Hier ist der Vers 29: « Jedoch wandelte Jehu beständig auf dem Wege der Sünde; denn er betete die goldenen Kälber an, die zu Bethel und zu Dan waren. » Unbegreiflich, nicht wahr, der Herr Jehu?... Oh! ja, allerdings! Noch ein Zitat: « Nun erschien Jehova dem Jehu und sprach zu ihm: Weil du meine Befehle überaus gut ausgeführt hast, indem du mich an dem Hause Ahabs gerächt hast, werden deine Nachkommen über Israel regieren bis in das vierte Glied. Aber Jehu beharrte darauf, außerhalb der Wege Jehovas zu wandeln, und er befleckte sich mit allen Sünden des Götzendienstes Jerobeams. » (v. 30-31) Kurzum, wie dem auch sei, der Usurpator Jehu regierte achtundzwanzig Jahre; bei seinem Tode hinterließ er seine Krone seinem Sohn Joahas (v. 35-36). Der heilige Schriftsteller, ganz den Heldentaten Jehus hingegeben, hat versäumt, sich mit Athalja zu befassen. Glücklicherweise macht er es im Kapitel 11 wieder wett. Infolge der Thronbesteigung des Usurpators hatte die Tochter Ahabs also vielmals Trauer anlegen müssen; in wenigen Tagen hatte man ihre Mutter Isebel, ihren Bruder Joram von Israel und ihre siebzig anderen Brüder, ihren Sohn Ahasja und ihre zweiundvierzig anderen Söhne abgeschlachtet.
334. Joram und Ahasja, erste Opfer Jehus. Der Königin von Jerusalem blieben nur ihre Enkel, die Söhne Ahasjas. Was tat sie, um sie vor der Wut Jehus zu bewahren? Sie schlachtete sie selbst ab. « Athalja, die Mutter Ahasjas, da sie sah, dass man ihren Sohn getötet hatte, erhob sich ihrerseits und rottete das ganze königliche Geschlecht aus. » (v. 1)
337. Athalja rottet das königliche Geschlecht von Juda aus. Nur in der Bibel findet man Rachetaten von dieser Nummer (fr. „de ce numéro-là“, eine umgangssprachliche Redewendung: von dieser Sorte)! Was Voltaire zu der Bemerkung veranlasst: « Athalja, die Großmutter des kleinen Joas, meuchelt alle ihre Enkel in Jerusalem, nach dem, was die heilige Geschichte sagt, mit Ausnahme des kleinen Joas, der entkommt; sie war nahezu hundert Jahre alt, [694] und hatte übrigens gar kein Interesse daran, sie abzuschlachten: sie begeht alle diese angeblichen Meuchelmorde nur um des Vergnügens willen, sie zu begehen, und um dem Hohenpriester Jojada einen Vorwand zu geben, nun auch sie zu meucheln. Wir haben da, in dieser Periode der Könige von Israel und von Juda, Szenen von Mord und Blutbad, für die man ein Beispiel nur in der Geschichte der Marder finden könnte, wenn irgendein Hahn vom Hühnerhof ihre Geschichte geschrieben hätte. » [695] Überdies herrschen in der Bibel immer die Unwahrscheinlichkeiten vor. Wie wird der jüngste der Söhne Ahasjas aus dem allgemeinen Gemetzel gerettet? Er wird von seiner Tante Joseba gerettet, die ihn versteckt. Nun, wer ist diese Joseba? Sie ist die Schwester Ahasjas und die Tochter Athaljas (2 Könige 11:2); sie ist des Weiteren die Gattin des Hohenpriesters Jojada (2 Chronik 22:11). So hatte die Königin Athalja, berühmt durch ihre Gottlosigkeit, Athalja, die [696] nur Baal als Gott anerkannte, ihre Tochter mit dem Hohenpriester Jehovas verheiratet! Und der kleine Joas wurde heimlich im Tempel aufgezogen.
338. Joas, vom Hohenpriester Jojada heimlich aufgezogen. Sechs Jahre lang regierte Athalja allein (2 Könige 11:3), und sie wusste ganz und gar nichts von diesem permanenten Komplott ihres Schwiegersohns. Im siebenten Jahr versammelte Jojada Hauptleute, die Jehova treu waren, zeigte ihnen den jungen Sohn Ahasjas, rief ihn zum König aus, und Athalja, die herbeigeeilt war, um zu sehen, was vorging, wurde abgeschlachtet « in der Straße, die zu den Ställen des Palastes Davids führte » (v. 16). Bei derselben Gelegenheit metzelte man Matthan nieder, den Hohenpriester Baals, das heißt den Konkurrenten Jojadas (v. 18).
339. Tod Athaljas, mit hundertsechs Jahren. Das Kapitel 12 des zweiten Buches der Könige ist der Regierung des Joas gewidmet, die nicht zu den glänzendsten gehört. Alles, was man darin an Interessantem findet, ist die glorreiche Erfindung der Sparbüchse durch den Hohenpriester Jojada. Da der Tempel der Ausbesserungen bedurfte, hatte Joas gesagt, dass die Priester sie übernehmen würden und dass sie dafür verschiedene Summen erhalten sollten, sei es aus der Steuer der Volkszählung, sei es aus der Freigebigkeit der Gläubigen. Im dreiundzwanzigsten Jahr der Regierung des Joas war noch keine Ausbesserung gemacht worden; aber die Priester hatten nichtsdestoweniger die ganze Zeit kassiert (v. 6). Der König entschloss sich, in diesen Stand der Dinge Ordnung zu bringen, und dekretierte, dass die Priester das Geld nicht mehr unmittelbar erhalten sollten und folglich auch die Ausbesserungen nicht zu besorgen hätten. « Da nahm der Hohepriester Jojada einen wohlverschlossenen Kasten, machte einen Spalt in seinen Deckel und setzte ihn neben den Altar zur rechten Hand, an die Stätte, da man in das Haus des Ewigen hineinging; und alles Geld, das zum Tempel gebracht ward, ward in diesen Kasten getan. Sobald man sah, dass der Kasten voll war, öffneten ihn der Sekretär des Königs und der Hohepriester miteinander, zählten das Geld und taten es in Säcke; danach übergaben sie dieses wohlgezählte Geld in die Hände derer, denen es oblag, die Ausbesserungen durch die Maurer und die Zimmerleute machen zu lassen. » (v. 9-10) Wie man sieht, wäre der Tempel ohne die Erfindung der Sparbüchse niemals ausgebessert worden. Aus dem Buch der Könige ergibt sich, dass Joas ein frommer Monarch war; aber nach dem Buch der Chronik geriet er zuletzt auf Abwege (Buch 2, ch. 24): Er stellte den Kult der Götzen der Haine und anderer falscher Götter wieder her, zum großen Ärgernis [697] Sacharjas, der beim Tode Jojadas, seines Vaters, Hohepriester Jehovas geworden war. Joas, erzürnt über die Vorwürfe Sacharjas, ließ ihn im Vorhof des Tempels selbst mit Steinwürfen erschlagen (2 Chronik 24:21). Joas wurde seinerseits von zwei seiner Domestiken abgeschlachtet, den Herren Sabad und Josabad (2 Chronik 24:26). Dieser König hatte vierzig Jahre regiert. Sein Sohn Amazja folgte ihm nach. Kehren wir zum Buch der Könige zurück, so wissen wir, dass in Israel auf den schrecklichen Jehu sein Sohn Joahas folgte, der während der siebzehn Jahre seiner Regierung sich um Jehova scherte wie um eine Herzkirsche (fr. „se moqua de Jéhovah comme d’une guigne“, umgangssprachliche Redewendung: sich nicht im Geringsten um jemanden kümmern; die „guigne“ ist eine kleine Süßkirsche); darum wurde sein Königreich siebzehn Jahre lang von den Königen von Syrien verwüstet, zuerst von Hasael und danach von Benhadad, dem Sohn Hasaels. Wenn die Israeliten zu Resteragout gemacht (fr. „mis en capilotade“, eine Redewendung: zu Brei geschlagen) wurden, so ist es gar nichts, es zu sagen! Man urteile darüber nach diesem Vers: « Von allem Volk des Joahas blieben nur fünfzig Reiter und zehntausend Fußsoldaten übrig, so sehr vernichtete sie der König von Syrien und machte sie klein wie den Staub, den man auf der Tenne tritt. » (2 Könige 13:7) Auf Joahas folgte sein Sohn Joas, den man nicht mit dem Joas, König von Juda, verwechseln darf. Der Joas von Israel, Enkel Jehus, führte Krieg gegen Amazja, den Sohn des Joas von Juda, schlug ihn vernichtend bei Beth-Semes, riss eine Bresche von vierhundert Ellen in die Wälle Jerusalems und plünderte alle Schätze des Tempels und des königlichen Hauses. Unter der Regierung des Joas von Israel starb der Prophet Elisa. « Nun war Elisa krank gewesen; und als Joas, der König Israels, gekommen war, ihn zu besuchen, konnte er seine Tränen nicht zurückhalten, die aus seinen Augen auf das Antlitz des Propheten flossen. Und Joas rief aus: Mein Vater! mein Vater! Wagen Israels und seine Reiterei! » (2 Könige 13:14) Das ist das zweite Mal, dass wir in der Bibel diesen absonderlichen Ausruf finden; der heilige Verfasser gibt keine Erklärung dazu; aber es liegt wenig daran. Fahren wir fort. « Elisa sprach zum König Joas: Nimm einen Bogen und Pfeile... Dann sprach er zu ihm: Öffne das Fenster gegen Morgen; schieß einen Pfeil durch das Fenster. Und Joas schoss. Da rief Elisa aus: Das ist der Pfeil der Befreiung des Ewigen, und der Pfeil der Befreiung wider die Syrer. Du wirst also die Syrer schlagen zu Aphek, bis du sie aufgezehrt hast. Er sprach weiter zu ihm: Nimm abermals Pfeile, und nun, anstatt in die Luft zu schießen, schieß gegen die Erde. Und [698] Joas schoss so drei Pfeile; dann hielt er inne. Da geriet Elisa in Zorn und sprach zu ihm: Schwachköpfiger König (fr. „Roi imbécile“: die Bibel Ostervalds hat nur „Et l’homme de Dieu s’irrita contre lui ; et il lui dit : Il fallait frapper cinq ou six fois“, „Und der Mann Gottes ward zornig über ihn und sprach: Du hättest fünf- oder sechsmal schlagen sollen“; die Beschimpfung ist Taxils Zusatz), du hättest wenigstens fünf oder sechs Pfeile schießen müssen; so hättest du die Syrer geschlagen, bis du sie vernichtet hättest; nun aber wirst du sie nur dreimal schlagen. Nachdem er das gesagt hatte, starb Elisa, und man begrub ihn. » (v. 15-20) Man wird vergeblich zu verstehen suchen, glauben wir, warum der König von Israel — dessen männliche Untertanen [699] unter der vorhergehenden Regierung auf zehntausendfünfzig vermindert worden waren — die Syrer ausgerottet hätte, wenn er sechs Pfeile statt drei gegen die Erde geschossen hätte. Elisa wusste also nicht nur, was geschehen sollte, sondern auch, was nicht geschehen sollte. Das ist schön! « Im folgenden Jahr ereignete sich eine wunderbare Begebenheit: Leute trugen einen toten Mann, um ihn zu begraben. Und siehe, da erschraken diese Leute, als sie eine Bande [700] von Dieben kommen sahen, und sie warfen in Eile ihren Leichnam in ein Grab, das da war, und flohen; es war das Grabmal Elisas. Da erbebte der Leichnam, der auf die Gebeine des Propheten gerollt war, als er sie berührte, kehrte ins Leben zurück, erhob sich auf seine Füße und fing an zu laufen (fr. „se mit à courir“: die Bibel Ostervalds endet mit „il se leva sur ses pieds“, „er trat auf seine Füße“, und Voltaire ebenso; das Laufen ist Taxils Zusatz, die Diebe aber stammen von Voltaire, wo Ostervald „une troupe de soldats“ hat, „eine Schar Kriegsleute“). » (v. 21)
340. Posthumes Wunder Elisas. Offensichtlich bekamen die Diebe Bange und fingen auch an zu laufen. — Die Kritiker, die niemals zufrieden sind, erheben wieder Einwände. Sie fragen, warum Jehova nicht Elisa selbst auferweckte, anstatt irgendeinen Zivilisten aufzuerwecken, eine vollkommen unbekannte und keineswegs interessante Gestalt, die zufällig in die Grube des Propheten geworfen worden war. Sie fragen, wie es kam, dass diese Grube nach Ablauf eines Jahres so gelegen offen dastand. Sie fragen, was aus diesem Auferweckten wurde, und wundern sich darüber, dass er es in seinem zweiten Leben, nach einem so außergewöhnlichen Ereignis, nicht für nützlich hielt, sich bekannt zu machen. Schließlich fragen sie, da den Gebeinen Elisas eine solche geheime Kraft anhaftete, wie es kommt, dass man nicht mehr daran gedacht hat, sie sich zunutze zu machen; wenn man bedenkt, dass wir dank diesem Skelett alle unsterblich wären, falls sich die Operation allgemein verbreitet hätte! Vom Tod Elisas bis zum Ende der Königreiche Israel und Juda haben wir einen solchen politischen Mischmasch, dass es schwer ist, sich darin zurechtzufinden, wenn man nicht vorsichtshalber dem Leser zuallererst ein Tableau der Nachfolge der Könige vor Augen stellt. In Israel: Auf Joas folgt Jerobeam II., sein Sohn, der einundvierzig Jahre regiert (2 Könige 14:23); auf Jerobeam II. folgt sein Sohn Sacharja (14:29), der letzte Nachfahre Jehus, welcher nur sechs Monate regiert (15:8); er wird von einem gewissen Sallum gemeuchelt (15:10), der sich des Thrones bemächtigt und ihn nur einen Monat innehat (15:13); dieser wird seinerseits von Menahem gemeuchelt (15:14), einem anderen, glücklicheren Hauptmann, der zehn Jahre regiert (15:17), in denen er Phul, dem König von Ninive, Tribut zahlt (15:19-20); Menahem stirbt ruhig in seinem Bett, und ihm folgt sein Sohn Pekahja (15:22), der zwei Jahre regiert (15:23); Pekahja wird vom Hauptmann Pekah gemeuchelt (15:25), der den Thron besteigt und sich zwanzig Jahre darauf behauptet (15:27), in deren Verlauf ihn ein Krieg mit Thiglath-Pileser, dem König von Assyrien, ganz Galiläa und den Stamm Naphthali kostet, deren Bewohner in die Knechtschaft weggeführt werden [701] (v. 29); zuletzt entthront der Hauptmann Hosea den Pekah, tötet ihn (15:30), regiert neun Jahre (17:1) und wird schließlich von Salmanassar, dem König von Assyrien, gefangen genommen, der sich Samarias nach einer Belagerung von drei Jahren bemächtigt (17:5) und das Königreich Israel zerstört. Hosea und seine Ex-Untertanen werden gefangen weggeführt und zu Halah, zu Habor und in den Städten der Meder zerstreut (2 Könige 17:6). In Juda: Amazja wird nach einer Regierung von neunundzwanzig Jahren (2 Könige 14:2) zu Lachis von Verschwörern gemeuchelt (14:19), und das Volk bewahrt die Krone seinem sechzehnjährigen Sohn Asarja (14:21), der zweiundfünfzig Jahre zu Jerusalem regiert (15:2); auf Asarja folgt sein Sohn Jotham oder Jonathan (15:7), der sechzehn Jahre regiert (15:33); auf diesen König, der fromm war, folgte sein Sohn Ahas (16:1), der ebenfalls sechzehn Jahre regierte, der aber gottlos war (16:2) und sich hervortat durch sein Bündnis mit dem assyrischen König Thiglath-Pileser gegen den König von Israel, Pekah, und gegen den König von Syrien, Rezin (16:5-9); auf Ahas folgt sein Sohn Hiskia (16:20), ein König von vorbildlicher Frömmigkeit, über den wir einige Worte zu sagen haben werden und der neunundzwanzig Jahre regiert (18:2); während seiner Regierung wird das Königreich Israel zerstört; sein Sohn Manasse folgt ihm nach (21:1) und regiert fünfundfünfzig Jahre, in denen er alle Gräuel begeht, die Jehova betrüben (21:2); Amon, der Sohn Manasses, regiert seinerseits (21:19), folgt den schlechten Beispielen seines Vaters (21:20) und wird nach Ablauf von zwei Jahren von seinen Domestiken gemeuchelt; auf Amon folgt Josia, sein Sohn (21:26), der einunddreißig Jahre (22:1) mit Frömmigkeit regiert; der fromme, aber vom Pech verfolgte Josia wird in einer Schlacht von Necho, dem König von Ägypten, getötet, und sein Nachfolger ist einer seiner Söhne, Joahas, den das Volk salbt (23:29-30); aber Joahas regiert nur drei Monate (23:31); er wird von Necho gefangen genommen und stirbt in Ägypten (23:34), und Necho setzt Jojakim auf den Thron, einen anderen Sohn Josias, welcher elf Jahre regiert (23:36); auf diesen Jojakim folgt ein anderer Jojakim, sein Sohn, den die Bibel auch Jechonja nennt und dessen Regierung nur drei Monate dauerte (24:8); Nebukadnezar, der König von Babylon, der alsdann in das Königreich Juda eingefallen war, plünderte den Tempel, führte zahlreiche Gefangene weg, darunter Jojakim-Jechonja (v. 10-16), und er setzte an seiner Stelle [702] einen dritten Sohn Josias auf den Thron (24:17). Dieser, bekannt unter dem Namen Zedekia, war der letzte König von Juda; denn im elften Jahr seiner Regierung (25:2) wurde Jerusalem nach achtzehn Monaten Belagerung (25:4) von den Heeren Nebukadnezars eingenommen, die königlichen Prinzen wurden niedergemetzelt, und Zedekia wurde, nachdem ihm die Augen ausgestochen und die Arme mit doppelten ehernen Ketten beladen worden waren, in die Gefangenschaft nach Babylon weggeführt, mit allem, was vom Volk übrig blieb (v. 7); nachdem Nebukadnezar [703] den Tempel Salomos und den Palast in Brand gesteckt hatte, ließ er Jerusalem in Trümmern zurück (2 Könige 25:9-10).
341. Ende des Königreichs Israel. « Endlich, sagt Voltaire, haben wir hier den Ausgang des größten Teils der hebräischen Geschichte. Zuerst kommt die Zerstörung der zehn Stämme des Königreichs Israel und bald darauf die Gefangenschaft der zwei anderen Stämme; darin enden so viele zu ihren Gunsten gewirkte Wunder. Die weisen Christen sehen mit Schmerz das Desaster ihrer Väter, die ihnen den Weg [704] des Heils gebahnt haben. Die Skeptiker sehen mit geheimer Freude die Vernichtung beinahe eines ganzen Volkes, das sie als einen gemeinen Haufen von Abergläubischen betrachten, zum Götzendienst geneigt, ausschweifend, räuberisch, blutdürstig, schwachköpfig und unbarmherzig. Diese Umwälzung bietet uns ein neues Tableau, und neue Gestalten. Wer waren diese Völker und diese Könige von Assyrien, die von so weit her kommen, um über das kleine Volk herzufallen, das nahe bei Cölesyrien gewohnt hatte, von Dan bis Beer-Seba, auf einem Terrain von ungefähr fünfzig Meilen Länge und fünfzehn Breite, und das hoffte, über den Euphrat, über das Mittelmeer und über das Rote Meer zu herrschen? » Unter den Episoden, die ein wenig Heiterkeit in die Annalen dieser Zeit bringen, in der die Trostlosigkeit der Juden hervorbricht, muss man an erster Stelle die Geschichte des Tobias anführen, die sich auf die Gefangenschaft der Hebräer des Königreichs Israel bezieht. Diese Geschichte findet sich weder im Buch der Könige noch im Buch der Chronik; sie steht für sich, in der Kategorie der Werke, von denen die Juden, bei aller Achtung vor ihnen, erklären, dass sie nicht unmittelbar von Gott inspiriert worden seien. Dagegen nehmen die Katholiken das Buch Tobias an, und das Konzil von Trient hat es für kanonisch erklärt; das genügt, um ihm — wenigstens zusammengefasst — einen Platz in dieser allgemeinen Prüfung des Alten Testaments zu geben. « Tobias, vom Stamm Naphthali, ward zur Zeit Salmanassars, des Königs der Assyrer, gefangen nach Ninive weggeführt. » Dies ist der Anfang des Buches Tobias. Man bedauert lebhaft, wenn man das liest, dass der vorerwähnte Salmanassar keine guten geographischen Karten seiner Staaten hat aufnehmen lassen; denn man hat recht viel Mühe zu entwirren, wie er, als König von Ninive am Tigris, über das Königreich Babylon hinweg hatte ziehen können, um die Bewohner der Ufer des Jordans in Ketten zu legen und bis zu den Nachbarn des Hyrkanischen Meeres Eroberungen zu machen. Es ist geradeso, als ob der Großtürke, der in Konstantinopel regiert, samt seinen Baschibosuks (fr. „bachi-bouzoucks“: die irregulären Soldaten des osmanischen Heeres) mit geschlossenen Füßen über Österreich spränge, um die Bevölkerung des Königreichs Preußen gefangen zu nehmen und in sein Reich zurückzubringen. Aber lassen wir das. « Nun verließ Tobias eines Tages Ninive und machte eine Reise nach Rages, einer Stadt in Medien; und da er daselbst sah, dass Gabael, von seinem Stamm, Not litt, gab er ihm, gegen ein schriftliches Versprechen [705] der Rückzahlung, zehn Talente Silber, genommen von den Schenkungen, die er vom König empfangen hatte. » (Tobit 1:15-17) Man wundert sich, dass ein Gefangener solche Summen aus der Freigebigkeit des Souveräns erhalten hat, der seine Nation in Sklaverei hielt; denn zehn Talente Silber machen nicht weniger als fünfundvierzig- bis fünfzigtausend Franken unserer Münze aus. Das ist gewiss viel für den Ehemann einer Wäscherin; Hanna, die Frau des Tobias, wusch Leinen und machte Flickarbeiten (Tobit 2:13). Man kann diesen Tobias wahrhaftig nicht genug bewundern, der sich nach Rages aufmacht, vierhundert Meilen von Ninive, um diese fünfzigtausend Franken dem Juden Gabael zu leihen, der äußerst arm war und der aller Wahrscheinlichkeit nach außerstande sein würde, sie ihm jemals zurückzugeben! Das ist überaus schön. « Nach Ninive zurückgekehrt, schlief er eines Tages, als er seine Zeit damit zugebracht hatte, Tote zu begraben, am Fuß einer Mauer ein; » ein Mann, reich genug, um in Rages fünfzigtausend Franken zu verleihen, hätte doch wohl wenigstens ein Schlafzimmer in Ninive haben müssen. « Aber Tobias merkte nicht, dass Sperlinge auf der Mauer saßen, welche ihm ganz warm in die Augen koteten, und er ward davon blind. » (Tobit 2:9-10) Die naturforschenden Kritiker sagen, dass Spatzenscheiße niemanden blind machen kann und dass man davonkommt, indem man sich sogleich wäscht.
342. Der alte Tobias wird blind. « An demselben Tage ward Sara, die Tochter Raguels, die zu Ekbatana, einer Stadt in Medien, wohnte, von den Mägden ihres Vaters geschmäht. Sara war sieben Ehemännern zur Ehe gegeben worden; aber ein böser Geist (hier setzen die katholischen Übersetzer: ein Teufel), Asmodi genannt, hatte sie jedes Mal getötet, in dem Augenblick, da sie im Begriff waren, mit ihr zu koitieren (fr. „coïter“: der griechische Text des Buches Tobit, dem Taxil hier folgt, sagt „ehe sie bei ihr gewesen waren wie bei einer Frau“, und Voltaire „dès qu’ils étaient entrés en elle“, „sobald sie in sie eingegangen waren“; das gelehrte Wort ist Taxils). Die Mägde sagten also zu ihr: Du hast deine sieben Ehemänner erstickt, einen nach dem andern, und hast den Namen keines von ihnen getragen. Und nun schlägst du uns. Geh hin und folge deinen Ehemännern nach!... Als Sara das gehört hatte, ward sie überaus betrübt, so dass sie sich erdrosseln wollte. Aber sie betete zu Jehova und rief ihm durch das Fenster zu: Herr, nimm mich hinweg von der Erde, auf dass ich nicht mehr solche Vorwürfe höre! Du weißt, dass ich rein bin und dass ich meinen Namen nicht befleckt habe noch den Namen meines Vaters, in dem Lande, da ich gefangen bin. Ich bin die einzige Tochter, und es ist keiner von unseren nahen Verwandten da, dem ich mich zum Weibe aufspare; schon sind mir ihrer sieben gestorben; wozu soll ich noch [706] leben? Aber, wenn du es nicht für gut hältst, mich zu Tode zu bringen, so erbarme dich meiner und gebiete, dass ich keine Schmach mehr habe. » (Tobit 3:7-15)
344. Sara, Tochter Raguels, siebenmal Witwe. Niemals hatten die Juden bis dahin, bemerken die Kritiker, von irgendeinem Teufel noch von irgendeiner Art von Dämonen reden hören; die guten und die bösen Genien waren in Persien erdacht worden, in der Religion Zoroasters, die das Dasein zweier an Macht gleicher Götter lehrt, der eine, Ormuzd, [707] Prinzip des Guten; der andere, Ahriman, Prinzip des Bösen, jeder mit einem Heer von Geistern unter seinen Befehlen, die einen wohltätig, die anderen übeltätig. Aus Persien gingen diese Genien nach Chaldäa über und ließen sich endlich in Griechenland nieder, wo Platon freigebig jedem Menschen seinen guten und seinen bösen Dämon gab. Schamaddai, den man mit Asmodi übersetzt, war einer der Hauptteufel. Der Benediktiner Dom Calmet sagt in seinem Kommentar über Asmodi, « dass man weiß, dass es mehrere [708] Kategorien von Teufeln gibt, die einen Fürsten und gebietende Dämonen, die anderen subaltern und unterworfen ». In den verschiedenen Büchern, aus denen die Bibel besteht, wirkt also alles zusammen, um zu beweisen, dass die Juden niemals etwas anderes als Nachahmer waren, dass sie alle ihre Riten, einen nach dem anderen, von ihren Nachbarn und von ihren Gebietern übernahmen, und nicht nur ihre Riten, sondern alle ihre Märchen. So brachten sie bei der Rückkehr aus ihrer Gefangenschaft bei den Medern und den Assyrern die persischen und chaldäischen Glaubensvorstellungen mit und fügten sie ihren Dogmen hinzu. Die Worte, deren sich der Verfasser des Buches Tobias bedient, deuten an, dass Asmodi in Sara verliebt und auf sie eifersüchtig war. Diese Idee entspricht der alten Lehre von den Genien, den Sylphen, den Engeln, den Göttern des Altertums; alle sind in unsere Töchter verliebt gewesen. Wir haben schon in der Genesis gesehen, wie die Söhne oder Engel Gottes in die Töchter der Menschen verliebt waren und ihnen Riesenkinder machten (Seiten 76 und folgende). Die Fabel hat überall geherrscht. — Hier ist nicht der Ort, zu wiederholen, was die Theologen von den Inkubus- und Sukkubusdämonen gesagt haben; von den mirakulösen Menschen, die aus diesen chimärischen Kopulationen geboren wurden; von all den unterschiedlichen Teufeln, die auf hundert verschiedene Weisen in die Leiber der Jungen und der Mädchen fahren; von den Mitteln, sie herbeizurufen und sie auszutreiben; kurzum von allem Aberglauben dieser Art, dessen sich die Arglist zu allen Zeiten bedient hat, um die Schwachköpfigkeit zu täuschen. Das würde uns zu weit führen. Diese Studie ist dem Werk vorbehalten, das ich vorbereite unter dem Titel Die Kuriositäten des Glaubens (fr. „les Cocasseries de la Foi“; das Werk ist anscheinend nie erschienen). « Und das Gebet des Tobias und das der Sara wurden erhört vor der Herrlichkeit des großen Gottes; und Raphael ward gesandt, um Tobias von den Flecken zu heilen, die er auf den Augen hatte, und um Tobias dem Sohn Sara zur Ehe zu geben, indem er Asmodi, den bösen Geist, band, weil Gott beschlossen hatte, dass das Recht, sie als Weib zu besitzen, Tobias dem Sohn gehören sollte. » (Tobit 3:16-17) Es ist das erste Mal, dass ein Engel in der Heiligen Schrift genannt wird. Alle Kommentatoren gestehen, dass diese Namen chaldäischen Ursprungs sind: Raphael, Arzt Gottes; Uriel, Feuer Gottes; Jesrael, Geschlecht Gottes; Michael, Gott ähnlich; Gabriel, der Mann Gottes. Die persischen Engel hatten ganz andere Namen: Mah, Kur, Dubadur, Bahman usw. Da die Juden Sklaven bei den Chaldäern waren und nicht bei den Persern, [709] eigneten sie sich also die Engel und die Teufel der Chaldäer an und schufen sich eine ganz neue Theurgie, an die sie noch nicht gedacht hatten. So sieht man, dass sich bei diesem Volk alles ändert, je nachdem es die Gebieter wechselt. Wenn sie von den Kanaanitern geknechtet sind, nehmen sie deren Götter an; wenn sie bei den Königen, die man assyrisch nennt, in Gefangenschaft sind, nehmen sie deren wohltätige und übeltätige Engel an. « Eines Tages nun gedachte Tobias an das Geld, das er Gabael übergeben hatte, und er sprach bei sich selbst: Warum soll ich nicht Tobias, meinen Sohn, rufen, ehe ich sterbe, um es ihm kundzutun? Und er rief ihn und sprach zu ihm: Mein Sohn, wenn ich sterbe, so begrabe mich, und verachte deine Mutter nicht. » (Tobit 4:1-3) Es folgt eine lange Rede, die so schließt: « Nun tue ich dir kund, dass ich Gabael zehn Talente Silber auf sein Versprechen geliehen habe, zu Rages, einer Stadt in Medien. » (v. 21) Dann übergibt Tobias seinem Sohn den Schuldschein, den Gabael ihm ausgestellt hat (Tobit 5:3), und empfiehlt ihm, sich einen Reisegefährten zu suchen (v. 4). « Da begegnete Tobias der Sohn einem sehr schönen jungen Mann, dessen Rock am Gürtel aufgeschürzt war; das war Raphael; aber er wusste nicht, dass er es mit einem Engel Gottes zu tun hatte. Er grüßte ihn und sprach zu ihm: Könnte ich mit dir nach Medien gehen? kennst du dieses Land? Der Engel antwortete ihm: Ich will mit dir gehen, ich kenne die Straße, und ich habe sogar zu Rages bei Gabael, unserm Bruder, geherbergt. » (v. 5-8) Wie gut sich das traf! Entzückt stellte Tobias der Sohn seinem Vater alsbald den jungen Mann mit dem aufgeschürzten Rock vor. Dieser erklärte, dass er Asarja heiße, aus dem Geschlecht des großen Ananja (v. 15); zufällig hatte der alte Tobias Ananja gekannt, der ein wenig mit ihm verwandt war. Daraufhin Diskussion über den Lohn, der dem Reisebeschützer zu gewähren sei: « Wird eine Drachme am Tage genug sein, fragte Tobias, samt den nötigen Dingen, wie für meinen Sohn? Ich will noch etwas zum Lohn hinzutun, wenn ihr mit vollem Gelingen zurückkehrt. Und sie wurden also einig. » (v. 20) Es ist recht absonderlich, dass Tobias, der Jude war und damals in Ninive wohnte, in dieser Erzählung weder in jüdischer noch in medischer Münze rechnet; denn die Drachme ist eine durch und durch griechische Münze. — Tobias der Sohn machte sich also mit dem falschen Asarja auf den Weg, « und der Hund des Hauses brach mit ihnen auf ». Man kann sich wohl denken, dass diese Reise nicht ohne [710] Abenteuer abgehen sollte. « Als sie am Abend an die Ufer des Tigris kamen, herbergten sie daselbst. Und der junge Tobias ging hinab, um sich die Füße im Strom zu waschen; aber siehe, ein enormer Fisch sprang aus dem Wasser, um ihn zu verschlingen. Da sprach der Engel zu ihm: Ergreife diesen Fisch bei den Kiemen. Tobias nahm ihn also und zog ihn heraus aufs Land. » (Tobit 6:1-3)
343. Tobias der Sohn und der Engel Raphael beim Fischen. Man fragt sich hier, wie ein so monströser Fisch, der imstande war, einen Menschen zu verschlingen, sich so leicht bei den Kiemen ergreifen lassen konnte, wie [711] ein simples Kaninchen, das man an den Ohren aufhängt. Aber durch so wenig lassen sich die Theologen nicht in Verlegenheit bringen. Es ist offensichtlich, dass es keine solchen Süßwasserfische gibt; darum war dieser schreckliche Fisch ausnahmsweise von Jehova dorthin gesetzt worden; er war ganz eigens für die Bedürfnisse der Sache erschaffen worden; es war eine göttliche Inszenierung, und es ist also unnütz, die Art zu erforschen, zu der dieses aquatische Monstrum gehörte. — Der Engel sagte darauf zu dem jungen Tobias, er solle den [712] Fisch aufschlitzen und das Herz, die Leber und die Galle beiseitelegen. Als diese Operation vollbracht war, wurde der Fisch gebraten, und die beiden Gefährten nährten sich davon bis Ekbatana. « Da sprach Tobias zu dem Engel: Asarja, mein Bruder, was sollen wir mit dem Herzen, der Leber und der Galle dieses Fisches tun, den ich neulich gefangen habe? Raphael antwortete ihm: Das Herz und die Leber, wenn man sie auf Kohlen röstet, erzeugen einen Rauch, der den Teufel oder jeden bösen Geist vertreibt, der einen Mann oder ein Weib verstört; was aber die Galle betrifft, wenn man damit die Augen eines Menschen bestreicht, der durch Flecken blind geworden ist, so ist dieser Mensch alsbald geheilt. » (v. 6-8) Raphael riet darauf dem jungen Tobias, seinen Verwandten Raguel um Gastfreundschaft zu bitten und dessen Tochter Sara zur Gattin zu nehmen. Tobias war in diesem zweiten Punkt überaus unschlüssig. « Er sprach zu dem Engel: Asarja, mein Bruder, ich habe sagen hören, dass dieses junge Mädchen sich schon siebenmal verheiratet hat und dass alle ihre Ehemänner tot in der Brautkammer gefunden worden sind. Nun hat mein Vater kein anderes Kind als mich, und ich fürchte, wenn ich Sara ehelige, wie die anderen zu sterben; denn es ist ein böser Geist, der sie liebt und der einen jeden anfällt, der bei ihr liegen will. Der Engel antwortete ihm: Gedenkst du nicht, dass dein Vater dir empfohlen hat, ein Weib aus deiner Verwandtschaft zu ehelichen? Darum höre mich, und zögere nicht, Sara zum Weibe zu nehmen. Was aber den bösen Geist betrifft, so habe darum keine Sorge. Wenn der Augenblick gekommen sein wird, dich zu Bett zu legen, so sollst du das Herz und die Leber des Fisches auf einem Räucherbecken rösten, und es wird ein sehr stinkender Rauch davon ausgehen; nun wird der böse Geist, wenn er diesen Geruch riecht, fliehen und nimmermehr wiederkommen. Als Tobias diese Worte gehört hatte, fasste er Vertrauen, und er ward sehr verliebt in Sara, und sein Herz hing ihr über die Maßen an. » (Tobit 6:13-17) Beachten Sie, dass der Sohn Tobias seine junge Verwandte noch nicht gesehen hatte. « Sie kamen darauf nach Ekbatana und begaben sich zu dem Hause Raguels. Sara kam ihnen entgegen, grüßte sie, und sie grüßten sie; dann ließ sie sie eintreten. Und Raguel sprach zu Edna, seinem Weibe: Oh! wie gleicht dieser junge Mann Tobias, meinem Verwandten! » (Tobit 7:1-2) Der Sohn Tobias nennt seinen Namen; man umarmt sich; ein großes Festmahl wird bereitet, aber Tobias weigert sich, irgendein Gericht anzurühren, wenn Raguel ihm nicht auf der Stelle seine Tochter zur Ehe gewährt. Raguel antwortet, dass er es gern wolle; jedoch legt er Wert darauf, dem jungen Mann die grässliche Geschichte [713] der sieben Ehemänner zu erzählen, die noch in ihrer Hochzeitsnacht erwürgt wurden. Tobias bestand darauf und versicherte, er für seine Person fürchte nichts. « Da rief Raguel Sara, seine Tochter, nahm sie bei der Hand und gab sie Tobias und sprach: Hier ist sie, ich gebe sie dir zum Weibe; gehe in sie ein, nach deinem Recht, und danach sollst du sie in das Haus deines Vaters führen. Worauf er sie segnete; dann nahm er Täfelchen, machte den Vertrag und versiegelte ihn. » (Tobit 7:15-16) Nehmen Sie das Beefsteak weg! (fr. „Enlevez le bifteck !“, ein Ruf aus dem Restaurant, der zur umgangssprachlichen Redensart der Zeit geworden war: ungefähr „die Sache ist erledigt, gehen wir zu etwas anderem über“) « Edna bereitete die Brautkammer und führte Sara hinein, die weinte; und sie wischte ihre Tränen ab und sprach zu ihr: Sei guten Mutes, meine Tochter. (v. 19-20) Und als sie das Abendessen beendet hatten, führten Raguel und Edna Tobias zu Sara. Da gedachte Tobias der Worte seines Gefährten Asarja, nahm von der Glut, legte das Herz und die Leber des Fisches darauf, und es stieg alsbald ein dicker Rauch davon auf. Und als der böse Geist Asmodi diesen Geruch roch, floh er bis ans Ende von Oberägypten; aber der Engel jagte ihm zugleich dorthin nach, ergriff ihn und kettete ihn sehr fest an. » (Tobit 8:1-4)
346. Tobias der Sohn ehelicht Sara und vertreibt den Teufel Asmodi. Theologen haben sich gefragt, ob der Teufel Asmodi noch angekettet ist und an welchem genauen Ort: gewichtige Frage! Fluten von Tinte sind geflossen, um sie zu lösen. Die Schlauesten sind die Mönche eines ägyptischen Klosters, die den Pilgern einen sehr tiefen Brunnen zeigen, wo, wie sie sagen, Raphael seinen Feind festgebunden hat, welcher noch darin ist; gegen eine Gabe an die guten Ordensleute wirft man einen Stein oder einige Tropfen Weihwasser in den Brunnen, um die Marter des entmachteten bösen Dämons zu vermehren. « Da der böse Geist nicht mehr in der Kammer war, kniete Tobias auf dem Bett nieder (v. 5) und sprach: Herr, du bist Zeuge, dass ich dieses Weib nicht um der Unzucht willen nehme, sondern ich nehme sie in Redlichkeit; so lass uns denn miteinander alt werden. Und Sara, die auch betete, sprach: Amen! Da legten sie sich nieder, und sie brachten diese erste Nacht mit Schlafen zu. » (v. 9-10) Überzeugt, dass Tobias nicht davonkommen würde, grub Raguel währenddessen eine Grube im Garten (v. 11). Aber als er am folgenden Morgen erfuhr, dass sein Schwiegersohn heil und gesund war, geriet er in eine unbeschreibliche Freude. Er befahl seinen Dienern, die Grube zuzuschütten, und beschloss, dass die Hochzeit vierzehn Tage dauern sollte. « Und er sprach zu Tobias: Die Hälfte von allem, [714] was ich besitze, sollst du nehmen, und so sollst du zu deinem Vater ziehen; was das Übrige betrifft, so sollst du es haben, wenn wir tot sein werden, ich und mein Weib. » (v. 22) Während der Hochzeit machte der Engel Raphael, der aus Oberägypten zurückgekehrt war, in der Gestalt des Asarja die Reise nach Rages; der Borger Gabael hatte in seinen Geschäften Erfolg gehabt und gab ohne Schwierigkeit die zehn Talente von Tobias dem Vater zurück (Tobit 9). Endlich kehrten der Sohn Tobias, seine Frau, der engelhafte Gefährte und der [715] Hund nach Ninive zurück, wo der alte Blinde zu verzweifeln begann. « Tobias rieb mit der Galle des Fisches die Augen seines Vaters ein und sprach zu ihm: Sei guten Mutes, mein Vater. Und als ihn seine Augen juckten, fiel eine albuminöse Haut wie Eiweiß davon ab; und als Tobias nun seinen Sohn sah, warf er sich ihm um den Hals und weinte. » (Tobit 11:10-11)
345. Tobias der Sohn heilt die Erblindung seines alten Vaters. Es blieb nur noch übrig, Asarja den versprochenen Lohn zu zahlen; dieser wies die Drachmen zurück, gab sich als Raphael zu erkennen, einer der sieben [716] wichtigsten Engel in der himmlischen Hierarchie, und verschwand (ch. 12). Während die Hebräer des Königreichs Israel in Ninive, Rages, Ekbatana und anderen medischen Städten in Gefangenschaft waren — eine Gefangenschaft, die Gefangenen wie Raguel erlaubte, Domestiken, Herden und einen großen Hausstand zu haben, und anderen wie Tobias, einem Kameraden fünfzigtausend Franken zu leihen, ohne sich zu genieren —, bestand das Königreich Juda fort, zuerst unter dem frommen Regiment Hiskias, der in der religiösen Frage keinen Spaß verstand. « Er schaffte die Höhen ab, schlug die Statuen der fremden Götter in Stücke, hieb die Haine um, in denen man den Priapen einen Kult erwies, und zerschlug sogar die eherne Schlange, das Werk Moses, weil die Juden ihr räucherten. » (2 Könige 18:4)
347. Vorbildliche Frömmigkeit Hiskias, des Königs von Jerusalem. Darum gab ihm Papa Lieber Gott den Sieg über die Philister. Dennoch gab ihm Jehova unter gewissen Umständen nur einen halben Schutz: so kam es, dass Hiskia im vierzehnten Jahr seiner Regierung sein Gebiet von Sanherib, dem Sohn Salmanassars, überfallen sah und dass er die Aufhebung der Besetzung nur erlangte, indem er diesem König von Ninive dreihundert Talente Silber und dreißig Talente Gold zahlte (2 Könige 18:14). « Und Hiskia gab alles Silber, das sich im Hause des Ewigen und in den Schätzen des königlichen Hauses fand; er entblößte sogar die Türen des Tempels und die Oberschwellen, die er selbst mit Goldblechen überzogen hatte, und er gab alle diese Reichtümer Sanherib. » (v. 15-16) Nach diesem Beutezug hätte Sanherib Hiskia in Frieden lassen können. Überhaupt nicht. Er kehrte bald zum Angriff zurück, indem er ihm einen gewissen Rabsake schickte, der beauftragt war, ihm eine Frage zu stellen, während er Jerusalem von seinem Heer einschließen ließ. Diese Frage war folgende: Welches ist das Vertrauen, auf das du dich stützt? Wenn es dein Vertrauen auf Jehova ist, so wird es dich nicht retten. Hiskia hatte drei Parlamentäre zu Rabsake abgeordnet, und als diese eine solche Sprache hörten, sagten sie zu ihm: « Wir bitten dich, mit uns in syrischer Zunge zu reden, denn wir verstehen sie; aber rede nicht in jüdischer Zunge, um des Volkes willen, das dort auf den Wällen ist und zuhört. » (v. 26) Aber Rabsake war noch insolenter. « Mein Gebieter, sprach er, hat mich gesandt, damit jedermann höre, was [717] ich zu sagen habe; und die Einwohner Jerusalems müssen wissen, dass wir sie ihre eigenen Exkremente essen lassen werden und dass sie ihren Harn mit euch trinken werden. » (v. 27) Hiskia hatte nicht allzu viel Vertrauen auf Jehova gehabt, da er sich zuallererst ohne Widerstand hatte ausplündern lassen. Indessen richtete ihn der Prophet Jesaja, der damals lebte, wieder auf, und, was das Wichtigste war, Papa Lieber Gott kam ihm zu Hilfe. « Es begab sich in einer Nacht, dass ein Engel Jehovas vom Himmel herabkam und hundertfünfundachtzigtausend Mann im Lager der Assyrer rings um Jerusalem tötete; und bei Tagesanbruch, als der König Sanherib alle diese toten Leiber sah, befahl er den Überlebenden, das Gepäck zusammenzulegen, und kehrte nach Ninive zurück. » (2 Könige 19:35-36)
348. Dem belagerten Hiskia kommt der Würgengel zu Hilfe. Die Bibel sagt darauf, dass Sanherib von seinen Söhnen Adrammelech und Sarezer getötet wurde, die nach diesem Mord in Armenien Zuflucht suchten, und dass ein anderer Sohn Sanheribs, namens Asar-Haddon, den Thron bestieg (2 Könige 19:37); dann sagt der heilige Verfasser im folgenden Kapitel, dass Hiskia in den letzten Jahren seiner Regierung ein Bündnis mit Merodach-Baladan, dem König von Babylon, schloss (2 Könige 20:12). Diese Behauptungen stimmen kaum mit den Entdeckungen der Archäologen über die Geschichte der assyrischen Königreiche überein; denn aus den Inschriften des berühmten Palastes von Khorsabad, den M. Botta, der französische Konsul in Mossul, 1842 entdeckte, geht hervor, dass Merodach-Baladan von Salmanassar selbst, dem Vater Sanheribs, seinem Besieger in der Schlacht von Betlakin (709 v. Chr.), aus Chaldäa vertrieben wurde und dass Salmanassar sich nach diesem Sieg Babylons bemächtigte und dieses Königreich mit dem von Ninive vereinigte. Wie also konnte Hiskia unter der Regierung Asar-Haddons, des Sohnes Sanheribs, der Verbündete Merodach-Baladans sein, da dieser König von Babylon seine Staaten in seinem Krieg gegen den König von Ninive, den Großvater Asar-Haddons, verloren hatte, und da Asar-Haddon, der zur Zeit der letzten Jahre Hiskias regierte, zugleich König von Ninive und von Babylon war? Aber wenn man die Entdeckungen der Gelehrten nicht berücksichtigen will und wenn man es vorzieht, sich ausschließlich auf die Bibel zu verlassen, so kann man dennoch nicht umhin, diese Bemerkung zu machen: dass nämlich Jehova, der zu Hiskia durch den Mund des Propheten Jesaja gesagt hatte: « Ich will Jerusalem befreien, und, wenn ich [718] will, dass diese Stadt vor den Feinden bewahrt sei, so ist es um meinetwillen und um der guten Werke Davids willen » (2 Könige 19:34), es sehr wohl hätte unterlassen können, die zweite Invasion Sanheribs abzuwarten; denn da er in seiner Eigenschaft als Allmächtiger dekretiert hatte, dass Jerusalem unter seinem Schutz stehe, so wäre es besser gewesen, es sofort zu beschützen, statt Sanherib zu erlauben, alle Reichtümer des Landes und alle Schätze des Tempels, der göttlichen Wohnung, davonzutragen. Man versteht [719] auch nicht, warum Herr Zebaoth, der sich feierlich zum Beschützer des Stammes Juda erklärte und der durch den Arm seines Würgengels in einer einzigen Nacht hundertfünfundachtzigtausend Assyrer tötete, einige Jahre später diesen Stamm verließ, dessen Rute immer herrschen sollte, sein sakrosanktes Heiligtum durch ein anderes Heer von Assyrern zerstören ließ und ganz ruhig diesen Stamm und den von Benjamin, mit so vielen Leviten, in Eisen gelegt sah. [720] Hier ist noch eine Tatsache über Hiskia, deren Einzelheiten durchaus merkwürdig sind. Dieser Fürst hatte im Alter von fünfundzwanzig Jahren den Thron bestiegen, und Gott hatte in das Buch seines Schicksals geschrieben, dass er in seinem neununddreißigsten Jahr sterben würde; aber infolge von Umständen, die es verdienen, erwähnt zu werden, fuhr Jehova mit dem Radiermesser über diese Seite des großen ewigen Buches und trug von neuem ein, dass Hiskia bis zum Alter von vierundfünfzig Jahren leben würde. Im vierzehnten Jahr seiner Regierung wurde Hiskia also krank, gemäß dem, was dort oben vor dem Strich mit dem Radiermesser geschrieben stand. Der König von Juda ließ keinen Arzt rufen; was auch recht unnütz gewesen wäre, da er den Propheten Jesaja zur Hand hatte, einen heiligen Mann, der ganz und gar auf dem Laufenden war über das, was Gott beschlossen hatte. Als Jesaja erfuhr, aus welchem Grund der königliche Kranke ihn zu konsultieren verlangte, beeilte er sich zu kommen. « Und Jesaja sprach zu Hiskia: Siehe, Adonai lässt dir durch meine Stimme sagen, du sollst sofort Ordnung in deine Angelegenheiten bringen, in Erwägung, dass die Stunde deines Todes naht und dass du ganz gewiss aufhören wirst zu leben. Da wandte Hiskia sein Antlitz gegen die Wand und betete zu dem Ewigen. Gedenke, Herr, sprach er, wie sehr ich aufrecht vor dir gewandelt bin mit reinem Herzen und wie sehr ich alles getan habe, was dir angenehm ist. Und er vergoss reichlich Tränen. Indessen hatte sich Jesaja zurückgezogen; aber er war noch nicht aus dem Vorzimmer hinausgegangen, als Gott also zu ihm redete: Kehre um und sage Hiskia, dass ich, von seinen Tränen gerührt, ihn heilen will; und in drei Tagen wird er auf den Beinen sein und in den Tempel kommen; verkündige ihm auch, dass ich ihm von heute an fünfzehn Jahre des Daseins hinzutue. » (2 Könige 20:1-6) Lord Bolingbroke scherzt über die Unbeständigkeit der Dekrete des jüdischen Gottes und fragt, in welcher Gestalt er war, als er Jesaja mitten im Vorzimmer seine Willensänderung erklärte. Ohne sich verblüffen zu lassen, richtete Jesaja seinen neuen Auftrag aus. Aber es scheint, dass der Sterbende angesichts dieser zwei widersprüchlichen Weissagungen nicht allzu beruhigt war: « Hiskia fragte Jesaja: Durch welches Zeichen wird Jehova mir zeigen, dass ich geheilt werde und dass ich in drei Tagen in den Tempel gehen kann? Jesaja antwortete ihm: Dies ist das Zeichen, das der Ewige dir zur Wahl gibt, um dir Gewissheit zu geben, dass es meine zweite Weissagung ist, [721] die sich erfüllen wird, und nicht die erste: willst du, dass der Schatten der Sonnenuhr auf einmal um zehn Grad vorrücke, oder ziehst du es vor, dass er um zehn Grad zurückgehe? Hiskia sprach zu ihm: Es ist leicht, dass der Schatten des eisernen Stäbchens anfange, um zehn Grad auf dem Zifferblatt vorzurücken; das ist es also nicht, was ich will, sondern ich bitte, dass er um zehn Grad rückwärts zurückweiche. Der Prophet Jesaja stieß einen Schrei zu dem Ewigen aus, und Adonai ließ den Schatten über die Grade zurückgehen, die er schon auf der Sonnenuhr des Ahas durchlaufen hatte, bis zum zehnten Grad rückwärts. Danach ließ Jesaja eine Feigenmarmelade auf das Geschwür Hiskias legen, und der König ward geheilt. » (v. 7-11) Eine Wolke von Glaubenslosen stürzt sich auf diese Feigenmarmelade und auf diese angeheiterte Sonnenuhr. Entweder war das Übel Hiskias, sagen sie, eine recht geringe Sache, da es durch ein simples Feigenpflaster geheilt wurde; oder aber allein die Kraft der göttlichen Gewalt bewirkte die Heilung des Königs, der zwei Fingerbreit vom Tode entfernt war, und dann ist diese Marmelade von einer absoluten Nutzlosigkeit, welche die Augen aussticht. Was die Geschichte von der Sonnenuhr betrifft, so macht Hiskia auf alle Kritiker den Eindruck eines vollkommenen Schwachkopfs, wenn er sagt, dass es für den Schatten leichter sei vorzurücken als zurückzuweichen; in dem einen wie in dem anderen Fall werden die Gesetze der Natur gleichermaßen verletzt, und die ganze Ordnung des Himmels wird gleichermaßen unterbrochen. Außerdem erscheint das Zurückgehen des Schattens auf der Sonnenuhr des Ahas nur als eine verstärkte Kopie des Wunders Josuas. Dagegen zögern die Theologen nicht zu glauben, dass die Sonne für Josua stehen blieb und für Hiskia zurückwich. Jesaja selbst kommt im Kap. 38 seines Buches der Weissagungen auf diese Tatsache zurück und sagt sehr deutlich: « Die Sonne ging um zehn Grad zurück »; aber es ist klar, dass Jesaja, obgleich Prophet, sich den Finger ins Auge steckt; denn der Schatten ist der Sonne immer entgegengesetzt, und, wenn die Sonne im Osten steht, ist der Schatten im Westen. Damit der Schatten auf der Sonnenuhr des Ahas um zehn Grad gegen Morgen zurückginge, hätte die Sonne um zehn Grad gegen Abend vorgerückt sein müssen. Die materielle Tatsache der Bewegung des Schattens auf dem Zifferblatt, so wie der heilige Verfasser sie angibt, wäre also unmöglich, selbst wenn das Wunder möglich wäre. Schließlich hätte es, alles in Betracht gezogen, in der Natur einen doppelten Tag gegeben und eine gänzlich abgeschaffte Nacht! [722] Aber das Merkwürdigste unter allen seltsamen Tatsachen, die diese Zeit kennzeichnen, ist das Hinscheiden Jesajas: dieser Mann, der das fleischgewordene Wunder war, konnte an dem Tag, da sein Leben in Gefahr war, keinerlei Wunder tun. Manasse, Sohn und Nachfolger Hiskias, den der Coup mit der Sonnenuhr überaus skeptisch gelassen hatte, war ebenso gottlos, wie sein Vater frömmlerisch gewesen war. Da er sehen wollte, ob Jesaja zu seiner eigenen Rettung irgendeine Feigenmarmelade hätte, ließ er den Propheten ergreifen und befahl, [723] ihn entzweizusägen. Der bedauernswerte Jesaja wurde zersägt, als ob er ein simples Brett gewesen wäre; weder Raphael noch irgendein anderer Engel kamen ihm zu Hilfe. Vielleicht war Jehova während der Marter seines treuen Dieners mit den Angelegenheiten irgendeines anderen Planeten beschäftigt.
349. Unangenehmes Ende des Propheten Jesaja. Da wir gerade bei diesem so verworrenen Zeitraum am Ende des Königreichs Juda sind, ist von Judith zu sprechen, deren einzige Heldentat auf ewig berühmt ist und sich [724] in einem besonderen Buch erzählt findet. Die Episode ist so bekannt, dass es genügen wird, sie in einigen Zeilen in Erinnerung zu rufen. Zu einer Zeit, welche die Bibel nicht genau angibt, die aber der Zerstörung des Königreichs Juda kurz vorausgeht, wurde die Stadt Bethulia, die den Geschichtsschreibern und den Geographen ganz und gar unbekannt ist, von einem Heer Nebukadnezars in Blockadezustand versetzt, das der General Holofernes befehligte, eine Gestalt, von der in den assyrischen Dokumenten nirgends die Rede ist. Holofernes schnitt die Kanäle ab, welche Bethulia speisten, so dass die Belagerten, des Wassers beraubt, die Zunge heraushängen ließen wie Pudel im Sommer.
350. Die Stadt Bethulia, des Wassers beraubt. Die Lage wurde unerträglich. Da beschloss eine hübsche bethulische Witwe, Judith, deren Mann zur Zeit der Gerstenernte an einem Sonnenstich gestorben war, ihr Vaterland zu retten. Zu diesem Zweck legte sie ihre schönste Robe an, parfümierte sich mit den aufreizendsten Düften und begab sich, gefolgt von einer alten Negerin, ins Lager der Belagerer. Galant im höchsten Grade, wie es die Gewohnheit der pioupious (ein umgangssprachliches französisches Wort für den jungen Infanteriesoldaten, scherzhaft dem Piepen der Küken nachgebildet) ist, lud Holofernes Judith ein, im Tête-à-tête in seinem Zelt zu dinieren.
351. Die Witwe Judith stellt sich bei Holofernes vor. Man trieb Schlemmerei, man leerte zahlreiche Becher, man sagte sich beim Dessert sogar Liebenswürdigkeiten. Aber nach dem Festmahl, während Holofernes, sehr zufrieden mit seinem Abend, sich auf seinem Ruhebett räkelte, ergriff Judith hurtig ein schneidendes Instrument und enthauptete mit einem scharfen Hieb den General. Man sage danach noch, dass die Liebe einen nicht manchmal den Kopf verlieren lässt!
352. Holofernes wird von Judith hingeopfert. Dann kehrte Judith, ohne von jemandem gesehen zu werden, in die Stadt zurück; die Negerin, ihre Zofe, hatte den Kopf des Holofernes in einen Sack gesteckt. Man hängte an die Mauern Bethulias die Visage (fr. „la binette“, ein umgangssprachliches Wort: das Gesicht) des Generalissimus der Heere Nebukadnezars. Als die Belagerer sie erblickten, flohen sie daher in vollem Lauf, ohne auch nur daran zu denken, sich unter die Befehle eines anderen Hauptes zu stellen.
353. Fröhliche Befreiung Bethulias. Wir werden uns darauf beschränken, den Kommentar Voltaires zu dieser biblischen Episode wiederzugeben: « Ein Geograph hätte große Mühe, Bethulia unterzubringen: bald setzt man es vierzig Meilen nördlich von Jerusalem, bald einige milles südlich; aber eine anständige Frau hätte noch größere Mühe, das Betragen der schönen Judith zu rechtfertigen. Hinzugehen und bei einem General des Heeres zu liegen, um ihm den Kopf abzuschneiden, das ist nicht sittsam. Diesen ganz [725] blutigen Kopf mit ihren blutigen Händen in einen kleinen Sack zu stecken und friedlich mit ihrer Magd durch ein Heer von fünfzigtausend Mann zurückzukehren, ohne von irgendeinem Wachtposten angehalten zu werden, das ist nicht alltäglich. Eine noch seltenere Sache ist es, nach dieser schönen Heldentat hundertfünf Jahre im Hause ihres seligen Mannes gewohnt zu haben, wie es in Kapitel 16, v. 28 gesagt ist. Wenn wir annehmen, dass sie dreißig Jahre alt war, als sie diesen kräftigen Schlag führte, so hätte sie also hundertfünfunddreißig Jahre gelebt. Dom Calmet zieht uns aus der Verlegenheit, indem er uns sagt, dass sie fünfundsechzig Jahre alt war, als Holofernes sich in ihre äußerste Schönheit verliebte: das ist das schöne Alter, um Köpfe zu verdrehen und abzuschneiden. Aber der Text stürzt uns wieder in eine andere Schwierigkeit: er sagt, dass niemand Israel in Unruhe stürzte, solange sie lebte; und unglücklicherweise war das die Zeit seiner größten Desaster. » Hier ist übrigens der Text, Wort für Wort übersetzt: « Und all die Zeit, da Judith lebte, war niemand, der Israel in Grauen versetzte, bis lange nach ihrem Tode. » (Judith 16:30, am Schluss des Buches) Dieser Text wird uns dazu dienen, wieder einmal zu zeigen, mit welchem Aplomb der göttliche Inspirator der Bibel die Gläubigen zum Narren hält. Wenn man die Auslegung des Benediktiners Calmet und der katholischen Theologen gelten lässt, das heißt, dass Judith fünfundsechzig Jahre alt war (was nirgends gesagt wird), als sie Holofernes tötete, und dass der Vers 28 bedeutet, dass sie im Ganzen hundertfünf Jahre lebte, und nicht weitere hundertfünf Jahre nach ihrer Heldentat, so bleiben nichtsdestoweniger vierzig Jahre zwischen der vorerwähnten Heldentat und dem Tod der Heldin. Nun findet man, wenn man das biblische Buch der Könige (die den letzten Königen von Juda gewidmeten Kapitel) mit dem zusammenhält, was man von der Geschichte der Reiche Assyriens weiß, darin den schlagenden Beweis, dass die Geschichte Judiths eine Lüge ist. Asar-Haddon, von dem vorhin die Rede war, zweiter Sohn Sanheribs, regierte zugleich über Ninive und über Babylon, da sein Großvater Salmanassar, Haupt der Dynastie der Sargoniden, den König Merodach-Baladan, letzten Nachfahren Nabonassars, aus Babylon vertrieben hatte. Asar-Haddon behielt Ninive als Hauptstadt, setzte aber in Babylon einen [726] Satrapen ein, Saosducheus; dieser rief beim Tode Asar-Haddons (668 v. Chr.) seine Unabhängigkeit aus und regierte in Babylon, trotz Thiglath-Pileser V., dem dritten Sohn Sanheribs und Nachfolger Asar-Haddons, und trotz Sardanapal VI., dem König von Ninive (von 660 bis 647). Schließlich folgte Assurdanil II. (der Kiniladan der Griechen) seinem Vater Sardanapal VI. nach und bemächtigte sich Babylons schon im ersten Jahr seiner Regierung, das heißt im Jahr 647, und setzte dort abermals Satrapen ein. In die [727] Regierung Assurdanils II. fällt die Invasion des Pharao Necho, der, als er Judäa durchzog, um die Assyrer zu bekämpfen, in der Schlacht bei Megiddo den frommen Josia, Enkel Manasses und Urenkel Hiskias, König von Juda, tödlich verwundete. Zudem regierte zu derselben Zeit Kyaxares I., dessen Geschichte bei Herodot steht, in Medien (635-595) und rottete aus, was an Skythen in Asien übrig war. Unter der Regierung Sardanapals VII., des Letzten seines Namens und letzten [728] Königs von Ninive, des Sohnes Assurdanils II., erklärt sich der Satrap von Babylon, Nabopolassar, für unabhängig, schließt ein Bündnis mit dem König der Meder, Kyaxares, dessen Tochter seinen Sohn Nebukadnezzar (Nebukadnezar in der Bibel) ehelicht; im Jahr 606 bemächtigt sich Nabopolassar Ninives unter Mitwirkung des Kyaxares; Sardanapal VII. (fr. „Sardanapale V“ im Text von 1904) stirbt, Ninive wird zerstört, das ist das Ende des zweiten bekannten assyrischen Reiches. Nabopolassar, dessen in der Geschichte berühmte Gattin die Ägypterin Nitokris ist, gründet das dritte Assyrerreich, das sogenannte chaldäisch-babylonische Reich; Nitokris überhäuft Babylon, die Hauptstadt des neuen Reiches, mit Verschönerungen, und der Erbprinz Nebukadnezar, der den Pharao Necho bei Karchemis, am Euphrat, besiegt hat, wird zum Mitregenten erhoben. Zu jener Zeit fiel Nebukadnezar zum ersten Mal in Judäa ein, um den König Jojakim, den Sohn Josias, zu züchtigen, der für Necho gegen die Assyrer Partei ergriffen hatte; Jerusalem kauft sich los, aber ein Teil des Volkes wird nach Babylon weggeführt; das ist der Anfang der siebzig Jahre der Gefangenschaft, und von da an wird das Königtum von Juda nur noch neunzehn Jahre dauern. So stimmen die Tatsachen dieser ersten Invasion Nebukadnezars in Judäa, Tatsachen, die das zweite Buch der Könige anerkennt (2 Könige 24), durchaus nicht mit dem überein, was die Bibel uns an anderer Stelle über Judith erzählt. Wenn die Episode des Holofernes in diese Zeit fiele, so steht es außer Zweifel, dass Nebukadnezar bei dieser ersten siegreichen Invasion dafür Rache genommen hätte. Die folgenden historischen Tatsachen stimmen nicht besser überein. Im Jahr 601 zahlt Jojakim trotz der Warnungen Jeremias, der fühlte, dass das Königreich Juda bald kläglich enden würde wie das Israels, Nebukadnezar keinen Tribut mehr; das ist eine Empörung des jüdischen Königleins.
354. Der Prophet Jeremia, wehklagender Monologist. Muss man die Expedition des Holofernes etwa dann ansetzen? Nein; denn die israelitischen Waffen glänzen in jenen Jahren kaum! Nach vier Jahren der Verwüstung des jüdischen Gebiets durch die Assyrer zieht Nebukadnezar in Jerusalem ein (das ist die zweite Einnahme der heiligen Stadt durch die Heere Babylons), bringt Jojakim zu Tode und ersetzt ihn durch seinen Sohn, der ebenfalls Jojakim heißt, genannt Jechonja. Aber nach Ablauf von drei Monaten besinnt sich Nebukadnezar eines anderen; Jojakim-Jechonja wird unter die Gefangenen gezählt, welche die Assyrer nach Babylon wegführen, nachdem sie [729] den Tempel geplündert haben; Matthanja, den Onkel des Jechonja mütterlicherseits, setzt der Sieger als Ersatz für den jungen, entthronten und gefangenen Prinzen zum König von Juda ein, und Nebukadnezar ändert den Namen des neuen Königs in Zedekia (597). In diese Zeit ist die glorreiche Episode der Judith noch nicht anzusetzen, nicht wahr? Ebenso unmöglich, sie in den neun folgenden Jahren anzusetzen, Jahren der Verödung in Judäa, Jahren, in denen das assyrische Joch härter denn je auf den Trümmern der israelitischen Bevölkerung lastet, die man in Jerusalem und anderen Städten der zwei Stämme Juda und Benjamin zurückgelassen hat. Im Jahr 588 endlich drängt der Pharao Apries nach einem glücklichen Krieg gegen die Tyrer Zedekia dazu, das Joch Babylons abzuschütteln; Apries wird in Ägypten selbst besiegt, und bei der Rückkehr von seiner triumphalen Expedition zieht Nebukadnezar zum dritten Mal vor Jerusalem, um es zu belagern. Die Heldentat der Judith hat sich offensichtlich nicht zu jenem Zeitpunkt vollzogen, denn der Sieg fiel abermals den Feinden Israels zu. Das ist die Belagerung von achtzehn Monaten, die mit der Einnahme Jerusalems und dem Ende des Königreichs Juda (587) schloss, nachdem die Assyrer in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli durch die Bresche in die Stadt Davids eingedrungen waren; der Tempel und der Palast werden zerstört, die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Privatleute werden in Brand gesteckt, die Wälle werden niedergerissen; die ganze königliche Familie wird niedergemetzelt, außer Zedekia, der, in Ketten gelegt und mit ausgestochenen Augen, mit den letzten Juden in die Gefangenschaft nach Babylon weggeführt wird.
355. Nebukadnezar zerstört den Tempel von Jerusalem. (auf dem Wagen steht „Déménagements“, Umzüge: Nebukadnezar räumt den Tempel aus wie ein Möbelspediteur) Also hat Nebukadnezar von 606 bis 587 nicht aufgehört, die Geißel Judäas zu sein; einzig während dieses Zeitraums sind seine Heere auf das hebräische Gebiet gekommen, und immer sind sie siegreich gewesen, sei es unter dem Befehl seiner Generäle, sei es, dass er sie in Person befehligt hat; das wird im biblischen Buch der Könige ausdrücklich anerkannt. In Anbetracht dessen also, dass das Buch Judith die angebliche Heldentat der Heldin darlegt und versichert, sie sei gegen einen General Nebukadnezars vollbracht worden, in Anbetracht dessen, dass Assyrien keinen anderen König des Namens Nebukadnezzar (Nebukadnezar) gehabt hat, ist das Buch Judith von seiner ersten Zeile bis zur letzten eine verwegene Lüge; und Voltaire hat recht gehabt zu sagen, dass die Zeit, welche die Theologen der Existenz [730] Judiths zuweisen, genau die Zeit der größten Desaster der jüdischen Nation ist. « Einige Anhänger der Judith, fährt Voltaire fort, haben die Ansicht vertreten, es sei etwas Wahres an ihrem Abenteuer, da die Juden alle Jahre das Fest dieser staunenswerten Frau begingen. Man hat ihnen geantwortet, dass, selbst wenn die Juden zwölf Feste im Jahr zu Ehren der heiligen Judith eingesetzt hätten, dies nichts beweisen würde. [731] Die Griechen hätten noch so oft das Fest des Trojanischen Pferdes begehen können, es wäre darum nicht weniger falsch und nicht weniger lächerlich, dass Troja durch dieses große hölzerne Pferd eingenommen worden wäre. Fast alle Feste der Griechen und der alten Römer feierten sagenhafte Abenteuer. Kastor und Pollux waren gewiss nicht vom Himmel und aus der Unterwelt gekommen, um sich an die Spitze eines römischen Heeres zu stellen, und trotzdem feierte man dieses schöne Wunder. Man feierte die Vestalin Silvia, der der Gott Mars während ihres Schlafes zwei Kinder [732] (Romulus und Remus) machte, als die Latiner noch weder den Gott Mars noch die Vestalinnen kannten. Jede Fabel hatte ihr Fest in Rom wie in Athen. Jedes Denkmal war errichtet worden, um eine Betrügerei zu heiligen. Je heiliger sie waren, desto sicherer ist es, dass sie lächerlich waren. Und haben wir nicht, ohne Beispiele zu weit zu suchen, in der griechischen Kirche noch die Fabel von den Sieben Schläfern und in der römischen Kirche die Fabel von den Elftausend Jungfrauen? Gibt es irgendetwas Berühmteres in unserem Abendland als Epiphanias und diese drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, die zu Fuß von den äußersten Enden des Morgenlandes bis in das Dorf Bethlehem kommen, von einem Stern geführt? Dasselbe kann man von Judith und Holofernes sagen. Aber es lässt sich eine noch bessere Antwort geben: nämlich, dass es falsch ist, dass die Juden jemals das Fest der Judith gehabt hätten. Ein Fälscher, ein Dominikanermönch namens Giovanni Nanni, bekannt unter dem Namen Annius von Viterbo, ließ im 16. Jahrhundert angebliche Werke des Philo und des Berossos drucken, in denen dieses angebliche Fest unterschoben wird. So haben sich tausend Meinungen festgesetzt: je lächerlicher sie waren, desto mehr Anklang haben sie gefunden. Tausendundeine Nacht regiert in der Welt. » 15. KAPITEL
Die Bücher der Weissagungen — Jesaja und Jeremia zum Beispiel — bieten in der Untersuchung, die uns beschäftigt, keinerlei Interesse. Wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der angekündigten Tatsachen betrachtet, bemerkt man, dass die Ereignisse, sobald sie mit Genauigkeit angegeben sind, ausschließlich solche sind, die nachträglich berichtet werden konnten; diese vorgeblich im Voraus geschriebenen Schilderungen sind Dubletten anderer Stellen der Bibel. Was die Mehrzahl dieser Weissagungen betrifft, so sind sie vor allem so vage wie möglich; was den Priestern erlaubt, sie nach ihrem Gutdünken auszulegen und sogar ihre Auslegungen je nach [733] ihren Interessen und dem Gang der Ereignisse zu variieren. Wir werden uns bei diesen Faseleien nicht aufhalten; das hieße, den Leser um seine Zeit zu bringen, genau so, als ob wir es unternähmen, die Psalmen Davids zu kommentieren, die ebenfalls zur Bibel gehören. Wir werden also dieses Werk beschließen, indem wir in einem letzten Kapitel alle Episoden zusammenstellen, deren Wahrheit die Kirche versichert und die mehr oder weniger dogmatisch die Geschichte des hebräischen Volkes von der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar bis zur Geburt Jesu Christi ausmachen; denn für die Christen ist dies das Ende des Alten Testaments. Der Leser wird so eine Auswahl der merkwürdigsten und der sonderbarsten Stücke haben, angefangen mit Daniel, dessen Abenteuer aus der Zeit Nebukadnezars und seiner Nachfolger stammen. Das Buch Daniel beginnt damit, uns zu belehren, dass der König Nebukadnezar in Babylon unter seinen Eunuchen vier junge Juden von edlem Geschlecht erziehen ließ, erwählt unter denen, die am schönsten von Antlitz waren. Aspenas, das Haupt der Eunuchen, vertraute dem Melzar, Unterhaupt der Eunuchen, diese vier Jünglinge an: Daniel, Sadrach, Mesach und Abed-Nego. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, dass man sie verschnitt; aber das geht recht gut aus dem Text hervor. Wie dem auch sei, diese Erziehung schlug bei den jungen Leuten bewundernswert an, und nachdem Nebukadnezar sie eine Prüfung hatte ablegen lassen, erkannte er, dass sie zehnmal intelligenter und gelehrter waren als alle Wahrsager und Astrologen seines Königreichs (Daniel 1). Eines Tages, oder vielmehr eines Nachts, hatte Nebukadnezar einen Traum, über den er so verstört war, dass er sich bei seinem Erwachen nicht daran erinnern konnte. Er beschied alle seine chaldäischen Magier vor sich und forderte sie in aller Form auf: 1. ihm zu sagen, was er geträumt hatte, und 2. ihm die Deutung davon zu geben. Diese antworteten, dass der erste Teil dieses Problems unlösbar sei; dass aber, wenn es dem König gelänge, sich an den Traum zu erinnern, ihn zu deuten für sie die leichteste Sache der Welt wäre. Nebukadnezar erwiderte, indem er alle Magier zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung war im Gange, und die vier jungen Hebräer sollten ebenfalls draufgehen (fr. „y passer“, eine umgangssprachliche Redewendung, wörtlich „dort durchgehen“), obwohl sie nicht zur königlichen Konsultation gerufen worden waren, als Daniel erklärte, er übernehme es, Nebukadnezar an seinen Traum zu erinnern und ihm davon eine genaue [734] Auslegung zu geben. Er rief also dem König ins Gedächtnis, dass er eine große Statue gesehen hatte, deren Kopf aus Gold war, die Brust und die Arme aus Silber, der Bauch und die Hüften aus Erz, die Beine aus Eisen und die Füße teils aus Eisen und teils aus Ton; und siehe da, ein kleiner Stein, der sich von einem benachbarten Berg löste, kam und traf die Statue an ihren Füßen und zerschlug sie, so dass die ganze Statue zusammenstürzte, während der kleine Stein ein großer Berg wurde, der die ganze Erde füllte. Was die Deutung betrifft, so gab Daniel [735] sie folgendermaßen: der Kopf aus Gold, das ist Nebukadnezar in Person; und nach Nebukadnezar wird sich ein Königreich aus Silber erheben, das heißt ein geringeres; dann ein drittes Königreich aus Erz, das die Welt beherrschen wird; und an vierter Stelle wird es ein anderes ungeheures Königreich geben, halb Eisen und halb Ton, das heißt halb stark und halb schwach; alsdann wird Gott ein fünftes Königreich erwecken, das alle anderen zerschlagen und aufzehren und ewiglich aufgerichtet sein wird. Nebukadnezar, [736] verblüfft von so viel Wissenschaft, warf sich vor dem jungen Daniel nieder, gab ihm große Geschenke und ernannte ihn zum Statthalter der Provinz Babylon; wenigstens sagt das die Bibel (Daniel 2), denn die Archäologen haben in den assyrischen Inschriften niemals etwas Ähnliches entdeckt.
357. Traum Nebukadnezars, von Daniel gedeutet. Einige Zeit danach ließ Nebukadnezar auf freiem Feld, in Dura, in der Provinz Babylon, eine Statue ganz aus Gold aufrichten, sechzig Ellen hoch und sechs breit, und versammelte für den Tag der Einweihung alle Satrapen, Magistratspersonen, Amtleute, Verwalter, Steuereinnehmer, Räte, Statthalter der Provinzen usw. In einiger Entfernung von der Statue hatte man einen ungeheuren Ofen gebaut, der lichterloh brannte. Da verkündete ein Herold im Namen des Königs, dass jeder, der sich nicht vor der goldenen Statue niederwerfe, in den Feuerofen geworfen werde. Weil Sadrach, Mesach und Abed-Nego sich nicht hatten niederwerfen wollen, geriet Nebukadnezar in großen Zorn, befahl, den Feuerofen mit siebenmal mehr Brennstoff zu füllen als üblich, und ließ die drei jungen Hebräer hineinwerfen. Und der Ofen loderte so stark, dass die Männer, welche die Opfer hineinstürzten, selbst lebendig verbrannt wurden, schon dadurch, dass sie sich dem Feuer näherten. Und Nebukadnezar war aufs Höchste überrascht, als er vier Männer ganz ruhig im Feuerofen spazieren gehen sah, ohne im Geringsten von den Flammen inkommodiert zu sein; einer dieser vier Männer war einem Sohn Gottes ähnlich. Nebukadnezar lud alsdann Sadrach, Mesach und Abed-Nego ein, aus dem Feuerofen herauszukommen; was sie taten. Alle Satrapen, Magistratspersonen, Statthalter, Räte usw. und der König selbst waren voller Staunen, als sie jene Männer betrachteten, « an denen kein Haar versengt war, deren Unterhosen nicht einmal den Geruch des Feuers hatten. » Auf der Stelle erließ Nebukadnezar ein Dekret, nach dem jeder, der etwas Ungehöriges gegen den Gott der Juden sagen würde, zerstückelt und sein Haus niedergerissen werden sollte. (Daniel 3)
356. Wunder der drei jungen Hebräer im Feuerofen. Kapitel 4 ist ein Meisterwerk der Dummheit (fr. „bêtise“, von „bête“, Tier, gebildet: ein Wortspiel, denn in diesem Kapitel wird der König in ein Tier verwandelt). Die Priester erzählen, dass Nebukadnezar für sieben Jahre seines Lebens in ein Tier verwandelt wurde; aber in der Bibel muss man diese Episode lesen! In seinem Buch übergibt Daniel die Feder dem König von Assyrien, und Nebukadnezar selbst ist es, der erzählt, was [737] ihm widerfahren ist. « Ich, Nebukadnezar, König der Assyrer, wende mich an alle Völker und an die Nationen aller Zungen, die da wohnen auf der ganzen Erde; Friede sei mit allen! Es hat mir gut gedünkt, euch kundzutun die Zeichen und die Wunderdinge, die der oberste Gott an mir getan hat. » (Daniel 4:1-2) Und so weiter: siebenunddreißig Verse! Ein ganzes Kapitel der Bibel, von Nebukadnezar abgefasst! Das ist ein Fund; die Fopperei des Heiligen Geistes schreckt vor keinem Humbug zurück, um ihn die Gläubigen schlucken zu lassen... Also erzählt Nebukadnezar, dass er im Traum einen ungeheuren Baum sah, dessen Wipfel die Himmel berührte und auf dessen Zweigen sich alle Vögel der Erde niederließen; mit einem Mal stieg ein Heiliger aus einer Wolke herab und befahl, diesen Baum zu fällen, nichts von ihm übrig zu lassen als den Stamm und die Wurzeln, diese Reste mit eisernen Ketten zu binden, diesen Stamm und diese Wurzeln mit Tau zu begießen und diesem Stamm und diesen Wurzeln sieben Zeiten lang ein Tierherz zu geben. Nebukadnezar sagt, dass er Daniel in dieser Sache konsultierte und dass der Prophet ihm zuallererst offenbarte, dass dieser Baum seine königliche Person sei; der Rest des Traumes zeigte an, dass er vom Throne abgesetzt und sieben Jahre lang in ein Tier verwandelt werden würde. Nebukadnezar setzt seine Erzählung fort und schildert, dass er in der Tat eines Tages, als er auf der Terrasse seines Palastes spazieren ging und sich darin gefiel, die Herrlichkeiten Babylons zu bewundern, eine Stimme hörte, die ihm seine Absetzung zurief, und dass er alsbald aus seinem Palast vertrieben wurde, dass alle Menschen ihn schmähten und dass er genötigt war, in den Feldern Zuflucht zu suchen; dass er dort anfing, Gras abzuweiden, da er sieben Jahre lang keine andere Nahrung hatte; dass ihm am ganzen Leib Ochsenhaare und Adlerfedern wuchsen und dass seine Nägel den Krallen der Raubvögel ähnlich wurden.
358. Der König Nebukadnezar, Vorläufer der Vegetarier. Aber am Ende des siebenten Jahres « hob ich meine Augen auf gen Himmel, berichtet Nebukadnezar, und meine menschlichen Sinne kamen mir wieder; da lobte ich den obersten Gott, und ich kehrte nach Babylon zurück; alle meine früheren Räte feierten mich, die Großen des Königreichs forderten mich zurück, ich ward wieder auf den Thron eingesetzt, und meine Regierung endete mit noch größerer Pracht als am Anfang ». Es ist leidig, dass Nebukadnezar nicht bekannt gegeben hat, wer an seiner Stelle regiert hatte. Selbstredend haben die Gelehrten [738] niemals etwas entdeckt, was sich auf diese angebliche Absetzung des Sohnes Nabopolassars und auf seine angebliche Wiedereinsetzung auf den Thron nach Ablauf von sieben Jahren bezöge. In Kapitel 5 greift Daniel wieder zur Feder und verzapft uns sein fabelhaftes Abenteuer, bekannt als das Festmahl Belsazers. Zu wiederholten Malen erklärt uns der Verfasser, dass dieser Belsazer der Sohn Nebukadnezars war. Also gab dieser König von Assyrien tausend seiner [739] vornehmsten Fürsten ein außerordentliches Souper, und beim Dessert hatte er die Laune, seine Gäste aus den heiligen Gefäßen trinken zu lassen, die sein Vater aus dem Tempel zu Jerusalem genommen hatte. Da erschien mit einem Mal eine Hand und begann, an die Mauer Buchstaben einer unbekannten Sprache zu zeichnen. Erschrocken ließ Belsazer die Astrologen, die Wahrsager, die Gelehrtesten der Chaldäer rufen und versprach, eine goldene Kette, einen Rock von Scharlach und das Drittel seines Königreichs dem Ersten zu geben, der diese [740] geheimnisvolle Schrift entziffern und sie deuten würde; aber keiner konnte ihn zufriedenstellen. Glücklicherweise erinnerte sich die Königin an Daniel. Der Prophet kommt und liest, ohne mit der Braue zu zucken, an der Wand die Worte: Mene, Tekel, Peres.
360. Das Festmahl Belsazers. Dann übersetzt er sie zur großen Fassungslosigkeit der Versammlung, ohne zu sagen, welcher Sprache sie angehören, folgendermaßen: « Das Wort Mene bedeutet: Gott hat deine Regierung berechnet, und er hat ihr ein Ende gemacht. Das Wort Tekel bedeutet: Du bist in der Waage gewogen worden, und du bist zu leicht befunden worden. Das Wort Peres bedeutet: Dein Königreich ist zerteilt und den Medern und den Persern gegeben worden. » Belsazer, als ein Mann, der nur ein Wort hat (fr. „n’avoir qu’une parole“, eine Redewendung: nie zurücknehmen, was man gesagt hat), ließ Daniel alsbald mit einem Rock von Scharlach bekleiden, legte ihm eine goldene Kette um den Hals und ließ durch einen Herold auf der Stelle ausrufen, dass der dritte Teil des Königreichs fortan unter der Herrschaft des Propheten stehen solle. Das Kapitel schließt unmittelbar darauf mit diesen zwei Versen (30-31): « In derselben Nacht ward Belsazer, der König von Chaldäa, getötet. Und Darius aus Medien nahm das Königreich in Besitz, da er zweiundsechzig Jahre alt war. » Dieses Geschichtchen vom Festmahl Belsazers ist nicht übel ausgedacht; man weiß, welchen Erfolg es gehabt hat; der Gegenstand ist übrigens voller Reiz für die Maler, die es sich nicht haben entgehen lassen, Nutzen daraus zu ziehen; darum glauben so viele wackere Leute, dass es geschehen ist! Zum Unglück ist die Geschichte da, die der Bibel ausdrücklich widerspricht. Zunächst wird nirgends ein Belsazer erwähnt, der in Babylon regiert hätte. Nebukadnezzar (Nebukadnezar) starb 561 (v. Chr.) und hinterließ einen Sohn, Evil-Merodach, der ihm nachfolgte, von 561 bis 556, und eine Tochter, verheiratet mit Nergalsarassar (Neriglissar), welcher seinen Schwager meuchelte, den Thron usurpierte und ein Jahr danach (555) in einem Kampf gegen Cyrus, damals König von Persien, umkam. Die Krone ging noch nicht aus der Familie Nebukadnezars hinaus: sie fiel zuerst seinem Enkel Laborosoarchod zu, dem Sohn Evil-Merodachs, der nur einige Monate regierte, und danach Nabonid, dem Sohn des jüngeren Bruders Nebukadnezars, den einige Verfasser als einen Nachfahren der Semiramis ausgeben, indem sie diese Königin mit Nitokris verwechseln, der illustren Mutter Nebukadnezars. Aber Nabonid, der von 555 bis 538 regierte und der letzte König von Babylon aus der Dynastie Nabopolassars war, ist offensichtlich nicht der Herrscher, den die Bibel Belsazer nennt, da das Buch [741] Daniel diesen Belsazer ausdrücklich als Sohn Nebukadnezars ausgibt und da es ihn in der Nacht der Einnahme Babylons durch Darius sterben lässt. Nun, Cyrus, der als König von Persien 560 seinem Vater Kambyses I. nachgefolgt war und dessen Mutter, Mandane, Tochter des Astyages, des Königs der Meder, die Enkelin jenes Kyaxares I. war, der Nebukadnezar zum Schwiegersohn hatte, Cyrus, sagen wir, vereinigte die Krone von Medien mit der von Persien im Jahr 536, das heißt beim Tod des Kyaxares II., der der Bruder seiner Mutter und sein Schwiegervater war und dessen einzige Tochter, Bardane, er geehelicht hatte. Und es ist tatsächlich Cyrus, und nicht Darius, der Babylon im Jahr 538 einnahm und damit der Regierung Nabonids ein Ende machte, welcher offensichtlich nicht Belsazer ist. Freilich wurde Babylon zweiundzwanzig Jahre später abermals eingenommen, und diesmal durch Darius I. Darum insinuieren einige schlaue Theologen, dass der damalige König von Babylon der Belsazer der Bibel sei. Aber diese These hält nicht stand, sobald man sie genauer prüft. Denn es ist bekannt, erzbekannt, dass Cyrus, nachdem er auf seinem Haupt die Kronen von Persien, von Lydien (544, indem er Krösus entthronte), von Medien und von Assyrien vereinigt hatte, durch die Vereinigung aller dieser Staaten die große persische Monarchie gründete und die arische Herrschaft über das ganze westliche Asien errichtete. Sein Sohn Kambyses II. folgte ihm nach, fügte dem Reich Ägypten hinzu, das er 525 eroberte, und starb 522. Bekanntlich hatte Kambyses kein Kind, und die Krone stand seinem Bruder Smerdis zu; diesen aber hatten die Magier Mediens heimlich gemeuchelt und einen der Ihren an seine Stelle gesetzt, welcher sieben Monate regierte; aber als die Täuschung entdeckt worden war, bildeten persische Fürsten ein Komplott, metzelten die Magier und den falschen Smerdis nieder (521) und gaben die Krone Darius, dem zweifachen Schwiegersohn des Cyrus (er hatte dessen Töchter Atossa und Aristhone geehelicht), bekannt unter dem Namen Darius I., Sohn des Hystaspes. Das allerdings ist Geschichte! Und Darius, der von 521 bis 486 regierte, teilte sein Reich in zwanzig Satrapien. Zwar machten sich einen Augenblick lang die Satrapen von Babylon, Nabu-Imtuk und sein Sohn Belsarussur, unabhängig; Darius musste Babylon zurückerobern (516). Aber wie will man behaupten, dass Belsarussur Belsazer sein könne, da dieser König nur ein Satrap war, der sich empört hatte, und nicht der eigene Sohn Nebukadnezars, eine Bezeichnung, [742] die die Bibel ihrem Belsazer ausdrücklich gibt und mehrmals wiederholt? Zwischen Nebukadnezar und Belsarussur hatten neun Könige über Babylon regiert. Außerdem stellen uns die folgenden Kapitel des Buches Daniel diesen Propheten dar, wie er von Darius und von Cyrus in den höchsten Ämtern belassen wird, wobei sie diese beiden Könige als gleichzeitig regierend ausgeben, den einen über die Meder, den anderen über die Perser. Nun aber waren sie nacheinander Könige sowohl der Meder als auch der Perser, und zwischen der Regierung [743] des Cyrus und der seines Schwiegersohnes Darius gab es Kambyses den Eroberer und den falschen Smerdis. Da es schließlich unbestreitbar ist, dass die Einnahme Babylons, die dem chaldäisch-babylonischen Reich ein Ende gemacht hat (Dynastie Nabopolassars, Familie Nebukadnezars), die des Jahres 538 ist, das heißt die Einnahme Babylons durch Cyrus, nehmen andere Theologen an, dass Darius, der die Heere des Cyrus befehligte, dessen Schwiegersohn er war, das Königreich im Namen [744] seines Schwiegervaters in Besitz nahm, und sagen, dass dies in Vers 31 des oben angeführten Kapitels 5 stillschweigend enthalten sei. Sie fügen hinzu, immer noch hypothetisch, dass Cyrus offensichtlich der hohe Souverän des ganzen neuen persischen Reiches blieb, dass er aber seinem Schwiegersohn Darius besondere Vollmachten übertragen musste, indem er ihn gesondert zum König über Chaldäa einsetzte, das heißt über die Staaten Belsazers, deren Hauptstadt Babylon war. Sie behaupten, diese Annahme zu rechtfertigen, indem sie sie auf den Vers 28 des Kapitels 6 und auf den Vers 1 des Kapitels 9 stützen. Diese Verse lauten folgendermaßen: « Daniel gedieh unter der Regierung des Darius und unter der Regierung des Kores, des Königs von Persien (Daniel 6:28). Darius, der Sohn des Ahasveros, aus der Rasse der Meder, war zum König über das Königreich der Chaldäer eingesetzt worden (Daniel 9:1). » So, sagen sie, ließe sich die Erzählung Daniels mit der Geschichte vereinbaren. Man begreift, dass die Priester, die Daniel zu einem der größten Propheten ausrufen, denen Gott sich offenbart habe, so viel Wert darauf legen, ihn von jeder lügnerischen Prahlerei reinzuwaschen; es ist offensichtlich, dass man, wenn dieser jüdische Schriftsteller gelogen hat, als er vergangene Ereignisse erzählte, deren Zeuge und einer der Hauptakteure er gewesen sein soll, erst recht keinerlei Vertrauen in die Ankündigungen setzen kann, die er von künftigen Ereignissen macht: nun, da diese Weissagungen, die auf den Messias und seine Kirche zielen, für das Christentum, das sich für die so angekündigte Religion erklärt, von größter Wichtigkeit sind, darf Daniel um keinen Preis auf frischer Tat bei einer Betrügerei ertappt werden. Deshalb geben sich die Priester eine Mühe aller Teufel (fr. „un mal de tous les diables“, eine Redewendung: die allergrößte Anstrengung), um zu beweisen, dass am letzten Tag der Regierung irgendeines Belsazer, eines Sohnes Nebukadnezars, Babylon von Darius aus Medien eingenommen wurde, der im Auftrag des Cyrus handelte und alsbald mit dem chaldäischen Königtum bekleidet wurde. Aber es ist ein Verhängnis: Daniel, Aufschneider und gedankenloser Schwätzer, glaubte nur für die niedere Klasse des jüdischen Volkes zu schreiben, für seine unwissenden Landsleute, die unfähig waren, mit den Leviten einen Punkt der Geschichte zu erörtern; so sind diese Legenden von Holofernes, von Belsazer und andere Episoden derselben Art erfunden worden, sehr schmeichelhaft für die Eigenliebe dieser armen Hebräer, die in Wirklichkeit von ihren verschiedenen Siegern überaus hart behandelt worden waren: mit diesen Flunkereien vom Heldentum der Judiths und von der Erhöhung der Daniels und der Esthers kitzelte man [745] angenehm die nationale Fiber, gab man nach der Gefangenschaft den endlich aus der Knechtschaft befreiten Besiegten eine Spielmarke zum Trost (fr. „fiche de consolation“, eine Redewendung aus dem Kartenspiel: eine magere Entschädigung für einen Verlust), und man schrieb diese Bücher voll unsinniger Phantasie, ohne zu ahnen, dass eines Tages dieses ganze Gerüstwerk von Lügen einstürzen und die zynische Unaufrichtigkeit der Priester aller Zeiten zeigen würde. Denn die letzte Argumentation, mit der die Theologen ihren Daniel, was Darius und Cyrus anbelangt, vor der Anklage der Betrügerei retten wollen, ist nicht solider als ihre anderen Hypothesen. Darius war nicht der Sohn eines Königs, sondern der Sohn eines persischen Fürsten namens Hystaspes; er war also nicht der Sohn des Ahasveros, und Ahasveros ist wieder ein imaginärer, von der Bibel erfundener König, ein sogenannter König von Persien und Medien, der die Jüdin Esther geehelicht haben soll. Darius war nicht aus der Rasse der Meder; ganz im Gegenteil, beim Tod des Cyrus, der den persischen Einfluss im neuen Reich hatte vorherrschen lassen, nutzten die Magier Mediens die Expedition des Kambyses nach Ägypten, um zu versuchen, die Macht an sich zu reißen, und es gelang ihnen eine Zeitlang, indem sie den falschen Smerdis auf den Thron setzten: und eben deshalb machten die persischen Fürsten eine Revolution, um den Einfluss der medischen Rasse zu beseitigen, metzelten die Magier und ihre Anhänger nieder und gaben die Krone Darius, dem Sohn des Hystaspes, von persischem Blut. Schließlich hatte Darius niemals ein besonderes Königtum in Babylon: als er die Krone empfing, geschah es, um als rechtmäßiger Nachfolger des Cyrus und des Kambyses zu regieren, geschah es, um das Haupt des großen persischen Reiches zu sein, König zugleich vom eigentlichen Persien, von Medien, von Lydien, von Chaldäa, von Baktrien und von Ägypten. Nach der guten Geschichte von Belsazer erzählt Daniel (Daniel 6), dass Darius, nachdem er sein Königreich Chaldäa in hundertzwanzig Satrapien geteilt hatte, über die hundertzwanzig Satrapen drei Statthalter setzte, und dass er, Daniel selbst, der wichtigste der drei war; die anderen Statthalter und die hundertzwanzig Satrapen, eifersüchtig auf diese ungeheure Autorität, die einem Juden gegeben war, verschworen sich von da an zu seinem Verderben. Dazu verfielen sie darauf, Darius dekretieren zu lassen, dass dreißig Tage lang die königliche Person angebetet und angefleht werden solle, unter Ausschluss jedes Gottes. Natürlich beachtete Daniel dieses Dekret nicht, und er [746] fuhr fort, seine Gebete an Jehova zu richten. Als nun Darius die Denunziation gegen seinen Premierminister erhielt, für den er eine große Zuneigung hatte, begriff er, dass seine Räte ihn in eine Falle gelockt hatten; aber da sein königliches Wort verpfändet war, gab er Befehl, Daniel in eine mit Löwen gefüllte Grube hinabzulassen. Jedoch hatte Darius, obgleich anfangs den Göttern seines Landes andächtig ergeben, ein gewisses Vertrauen zu Jehova, « Als Darius geboten hatte, dass man Daniel in [747] die Löwengrube würfe, sprach er zu ihm: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, ist es, der dich befreien wird. Und man brachte einen Stein, der auf die Öffnung der Grube gelegt ward, und der König versiegelte ihn mit seinem Ring und mit dem Ring der vornehmsten Fürsten. Dann ging Darius weg in seinen Palast; er verbrachte den Abend, ohne zu speisen, ließ seine Spielleute nicht kommen, und er konnte sogar die ganze Nacht nicht schlafen. Am folgenden Tag, bei Tagesanbruch, stand der König auf und begab sich in aller Hast zur Löwengrube; dort angekommen, rief er [748] Daniel mit trauriger Stimme, mit diesen Worten: Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, sollte dein Gott dich von den Löwen befreit haben? Da sprach Daniel zu dem König: O König, lebe ewiglich! Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der das Maul der Löwen verschlossen hat, und sie haben mir kein Leid getan. Darius ward vor Freude hingerissen, als er diese Rede hörte; er ließ Daniel aus der Grube herausziehen, und jedermann sah wohl, dass er keine Wunde hatte. Alsbald wurden auf Befehl des Königs alle, die Daniel angeklagt hatten, in die Löwengrube geworfen, samt ihren Weibern und ihren Kindern, und sie wurden von den Löwen verschlungen, noch ehe sie das Pflaster der Grube berührt hatten. Da schrieb der König Darius einen Brief, den er an alle Könige der Erde sandte, und dieser Brief war so abgefasst: An alle Völker und Nationen aller Zungen, die auf Erden wohnen. Der Friede sei mit euch! Ich schreibe euch, um euch wissen zu lassen, dass ich soeben in der ganzen Ausdehnung meines Königreichs ein Edikt verkündet habe, das anordnet, dass fortan alle meine Untertanen den Gott Daniels ehren und fürchten, denn er ist der lebendige Gott und der allein ewige, und seine Allmacht wird den Himmel und die Erde beherrschen bis ans Ende der Zeiten. » (Daniel 6:16-26)
359. Daniel in der Löwengrube. Das jüdische Volk muss wirklich von seinen Häuptern in tiefster Unwissenheit über das gehalten worden sein, was bei den anderen Völkern vorging, es müssen auch die Leviten, die ihm diese heiligen Bücher schrieben, eine phänomenale Frechheit gehabt haben, wenn man in der Bibel Behauptungen von solcher Kühnheit findet, in so flagrantem Widerspruch zur Geschichte. Die Bekehrung des Darius zu Jehova! das Judentum durch Edikt des Darius zur Staatsreligion ausgerufen! und dieses politisch-religiöse Ereignis von größter Wichtigkeit, durch königliche Briefe zur Kenntnis aller Völker gebracht! hätte man sich eine so unverschämte Lüge erträumen können? würde man es für möglich halten, wenn die Bibel nicht erhalten geblieben wäre?... Darius, ein Anbeter von Zebaoth-Jehova-Adonai, er, der sich mit seinen Reichtümern an der Errichtung des Tempels der Diana zu Ephesus beteiligte; denn dieses berühmte heidnische Heiligtum, um das Jahr 620 vor der christlichen Zeitrechnung begonnen und zweihundertzwanzig Jahre danach vollendet, wurde auf gemeinsame Kosten aller Staaten des westlichen Asiens errichtet (Plinius)... Dagegen sagt Daniel, dieser angebliche Premierminister des Darius, in seinen vierzehn Kapiteln nicht ein einziges Wort von dem Krieg, den [749] Darius gegen die Griechen führte; von diesem gewaltigen Krieg hat Daniel nie reden hören! er weiß nicht einmal von der Schlacht bei Marathon!... Die Kapitel 7 bis 12 des Buches Daniel sind Träumen, die der Schriftsteller gehabt zu haben behauptet, und Weissagungen gewidmet. Von einem aufrichtigen Verfasser geschrieben, hätten diese Träumereien schon keinerlei Wert; aus der Feder des Foppers, der unerschütterlich erzählt hat, er sei Statthalter der Provinz Babylon unter Nebukadnezar und später Premierminister des Darius gewesen, haben diese angeblichen Weissagungen und Visionen nicht einmal den Reiz der Merkwürdigkeit, der bisweilen den überspannten Visionen eines Narren anhaften kann. Was kann uns daran liegen, ob Daniel im Traum einen Löwen mit Adlerflügeln, einen Bären, dessen Maul sich durch drei ungeheure Fangzähne auszeichnete, einen Leoparden mit vier Köpfen, der auf dem Rücken vier Vogelflügel hatte, ein Tier von unbeschreiblicher Gestalt mit zehn Hörnern und eisernen Zähnen gesehen hat oder nicht? Was kann uns daran liegen, dass dieser unverfrorene Flunkerer eine allgemeine Auferstehung ankündigt, die stattfinden wird, sagt er, in einer Zeit, plus Zeiten, plus der Hälfte einer Zeit? All das hat dieselbe Tragweite wie die Flausen, welche die erstbeste Kartenlegerin verzapft. Man kann beim Lesen dieser idiotischen Seiten nur eine Aversion gegen die Priester fassen, die zu ihnen greifen, um die Gläubigen zu verblöden, und Mitleid mit denen fassen, deren unermessliche Dummheit diese lächerlichen Stupiditäten als wunderbare Inspirationen hinnimmt. Das Kapitel 13 legt dar, wie Daniel einer tugendhaften Frau das Leben rettete, die zwei alte Schelme zum Tode hatten verurteilen lassen, und wie die Verleumdung der Ankläger nachgewiesen wurde und diese an Stelle ihres Opfers hinrichten ließ. Die Szene spielt in Babylon, zur Zeit der Gefangenschaft. Die Heldin ist eine gewisse Susanna, Frau eines Juden namens Jojakim. Diese Susanna war sehr schön und ihrem Ehemann nicht minder treu. Zwei alte Magistratspersonen, die bisweilen kamen, um ihrem Ehemann guten Tag zu sagen, fassten eine heftige Leidenschaft für sie. « Sie schämten sich, einer dem andern die Lust zu erklären, die sie hatten, bei Susanna zu liegen; aber sie suchten mit Fleiß alle Tage die Mittel, sie zu überraschen. » (Daniel 13:11-12) Ein [750] Zufall nötigte sie, sich eines Tages gegenseitig ihre sträfliche Liebe anzuvertrauen; sie beschlossen daraufhin, einträchtig zu manövrieren, um Susanna zu zwingen, ihnen nachzugeben. So versteckten sie sich in dem Garten, wohin sie manchmal baden kam; sie warteten, bis sie ihre Mägde fortgeschickt hatte und nackt war; da zeigten sie sich plötzlich und forderten, dass sie sich ihren unreinen Begierden unterwerfe, und drohten ihr, auszusagen, sie hätten sie mit einem Liebhaber gefunden, wenn sie ihnen [751] widerstünde. Susanna weinte, aber widerstand. Die beiden alten Richter schrien, trommelten die Leute des Hauses, die Nachbarn zusammen und rührten sich dermaßen, dass eine Volksversammlung einberufen wurde, die am folgenden Tag vor dem Haus Jojakims stattfinden sollte.
361. Die keusche Susanna, im Bade überrascht. Was für eine drollige Gefangenschaft doch! Da haben wir die Juden, Kriegsgefangene, in Babylon interniert, und die Obrigkeit lässt sie sich zu einer beratenden Versammlung, zu einem Tribunal der hohen [752] Gerichtsbarkeit versammeln, völlig so, als ob sie bei sich zu Hause wären, in Jerusalem! Man hätte eher geglaubt, dass Susanna, von zwei babylonischen Magistratspersonen des Ehebruchs angeklagt, den ordentlichen Richtern Babylons überstellt werden würde, den von Nebukadnezar bestellten chaldäischen Richtern; denn die Episode gehört in die Zeit der Jugend Daniels. Alle in Babylon gefangenen Juden versammelten sich also zur festgesetzten Stunde, in aller Freiheit. Susanna erschien vor der Volksversammlung. Die beiden alten babylonischen Richter hielten ihre Anklage aufrecht. Sie legten jeder die Hand auf den Kopf der Frau vom Jojakim und schworen, sie hätten sie im Garten überrascht, ganz nackt unter dem Vorwand eines Bades und mit einem jungen Mann der Liebe pflegend; dieser, sagten sie, sei stärker gewesen als sie, sie hätten ihn nicht festhalten können; so sei es dem Mitschuldigen des Ehebruchs gelungen zu entkommen. Susanna leugnete, ohne jedoch zu sagen, warum die beiden alten Schelme falsches Zeugnis gegen sie ablegten; aber sie richtete mit lauter Stimme ein Gebet an Jehova und bezeugte, dass sie ungerecht verurteilt sei; denn das Volk hatte ihren Verleumdern geglaubt und hatte beschlossen, dass sie umkommen müsse.
362. Die beiden Greise lassen Susanna verurteilen. Man war also im Begriff, das Urteil zu vollstrecken, als der junge Daniel mitten aus der Menge ums Wort bat, es erhielt und sich anheischig machte, die Unschuld dieser Susanna zu beweisen, die er zum ersten Mal sah. Auf seine Initiative hin wurden die beiden Ankläger getrennt. Da wurde der eine von ihnen abermals gerufen, und Daniel begann seine Standpauke mit diesen Worten: « O du, der du in langer Bosheit alt geworden bist, jetzt sind die Sünden, die du zuvor begingst, auf ihren Gipfel gekommen, indem du ungerechte Urteile sprachst, die Unschuldigen verurteiltest und die Schuldigen lossprachst! Jetzt also, wenn du dieses Weib bei einer Verfehlung gesehen hast, sage, unter welchem Baum du sie mit ihrem Liebhaber überrascht hast? Er antwortete: Unter einem Mastixbaum. Und Daniel sprach zu ihm: Wahrlich, du hast gelogen wider deinen eigenen Kopf; denn siehe, der Bote Gottes, der von ihm den Urteilsspruch empfangen hat, wird dich mitten durchschneiden! » (Daniel 13:52-55) Man wird vielleicht finden, dass Daniel, bevor er den ersten falschen Zeugen einen Lügner schalt, die widersprechende Antwort des zweiten hätte abwarten müssen, da es einzig dieser Widerspruch war, der die Verleumdung der Ankläger beweisen sollte. [753] Aber ein junger Bursche, der später an einer Wand lesen und Worte übersetzen sollte, die keiner menschlichen Sprache angehörten, war offensichtlich nicht wie die anderen Menschen. « Und nachdem Daniel den ersten Greis hatte beiseite führen lassen, gebot er, dass man den andern herbrächte, und sprach zu ihm: O altes Sperma Kanaans (fr. „sperme“: die katholische Bibel Sacys hat „Race de Chanaan“, nach lateinisch „semen“ und griechisch „sperma“, Same, Nachkommen, was Taxil wörtlich nimmt; weiter unten, wo er „dass ihr in sie eingingt“ schreibt, hat das Griechische „aus Angst gaben sie euren Begierden nach“)! die Schönheit Judas hat deine Gelüste entzündet. So habt ihr die Töchter Israel missbraucht, und aus Angst vor euch haben sie geduldet, dass ihr in sie eingingt; aber die Tochter Juda, tapferer als die Töchter Israel, hat eure Missetat nicht geduldet! Jetzt also, sage, unter welchem Baum du dieses Weib mit ihrem Liebhaber überrascht hast. Er antwortete: Unter einer Steineiche. » (Daniel 13:56-58).
363. Daniel überführt die beiden Greise der Verleumdung. Die Sache war geklärt, das falsche Zeugnis war offensichtlich. Es ist klar, dass die beiden alten babylonischen Magistratspersonen eine exemplarische Züchtigung verdienten. Aber wer sollte sie denn richten? Die Bibel versichert, dass ihre Verurteilung von der Volksversammlung der gefangenen Juden ausgesprochen und vollstreckt wurde! « Da segnete die ganze Versammlung Jehova mit lauter Stimme; und alle erhoben sich wider die beiden alten Richter, denn Daniel hatte sie durch ihren eigenen Mund des falschen Zeugnisses überführt. Und indem sie das Gesetz Mose auf sie anwandten, behandelten sie sie ebenso, wie jene boshaft Susanna hatten behandeln lassen wollen; so brachten sie sie ums Leben, und also ward an jenem Tag das unschuldige Blut gerettet. » (Daniel 13:60-62)
364. Hinrichtung der beiden verleumderischen Greise. Nimmt man diese Geschichte als wahr an, einschließlich der Hinrichtung, so ist es gewiss, dass die beiden alten Schelme sie nicht gestohlen hatten (fr. „ne l’avaient pas volée“, eine umgangssprachliche Redewendung: hatten sie reichlich verdient); aber, so unwürdig des Mitleids sie auch sein mochten, es ist nicht minder gewiss, dass das Urteil über ihren Fall den babylonischen Tribunalen zustand; darum genügt dieser Schluss für sich allein, um die Lüge der biblischen Erzählung zu beweisen. Es ist undenkbar, dass die Magistratspersonen Nebukadnezars zwei der Ihrigen, selbst unbestreitbar schuldige, von einer Versammlung von Kriegsgefangenen, die in Knechtschaft gehalten wurden, hätten richten und martern lassen; es ist unmöglich, dass Juden, die zu Babylon in Sklaverei lebten, frei und öffentlich das Gesetz des Mose auf zwei Beamte des babylonischen Staates hätten anwenden können, auf zwei amtliche Persönlichkeiten, die zu ihren Gebietern und Unterdrückern gehörten. Und die Geschichte der Susanna und der beiden Greise ist eine von denen, die am leichtesten angenommen werden! Die Kunst hat sich ihrer bemächtigt, um sie [754] zu popularisieren; sie ist eine geachtete Überlieferung, an welche die Menge glaubt. Wirklich, möchten wir sagen, man liest die Bibel nicht genug; denn sie lesen heißt sie verachten und aufhören, an sie zu glauben, so ungeschickt sind vor lauter Zynismus die Betrügereien, aus denen sie besteht! Im 14. und letzten Kapitel des Buches Daniel haben wir zuallererst eine flagrante historische Lüge: « Da der König Astyages gestorben war, ward Kores von Persien in den Besitz [755] seines Königreichs gesetzt; und Daniel aß am Tische des Königs, der ihm Ehren gewährte, mehr denn allen seinen besten Freunden. » (v. 1) Der Levit, der dieses Buch geschrieben hat, weiß nicht einmal, dass Astyages, König von Medien, der 559 starb und dessen Tochter Mandane die Mutter des Cyrus war, einen Sohn hinterließ, Kyaxares II., der ihm nachfolgte und dreiundzwanzig Jahre regierte; dieser Levit weiß nicht, dass erst beim Tode des Kyaxares (536) Cyrus, der zugleich sein Neffe und sein Schwiegersohn war, diese Krone von Medien zum Erbe erhielt, [756] die er mit der Krone von Persien vereinigte, da Kyaxares II. kein männliches Kind hinterlassen hatte. Da dieses Kapitel also mit einer so starken Flunkerei beginnt, verspricht es viel. Da erfahren wir, dass Cyrus zu Babylon einen Götzen namens Bel anbetete; zahlreiche Kommentatoren sehen darin wieder den Baal. Nun behaupteten die Priester des Bel oder Baal, dass ihr Götze in der Nacht alle Gerichte verschlinge, welche die Gläubigen tagsüber auf seinem Altar niederlegten. Die Bibel will uns glauben machen, dass Cyrus die Naivität hatte, einen Humbug von diesem Kaliber zu schlucken, und dass er sogar versuchte, Daniel zu überzeugen: « Obwohl der Götze Bel aus Erde ist und mit Kupfer überzogen, sagte er, ist er ein vollkommen lebendiger Gott, da er alle Tage isst und trinkt. » (v. 5). Daniel, der Mitleid mit der Einfaltspinselei des Cyrus hatte, bewog ihn, eine Probe zu wagen. Fleisch und Wein wurden wie üblich auf den Altar des Bel gebracht, und man ließ die Opferpriester abtreten; dann streute Daniel, in Gegenwart des Königs allein, Asche auf den Boden; worauf der König und er fortgingen und Cyrus Sorge trug, sein Siegel auf alle Türen zu setzen. Aber die Priester hatten eine Falltür unter dem Altar; sie kamen also in der Nacht durch diesen geheimen Eingang und trugen alle Lebensmittel fort, um sie im Familienkreise zu futtern. Am nächsten Tag wurde der Betrug durch die Fußspuren in der Asche leicht nachgewiesen. Cyrus geriet in einen blauen Zorn (fr. „une colère bleue“, eine Redewendung: ein heftiger Anfall von Zorn, bei dem das Gesicht blau anläuft), als er sah, dass er so lange übertölpelt worden war; er ließ alle Opferpriester des Bel samt ihren Frauen und ihren Kindern niedermetzeln und gab den Götzen dem Daniel, der ihn samt seinem Tempel zerstörte.
365. Daniel weist die Betrügerei der Priester des Bel nach. « Nun war auch zu Babylon ein großer Drache, und die Babylonier beteten ihn an. » (v. 22) Cyrus sagte zu Daniel: Dieses Ungeheuer ist kein Götze aus Materie; der ist ganz lebendig; folglich ist er ein Gott. Daniel bat den König, ihm lediglich die Erlaubnis zu gewähren, diesen Drachen ohne Schwert und ohne Stab zu bekämpfen. Da Cyrus darein eingewilligt hatte, « nahm Daniel Pech, Fett und Füllhaar, die er zusammen kochte, und er machte daraus Küchlein, die er dem Drachen ins Maul warf, und der Drache barst. » (v. 26)
366. Daniel vergiftet den Drachen der Babylonier. Da das Volk sich über den Tod des Drachen unzufrieden gezeigt hatte, ließ Cyrus, um den schon grollenden Aufruhr zu beschwichtigen, Daniel in die berühmte Löwengrube werfen. Cyrus und die Babylonier [757] hätten wissen müssen, dass Daniel nicht verschlungen werden würde, da das Abenteuer schon eine erste Auflage gehabt hatte; aber der heilige Verfasser verstrickt sich hier auf die komischste Weise in seine Lügen. Das erste Mal setzt er Daniel zur Zeit des Darius in die Löwengrube, und dieser König lässt ihn nur eine Nacht darin. Dieses Mal verbringt Daniel sechs Tage und sechs Nächte mitten unter den Raubtieren; denn das zweite Wunder muss noch glänzender sein als das erste. « Nun waren in der Grube sieben Löwen, und alle Tage zuvor gab man ihnen zwei Leichname und zwei Schafe; aber da gab man ihnen nichts, auf dass sie Daniel verschlängen. » (v. 31). Diesmal wird es also nicht nur nötig sein, dass Gott seinen Propheten vor den Klauen und den Zähnen der Löwen bewahrt, sondern auch, dass er ihn ernährt. Auf diese Weise wird das Wunder nichts zu wünschen übrig lassen. Die Fortsetzung der Episode ist also bewundernswerter als alles, was man bis jetzt gelesen hat. « Nun war ein Prophet, mit Namen Habakuk, in Judäa geblieben; und eines Tages, als er sich anschickte, den Schnittern auf dem Felde eine Brotbrühe hinzutragen, die er gekocht hatte und in einem Gefäß hielt, erschien ihm ein Engel und sprach zu ihm: Habakuk, geh hin und trage dieses Mittagsmahl gen Babylon zu Daniel, der in der Löwengrube ist. Habakuk antwortete: Herr, ich habe Babylon nie gesehen, und ich weiß nicht, wo diese Grube ist. Da nahm der Engel Habakuk beim Scheitel und trug ihn, indem er ihn bei den Haaren hielt, bis nach Babylon, über die Grube. Dort rief Habakuk: Daniel, Daniel, siehe hier das Mittagsmahl, das Gott dir sendet. Also aß Daniel. Danach trug der Engel des Herrn Habakuk abermals zurück an die Stätte, da er ihn genommen hatte. Und am siebenten Tage kam der König Kores, um Daniel zu beweinen; er kam zur Grube und schaute hinein, und er sah, dass Daniel ganz lebendig war und ruhig mitten unter den Löwen saß. » (Daniel 14:32-39).
367. Habakuk, an den Haaren getragen, gibt Daniel die Brühe. Selbstverständlich ahmte Cyrus den Darius nach, ließ Daniel aus der Grube ziehen und befahl, seine Feinde hineinzustürzen, welche unverzüglich verschlungen wurden. Das Wunder der Löwengrube des Cyrus versenkt also das Wunder der Löwengrube des Darius in den sechsten Keller (fr. „enfoncer dans le sixième dessous“, eine Redewendung: bei Weitem übertreffen; im Theater sind die „dessous“ die Keller unter der Bühne); aber es gibt eine kleine Schwierigkeit, welche die Kritiker aufwerfen: nämlich die, dass Darius neun Jahre nach dem Tode des Cyrus den Thron bestieg; als er dem levitischen Schriftsteller seine Flunkereien diktierte, hat der Heilige Geist seine Chronologie vergessen, hat sich darin verheddert und hat, wie ein wahrer Maikäfer (fr. „comme un vrai hanneton“, eine Redewendung: wie ein rechter Wirrkopf; nach dem schweren, überall anstoßenden Flug des Maikäfers), ganz [758] einfach die Reihenfolge dieser beiden Könige vertauscht! Hesekiel ist neben Jesaja, Jeremia und Daniel einer der vier großen Propheten; er schreibt seine Weissagungen an den Ufern des Stromes Chebar (?), wo er gefangen war. Wenn Daniel ein Fopper ist, so macht dagegen Hesekiel den Eindruck eines Narren; sein Buch mit seinen achtundvierzig Kapiteln ist eine lange Folge von Faseleien. Er erzählt namentlich, dass er (nicht im Traum) vier Tiere gesehen hat, [759] deren jedes einen Menschenleib hatte, vier Flügel, Kalbsfüße und vier Angesichter, eines Menschen, eines Ochsen, eines Löwen und eines Adlers; ihr Aussehen war das eines Tieres, das ganz in Feuer stand; sie gingen hin und her; neben ihnen liefen Räder von ungeheurer Höhe und voller Augen (Ezechiel 1). Diese Beschreibung gibt eine Vorstellung von der Gehirnzerrüttung der Gestalt. Dieser Prophet erzählt, was er auf Befehl Gottes getan hat. Eines Tages hat er ein Buch gegessen, auf dem [760] Wehklagen und Flüche geschrieben standen (ch. 2). Einige Zeit danach hat er sich dreihundertneunzig Tage lang auf die linke Seite gelegt, zur Sühne der Missetaten des Königreichs Israel, und danach vierzig Tage lang auf die rechte Seite, zur Sühne der Sünden des Königreichs Juda (Ezechiel 4). Außerdem aß Hesekiel, solange diese doppelte Sühne dauerte, aufs Brot gestrichenes Kaka zu seinem Frühstück. Es war Jehova in eigener Person, der ihm diese Kasteiung befohlen hatte: « In Gegenwart der Kinder Israel, vor ihren Augen, sollst du jeden Morgen Menschenexkremente essen, auf Gerstenkuchen gestrichen (in der Bibel Ostervalds werden die Kuchen „avec des excréments d’hommes“ gebacken: Brennstoff, nicht Speise; erst Voltaire bedeckt in La Bible enfin expliquée das Brot damit, „couvert de merde d’homme“, und Taxil folgt ihm; „jeden Morgen“ ist sein Zusatz), die du gebacken hast. » (v. 12).
368. Das aufs Brot gestrichene Kaka, Frühstück des Propheten Hesekiel. Da indessen diese Speise den Propheten anwiderte, willigte Gott in eine Änderung ein: « Ich erlaube dir den Ochsenkot statt der Menschenscheiße, und du sollst dein Brot mit diesem Kot backen. » (v. 15). Bei einer anderen Gelegenheit, als Hesekiel in einem Hause war und fortgehen wollte, machte er, statt wie alle Welt durch die Tür zu gehen, ein Loch in die Mauer und zog durch dieses Loch mit seinen Kleidungsstücken und seinen Vorräten um (Ezechiel 12:7).
369. Hesekiel erfindet eine neue Art des Umziehens. Im 37. Kapitel schildert Hesekiel, wie er in einem Gefilde voll verdorrter Gebeine spazieren ging und sie belebte, indem er ihnen eine Rede hielt.
370. Der Prophet Hesekiel erfindet die Polka der Totenknochen. Aber von allen Stellen des Hesekiel ist diejenige, die unter den Kritikern das meiste Murren erregt und die Theologen am meisten in Verlegenheit gebracht hat, der Apolog von Ohola und Oholiba, den beiden prostituierten Schwestern. Unter dem Vorwand, Israels Mangel an Glauben und Judas religiöse Gleichgültigkeit zu gewissen Zeiten zu brandmarken, lässt Hesekiel Jehova in Worten von ekelhaftester Obszönität reden: « Mein Herz hat sich von Oholiba gelöst, wie es sich von ihrer Schwester Ohola gelöst hatte; denn sie hat ihre Ehebrüche gemehrt, bis dass sie das Andenken ihrer Jugend zurückrief, da sie sich in Ägypten prostituierte; und sie hat sich vorzugsweise an die Lüstlinge gehängt, deren Glied dick ist wie das der Esel und deren Samenerguss mächtig ist wie der der Pferde (die Bibel Ostervalds verhüllt den Vers mit „chair“, Fleisch, und „force“, Kraft; Voltaire sagt es schon unverhüllt im Artikel „Hesekiel“ seines Philosophischen Wörterbuchs, und Taxil folgt ihm: das ist in der Tat der Sinn des Hebräischen). » (Ezechiel 23:18-20). Das sind die schmählichen Vergleiche, die man unter dem Vorwand eines Apologs in der Bibel findet und deren mystischen Sinn man, wie die Priester sagen, bewundern muss. Mystizismus? Welch ein Spott! Um auszudrücken, dass die beiden Königreiche Israel und Juda es an Frömmigkeit gegen [761] Jehova hatten fehlen lassen, war es denn nötig, solche Schweinereien zu schreiben?... Ein anderer Prophet, der sich an Unreinlichkeiten labt, ist Hosea, dessen Erzählungen sich auf erlebte Tatsachen beziehen und der, während er behauptet, Gesichte von Jehova zu haben, sie durch ziemlich widerwärtige Handlungen ergänzt. Dieser Hosea, bei den Samaritern geboren, schloss sich dennoch dem Kult von Jerusalem an. Die Bibel führt ihn als ein Muster des Gehorsams gegen Gott an; aber welch seltsame Befehle gibt Gott ihm!... « Da der Ewige anfing, zu Hosea zu reden, sprach er zu ihm: Nimm eine Prostituierte zum Weibe und hure mit ihr (die Bibel Ostervalds hat „prends-toi une femme débauchée, et aie d’elle des enfants de prostitution“, und Voltaire „prends une femme de fornication“: der ausdrückliche Befehl zu huren ist Taxils Zusatz), also dass du von ihr Kinder einer Prostituierten habest. » (Hosea 1:2) So rechtfertigt sich unser Mann dafür, eine Frau von üblem Lebenswandel geehelicht zu haben. Wenn man diesem Propheten glauben soll, gebot ihm Gott später, bei der Frau eines seiner Freunde zu liegen, jedoch unter der Bedingung, dass sie ihren Ehemann schon betrogen habe: « Der Ewige sprach zu mir: Geh wieder hin und liebe ein Weib, das von ihrem Gatten geliebt wird, sich aber dem Ehebruch hingegeben hat; denn also liebt Jehova die Kinder Israel, welche doch andere Götter ehren und sich freuen, Kannen Weins zu trinken. Um Gott zu gehorchen, ging ich also in dieses Weib ein (die Bibel Ostervalds hat „Je m’acquis donc cette femme-là“, „Ich erwarb mir also dieses Weib“; Voltaire schreibt in La Bible enfin expliquée nach der Vulgata „Il la creusa“, er grub sie; Taxil sagt geradeheraus, was das Wort andeutet, und „Um Gott zu gehorchen“ ist sein Zusatz), nachdem ich ihr fünfzehn Silberstücke und anderthalb Scheffel Gerste gegeben hatte. Und ich sprach zu diesem Weibe: Wir werden etliche Tage beieinander wohnen; du sollst bei keinem andern liegen als bei mir; und ich verspreche dir, dir treu zu sein. » (Hosea 3:1-3). Aber welchen Schluss soll man aus den Stellen dieser Art ziehen, die in der Bibel so zahlreich sind, wenn nicht den, dass das Volk Gottes ein Volk von Wüstlingen war, die vor keiner Unkeuschheit zurückschreckten, und zugleich ein Volk von prächtigen Trunkenbolden, wenn wir diesen Worten Joels, eines anderen heiligen Propheten, glauben sollen: « Ihr Trunkenbolde, wachet auf und weinet, und ihr alle, die ihr den Wein trinkt, heulet um dieses Trankes willen, der aus der Weinlese kommt; denn ich werde ihn fortan eurem Munde entziehen. » (Joel 1:5) Das Buch Esther fällt in die Kategorie der Werke, die unzweifelhaft geschrieben wurden, um die Wunden der jüdischen Eigenliebe zu verbinden. Wir haben gesehen, dass Daniel den Aplomb gehabt hat zu schreiben, er sei der Premierminister des Darius gewesen, dem er [762] einen angeblichen Ahasveros zum Vater gab; irgendein anderer Levit, von einer nicht minder gewaltigen Frechheit, hat den Aplomb gehabt, die Geschichte dieses Ahasveros, dieses Mythos, zu schreiben, aus ihm einen Monarchen zu machen, dessen Königreich, mit Susa als Hauptstadt, hundertsiebenundzwanzig Provinzen umfasste und sich von Indien bis Äthiopien erstreckte, und ihn eine Jüdin ehelichen zu lassen. Nach der Bibel also gab dieser den Historikern unbekannte Ahasveros im dritten Jahr seiner Regierung ein unvergleichliches Festmahl, das hundertachtzig Tage dauerte [763] (Esther 1:4). Gegen Ende des Mahles lud der Monarch das ganze Volk von Susa für sieben Tage ein, vom Reichsten bis zum Ärmsten (Ester 1:5). Und am siebenten Tage des Volksbanketts befahl der König, da er wegen des Weines, den er getrunken hatte, lustiger war als sonst, seinen Eunuchen, « Vasthi, die Königin, vor ihn zu bringen, ganz nackt (die Bibel Ostervalds hat nur „avec la couronne royale“, „mit der königlichen Krone“; die Nacktheit stammt aus einer Glosse Voltaires in La Bible enfin expliquée, „toute nue suivant le texte chaldéen“, nackt nach dem chaldäischen Text, und Taxil nimmt sie in das Zitat hinein), mit der königlichen Krone, um den Fürsten und dem Volke ihre Schönheit zu zeigen; denn sie war schön. » (v. 11) Aber die Königin Vasthi weigerte sich. Der König, vor Wut außer sich, konsultierte sieben Weise; infolgedessen wurde Vasthi [764] verstoßen, und durch ein Edikt wurde ihr Diadem der hübschesten Jungfer versprochen, die dem König gefallen würde. Unter der Obhut Hegais, des Obereunuchen, versammelte man so eine große Zahl junger Mädchen; jede sollte der Reihe nach eine Nacht auf Probe im Bett Seiner Majestät verbringen. « Nun war zu Susa ein Jude, mit Namen Mardochai, der Sohn Jairs, vom Stamme Benjamin, der von Jerusalem weggeführt worden war mit den Gefangenen, die Nebukadnezar wegführte, als er Jechonja gefangen nahm. Mardochai zog seine junge Nichte Hadassa auf, die weder Vater noch Mutter hatte; er behandelte sie wie seine eigene Tochter, und er hieß sie Esther. Unter diesem Namen ließ er sie in das Serail des Ahasveros eintreten; denn sie war sehr schön. Esther, der Empfehlung ihres Oheims folgend, gab nicht kund, dass sie eine Jüdin war. Und sie gehörte zu denen, die dem König auf den ersten Blick gefielen; darum ließ der König für sie alles tun, was nötig war, um sie vorzubereiten, bis dass die Reihe an sie käme, im königlichen Bette zu liegen. Jedes junge Mädchen, das bestimmt war, in das Bett des Ahasveros zu kommen, musste sich sechs Monate lang mit Myrrhenöl einreiben, und sechs weitere Monate mit Würzkräutern. Alsdann ward sie in die Hände des Königs übergeben, nachdem sie alles empfangen hatte, was sie verlangte. Sie ging des Abends in den Palast, und gegen Morgen kehrte sie in das zweite Serail zurück, ihre neue Wohnung, unter der Führung des Eunuchenfürsten Saasgas, des Hüters der Kebsweiber; aber von da an kehrte sie nicht mehr in den Palast des Ahasveros zurück, es sei denn, dass der König wieder bei ihr zu liegen wünschte und sie mit Namen gerufen wurde. Als die Reihe an Esther gekommen war, verlangte sie nichts, als was Hegai ihr zu verlangen riet. Also ward sie endgültig zu Ahasveros geführt, in seinen königlichen Palast, im zehnten Monat des siebenten Jahres seiner Regierung. Und der König liebte Esther mehr als alle anderen Jungfern, die er zuvor erprobt hatte (die Bibel Ostervalds hat „plus que toutes les autres femmes… plus que toutes les autres vierges“, „mehr als alle anderen Weiber… mehr als alle anderen Jungfrauen“; das Erproben ist Taxils Zusatz, wie die „Nacht auf Probe“ weiter oben); sie gewann seine Gunst und wusste angenehmer zu sein als alle; er setzte also das Diadem auf ihren Kopf und rief sie an Vasthis Statt zur Königin aus. » (Ester 2:5-17).
371. Ahasveros verstößt Vasthi und ehelicht Esther. Einige Zeit danach wurde Haman, der Sohn des Hammedatha, aus dem Geschlecht Agags, Premierminister des Ahasveros. Haman aber, der sehr hochmütig war, wollte, dass alle Welt vor ihm niederknie; nur Mardochai wagte, diesem Befehl zu widerstehen. Wütend erwirkte der [765] Minister vom König ein Edikt, welches das Gemetzel an allen Juden befahl; trotz all seines subtilen Geistes hatte Haman kein anderes Mittel gefunden, Mardochai zu treffen. Aber während man das Todesedikt an alle Statthalterschaften der Provinzen versandte, warnte Mardochai Esther, und diese begab sich zum König, ohne abzuwarten, dass man sie rief; das war eine sehr ernste Sache. Wer immer sich dem König näherte, ohne gerufen worden zu sein, war schon dadurch zum Tode verurteilt, es sei denn, dass der König ihm sein goldenes Zepter entgegenstreckte, zum Zeichen der Verzeihung seiner Verwegenheit. Esther riskierte den Coup; erstaunt, aber alsbald bezaubert, streckte Ahasveros der liebenswerten Königin sein Zepter entgegen und fragte sie, was sie wünsche, und bot ihr sogar die Hälfte seines Königreichs an. Esther bat den König, er wolle gütigst zum Diner zu ihr kommen und sich dabei von Haman begleiten lassen.
372. Hochmut Hamans und schöne Haltung Mardochais. Das Diner fand statt, und Ahasveros, der überaus gespannt war, wiederholte beim Dessert sein Angebot, das Königreich zu teilen. Esther lehnte es ab, bat aber ihren königlichen Gatten, ihr noch einmal die Ehre zu erweisen, am folgenden Tag bei ihr zu dinieren, wieder mit Haman. Dieser war so stolz, von der Königin in solchem Maße geehrt zu werden, dass er sich dessen bei Seres, seiner Frau, und bei allen seinen Freunden rühmte; aber da ihn dennoch die Unabhängigkeit Mardochais mehr denn je kränkte, ließ er einen Galgen machen, fünfzig Ellen hoch, wobei er fest darauf zählte, dass man den gehassten Juden daran aufknüpfen würde, von dessen Verwandtschaft mit der Königin er nichts wusste (Ester 3, 4, 5). Indessen ließ sich Ahasveros, da er in jener Nacht nicht schlafen konnte, zur Zerstreuung die Annalen seiner Regierung vorlesen; er hatte so Gelegenheit zu erfahren, dass zwei seiner Eunuchen, namens Bigthan und Theres, in einer schon recht fernen Zeit das Vorhaben gefasst hatten, ihn zu meucheln, dass aber ein gewisser Mardochai dieses Komplott den Behörden enthüllt und so sein königliches Dasein bewahrt hatte. Ahasveros fragte, welche Belohnung dieser Mardochai empfangen habe. Keine, antwortete man ihm. Als sich daher Haman gleich am Morgen beim Souverän einstellte, sagte dieser zu ihm: Haman, rate mir; was müsste man einem Manne tun, den der König auf eine ganz und gar außerordentliche Weise ehren möchte? Haman, der sich einbildete, dass es sich um ihn handle, antwortete: König, man muss diesen Mann mit Ihrem königlichen Mantel bekleiden, ihm Ihre Krone aufsetzen, ihn auf Ihr Pferd steigen lassen; dann [766] muss dieser Mann so durch die Straßen Ihrer Hauptstadt spazieren geführt werden, wobei das Pferd von einem der größten Fürsten des Königreichs am Zügel gehalten wird, welcher dem Volke zurufen wird: Hier ist der Mann, von dem der König will, dass man ihn auf immer in seinem Königreich ehre! Da sagte der König zu ihm: Du hast recht; nun also, geh zu einem gewissen Mardochai und führe ihn durch die ganze Stadt spazieren, wie du eben gesagt hast. Haman musste sich dazu bequemen. Man kann sich denken, wie widerwillig er es tat! (Ester 6). [767] Am Abend gab die Königin Esther dem Ahasveros samt Haman ihr zweites Diner; aber der Minister war nicht mehr so flott wie tags zuvor. Zum dritten Mal bot Ahasveros Esther an, ihr alles zu gewähren, was sie wünschen würde, und wäre es die Hälfte seines Königreichs. Die Königin antwortete ihm: O König, gewähre mir, dass ich lebe und dass die von meiner Rasse nicht ausgerottet werden!
373. Esther bittet Ahasveros, mit Haman bei ihr zu speisen. Ahasveros, der Esther geehelicht hatte, ohne zu wissen, von welcher Rasse sie war, wurde alsdann überaus ratlos. Was bedeutet dies? [768] dachte er. Und als die Königin ihm versichert hatte, dass ein Feind ihrer Rasse eine allgemeine Ausrottung angezettelt hatte und dass sie darum die herrscherliche Milde anflehte, rief Ahasveros, der nichts davon verstand, aus: Wer ist und wo ist dieser Mann, der die Kühnheit gehabt hat, die Ausrottung der Rasse anzuzetteln, der die Königin Esther angehört, die mir so teuer ist? Esther antwortete darauf: Dieser Feind, der Unterdrücker meiner Rasse, das ist dieser böse Haman, hier zugegen.
375. Haman wird von der Königin angeklagt, ihren Tod gewollt zu haben. Verstörung Hamans, großer Zorn des Königs; Auftritt eines Eunuchen, der meldet, dass auf Befehl des Ministers ein hoher Galgen für Mardochai errichtet worden ist.
374. Mardochai wird von Haman selbst im Triumph geführt. Schluss: Ahasveros befiehlt, dass Haman an seinem Galgen aufgehängt werde; der königliche Befehl wird alsbald vollstreckt, und Mardochai wird zum Premierminister ernannt. (Ester 7, 8)
376. Erhängung Hamans an dem Galgen, den er für Mardochai bestimmt hatte. Mit der Zustimmung des Königs ließen Esther und Mardochai verkünden, dass die Juden, an denen Haman für den dreizehnten Tag des Monats Adar ein Gemetzel angekündigt hatte, das Recht haben sollten, an jenem Tag und am folgenden jeden niederzumetzeln, der sie seit dem Beginn ihrer Gefangenschaft misshandelt hatte. Achthundert Personen wurden so in Susa abgeschlachtet, und fünfundsiebzigtausend in den anderen Städten des Königreichs. Am fünfzehnten Tag des Adar tafelten die Israeliten überall fröhlich. Esther erließ ein Edikt, das erklärte, die Juden sollten künftig jedes Jahr das Andenken an diese Ereignisse feiern (Ester 9). Das sind die Purimfeste, die von den Israeliten noch heutzutage begangen werden: ein Fasttag, zur Erinnerung an die Beklemmungen und die Gebete des Mythos Esther, und zwei Tage der Lustbarkeiten, zur Erinnerung an die angeblichen Gemetzel. So lautet das Märchen von Esther, aus dem die Priester eine heilige Geschichte gemacht haben, an die man trotz ihrer schreienden Unwahrscheinlichkeiten glauben muss. Stets ist es eine Unkeuschheit, mit der eine heilige Legende beginnt: Wenn die Königin Vasthi verstoßen worden ist, weil sie nicht ganz nackt vor den Fürsten und den Untertanen des Ahasveros hat erscheinen wollen, so ist damit stillschweigend gesagt, dass die schöne Esther, als sie sich unter die Kandidatinnen für die Nachfolge Vasthis einreihte, bereit war, sich der Kaprice des Königs zu fügen. Die Kritiker sagen auch, dass niemals der Sultan der Türken, noch der von Marokko, noch der Schah von Persien, noch der Großmogul, noch der Kaiser von China ein Mädchen in sein Serail aufnimmt, ohne dass man ihren Stammbaum und Bescheinigungen über den Ort beibringt, wo sie [769] genommen worden ist; es gibt kein arabisches Pferd in den Ställen des Großherrn (fr. „le Grand Seigneur“, ein Titel: der osmanische Sultan, wie man ihn in Europa nannte), dessen Stammbaum nicht in den Händen des Oberstallmeisters wäre: Wie hätte also Ahasveros nicht über die Heimat, die Familie und die Religion eines Mädchens unterrichtet sein sollen, das er feierlich ehelichte und zur Königin ausrief?... Was diesen Haman betrifft, der eine ganze Nation niedermetzeln lassen will, weil ein Quidam dieser Nation sich weigert, sich vor ihm niederzuwerfen, und während doch die anderen Juden, die er dieser Abschlachtung weiht, ihm diese Ehre erweisen, die er wünscht, so muss man eingestehen, dass niemals ein so lächerlicher und so grässlicher Wahnsinn irgendjemandem in den Kopf gekommen ist. Wenn man zudem nach der Bibel annimmt, dass es Esther gelungen ist, Königin zu werden und die Krone zu behalten, indem sie verheimlichte, dass sie Jüdin war, so wird der Ruhm dieser Erhebung dadurch vom Standpunkt der nationalen Eigenliebe aus ungemein geschmälert; und überdies sieht man nicht ein, wie Ahasveros Haman für schuldig befinden kann, seine teure Esther in ihrer Eigenschaft als Jüdin abschlachten lassen zu wollen, da doch gerade niemand weiß, zu welcher Rasse sie gehört!... Schließlich fügt die verabscheuungswürdige Grausamkeit der sanften Esther, die das Märchen beschließt, dem Lächerlichen das Hassenswerte hinzu. « Es ist uns nicht unbekannt, sagt Voltaire, dass die Fabel von Esther eine verführerische Seite hat: Eine Gefangene, die Königin geworden ist und alle ihre Landsleute vom Tod rettet, ist ein Stoff für einen Roman und für eine Tragödie. Aber wie sehr ist er verdorben durch die Widersprüche und die Absurditäten, von denen er überquillt! wie sehr ist er entehrt durch die Barbarei Esthers, die den Sitten ihres Geschlechts ebenso zuwider ist wie der Wahrscheinlichkeit! » Mit Esra und Nehemia gelangen wir zur Freilassung des Volkes Gottes. Nach der erdichteten Chronologie der Bibel erfuhren die Juden also eine große Linderung ihres Unglücks unter der Regierung des Ahasveros, des Vaters des Darius — und vergessen wir nicht, dass Darius der Sohn des Hystaspes war, eines persischen Fürsten, der niemals irgendwo regiert hat — und unter der Regierung des Darius, der den Juden Daniel zum Premierminister nahm, wie Ahasveros den Juden Mardochai genommen hatte. Nun setzt die Bibel, wie wir gesehen haben, die Regierung des Cyrus nach der des Darius, wenn man das Buch des Propheten Daniel konsultiert; aber sobald man das Buch des Propheten Esra aufschlägt, folgt auf Cyrus Ahasveros, dann Artaxerxes, dann Darius (Esra 7:5-7). Diese neue Reihenfolge entspricht ebenso wenig wie die andere [770] der Geschichte; welch ein Galimathias! welch ein Wirrwarr! Obendrein sind Esra und Nehemia, die beiden Propheten, auf die sich die Priester stützen, um die Umstände der Rückkehr nach Jerusalem festzulegen, nicht einmal untereinander einig. Nach Esra ist es Cyrus, der gleich im ersten Jahr seiner Regierung den Kindern Israel gestattete, frei nach Judäa heimzukehren, und in einem Edikt erklärte, dass Jehova ihm befohlen habe, seinen Tempel in Jerusalem wieder aufbauen zu lassen; die [771] Juden kommen also unter der Führung Serubabels in ihre Heimat zurück; unglücklicherweise wird der Bau während der Regierungen des Ahasveros und des Artaxerxes unterbrochen, wegen der Schwierigkeiten, welche die verschiedenen Völker machten, die sich in ihrer Abwesenheit in ihrem Land niedergelassen hatten; endlich hörten diese Feindseligkeiten kurz nach der Thronbesteigung des Darius auf, und der Tempel wurde im sechsten Jahr seiner Regierung vollendet. Nach Nehemia wurde den Juden nicht unter Cyrus, sondern unter Artaxerxes, im zwanzigsten Jahr [772] seiner Regierung, gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und die Stadt aus ihren Trümmern wieder aufzurichten, wobei Serubabel an der Spitze des endlich freigelassenen Volkes stand; die Juden, die mit der Kelle in der einen Hand und dem Schwert in der anderen arbeiten, überwinden siegreich die Schwierigkeiten, welche die Völker machen, die ihr Gebiet besetzt halten; schließlich spricht dieser heilige Verfasser von einer Reise, die er nach Babylon machte, in dem Augenblick, als der Wiederaufbau des Tempels vollendet wurde, im zweiunddreißigsten Jahr der Regierung des Artaxerxes (Nehemia 13:6). Nun bezeugt Esra in seinem Buch, dass Nehemia Serubabel bei der Rückkehr nach Judäa unter der Regierung des Cyrus begleitete, und behauptet, dass es eine zweite Rückführung der Juden unter Artaxerxes gegeben habe, aber im siebenten Jahr seiner Regierung und nicht im zwanzigsten, und er versichert, dass er selbst, Esra, diesmal seine Landsleute geführt habe. Entwirren Sie also die Wahrheit inmitten dieser flagranten Widersprüche!... Nach den Büchern Esra, Nehemia und Esther stellen die Priester ein Buch Hiob in die Bibel, das eine Geschichte erzählt, deren Datum nirgends angegeben ist. Diese Geschichte lässt sich so zusammenfassen: — Im Lande Uz (fr. „Huts“, ein Name: die Form der Bibel Ostervalds) (?) lebte ein ungeheuer reicher Mann, ein treuer Diener Gottes. Nun begab es sich eines Tages im ewigen Reich, wo die Engel sind, dass Gott zu Satan, der unter ihnen war, sagte: Woher kommst denn du? Und Satan antwortete Jehova: Ich bin eben auf der Erde spazieren gegangen, ich bin dort hin und her gelaufen. Da fuhr Gott fort: Wenn dem so ist, so bist du wohl meinem Diener Hiob begegnet, der auf der Welt an Frömmigkeit nicht seinesgleichen hat.
377. Hiob, ungeheuer reich, ist der glücklichste der Menschen. Und Satan erwiderte: Wenn er fromm ist, so deshalb, weil du ihn mit Gütern überhäuft hast; aber nimm ihm seine Reichtümer, und du wirst sehen, welche Flüche er ausstoßen wird! Jehova wollte seinem treuen Diener persönlich keine Trübsal zufügen; andererseits gestattete er Satan, ihn zu verfolgen, so viel es ihm gefiele. Du kannst ihn alles erleiden lassen, mit Ausnahme des Todes, sagte er zu dem schalkhaften Engel. Messire Satan ließ es sich nicht nehmen, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen. Zuerst stiehlt ein Stamm von Arabern Hiob seine 500 Paar Ochsen und seine 500 Eselinnen; der Blitz schlägt in seine Herden (7.000 Schafe) ein und vernichtet sie samt ihren Schäfern; chaldäische Reiter nehmen ihm seine 3.000 Kamele und [773] schlagen ihre Hüter mit der Schärfe des Schwertes; zuletzt wirft ein wütender Wind, der aus der Wüste bläst, das Haus um, in dem seine sieben Söhne und seine drei Töchter gerade beim Trinken waren, und begräbt sie unter den Trümmern. Hiob erfährt all diese Unglücksfälle Schlag auf Schlag; aber da er ein gelassenes Gemüt hat, kniet er nieder und ruft aus: « Nackt bin ich aus meiner Mutter Leibe gekommen; was liegt daran, dass ich nichts mehr habe? Gott hatte mir alles gegeben, Gott hat mir alles wieder genommen; sein heiliger Name sei gesegnet! »
378. Hiob wird mit einem Mal der ärmste Mann der Welt. Aber Satan hält sich nicht für geschlagen. Der unglückliche Hiob sieht sich bald mit einem scheußlichen Ausschlag bedeckt, der sich von seinem Kopf bis zu seinen Fußsohlen ausbreitet. Auf einem Misthaufen sitzend, entfernt er mit den Scherben eines zerbrochenen Topfes die übelriechende Feuchtigkeit, die aus seinen Geschwüren fließt. Selbst seine Frau kommt, ihn zu beschimpfen; aber Hiob antwortet wieder mit ergebener Stimme: « Wir haben alles von Gott; wenn wir von ihm die Güter empfangen haben, warum sollten wir von ihm nicht auch die Übel empfangen? » Drei seiner Freunde, Eliphas, Bildad und Zophar, von seinem Unglück benachrichtigt, kamen, ihn zu besuchen; « und sie setzten sich mit ihm auf die Erde sieben Tage und sieben Nächte, ohne ein Wort zu ihm zu reden; denn sie sahen, dass sein Schmerz überaus groß war ».
379. Unwandelbare Geduld Hiobs inmitten der Schmerzen. Mit einem Mal bricht Hiob in heftige Klagen über seine Trübsale aus; er verflucht den Tag seiner Geburt. « Warum bin ich nicht gestorben, als ich aus meiner Mutter Leibe kam! oder warum bin ich nicht gewesen wie eine unzeitige Geburt? » Und er ruft mit großem Geschrei nach dem Tod. Diese Klagen bilden die 26 Verse von Kapitel 3; aber da sie im Widerspruch zum Hauptgegenstand des Buches stehen, spricht man in den Handbüchern der heiligen Geschichte niemals davon. Es würde nämlich genügen, wenn das Buch dort aufhörte; Satan, der so dargestellt wird, als habe er eine Art Wette mit Jehova geschlossen, ist der Gewinner, sobald Hiob die Geduld verliert und Gott vorwirft, dass er ihn habe auf die Welt kommen lassen und ihn jetzt nicht wieder daraus fortnehme. Eliphas, Bildad und Zophar unternehmen es alsdann, Hiob zu bepredigen; sie demütigen ihn, indem sie ihm erklären, dass die Widerwärtigkeiten nur auf die Frevler fallen. Hiob nimmt Gott zum Zeugen seiner Unschuld und beteuert, dass er ungerecht bedrückt werde. Dieser Dialog zwischen Hiob und seinen Freunden dauert neunundzwanzig Kapitel. In Kapitel 32 taucht mit einem Mal ein neues Gegenüber namens Elihu auf, jünger als die anderen, welcher das Wort ergreift, nicht um Hiob anzuklagen, er habe [774] durch seine Verbrechen die strengen Züchtigungen verdient, die Jehova über ihn verhängt hat, sondern um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er zu viel Hochmut gezeigt habe, indem er seine Unschuld beteuerte, weil, wie er sagt, kein Sterblicher sich schmeicheln kann, in die Gerichte Gottes einzudringen und in seinen Augen stets vollkommen rein geblieben zu sein. Dann kommt Jehova selbst in einem Wirbelwind an, und nachdem er die Vermessenheit des jungen Elihu getadelt hat, erinnert er an einige der Wunderwerke, die seine Macht zeigen. Da [775] gibt Hiob zu, dass er die Schranken überschritten hat, die ihm seine Schwachheit und seine Unwissenheit hätten auferlegen sollen, und Gott, befriedigt von seiner Unterwerfung, heilt ihn von seinen Übeln und gibt ihm die Güter, die er verloren hatte, doppelt zurück.
380. Gott belohnt Hiob, indem er ihm seine Güter zurückgibt. In seiner Rede führt Jehova zum Zeugnis seiner Gewalt zwei außergewöhnliche Tiere an, den Behemoth und den Leviathan, deren phantastische Beschreibung zwei Kapitel füllt. Was Satan betrifft, so ist von ihm nicht mehr die Rede. Das letzte Kapitel (42) belehrt uns, dass Hiob noch [776] sieben Söhne und drei Töchter bekam und dass er nach dieser schrecklichen Prüfung seines Lebens hundertvierzig Jahre lebte. Wie man sieht, ist dieses Buch Hiob nicht sehr packend. Die Kritiker heben darin diese Sonderbarkeit hervor: Satan, von dem zum ersten Mal die Rede ist, der im Himmel unter den guten Engeln kommt und geht und wettet, dass der Biedermann Hiob die große Sünde begehen werde, Flüche auszustoßen, wenn er von Elend und Krankheit niedergedrückt wird; und Gott, der die Wette annimmt, in der Hoffnung, dass sein treuer Diener bis ans Ende geduldig sein werde. Da haben wir also Jehova, der von der Zukunft nichts weiß und der sich sogar in seinen Vorhersagen täuscht, da Hiob sich hinreißen lässt zu fluchen. Wir haben gesehen, dass die Bibel vier große Propheten zählt, angebliche Verfasser von Büchern; sie bringt auch einige Bücher, die vorgeblich von kleinen Propheten geschrieben sind, zwölf an der Zahl. Man nennt sie: Hosea (von dem wir einen kurzen Auszug wiedergegeben haben), Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja und Maleachi. Unstreitig ist Jona der Einzige, der es verdient, angeführt zu werden; « die Geschichte der zwölf kleinen Propheten, sagt der Benediktiner Calmet, liefert uns nichts, was dem Wunderbaren so nahe kommt wie das Leben des Jona ». Er war ein Galiläer, vom Stamm Sebulon. Die Kommentatoren lassen ihn unter Jerobeam II., König von Israel, leben; folglich war er unter den Ketzern geboren. Eines Tages erhielt er von Jehova den Befehl, hinzugehen und den götzendienerischen Einwohnern von Ninive zu predigen. Er ist übrigens der Einzige, der eine solche Mission gehabt hat. In welcher Sprache predigte er? fragt Voltaire, der ferner bemerkt, dass es von seiner Heimat bis Ninive vierhundert Meilen waren. — Man muss wohl annehmen, dass Jona für seine Predigt nur einen Bratapfelerfolg (fr. „un succès de pommes cuites“, eine Redewendung: ein völliger Misserfolg, nach den Bratäpfeln, mit denen man einst schlechte Schauspieler bewarf) voraussah; denn statt sich nach Ninive zu begeben, verduftete er hurtig in die entgegengesetzte Richtung, ging nach Joppe hinab, einem Seehafen, und schiffte sich dort, nachdem er seine Überfahrt bezahlt hatte, auf einem Schiff ein, das nach Tharsis den Anker lichtete.
381. Jona, von Gott nach Ninive gesandt, verduftet nach Tharsis. Kaum ist man auf See, erhebt sich ein grässlicher Sturm; seltsamerweise schläfert dieser Sturm Jona ein. Die Matrosen, von Erschrecken ergriffen, werfen zunächst die ganze Ladung ins Wasser; aber das Schiff, obgleich erleichtert, wird erst recht geschüttelt. Da weckt der Obersteuermann Jona auf und beschwört ihn, [777] seinen Gott anzurufen, um das Unwetter zu besänftigen; Jona tut nichts dergleichen. Da das Meer immer unruhiger wird, losen die Matrosen, um zu erfahren, wer von den Passagieren oder von den Männern der Besatzung die Ursache dieses Sturmes ist; das Los fällt auf Jona; man wirft ihn ins Meer, und im selben Augenblick hört der Sturm auf.
382. Sturm auf See über dem Schiff, auf dem Jona ist. Der widerspenstige Prophet war gerade dabei, einen Schluck zu trinken, als ein Walfisch vom Nordpol, der zufällig im Mittelmeer herumlungerte, sich ihm präsentierte, das Maul öffnete und ihn schluckte.
383. Jona, ins Wasser geworfen, wird von einem Walfisch geschluckt. Jona war auf dieses neue Abenteuer nicht gefasst; da ihm jedoch nichts anderes übrig blieb, entschloss er sich, die Ereignisse in seinem seltsamen Domizil abzuwarten. Die Bibel stellt ihn uns drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Walfisches dar, wie er dort einen recht langen Lobgesang an Jehova singt.
384. Traurige Betrachtungen des Jona im Innern des Walfisches. Dieser, der seinem Propheten nur eine Lektion hatte geben wollen, ließ dem ungeheuerlichen Fisch den Befehl zugehen, Jona auszuscheiden; der Fisch gehorchte, und schon ist Jona an einem Gestade abgesetzt. Man zeigt heutzutage die Stätte, wo der Prophet von dem Walfisch wieder ausgespuckt wurde; aber die Theologen sind sich nicht einig, wenn es gilt zu präzisieren, ob Jona erbrochen oder ob er auf der Seite des Schwanzes ausgeschieden wurde.
385. Jona wird von dem Walfisch wieder ausgeworfen. Die glaubenslosen Kritiker sagen, dass diese Erzählung eine den griechischen Fabeln nachgeahmte Fabel ist. Homer spricht in seinem 20. Buch von dem Meeresungeheuer, das sich auf Herkules stürzte. Lykophron erzählt, dass Herkules drei Tage und drei Nächte in seinem Bauch blieb, dass er sich von seiner Leber nährte, nachdem er sie auf den Rost gelegt hatte, und dass er nach Ablauf von drei Tagen als Sieger aus seinem Gefängnis herauskam. Man sieht, dass das Märchen von Herkules dem des Jona nicht nachsteht. Wir haben auch in der heidnischen Mythologie die Geschichte des Arion, der, von Matrosen ins Meer geworfen, von einem Tümmler gerettet wurde, welcher ihn auf seinem Rücken bis nach Lesbos trug; aber dieses Abenteuer reicht an die des Jona und des Herkules nicht heran. Jona begab sich also, als er aus dem Walfisch herauskam, nach Ninive und kündigte den Einwohnern im Auftrag Gottes den nahen Untergang ihrer Stadt an. Nach der Bibel spazierte er durch die Straßen und rief: « Noch vierzig Tage, und Ninive wird zerstört werden! »
386. Predigt des Jona in Ninive. Diese einfachen Worte hatten eine staunenswerte Wirkung: « Die Einwohner glaubten alsbald an Jehova und kleideten sich in Säcke; auch der König stand auf von seinem Thron, legte sein prächtiges Kleid ab, bedeckte sich mit einem Sack und setzte sich auf einen Aschenhaufen. Und er ließ [778] ein königliches Edikt verkünden, das ein großes Fasten befahl, nicht allein den Menschen, sondern auch den Tieren; und dieses Edikt lautete: Die Tiere, Ochsen und Schafe, sollen ebenso wie die Menschen mit Säcken bedeckt werden, und alle sollen zu Jehova schreien, und ein jeglicher bekehre sich von seinen Missetaten. » Da sich also alle Einwohner bekehrt hatten, wurde Gott von ihrer Reue gerührt, sodass die Vorhersage des Jona nicht in Erfüllung ging. Erst sehr viel später wurde Ninive geplündert und zugrunde gerichtet. [779] Gekränkt bei dem Gedanken, dass man ihn für einen Flunkerer halten könnte, entfernte sich Jona von Ninive und suchte Zuflucht in einer Wüste. Es herrschte eine grausige Hitze, und es gab nicht den geringsten Strauch am Horizont. « Und Jehova ließ mit einem Mal aufwachsen einen Kikajon (ein hebräisches Wort, das die Bibel Ostervalds unübersetzt lässt; Luther übersetzte „Kürbis“, die Lutherbibel von 1912 „Rizinus“), der über Jona emporstieg und sein Haupt beschattete; und Jona freute sich mit großer Freude um dieses Kikajons willen. Aber des andern Tages, als die Morgenröte anbrach, tat Jehova einen Wurm in den Kikajon, dieser Wurm verzehrte allen Saft, und der Kikajon verdorrte. [780] Da nun Jona erwachte und nicht mehr gegen den brennenden Wind der Wüste geschützt war, verzweifelte er und klagte bitterlich und bat Gott, ihn zu Tode zu bringen, und sprach: Der Tod ist mir besser als das Leben.
387. Das Wunder des Kikajons in der Wüste. Und Jehova erschien und sprach zu Jona: Wie kannst du dich wohl so bekümmern um diesen Kikajon? Jona antwortete: Ja, Herr, ich tue recht daran, mich so zu bekümmern, ja bis an den Tod. Und Jehova sprach wieder zu ihm: Du möchtest, dass der Wurm den Kikajon verschont hätte, und doch hast du ihn weder gepflanzt noch wachsen lassen; denn er ist in einer Nacht gekommen, und in einer Nacht ist er umgekommen. Und ich, warum sollte ich Ninive nicht verschonen, diese große Stadt, in der mehr denn hundertundzwanzigtausend menschliche Geschöpfe sind, die ihre rechte Hand nicht von ihrer linken Hand zu unterscheiden wissen, und überdies etliche Tiere? » Mit diesem geistreichen göttlichen Wort schließt das Buch Jona (in vier Kapiteln). Das ist ein dürftiges Ende, da das Wunder des Kikajons neben dem Wunder des Walfisches gar wenig bedeutet.
388. Die Lektion, die Gott dem Jona erteilt. Hier sind wir bei den letzten Zeiten der Geschichte des hebräischen Volkes vor Christus angelangt. Das Alte Testament schließt mit den vier Büchern der Makkabäer. Die ersten acht Verse dienen dazu, den Sieg Alexanders des Großen über Darius III. Kodomannus zu vermerken und zu sagen, dass der makedonische Monarch, nachdem er über mehrere Länder regiert hatte, an einer Krankheit starb und sein ungeheures Königreich unter seine Generäle aufteilte. Außerdem weiß man, dass nach einer jüdischen Legende (Josephus, Buch 11, Kap. 8) der Hohepriester der Juden, namens Jaddua, dem Eroberer entgegenkam, als er sich Jerusalem näherte, und ihm angebliche Vorhersagen zeigte, nach denen die ganze Welt Alexander gehören sollte. Empfänglich für diese Schmeichelei soll Alexander Jerusalem verschont haben.
389. Alexander und der Hohepriester Jaddua. Judäa wurde damals dem theokratischen Regiment unterworfen: die Nation lebte in einer Art Unabhängigkeit, da sie von den benachbarten Königreichen nicht beunruhigt wurde und selbst keinen König hatte. Die Priester regierten das Volk und verwalteten es; der Altar war zugleich der Thron. Im Grunde war es genau so, als ob die Juden einen König gehabt hätten, da sie dem Hohenpriester sowohl den Zehnten als auch die Steuer zahlten.
390. Errichtung des theokratischen Regiments. Man weiß kaum, wie lange dieser Zustand [781] relativer Unabhängigkeit dauerte; aber aus den Büchern der Makkabäer, deren Verfasser unbekannt ist, geht hervor, dass die Juden keinen Anlass hatten, sich zu ihren Beziehungen mit den Nachfolgern Alexanders zu beglückwünschen. Hier die bitteren Worte, mit denen die Bibel diesen Wandel der Lage erwähnt: « Als Alexander gestorben war, behielten seine Generäle ihr Königreich, ein jeglicher in seinem Landstrich; und sie krönten sich nach seinem Tode, und ihre Söhne nach ihnen, etliche Jahre lang, und die Übel wurden gemehrt auf Erden. Von ihnen ging aus ein sehr böses Geschlecht, das Antiochus’ des Erlauchten. » (1 Makkabäer 1:9-11) Unter den Seleukiden, einer griechischen Dynastie, die in Syrien regierte, sahen die Israeliten in der Tat ganz gewiss die unheilvollen Tage aufleuchten, obgleich der heilige Schriftsteller sich bemüht, durch die Erzählung einiger Wunder das Ansehen des Volkes Gottes zu heben, das abermals als Vasall behandelt und hart behandelt wurde. Wie der ganze Rest des Alten Testaments wimmeln die Bücher der Makkabäer von Widersprüchen und groben historischen Irrtümern. Überdies sind die Ereignisse darin in solcher Unordnung berichtet, dass es unmöglich ist, das Wahre vom Falschen zu scheiden, vor allem wenn man es unternimmt, diesen Erzählungen Kapitel für Kapitel zu folgen. Voltaire hat die Geduld gehabt, die Argumente zusammenzutragen, welche die Kritiker gegen die Echtheit und die Wahrhaftigkeit dieser letzten Bücher der Bibel vorbringen; darum können wir zum Schluss nichts Besseres tun, als die Zusammenfassung seiner Bemerkungen wiederzugeben: « 1. — Man leugnet zunächst, schreibt Voltaire, die Marter der sieben Brüder Makkabäer und ihrer Mutter (unter den Foltern gestorben, weil sie sich geweigert hatten, Schweinefleisch zu essen), weil davon im ersten Buch, das weit über die Regierung des Antiochus Epiphanes oder des Erlauchten hinausgeht, keine Erwähnung getan wird.
394. Marter der sieben Makkabäer und ihrer Mutter. Mattathias, der Vater der Makkabäer, hatte nur fünf Söhne, die sich alle bei der Verteidigung des Vaterlandes hervortaten. Der Verfasser des zweiten Buches, der die Marter der Makkabäer erzählt (2 Makkabäer 7), sagt nicht, in welcher Stadt Antiochus diese barbarische Hinrichtung befahl; und er hätte es gesagt, wenn sie wahr gewesen wäre. Übrigens scheint Antiochus ganz und gar unfähig zu einer so grausamen, so feigen und so unnützen Tat. Er war ein sehr großer Fürst, der in Rom erzogen worden war. Er war seiner Erziehung würdig, tapfer und höflich, milde im Siege und höchst [782] leutselig: man wirft ihm nur eine übertriebene Vertraulichkeit vor, die er von den meisten Großen Roms angenommen hatte, deren Sitte es war, die Stimmen des Volkes zu gewinnen, indem sie sich zu ihm herabließen. Der Titel des Erlauchten, den Asien ihm gab und den die Nachwelt ihm bewahrt, ist eine recht gute Antwort auf die Beleidigungen, mit denen die Juden sein Andenken überhäuft haben. Jerusalem war in seinen weiten syrischen Staaten eingeschlossen. Die Juden empörten sich gegen ihn. Dieser Fürst, der Sieger über [783] Ägypten, kam zurück, um sie zu bestrafen; und da die Religion der ewige Vorwand aller Aufruhre und der Grausamkeiten dieses Volkes war, befahl Antiochus, seiner Toleranz müde, die sie kühn machte, endlich, dass es in seinen Staaten nur noch einen einzigen Kult geben solle, den der Götter Syriens. Er beraubte die Rebellen ihrer Religion und ihres Geldes, zweier Dinge, die ihnen gleich teuer waren. Antiochus war in Ägypten, das seine Waffen erobert hatten, nicht so verfahren; im Gegenteil, er hatte dieses [784] Königreich seinem König mit einem Edelmut zurückgegeben, der seinesgleichen nur in der Seelengröße hatte, mit der Alexander, wie man sagt, den Porus behandelte. Wenn er also mehr Strenge gegen die Juden übte, so geschah es, weil sie ihn dazu zwangen. Die Samariter gehorchten ihm; aber Jerusalem trotzte ihm, und daraus entstand dieser blutige Krieg, in dem Judas Makkabäus und seine vier Brüder (nach der Aussage der Bibel) so schöne Dinge mit sehr kleinen Heeren vollbrachten. Also ist die Geschichte von der Marter der angeblichen sieben Makkabäer und ihrer Mutter nur ein Roman. 2. — Der romanhafte Verfasser beginnt seine Lügen damit, dass er sagt, Alexander habe zu seinen Lebzeiten seine Staaten unter seine Generäle aufgeteilt. Dieser Irrtum, der nicht widerlegt zu werden braucht, lässt auf das Wissen des Schriftstellers schließen. 3. — Fast alle im ersten Buch der Makkabäer angeführten Einzelheiten sind ebenso schimärisch. Er sagt, dass Judas Makkabäus, als er in einem Winkel Judäas den Krieg von Höhle zu Höhle führte, sich mit den Römern verbünden wollte (ch. 8): « da er erfahren hatte, dass gar weit von dannen ein römisches Volk wäre, welches die Galater unterjocht hätte ». Nun war diese Nation der Galater noch nicht geknechtet; sie wurde es erst durch Cornelius Scipio. 4. — Er fährt fort und sagt, dass Antiochus der Große, dessen Sohn Antiochus Epiphanes war, « ein Gefangener der Römer gewesen war ». Das ist ein offensichtlicher Irrtum: er wurde von Lucius Scipio, genannt der Asiatische, besiegt; aber er war kein Gefangener; er schloss Frieden, zog sich in seine persischen Staaten zurück und bezahlte die Kosten des Krieges. Man sieht hier einen jüdischen Verfasser, der über das, was in der übrigen Welt vorgeht, schlecht unterrichtet ist, und der aufs Geratewohl von dem spricht, was er nicht weiß. 5. — Der Schriftsteller der Makkabäer fügt hinzu, dass dieser Antiochus der Große « den Römern Indien, Medien und Lydien abtrat ». Das wird zu stark. Eine solche Ungereimtheit ist unbegreiflich. Es ist schade, dass der jüdische Verfasser nicht noch China und Japan hinzugefügt hat! 6. — Sodann sagt er, um über die Verfassung Roms unterrichtet zu scheinen, « dass man dort alle Jahre eine oberste Magistratsperson wählt, der allein man gehorcht » Der Unwissende wusste nicht einmal, dass Rom zwei Konsuln hatte. 7. — Judas Makkabäus und seine Brüder schicken, wenn man [785] dem Verfasser glaubt, eine Gesandtschaft an den römischen Senat; und die ganze Ansprache der Gesandten lautet so: « Judas Makkabäus und seine Brüder und die Juden haben uns zu euch gesandt, auf dass wir mit euch Bund und Frieden machen. » Das ist ungefähr so, als ob ein Parteihaupt der Republik San Marino Gesandte zum Großtürken schickte, um ein Bündnis mit ihm zu schließen. Die Antwort der Römer ist nach der Bibel nicht weniger außerordentlich. Wenn es wirklich eine Gesandtschaft einer wohlanerkannten palästinischen Republik in Rom gegeben hätte, wenn Rom einen feierlichen Vertrag mit Jerusalem geschlossen hätte, so hätten Livius und die anderen Geschichtsschreiber davon gesprochen. Der jüdische Hochmut hat immer übertrieben; aber er ist nie lächerlicher gewesen. 8. — Bald danach sieht man eine andere Fanfaronade; das ist die angebliche Verwandtschaft der Juden und der Lakedämonier. Der Verfasser gibt vor, dass ein König von Lakedämon namens Arius an den jüdischen Hohenpriester Onias den Dritten mit diesen Worten geschrieben habe (ch. 12): « Es ist in den Schriften gefunden worden, die Spartaner und die Juden betreffend, dass sie Brüder sind, da die einen und die anderen vom Geschlecht Abrahams sind; und da wir es nun wissen, tut ihr wohl daran, uns zu schreiben, dass ihr in Frieden seid; und siehe, dies haben wir geantwortet: Unsere Kühe und unsere Hammel sowie unsere Äcker sind euer; wir haben befohlen, dass man euch dies melde. » Man kann Abgeschmacktheiten, die so außerhalb des gesunden Menschenverstandes liegen, nicht ernsthaft behandeln. Das gleicht Harlekin, der sich Pfarrer von Domfront nennt; und wenn der Richter ihm beweist, dass er gelogen hat: « Monsieur, erwidert Harlekin, ich glaubte es zu sein. » (fr. „je croyais l’être“: die Ausrede Harlekins, eines entlarvten Betrügers, in Fatouvilles Komödie „Arlequin empereur dans la lune“, 1684 von der Comédie-Italienne in Paris gespielt) Es ist nicht der Mühe wert zu zeigen, dass es nie einen König von Sparta namens Arius gab und dass zur Zeit des Hohenpriesters Onias des Dritten Lakedämon keine Könige mehr hatte. Es hieße zu viel Zeit verlieren, wollte man zeigen, dass Abraham in Sparta und in Athen ebenso unbekannt war wie in Rom. 9. — Wir wagen es, diesen so verächtlichen Kindereien das wunderbare Abenteuer Heliodors hinzuzufügen, das im zweiten Buch, in Kapitel 3, erzählt wird. Seleukos Philopator, älterer Bruder und Vorgänger des Antiochus Epiphanes, König von Syrien, von Persien, von Phönizien und von Palästina, wird von einem Juden, Verwalter des Tempels, benachrichtigt, dass es in dieser Festung einen ungeheuren Schatz gibt. Seleukos, der Geld für seine Kriege brauchte, schickt [786] Heliodor, einen seiner Amtleute, um dieses Geld zu verlangen, wie der König von Frankreich Franz I. später das silberne Gitter von Saint-Martin (das Gitter am Grabmal des heiligen Martin in Tours, das Franz I. 1522 einschmelzen ließ, um seine Kriege zu bezahlen) verlangte. Heliodor kommt, seinen Auftrag auszuführen, und arrangiert sich mit dem Hohenpriester Onias.
391. Heliodor kommt, um vom Hohenpriester Onias Geld zu verlangen. Während sie im Tempel miteinander sprachen, sieht man vom Himmel ein großes Pferd herabkommen, das einen von Gold glänzenden Reiter trägt. Das Pferd keilt (fr. „ruades“: so heißen nur die Tritte mit den Hinterbeinen, was die Vorderfüße absurd macht) zuerst « mit den Vorderfüßen » nach Heliodor aus; und zwei Engel, die dem Pferd als Stallknechte dienten, jeder [787] mit einer Handvoll Ruten bewaffnet, peitschen Heliodor mit weit ausholendem Arm.
392. Schreckliche Hiebe auf die Hinterbacken, dem Heliodor von zwei Engeln erteilt. Onias, der Hohepriester, war so barmherzig, für ihn zu Gott zu beten. Die beiden Engel-Stallknechte hörten auf zu peitschen. Sie sagten zu dem Amtmann: Sage dem Onias Dank; ohne seine Gebete hätten wir dir die Hinterbacken bis zum Tode versohlt. Worauf sie verschwanden.
393. Der Hohepriester Onias legt Fürbitte für Heliodor ein. Man sagt nicht, ob sich der Hohepriester Onias nach dieser Geißelung mit seinem König Seleukos verständigte und ihm einige deniers (eine alte französische Münze von sehr geringem Wert) lieh. [788] Dieses Wunder ist den Kritikern umso ungereimter erschienen, als weder der König von Ägypten Sisak, noch der König von Asien Nebukadnezar, noch Antiochus Epiphanes, noch Ptolemäus Soter, noch der große Pompejus, noch Crassus, noch die Königin Kleopatra, noch der Kaiser Titus, die alle etwas Geld aus dem jüdischen Tempel davontrugen, indessen von den Engeln gepeitscht wurden. Zwar hat ein heiliger Mönch die Seele Karl Martells gesehen, die einige Teufel in einem Boot zur Hölle führten und die sie peitschten, um den Sieger über die Sarazenen dafür zu bestrafen, dass er sich etwas aus dem Schatz von Saint-Denis (die Abtei bei Paris, in der die Könige von Frankreich begraben lagen) angeeignet hatte; aber solche Fälle kommen selten vor. 10. — Wir übergehen eine Menge von Anachronismen, Verwechslungen, Umstellungen, Unwissenheiten und Fabeln, die in den Büchern der Makkabäer wuchern, um zum Tode Antiochus’ des Erlauchten zu kommen, der in Kapitel 9 des zweiten Buches beschrieben wird. Das ist eine Anhäufung von Unwahrheiten, Absurditäten und Beleidigungen, die Mitleid erregen. Nach dem Verfasser zieht Antiochus in Persepolis ein, um die Stadt und den Tempel zu plündern. Man weiß zur Genüge, dass diese Hauptstadt, von den Griechen Persepolis genannt, von Alexander zerstört worden war. Die Juden, immer abgesondert unter den Nationen, immer nur mit ihren eigenen Interessen und ihrem eigenen Land beschäftigt, mochten wohl von den Umwälzungen Chinas und Indiens nichts wissen; aber konnte ihnen unbekannt sein, dass diese Stadt, die allein die Griechen Persepolis nannten, seit hundertsechzig Jahren nicht mehr bestand? Ihr wahrer Name war Sestekar. Hätte ein Jude aus Jerusalem, das heißt ein Asiate, die Makkabäer geschrieben, so hätte er der Wohnstatt der Könige von Persien nicht einen Namen gegeben, der einzig in den griechischen Büchern vorkommt. Daraus schließt man, dass diese letzten Bücher des Alten Testaments nur von einem jener hellenistischen Juden aus Alexandria geschrieben worden sein können, der anfing, ein Redner werden zu wollen. Aber hier ist ein anderer Grund zu zweifeln. Im ersten Buch heißt es, dass Antiochus Epiphanes sich der goldenen Schilde bemächtigen wollte, die Alexander der Große in der Stadt Elymais zurückgelassen hatte, auf dem Weg nach Ekbatana, welches dasselbe ist wie Rages, und dass er in diesem Landstrich vor Kummer starb, als er erfuhr, dass die Makkabäer seinen Truppen in Judäa widerstanden hatten. Im zweiten Buch heißt es im Gegenteil, dass dieser König von seinem Wagen stürzte; dass er bei seinem [789] Sturz so zerschunden wurde, dass der Wundbrand in seinen Leib kam; dass sein Fleisch von Würmern wimmelte; und dass er alsdann den Gott der Juden um Verzeihung bat. Dort steht jener so bekannte Vers, von dem man so viel Gebrauch gemacht hat: « Der Schurke flehte um die Barmherzigkeit des Herrn, die er nicht erlangen sollte ». Der Verfasser fügt hinzu, dass Antiochus Jehova versprach, Jude zu werden. Dieser letzte Zug genügt: es ist, als ob Karl V. versprochen hätte, Türke zu werden. Vom dritten Buch der Makkabäer werden wir nur ein Wort sagen und vom vierten nichts; beide werden einmütig für apokryph gehalten. Hier ist ein Geschichtchen aus dem dritten; die Szene spielt in Ägypten. Der König Ptolemäus Philopator ist erbost über die Juden, die in großer Zahl in seinen Staaten Handel trieben; er ordnet ihre Zählung an, und nach Philo machten sie eine Million Köpfe aus. Man pfercht diese Million Menschen im Hippodrom von Alexandria ein. Der König erlässt ein Edikt, durch das sie alle seinen Elefanten überantwortet werden sollen, um unter ihren Füßen zertreten zu werden. Zu der für dieses Schauspiel angesetzten Stunde schläfert Gott, der über sein Volk wacht, den König tief ein. Ptolemäus schiebt bei seinem Erwachen die Partie auf den folgenden Tag auf; aber Gott nimmt ihm alsdann das Gedächtnis: Ptolemäus erinnert sich an nichts mehr. Endlich, am dritten Tag, lässt der hellwache Ptolemäus seine Juden und seine Elefanten vorbereiten. Das Stück sollte eben gespielt werden, als sich plötzlich die Tore des Himmels öffnen: zwei Engel steigen daraus herab; sie richten die Elefanten gegen die Soldaten, die sie führen sollten; die Soldaten werden zertreten, die Juden gerettet, der König bekehrt... Man schrieb die Geschichte in jenem Land scherzhaft! » Nimmt man die biblische Geschichte der Makkabäer in ihren großen Zügen, so lässt sie sich alles in allem folgendermaßen zusammenfassen: — Der Opferpriester Mattathias gibt unter der Regierung des Antiochus Epiphanes das Signal zur Empörung, indem er einen Juden abschlachtet, der den Göttern Syriens opferte; seine fünf Söhne, Johannes, Simon, Judas, Eleasar und Jonathan, tun sich ebenfalls hervor.
395. Der Levit Mattathias gibt das Signal zur Empörung. Judäa erhebt sich; man macht aus allem und jedem eine Waffe. Judas Makkabäus, der erlauchteste der Söhne des Mattathias, stellt sich an die Spitze des Aufstands und haut die königlichen Heere in Stücke: aber er begnügt sich nicht damit, General zu sein; er folgt als Hohepriester auf Menelaus, einen Nachfahren des famosen Jaddua, des Liebedieners [790] Alexanders. Man nennt seine Siege über Apollonius in der Umgebung von Samaria, über Seron bei Beth-Horon und über drei andere Generäle des Antiochus: Ptolemäus, Nikanor und Gorgias.
396. Großer Sieg des Judas Makkabäus, seines Sohnes. Unter der Regierung des Antiochus Eupator, des Sohnes des Epiphanes, hat Eleasar Makkabäus weniger Glück als sein Bruder Judas: nachdem er auf dem Höhepunkt einer Schlacht in den feindlichen Reihen einen mit den königlichen Insignien bedeckten Elefanten gesehen hat, stürzt sich mons (ein umgangssprachliches und spöttisches französisches Wort, „monsieur“ um die Hälfte gekürzt: wer einem Mann nur den halben Titel gibt, gesteht ihm den ganzen nicht zu) Eleasar auf das Tier, in der Einbildung, der König sitze oben darauf; aber der Elefant packt [791] unseren Juden mit seinem Rüssel und zerbricht ihn in zwei Stücke, als wäre er eine einfache Pfeife zu vier sous (fr. „le casse en deux comme… une simple pipe“, nach der umgangssprachlichen Redewendung „casser sa pipe“, seine Pfeife zerbrechen: sterben; so stirbt Eleasar, zerbrochen wie eine Pfeife).
397. Wie ein Elefant dem Eleasar Makkabäus zum Verhängnis wurde. Unter Demetrius Soter, dem Onkel und Nachfolger des Antiochus Eupator, triumphiert Judas Makkabäus wieder über das syrische Heer, das von Bakchides befehligt wurde, und zweimal über jenes, das Nikanor befehligte, welcher in der wilden Flucht umkam. Nachdem aber ein neuer, von Bakchides geleiteter Feldzug die 3.000 Mann des Judas einem Heer von 22.000 Mann gegenübergestellt hat und Jehova diesmal nicht daran gedacht hat, [792] seinem Volk einen Würgengel zu Hilfe zu schicken, laufen die Makkabäischen, von Grauen gepackt, auseinander und lassen ihren General vom Feind erdrücken. So endete der berühmte Judas Makkabäus. Seine zwei Brüder, Jonathan und Simon, folgten ihm einer nach dem anderen in seinen doppelten Ämtern als Hohepriester und General nach. Mit Voltaire sei bemerkt, dass diese Makkabäer vom Geschlecht Levis waren und dass sie, einfache Opferpriester in einem kleinen Dorf namens Modin, gegen das Tote Meer hin, durch eine Umwälzung die priesterliche Macht erlangten, dann die königliche. Man kann also nicht umhin festzustellen, dass dieses Ereignis all jene eitlen Weissagungen zuschanden machte, die der Stamm Juda durch den Mund seiner Propheten immer zu seinen Gunsten gemacht hatte, und jene ewige Vorherrschaft des Hauses David widerlegte, die so oft vorhergesagt worden und so falsch war. Es gab niemanden mehr vom Geschlecht Davids; wenigstens nennt kein jüdisches Buch irgendeinen Nachfahren dieses Fürsten seit der Gefangenschaft. Wenn die Kinder des Leviten Mattathias, zuerst Makkabäer und dann Hasmonäer genannt, das Räucherfass und das Zepter hatten, so war es zu ihrem Unglück. Ihre Enkel befleckten den Altar und den Thron mit Verbrechen und trieben nur eine barbarische Politik, die den völligen Ruin ihres Vaterlandes verursachte. Wenn sie im Anfang die hohepriesterliche Autorität hatten, so waren sie nichtsdestoweniger den Königen von Syrien tributpflichtig. Antiochus Eupator schloss einen Vergleich mit ihnen, aber sie wurden immer als Untertanen angesehen. Außerdem metzelten diese heiligen Helden einander nieder. Simon, der letzte Bruder des Judas Makkabäus, wurde mit zweien seiner Söhne von seinem Schwiegersohn Ptolemäus gemeuchelt, dem Statthalter von Jericho, der sich der Gewalt bemächtigen wollte.
398. Simon Makkabäus wird von seinem Schwiegersohn Ptolemäus gemeuchelt. Hyrkanos, Sohn dieses Hohenpriesters Simon und selbst Hohepriester, versuchte, sich gegen Antiochus Sidetes zu empören. Der König von Syrien belagerte ihn in Jerusalem, und Jehova kam ihm nicht zu Hilfe, da es heißt, Hyrkanos habe den König mit Geld besänftigt. Aber woher nahm der Hohepriester Hyrkanos dieses Geld? Das ist eine Schwierigkeit, die jeden vernünftigen Leser bei jedem Schritt aufhält. Woher konnten all diese angeblichen Schätze kommen, die man in diesem so oft geplünderten Tempel von Jerusalem unaufhörlich wiederfindet? Josephus hat den Aplomb zu sagen, dass Hyrkanos das Grabmal Davids öffnen ließ und dass er darin dreitausend Talente fand. [793] So hat man sich Schätze ausgedacht in den Gräbern des Cyrus, des Rustan, des Alexander, Karls des Großen; vor nicht langer Zeit hoffte ein naiver Minister der Französischen Republik, im Vertrauen auf die Wünschelrute einer Fopper-Hexe oder einer verrückten, solche in den Grabmälern unserer Könige, in Saint-Denis, zu entdecken. Wie dem auch sei, Hyrkanos unterwarf sich und erlangte seine Begnadigung. Dieser Hyrkanos nutzte die Wirren Syriens und nahm endlich Samaria ein, die ewige Feindin Jerusalems, die danach von Herodes wieder aufgebaut und Sebaste genannt wurde. Die Samariter zogen sich nach Sichem zurück, welches das Nablus unserer Tage ist; sie waren Jerusalem noch näher, und der Hass der beiden Fraktionen des Volkes Gottes wurde dadurch unversöhnlicher. Jerusalem, Sichem, Jericho, Samaria, die bei uns so viel Lärm gemacht haben und im Orient so wenig, waren immer kleine, recht arme Nachbarstädte, deren Bewohner in der Ferne ihr Glück suchten, wie die Armenier, die Parsen, die Banianen. Flavius Josephus, trunken von Chauvinismus, lässt es sich nicht nehmen zu sagen, dass dieser Hyrkanos Makkabäus ein Eroberer und ein Prophet war und dass Gott oft von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprach. Wenn man Josephus glaubt, so liegt ein unbestreitbarer Beweis dafür, dass dieser Hyrkanos ein Prophet war, darin, dass er zweien seiner Söhne, die er liebte und die Ungeheuer an Treulosigkeit, an Geiz und an Grausamkeit waren, vorhersagte, sie könnten, wenn sie sich in ihrer Schurkerei verstockten, ein böses Ende nehmen. Von diesen beiden Galgenstricken war der eine Aristobulos, der andere Antigonos. Die Juden hatten schon die Eitelkeit, griechische Namen anzunehmen. Gott kam eines Nachts zu Hyrkanos und zeigte ihm das Bildnis eines anderen seiner Kinder, das zuerst nur Jannäus hieß, Verkleinerungsform von Johannes (was Jeannot entspricht) (die französische Koseform von Jean, Johannes, und zugleich der Name des Tölpels der Possen; die Taufe stammt von Voltaire, in La Bible enfin expliquée, und so heißt der künftige Hohepriester, der sich den großen Namen Alexanders zulegen wird, zuerst wie der Tölpel), und das danach die Anmaßung hatte, sich den Namen Alexander zuzulegen. « Dieser, sprach Jehova, wird eines Tages deine Stelle als Hohepriester einnehmen. » Hyrkanos, dieser gute Vater, der in diesem göttlichen Wort flüchtig die Ankündigung einer Usurpation erblickte, beeilte sich, seinen Sohn Jeannot zu Tode zu bringen, « aus Angst, dieses Orakel möchte sich erfüllen », wie der Geschichtsschreiber sagt. Aber anscheinend starb Jeannot oder Jannäus nicht ganz und gar, oder Gott auferweckte ihn, denn wir werden ihn bald als Hohenpriester und Gebieter von Jerusalem sehen. [794] Einstweilen muss man sich ansehen, was den zwei vielgeliebten Brüdern, Aristobulos und Antigonos, Söhnen des Hyrkanos, nach dem Tod des Hyrkanos, ihres Vaters, widerfuhr. Der Priester Aristobulos lässt den Priester Antigonos, seinen Bruder, im Tempel meucheln und lässt seine eigene Mutter in einem Kerker erdrosseln. Von eben diesem Aristobulos — dem ersten Makkabäer, der den Titel eines Königs der Juden annahm — sagt Josephus, er sei ein sehr sanfter Fürst gewesen. Zu dieser Zeit war Judäa durch die Rivalitäten [795] zweier religiöser Sekten in Unruhe gestürzt, die bald politische Faktionen werden sollten: die Pharisäer, so genannt nach einem hebräischen Wort, das « Abgesonderte » bedeutet, weil sie es geflissentlich darauf anlegten, sich vom Volk zu unterscheiden, und die Sadduzäer, die ihren Namen von Zadok, ihrem Haupt, herleiteten; diese waren gewissermaßen die jüdischen Epikureer, die sich peinlich genau an den Buchstaben des Pentateuchs hielten, die Unsterblichkeit der Seele nicht annahmen, folglich weder Hölle noch Paradies, und noch weniger die Auferstehung, während die [796] Pharisäer dem Gesetz des Mose die mündliche Überlieferung hinzufügten, auf deren Grund sie die Metempsychose annahmen, und auf diese Lehre der Metempsychose pfropften sie noch allerlei Glaubensvorstellungen; so setzten sie fest, dass die bösen Geister in die Leiber der Menschen fahren konnten; sie sahen in allen unbekannten Krankheiten Besessenheiten durch Dämonen. Die Pharisäer sind es, die die Teufel und die Exorzismen erfanden; einer von ihnen ist es, der das Buch mit dem Titel Der Schlüssel Salomos fabrizierte, das heilige Buch des Okkultismus. Man verehrte sie als die gelehrten Ausleger des Gesetzes; man beeilte sich, sich in ihre Geheimnisse einweihen zu lassen; sie lehrten die Auferstehung und das Himmelreich. Es gab eine dritte Sekte, die der Essener, die in Gemeinschaft lebten, sich abseits der Welt den praktischen Tugenden widmeten, der Mäßigkeit und der Arbeit, und die sich recht gut mit verschiedenen persischen Glaubensvorstellungen vertrugen. Die Makkabäer begünstigten zuerst die Sadduzäer gegen die Pharisäer; aber das kam vor allem daher, dass diese Letzteren die mächtigste Schule im Staat bildeten und in alle Staatsgeschäfte einzudringen suchten. Nachdem Aristobulos I. gestorben ist, steht sein Bruder Jeannot-Alexander von den Toten auf und folgt ihm nach; man hatte ihn wohl im Gefängnis behalten, statt ihn zu töten. Jannäus ehelicht Salome, das heißt die Witwe des Aristobulos, und ändert ihren Namen in Alexandra. Vor allem in dieser Zeit stritten sich die Ptolemäer, Könige von Ägypten, und die Seleukiden, Könige von Syrien, um Palästina. Dieser Streit, bald heftig, bald gemäßigt, dauerte seit dem Tod Alexanders des Großen. Das jüdische Volk stärkte sich ein wenig durch die Desaster seiner Gebieter; die Priester, die diese kleine Nation regierten, wechselten jedes Jahr die Partei und verkauften sich an den Stärksten. Dieser Jannäus-Alexander begann sein Priestertum mit dem Meuchelmord an demjenigen seiner Brüder, der noch übrig war und der nicht wie er von den Toten auferstand. Josephus sagt uns den Namen dieses Bruders nicht, und wenig liegt an diesem Namen im Katalog so vieler Verbrechen. Jannäus hielt sich in seinem Regiment dank der Wirren Asiens. Dieses Regiment war zugleich priesterlich, demokratisch, aristokratisch: eine vollständige Anarchie. Josephus berichtet, dass eines Tages das Volk im Tempel Äpfel und Zitronen an den Kopf seines Hohenpriesters Jannäus warf, [797] der sich zum Souverän aufwarf, und dass dieser Alexander sechstausend Mann seines Volkes abschlachten ließ. Auf dieses Gemetzel folgten zehn Jahre Gemetzel. Wem zahlten die Juden in jener Zeit Tribut? Welcher Souverän zählte diese Provinz zu seinen Staaten? Josephus streift diese Frage nicht einmal: Es scheint, als wolle er glauben machen, Judäa sei eine freie und souveräne Provinz gewesen. Indessen ist es gewiss, dass die Könige von Ägypten und die von Syrien sich um sie stritten, bis die Römer kamen und sie verschluckten. Nach diesem Jannäus, der des großen Namens Alexander so unwürdig war, behielt seine Witwe Salome, genannt Alexandra, neun Jahre lang die Autorität im Namen ihrer jungen Söhne, wobei sie das Regiment den Pharisäern überließ und die Gewalttaten duldete, die diese gegen ihre Gegner, die Sadduzäer, verübten. Als dann der Tod Alexandras den politischen und religiösen Rivalitäten dieser zwei Sekten freie Bahn ließ, wurde dieses Königreich, das in keiner Richtung zehn Meilen Ausdehnung hatte, durch den Bürgerkrieg zerrissen, wobei Hyrkanos II., der ältere der Söhne des Hohenpriesters Jannäus, sich an die Spitze der Pharisäer gestellt hatte und Aristobulos II., der jüngere, das Haupt der Sadduzäer war; und Judäa bekam so zwei Könige statt eines. Diese zwei feindlichen Brüder lieferten einander eine Schlacht bei dem Flecken Jericho, nicht mit Heeren von drei-, von vier-, von fünf- und von sechshunderttausend Mann; man wagte damals nicht mehr, solche Flunkereien zu schreiben, und selbst der Übertreiber Josephus hätte sich ihrer geschämt; die jüdischen Heere zählten damals drei- bis viertausend Soldaten. Hyrkanos wurde geschlagen, und Aristobulos II. blieb der Gebieter. Zu dieser Zeit trugen die Römer, ohne sich allzu sehr um ihren angeblichen Freundschaftsbund mit den Makkabäern zu kümmern, ihre siegreichen Waffen nach Kleinasien, nach Syrien und bis zum Kaukasus. Die Seleukiden bestanden nicht mehr; Tigranes, König von Armenien, Schwiegervater des Mithridates, hatte einen Teil ihrer Staaten erobert. Der große Pompejus hatte Tigranes besiegt; er hatte soeben Mithridates dahin gebracht, sich den Tod zu geben; er machte Syrien zu einer römischen Provinz. Die Bücher der Makkabäer sprechen weder von diesem großen Mann noch von Lucullus noch von Sulla. Man wird darüber nicht erstaunt sein. — Hyrkanos, von seinem Bruder Aristobulos vertrieben, hatte bei einem Araberhäuptling namens Aretas Zuflucht gesucht. Jerusalem war immer so unbedeutend gewesen, [798] dass dieser Diebeshauptmann kam und Aristobulos in dieser Stadt belagerte. Pompejus zog damals durch das niedere Syrien. Aristobulos erlangte den Schutz des Scaurus, eines Unterfeldherrn des Pompejus. Scaurus befiehlt dem Beduinen, die Belagerung aufzuheben und keine Feindseligkeiten mehr in den Landen der Römer zu begehen; denn da Syrien dem Reich einverleibt war, war es Palästina auch. Das ist der einzige Bund, den die römische Republik mit Judäa hatte schließen können. [799] Josephus schreibt, dass Aristobulos, um den Schutz des Pompejus zu erlangen, ihm ein prächtiges Geschenk sandte; Strabon spricht von diesem Geschenk, das ein goldener Weinstock gewesen sein soll, aber er schreibt es Alexander-Jannäus zu, und nicht Aristobulos. Wie dem auch sei, die zwei Brüder Aristobulos und Hyrkanos, die sich um die Würde des Hohenpriesters stritten, kamen, um ihre Sache vor Pompejus zu verfechten, während er auf dem Marsch war. Er war im Begriff, sein Urteil zu sprechen, als Aristobulos entfloh; was glauben ließe, dass das Präsent [800] des goldenen Weinstocks den Schiedsrichter nicht hatte beeinflussen können, und dass der jüngere Sohn Jeannots von da an mehr Vertrauen in die Wälle der Hauptstadt Davids hatte.
399. Schiedsgericht des Pompejus zwischen den letzten Makkabäern. In der Tat zog Pompejus seinerseits vor Jerusalem, um es zu belagern. Man weiß, dass diese Stadt für die Verteidigung ausgezeichnet gelegen ist; sie könnte in den Händen eines geschickten Ingenieurs einer der besten festen Plätze des Orients sein; wenigstens könnte der Tempel, der die wirkliche Zitadelle war, uneinnehmbar werden, da er auf dem Gipfel eines steilen Berges erbaut ist, der von jähen Abstürzen umgeben ist. Pompejus war genötigt, fast drei Monate damit zu verlieren, seine Kriegsmaschinen vorzubereiten und in Bewegung zu setzen; aber sobald sie manövrieren konnten, schlug er eine Bresche in die Festung und zog ein. Ein Sohn des Diktators Sulla stieg als Erster hinauf, und was diesen Tag noch denkwürdiger macht, ist, dass die Einnahme Jerusalems durch die Römer unter dem Konsulat Ciceros stattfand (63 v. Chr.). Josephus sagt, man habe im Tempel zwölftausend Juden getötet; wir würden es ihm glauben, wenn er nicht immer übertrieben hätte. Wir können es ihm nicht glauben, wenn er hinzufügt, man habe darin zweitausend Talente Silber gefunden und der Sieger habe zehntausend aus der Stadt herausgeholt: denn schließlich, da dieser Tempel so oft so leicht eingenommen, so oft geplündert und verwüstet worden war, war es unmöglich, dass man darin zweitausend Talente Silber aufbewahrte, die nach unserem Geld fast zwölf Millionen Franken ausmachen würden; und es wäre noch überspannter zu glauben, dass man ein so kleines Land, so ausgesogen und so arm, mit zehntausend Talenten besteuern könnte, fast sechzig Millionen!... Daran denken diejenigen nicht, die ohne Prüfung lesen und die diese vom hebräischen Hochmut ersonnenen Fabeln leichtfertig wiedergeben. Ein vernünftiger Mensch zuckt die Achseln, wenn er sieht, dass Alexander in Judäa nur dreißig Talente zusammenbringen konnte, um auszuziehen und Darius zu bekämpfen, und wenn er zwölftausend Talente in den Kassen der Juden sieht, außer den dreitausend, die vorgeblich im Grabmal Davids gefunden wurden. Es ist gewiss, dass Pompejus nichts für sich nahm und dass er sich darauf beschränkte, die Juden die Kosten seiner Expedition zahlen zu lassen, die ein Beiwerk seines Hauptfeldzugs in Kleinasien gewesen war. Cicero lobt diese Uneigennützigkeit; aber Rollin (Charles Rollin, 1661-1741, französischer Historiker, Verfasser einer Römischen Geschichte) (Römische Geschichte, Buch 16) sagt, dass Pompejus fortan nichts mehr gelungen sei, wegen der sakrilegischen Neugier, die er gehabt hatte, [801] in das Heiligtum des jüdischen Tempels einzudringen. Voltaire erwidert Rollin, dass Pompejus kaum wissen konnte, ob es verboten war, dort einzutreten; dass das Verbot für die Juden gelten konnte, und nicht für Pompejus; dass die Zimmerleute, die Tischler, die anderen Arbeiter dort hineingingen, wenn irgendeine Ausbesserung vorzunehmen war. Man könnte hinzufügen, dass es einst die Gegenwart der Lade war, die diesen Ort heilig machte, und dass diese göttliche Lade seit Nebukadnezar verloren war. Cäsar wäre ganz ebenso gut wie Pompejus in diese Stätte von dreißig Fuß Länge eingetreten und hätte gewiss dieselbe Neugier gehabt, hineinzuschauen. Wenn also Pompejus in der Schlacht bei Pharsalos von Cäsar besiegt wurde, so mag das daher gekommen sein, dass er in Jerusalem neugierig gewesen war; aber es gab ohne Zweifel auch andere Gründe für diese Niederlage, und das Genie Cäsars trug viel dazu bei. Man könnte noch bemerken, dass es ein weit größeres Sakrileg ist, zwölftausend Mann in einem Tempel abzuschlachten, als in eine Sakristei einzutreten, in der gar nichts war. (Voltaire, Abriss der jüdischen Geschichte.) Überdies ergriff Pompejus den Aristobulos und sandte ihn gefangen nach Rom. Außerdem befahl er im Laufe des Jahres 49 (v. Chr.) einem Nachfahren der Scipionen, seinem Unterfeldherrn in Syrien, den älteren Sohn des Aristobulos, der den Namen Alexander und den Titel eines Königs angenommen hatte, enthaupten zu lassen. Dieses Ereignis lässt vollends erkennen, welcher Art das Bündnis von Krone zu Krone war, das die Juden mit den Römern zu haben sich rühmten, und wie sehr man auf die Erzählungen der Geschichtsschreiber dieser Nation bauen kann. Um schließlich an dieses Tableau die letzte Hand zu legen und zu zeigen, von welcher Achtung das römische Reich für die Juden durchdrungen war, wird es genügen zu sagen, dass einige Jahre später (38) der Triumvir Marcus Antonius in Antiochia einen anderen jüdischen König, den zweiten Sohn des Aristobulos, namens Antigonos, zum Tod durch die Marter der Sklaven verurteilte; er ließ ihn peitschen und kreuzigen. Damals verlieh der Senat den Titel eines Königs dem Idumäer Herodes, dem Sohn des Antipater, des Prokurators von Judäa, und Herodes ehelichte Mariamne, die Tochter des Hyrkanos II., und regierte etwa vierzig Jahre unter dem Schutz Roms, wobei er seine hebräischen Untertanen unter seinem eisernen Zepter gebeugt hielt.
400. Ende der Theokratie: Regierung Herodes’ des Großen. So endet das Alte Testament. Unsere heutige Aufgabe [802] ist vollbracht. In einiger Zeit werden wir eine neue Ausgabe des Lebens Jesu veröffentlichen, das vor sechzehn Jahren erschien; unsere alte Amüsante Bibel, die damals dieser humoristischen Kritik des Neuen Testaments vorausging, war nur ein Spiel, eine Reihe von Scherzen, welche die zwerchfellerschütternden Zeichnungen unseres Freundes Frid’Rick begleiteten. Damals schien der Klerikalismus endgültig entmachtet zu sein, und es blieb uns nichts mehr übrig, als hinzugehen und das Lager der Besiegten zu erforschen, um aus eigener Anschauung zu erfahren und eines Tages sagen zu können, welchen Anteil man dem guten Glauben der letzten Verteidiger des Dogmas einräumen muss; wir wollten aus der Nähe sehen, ob der in Trümmer fallende Altar wirklich Priester zählt, die glauben, was ihre Kirche lehrt. Dank einer bis an die äußersten Grenzen getriebenen Mystifikation (Taxils vorgetäuschte Bekehrung, von 1885 bis 1897 durchgehalten, und der „Palladismus“, eine luziferische Freimaurerei, die er frei erfand und deren Täuschung er im April 1897 selbst aufdeckte) ist es uns gelungen, dieses merkwürdige Experiment anzustellen. Aber bevor wir dessen Ergebnisse veröffentlichen, ist es uns nötig erschienen — da die klerikale Partei den Kopf wieder erhebt —, dieses Album komischer Zeichnungen unseres ehemaligen Mitarbeiters wieder in die Hand zu nehmen und eine allgemeine, diesmal vollständige Kritik dieses Monuments verblödender Dummheit, das sich die Bibel nennt, neu zu schreiben. Sagen wir zum Schluss ein Wort, das unsere freidenkerischen Leser gewiss erstaunen wird, das aber der Ausdruck der Wahrheit ist, die unsere elfjährige persönliche Untersuchung festgestellt hat: So idiotisch die Bibel auch sein mag, es gibt Priester, und sogar intelligente Priester, die sie in gutem Glauben für wahr, für authentisch halten und deren Geist durch keine der phantastischsten Erzählungen der Fopper-Verfasser der Heiligen Schrift aus der Fassung gebracht wird; nicht nur glauben diese außerordentlichen Naiven, dass der Walfisch Jona geschluckt hat, sondern sie würden auch glauben, dass Jona den Walfisch geschluckt hat — wenn der göttliche Tauber es irgendeinem sogenannten Propheten diktiert hätte. Schlussfolgerung: Der religiöse Glaube ist eine Spielart des Wahnsinns. [803] KONKORDANZTAFEL
1. KAPITEL. Die Schöpfung und das irdische Paradies. 3. Erschaffung der Atmosphäre. 4. Erschaffung der Kontinente und der Meere. 5. Erschaffung der Bäume und der Pflanzen. 9. Der Mensch lässt die Tiere Revue passieren. 10. Der Mensch, König der Schöpfung. 12. Erster Schlaf des Menschen. 15. Eva, von der Schlange versucht. 16. Ungehorsam Adams und Evas. 17. Adam und Eva sind sich ihrer Nacktheit bewusst. 18. Adam und Eva verstecken sich beim Ruf Gottes. 19. Gott wirft Adam und Eva ihre Sünde vor. 20. Adam und Eva aus dem irdischen Paradies [804] vertrieben. 2. KAPITEL. Kurze Geschichte der ersten Menschen. 23. Ermordung Abels durch Kain. 24. « Kain, was hast du mit deinem Bruder getan? ». 25. Das Blut des Opfers erhebt sich gegen den Meuchelmörder. 26. Kain wird mit einem Zeichen der Verwerfung gezeichnet. 27. Henoch, ein alter Patriarch, wird in den Himmel entrückt. 28. Methusalah ist Vater mit hundertsiebenundachtzig Jahren. 3. KAPITEL. Die Engel im Konkubinat auf Erden. 29. Jehova erschafft Engel, um sich zu zerstreuen. 30. Luzifer, ein hochmütiger Engel, will den Platz Jehovas einnehmen. 31. Der Engel Michael vertreibt Luzifer aus dem Paradies. 32. Die Engel steigen auf die Erde herab. 4. KAPITEL. Allgemeine Ersäufung der Menschheit. 34. Projekt einer Sintflut und einer Arche. 36. Noah lässt ein Paar Tiere von jeder Art in die Arche gehen. 37. Die Schleusen des Himmels sind geöffnet. 38. Die Taube. Unruhe der Bewohner der Arche. 39. Die Arche bleibt auf dem Gipfel des Berges Ararat stehen. 40. Einweihung des Regenbogens. 41. Noah pflanzt den Weinstock und erfindet den Wein. 42. Trunkenheit des Patriarchen Noah. 43. Ham und Kanaan werden verflucht. 44. Die Wirkungen eines Fluches. 47. Die Verwirrung der [805] Sprachen. 5. KAPITEL. Glückliches Leben eines vielgeliebten Patriarchen. 48. Abraham sucht das Land Kanaan. 49. Opfer Abrahams in der Wüste. 50. Abraham stellt seine Frau dem König von Ägypten vor. 51. Der König von Ägypten überhäuft Abraham mit Geschenken. 52. Trennung Abrahams und Lots. 53. Abraham befreit den gefangenen Lot. 54. Rivalität Saras und Hagars. 55. Hagar und der junge Ismael von Sara vertrieben. 56. Gott setzt die Beschneidung ein. 57. Die Engel verkünden Sara, dass sie einen Sohn haben wird. 58. Lot beschützt die Engel vor den Einwohnern von Sodom. 60. Die Frau Lots wird in eine Salzstatue verwandelt. 62. Gott befiehlt Abraham, ihm seinen Sohn zu opfern. 6. KAPITEL. Eine der Vermehrung geweihte Familie. 65. Elieser bei Bethuel und Laban. 66. Elieser bringt Rebekka dem jungen Isaak heim. 67. Kindheit Esaus und Jakobs. 68. Esau tritt Jakob sein Erstgeburtsrecht ab. 69. Jakob lässt sich von Isaak segnen. 72. Jakob bittet Laban um die Hand seiner Tochter Rahel. 73. Jakob tritt bei Laban in Dienst. 75. Jakob bemerkt, dass es Lea ist, die ihm zur Ehe gegeben worden ist. 76. Jakob tritt ein zweites Mal wieder bei Laban in Dienst. 77. Jakob ehelicht endlich Rahel. 78. Abreise Jakobs; Bedauern Labans. 79. Versöhnung Esaus und Jakobs. 80. Jakob, von Gott gesegnet, hat eine zahlreiche Familie. 81. [806] Joseph hat schon von Jugend an die Gabe der Wahrsagung. 82. Joseph wird von seinen Brüdern in einen Brunnen gesteckt. 83. Ismaelitische Kaufleute bieten an, Joseph zu kaufen. 84. Joseph, aus dem Brunnen gezogen, wird verkauft. 85. Man macht Jakob glauben, dass Joseph tot ist. 86. Der verzweifelte Jakob zerreißt seine Kleider. 87. Joseph von Potiphar als Sklave gekauft. 89. Joseph des Attentats auf die Schamhaftigkeit der Mme Potiphar beschuldigt. 91. Joseph erklärt die Träume der Gefangenen. 93. Joseph sagt dem Pharao die Zukunft voraus. 94. Joseph als Premierminister verhindert die Hungersnot. 95. Joseph nimmt seine Brüder gut auf, Benjamins wegen. 96. Der in Benjamins Koffer versteckte Becher. 97. Benjamin und seine Brüder werden wegen Diebstahls verhaftet. 98. Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen. 99. Ankunft Jakobs in Ägypten. 100. Prächtiges Leichenbegängnis Jakobs. 7. KAPITEL. Mose und die vierzigjährige Reise. 101. Mühselige Arbeiten der Israeliten. 102. Edikt, das den Tod der männlichen Kinder befiehlt. 103. Mose auf dem Nil ausgesetzt. 104. Die Wiege Moses, von der Tochter des Königs gefunden. 105. Kindheit Moses am Hofe des Pharao. 107. Der Stab Moses in eine Schlange verwandelt. 108. Plagen Ägyptens: der Froschregen. 110. Die Israeliten erhalten das Recht, Ägypten zu verlassen. 111. Die Israeliten ziehen trockenen Fußes durch das Rote Meer. 112. Das ägyptische Heer wird verschluckt. 113. Marsch der Israeliten in der Wüste. 114. Der Himmel nährt das Volk Gottes. 115. Mose erlangt vom Himmel große Siege. 116. Erfindung des Priestertums: Aaron erster Priester. 119. Die Früchte des Gelobten Landes. 120. Mose setzt Josua zu seinem Nachfolger ein. 8. KAPITEL. Die Heldentaten Josuas und Gideons. 121. Josua zum Anführer der Hebräer ausgerufen. 122. Zwei Spione werden nach Jericho gesandt. 123. Die Polizei von Jericho bei Rahab. 124. Rahab schließt einen Pakt mit den beiden Spionen. 126. Erster Rundgang der Hebräer um Jericho. 127. Zweite Promenade mit Musik um Jericho. 128. Die Hebräer verzweifeln daran, die Stadt einzunehmen. 129. Die Mauern Jerichos stürzen endlich ein. 130. Gemetzel unter den Einwohnern Jerichos, Rahab ausgenommen. 131. Fünf Könige verschwören sich gegen die Hebräer. 132. Gott kämpft für sein Volk, indem er Steine auf das feindliche Heer regnen lässt. 134. Teilung des Landes Kanaan unter die zwölf Stämme. 136. Die Israeliten fangen an, die Götzen anzubeten. 137. Die geknechteten Israeliten bringen dem König Eglon den Tribut. 138. Ehud opfert den König Eglon hin. 139. Die Prophetin Debora ruft die Hebräer zur Freiheit auf. 140. Jael, von Gott inspiriert, tötet den General Sisera. 141. Die bösen Midianiter verfolgen die Kinder Israel. 142. Der junge Gideon fällt durch seine Muskelschwäche auf. 143. Ein Engel verwandelt Gideon in einen starken Mann. 144. Gott erklärt Gideon, dass er Absichten mit ihm hat. 145. Wunder des feuchten Vlieses. 146. Gideon wirft die Götzen um. 147. Die Engel bewaffnen Gideon. 148. Gideon versammelt die Israeliten und erklärt ihnen seinen Plan. 149. Die Midianiter werden in ihrem Lager überrascht. 150. Gideon lehnt das Königtum ab. 151. Abimelech schlachtet neunundsechzig seiner Brüder ab. 152. Brand des Turms zu Sichem. 9. KAPITEL. Die Richter Jephthah und Simson. 154. Das Gemetzel von Schiboleth. 155. Jephthah, Banditenanführer. 156. Jephthah hat eine ungeheure Zuneigung zu seiner Tochter. 157. Jephthah tut beim Aufbruch in den Krieg ein Gelübde. 158. Vollständige Zerquetscherei der Ammoniter. 159. Die Tochter Jephthahs kommt ihrem siegreichen Vater entgegen. 160. Jephthah opfert seine Tochter dem Ewigen. 161. Simson tötet als Kind einen Löwen. 162. Simson spießt dreißig Philister auf. 164. Die von den Philistern eingeschlossenen Israeliten machen Simson Vorwürfe. 165. Simson lässt sich den Philistern ausliefern. 167. Simson löscht seinen Durst. 168. Simson trägt die Tore von Gaza fort. 169. Delila und Simson machen Bekanntschaft. 170. Die Philister scheren Simson während seines Schlafes. 171. Man sticht Simson die Augen aus. 172. Simson dreht den Mühlstein. 173. Simson stirbt, indem er sich rächt. 10. KAPITEL. Süße Idylle der schönen Ruth. 176. Elend der Ruth beim Ährenlesen auf dem Feld des alten Boas. 177. Freundlichkeiten des Boas gegenüber Ruth. 178. Ratschläge Naemis an ihre Schwiegertochter. 180. Boas ehelicht Ruth mit großer Feierlichkeit. 11. KAPITEL. Geschichte Samuels vor dem Königtum 181. Der Haushalt des Bigamisten Elkana. 182. Die unfruchtbare Hanna konsultiert den Einsiedler von Ephraim. 183. [809] Aufbruch Elkanas nach Silo. 184. Hanna-die-Unfruchtbare fleht den Ewigen an. 185. Der Hohepriester Eli lässt Hanna zu, das Allerheiligste aus der Nähe zu sehen. 186. Hanna wird von den beiden Söhnen Elis zu ihrem Gatten zurückgeführt. 187. Zuneigung des Hohenpriesters für das Kind Hannas. 188. Samuel wird als Kind dem Herrn geheiligt. 189. Gottlosigkeit der beiden Söhne des Hohenpriesters. 190. Der junge Samuel, nachts von einer geheimnisvollen Stimme geweckt. 191. Samuel geht den Hohenpriester aufwecken. 193. Tod der Söhne Elis und Wegnahme der Lade. 194. Eli fällt von seinem Sitz bei der Nachricht vom Tod seiner Söhne. 195. Der Götze Dagons wird umgestürzt. 196. Wunderbare Rückkehr der Lade. 197. Zahlreiche Wohltaten Samuels. 12. KAPITEL. Saul, der erste König, und sein Nebenbuhler David 198. Samuel bietet Saul die Krone an. 199. Der Geist Gottes bemächtigt sich Sauls. 200. Feierliche Königsweihe Sauls. 201. Die Israeliten weinen über das Los der Einwohner von Jabes. 202. Saul ernennt Samuel zu seinem Premierminister. 203. Jabes wird von Saul errettet. 204. Samuel erklärt seinen Rücktritt. 205. Zeichen drohenden Unglücks. 206. Saul usurpiert die priesterlichen Funktionen. 207. Jonathan fällt unversehens über die Philister her. 208. Der ausgehungerte Jonathan stößt auf einen Bienenstock. 209. Jonathan kostet vom Honig. 210. Saul verurteilt seinen Sohn zum Tode. 212. Saul bringt die Amalekiter als Gefangene zurück. 213. Der König Agag wird verschont. 215. Samuel haut den König Agag in Stücke. 216. Samuel erklärt Saul für abgesetzt. 217. David, als Kind, wird von Samuel gekrönt. 218. David spielt die Harfe, um Saul zu zerstreuen. 219. Kampf Goliaths und Davids. 223. Jonathan versucht, Saul mit David zu versöhnen. 225. David entflieht aus Michals Haus. 226. Michal legt ein Männlein in das Bett ihres Gatten. 227. Schreckliche Rache Sauls. 229. David inmitten der Propheten. 230. Die Bogenschützen Sauls werden Propheten. 231. Saul fängt selbst zu weissagen an. 232. Trauriges Ende des Hohenpriesters Ahimelech. 233. Der schlafende Saul wird von David überrascht. 234. Saul stellt fest, dass David ihn verschont hat. 235. Versöhnung Sauls und Davids. 236. Nabal weigert sich, sich von David requirieren zu lassen. 237. Gott trifft Nabal mit dem Blitz; David ehelicht seine Witwe. 238. Heiliger Tod des Propheten Samuel. 239. Der Schatten Samuels erscheint Saul. 241. David beweint Saul und Jonathan. 242. Der jüngste der Söhne Sauls ruft sich zum König aus. 243. Tragischer Tod Isboseths. 244. David tanzt vor der Lade. 245. David, eine Beute des Dämons des Ehebruchs. 246. Verbrecherische Projekte des Königs. 247. Der wackere Hauptmann Uria wird geopfert. 248. David tröstet Bathseba, die Witwe Urias. 249. Wildheit Davids gegenüber den Ammonitern. 250. Amnon, Sohn des Königs, entehrt seine Schwester Thamar. 251. Absalom, ein anderer Sohn Davids, erfährt von Amnons Verbrechen. 252. Absalom rächt die Ehre Thamars. 255. Adonia und Salomo streiten sich um die Krone. 258. David erlangt die Vergebung Gottes. 259. Abisag dient dem König als Daunendecke. [811] 13. KAPITEL. Glorreiche Regierung S. M. Salomos. 260. Salomo bemächtigt sich des väterlichen Erbes. 261. Adonia, der älteste Sohn, beugt sich vor seinem gekrönten jüngeren Bruder. 262. Sehr baldiges Ende Adonias. 264. Salomo verstößt Abjathar. 266. Jehova gewährt dem Sohn Davids die Weisheit. 267. Berühmtes Urteil Salomos. 268. Salomo baut Jehova einen Tempel. 270. Große Feste für das Volk. 271. Gott belohnt den großen Erbauer Salomo. 272. Seemacht des jüdischen Königs: die Flotte Israels. 273. Die Königin von Saba gibt Salomo Rätsel auf. 274. Austausch königlicher Geschenke. 275. Salomo beginnt zu verfallen: schlechter Umgang. 276. Fortsetzung des königlichen Verfalls: zu viele Frauen. 277. Der Gipfel des Verfalls: Der König betet die Götzen an. 278. Gott spricht zum letzten Mal zu Salomo. 279. Der Aufrührer Jerobeam sucht Zuflucht in Ägypten. 280. Salomo schläft endlich für immer ein. 14. KAPITEL. Die zwei Königreiche: Israel und Juda. 281. Zu viel Popularität, oder die Flucht Rehabeams. 282. Jerobeam wird zum König von Israel ausgerufen. 283. Das Volk kniet vor den goldenen Kälbern nieder. 284. Der junge Abia, Sohn Jerobeams, ist krank. 285. Jerobeam schickt die Königin, Ahia zu konsultieren. 286. Die verkleidete Königin konsultiert Ahia, den Propheten. 287. Jerobeam ruht mit seinen Vätern. 288. Seinerseits gibt Rehabeam seine Seele Gott zurück. 289. Asa, König von Juda, setzt die Königinmutter Maacha ab. 290. Der tugendhafte Asa wird von Gott in seinem Alter geprüft. 291. Gott verkündigt Jehu, dass er gegen den König von Israel mit Strenge vorgehen wird. 292. Simri rottet den König Ela und seine Familie aus. 293. [812] Das Gemetzel erstreckt sich bis zu den Tieren Elas. 294. Tragisches Ende Simris, des Ausrotters. 295. Ahab, König von Israel, huldigt Baal. 296. Der Prophet Elia wird von den Raben ernährt. 297. Wunder Elias bei der Witwe von Sarepta. 298. Elia erweckt den Sohn der Witwe vom Tode, indem er sich auf ihn setzt. 299. Die Priester Baals herausgefordert, ein Wunder zu tun. 300. Jehova führt für Elia das Wunder aus, das Baal misslungen ist. 301. Die Priester Baals in den Wildbach Kison geworfen. 302. Elia empfängt von Isebel eine Botschaft voller Drohungen. 303. Elia erhält in der Wüste Beistand von einem Engel. 304. Der Prophet Elia macht sich auf den Weg zum Berg Horeb. 305. Der Berg Horeb gerät beim Nahen Gottes ins Tanzen. 306. Fortsetzung der Gemütsbewegungen Elias: Der Berg fängt Feuer. 307. Elia nimmt Elisa als Diener zu sich. 308. Fortsetzung der Irrfahrten des Propheten Elia. 309. Ahab besiegt das Heer Benhadads, des Königs von Syrien. 310. Benhadad rettet sein Leben, indem er sich in einem Kabinett versteckt. 311. Ahab schlägt Naboth vor, ihm seinen Weinberg abzukaufen. 312. Naboth, der sich geweigert hat, wird auf Befehl Isebels entleibt. 314. Leidiger Unfall, der Ahasja zustieß. 315. Ahasja geht, Baal-Sebub zu konsultieren. 316. Elia trifft die Soldaten Ahasjas mit dem Blitz. 317. Elia trennt die Wasser des Jordans mit Mantelschlägen. 318. Elias Abschied von seinem treuen Elisa. 319. Der in den Himmel entführte Elia wirft Elisa seinen Mantel zu. 320. Elisa wird seinerseits Prophet. 321. Die Gassenjungen von Bethel verspotten Elisa. 322. Die rächenden Bären des Propheten. 323. Elisa von der Sunamitin zum Diner eingeladen. 324. Die Sunamitin bestimmt ihren Ehemann, Elisa eine Kammer zu geben. 325. Elisa verkündet der Sunamitin, dass sie einen Sohn haben wird. 326. Erste Auflage des Wunders der Brotvermehrung. 327. Der wackere General Naeman, ein tapferer Mann, aber aussätzig. 328. Naeman wird durch das Wasser des Jordans geheilt. 329. Elisa weist die Geschenke des dankbaren Generals zurück. 330. Gehasi, der das Geld genommen hat, holt sich den Aussatz. 331. Verblüffendes Wunder der Axt. 332. Syrer mit Blindheit geschlagen. 333. [813] Der Hauptmann Jehu ruft sich zum König von Israel aus. 334. Joram und Ahasja, erste Opfer Jehus. 335. Koketterie der alten Königin Isebel. 336. Isebel wird von den Hunden verschlungen. 337. Athalja rottet das königliche Geschlecht von Juda aus. 338. Joas wird vom Hohenpriester Jojada heimlich aufgezogen. 339. Tod Athaljas, mit hundertsechs Jahren. 341. Ende des Königreichs Israel. 342. Der alte Tobias wird blind. 343. Tobias der Sohn und der Engel Raphael beim Fischen. 344. Sara, Tochter Raguels, siebenmal Witwe. 345. Tobias der Sohn heilt die Erblindung seines alten Vaters. 346. Tobias der Sohn ehelicht Sara und vertreibt den Teufel Asmodi. 347. Vorbildliche Frömmigkeit Hiskias, des Königs von Jerusalem. 348. Dem belagerten Hiskia kommt der Würgengel zu Hilfe. 349. Unangenehmes Ende des Propheten Jesaja. 350. Die Stadt Bethulia, des Wassers beraubt. 351. Die Witwe Judith stellt sich bei Holofernes vor. 352. Holofernes wird von Judith hingeopfert. 353. Fröhliche Befreiung Bethulias. 354. Der Prophet Jeremia, wehklagender Monologist. 355. Nebukadnezar zerstört den Tempel von Jerusalem. 15. KAPITEL. Während und nach der Gefangenschaft. 356. Wunder der drei jungen Hebräer im Feuerofen. 357. Traum Nebukadnezars, von Daniel gedeutet. 358. Der König Nebukadnezar, Vorläufer der Vegetarier. 359. Daniel in der Löwengrube. 361. Die keusche Susanna, im Bade überrascht. 362. Die beiden Greise lassen Susanna verurteilen. 363. Daniel überführt die beiden Greise der Verleumdung. 364. Hinrichtung der beiden verleumderischen Greise. 365. Daniel weist die Betrügerei der Priester des Bel nach. 366. Daniel vergiftet den Drachen der Babylonier. 367. Habakuk, an den Haaren getragen, gibt Daniel die Brühe. 368. Das aufs Brot gestrichene Kaka, Frühstück des Propheten Hesekiel. 369. Hesekiel erfindet eine neue Art des Umziehens. 370. Der Prophet Hesekiel erfindet die Polka der Totenknochen. 371. [814] Ahasveros verstößt Vasthi und ehelicht Esther. 372. Hochmut Hamans und schöne Haltung Mardochais. 373. Esther bittet Ahasveros, mit Haman bei ihr zu speisen. 374. Mardochai wird von Haman selbst im Triumph geführt. 375. Haman wird von der Königin angeklagt, ihren Tod gewollt zu haben. 376. Erhängung Hamans an dem Galgen, den er für Mardochai bestimmt hatte. 377. Hiob, ungeheuer reich, ist der glücklichste der Menschen. 378. Hiob wird mit einem Mal der ärmste Mann der Welt. 379. Unwandelbare Geduld Hiobs inmitten der Schmerzen. 380. Gott belohnt Hiob, indem er ihm seine Güter zurückgibt. 381. Jona, von Gott nach Ninive gesandt, verduftet nach Tharsis. 382. Sturm auf See über dem Schiff, auf dem Jona ist. 383. Jona, ins Wasser geworfen, wird von einem Walfisch geschluckt. 384. Traurige Betrachtungen des Jona im Innern des Walfisches. 385. Jona wird von dem Walfisch wieder ausgeworfen. 386. Predigt des Jona in Ninive. 387. Das Wunder des Kikajons in der Wüste. 388. Die Lektion, die Gott dem Jona erteilt. 389. Alexander und der Hohepriester Jaddua. 390. Errichtung des theokratischen Regiments. 391. Heliodor kommt, um vom Hohenpriester Onias Geld zu verlangen. 392. Schreckliche Hiebe auf die Hinterbacken, dem Heliodor von zwei Engeln erteilt. 393. Der Hohepriester Onias legt Fürbitte für Heliodor ein. 394. Marter der sieben Makkabäer und ihrer Mutter. 395. Der Levit Mattathias gibt das Signal zur Empörung. 396. Großer Sieg des Judas Makkabäus, seines Sohnes. 397. Wie ein Elefant dem Eleasar Makkabäus zum Verhängnis wurde. 398. Simon Makkabäus wird von seinem Schwiegersohn Ptolemäus gemeuchelt. 399. Schiedsgericht des Pompejus zwischen den letzten Makkabäern. 400. Ende der Theokratie: Regierung Herodes’ des Großen. Kleines Glossar der Wörter TaxilsDiese Wörter Taxils kehren im ganzen Buch immer wieder. Die meisten sind ins Deutsche übertragen, und alle sind hier gesammelt, damit der Leser das Französische dahinter sieht; im Text erklärt eine Anmerkung jedes dort, wo es zum ersten Mal vorkommt, und danach nur noch dort, wo es einen besonderen Sinn hat. papa Bon Dieu — Der Name, den Taxil Jehova im ganzen Buch gibt, im Text „Papa Lieber Gott“: ein gutmütiger Vater, mit dem man vertraulich redet, nicht der Gott der Theologen. le divin pigeon, le pigeon-canard — Der Heilige Geist, den die christliche Kunst als Taube darstellt; Taxil macht aus ihm einen „pigeon“, die gewöhnliche Taube des Hofes und der Straße, nicht die „colombe“ der Kirchenbilder: im Text „der göttliche Tauber“. Da „canard“, die Ente, genau wie im Deutschen auch eine Falschmeldung bedeutet, macht er aus ihm außerdem einen „pigeon-canard“, und das Wortspiel bleibt im Text erhalten: „die Tauber-Ente“. fumiste, fumisterie — Der „fumiste“, von „fumée“, Rauch, setzt und reinigt die Öfen. Im Vaudeville „La Famille du fumiste“ von 1840 mystifiziert ein reich gewordener Ofensetzer alle Welt und sagt jedes Mal „c’est une farce de fumiste“, „das ist eine Ofensetzerposse“; seither bezeichnet das Wort auch den Mystifikator, der dabei ernst bleibt, im Text „Fopper“. Eine „fumisterie“ ist eine solche Mystifikation, im Text „Fopperei“. Taxil gibt sich selbst diesen Namen und gibt ihn Jehova, dem Heiligen Geist und den Verfassern der Bibel. Alphonse — Ein ausgehaltener Mann, ein Zuhälter; schon 1866 bei Delvau verzeichnet und populär geworden durch „Monsieur Alphonse“, die Komödie von Dumas dem Jüngeren aus dem Jahr 1873, deren Held vom Geld seiner Geliebten lebt; im Text unverändert „Alphonse“. Es ist der Titel, den Taxil gewöhnlich Abraham gibt. avoir la berlue — Umgangssprachlich: sehen, was nicht da ist, die Dinge verkehrt sehen; die „berlue“ ist ursprünglich eine Sehstörung, bei der man nicht vorhandene Dinge sieht; im Text „das Augenflimmern haben“. battre à plate couture — Vollständig besiegen; eigentlich legt der Schneider die Nähte um und klopft sie flach; im Text Wort für Wort „auf flache Naht schlagen“. blague, blagueur — Eine „blague“ ist eine erfundene und mit ernster Miene erzählte Geschichte, im Text „Flunkerei“; der „blagueur“ ist, wer solche Geschichten erzählt, im Text „Flunkerer“. bocage, les prophètes des bocages — Ein „bocage“ ist ein Wäldchen. Es ist das Wort der Bibel Ostervalds dort, wo vom Kult der Göttin Aschera die Rede ist, und „les prophètes des bocages“ sind ihre Propheten; im Text „Haine“ und „die Propheten der Haine“. boulotter — Umgangssprachlich: essen; im Text „futtern“. le bout de l’oreille — „Montrer le bout de l’oreille“, die Ohrenspitze zeigen, heißt sich unfreiwillig verraten, wie der Esel in der Löwenhaut bei La Fontaine, den eine Ohrenspitze verrät; daraus macht Taxil „la bévue du bout de l’oreille“, den Schnitzer, der den Verfasser verrät; im Text „die Ohrenspitze“. caboche — Umgangssprachlich: der Kopf; im Text „Schädel“. casser sa pipe — Umgangssprachlich: sterben; im Text Wort für Wort „seine Pfeife zerbrechen“. ce n’est rien de le dire — Eine umgangssprachliche Beteuerungsformel: das ist noch viel zu wenig gesagt; im Text „es zu sagen, ist gar nichts“. Charenton — Die Irrenanstalt von Charenton bei Paris, deren Name im Französischen für das Irrenhaus schlechthin stand; im Text unverändert „Charenton“. chiper — Umgangssprachlich: kleine Dinge stehlen; im Text „stibitzen“. co-beau-père — Abgeleitet von „beau-père“, Schwiegervater: Joram, der Sohn Josaphats, hatte Athalja, die Tochter Ahabs, geheiratet, sodass jeder der beiden Könige der Schwiegervater des Kindes des anderen war; im Text „Mit-Schwiegervater“. cocu, cocufier — Umgangssprachlich: der „cocu“ ist der von seiner Frau betrogene Ehemann, und einen Mann „cocufier“ heißt, ihn dazu machen; im Altfranzösischen hieß „cocu“ auch der Kuckuck; im Text „Hahnrei“ und „zum Hahnrei machen“. cornichon — Die kleine Essiggurke und zum Spott der Dummkopf; im Text „Cornichon“, wie auch das Deutsche die Gurke nennt; als Schimpfwort ist es nur französisch. craque — Von „craquer“, krachen, das auch prahlen, lügen hieß: eine kühne Lüge, als Wahrheit vorgetragen; im Text „Schwindel“. crever les yeux — Umgangssprachlich: ins Auge springen, ganz offensichtlich sein; Taxil gebraucht es zuerst gleich nach der Blendung Simsons; im Text Wort für Wort „die Augen ausstechen“. dame — Ein Ausruf, der eine Antwort bekräftigt: freilich! Die Académie française sieht darin eine Kürzung von „Notre-Dame“, Unsere Liebe Frau, Littré das alte „dame Dieu“, Herr Gott; zu Taxils Zeit war es wohl kein Fluch mehr; im Text „Freilich!“. dans les grands prix — Eine umgangssprachliche Wendung der Zeit, welche die Argot-Wörterbücher anführen, ohne sie zu erklären; nach ihren Beispielen („il est plumé dans les grands prix“, vom Tölpel, der bis aufs Hemd gerupft wird) bedeutet sie: im großen Stil, im höchsten Grad; „prix“ ist dabei der Preis, den man zahlt, nicht die Auszeichnung; im Text „in den großen Preisen“. dos-vert — Der Zuhälter im Pariser Argot, im Text „Grünrücken“: der Zuhälter hieß „maquereau“, Makrele, und die Makrele hat einen grünen Rücken. écoper — Mit der Schöpfkelle das Wasser aus einem Boot schöpfen, die nasseste Arbeit an Bord: daher wohl derjenige sein, der die Strafe abbekommt; im Text „büßen“. écrabouillade — Ein Substantiv, abgeleitet von „écrabouiller“, umgangssprachlich: zu Brei zerquetschen; die Wörterbücher verzeichnen es nicht. Bei Taxil: eine Niederlage, die alles zermalmt; im Text „Zerquetscherei“. épater — Umgangssprachlich, wörtlich „die Pfote brechen“, zu Boden werfen: sprachlos machen; im Text „verblüffen“, und „épatant“, „épatamment“ sind dort „verblüffend“. excusez du peu — Ein ironischer Ausruf angesichts von etwas Übermäßigem, als entschuldigte man sich, dass es so wenig sei; im Text „Entschuldigen Sie das Wenige!“. ficelle — Argot: ein schlauer, durchtriebener Mensch, der alle Fäden kennt (die verborgenen Mittel, nach den Fäden, die eine Marionette bewegen); „avoir l’air ficelle“, gerissen aussehen. Im Text „Bindfaden“. gaga — Der Greis, der in die Kindheit zurückgefallen ist; das Wort ahmt sein Lallen nach, „ga-ga“; im Text unverändert „gaga“. gober, se gober — „Gober“ heißt ganz hinunterschlucken; umgangssprachlich heißt jemanden „gober“, in ihn vernarrt sein, und „se gober“, wörtlich sich selbst hinunterschlucken, sich viel auf sich einbilden; im Text „vernarrt sein“ und „sich selbst hinunterschlingen“. hommesse — Das Wort der Bibel Ostervalds in Genesis 2:23: eine weibliche Form von „homme“, Mann, so wie der hebräische Text „ischscha“, Frau, von „isch“, Mann, ableitet; im Text „Männin“. je t’en fiche — Ein umgangssprachlicher Ausruf: keine Rede davon!, gesagt wie ein spöttisches Angebot; „ficher“ ist der abgeschwächte Ersatz für das derbe „foutre“; im Text „ich geb dir davon!“. kikajon — Ein hebräisches Wort, das die Bibel Ostervalds in Jona 4:6-10 unübersetzt lässt: die Pflanze, die Gott wachsen lässt, um Jona Schatten zu geben; andere Bibeln übersetzen „Rizinus“ oder „Kürbis“; im Text unverändert „Kikajon“. parbleu, palsambleu, jarnidieu, sapristi — Bei Gott zu schwören wurde als Blasphemie bestraft; man änderte das Wort und behielt den Fluch: „bleu“, blau, steht an der Stelle von „Dieu“, Gott („parbleu“, bei Gott; „palsambleu“, beim Blut Gottes), „jarni“ verschluckt „je renie“, ich verleugne, und „sapristi“ ist wie „sacristi“ ein entstelltes „sacré“, heilig. Die ersten drei sind Wort für Wort übersetzt, damit der Leser sieht, wie jeder Fluch gebaut ist: „beim Blauen!“, „beim Blut des Blauen!“, „ich verleugne Gott!“. Taxils „sapristi“ bleibt im Text „Sapristi!“, denn das Deutsche hat das Wort aus dem Französischen übernommen; heute ist es veraltet. loufoc, maboulisme — „Loufoc“ (meist „loufoque“ geschrieben), im Text „übergeschnappt“, ist „fou“, verrückt, im Largonji verkleidet, dem Pariser Argot, der den ersten Buchstaben des Wortes ans Ende wirft und ein l an seine Stelle setzt — „fou“ gibt „louf“ — und dann eine Endung anhängt, die gut klingt. „Maboulisme“, im Text „Meschuggismus“, ist gebildet aus „maboul“, verrückt, einem soldatischen Argot-Wort aus Algerien, vom arabischen „mahbûl“, hirnlos. marmouset — Eine groteske kleine Figur: das Wort der Bibel Ostervalds in 1 Samuel 19:13 für die „Teraphim“, die Michal in Davids Bett legt; im Text „Männlein“. mazette — Zuerst ein schlechtes Pferd, dann ein ungeschickter Spieler; als Ausruf, im Text „Alle Achtung!“: das Staunen über das Ungewöhnliche. messire — Ein alter Ehrentitel der Herren und der Standespersonen; Taxil gibt ihn spöttisch Adam, Jehova und Satan; im Text unverändert „Messire“. mettre en capilotade — Die „capilotade“, nach dem spanischen „capirotada“, ist ein Ragout aus klein gehackten Fleischresten; „mettre en capilotade“ heißt in Stücke schlagen, grün und blau prügeln; im Text „zu Resteragout machen“. moutard — Umgangssprachlich: ein kleines Kind, mit liebevoller Grobheit gesagt; im Text „Balg“. muid — Ein altes französisches Hohlmaß, je nach Gegend und Ware verschieden: in Paris 268 Liter Wein, aber fast 1.900 Liter Weizen; im Text unverändert „muid“. n, i, ni, fini — Eine umgangssprachliche Formel, gewöhnlich „n, i, ni, c’est fini“: es ist aus, reden wir nicht mehr davon; man buchstabiert „ni“, damit es sich auf „fini“, fertig, reimt; im Text unverändert. nom d’une pipe — Ein umgangssprachlicher Fluch: „Nom de Dieu !“, Name Gottes!, abgemildert durch eine Pfeife an der Stelle Gottes, damit keine Gotteslästerung ausgesprochen wird; im Text Wort für Wort „Name einer Pfeife!“. normand — Übertragen: listig und ausweichend, weder ja noch nein sagend, nach dem Ruf der Normannen („une réponse de Normand“, eine Normannenantwort); im Text „normannisch“, „Normanne“. palladiste — Anhänger des Palladismus, der luziferischen Freimaurerei, die Taxil selbst erfunden hatte; im Text „Palladist“. pékin — Soldatisches Argot: der Zivilist, wer keine Uniform trägt, mit der Verachtung des Soldaten gesagt; im Text „Zivilist“. perdre la carte — Umgangssprachlich: in Verwirrung geraten, den Kopf verlieren, nicht mehr wissen, was man sagt und tut; im Text „die Karte verlieren“. pied de nez — Wörtlich „ein Fuß Nase“: die spöttische Geste, die eine verlängerte Nase nachahmt, die Hand gespreizt, der Daumen an der Nase; im Text „fußlange Nase“. piquer dans la marmite — Nach 1 Samuel 2:12-17: die Söhne Elis, Priester, nahmen für sich alles, was die Gabel aus dem Opferkessel hervorzog; Taxil kommt darauf zurück, wenn Priester sich an den Opfergaben bedienen; im Text „in den Kochtopf stechen“. Polichinelle — Der bucklige Spaßmacher der neapolitanischen Posse und die Marionette, die ihn darstellt. „Le secret de Polichinelle“ ist ein Geheimnis, das jeder kennt; „avoir un polichinelle dans le tiroir“, einen Polichinelle in der Schublade haben, heißt schwanger sein; im Text unverändert „Polichinelle“. pour le quart d’heure — Eine veraltete Wendung: für den Augenblick; im Text „für die Viertelstunde“. prendre la poudre d’escampette — Umgangssprachlich: Reißaus nehmen; „escampette“ ist eine Verkleinerung des alten „escampe“, Flucht, von „escamper“, ausreißen; im Text „Ausreißpulver nehmen“. à la queue-leu-leu — Einer hinter dem anderen, im Gänsemarsch, wie die Wölfe ziehen, sagt Littré; „leu“ ist die pikardische Form von „loup“, Wolf. Die Wendung benennt auch ein Kinderspiel, bei dem jeder den Rockschoß des Vordermanns hält, wie die blinden Syrer, die Elisa nach Samaria führt; im Text „hintereinander wie die Wölfe“. ramolli — Wörtlich „erweicht“, und so steht es im Text: der Greis, dessen Gehirn weich geworden ist, der den Verstand verliert. rendre des points — Jemandem weit überlegen sein; beim Spiel gibt der Stärkere dem Schwächeren Punkte vor, einen Vorsprung; im Text „Punkte vorgeben“. rigoler, rigolo — Umgangssprachlich: lachen, sich amüsieren; ein altes Verb, das schon im Mittelalter „sich vergnügen“ bedeutete. Taxil gebraucht das Verb nur einmal, in „rigolait comme une tourte“, im Text „lachte wie eine Torte“; das Adjektiv „rigolo“, weiblich „rigolotte“, lustig, steht dreimal, im Text „ulkig“. sacré — Nach dem Substantiv heißt „sacré“ heilig; davor ist es auch ein umgangssprachlicher Fluch, verdammt. Taxil spielt mit beiden Bedeutungen: „un sacré Jéhovah“, „la sacrée Bible“, „la sacrée boîte“, die Lade; im Text „heilig“. saint-frusquin — Der „frusquin“ war das Bündel und das Geld des Armen; „saint“, heilig, kam zum Spott hinzu, als wären diese Lumpen Reliquien: alles, was man besitzt; im Text „der heilige Plunder“. se mettre le doigt dans l’œil — Umgangssprachlich: sich gründlich täuschen; Taxil setzt auch den Messias an die Stelle des Fingers („se sont fourré… leur Messie dans l’œil“); im Text „sich den Finger ins Auge stecken“. se payer la tête de quelqu’un — Umgangssprachlich: sich über jemanden lustig machen, sich auf seine Kosten belustigen; im Text Wort für Wort „sich jemandes Kopf leisten“. sieur — Ein alter Titel, der in Urkunden und vor Gericht geblieben war („le sieur X“); Taxil gibt ihn spöttisch den Männern der Bibel, wie er ihren Frauen „Mme“ gibt; im Text „Herr“. sou, pour deux sous — Der „sou“, eine kleine Münze, war fünf Centimes wert, der zwanzigste Teil des Franken; „pas méchant pour deux sous“ heißt: nicht im Geringsten böse; im Text unverändert „sou“: „nicht böse für zwei sous“. tailler une bavette — Umgangssprachlich: lange plaudern; die „bavette“ ist das Lätzchen der kleinen Kinder, und das Wort ist verwandt mit „baver“, sabbern, das im Altfranzösischen auch schwatzen hieß; im Text „ein Lätzchen zuschneiden“. taper dans l’œil — Umgangssprachlich: auf den ersten Blick gefallen; im Text „ins Auge schlagen“. Tartarin, Tarascon — Tartarin ist der aufschneiderische Held aus Alphonse Daudets Roman von 1872, und Tarascon seine Stadt: in Frankreich heißt „aus Tarascon sein“ so viel wie maßlos übertreiben; im Text bleiben beide Namen unverändert. tirer l’échelle — Umgangssprachlich: „après cela, il faut tirer l’échelle“, danach muss man die Leiter wegziehen: Fügen wir nichts mehr hinzu, niemand kann es besser machen; nach Littré hat, wer hinaufgestiegen ist, die Arbeit getan, und keiner braucht ihm nachzusteigen; auch ironisch gesagt. Im Text „die Leiter wegziehen“. tirer l’échelle — Fügen wir nichts mehr hinzu, niemand kann es besser machen; nach Littré hat, wer hinaufgestiegen ist, die Arbeit getan, und keiner braucht ihm nachzusteigen. Im Text „die Leiter wegziehen“. tohu-bohu — Das hebräische „tohu wa-bohu“ von Genesis 1:2, bei Luther „wüst und leer“: das Chaos vor der Schöpfung und, umgangssprachlich, ein großes Durcheinander, deutsch „Tohuwabohu“; im Text unverändert „tohu-bohu“. toupet — Das Haarbüschel über der Stirn und, übertragen, dreiste Selbstsicherheit: „avoir du toupet“, wörtlich „Schopf haben“, heißt unverfroren sein; im Text „Frechheit“. trac — Umgangssprachlich: die plötzliche Angst, besonders jene, die den Schauspieler im Augenblick seines Auftritts packt; im Text „Bange“. Taxils zwei andere Wörter für die Angst, „frousse“ und „venette“, sind im Text „Bammel“ und „Schreck“. trou-de-balle — Derb: der After; im Text „Arschloch“. truc — Umgangssprachlich: eine List; im Theater und auf dem Jahrmarkt das verborgene Verfahren, das die Wirkung hervorbringt; im Text „Kniff“. tuile — Der Dachziegel und, übertragen, umgangssprachlich: ein plötzliches, unvorhergesehenes Unglück; im Text „Dachziegel“. veine, veinard — Die „veine“ ist die Erzader des Bergmanns und daher eine Glückssträhne, im Text „Dusel“; der „veinard“ ist der Mann, der Glück hat, mit ein wenig Neid gesagt, im Text „Glückspilz“. verge — Der Stab, die Gerte (Aarons Rute) und, in der Anatomie, das männliche Glied; Voltaire, den Taxil zitiert, spielt mit beiden Bedeutungen beim Zepter Judas (Genesis 49:10); im Text „Rute“, das ebenfalls beides bezeichnen kann. zut — Ein Ausruf des Ärgers oder der Weigerung, im Text „Verflixt!“, gesagt an Stelle eines derben Fluchs; das Wort selbst nennt nichts Heiliges. Über diese AusgabeDie in diesem Buch zitierten Bibelstellen werden nicht immer Wort für Wort mit Ihrer deutschen Bibel übereinstimmen. Taxil zitierte meist die Bibel Ostervalds, die französische protestantische Genfer Bibel in der Revision von Jean-Frédéric Ostervald (1744), und änderte ihren Wortlaut hier und da um der komischen Wirkung willen; anderswo folgte er eher der Übersetzung, die Voltaire in La Bible enfin expliquée (1776) gibt. Diese Übersetzung folgt seinem Französisch, wie er es geschrieben hat, statt den Wortlaut einer deutschen Bibel einzusetzen. Kapitel und Vers führen Sie dennoch zur richtigen Stelle, aber der Wortlaut wird oft von dem der Lutherbibel oder jeder anderen deutschen Bibel abweichen, und häufig ist es gerade dieser Unterschied, auf dem der Scherz beruht. Wo es wichtig ist, weist eine Anmerkung des Herausgebers darauf hin. Einige der Bücher, die er zitiert, stehen nicht in den protestantischen Bibeln: Tobit, Judit, die Weisheit, die beiden Bücher der Makkabäer sowie die Kapitel 13 und 14 des Buches Daniel, die Geschichten von Susanna und von Bel und dem Drachen. Die protestantischen Bibeln, die Bibel Ostervalds eingeschlossen, lassen diese Bücher weg oder reihen sie, wie die Lutherbibel, unter die Apokryphen ein; für diese Bücher folgt Taxil der Kapitel- und Verszählung der katholischen Bibeln, zitiert Tobit aber mit den Worten der Apokryphen Ostervalds. Konventionen dieser Ausgabe: Die Bibelzitate stehen kursiv zwischen Guillemets « » (die Ausgabe von 1904 setzt sie aufrecht); die Wörter, die Taxil kursiv setzt, sind unterstrichen, damit sie von den Zitaten unterschieden bleiben; die Anmerkungen des Herausgebers, farbig und in Klammern, sind Zusätze von 2026 und gehören nicht zum Text von 1904, ebenso wenig wie das Kapitel Über Léo Taxil, das Glossar und das vorliegende Kapitel; die Wörter, die eine Anmerkung erklärt, sind leicht getönt hinterlegt, damit Taxils Text seine eigene Farbe behält. In einer Anmerkung bedeutet „fr.“ „französisch“ und leitet Taxils eigene französische Wörter ein. Die Konkordanztafel vor dem Glossar verweist auf jede Illustration. Das Werk Léo Taxils (1854-1907) und die Zeichnungen Frid’Ricks sind gemeinfrei. Quellen des Kapitels Über Léo Taxil. Dokumente der Zeit: Taxils Confessions d’un ex-libre-penseur (1887) und sein Vorwort zu La France maçonnique (1888); Le Diable au XIXe siècle (1892-1895); die Enzyklika Humanum Genus (1884) im Text des Vatikans; sein Geständnis vom 19. April 1897, wie Le Frondeur vom 25. April 1897 es druckte, in der vollständigen englischen Übersetzung von Alain Bernheim, A. William Samii und Eric Serejski (Heredom, Bd. 5, 1997), nachgedruckt von der Großloge von Britisch-Kolumbien und Yukon; Arthur Edward Waite, Devil-Worship in France (1896); William Vogt, La Grande Duperie du siècle (1904); und Taxils im National Magazine (Boston, 1906) zitiertes Geständnis. Studien: Robert Rossi, Léo Taxil (1854-1907), du journalisme anticlérical à la mystification transcendante (Marseille, 2015), die maßgebliche Biographie; Eugen Weber, Satan franc-maçon. La mystification de Léo Taxil (Paris, 1964); Massimo Introvigne, Enquête sur le satanisme (Paris, 1997); Élisabeth Ripoll, „Léo Taxil ou le feuilleton de l’anticléricalisme“ (1997); Fabrice Hervieu, „Catholiques contre francs-maçons : l’affaire Léo Taxil“, L’Histoire Nr. 145 (1991); und Michel Petheram, „Diana Unveiled: A Hoax against the Church“ (Free Inquiry, 2025). Die sowjetischen Ausgaben sind im Atheistischen Wörterbuch (Moskau, 1985) und im Katalog der Nationalbibliothek von Moskau verzeichnet. Die meisten dieser Quellen werden in den französischen und englischen Wikipedia-Artikeln über Taxil zitiert und im russischen Artikel über La Bible amusante, der die sowjetischen Ausgaben aufführt. Die Anmerkungen zu den Wörtern und Redewendungen folgen den Wörterbüchern von Taxils Jahrhundert: Littré, dem Grand dictionnaire universel von Larousse und, für das Pariser Argot, dem Dictionnaire de la langue verte von Delvau. Wo die Herkunft eines Wortes umstritten ist, sagt die Anmerkung das, statt zu entscheiden. Die Zahlen in eckigen Klammern, wie [5], sind die Seitenzahlen der Ausgabe von 1904: jede markiert die Stelle, an der die Seite beginnt, und steht in der Übersetzung möglichst an derselben Stelle des Satzes. |